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Paratyphus

Als Paratyphus bezeichnet man ein abgeschwächtes Krankheitsbild des Typhus, bei dem der Erreger nicht Salmonella typhi, sondern Salmonella paratyphi (Serotyp A, B, oder C) ist. A und C kommen überwiegend in wärmeren Klimazonen vor, während B weltweit verbreitet ist. Paratyphus ist eine generalisierte Infektion. Die Erkrankung ist meldepflichtig. Der Kälberparatyphus wird durch Salmonella enteritidis ausgelöst.

Pathogenese

Der Erreger wird von Erkrankten mit dem Stuhl ausgeschieden. Die Ansteckung erfolgt oral meist durch verunreinigte Nahrungsmittel, aber auch durch Trinkwasser oder Schmierinfektion. Die Inkubationszeit beträgt 1-2 Wochen.

Symptome

Die Krankheitserscheinung sind ähnlich wie beim Typhus:

  • Mattigkeit, Kopfschmerzen
  • Typischer Hautausschlag (Roseolen) im Brust- und Bauchbereich
  • Treppenförmiger Fieberanstieg
  • Nach etwa acht Tagen anhaltend hohes Fieber (40 bis 41 °C), manchmal wochenlang.
  • Komplikationen: Bewusstseinsstörungen, Milzschwellung, Durchfall, Darmdurchbrüche, Haarausfall, Knocheneiterungen, Hirnhautentzündung
  • Stufenweises Absinken des Fiebers mit langer Rekonvaleszenz

Diagnose

Die Diagnostik erfolgt in der ersten und zweiten Krankheitswoche über eine Blutkultur, ab der zweiten Woche sind die Erreger im Stuhl nachweisbar. Es kommt zu einem deutlichen Anstieg von Antikörpern.

Therapie

Eine Gabe von Antibiotika ist für einen Zeitraum von zwei Wochen erforderlich. Zur Kontrolle des Therapieerfolgs wird der Stuhl auf Salmonellen untersucht. Einige Patienten entwickeln sich zu Dauerausscheidern.

Meldepflicht

Paratyphus muss bei Verdacht, Erkrankung oder Tod dem zuständigen Gesundheitsamt gemeldet werden. Auch Dauerausscheider sind meldepflichtig.

Literatur

  • Typhus abdominalis, Paratyphus - RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten – Merkblätter für Ärzte. Stand 05/2007

 

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Stuhlzwang

Stuhlzwang (Tenesmus ani oder alvi), das schmerzhafte Drängen zum Stuhl, wobei aber nur geringe Kotmassen entleert werden, oder welches auch gänzlich erfolglos bleibt. Der Stuhlzwang beruht auf krampfhafter Zusammenziehung der Muskulatur des Dickdarms und des Afterschließmuskels und ist konstantes Symptom der Dickdarmentzündungen bei Katarrhen, namentlich des Mastdarms, bei Reizungen durch Würmer und vornehmlich bei Ruhr, Typhus etc. Außerdem kann er bei der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa auftreten. Der Stuhlzwang hört mit erfolgtem Stuhl auf, oder dauert noch eine Weile fort. Er kann ein äußerst quälendes Symptom darstellen.

Andere Tenesmus-Form:

Tenesmus vesicae (Blasendauerschmerz)

 

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Elektrolyt

Als Elektrolyt (von gr. ἤλεκτρον elektron, „Bernstein“ i. ü. S. „elektrisch“ und λυτικός lytikós, „auflösbar“) bezeichnet man eine chemische Verbindung, die im festen, flüssigen oder gelösten Zustand in Ionen dissoziiert ist[1]. Beim Anlegen einer Spannung leitet das Elektrolyt unter dem Einfluss des dabei entstehenden elektrischen Feldes elektrischen Strom (Leiter 2. Klasse), wobei seine elektrische Leitfähigkeit und der Ladungstransport durch die gerichtete Bewegung von Ionen bewirkt wird. Außerdem treten an den mit ihm in Verbindung stehenden Elektroden chemische Vorgänge auf. Elektrolyte sind wie ionisierte Gase Ionenleiter. Die Leitfähigkeit von Elektrolyten ist geringer, als es für Metalle typisch ist; Metalle werden deshalb als Leiter der 1. Klasse bezeichnet.

Einteilung

Elektrolyte sind im weitesten Sinne Stoffe, die zumindest teilweise als Ionen vorliegen. Man unterscheidet dabei

  • gelöste Elektrolyte
    • starke Elektrolyte, die vollständig in Ionen gespalten werden, wenn sie gelöst werden, wie zum Beispiel Kochsalz.
    • schwache Elektrolyte, die nur zum Teil in Lösung dissoziieren, wie z. B. Essigsäure.

Zur Leitfähigkeit von gelösten Elektrolyten siehe Elektrolytische Leitfähigkeit.

  • Festkörper
    • Ein echter Elektrolyt ist ein Stoff, der im festen Aggregatzustand aus Ionenkristallen besteht und in Schmelze oder Lösung, in besonderen Fällen auch als Feststoff (siehe Abschnitt Festkörper), den elektrischen Strom leitet.
      • Beispiele:
      • NaCl(s) → Na+(aq) + Cl−(aq)
      • NaOH(s) → Na+(aq) + OH−(aq)
    • Bei einem potentiellen Elektrolyt dagegen entstehen die Ionen erst durch die Reaktion mit dem Lösungsmittel.
      • Beispiel:
      • HCl(g) + H2O → Cl−(aq) + H3O+

Die wichtigsten Elektrolyte sind demzufolge entweder Säuren, Basen oder Salze.

Flüssigkeiten

Elektrolyte im Sinne von Ionenleitern erfordern bewegliche Ionen. Daher sind alle Flüssigkeiten, die Ionen enthalten, Elektrolyte. Flüssige Elektrolyte sind sowohl die Salzschmelzen und die ionischen Flüssigkeiten als auch alle flüssigen Lösungen von Ionen. Salzschmelzen und ionische Flüssigkeiten bestehen im Regelfall nur aus Ionen, sie können aber gelöste Moleküle enthalten. Bei wässrigen oder organischen Elektrolytlösungen ist es umgekehrt: Hier besteht das Lösungsmittel aus Molekülen, und die Ionen sind darin aufgelöst. Die Herstellung einer Elektrolytlösung kann dabei im bloßen Auflösen von schon vorhandenen Ionen bestehen, oder in einer chemischen Reaktion, bei der Ionen entstehen, beispielsweise einer Säure-Base-Reaktion wie bei der Auflösung von Molekülen wie Chlorwasserstoff oder Ammoniak in Wasser.

Festkörper

Auch Festkörper können bewegliche Ionen enthalten. Gerade bei hohen Temperaturen werden beispielsweise in aus Ionen bestehenden Festkörpern Ionen beweglich. Es gibt aber auch feste Elektrolyte, die bei Raumtemperatur verwendet werden können, oder bei nur wenig erhöhten Temperaturen. Dazu gehören auch die in manchen Brennstoffzellen verwendeten Polymerelektrolyt-Membranen. Sie bestehen aus einem Kunststoffgerüst, das ionische Seitengruppen enthält. Wichtige Ionenleiter sind beispielsweise manche Natriumaluminate. Neben der Anwendung in Brennstoffzellen sind Festelektrolyte auch in Sensoren wichtig, etwa der Lambdasonde, die einen Elektrolyt enthalten, der Sauerstoffionen leitet (z. B. YSZ, yttria stabilized zirconia, eine Mischung von Zirkoniumdioxid ZrO2 und Yttriumoxid Y2O3). Auch die um 1900 als Glühlampe gebräuchliche Nernstlampe verwendete solche Festelektrolyte.

Biologische Elektrolyte

Die wichtigsten Ionen biologischer Elektrolyte sind Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium, Chlorid, Phosphat und Hydrogencarbonat. Sie sind im Cytosol enthalten, und für die Funktion der Zellen unentbehrlich. Noch weitere Ionen sind als Spurenelemente für die Zelle notwendig, doch sind die genannten Ionen besonders bedeutend im Hinblick auf das Elektrolytgleichgewicht der Zelle, da sie bei der Regulierung des osmotischen Drucks eine herausragende Rolle spielen.

Physiologie

Alle höheren Lebensformen halten ein subtiles und komplexes Elektrolytgleichgewicht zwischen ihrem intrazellulären (in ihren Zellen) und extrazellulären (außerhalb oder zwischen ihren Zellen) Milieu aufrecht. Insbesondere ist die Aufrechterhaltung genauer osmotischer Gradienten wichtig. Diese Gradienten beeinflussen und regulieren den Wasserhaushalt des Körpers und den pH-Wert des Blutes. Auch für die Funktion von Nerven- oder Muskelzellen spielen Elektrolyte eine zentrale Rolle. Die Regelung der Elektrolytkonzentration in der Zelle erfolgt mit Hilfe von Ionenkanälen.

Das Elektrolytgleichgewicht wird aufrechterhalten durch die orale Zufuhr und intestinale Absorption elektrolythaltiger Nahrung und Substanzen und wird reguliert durch Hormone. Ein Überschuss wird im allgemeinen über die Niere ausgeschieden. Beim Menschen wird die Homöostase (Selbstregulation) der Salze durch Hormone wie Antidiuretisches Hormon (ADH), Aldosteron und Parathormon (PTH) gesteuert.

Ursachen für Störungen des Elektrolythaushaltes können Elektrolytverluste (bspw. durch Durchfall, Erbrechen) oder Störungen endokriner Drüsen sein. Schwerwiegende Elektrolytstörungen können zu Herzrhythmusstörungen und Nervenschäden führen und sind meistens medizinische Notfälle.

Gemessen werden die Elektrolyte über Blut- und Urintests. Die Deutung dieser Werte ist ohne Betrachtung der Anamnese schwierig und ohne die gleichzeitige Untersuchung der Nierenfunktion oft unmöglich. Die am häufigsten untersuchten Elektrolyte sind Natrium und Kalium. Der Chloridspiegel wird selten gemessen, da er mit dem Natriumspiegel zusammenhängt.

Elektrolythaltige Getränke mit Natrium- und Kaliumsalzen werden benutzt, um Elektrolyte nach Dehydratation nachzufüllen. Verursacht wird dieser Flüssigkeits- und damit Elektrolytverlust durch starkes Schwitzen (körperliche Arbeit), Durchfall, Erbrechen, übermäßigen Alkoholgenuss oder Unterernährung. Reines destilliertes Wasser ist nicht hilfreich, da es den Körperzellen Salze entzieht und deren chemische Funktionen beeinträchtigt. Dieses kann zu Hyperhydration führen.

Sportgetränke enthalten neben den Elektrolyten große Mengen Kohlenhydrate (z. B. Glukose) als Energiespender. Durch den hohen Zuckeranteil sind sie nicht auf Dauer für Kinder geeignet. Auch erwachsenen Dauernutzern ist Vorbeugung gegen Zahnkaries empfohlen.

Die frei verkäuflichen Getränke sind gewöhnlich isotonisch, das heißt deren Osmolarität liegt nahe der des Blutes. Hypotonische (niedrigere Osmolarität) und Hypertonische (höhere Osmolarität) Getränke sind verfügbar für Leistungssportler, abhängig von deren besonderen Ernährungsbedürfnissen.

Elektrolyt- und Sportgetränke können auch selbst hergestellt werden durch die richtigen Anteile an Zucker, Salz und Wasser.

Elektrochemische Anwendungen

Eine wichtige Anwendung von Elektrolyten ist der Gebrauch bei der Elektrolyse einschließlich der Galvanik. Elektrolyte sind auch notwendige Bestandteile von Batterien, Akkumulatoren und Elektrolytkondensatoren. Zur Herkunft des von Michael Faraday geprägten Begriffes Elektrolyt siehe auch „Faradaysche Gesetze“, zur Bedeutung der Elektrolytkonzentration siehe auch Nernst-Gleichung.

Literatur

  • Prof. Dr. Carl H. Hamann, Prof. Dr. Wolf Vielstich: Elektrochemie I: Elektrolytische Leitfähigkeit, Potentiale, Phasengrenzen. 2.. Auflage. VCH Verlagsgesellschaft mbH, Oldenburg und Bonn 1985, ISBN 3-527-21100-4.

Einzelnachweise

  1. ↑ Prof. Dr. Carl H. Hamann, Prof. Dr. Wolf Vielstich: Elektrochemie I: Elektrolytische Leitfähigkeit, Potentiale, Phasengrenzen, 2. Auflage VCH Verlagsgesellschaft mbH, Oldenburg, Bonn 1985, S. 4.

 

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Hämatochezie

Hämatochezie (auch Blutstuhl oder Rektalblutung) bezeichnet eine Form der gastrointestinalen Blutung mit dem Auftreten frischen Blutes im Stuhl. Von der Hämatochezie zu unterscheiden ist die Ausscheidung von bereits in der Farbe verändertem Blut beim Teerstuhl (Meläna).

Ursachen

Der Ursprung der Blutung liegt normalerweise im unteren Gastrointestinaltrakt. Eine massive Blutung im oberen Gastrointestinaltrakt, z. B. eine Magenblutung, kann allerdings ebenfalls zu Blutstuhl führen, so dass bezüglich der Höhe der Blutungsquelle der körperliche Zustand des Patienten das wichtigste differentialdiagnostische Zeichen ist. Es gibt viele Gründe für das Auftreten von frischem Blut im Stuhl.

Häufige Ursache für einen Blutangang aus dem After sind Hämorrhoiden. Aber auch Analfissuren, feine Einrisse am After können zu Blutungen führen.

Weitere mögliche Ursachen sind:

  • Magen-/Dünndarmgeschwür
  • Erosionen im Magen
  • Ösophagus- und Varizenblutungen mit anderen Lokalisationen, z. B. im Magenfundus
  • Mallory-Weiss-Blutung
  • Polypen
  • Krebs im Dickdarm und Rektum
  • Entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn
  • Divertikulitis
  • Invaginationen
  • Infektionen und Entzündungen des Darmes aus anderer Ursache (Kolitis)
  • Meckel-Divertikel
  • Angiodysplasien
  • Antikoagulationsbehandlung, eine hämorrhagische Diathese und die Urämie.
  • Ischämische Enterokolitis
  • Kolonkarzinom
  • Pseudomembranöse Kolitis
  • Infektionskrankheiten
  • Milzbrand
  • Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC)
  • Shigellenruhr
  • Amöbenruhr
  • Nach Verzehr der Heckenkirsche
  • Cholera (Brechdurchfall)

Diagnose

Die dem Blutstuhl zugrundeliegende Erkrankung bedarf der weiteren Abklärung. Nach der Befragung und allgemeinen Untersuchung des Patienten wird zunächst eine Ösophagogastroduodenoskopie (Magenspiegelung) durchgeführt, da 80-90% der Blutungen ihre Lokalisation im oberen Verdauungstrakt haben. Wenn die Ursache der Blutung mittels Magenspiegelung nicht gefunden werden kann, wird nach Durchführung einer Rektaluntersuchung eine Koloskopie (Darmspiegelung) durchgeführt. Bleibt auch die Untersuchung ergebnislos, können je nach den bisherigen Befunden weitere Untersuchungen zielführend sein: Kontrasteinlauf, Szintigrafie, Angiografie.

Eine sichere Aussage über die Lokalisation der Blutung kann anhand des Aussehens des Stuhles nicht getroffen werden. Als grob orientierende Faustregel gilt zwar, dass je weiter oral (mundwärts gelegen) die Blutungsquelle liegt, der Stuhl tendenziell eher schwarz erscheint (sogenannte Meläna), während aboral (analwärts gelegene) Blutungsquellen tendenziell eher roten Blutabgang (sogenannte Hämatochezie) verursachen. Andererseits ist es jedoch so, dass große Blutungen im oberen Gastrointestinaltrakt auch zu Hämatochezie führen können, und distale Blutungsquellen durch Fermentation von Darmbakterien auch zu Meläna führen können.

Therapie

Die Behandlung von Rektalbluten ist von Fall zu Fall unterschiedlich und erfolgt nach der Ursache der Blutung. Bei einer Blutung im oberen Gastrointestinaltrakt (Speiseröhre, Magen, Duodenum) kann endoskopisch während der Magenspiegelung zum Beispiel (je nach zugrunde liegender Ursache) eine Unterspritzung mit vasokonstriktorischen Substanzen, das Aufsetzen eines Clips, eine APC-Laserkoagulation, eine Sklerosierung oder Ligatur erfolgen. Medikamentös kann man versuchen, in einer schwerwiegenden Notfallsituation mit Terlipressin oder Sandostatin die Blutung zur Stillung bringen. Bei Versagen der oben genannten Optionen besteht des Weiteren bei lebensbedrohlicher Blutung im oberen Gastrointestinaltrakt die Möglichkeit einer Ballontamponade (Sengstaken-Sonde oder Linton-Nachlas-Sonde).

Ist die Lokalisation der Blutung im unteren Gastrointestinaltrakt gelegen, kann eine entsprechende Therapie erfolgen. Sind Hämorrhoiden die Ursache der Hämatochezie, kommen diverse Therapiemöglichkeiten in Betracht.

 

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Perforation

Als Perforation (auch Perforierung, vom lat. foramen = Loch) bezeichnet man eine Durchlochung von Hohlkörpern oder flachen Gegenständen. Regelmäßige Anordnung, Menge, Form und Größe der Löcher spielen besonders in der Technik eine Rolle.

Fotografie und Film

Im Kontext von Film und Fotografie bezeichnet man als Perforation die regelmäßige Lochung von fotografischen Filmen und Kinofilm zum Zwecke von Transport und Positionierung.

Beim Schmalfilm entfällt auf die Höhe jedes Einzelbildes ein Perforationsloch, bei Kleinbildfilm sind es auf die Breite jedes Bildes acht.

Die Perforation von Rollfilm nutzte erstmals Dickson für seinen Kinematographen von 1893, wobei er längs halbierten 70-mm-Film horizontal im Apparat durchlaufen ließ. Auch die Brüder Lumière setzten eine Perforiermaschine für ihren 35-mm-Film ein, sie ließen ihn jedoch vertikal durch den Apparat laufen.

In der Fotografie nutzte erstmals Oskar Barnack Kinefilm im Jahr 1914 für die Entwicklung der Ur-Leica, die dann als erste moderne Kleinbildkamera ab 1924 vermarktet wurde.

Philatelie

In der Philatelie bezeichnet Perforation das Zähnen oder Durchstechen eines Briefmarkenbogens zur leichteren Trennung der einzelnen Postwertzeichen. (Vergleiche auch Briefmarkentrennung).

Medizin

In der Medizin bezeichnet Perforation den Durchbruch oder die Durchstoßung eines Gewebes oder Hohlorgans wie Magen und Darm (Darmperforation). Eine Perforation eines Bauchorgans führt in der Regel zur Bauchfellentzündung mit der Symptomatik eines Akuten Abdomens. Viele der Ursachen und Folgen sind dort aufgeführt.

Holzschutz

Bei der chemischen Druckimprägnierung besteht das Problem, dass unser wichtigstes Bauholz, das Fichtenholz, sich nur sehr schlecht imprägnieren lässt. Die geringen Eindringtiefen von meist nur wenigen Millimetern reichen für einen wirksamen Schutz von Holzbauteilen in der Regel nicht aus. Um die Imprägnierbarkeit von Fichtenholz zu verbessern, wurde die Perforation schon seit den 50er des vorigen Jahrhunderts eingesetzt. Diese Methode besteht darin, in verhältnismäßig engem Raster Schlitze oder Löcher in der Holzoberfläche anzubringen, das heißt, das Holz bis zu einer gewünschten Tiefe zu „perforieren“. Die Perforation des Holzes erhöht die Aufnahme des Holzschutzmittels.

Druck

Schlitz- und Lochstanzung in Papier oder Karton zum Abtrennen eines Blattes oder Blattteiles. Herzustellen in Perforiermaschinen, in Endlosdruckmaschinen oder in Buchdruckmaschinen (z. B. Heidelberger Tiegel oder Zylinder), teilweise auch in Offsetdruckmaschinen indem man die Perforationslinien auf den Gegendruckzylinder klebt und das Gummituch als Gegenform verwendet. Eine Perforation wird in Zähnen/Inch gemessen.

 

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Darmperforation

Eine Darmperforation ist ein Loch oder ein Riss in der Wand des Darmes. Durch diesen bricht Darminhalt hindurch (es sei denn, der Darm ist anlässlich einer Darmkoloskopie leer und der Patient isst und trinkt nichts, bis die Perforation verschlossen wurde).

Oft wird dieser Durchbruch durch ein Megacolon hervorgerufen; daneben gibt es viele weitere Gründe, die dazu führen können, wie Verletzungen, eine Blinddarmentzündung, Geschwüre und auch gewisse Sexpraktiken.

Als Folge der Perforation fließt Darminhalt direkt in die Bauchhöhle, durch seinen Keimgehalt entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit eine Bauchfellentzündung.[1] Das Leben des Patienten ist dann nur durch eine möglichst baldige Notoperation zu retten.

Quelle

↑ Niemand H. G., e.a.: Praktikum der Hundeklinik, Georg Thieme Verlag, 2006, S.243ff., ISBN 383044141X, hier online

 

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Peritonitis

Die Peritonitis ist eine Entzündung des Bauchfells (Peritoneum). Ist die Peritonitis örtlich begrenzt, spricht man von einer lokalen Peritonitis. Betrifft sie das gesamte Peritoneum, handelt es sich um eine diffuse (generalisierte) Peritonitis. Nach der Ursache unterscheidet man außerdem die primäre von der sekundären Peritonitis.

Eine Pseudoperitonitis, auch Scheinperitonitis oder Abdominalsyndrom genannt, tritt häufig im Krankheitsverlauf des diabetischen Komas, der akuten intermittierenden Porphyrie oder der Addison-Krise auf. Die Ursache ist weitestgehend ungeklärt.

Symptome, Befund und Diagnostik

Eine lokale Peritonitis verursacht einen starken, aber örtlich begrenzten Bauchschmerz (z. B. akute Appendizitis).

Charakteristisch für eine diffuse Peritonitis ist neben starken Bauchschmerzen eine zunehmende Abwehrspannung der gesamten Bauchmuskulatur, die sich bis zum brettharten Bauch steigern kann.

Die Peritonitis ist nur selten eine eigenständige Erkrankung, sondern ein Leit-Symptom. Die akute generalisierte Peritonitis äußert sich in einem akuten Abdomen mit paralytischem Ileus. Außerdem werden die Bauchbeschwerden aus unterschiedlichen Ursachen von Allgemeinbeschwerden begleitet. Diese können von Fieber, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen bis zur Schocksymptomatik ausgeprägt sein.

Ursachen

Die häufigste Ursache der Peritonitis ist auch heute noch die akute Appendizitis. Die hierbei freigesetzten Keime sind meist Escherichia coli, Enterokokken, seltener Salmonellen, Strepto- oder Staphylokokken. Die Gallenkolik wird von vielen Patienten immer noch als lästiges Symptom ihres bekannten Gallensteinleidens hingenommen, dabei ist die akute Cholezystitis heute der häufigste Grund für eine Oberbauch-Peritonitis. Differentialdiagnostisch muss bei diesem Krankheitsbild auch an eine akute Entzündung der Bauchspeicheldrüse gedacht werden.

Die Perforation eines Zwölffingerdarmgeschwürs ist durch die Behandlung dieser Erkrankung (Helicobacter-Eradikation) eher selten geworden.

Die Divertikulitis ist, nach der Appendizitis, zur zweithäufigsten Ursache einer Unterbauch-Peritonitis aufgerückt. Auch schwere Entzündungen der inneren Geschlechtsorgane der Frau (eitrige Eileiterentzündung) können dieses Krankheitsbild auslösen.

Eine Peritonitis kann auch infolge eines unbehandelten Darmverschlusses entweder aufgrund des Keimaustritts aus der dünnen, mechanisch geschädigten Serosa (Durchwanderungsperitonitis) oder aufgrund der Ruptur des aufgestauten Darmes eintreten. Eine Durchwanderungsperitonitis kann auch Folge der Nekrose des Darms beim Mesenterialinfarkt sein.

Weitere Ursachen einer Peritonitis können perforierende Darmverletzungen infolge von Fremdkörpern oder perforierende Bauchverletzungen (Stich- und Schussverletzungen) sein. Darüber hinaus kann das in Mitteleuropa seltene Familiäre Mittelmeerfieber u.a eine Peritonitis hervorrufen.

Die Peritonitis tritt außerdem als häufigste Komplikation der Bauchfelldialyse auf. Auch unter aseptischen Bedingungen kommt es circa einmal in 16 bis 24 Behandlungsmonaten zu einer Peritonitis[1]. Diese kann durch unsteriles Arbeiten am Peritonealkatheter, eine Leckage am Katheter, unsterile Spüllösung oder einen Infekt am Katheteraustritt verursacht sein.

Die Peritonealkarzinose wird im klinischen Sprachgebrauch auch als Peritonitis carcinomatosa bezeichnet: Die ausgedehnte Tumoraussaat auf das Bauchfell führt hier zu einer nicht bakteriellen entzündlichen Reaktion, oft mit ausgeprägter Aszitesbildung.

Differenzialdiagnose

Einige Erkrankungen können klinisch eine Peritonitis vortäuschen.

Die Vorstufe des Mesenterialinfarkts, die so genannte Angina abdominalis führt häufig zum Bild des akuten Abdomens, ohne dass eine Peritonitis vorliegt.

Das beginnende ketoazidotische Koma beim (meist jungen) Diabetiker kann ebenfalls eine akute Peritonitis vortäuschen (Pseudoperitonitis diabetica).

Klinische Symptome

Bei einer lokalen Peritonitis (z. B. akute, nicht perforierte Appendizitis) findet sich in der Regel ein lokaler Druckschmerz der Bauchdecke, eventuell zusätzlich ein Loslassschmerz und eine lokale Abwehrspannung, hinzu kann ein durch Anspannung bestimmter Muskeln ausgelöster Schmerz (Psoas-Dehnungsschmerz) kommen; Spontanschmerz kann fehlen („So im Liegen tut mir gar nichts weh.“). Der Allgemeinzustand ist oft nur gering beeinträchtigt, Fieber kann vorliegen, aber auch fehlen. Die Darmgeräusche sind allenfalls gering vermindert.

Bei der generalisierten Peritonitis wirkt der Patient bereits auf den ersten Blick schwer krank (Facies hippocratica). Das Gesicht wirkt eingefallen, grau, die Atmung ist flach, der Puls beschleunigt, der Blutdruck niedrig, manchmal aber auch stark erhöht. Die Beine werden im Liegen angezogen. Die Bauchdecke ist stark angespannt („bretthartes Abdomen“), jede Berührung, selbst leichtes Klopfen, bereitet starke Schmerzen. Darmgeräusche sind kaum bis gar nicht hörbar. Meist besteht hohes Fieber. Dieses Krankheitsbild wird auch unter dem Begriff Akutes Abdomen zusammengefasst.

Bei sehr alten, hinfälligen Patienten kann ein großer Teil dieser Symptome fehlen, beispielsweise durch verkümmerte (atrophe) Bauchmuskulatur, die keine Anspannung mehr leisten kann.

Bei der Bauchfelldialyse fällt neben Bauchschmerzen als erstes Symptom die Trübung des Dialysats auf, die durch die erhöhte Leukozytenzahl verursacht wird. Außerdem kann die Ultrafiltrationsmenge deutlich abnehmen, so dass zusätzlich noch eine Überwässerung droht.

Diagnostik

Laborchemische und apparative diagnostische Methoden helfen bei der Diagnosestellung und geben oft auch Hinweise auf den Grund der Peritonitis. Im weiteren beschränkt sich die Aufstellung auf die akute, generalisierte Peritonitis.

Laborchemische Untersuchungen

Im frühen Stadium der akuten Peritonitis sind vor allem die zwei wichtigsten Entzündungsparameter auffällig: Im Blutbild findet sich eine deutliche Erhöhung der Leukozytenzahl, das CRP ist ebenfalls stark erhöht. Die BSG (Blutsenkung) ist ebenfalls stark beschleunigt, im Bereich der Chirurgie wird dieser Parameter wegen seiner geringen Spezifität mittlerweile allerdings nicht mehr routinemäßig genutzt.

Im fortgeschrittenen Stadium findet man laborchemisch weitere pathologische Befunde: Veränderungen der Gerinnungsparameter (Abfall der Thrombozytenzahl, Erhöhung der Fibrinogenkonzentration, Verlust von Prothrombin und Thromboplastin) sind Zeichen einer Verbrauchskoagulopathie; Verschlechterung der Nierenfunktionswerte (Anstieg von Harnstoff und Kreatinin im Blut), der Leberwerte (Anstieg der Transaminasen, Abfall der Cholinesterase) und Abfall des Hämoglobinwertes sind Anzeichen für ein beginnendes Multiorganversagen.

Sonografie

Die Ultraschalluntersuchung des Bauches erbringt meist freie Flüssigkeit und/oder freie Luft in der Bauchhöhle. Sichtbar wird hierbei auch die verminderte Motilität (Eigenbewegung) des Darmes. In vielen Fällen gelingt es mit der Sonografie die Ursache der Peritonitis (Gallenblasenperforation, Dickdarmileus mit Perforation, Pankreatitis etc.) einzugrenzen.

Röntgenuntersuchung

Die radiologische Untersuchung des Bauches – meist eine einfache Leeraufnahme des Abdomens ohne Kontrastmittel im Stehen oder in Linksseitenlage kann freie Luft (als Zeichen einer Hohlorganperforation) und/oder das Vorliegen eines Darmstillstandes zeigen. Eine Computertomografie oder Magnetresonanztomographie kann zusätzlich Hinweise auf die Ursache der Peritonitis geben.

Therapie

Operative Behandlung

Die Therapie der akuten Peritonitis ist immer operativ. Der Zeitpunkt der Operation wird so früh wie irgend möglich angesetzt, da das Krankheitsbild meist einen rasch progredienten, oft sogar foudroyanten Verlauf nimmt. Die Grundprinzipien der chirurgischen Therapie sind:

  • Elimination des Entzündungsherdes, also definitive operative Behandlung der Grunderkrankung oder Verletzung
  • Entfernung von Nekrosen, Eiter und Fibrinbelägen (Debridement und Peritoneallavage)
  • Vollständige Sekretableitung aus allen Bereichen der Bauchhöhle (Drainage)

Als operative Therapie der Grunderkrankung kommen – je nach Ursache der Peritonitis – in Frage: Die Appendektomie, die Cholezystektomie, die Sigmaresektion oder entsprechende Resektion anderer Darmabschnitte, die Exzision und Übernähung eines perforierten Ulcus duodeni und einige andere. Im Rahmen einer Peritonitis wird einer notwendigen Anastomose in aller Regel ein Enterostoma („künstlicher Darmausgang“) vorgeschaltet, da die Gefahr einer Anastomoseninsuffizienz in entzündlich veränderter Umgebung immer deutlich erhöht ist. Das Enterostoma verhindert durch Gasbildung entstehenden Druck auf die Anastomose und schützt im Falle einer Insuffizienz die Bauchhöhle vor dem Austreten von Darminhalt.

Je nach Zeitpunkt der ersten Intervention finden sich Nekrosen z. B. des großen Netzes, des Mesenteriums oder anderer Gewebe. Diese müssen so vollständig wie möglich entfernt werden (Debridement), da sie ein idealer Nährboden für Bakterien sind, durch die die Entzündung aufrechterhalten wird. Auch der meist in großen Mengen vorhandene eitrige Aszites muss durch Spülung mit physiologischer Kochsalzlösung oder Ringerlösung vollständig entfernt werden (Lavage). Abschließend wird die Bauchhöhle mit einer antiseptischen Lösung, meist Taurolidin, gespült.

Da das entzündete Peritoneum auch nach der Operation noch reichlich Exsudat produziert, welches ebenfalls ein guter Nährboden für Keime ist, wird dieses durch großlumige Drainagen aus allen vier Quadranten der Bauchhöhle abgeleitet.

Intensivmedizinische Begleittherapie

Da die akute eitrige Peritonitis ein schweres septisches Krankheitsbild mit entsprechend vielfältigen Komplikationen (s. u.) darstellt, erfolgt die postoperative Behandlung immer auf der Intensivstation.

Oft wird der Patient so lange nachbeatmet, bis der klinische Zustand und die laborchemischen Untersuchungsergebnisse eine eindeutige Besserung zeigen. Die Nachbeatmung erleichtert die erforderliche hochdosierte Analgesie, da auf atemdepressive Nebenwirkungen der eingesetzten Analgetika, meist Opiate und Opioide wie Fentanyl oder Hydromorphon, die intravenös mittels Spritzenpumpe verabreicht werden, keine Rücksicht genommen werden muss. Außerdem unterstützt die optimale Oxygenierung (Sauerstoffanreicherung) des Blutes den Organismus bei der körpereigenen Infektabwehr, die unter Hypoxie deutlich reduziert ist.

Die systemische Therapie erfolgt durch hochdosierte Gabe einer geeigneten Kombination von Breitspektrum-Antibiotika und Antimykotika (z. B. Piperacillin+Metronidazol+Fluconazol), die der Resistenzlage der vorgefundenen Keime angepasst werden.

Prognose

Je nach Ausprägung und Begleiterkrankungen reicht die Sterblichkeit (Letalität) von nahezu 0% bis über 50%. Zur Abschätzung der Letalität steht der Mannheimer Peritonitis-Index zur Verfügung.

Peritonitis bei Tieren

Häufige Ursachen für eine Peritonitis bei Tieren sind Verletzungen der Bauchwand, Rupturen der Gallenblase durch stumpfe Traumen (Pferdetritt) oder schwere Erkrankungen der Gallenblase (biliäre Peritonitis), die Darmwand perforierende Fremdkörper oder Tumore, Verletzungen und Rupturen der Gebärmutter bei der Geburt oder nach einer Pyometra, Rupturen der Harnblase und Verletzungen des Mastdarms bei unsachgemäßer rektaler Untersuchung. Bei Katzen gibt es mit der FIP eine Virusinfektion, die sich vor allem als Bauchfellentzündung manifestiert. Bei Rindern sind vor allem in den Netzmagen perforierende Fremdkörper Ursache für eine Peritonitis.

Klinisches Bild, Diagnostik und Behandlung entsprechen weitgehend der Peritonitis des Menschen, lediglich für die FIP gibt es keine Behandlung.

Literatur

  • R.W. Nelson und C.G. Couto: Innere Medizin der Kleintiere. Elsevier Urban & Fischer. ISBN 3-437-57040-4

Einzelnachweise

  1. ↑ Dialyse für Pflegeberufe, Hrsg. Hans E. Franz, Thieme, 1996; S. 175

 

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Darmverschluss

Der Ileus (latinisierte Form des griechischen ειλεός, ileós, von altgriechisch εἰλέιν eilein, „einschließen“, „zusammendrängen“) oder Darmverschluss ist eine Unterbrechung der Darmpassage. Als lebensbedrohliches Krankheitsbild bedarf er im Allgemeinen einer sofortigen Krankenhauseinweisung und oft einer chirurgischen Intervention.

Im Englischen wird oft der mechanische Ileus als obstruction und nur der paralytische Ileus als ileus bezeichnet.

Einteilung

Es sind verschiedene Einteilungen möglich.

Zunächst unterscheidet man der Ursache nach den mechanischen vom funktionellen Ileus. Letzterer beinhaltet den sehr seltenen spastischen (bei Bleivergiftung) und den häufigen paralytischen Ileus.

Beim mechanischen Ileus ist die Darmpassage von außen her oder von innen (vom Darmlumen gesehen) behindert. Zusätzlich kann eine ungenügende Blutversorgung der Darmwand (Inkarzeration) eintreten, besonders beim eingeklemmten Bruch, beim Strangulationsileus oder beim Volvulus.

Ein paralytischer Ileus hingegen zeigt gleich primär eine Lähmung der glatten Muskulatur, die für den Transport des Darminhalts verantwortlich ist. Es kommt zum Stillstand der Peristaltik.

Wenn im Fortgang eines mechanischen Ileus eine Darmparalyse hinzutritt, vorübergehend also die Form des mechanischen und des paralytischen Ileus zugleich anzutreffen sind, wird fachsprachlich auch der Begriff gemischter Ileus gebraucht. Das Endstadium eines unbehandelten mechanischen Ileus mündet regelhaft in den paralytischen Ileus.

Vom paralytischen Ileus, wie beispielsweise bei einer Bauchfellentzündung, lässt sich noch der vaskuläre Ileus trennen. Auch er äußert sich über eine Lähmung. Ursächlich liegt aber ein Verschluss der Darm versorgenden Blutgefäße vor (durch Embolie oder Thrombose bei struktureller Gefäßverengung).

Weiterhin unterteilt man nach dem Darmabschnitt, in dem der Verschluss auftritt, in Dünndarmileus und Dickdarmileus.

Eine weitere Unterteilung richtet sich nach dem Alter des Patienten: Man unterscheidet einen Ileus beim Neugeborenen (meist ein mechanischer Ileus, hervorgerufen durch den zähen Neugeborenenstuhl, auch Mekoniumileus genannt, der ein typisches Symptom der Mukoviszidose ist), einen Ileus beim Kind und einen Ileus beim Erwachsenen.

Die Unterscheidung in Ileus und Subileus (Vorstufe des Ileus) richtet sich nach der Schwere des Aufstaus und der Symptomatik. Die Grenze zwischen den beiden Formen ist unscharf und nicht klar definiert, aber sie trennt aus pragmatischen Gründen beim mechanischen Ileus die Gruppe mit Indikation zur Operation von einer Gruppe mit konservativem Behandlungsversuch.

Ursachen

Ursachen des mechanischen Ileus

Ursachen für einen mechanischen Ileus können sein:

  • mechanische Verstopfung (Obturation) durch:
    • Mekonium (Mekoneumileus siehe oben) oder Kotballen
    • einen Fremdkörper im Darm
    • einen großen Gallenstein. Ein derartiger Stein gelangt immer nur über eine entzündliche Fistel zwischen Gallenblase und Darmwand in das Darmlumen und kann den seltenen Gallensteinileus verursachen.
  • eine gewachsene oder entzündliche Verengung (Obstruktion) durch
    • Darmtumor
    • Morbus Crohn mit Darmstenose
  • Verlegung, Abklemmung (Strangulation)
    • Ein Verwachsungsstrang (Bride) klemmt den Darm zu, führt zum Bridenileus
    • verklebte Abknickung des Darms (Adhäsionsileus)
    • Ein eingeklemmter Eingeweidebruch (Inkarzeration, siehe dort)
    • Eine Verdrehung des Darmes (Volvulus) schnürt das Lumen zu und die Blutversorgung ab
    • Eine Einstülpung (Invagination) eines Darmteils in einen anderen führt sowohl zur Verlegung, Einengung als auch zur Abklemmung der Blutversorgung des Darms

Ursachen des paralytischen Ileus

  • Entzündung in der Bauchhöhle (Peritonitis) oder von der Bauchhöhle benachbarten Räumen oder Organen
    • bei Darmperforation
    • als Komplikation nach chirurgischen Eingriffen in der Bauchhöhle (postoperativer paralytischer Ileus)
    • Durchwanderungsperitonitis: Jeder unbehandelte mechanische Ileus wird nach gewisser Zeit zum paralytischen Ileus (gemischter Ileus)
    • bei Pankreatitis
  • Vergiftungen
    • bei Urämie
    • Opiat-Intoxikation
  • Durchblutungs-/Versorgungsstörungen des Darms
    • bei akuter Durchblutungsstörung des Darms
    • beim Mesenterialinfarkt
    • bei schwerer Hypokaliämie
  • reflektorisch
    • Kolik eines Bauchorgans auch außerhalb der Bauchhöhle, Nierenkolik

Symptome

Die Symptome eines Darmverschlusses sind krampfartige Bauchschmerzen, ein aufgeblähter Bauch (Meteorismus), Erbrechen von Magen- und Darminhalt bis hin zum Koterbrechen (Miserere), Wind- und Stuhlverhalt. Auskultatorisch ist bei einem frühen mechanischen Ileus eine verstärkte Darmtätigkeit zu hören, während im Falle eines primär paralytischen und ebenso beim fortgeschrittenen mechanischen Ileus deutlich weniger und schließlich keine Darmgeräusche mehr zu hören sind (traditionell so genannte „Grabesstille“). Im späten Stadium treten die Symptome der Peritonitis hinzu, weil Keime die Darmwand durchwandern. Gleichzeitig kommt es zu einer massiven Elektrolyt- und Wasserverschiebung in und um den Darm. Bakteriengiftstoffe und die Flüssigkeitsverschiebungen können zum Kreislauf- und Multiorganversagen führen. In seinen Auswirkungen auf den ganzen Körper spricht man von der Ileuskrankheit.

Diagnose und Differentialdiagnose

Nach der Aufnahme in ein Krankenhaus erfolgt eine Anamnese durch den behandelnden Arzt. Es wird ein körperlicher Aufnahmebefund erstellt. Insbesondere ist auf lokale Schmerzen, auf eine Abwehrspannung, auf Hernien (Eingeweidebrüche) und auf eine massive Überblähung zu achten. Auch eine rektale Untersuchung ist notwendig. Weiterhin erfolgt eine Blutentnahme zur Bestimmung von Laborwerten und technische Untersuchungsmethoden wie Röntgen des Abdomens.

Bei der Erhebung der Differenzialdiagnose muss der Arzt andere Krankheiten wie Ogilvie-Syndrom, Colon spasticum, Toxisches Megacolon und Morbus Crohn ausschließen. Auch bei Einsatz aller diagnostischen Methoden kann man manchmal die Ursache eines Ileus nicht erkennen, so dass hier die Operation sowohl die Ursache klärt als auch die Ursache beseitigt. Dies gilt insbesondere für den Bridenileus.

Auskultation

Eine Unterscheidung zwischen dem mechanischen und paralytischen Ileus lässt sich oftmals sehr schnell mit Hilfe des Abhorchens des Abdomens herbeiführen. Während ein mechanischer Ileus sich durch Hyperperistaltik (verstärkte Darmtätigkeit und metallisch klingende Geräusche sind wahrnehmbar) bemerkbar macht, äußert sich der paralytische Ileus durch „Totenstille“ im Abdomen.

Sonografie

Bei Ileusverdacht liefert die unschädliche und leicht durch einen erfahrenen Untersucher zu bewerkstelligende Sonografie schnelle Beweise: Man sieht eine typische Pendelperistaltik, d. h. der Darminhalt pendelt hin und her. Auch findet man verbreiterte, übermäßig mit Luft oder Flüssigkeit gefüllte Darmschlingen. Man kann oft den Ort des Verschlusses eingrenzen, da Dünn- und Dickdarmschlingen recht gut zu unterscheiden sind. Darmabschnitte hinter einem mechanischen Hindernis sind kollabiert (Hungerdarm).

Röntgen-Abdomen

Beim Erwachsenen ist die Röntgenleeraufnahme des Bauches im Stehen oder Linksseitenlage eine verbreitete einfache schnell durchführbare Möglichkeit. Säuglinge werden analog in Hängelage vor den Röntgenschirm platziert. Das typische Ileus-Bild zeigt überblähte Schlingen mit Flüssigkeitsspiegeln, wobei die Verteilung der Spiegel im Bauch auch hier wie bei der Sonographie einen Hinweis auf den Ort eines Verschlusses gibt. Sofern das Befinden es zeitlich ermöglicht, werden ein Einlauf und/oder eine Passage mit Kontrastmittel vorgenommen.

Computertomografie

Zunehmend wird trotz höheren ökonomischen Aufwands bei Verfügbarkeit eine Computertomografie (CT) gegenüber der klassischen Röntgenuntersuchung bevorzugt, da sie schnell eine sichere diagnostische Aussage ermöglicht. Hier stört im Gegensatz zum Ultraschall die viele Darmluft beim Ileus nicht.

Behandlung

Oft, wie bei einem mechanischen Ileus und der Peritonitis, kann nur eine Operation wirksam helfen. Sind ein mechanischer Ileus und andere Ursachen, die zweifelsfrei eine Operation erfordern, ausgeschlossen, kommen verschiedene medikamentöse Behandlungen (z.B. Prokinetika) zur Anwendung. Aber auch viele andere Facetten von Behandlungsmöglichkeiten können erforderlich sein: Für den Ablauf von Magen-Darm-Sekret wird eine Magensonde notwendig. Da die normale Zufuhr und Verwertung von Nahrung nicht möglich ist, kommt nach Beseitigung der Ursache zunächst nur eine parenterale Ernährung zum Einsatz.

 

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Abszess

Ein Abszess ist eine umkapselte Eiteransammlung in einer nicht präformierten Körperhöhle, die durch entzündliche Gewebseinschmelzung entsteht.

Pathologisch gesehen keine Abszesse, sondern abgekapselte Empyeme in der Bauchhöhle sind der sogenannte subphrenische Abszess (unter dem Zwerchfell gelegen), der perityphlitische Abszess (neben dem Wurmfortsatz gelegen) und der Douglasabszess.

Diagnostik

  • klinische Zeichen:
    • nur bei oberflächlichen Abszessen: Rötung und Schwellung
    • Schmerzen und Spannungsgefühl durch Schwellung
    • Fieber, Schüttelfrost
  • Labor: ansteigende Entzündungswerte (CRP, Leukozyten)
  • bildgebende Diagnostik: umschriebene Flüssigkeitsansammlung
    • im Ultraschall
    • in Computertomografie oder Magnetresonanztomografie (zusätzlich Dichtebestimmung möglich)
  • Punktion:
    • sichtbarer Eiter
    • positive Bakterienkultur (und Resistogramm)

Ursache

Abszesse können ohne offenbare äußere Ursache auftreten, aber sie können auch Folge einer Operation, einer Spritze, eines Fremdkörpers oder durch eine Abwehrschwäche des Betroffenen begünstigt sein.

Die Mehrzahl der Abszesse wird durch eine Infektion mit Bakterien hervorgerufen. Krankheitserreger ist bei chronischem Auftreten oft eine Form des Staphylococcus aureus.

Es gibt aber auch sterile Abszesse, aus deren Eiter sich keine Erreger isolieren lassen.

Die oberflächlichen Abszesse zeigen eine typische Entzündungsreaktion mit Erwärmung (Hyperthermie) in der Umgebung. Es gibt selten aber auch kalte Abszesse ohne eine solche, typisch bei Tuberkulose. Um einen Abszess baut der Körper einen Schutzwall aus Granulationsgewebe auf, die sogenannte Abszessmembran. In diesem Randwall konzentriert der Körper Abwehrzellen. Da im Blut befindliche Antibiotika in der Regel durch diese Membran nicht in ausreichender Konzentration in die Abszesshöhle diffundieren, ist alleinige Antibiose therapeutisch oft nicht ausreichend.

Komplikationen

Wird ein Abszess nicht ausreichend bzw. unsachgemäß behandelt, kann er sich durch die Haut fistelnd entleeren, in Körperhöhlen oder Hohlorgane einbrechen oder über die Blutbahn streuen, einen Hirnabszess oder andere Organabszesse bewirken oder im schlimmsten Fall über eine Sepsis („Blutvergiftung“) zum Tode des Betroffenen führen.

Therapie

Die Therapie besteht im Eröffnen und Abfließenlassen des Eiters. Dies geschieht in Form einer Operation, bei der nach Eröffnung und Entleerung die Abszesshöhle gespült und eine Drainage eingelegt wird. Bei unzugänglichen Abszessen, wie häufig in der Bauchhöhle oder im Retroperitoneum wird unter sonografischer oder CT-Kontrolle eine perkutane Punktion und Drainage vorgenommen. Bei größeren oder schlecht zugänglichen Abszessen erfolgt die Operation unter Narkose (Vollnarkose, Spinalanästhesie oder Regionalanästhesie). In Ausnahmefällen werden Weichteilabszesse in lokaler Infiltrationsanästhesie eröffnet, welche allerdings das Risiko der Keimverschleppung in sich birgt und weniger wirksam ist als andere Narkoseverfahren.

In der Regel und insbesondere bei Sepsis kommt zusätzlich eine Behandlung mit einem oder mehreren Antibiotika in Frage.

Zitat

Zur Therapie des Abszesses gilt noch immer unbeschränkt das dem griechischen Philosophen und Arzt Hippokrates zugeordnete Zitat:

  • „Ubi pus, ibi evacua.“
  • „Wo Eiter ist, dort entleere ihn.“

 

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Exsikkose

Als Exsikkose (lat. ex „aus“ und siccus „trocken“) wird in der Medizin die Austrocknung durch Abnahme des Körperwassers bezeichnet. Sie ist die Folge einer Dehydratation.

Ursachen

  • Alle Formen der Durchfallerkrankungen können in jedem Lebensalter zur Exsikkose führen, besonders jedoch, aufgrund mangelnder Flüssigkeitsreserven, im Säuglingsalter.
  • Das mangelnde Durstempfinden sowie die mangelhafte Flüssigkeitsaufnahme bei Durstempfinden ist eine Hauptursache bei betagten Personen. Kombiniert mit Demenz kann hierbei mangelhafte Versorgung durch professionelle Hilfsdienste auch als Pflegefehler gewertet werden.
  • Zusätzliche Todesfälle wegen der Sommerhitze im Jahr 2003 sind als so genannte Hitzetote ins öffentliche Bewusstsein eingegangen, wobei die Zahlen desselben Jahres für Frankreich, Italien und Deutschland in die Tausende gingen. Der Zusammenhang Sommerhitze und Exsikkose lässt sich meist aber nicht bis in die Todesbescheinigungen (Epidemiologie) hinein verfolgen.

Der Zusammenhang in der Statistik ist deshalb komplexer Natur – mehr Todesfälle über die allermeisten Todesursachen-Gruppen, danach Verringerung der Todeszahlen unter vergleichbare Vorjahreszahlen im weiteren Jahresverlauf.

  • Die Dysphagie kann ebenfalls Ursache einer Exsikkose sein.
  • Die Exsikkose kann auch als Folge der Polyurie bei einem Diabetes mellitus auftreten. Die Polyurie ist durch den erhöhten Glukosespiegel im Blut und die daraus resultierende osmotische Wirkung bedingt.

Symptome

  • Leitsymptom: Eine frisch gezogene Hautfalte auf dem Handrücken bleibt „stehen“.
  • Gewichtsverlust ohne andere Erklärung
  • Krampfanfall
  • Nierenschmerzen
  • Oligurie, evtl. auch Anurie
  • Obstipation
  • Thrombose
  • bei schwerer Exsikkose: zunehmende Schocksymptomatik, meistens Apathie bis Bewusstlosigkeit

Diagnostik

  • Natriumspiegel im Blut erhöht
  • Hämatokrit erhöht
  • Halsvenen eingefallen
  • ZVD niedrig: < 5 cm Wassersäule
  • Untere Hohlvene im Ultraschall schmal
  • Erhöhte Körpertemperatur (Durstfieber)
  • Erhöhter Aldosteron und ADH-Spiegel im Blut

Folgen

Die Folge der Exsikkose ist stets eine kombinierte Störung des Wasser-Elektrolyt-Haushalts. Dies kann zu veränderten Fließeigenschaften des Blutes führen.

Bei alten Patienten bestehen die hauptsächlichen klinischen Folgen einer Exsikkose in einer

  • Reduktion des Allgemeinzustands und daraus folgender Bettlägrigkeit,
  • Somnolenz (Benommenheit mit abnormer Schläfrigkeit als leichtere Form der Bewusstseinstrübung)
  • möglicher Agitiertheit, solange Wassermangel anhält: Verwirrtheit
  • Oligurie mit der daraus folgenden Ansammlung ausscheidungspflichtiger Substanzen
  • Trockenheit der Haut und Schleimhäute sowie
  • orthostatischer Hypotonie und damit verbundener Sturzgefahr.

Die Exsikkose kann zu dem Durchgangssyndrom ähnlichen Symptomen führen (siehe dort); eine solche Exsikkose wird (teils umstrittenerweise) gelegentlich auch als Durchgangssyndrom bezeichnet.

Dabei wird die Abnahme des Allgemeinzustandes fälschlicherweise oft mit dem Alter des Patienten selbst oder bestehenden Begleiterkrankungen erklärt. An heißen Sommertagen kann bei alten Patienten die Exsikkose sehr schnell auftreten. Als pflegender Angehöriger sollte man also durch Notizen oder durch Markierungen unbedingt einen Überblick behalten, was tatsächlich getrunken wurde. Und man sollte als pflegender Angehöriger notfalls darauf drängen, dass die gebrachten Getränke auch getrunken werden. Eine gute Kontrollmöglichkeit ist die Urinproduktion, eine Abnahme der Ausscheidungsmenge sollte schon eine Warnung sein.

Therapie

Die Behandlung von Exsikkose ist zwar prinzipiell einfach: Nach Wiederherstellung (und bei nachfolgendem Aufrechterhalten) einer physiologischen Flüssigkeitsbilanz bilden sich die Symptome in der Regel innerhalb von Stunden oder Tagen zurück. Jedoch ist es in der Praxis ausgesprochen schwierig und/oder personalintensiv, diese Behandlung auch durchzuführen, da solcherart dehydrierte Patienten oft nicht zurechnungsfähig, unkooperativ und teilweise auch aggressiv sind und sich teils auch körperlich gegen die Flüssigkeitszufuhr wehren. Je nach Kooperationsfähigkeit und Personalausstattung wird:

  • Wiederholt oral Flüssigkeit zugeführt (auch in Nahrung und/oder in kleinen Mengen, also löffel- oder schluckweise). Da nicht zurechnungsfähige Patienten meist nicht nach Instruktion weitertrinken, bedarf dies häufig der konstanten Anwesenheit einer Pflegeperson, die diese Patienten fortlaufend zum Trinken anleitet.
  • Unter anderem auch weil Obiges äußerst zeit- bzw. personalintensiv ist, werden oftmals Infusionen zur Flüssigkeitszufuhr gelegt (cave: Elektrolytkontrollen!). Problematisch hierbei ist, dass sich Patienten oft, sobald sie kurzzeitig unbeaufsichtigt sind, die Infusionen herausreißen. Um dies zu verhindern, wurden insbesondere in der Vergangenheit diese Patienten häufig fixiert; dies ist aber inzwischen sehr umstritten.
  • In manchen Fällen bietet sich auch künstliche Ernährung, evtl. durch Magensonde oder Perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG-Sonde), an; die Probleme sind jedoch dieselben wie bei Infusionen.

Auffallend ist, dass, sobald sich die Flüssigkeitsbilanz wieder in Homöostase befindet, die Patienten oft plötzlich wieder bei völlig klarem Bewusstsein sind und sich an das Vorangegangene oft nicht erinnern können (und sich unter Umständen wundern, warum sie denn mit einer Infusionsnadel im Arm im Krankenbett liegen). Auch aus bis dato hochaggressiven Patienten werden dann plötzlich völlig normale, friedfertige und höfliche Mitmenschen. Gut ausgebildetes Pflegepersonal wird eventuell vorangegangene Konfrontationen nicht nachtragen und wissen, dass Patienten, die sich teilweise an ihren vorigen Zustand doch erinnern, Hilfe benötigen könnten, mit eventuellen Schamgefühlen umzugehen.

Prävention

Eine relativ einfache Schutzmaßnahme besteht darin, viel Obst und andere ballaststoffhaltige bzw. pektinhaltige Lebensmittel zu verzehren, da diese Wasser binden und allmählich über den Darm abgeben, so dass die Wahrscheinlichkeit einer Exsikkose deutlich geringer wird.

 

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Amöbe

(Weitergeleitet von Amöben)

Die Amöben (griechisch amoibos = wechselnd) oder Wechseltierchen sind eine große, vielgestaltige Gruppe von Einzellern, die ihre Gestalt laufend ändern. Amöben sind eine Lebensform, keine Verwandtschaftsgruppe (Taxon).

Formen

Amöben sind zwischen 0,1 und über 0,3 mm groß. Die meisten Arten sind nackt; es gibt aber auch beschalte Formen (Thecamoeben). Neben den heterotrophen Arten, die sich durch Phagozytose ernähren, gibt es auch Photosynthese treibende Formen, die Chloroplasten enthalten. Am bekanntesten sind die „Riesenamöben“ der Gattungen Amoeba und Chaos.

Systematische Verbreitung

Amöbenartige Lebensformen haben sich getrennt voneinander in verschiedensten Taxa entwickelt. Sie bilden daher eine Lebensform oder Organisationsstufe, aber keine taxonomische Gruppe.

Die heterotrophen, also keine Photosynthese betreibenden Amöben (mit Ausnahme der Schleimpilze) wurden traditionell zu den Wurzelfüßern (Rhizopoda) gerechnet. Nach heutiger Systematik verteilt sich der Großteil auf die Amoebozoa (einschließlich Schleimpilze), die Rhizaria (zusammen mit den anderen Gruppen der Wurzelfüßer wie Foraminiferen, Strahlentierchen und einem Großteil der Sonnentierchen) und die Heterolobosea innerhalb der Excavata (z. B. die Fließamöben, Vahlkampfia). Hinzu kommen verschiedene autotrophe (Photosynthese treibende), traditionell zu den Algen gezählte Vertreter der Chromalveolata.[1] Bemerkenswert sind auch die Chlorarachniophyta, Vertreter der Rhizaria, die früher wegen ihrer Chloroplasten zu den Grünalgen gestellt wurden.

Vorkommen

Amöben sind fast überall zu finden. Manche Gattungen sind global von der Arktis bis zur Antarktis verbreitet, und viele können sogar aus der Luft isoliert werden, wobei es sich zumeist um Dauerstadien (Zysten) handelt. Besonders zahlreich sind sie in feuchten Böden vorhanden, viele Gattungen sind aber auch im Süßwasser und im Meerwasser verbreitet.[2]

Zellaufbau

Amöben sind meist durchsichtig und können ihre Form ständig verändern. Im Zellinneren sieht man das körnige Endoplasma pulsieren. Weiter außen liegt das strukturlos wirkende Ektoplasma. Der Zellkern ist meistens schlecht erkennbar.

Süßwasser-Amöben verfügen über eine pulsierende Vakuole, die den Wasserhaushalt regelt. Da Amöben durch die Nahrung ständig Ionen aufnehmen, kommt es in ihrem Innern zur Erhöhung des osmotischen Drucks, weil Wasser aus der hypotonischen Umgebung in das höher konzentrierte Cytoplasma diffundiert. Dies muss die Amöbe unter Energieeinsatz ausgleichen, um nicht zu platzen. Dazu pumpt die pulsierende Vakuole Wasser aus der Zelle.

Fortbewegung und Ernährung

Zur Fortbewegung bilden Amöben Plasmafortsätze, die Scheinfüßchen oder Pseudopodien, aus. Dies geschieht durch lokale Kontraktion des Cytoskeletts, durch die das dortige Cytoplasma unter Druck gesetzt wird. Es entsteht eine Cytoplasmaströmung in Bereiche niedrigeren Drucks, was dort zur Ausbildung von Pseudopodien führt. Durch Anheftungspunkte (Adhäsions-Plaques) der Pseudopodien besteht ein Kontakt zum Untergrund. Im Grunde verläuft die Fortbewegung in drei Schritten: 1. Extension: Die Pseudopodien werden in Fortbewegungsrichtung ausgebildet. 2. Adhäsion: Die Scheinfüßchen werden durch neue Adhäsionspunkte auf der Unterlage befestigt. 3. Retraktion: Der restliche amöboide Körper wird nachgezogen.

Diese Fortbewegung unter laufender Gestaltänderung bezeichnet man als amöboid.

Amöben fangen ihre Beute, Bakterien und andere Einzeller, indem sie diese mit ihren Scheinfüßchen umfließen und dann in ihrem Körper innerhalb von Nahrungsvakuolen einschließen und verdauen. Diese Art der Aufnahme fester Nahrungspartikel nennt man Phagozytose. Im Inneren der Nahrungsvakuole wird die Nahrung durch Enzyme zerkleinert und in eine wasserlösliche Form gebracht. Verwertbares wird durch die Vakuolenmembran in das Zytoplasma übernommen; diesen Vorgang nennt man Resorption.

Fortpflanzung

Die Fortpflanzung der Amöben erfolgt grundsätzlich asexuell durch simple Teilung. Verbreitet scheinen jedoch auch parasexuelle Aktivitäten vorzukommen, und vereinzelt gibt es Hinweise auf echte Sexualität, die bislang aber in keinem Fall gesichert sind.[3] Etliche Arten bilden außerdem begeißelte Schwärmer (Zoosporen).

Pathogenität

Viele Amöben sind pathogen, einige von ihnen können auch beim Menschen schwere Krankheiten verursachen. So ruft die Magna-Form von Entamoeba histolytica die Amöbenruhr, eine schwere Magen-Darm-Erkrankung, hervor. Darüber hinaus beherbergen viele Amöben-Arten pathogene Bakterien wie etwa Legionellen.[4]

Einzelnachweise

  1. ↑ Adl et al.: The New Higher Level Classification of Eukaryotes with Emphasis on the Taxonomy of Protists. The Journal of Eukaryotic Microbiology 52 (5), 2005; Seiten 399-451, vgl. Literaturangabe in Amoebozoa.
  2. ↑ Maciver, Ecology of the amobae
  3. ↑ Maciver, Sex and the single Amoeba, letztes Update 8/02
  4. ↑ Maciver, The Amoebae

 

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Gastroenteritis

Als Gastroenteritis (griech.), wörtlich: Magen-Darm-Entzündung – umgangssprachlich Magen-Darm-Grippe, Brechdurchfall, Happe oder Bauch-Grippe  – wird ganz allgemein eine entzündliche Erkrankung des Magen-Darm-Traktes bezeichnet. Eine Magen-Darm-Grippe geht in der Regel mit Erbrechen und Durchfall einher, hat aber mit der „echten Grippe“ (Influenza) nichts zu tun. Eine Gastroenteritis kann verschiedene Ursachen haben. Zur Behandlung reichen in der Regel symptomatische lindernde Maßnahmen aus. Die Vorbeugung besteht in hygienischen Maßnahmen.

Epidemiologie

Gastroenteritiden oder Magen-Darm-Entzündungen unterschiedlicher Ursache sind der häufigste Anlass für Durchfall und Übelkeit bei Kindern und Erwachsenen. Noch 1980 waren Durchfallerkrankungen mit geschätzten 4,6 Millionen Todesfällen im Jahr weltweit die führende Ursache für die Kindersterblichkeit. Seitdem 1979 die sogenannte orale Rehydratationstherapie als standardisierte Behandlung propagiert wurde, konnte diese immense Zahl immerhin auf etwa 1,5 Millionen im Jahr 2000 gesenkt werden.[1]

Ursachen

Infektionen

Die häufigste Ursache einer akuten Entzündung des Magen-Darm-Traktes sind lokale Infektionskrankheiten durch Viren (wie Rota-, Adeno-, Corona-, Humane Noroviren), Bakterien (wie Salmonellen, Campylobacter, Shigellen, Yersinien, Clostridium difficile, Vibrio cholerae) oder Protozoen (wie Amöben, Giardien). Der Mechanismus, wie die Infektion zu den Symptomen führt, kann sich unterscheiden. Überwiegend führen die Erreger zu einer Zerstörung der Schleimhaut unterschiedlichen Ausmaßes. Dadurch können Magen und Darm aufgenommene Nahrung nicht mehr verdauen. Die unverdaute Nahrung bindet Wasser und macht den Stuhlgang dünnflüssig. Bei einigen bakteriellen Magen-Darm-Infektionen führt die Produktion von Bakteriengiften (Toxinen) durch die Erreger zu einem vermehrten Salz- und Wasserverlust durch die Schleimhautzellen des Darmes. Dies ist zum Beispiel bei einer speziellen Sorte von Escherichia-coli-Bakterien, einem Erreger der typischen Reisediarrhoe, der Fall.

Toxine

Reichert sich nur das Bakteriengift in einem verdorbenen Nahrungsmittel an, kann auch dieses Toxin im Anschluss an den Konsum der entsprechenden Speise zur Entzündung der Schleimhaut führen. Es resultiert das Bild einer klassischen Lebensmittelvergiftung. Beispielhaft dafür kann das Toxin bestimmter Staphylokokken gelten. Auch Medikamente und andere Giftstoffe können zu einer toxischen Gastroenteritis führen.

Physikalische Ursachen

Auch durch ionisierende Strahlen (Röntgenstrahlen, radioaktive Strahlen), zum Beispiel bei einem Reaktorunfall oder im Rahmen einer Krebsbehandlung, wird die Schleimhaut des Magen-Darm-Traktes, die sich mit hoher Geschwindigkeit immer wieder selbst erneuert, stark geschädigt, so dass sie ebenfalls ihre Verdauungsfunktion nicht mehr vollständig wahrnehmen kann.

Übertragung

Bei den meisten infektiösen Gastroenteritiden erfolgt die Übertragung durch sogenannte fäkal-orale Schmierinfektion. Infektiöser Stuhl gelangt beispielsweise über nicht ausreichend gereinigte Hände in die Nahrung und mit dieser über den Mund wieder in den Magen-Darm-Trakt des nächsten Patienten. Bei Salmonellen muss in der Regel auch noch eine Anreicherung stattfinden. Damit ist gemeint, dass die Erreger sich durch längere Lagerung der Speise noch vermehren müssen, damit die minimale Infektionsdosis erreicht wird. Auch bei den toxischen Gastroenteritiden durch bakterielle Exotoxine erfolgt die „Übertragung“ der Toxine letztlich über die Nahrung. Lediglich Noro-Viren sind derart infektiös, dass beim schwallartigen Erbrechen der Patienten feinste erregerhaltige Tröpfchen in der Luft schweben können, die von Angehörigen oder dem Pflegepersonal aufgenommen werden und bereits so zu einer Infektion führen können (Tröpfcheninfektion).

Inkubationszeit

Die Inkubationszeit kann sich über einen Zeitraum von vier bis 48 Stunden erstrecken. Dabei handelt es sich um die Zeitspanne zwischen der Aufnahme der Erreger und den ersten Symptomen.

Symptome

Insbesondere bei einer infektiösen Gastroenteritis wandert der Erreger in der Regel von oben nach unten durch den Magen-Darm-Trakt. Daher beginnt die Erkrankung meist mit Appetitlosigkeit, Übelkeit oder Erbrechen. Durchfall kommt meist nach einigen Stunden dazu, während die Magensymptome dann bereits nachlassen können. Der Durchfall kann je nach Ausmaß der Schleimhautschädigung auch blutig sein. Die Darmbewegungen sind während des Durchfalls gesteigert, was zu krampfartigen Bauchschmerzen führen kann. Auch Fieber als Allgemeinsymptom einer Infektion sowie Schwindelgefühle und Erschöpfung kommen in dieser Phase vor. Bei anhaltendem Erbrechen und Durchfall können durch den Verlust an Flüssigkeit und die gestörte Flüssigkeitsaufnahme die Symptome der Austrocknung (Exsikkose) zusätzlich auftreten.

Diagnostik

Die Diagnose lässt sich für den Arzt durch die typische Anamnese stellen. Neben den üblichen körperlichen Untersuchungen kann eine Stuhlinspektion die Diagnose untermauern. Der Nachweis von verursachenden Erregern durch eine mikrobiologische Untersuchung ist von epidemiologischem Interesse und hat nur in besonderen Fällen therapeutische Konsequenzen. Eine Blutuntersuchung kann helfen, das Ausmaß des Wasser- und Salzverlustes abzuschätzen. Im Verlauf sind hierzu aber Gewichtskontrollen am aussagekräftigsten.

Komplikationen

Insbesondere bei Kindern kann es durch den Verlust von Flüssigkeit und Mineralien (Elektrolyten) zu einer zunehmenden Austrocknung des Körpers mit entsprechendem Gewichtsverlust kommen. Unbehandelt können in der Folge Kreislaufprobleme (Schock), Nierenversagen oder Krampfanfälle auftreten. Ebenfalls vorwiegend bei Kindern kann durch die gesteigerte Beweglichkeit des Darmes auch eine Einstülpung des Darms in sich selbst (Intussuszeption) entstehen.

Prophylaxe

In erster Linie gehören hygienische Maßnahmen insbesondere bei der Zubereitung von Nahrung zur Prophylaxe der Gastroenteritis. Die Tatsache, dass viele infektiöse Gastroenteritiden in den entwickelten Ländern kaum noch eine Rolle spielen, zeigt die Wichtigkeit der Hygiene zur Vorbeugung dieser Erkrankungen. Für einzelne Erreger existieren auch Impfungen, solche für Cholera oder Typhus. Für humane Rotaviren sind mehrere Impfstoffe für kleine Kinder zugelassen. Keine dieser Impfungen ist in Deutschland allgemein empfohlen.

Therapie

Da eine Behandlung in Form der Beseitigung der Ursache zumeist nicht möglich ist, beschränkt sich die Therapie in der Regel auf symptomatische Maßnahmen. Diese bestehen in erster Linie in dem Ersatz der Flüssigkeits- und Salzverluste, die durch das Erbrechen und den Durchfall entstehen. Idealerweise bietet man den Patienten hierzu standardisierte Lösungen mit einem Traubenzucker-Salz-Gemisch (WHO-Rehydratationslösung) an. Gelingt diese Form des Wiederauffüllens des Flüssigkeitshaushaltes („Rehydratation“) nicht, muss insbesondere bei Kindern, die besonders von einer Austrocknung bedroht sind, gegebenenfalls auch eine Infusion erfolgen. Ein vorsichtiger Kostaufbau von Anfang an kann die Erholung der zerstörten Darmschleimhaut fördern und sollte in Form von leicht verdaulichen Kohlenhydraten (Zwieback, Salzstangen, Weißbrot) von Beginn an versucht werden. Die früher empfohlene initiale Nahrungspause führt statistisch zu Verlängerung der Durchfalldauer, was sich dadurch erklären lässt, dass zum einen der Darm sich die Bausteine zum Wiederaufbau direkt aus dem Nahrungsangebot holt, andererseits ein stillgelegtes Organ (Nahrungskarenz) keinen Anreiz hat, seine Funktion wieder aufzunehmen. Eine Metastudie kam zu dem Ergebnis, dass möglicherweise sogenannte Probiotika die Durchfalldauer um acht Stunden bis zu einem Tag verkürzen können.[2] Dabei handelt es sich um Bakterienstämme (beispielsweise Bifidobacterium und Lactobacillus), die natürliche Darmbesiedler sind und in gefriergetrockneter Form (Pulver, Tablette) oder als Zusatz in einer fertigen Rehydratationslösung verabreicht werden können. Als unterstützende symptomatische Maßnahmen können Medikamente, die das Erbrechen hemmen (Antiemetika), die Darmtätigkeit verändern (Opiate, wie Loperamid) oder lähmen (Parasympatholytika, wie Butylscopolamin) eingesetzt werden. Hierbei müssen allerdings die möglichen Nebenwirkungen beachtet und das Risiko sorgfältig gegen den möglichen Nutzen abgewogen werden. Eine antibiotische Behandlung ist auch bei Nachweis von Bakterien als verursachendem Erreger nur in Ausnahmefällen mit septischem Verlauf in Erwägung zu ziehen, da insbesondere bei Salmonelleninfektionen hierdurch die Rate der Dauerausscheider signifikant erhöht wird.

Ökonomische Auswirkungen

Gastroenteritis und andere Durchfallerkrankungen können einen beträchtlichen finanziellen Schaden anrichten und tragen besonders zur Bildung von Armut bei. Dies ist besonders der Fall in den weniger entwickelten Ländern südlich des Äquators. Der finanzielle Verlust wird beeinflusst besonders durch die Kosten für eine medizinische Behandlung, für Medikamente, für den Transport zum Arzt, für spezielle Nahrung sowie durch den Ausfall von Arbeit und Verdienst. In nicht wenigen Fällen müssen betroffene Familien ihr ganzes Land verkaufen, um eine Krankenhausrechnung zu bezahlen. Im Durchschnitt bezahlt eine betroffene Familie ungefähr 10 % ihres monatlichen Einkommens pro Infektion und Person.[3]

Meldepflicht

Nach dem Infektionsschutzgesetz besteht eine Meldepflicht schon bei Verdacht auf Cholera, Typhus und Paratyphus, erst recht bei tatsächlicher Erkrankung daran oder Tod. Bei allen anderen Fällen von mikrobieller Lebensmittelvergiftung oder infektiöser Gastroenteritis ist der Verdachtsfall meldepflichtig, wenn entweder eine Person betroffen ist, die Lebensmittel verarbeitet oder in einer Küche, Gaststätte oder anderen Einrichtung zur Gemeinschaftsverpflegung beschäftigt ist, oder wenn zwei oder mehr gleichartige Erkrankungen auftreten, bei denen ein epidemischer Zusammenhang vermutet wird. Daneben ist der Nachweis verschiedener Erreger einer Gastroenteritis (Campylobacter, darmpathogene Escherichia coli, Giardia lamblia, humane Noroviren, Rotaviren, alle Salmonellentypen, Shigellen, Vibrio cholerae, Yersinien) meldepflichtig.

Veterinärmedizin

Neben den bereits angeführten Erregern können akute Gastroenteritiden bei Haustieren Ausdruck schwerer Infektionskrankheiten wie Parvovirose und Staupe (Hund), Panleukopenie (Katze), Aleutenkrankheit (Frettchen) oder Wet-tail disease (Hamster) sein, die intensiver medizinischer Versorgung bedürfen und nicht selten dennoch mit dem Tod des Tieres enden.

Einzelnachweise

  1. ↑ Victora et al:, 'Reducing deaths from diarrhoea through oral rehydration therapy', Bulletin of The World Health Organization, 2000; 78:1246-1255 PMID 11100619.
  2. ↑ W. Van Niel et al.: Lactobacillus Therapy for Acute Infectious Diarrhea in Children: A Meta-analysis. In: Pediatrics 2002; 109:678-684 Volltext online (englisch)
  3. ↑ B. Schnabel: Tödlicher Durchfall. In: Entwicklung und Zusammenarbeit 2009; 4:162-163 Volltext online (deutsch)

 

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Inkubationszeit

Die Inkubationszeit (lat. incubare = ausbrüten) ist die Zeit, die zwischen Infektion mit einem Krankheitserreger und Auftreten der ersten Symptome vergeht. Die Inkubationszeit kann – abhängig von der Krankheit – zwischen wenigen Stunden und einigen Jahrzehnten liegen (s. auch Infektiologie).

Beispiele

Die Inkubationszeit kommt beispielsweise dadurch zustande, dass die Erreger sich zuerst an der Eintrittspforte bzw. den regionären Lymphknoten vermehren, um dann über das Blut weitere Organe zu schädigen (generalisierte Infektion). So vermehrt sich z. B. das Poliovirus in den lymphatischen Geweben des Verdauungstrakts (Enterovirus). Nach ein bis zwei Wochen kann es dann zu unspezifischen Symptomen wie Fieber und Gliederschmerzen kommen; dies ist dann die Inkubationszeit. Etwa eine halbe Woche später kann dann das volle Krankheitsbild der Kinderlähmung folgen.

Bei der Tollwut hängt die Dauer der Inkubationszeit von der Lokalisation des Bisses ab, mit dem das Virus übertragen wurde. Je länger sein Weg entlang der peripheren Nerven ins Gehirn, desto länger die Inkubationszeit.

Hinzu kommt, dass sich verschiedene Erreger unterschiedlich schnell und auf spezifische Weise im Körper vermehren (siehe Temperenz).

Bei Lokalinfektionen ist die Inkubationszeit entsprechend kurz.

 

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Hippokrates von Kos

Hippokrates von Kos (altgr. Ἱπποκράτης ὁ Κῷος; * um 460 v. Chr. auf der griechischen Ägäisinsel Kos; † um 370 v. Chr. in Larisa, Thessalien) gilt als der berühmteste Arzt des Altertums.

Hippokrates stammte aus dem Geschlecht der Asklepiaden, die sich selbst auf den Heilgott Asklepios zurückführten; seine Eltern hießen Heraklides und Phänarete.

Nach seinem Vater unterwiesen ihn u.a. auch Herodikos von Selymbria und der Philosoph Demokrit von Abdera. Offenbar reiste er als wandernder Arzt viel und weit durch Griechenland und Kleinasien. Unter anderem hielt er sich drei Jahre auf der Insel Thasos auf. Er leistete einen großen Beitrag zur koischen Ärzteschule (siehe unten). Seine Söhne Drakon und Thessalos sowie sein Schwiegersohn Polybos führten die Familientradition fort.

Hippokrates wurde schon zu Lebzeiten hochverehrt. Er gilt als Begründer der Medizin als Wissenschaft. Im 2. Jahrhundert n. Chr. kam es zu einer Hippokrates-Renaissance, zu der Galen entscheidend beitrug. Koische Bronzemünzen aus der frühen Kaiserzeit tragen sein Bildnis.

Corpus Hippocraticum

Seinen Namen tragen mindestens 61 Schriften, die als Corpus Hippocraticum bekannt sind. Das Entstehungsdatum dieser Schriften reicht vom 4. Jh. v. Chr. bis zum 1. Jh. n. Chr. Welche davon Hippokrates selbst verfasst hat, ist weitgehend unbekannt. Die Person Hippokrates wäre jedoch rein legendär, wenn man nicht davon ausginge, dass er wenigstens Autor der Schriften Epidemien I, III und VII sowie des Prognostikon ist. Eventuell können ihm auch die Schriften Über die heilige Krankheit und das Traktat Über die Umwelt zugeschrieben werden; De fracturis/De articulis (chirurgischen Abhandlungen) dürften im Umfeld des Hippokrates entstanden sein.

    „Adressaten der hippokratischen Schriften sind teils Ärzte, teils medizinische Laien. Manche Schriften haben aufklärerischen und polemischen Charakter, andere geben in knapper, listenartiger Form Therapieanweisungen, einige sind Aufzeichnungen von Krankengeschichten, wieder andere sollen dem Arzt beim Erstellen von Prognosen helfen...“[1]

Allen Texten des Corpus Hippocraticum ist der ionische Dialekt gemein sowie das allgemeine Bestreben um eine Medizin, die auf der vernunftgemäßen Naturbeobachtung basiert.

Ärzteschulen

Die koische und die knidische Ärzteschule unterschieden sich in ihrer Grundkonzeption: Die Koer gingen von einer Allgemeinerkrankung mit individuellen Abwandlungen aus, die Knidier von lokalisierbaren Einzelerkrankungen; sie waren viel therapiefreudiger, auch in operativ-chirurgischer Hinsicht als die Koer. Alte knidische Bestandteile im Corpus Hippocraticum kann man sich nur mit der Annahme einer koischen Schulbibliothek erklären, unter deren anziehende Wirkung auch Schriften der Nachbarinsel hineingerieten.

Die koische Schule wendet sich von den überkommenen magisch-religiösen Vorstellungen (vgl. Schamanismus) radikal ab und erklärt die Krankheiten naturphilosophisch, nämlich aus dem Ungleichgewicht der vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle). Die Beschränkung auf genau vier Kardinalsäfte rührt von der Elementlehre der vorsokratischen Naturphilosophie. Die Symptome werden nicht durch übernatürliche Ursachen hervorgerufen, sondern sie dokumentieren das Bestreben des Körpers, kranke Säfte unschädlich zu machen und auszustoßen. Krankheit wurde als Ungleichgewicht der Körpersäfte interpretiert. Dies kann der Arzt durch Lebensumstellung, Diät, Arzneimittel und operative Eingriffe unterstützen. Aus der hippokratischen Säftelehre waren zahllose Behandlungsmaßnahmen begründet, insbesondere die bis in die frühe Neuzeit übliche Anwendung von Aderlässen, Schröpfköpfen und Abführmitteln. Auch die Temperamentenlehre mit ihrer Unterscheidung in Melancholiker (schwarze Galle dominiert), Choleriker (gelbe Galle dominiert), Sanguiniker (Blut dominiert) und Phlegmatiker (Schleim dominiert) geht darauf zurück. Hippokrates war außerdem der Ansicht, dass zwischen Körperbau und Charakter ein Zusammenhang bestehe.

Nachwirken

Der griechische Arzt Galen suggerierte ebenfalls einen Zusammenhang zwischen Körperbau und Charakter. Ähnliche Ansichten haben auch moderne Psychologen und Psychiater wie Carl Gustav Jung und Ernst Kretschmer vertreten und entsprechende Typologien entwickelt.

Dass die pathologischen Vorstellungen der Hippokratiker heute nur noch historischen Wert haben, mindert die Anerkennung der Ärzteschule von Kos durch ihre heutigen Fachkollegen nicht. Hippokrates forderte vom Arzt körperliche und geistige Hygiene, persönliche Integrität, Vorsicht, Empathie und analytisches Denken. Die hippokratische Lehre, ein Arzt habe sich auf sorgfältige Beobachtung, Befragung und Untersuchung zu stützen und seine Diagnose und Therapie systematisch zu erarbeiten, mutet recht aktuell an (vgl. Evidenzbasierte Medizin). Die Wertschätzung der Anamnese (Vorgeschichte), der Lebensumstände und seelischen Situation des Patienten wird von der modernen Medizin uneingeschränkt fortgesetzt.

Eid des Hippokrates

Es ist umstritten, ob der Eid des Hippokrates - ein erstes sittliches Grundgesetz des Arztberufes - von Hippokrates selbst stammt.

Die Platane des Hippokrates

Die Platane des Hippokrates liegt zwischen der Burg und der Hadji-Hassan-Moschee in Kos Stadt. Hippokrates soll unter diesem Baum gelehrt haben; der Legende nach soll die Platane fast 2500 Jahre alt sein. Tatsächlich ist sie aber rund 500 Jahre alt.[2] Heute wird der Baum mit Metallschienen gestützt.

Ehrentaxon

Charles Plumier benannte ihm zu Ehren eine Gattung Coa[3] der Pflanzenfamilie der Spindelbaumgewächse (Celastraceae). Carl von Linné änderte später diesen Namen in Hippocratea.[4][5]

Literatur

  • Hippokrates: Works. (Opera) [Werke] Übersetzt von Francis Adams (englisch) http://etext.library.adelaide.edu.au/h/hippocrates/h7w/
  • Hippokrates: Sämtliche Werke. Übersetzt und ausführlich kommentiert von Robert Fuchs. Verlag H. Lüneburg, München 1895-1900
  • Die Werke des Hippokrates. Die hippokratische Schriftensammlung in neuer deutscher Übersetzung, herausgegeben von Richard Kapferer und Georg Sticker, I-V, Stuttgart 1933 bis 1940
  • Jori, Alberto: Medicina e medici nell'antica Grecia. Saggio sul "Perì téchnes" ippocratico. Il Mulino Verlag, Bologna 1996 ISBN 88-15-05792-7
  • Jutta Kollesch und Diethard Nickel: Antike Heilkunst - Ausgewählte Texte, 1994 Philipp Reclam jun., Stuttgart, ISBN 978-3-15-009305-4

Einzelnachweise

  1. ↑ Carolin M. Oser-Grote: Aristoteles und das Corpus Hippocraticum. Die Anatomie und Physiologie des Menschen. Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-06823-6, S. 20.
  2. ↑ Baedecker Allianz Reiseführer: Kos. Verlag Karl Baedecker, 3. Auflage 2007, S. 151
  3. ↑ Charles Plumier: Nova Plantarum Americanarum Genera. Leiden 1703, S. 8
  4. ↑ Carl von Linné: Critica Botanica. Leiden 1737, S. 94
  5. ↑ Carl von Linné: Genera Plantarum. Leiden 1742, S. 518

 

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Xerxes I.

Xerxes I. (persisch ‏خشیارشا‎, altpersisch Hšayāŗšā, aramäisch Aḫšeweruš, hebräisch אחשורוש Achašweroš, griechisch Ξέρξης, lateinisch Xerses; * um 519 v. Chr.; † 4. August 465 v. Chr.) regierte von 486 bis 465 v. Chr. als achämenidischer Großkönig und ägyptischer Pharao. Sein Name bedeutet „herrschend über Helden“. Xerxes war verheiratet mit Amestris.

Leben

Xerxes wurde um 519 v. Chr. als Sohn des persischen Großkönigs Dareios I. und der Atossa, einer Tochter Kyros’ II., geboren. 486 v. Chr. trat er als Großkönig die Nachfolge seines Vaters an[1], obwohl er drei ältere Brüder aus der Ehe des Dareios mit einer Tochter des Gobryas hatte. Zu Beginn seiner Herrschaft bekämpfte er erfolgreich Aufstände in Ägypten, das sich unter Psammetich IV. vom Perserreich gelöst hatte, und Babylonien, bevor er sich 483 v. Chr. Griechenland zuwandte.

Nachdem die Strafexpedition des Dareios gegen Griechenland 490 v. Chr. gescheitert war (siehe Schlacht bei Marathon und Perserkriege), verwirklichte Xerxes dessen Vorstellungen von einem weiteren Feldzug gegen die Griechen. Nach anfänglichen Erfolgen bei den Thermopylen im Kampf gegen Leonidas erlitt sein Vielvölkerheer, das von Historikern auf maximal 100.000 Soldaten geschätzt wird,[2] in der Seeschlacht von Salamis gegen die von Themistokles geführte griechische Flotte eine entscheidende Niederlage. Die Annahme von 100.000 Soldaten als Heeresstärke stellt wahrscheinlich einen Überlieferungsfehler dar, da in die Kontingente auch Hilfskräfte, Arbeiter, andere Personen und sogar ganze Bevölkerungsgruppen einberechnet wurden. Diese Personengruppen hatten aber mit der tatsächlichen Schlacht nichts zu tun und müssen deshalb herausgerechnet werden.

Hans Delbrück, der allerdings generell einen sehr kritischen Ansatz vertrat, ging davon aus, dass es nicht möglich sei, 100.000 Soldaten zu versorgen, zumal die hohe Anzahl der Soldaten nicht der damaligen geringen Bevölkerungszahl entsprochen habe.[3] Delbrück nahm daher an, dass es sich maximal um 20.000 Soldaten handelte, die in die Schlacht zogen. In der modernen Forschung geht man ebenfalls davon aus, dass das persische Heer deutlich kleiner war, als die übertriebenen Angaben in den antiken Quellen vermuten lassen, wenngleich Delbrücks Kalkulation wohl doch zu gering veranschlagt ist.[4]

Xerxes zog sich nach der Niederlage von Salamis in seine Hauptstadt Susa zurück und verfolgte die Niederlage seines Landheers bei Plataiai nur noch aus der Ferne, griff aber selbst nicht mehr ins Geschehen ein. Da Xerxes – im Gegensatz zu seinen Vorfahren – nie im Kampf ein Schwert führte, beauftragte er mit der Kriegsführung fähige Strategen, die mit genügend Erfahrung ausgestattet waren, wie beispielsweise Mardonios, dem er das Landheer beim Zug gegen Griechenland anvertraute, oder seinen Halbbruder Achaimenes, der für ihn 484 v. Chr. den Aufstand in Ägypten niederschlug.

Zeitgenössische Geschichtsschreiber und Autoren, so zum Beispiel der griechische Dichter Aischylos, führten die Misserfolge des Xerxes unter anderem auf seine mangelnde Besonnenheit und fehlende religiöse Toleranz zurück, deren Ursache nach heutiger Einschätzung vermutlich die Einflussnahme seiner Mutter Atossa und die Erstarkung der Magier waren. Auf seinem Zug nach Griechenland ließ Xerxes I. in Troja haltmachen und sich vom Trojanischen Krieg berichten. Daraufhin sollen – im strengen Gegensatz zur Lehre Zarathustras – 1000 Rinderopfer dargebracht worden sein. Eine Anekdote berichtet davon, dass Xerxes I. bei einem fehlgeschlagenen Brückenbau über die Dardanellen die Meeresenge mit 300 Peitschenhieben bestrafen ließ. Damit wollte er Poseidon dafür bestrafen, dass seine Brücken kurz nach dem Bau durch ein Unwetter zerstört wurden.[5]

479/478 v. Chr., im 8. Regierungsjahr, ließ Xerxes den Turm von Babylon und die Marduk-Statue zerstören. Damit war das Ergreifen der Hände von Marduk unmöglich geworden, welches zur Ernennung als König von Babylon unabdingbar war. Seither gab es das Königsamt und den Kult des Marduk nicht mehr. Babylons endgültiges Ende wurde damit auch rituell vollzogen.

Xerxes widmete sich der Errichtung von Kolossalbauten in Persepolis und Susa. In Persepolis vollendete er die von seinem Vater begonnene Apadana und errichtete für sich selbst einen großen Palast, zudem begann er mit dem Bau des Hundertsäulensaals.[6] Nicht nur in den verschiedenen Residenzen war kein Bauauftrag zu kostspielig, auch der nie vollendete Landdurchstich am Berg Athos – der Xerxes-Kanal zur Kriegsvorbereitung 483 bis 480 v. Chr. – zeigt seine Leidenschaft für die Bautätigkeit. Bei der Plünderung Athens 480 v. Chr. ließ er die schönsten Exponate nach Persepolis und Susa überführen und dort aufstellen, darunter die Skulpturen der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton.

Nach inneren Wirren wurde Xerxes I. von seinem Gardebefehlshaber Artabanos ermordet. Dieser lenkte den Verdacht auf den ältesten Sohn des Xerxes, Dareios, welcher daraufhin von seinem jüngeren Bruder Artaxerxes I. ermordet wurde. Ein Anschlag des Artabanos auf Artaxerxes scheiterte jedoch; Artabanos wurde getötet und Artaxerxes trat die Nachfolge des Xerxes an.

Das Todesdatum des Xerxes konnte durch die Erwähnung einer partiellen Mondfinsternis in einem keilschriftlichen Fragment auf den 4. August 465 v. Chr. festgelegt werden.[7]

Rezeption

Xerxes I. gibt den historischen Hintergrund für die Gestalt des Xerxes in der gleichnamigen Opera seria – bekannt auch unter ihrem italienischen Originaltitel Serse – von Georg Friedrich Händel (HWV 40) ab.

Generell wird Xerxes auch mit der Figur des Ahasveros im biblischen Buch Ester gleichgesetzt.

Nachkommen

Mit Königin Amestris

  • Amytis, Ehefrau des Megabyzus
  • Artaxerxes I.
  • Darius, Erstgeborener, von Artaxerxes I. oder Artabanus ermordet.
  • Hystaspes, von Artaxerxes I. ermordet.
  • Achaemenes, von Ägyptern ermordet.
  • Rhodogune

Mit unbekannten Ehefrauen

  • Artarius, Satrap von Babylon.
  • Tithraustes
  • Arsames oder Arsamenes oder Arxanes oder Sarsamas; Satrap von Ägypten.
  • Ratashah[8]

Literatur

Pierre Briant: From Cyrus to Alexander. A History of the Persian Empire. Eisenbrauns, Winona Lake 2002, ISBN 1-57506-031-0.

Heidemarie Koch: Achämeniden-Studien. Harrassowitz, Wiesbaden 1993, ISBN 3-447-03328-2.

Karl-Wilhelm Welwei: Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. Primus, Darmstadt 1999, ISBN 3-89678-117-0, S. 51 ff.

Josef Wiesehöfer: Das antike Persien. Von 550 v. Chr. bis 650 n. Chr. Albatros, Düsseldorf 2005, ISBN 3-491-96151-3.

Josef Wiesehöfer: Der über Helden herrscht. Xerxes I. (ca. 519–465 v. Chr.). In: Stig Förster (Hrsg.): Kriegsherren der Weltgeschichte. 22 historische Portraits. C. H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54983-7, S. 19–33.

Einzelnachweise

  1. ↑ Der erste Urkunde unter Xerxes stammt vom Dezember 486, André Heller: Das Babylonien der Spätzeit (7.-4. Jh.) in den klassischen und keilschriftlichen Quellen, 2010, S. 271.
  2. ↑ Urs Willmann: Der Einweg-Kanal, in: Die Zeit, 48/2001, Zugriff am 25. März 2008
  3. ↑ Delbrück GdK 1. Teil , Seite 42: Tatsächliche Bevölkerungszahlen und Heeresstärken
  4. ↑ Vgl. allgemein George Cawkwell: The Greek Wars. The Failure of Persia. Oxford 2005, S. 237ff.
  5. ↑ Ruth Stepper: Die Darstellung der Naturkatastrophen bei Herodot in: Eckart Olshausen, Holger Sonnabend (Hrsg.): Stuttgarter Kolloquium zur historischen Geographie des Altertums 6, 1996 – Naturkatastrophen in der antiken Welt, Franz Steiner Verlag, 1998, ISBN 3-515-07252-7, S. 94 f.
  6. ↑ Udo Sautter: Die 101 wichtigsten Personen der Weltgeschichte, S. 15.
  7. ↑ André Heller: Das Babylonien der Spätzeit (7.-4. Jh.) in den klassischen und keilschriftlichen Quellen, 2010, S. 305.
  8. ↑ M. Brosius, Women in ancient Persia

 

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Aulus Cornelius Celsus

Aulus Cornelius Celsus (* um 25 v. Chr.; † um 50) war ein römischer Enzyklopädist und einer der wichtigsten Medizinschriftsteller seiner Zeit. Umstritten ist, ob Celsus selbst als Arzt tätig war oder nur als Theoretiker anzusehen ist. Über Celsus' Leben ist wenig bekannt.

Werke

Sein großes enzyklopädisches Werk Artes umfasste die Gebiete Landwirtschaft, Militärwesen, Rhetorik, Philosophie, Rechtslehre und Medizin (als einziges erhalten).

Celsus stützte sich bei seinen Erkenntnissen hauptsächlich auf die Ideen des griechischen Arztes Hippokrates. Celsus steht in der Tradition der alexandrinischen Schule, deshalb wird er auch als medicorum Cicero bezeichnet. Er war der erste, der zahlreiche medizinische Ausdrücke aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzte.

Die noch heute gültigen vier Zeichen der lokalen Entzündung wurden erstmals von Celsus beschrieben: Tumor (Schwellung), Calor (Überwärmung), Rubor (Rötung), Dolor (Schmerz). Galenos (129-216 n. Chr.) fügte als fünftes Merkmal die Functio laesa (Funktionseinschränkung) hinzu.

Der medizinische Teil der Enzyklopädie umfasst acht Bücher:

  • Buch 1 gibt eine Geschichte der Medizin,
  • Buch 2 behandelt die allgemeine Pathologie,
  • Buch 3 die einzelnen Krankheiten,
  • Buch 4 diejenigen der Körperteile,
  • Buch 5 und 6 die Pharmakologie,
  • Buch 7 die Chirurgie und
  • Buch 8 die Knochenbehandlung

Bedeutung im Mittelalter

Celsus' Werk war die erste klassische medizinische Abhandlung, die, nach ihrer Wiederentdeckung 1426, gedruckt wurde. Celsus galt neben Galen als einer der wichtigsten Quellen für medizinische Erkenntnisse im Mittelalter. Erst mit Paracelsus (um 1500 - para hier übersetzt als „gegen“, „darüber hinaus“, nachdem Paracelsus einige Theorien des Celsus verwarf und eine experimentelle Medizin bevorzugte), wurden die Vorstellungen der Viersäftelehre der Hippokratiker und damit des Celsus und des Galen zunehmend für überholt angesehen.

Übersetzungen

  • Jutta Kollesch und Diethard Nickel: Antike Heilkunst - Ausgewählte Texte, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1994, ISBN 978-3-15-009305-4
  • W. Spencer: Celsus. De Medicina. Loeb, Cambridge 1935-1938 (Lat.-engl.)

 

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Cholera

Cholera[1] (griechisch ‚Gallenbrechdurchfall‘) ist eine schwere, bakterielle Infektionskrankheit vorwiegend des Dünndarms, die durch das Bakterium Vibrio cholerae verursacht wird. Die Infektion erfolgt zumeist über verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung. Die Bakterien können extremen Durchfall und starkes Erbrechen verursachen, was zu einer schnellen Austrocknung (Exsikkose) mit Elektrolytverlust führen kann. Obwohl die meisten Infektionen (etwa 85 %) ohne Symptome verlaufen, beträgt die Sterblichkeit bei Ausbruch der Krankheit unbehandelt zwischen 20 und 70 %.

Die Krankheit kann epidemisch auftreten und ist in Deutschland und Österreich meldepflichtig, es ist jeweils namentlich zu melden: der Krankheitsverdacht, die Erkrankung, der Tod, in Deutschland auch der Nachweis des Erregers. In der Schweiz sind erkrankte, infizierte und exponierte Personen identifizierbar zu melden.

Erreger

Die Cholera wird durch das Bakterium Vibrio cholerae ausgelöst, dessen Exotoxin (Choleratoxin genannt) zu starkem, reiswasserartigem Durchfall (nahezu flüssig wie Wasser mit einer weiß-trüben Färbung) mit großem Flüssigkeitsverlust führt. Der Erreger wurde erstmals von Filippo Pacini 1854 als gekrümmtes, kommaförmiges und hochbewegliches Bakterium beschrieben. John Snow erkannte ebenfalls 1854, dass die herrschende Cholera in London nicht durch Dünste (Miasmen) verbreitet wurde, wie seinerzeit allgemein angenommen wurde. Robert Koch hat 1883 zusammen mit Bernhard Fischer und Georg Gaffky in Ägypten den Erreger aus dem Darm verstorbener Patienten in Reinkultur angezüchtet. Dies wurde von Max von Pettenkofer auf drastische Weise bestritten, gilt jedoch längst als gesichert.

Neuere Erkenntnisse zeigten außerdem, dass das letztlich krankheitsauslösende (pathogene) Choleratoxin durch einen DNA-Abschnitt des Vibrio cholerae exprimiert wird, der ursprünglich von einem Bakteriophagen stammt.

Vorkommen

Cholera tritt häufig in armen Ländern auf, in denen Trinkwasser- und Abwassersysteme nicht voneinander getrennt sind und daher das Trinkwasser häufig mit Choleraerregern verunreinigt ist. Diese Erreger finden sich vor allem in Fäkalien sowie in Fluss- und Meerwasser, in welche Fäkalien eingeleitet werden. Außerdem können Fische und andere Nahrungsmittel aus Flüssen und dem Meer mit Choleraerregern verunreinigt sein.

In Industrieländern ist durch Wasserwerke und Kläranlagen eine ausreichende und hygienisch einwandfreie Versorgung der Bevölkerung gewährleistet, so dass Cholerafälle selten sind.

Übertragung

Cholerabakterien gelangen in erster Linie über fäkalienverunreinigtes Trinkwasser, weniger über erreger-kontaminierte Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände in den Gastrointestinaltrakt des Menschen. Eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch wird für möglich gehalten, gilt aber als eher seltenes Ereignis.[2]

Symptome und Beschwerden

Nach einer Inkubationszeit von 2–3 Tagen verläuft Cholera meist in drei Stadien:

  1. Stadium mit Brechdurchfall mit häufig dünnflüssigem Stuhl, oft mit Schleimflocken durchsetzt („Reiswasserstuhl“) und selten mit Schmerzen im Bauch.
  2. Stadium des Flüssigkeitsmangels (Exsikkose). Dabei kommt es zu Untertemperatur und zu einem auffälligen Gesichtsausdruck mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und stehenden Hautfalten.
  3. Stadium der allgemeinen Körperreaktion mit Benommenheit, Verwirrtheit, Koma und Hautausschlag. Komplikationen wie zum Beispiel eine Lungenentzündung, eine Entzündung der Ohrspeicheldrüse und eine Sepsis können hinzukommen.

Menschen mit der Blutgruppe 0 erscheinen besonders gefährdet[3][4], solche mit der Blutgruppe AB am wenigsten.

Diagnose

Die Diagnose geschieht anhand der typischen Beschwerden, die bei einer Person in einem Gebiet mit bekannter Choleragefahr auftreten. Akut erfolgt eine Mikroskopie und Stuhlkultur. Die Anzucht geschieht mittels des Selektivmediums TCBS.[5] Zusätzlich können Stuhlproben in alkalinem Peptonwasser (APW) bei pH 8.4 über Nacht inokuliert werden. Das Inokulat wird nach 4–8 Stunden Inkubationszeit bei 20–40 °C (ideal 37 °C) auf TCBS ausgestrichen. Eine definitive Labordiagnose erfolgt mit Hilfe von Antiserum.[6]

Behandlung

Die wichtigste Behandlungsmaßnahme ist der ausreichende Ersatz von Flüssigkeit, Zucker und Salzen. Dieser Ersatz erfolgt am besten intravenös, da so der entzündete Magen-Darm-Trakt umgangen wird. In Ländern der Dritten Welt wird aber auch der orale Flüssigkeitsersatz (WHO-Trinklösung) einfach und erfolgreich praktiziert: Die WHO empfiehlt eine oral zu verabreichende Salz- und Glucoselösung in Wasser, die aus folgenden Komponenten besteht:

  • Glucose (Traubenzucker) 13,5 g/l
  • Natriumcitrat 2,9 g/l[7]
  • Natriumchlorid (Kochsalz) 2,6 g/l[8]
  • Kaliumchlorid 1,5 g/l

Die optimale Mischung enthält die Lösung „ORS“ (Oral Rehydratation Solution), die es als Fertigpulver zu kaufen gibt.

Ein Antibiotikum vom Fluorchinolonetyp, z. B. Ciprofloxacin, ist bei schweren Verläufen empfehlenswert, es verkürzt v. a. die Zeit der Infektiosität, selten den Krankheitsverlauf. Eine Untersuchung in Bangladesch konnte zeigen, dass eine Einmalgabe des besser verträglichen Antibiotikums Azithromycin wirksamer war als Ciprofloxacin. Mit diesen Maßnahmen kann die Sterblichkeitsrate von 60 % auf unter 1 % gesenkt werden.

Vorbeugung

Zur Vorbeugung empfiehlt sich vor allem die Einhaltung hoher hygienischer Standards, vor allem die Bereitstellung hygienisch einwandfreien Trinkwassers. Eine besonders einfache, aber bislang kaum bekannte Möglichkeit der Trinkwasserdesinfektion ist die Nutzung einer PET-Flasche zur Sonnenlichtaussetzung von Wasser unterschiedlichen Ursprungs. Dieses auch SODIS genannte Verfahren[9] ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in seiner Wirksamkeit anerkannt. Sogar Wasserfilter aus gefaltetem Stoff (z. B. ein alter Sari)[10] senken das Risiko einer Erkrankung um immerhin fast die Hälfte, wie Forscher der National Science Foundation um Rita Colwell in Bangladesh feststellten.

Die frühere intramuskuläre Impfung ist als veraltet und wirkungslos zu beurteilen. Neuere Entwicklungen (Schluckimpfung) sind wirksamer und verträglicher und schützen auch zu einem gewissen Grad vor dem klassischen Reisedurchfall.[11] Ein neuer oraler Cholera-Impfstoff wirkt nicht nur antibakteriell (gegen den Erreger), sondern zusätzlich antitoxisch (gegen das Choleraexotoxin).

Geschichte der Krankheitsausbrüche

Eine Krankheit, die nach heutigem Wissensstand möglicherweise die Cholera war, wurde seit etwa 600 v. Chr. im Gangestal in Indien beobachtet. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert breitete sich die Seuche von Indien kommend nach Westen aus. Um 1830 brachten die gegen den polnischen Novemberaufstand zusammengezogenen russischen Truppen von der indischen Grenze die Krankheit erstmals nach Europa (Tod von Hegel, Clausewitz, Gneisenau, Diebitsch, Langeron, Perier u. v. a.). Binnen weniger Jahre wurden fast alle europäischen Länder von verheerenden Seuchenwellen heimgesucht.

Die empirischen Befunde anhand dieser Epidemie waren für die wissenschaftliche Medizin zunächst niederschmetternd. Denn sie widerlegten beide seit dem ausgehenden Mittelalter in Europa herrschenden Theorien – sowohl die Miasmentheorie der Übertragung durch üble Dünste als auch die Kontagionstheorie der Übertragung durch Berührung eines Kranken. Ein halbes Jahrhundert lang fehlte eine neue Theorie.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es noch große Cholera-Epidemien auf dem Festland und in England. Man wusste sich praktisch zu helfen, etwa durch die neue Erscheinung der „Cholera-Zeitungen“, in denen die getroffenen Maßnahmen verkündet wurden. Sie enthielten auch lange Namenslisten der an Cholera Erkrankten und Verstorbenen. Wichtig wurde dann aufgrund der Wiederkehr der Seuche der Bau des großen Londoner Abwassernetzes unter Joseph Bazalgette.

Der englische Arzt John Snow entdeckte bereits 1854 die Übertragung der Cholera über verschmutztes Trinkwasser, seine Hypothese konnte sich jedoch nur langsam durchsetzen. Im gleichen Jahr entdeckte Filippo Pacini in Florenz im Darminhalt mehrerer Choleraopfer große Zahlen an Bakterien (Vibrionen), die er für die Erreger der Seuche hielt. Auch er konnte sich aber mit seiner Auffassung nicht durchsetzen. Dies gelang erst durch die moderne Theorie der Ansteckung durch Robert Koch, speziell für die Cholera 1884.

Vorher traten in der österreichischen Hauptstadt Wien noch mehrere Choleraepidemien auf. Die erste wurde im Jahr 1830 beobachtet und forderte bis zum Dezember 1831 rund 2.000 Tote. Ursache war das enorme Wachstum der Stadt, womit die Wiener Wasserversorgung nicht Schritt halten konnte. 1854 wurde der Dichter Ferdinand Sauter erstes Opfer eines weiteren Ausbruchs. Im Krimkrieg (1853 bis 1856) kamen auf beiden Seiten mehr Soldaten durch die Cholera um, als in Kampfhandlungen. So starben u. a. der britische Oberbefehlshaber Lord Raglan und der Befehlshaber der französischen Flotte Armand Joseph Bruat daran. 1854 brach die Epidemie auch in London und Teilen Süddeutschlands (darunter in München) aus. Am 27. Juli 1866 wurde ein weiterer Cholerafall in Wien entdeckt. Die Seuche war während des Preußisch-Österreichischen Kriegs im preußischen Heer ausgebrochen und kostete in diesem Feldzug dort 3.139 Soldaten das Leben. Mit dem Truppenvormarsch verbreitete sich die Cholera in Niederösterreich. Am 24. August 1866 begann in Wien eine Choleraepidemie, die bis zum 23. November 1869 Tote in der Stadt verursachte. In der Umgebung waren rund 4.000 Opfer zu beklagen. Im übrigen Niederösterreich kam es in 490 Ortschaften zu geschätzten 23.000 Choleraerkrankungen. Es starben etwa 8.000.

Um 1892 grassierte die Cholera in Afghanistan und gelangte nach Russland. In Hamburg kam es in diesem Jahr zu einer letzten großen Choleraepidemie. Robert Koch vermutete, dass russische Amerika-Auswanderer sie mit in die deutsche Hafenstadt gebracht hätten. Es gibt jedoch auch Zweifel an dieser Hypothese, da die ersten Cholerafälle unter Einheimischen diagnostiziert wurden. Durch die fehlende Aufklärung der Bevölkerung und zu wenig Kläranlagen wurde der Ausbruch des Erregers begünstigt. Allein in Hamburg starben mehr als 8.600 Personen.

Die letzte größere Choleraepidemie des 20. Jahrhunderts breitete sich in Peru 1991 aus. Am 9. Februar rief die peruanische Regierung den nationalen Notstand aus, trotzdem trat die Epidemie auch in Ecuador, Kolumbien, Mexiko und Nicaragua auf. Von den rund 400.000 damals in Südamerika Erkrankten starben schätzungsweise 12.000.

Im Jahr 2007 breitete sich eine Choleraepidemie in weiten Teilen Iraks aus, rund 4.700 Menschen erkrankten. Weltweit wurden im Jahr 2007 177.963 Choleraerkrankungen gemeldet, der Anteil tödlicher Verläufe an allen der WHO gemeldeten Cholerafällen betrug 2,3 %.[12]

Anfang Dezember 2008 wurde in Simbabwe der nationale Notstand in Folge einer schweren Choleraepidemie ausgerufen, da das Land die zu diesem Zeitpunkt 18.000 Verdachtsfälle nicht mehr selbst versorgen konnte.[13] Die Epidemie breitete sich auf den benachbarten Grenzgebiets-Distrikt Vhembe von Südafrika aus, wo mehr als 500 Erkrankungen registriert wurden. Er wurde am 11. Dezember 2008 zum Katastrophengebiet erklärt.[14] Nur einen Tag später erklärte Simbabwes Präsident Mugabe die Cholera-Epidemie in seinem Land für beendet, obwohl zum damaligen Zeitpunkt nach Angaben der unabhängigen Hilfsorganisation Oxfam noch mindestens 60.000 Menschen an der Krankheit litten.[15] Nach Angaben der Vereinten Nationen sind seit dem Ausbruch der Epidemie im August 2008 mittlerweile fast 98.000 Menschen in Simbabwe an Cholera erkrankt, über 4.200 kamen ums Leben. (Stand: 7. Mai 2009).[16]

Ende Oktober 2010 rief Haiti nach dem Ausbruch von Cholera-Erkrankungen den sanitären Notstand aus.[17] Die Infektionen traten zunächst in der ländlichen Provinz Artibonite, nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince, auf. Am 9. November 2010 wurden erstmals Cholera-Erkrankungen in der Hauptstadt gemeldet. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehr als 550 Menschen an der Krankheit gestorben, mehr als 8000 Haitianer waren infiziert.[18] Anfang des Jahres 2010 hatte ein schweres Erdbeben die Region erschüttert.

Zwischen dem 30. Mai und dem 6. Juni 2011 berichtete die Ukraine der WHO von 11 Cholera-Fällen.[19]

Literatur

  • Richard J. Evans: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910. Reinbek 1990, ISBN 3-498-01648-2
  • Gerold Schmidt: Cholera-Zeitungen (1831–1832) als biographisch-genealogische Quelle in: Genealogie. Deutsche Zeitschrift für Familienkunde. Neustadt (Aisch). 46. Jahrgang 1997, S. 708–736 (mit Abb.)
  • H. Lodisch (Zellbiologie) 4. Aufl.
  • Steven Johnson: The Ghost Map. Riverhead Books, U.S., ISBN 978-1-59448-925-9
  • A single dose of azithromycin was more effective than ciprofloxacin for severe cholera in men in Bangladesh. Evid Based Med. 2006 Dec;11(6):181
  • Myron Echenberg: Africa in the Time of Cholera. A Histsory of Pandemics from 1817 to the Present, Cambridge University Press, New York 2011 (Paperback) ISBN 978-0-521-18820-3

Einzelnachweise

  1. ↑ http://www.xxx
  2. ↑ Anna Philine Schlagberger: Die Vorstellungen und das Wissen von der Wirkweise des Choleraerregers Vibrio cholerae im Wandel der Zeit. Dissertation, zum Erwerb des Doktorgrades der Medizin an der Medizinischen Fakultät der Ludwig – Maximilians – Universität zu München, 2009 (PDF-Datei)
  3. ↑ Swerdlow DL, Mintz ED, Rodriguez M, et al.: Severe life-threatening cholera associated with blood group O in Peru: implications for the Latin American epidemic. In: J. Infect. Dis.. 170, Nr. 2, August 1994, S. 468–72. PMID 8035040.
  4. ↑ Harris JB, Khan AI, LaRocque RC, et al.: Blood group, immunity, and risk of infection with Vibrio cholerae in an area of endemicity. In: Infect. Immun.. 73, Nr. 11, November 2005, S. 7422–7. doi:10.1128/IAI.73.11.7422-7427.2005. PMID 16239542. Volltext bei PMC: 1273892.
  5. ↑ Datenblatt TCBS-Agar zur Isolierung und Selektivzüchtung von Vibrio cholera bei Merck, abgerufen am 21. Januar 2011.
  6. ↑ M. Cheesborough: District Laboratory Practice in Tropical Countries, 2. Band, Cambridge University Press, Cambridge, New York 2005-2006, ISBN 978-0-521-67631-1, S. 189–194.
  7. ↑ WHO-Trinklösung und http://xxx
  8. ↑ http://xxx
  9. ↑ http://www.xxx
  10. ↑ http://www.xxx Einfaches Hilfsmittel, um der Cholera vorzubeugen: Wasserfilter aus gefaltetem Stoff
  11. ↑ 8. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin 2005, Prof. Dr. Thomas Weinke: Cholera-Impfung: Ist sie sinnvoll und für wen?
  12. ↑ Weekly Epidemiological Record der WHO, Vol. 83, Ne. 31, 1. August 2008, S. 261–283.
  13. ↑ Focus: Notstand in Simbabwe ausgerufen, focus.de vom 4. Dezember 2008.
  14. ↑ Spiegel Online: Südafrika erklärt Grenzregion zu Katastrophengebiet, spiegel.de vom 11. Dezember 2008.
  15. ↑ n-tv: Cholera in Simbabwe, n-tv.de.
  16. ↑ Weltgesundheitsorganisation (WHO): WHO | Cholera – Daily Updates.
  17. ↑ vgl. Haiti ruft sanitären Notstand aus bei tagesschau.de, 23. Oktober 2010 (aufgerufen am 23. Oktober 2010)
  18. ↑ Spiegel Online: Cholera-Epidemie erreicht Hauptstadt Port-au-Prince, 9. November 2010.
  19. ↑ WHO: Ukraine reports 14 cholera cases 06-06-2011. Abgerufen am 10. Juni 2011

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Durchfall

(Weitergeleitet von Diarrhoe)

Als Durchfall (medizinisch Diarrhö oder Diarrhoe, von griechisch diárrhoia διάρροια ‚Durchfall‘, aus diá διά ‚durch‘ und rhéō ῥέω ‚fließen‘) wird die zu häufige Abgabe von zu flüssigem Stuhl bezeichnet. Durchfall kann ein Symptom vieler Erkrankungen (z. B. Infektionen, Nahrungsmittelvergiftungen, Tumoren) sein. Weltweit erkranken pro Jahr schätzungsweise rund 4 Milliarden Menschen an Durchfall, 7,5 Millionen Menschen (vor allem Kinder) sterben an den Folgen.[1]

Die normale Frequenz (dreimal am Tag bis dreimal die Woche) und Konsistenz (kaum geformt bis hart) des Stuhlgangs unterscheiden sich zwischen verschiedenen Menschen.[1] Auch die subjektive Einschätzung, was „normaler“ Stuhlgang sei, unterscheidet sich stark.[1] Als medizinische Definition von Durchfall bei Erwachsenen gilt ein Stuhlgewicht von über 200–250 g pro Tag, bei zu häufiger Frequenz und zu hohem Wasseranteil.[2]

Ein akuter Durchfall verläuft meist leicht und heilt ohne weitere Maßnahmen (z. B. Medikamente) ab. Schwerer und länger andauernder Durchfall dagegen kann aufgrund des Wasser- / Elektrolytverlusts gefährlich sein und einer (medikamentösen) Therapie bedürfen.

Von der Diarrhö abzugrenzen ist die Pseudodiarrhö, z. B. im Rahmen eines Reizdarmsyndroms. Dabei sind zwar Stuhlfrequenz und Wassergehalt gesteigert, das Stuhlgewicht aber nicht krankhaft erhöht. Ebenfalls kein Durchfall im eigentlichen Sinne ist die paradoxe Diarrhö mit eher vermindertem Stuhlgewicht, die Symptom eines Darmkrebs sein kann.[3]

Einteilung des Durchfalls

Einteilung nach der Dauer

Nach der Dauer des Durchfalls kann – etwas unscharf – eine akute von einer chronischen Diarrhö unterschieden werden. Die akute Diarrhö dauert bis maximal zwei bis drei Wochen[1] und hat meist infektiöse oder toxische Ursachen. Länger andauernde Durchfälle werden als chronische Diarrhöen bezeichnet, für die viele Ursachen wie Nahrungsmittelintoleranzen, chronische Darmerkrankungen oder Tumoren in Frage kommen.

Einteilung nach der Krankheitsentstehung

Durchfall kann weiter nach dem Pathomechanismus, also danach, wie die Krankheit entsteht, unterschieden werden. Die Krankheiten und Mechanismen werden im Detail unter „Ursachen“ erklärt.

 

Formen der Diarrhö nach Krankheitsentstehung[3][4]

Diarrhö-Form

Pathomechanismus

Mögliche Ursachen (Beispiele)

Osmotische Diarrhö

Nicht aufgenommene Nahrungsbestandteile, Medikamente oder andere Stoffe ziehen Wasser osmotisch in das Darmlumen

Laktoseintoleranz, Zöliakie, Sprue, Einnahme von Laxantien, übermäßiger Sorbitol-Konsum

Sekretorische

DiarrhöDie Darmschleimhaut sezerniert aktiv Wasser oder Elektrolyte, denen Wasser folgt

Nahrungsmittelvergiftungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Einnahme von Laxantien

Exsudative Diarrhö

Durch Entzündungen der Darmschleimhaut werden dem Stuhl Schleim und Blut beigemengt

Invasive Bakterien, Parasiten, Kolonkarzinom, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Hypermotile Diarrhö

Durch eine Steigerung der Darmbewegungen und dadurch eine kürzere Verweildauer des Stuhls im Darm, kann nicht genug Flüssigkeit aufgenommen werden.

Hyperthyreose, Reizdarmsyndrom, diabetische Polyneuropathie

Steatorrhoe (Fettstuhl)

Es sind nicht genug Gallensäuren im Darm, um alle aufgenommenen Fette zu spalten

Exokrine Pankreasinsuffizienz, Gallenblasenentfernung

 

Ursachen

Diarrhö-Formen lassen sich auch sinnvoll nach der Ursache einteilen. Infektionen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten führen meist zu akuter Diarrhö, während chronische Darmerkrankungen und Karzinome Beispiele für die Ursachen einer chronischen Diarrhö sind.

Infektionen

Der häufigste Auslöser einer Diarrhö sind Bakterien und Viren, die zu einer Gastroenteritis führen. Der weltweit bedeutendste Erreger ist der Erreger der Cholera, vibrio cholerae, an der weltweit rund sechs Millionen Menschen erkranken und über 100.000 sterben.[5] In Deutschland ist die Cholera allerdings extrem selten, hier werden Infektionen häufig verursacht durch Norovirus und Rotavirus oder Salmonellen. Oft werden auch Durchfälle durch verdorbene Lebensmittel verursacht: Auslöser sind hier von Bakterien produzierte Toxine (siehe unten: „Lebensmittelvergiftung“).

Es besteht in Deutschland eine Meldepflicht für viele Durchfallerreger. Bei 30 bis 50 %[5] aller Reisenden in (sub)tropische Länder kommt es zur Ausbildung einer Reisediarrhö von unterschiedlicher Schwere. Die wichtigste Schutzmaßnahme vor allen Formen infektiöser Diarrhö ist die persönliche Hygiene und der Konsum von nicht belastetem Wasser und Lebensmitteln.

Bei Durchfallerkrankungen, die von Bakterien ausgelöst werden, unterscheidet man drei Mechanismen:

  • Erreger vom Sekretionstyp sind beispielsweise Vibrio cholerae oder ETEC (Enterotoxischer E. coli, der Haupterreger der Reisediarrhö). Diese wirken auf die Darmschleimhaut ein, und veranlassen diese, Elektrolyte und Wasser in den Darm abzugeben.
  • Vertreter des Invasionstyps sind zum Beispiel Shigellen, Campylobacter, Clostridium difficile (Antibiotikaassoziierte Kolitis, siehe auch unter Medikamente), oder EIEC/EHEC (Enteroinvasiver bzw. Enterohämorrhagischer E. Coli). Diese dringen in die Schleimhautzellen des Darms ein, vermehren sich dort und führen zur Zerstörung der Zellen.
  • Erreger des Penetrationstyps sind Salmonellen und Yersinien. Diese werden von der Darmschleimhaut aufgenommen und in das daruntergelegene Bindegewebe geschleust, wo sie eine Entzündungsreaktion verursachen. Wie genau dies zu Diarrhö führt ist noch nicht geklärt.[6]

Sehr häufig werden Durchfälle auch von Viren verursacht. Die Hauptvertreter dieser Viren sind Rotavirus und Norovirus.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Eine Lebensmittelvergiftung führt zum Durchfall, weil sich in dem verdorbenen Lebensmittel Bakterien vermehren und dabei Giftstoffe, so genannte Enterotoxine, bilden konnten. Vertreter dieser Bakterien sind Staphylococcus aureus, Clostridium perfringens und Bacillus cereus. Die Vermehrung der Bakterien wird begünstigt durch ungenügende Hygiene bei der Zubereitung und zu warme Lagerung. Eigentlicher Auslöser des Durchfalls sind also nicht die Bakterien selbst, sondern die Aufnahme der schon gebildeten Enterotoxine. Da die Enterotoxine beispielsweise von Staphylococcus aureus sehr stabil gegenüber Hitze sind, schützt auch das Kochen bereits verdorbener Speisen nicht.

Häufig anzutreffen ist auch die Laktoseintoleranz. In Deutschland sind ca. 15 % der Bevölkerung betroffen, in asiatischen Volksgruppen über 95 %.[7] Je nach Schwere der Intoleranz kommt es zu Blähungen, Durchfall und Bauchschmerzen. Im Darm kann Milchzucker (Laktose) durch das Enzym Laktase zu den Einfachzuckern Glucose und Galactose gespalten werden. Bei Laktoseintoleranz - die für den überwiegenden Teil der erwachsenen Weltbevölkerung der Normalfall ist - fehlt dieses Enzym ganz oder teilweise, sodass Laktose im Dickdarm von Bakterien gespalten wird. Dabei entstehen die Gase Kohlendioxid und Wasserstoff und kurzkettige Fettsäuren, die osmotisch aktiv sind, also Wasser anziehen, und so Durchfall auslösen.

Eine andere Form der Nahrungsmittelunverträglichkeit sind Nahrungsmittelallergien, z. B. gegen Erdbeeren, Milch, Nüsse, Eiweiß oder Fisch.[4]

Medikamente

Die Einnahme von Antibiotika kann zu Durchfall führen, da sie nicht nur auf bakterielle Krankheitserreger wirken, sondern auch die Bakterien der physiologischen Darmflora schädigen. Das Spektrum des Antibiotika-assoziierten Durchfalls reicht von nur wenig, aufgeweichtem Stuhl bis hin zur Clostridium difficile-assoziierten Diarrhö mit der ernsten Komplikation einer Pseudomembranösen Colitis.

Natürlich kann der Gebrauch und Missbrauch von abführenden Medikamenten, den so genannten Laxantien, ebenfalls zu Durchfall führen. Insbesondere der Laxantienmissbrauch mit dem Ziel der Gewichtsreduktion führt zu Elektrolytverlusten, die ihrerseits zu Verstopfung oder im Extremfall zu lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen führen können.

Diarrhö ist auch eine mögliche Nebenwirkung einiger weiterer Medikamente, zum Beispiel Krebsmedikamenten (Zytostatika) und Eisenpräparaten, oder Nahrungsergänzungsmitteln wie zum Beispiel Vitamin C (Ascorbinsäure). Auch der übermäßige Konsum des Zuckeraustauschstoffs Sorbitol (z. B. in Kaugummis) wirkt abführend.

Malassimilationssyndrome

Die „schlechte Verwertung“ von Nährstoffen wird als „Malassimilation“ bezeichnet. Es wird weiter unterschieden zwischen Krankheiten, bei denen die Nahrung nicht richtig „zerlegt“ wird (Maldigestion) und Krankheiten, bei denen die Aufnahme der aufgespaltenen Nahrungsbestandteile gestört ist (Malabsorption).

Zu einer Maldigestion führen die operative Entfernung des Magens (Gastrektomie), eine unzulänglich arbeitende Bauchspeicheldrüse (Exokrine Pankreasinsuffizienz), der Verlust von Gallensäuren oder der Verschluss der Gallenwege. Alle diese Erkrankungen haben gemein, dass die zur Aufspaltung der zugeführten Nahrung notwendigen Verdauungsenzyme nicht im Darm ankommen oder erst gar nicht, bzw. nicht in ausreichender Menge, produziert werden.

Bei einer Malabsorption werden die Nährstoffe von der Darmschleimhaut nicht aufgenommen. Dies ist zum Beispiel bei der Zöliakie (Glutenunverträglichkeit), Morbus Whipple, Amyloidose oder nach Entfernung des Dünndarms der Fall.

Weitere Ursachen

  • Vergiftungen (Intoxikationen) mit beispielsweise Arsen, Quecksilber oder Pilzen
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Bei Morbus Crohn sind die Durchfälle typischerweise ohne Blutbeimengungen, bei Colitis ulcerosa dagegen blutig-schleimig.[7]
  • hormonelle (endokrine) Erkrankungen (z. B. Hyperthyreose)
  • psychische Auslöser (z. B. Stress, Angst)
  • Reizdarmsyndrom

Diagnostik

Zur ärztlichen Basisdiagnostik bei Durchfallerkrankungen gehört eine Anamnese, bei der insbesondere Häufigkeit des Stuhlgangs, Stuhlbeschaffenheit und Schmerzen abgefragt werden sollten. Auslandsaufenthalte und Medikamenteneinnahmen sollten ebenfalls eruiert werden. Bei der grundlegenden körperlichen Untersuchung wird der Bauch abgetastet (Palpation) und abgehört (Auskultation), bei dieser Gelegenheit sollte auch auf Zeichen einer Austrocknung (Exsikkose) geachtet werden.[4] Zusätzlich kann es nötig sein, den Stuhl in Augenschein zu nehmen (Stuhlvisite) sowie eine digital-rektale Untersuchung durchzuführen.[3]

Der Versuch, eventuell vorhandene Krankheitserreger nachzuweisen, ist in vielen Fällen – insbesondere unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten gesehen – nicht nötig.[6] Wegweisend kann die Mikroskopie des Stuhls auf weiße Blutkörperchen (Leukozyten) sein, die z. B. bei schwerem/längerem Krankheitsbild oder blutigem Durchfall veranlasst werden sollte. Ein Nachweis von Leukozyten spricht z. B. für Noro- und Rotaviren oder Protozoen als Erreger, können keine Leukozyten nachgewiesen werden, kann das für Salmonellen, Shigellen oder andere Bakterien sprechen.[3]

Weitere Untersuchungsmöglichkeiten sind beispielsweise:

  • Laboruntersuchungen des Blutes
  • Endoskopie (z. B. Koloskopie)
  • Ultraschalluntersuchung des Bauches (Abdomensonografie)
  • Laktosetoleranztest
  • Untersuchungen von Nahrung, Trinkwasser, etc.

Therapie

Zunächst sollte – wie bei jeder Erkrankung – die Ursache des Durchfalls behoben bzw. bekämpft werden (kausale Therapie). Ist eine Klärung der Ursache nicht möglich oder nicht sinnvoll, können die Symptome bekämpft werden. So steht etwa mit Loperamid (Imodium®) aus der Gruppe der opioiden Medikamente ein Mittel zur Verfügung, das die Darmbewegungen (Darmmotilität) hemmt. Diese Medikamente können dem Patienten Linderung verschaffen, dürfen aber nicht bei schweren bakteriellen Darminfektionen eingesetzt werden, die mit Fieber und blutigem Durchfall einhergehen, da die Elimination der Krankheitserreger und die Ausscheidung von Giftstoffen (Toxinen) unterdrückt wird. Bei Kindern unter zwei Jahren kann Loperamid zudem ins Nervensystem vordringen und dort zu Atemhemmung und Delirium führen (Loperamid ist ein Opioid), während bei älteren Kindern und Erwachsenen der Übertritt ins Nervensystem durch die Blut-Hirn-Schranke verhindert wird. Aus diesem Grund darf Loperamid bei Kindern unter zwei Jahren nicht zum Einsatz kommen, und sollte bei Kindern zwischen zwei und zwölf Jahren nur sehr vorsichtig nach dem Körpergewicht dosiert werden. Grundsätzlich sollte Loperamid nur kurzfristig (max. 48 Stunden) und bevorzugt als überbrückendes Reisemedikament bei schweren Durchfällen angewendet werden, bis man entsprechende ärztliche Versorgung erreicht.[8][9]

Eine sinnvolle Basistherapie ist in vielen Fällen der Verzicht auf Nahrung (Nahrungskarenz); die physiologische Darmflora kann außerdem mit Präparaten, die E. Coli oder Hefekulturen enthalten, unterstützt werden.

Eine Therapie mit Antibiotika (z. B. mit Ciprofloxacin oder Cotrimoxazol) ist meist nur bei Abwehrschwäche (z. B. AIDS, fortgeschrittenes Alter) oder besonders schwerem Verlauf angezeigt.[6] Keinesfalls angewendet werden dürfen Antibiotika bei durch EHEC (enterohämorrhagische E. Coli) verursachtem Durchfall, da sie in diesem Fall zu einem lebensgefährlichen Nierenversagen führen können. Gut untersucht ist die Gabe von Antibiotika bei der Reisediarrhö. Eine vorbeugende (prophylaktische) Gabe von Antibiotika sollte auf keinen Fall erfolgen, vor allem, weil sie die Entstehung von resistenten Erregern fördern kann.[5] Bei vorliegender Reisediarrhö kann die Dauer des Durchfalls mit der Einnahme von Antibiotika in einigen Fällen verkürzt werden.

Die wichtigste Maßnahme – vor allem bei länger andauerndem Durchfall – ist der Ersatz des verloren gegangenen Wassers und der Elektrolyte. Dies kann – je nach Schwere des Durchfalls – oral oder parenteral (mittels eines venösen Zugangs) erfolgen. Dazu stehen fertige Elektrolytmischungen zur Verfügung, es kann aber auch auf eine selbst hergestellte orale Rehydratationslösung zurückgegriffen werden. Dies ist insbesondere in Entwicklungsländern relevant, da dort Durchfallerkrankungen wie Cholera regelmäßig vorkommen, entsprechende Medikamente aber oft nicht zur Verfügung stehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt derzeit folgende Elektrolytmischung pro Liter sauberem (oder abgekochtem) Trinkwasser[10]:

  • 2,6 g Natriumchlorid (Kochsalz)
  • 13,5 g Glucose (Traubenzucker)
  • 2,9 g Natriumcitrat
  • 1,5 g Kaliumchlorid

Neben der Zufuhr an Elektrolyten wird durch den zugesetzten Zucker die Aufnahme des Wassers in den Körper erleichtert, da Glukose stets zusammen mit Natrium aus dem Darm aufgenommen wird, und dem Natrium dann passiv Wasser nachfolgt. Falls fertige Rehydratationslösungen nicht zur Verfügung stehen, kann diese Mischung näherungsweise auch selbst hergestellt werden. Hierzu werden folgende Zutaten in einem bestimmten Verhältnis in einem Liter (gekochtem und abgekühltem) Trinkwasser (z. B. Mineralwasser ohne Kohlensäure) gelöst:[11]

  • 1/4 Teelöffel Salz (für Natriumchlorid)
  • 2 Esslöffel Zucker oder Honig (für Glukose)
  • 1/4 Teelöffel Backpulver (für Natriumbikarbonat bzw. Natriumcitrat)
  • 1/2 Tasse Orangensaft oder 1–2 zerdrückte Bananen (für Kalium)
  • (keine offiziellen Angaben der WHO)

Obwohl dieses Rezept eine halbwegs gute Annäherung an die von der WHO empfohlene Zusammensetzung ist, wird sie aufgrund der potentiellen Risiken (z .B. falsche Zubereitung) nicht für Kinder unter fünf Jahren empfohlen, da diese besonders sensibel auf Elektrolytschwankungen reagieren.[12] Es finden sich zahlreiche Abweichungen dieser selbst hergestellten Lösung im Internet, die jedoch größtenteils auf den veralteten Empfehlungen der WHO basieren.

Die früher gebräuchliche Elektrolyttherapie mit einer Kombination aus Softdrink (z. B. Coca-Cola) und Salzgebäck wird hingegen nicht mehr empfohlen. Coca-Cola enthält mehr als acht Mal so viel Zucker (≥110 g/L) wie von der WHO für die Rehydratationslösung empfohlen und weist somit eine massiv erhöhte osmolare Aktivität auf (bis zu 780 mOsm/L), durch die Wasser gebunden und der Durchfall in aller Regel verstärkt wird. Der dadurch entstandene relative Natriumüberschuss im Blut (Hypernatriämie) sowie der nicht abgedeckte (und durch Coca-Cola verstärkte)[13] Mangel an Kalium (Hypokaliämie) belasten das ohnehin schon verschobene Elektrolytgleichgewicht im Körper.[12][14]

Einzelnachweise

  1. ↑ a b c d Herbert Renz-Polster, Steffen Krautzig: Basislehrbuch Innere Medizin. 4. Auflage. Elsevier,Urban&FischerVerlag, München 2008, ISBN 978-3437410536, S. 592 ff..
  2. ↑ Wolfgang Piper: Innere Medizin. 1. Auflage. Springer, Berlin 2006, ISBN 978-3540337256, S. 391.
  3. ↑ a b c d Hanns-Wolf Baenkler et al.: Kurzlehrbuch Innere Medizin. 1. Auflage. Thieme, Stuttgart 2007, ISBN 978-3131416711, S. 255 ff..
  4. ↑ a b c Keikawus Arastéh et al.: Duale Reihe Innere Medizin. 2. Auflage. Thieme, Stuttgart 2009, ISBN 978-3131181626, S. 457 ff..
  5. ↑ a b c Gerd Herold: Herold Innere Medizin 2010. 1. Auflage. 2010, S. 819 ff..
  6. ↑ a b c Hahn, Kaufmann, Schulz, Suerbaum: Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. 6. Auflage. Springer, Berlin 2008, ISBN 978-3540463597, S. 828 ff..
  7. ↑ a b Gerd Herold: Herold Innere Medizin 2010. 1. Auflage. 2010, S. 457 ff..
  8. ↑ Aktories, Förstermann, Hofmann, Starke (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 10. Auflage. Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, München 2009, ISBN 978-3-437-42522-6, S. 575 f..
  9. ↑ Sökeland, Jürgen: Reisediarrhö Der Urologe. 2008. 47:757–758 {{DOI: 10.1007/s00120-008-1633-5}}
  10. ↑ WHO, UNICEF. Oral Rehydration Salts: Production of the new ORS (pdf). Abgerufen am 21. Dezember 2010.
  11. ↑ Oral Rehydration Salts – Solutions: Made at Home. Abgerufen am 1. Februar 2011 (englisch).
  12. ↑ a b Koletzko, Sibylle; Osterrieder, Stephanie: Akute infektiöse Durchfallerkrankung im Kindesalter. Deutsches Ärzteblatt International. 2009. 106(33): 539-47 {{DOI: 10.3238/arztebl.2009.0539}}
  13. ↑ V. Tsimihodimos, V. Kakaidi, M. Elisaf. Cola-induced hypokalaemia: pathophysiological mechanisms and clinical implications. International Journal of Clinical Practice. 63 (6), 900-902 doi:10.1111/j.1742-1241.2009.02051.x
  14. ↑ WHO: Programme for the Control of Diarrhoeal Diseases. WHO/CDD/93.44: The selection of fluids and food for home therapy to prevent dehydration from diarrhoea: Guidelines for developing a national policy (pdf). Abgerufen am 21. Dezember 2010.

 

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Indol-Test

Der Indol-Test ist ein einfaches biochemisches Verfahren zur Klassifikation von Bakterien (Bunte Reihe). Der Test dient zum Nachweis des Enzyms Tryptophanase. Tryptophanase spaltet Tryptophan zu Indol, Pyruvat und Ammoniak. Indol reagiert mit 4-(N,N-Dimethylamino)-benzaldehyd unter Bildung des roten Cyaninfarbstoff Rosindol, der in Alkohol, Ether und Chloroform löslich ist.

Das Indol-Reagenz, auch Kovacs-Reagenz, ist eine Lösung aus 5 % 4-(N,N-Dimethylamino)-benzaldehyd in 75 % Isoamylalkohol und 25 % konzentrierter Salzsäure. Ein Bakterium ist Indol-positiv, wenn sich nach Zugabe des Indol-Reagenz eine Rotfärbung einstellt. Bleibt die Lösung farblos, ist das Bakterium Indol-negativ.

Literatur

  • Böhme, A. (1906). Die Anwendung der Ehrlichschen Indolreaktion für bakteriologische Zwecke. In: Zentralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde, Infektionskrankheiten und Hygiene. Bd. 40, S. 133-192.
  • Kovacs, N. (1928). Eine vereinfachte Methode zum Nachweis der Indolbildung durch Bakterien. In: Zeitschrift für Immunitätsforschung, Allergie und klinische Immunologie. Bd. 55, S. 311-315.

 

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Paul EhrlichPaul Ehrlich 1854 bis 1915 auf einer Photographie um 1910

Paul Ehrlich (* 14. März 1854 in Strehlen bei Breslau; † 20. August 1915 in Bad Homburg vor der Höhe) war ein deutscher Arzt. Durch seine Färbemethoden unterschied er verschiedene Arten von Blutzellen, wodurch die Diagnose zahlreicher Blutkrankheiten ermöglicht wurde. Als Erster entwickelte er eine medikamentöse Behandlung der Syphilis und begründete damit die Chemotherapie. Außerdem war er entscheidend an der Entwicklung des Heilserums gegen Diphtherie beteiligt, die üblicherweise Emil von Behring alleine zugeschrieben wird. Als Direktor des Instituts für experimentelle Therapie arbeitete er die Methoden für die Standardisierung („Wertbestimmung“) von Sera aus. 1908 erhielt er zusammen mit Ilja Metschnikow für seine Beiträge zur Immunologie den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Leben

Paul Ehrlich wurde als zweites Kind von Ismar und Rosa Ehrlich geboren. Der Vater war Likörfabrikant und königlicher Lotterie-Einnehmer in Strehlen, einem etwa 5000 Einwohner großen Ort in der Provinz Niederschlesien. Bereits sein Großvater Heymann Ehrlich war dort Destillateur und Schankpächter gewesen und hatte es zu einigem Wohlstand gebracht. Ismar Ehrlich war Vorsteher der jüdischen Gemeinde; trotzdem gab er seinen einzigen Sohn den christlichen Namen „Paul“. Ehrlich selbst konvertierte später nicht – wozu sich viele jüdische Kollegen aus Karrieregründen genötigt sahen – zum Protestantismus, pflegte jedoch die jüdischen Gebräuche und Vorschriften eher nachlässig.

Nach der Volksschule besuchte Paul von 1864 bis 1872 das traditionsreiche Maria-Magdalenen-Gymnasium in Breslau, wo er auch Albert Neisser kennen lernte. Verschiedene Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend bleiben spekulativ. Die Schule hat Ehrlich im Rückblick „immer als drückende Last empfunden“.[1] Militärdienst hat er nicht geleistet.

Ehrlich studierte Medizin in Breslau und Straßburg mit einem kurzen Aufenthalt in Freiburg und wurde 1878 in Leipzig, wohin sein Doktorvater Julius Cohnheim gewechselt war, promoviert. Nach dem Studium arbeitete er als Assistent und Oberarzt unter Theodor Frerichs – dem Begründer der experimentellen Klinischen Medizin – an der Charité in Berlin. Die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit lagen in dieser Zeit auf Histologie, Hämatologie und Farbenchemie. 1882 wurde ihm der Titel „Professor“ verliehen.

Nach einer beruflichen Krise, weil er sich mit Frerichs' Nachfolger Carl Gerhardt nicht verstand, und einer Lungentuberkulose, die er in Ägypten auskurierte, stand Ehrlich 1889 ohne Stelle oder Aussicht auf einen Lehrstuhl da. Er richtete sich eine private Praxis und ein kleines Labor in Berlin ein. 1890 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität ernannt. 1891 holte ihn Koch an sein Institut für Infektionskrankheiten, wo er besonders an immunologischen Fragen arbeitete. Für das neue Arbeitsfeld wurde 1896 das Institut für Serumforschung und Serumprüfung gegründet, dessen Direktor Ehrlich wurde. Im selben Jahr wurde Ehrlich auch zum „Geheimen Medizinalrat“ ernannt. 1899 wurde sein Institut nach Frankfurt am Main verlegt und in Institut für experimentelle Therapie umbenannt. Ein wichtiger Mitarbeiter dort wurde Max Neisser.

1904 erhielt Ehrlich eine ordentliche Honorarprofessur in Göttingen. 1906 ermöglichte eine großzügige Spende von Franziska Speyer den Bau des Georg-Speyer-Hauses, dessen Direktor Ehrlich in Personalunion wurde. Hier entwickelte er die Chemotherapie, deren erstes Beispiel 1909 das „Salvarsan“ gegen Syphilis wurde. 1907 erhielt Ehrlich den nur selten vergebenen Titel „Geheimer Obermedizinalrat“. 1908 wurden seine immunologischen Arbeiten mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Ehrlich, der Vorlesungen immer als lästige Pflicht empfunden hatte, wurde 1914 zum ordentlichen Professor für Pharmakologie an der neu gegründeten Frankfurter Universität berufen. Jedoch verhinderte er erfolgreich, dass das Georg-Speyer-Haus in die Universität eingegliedert wurde.

Am 14. August 1883 heiratete Ehrlich in der Synagoge von Neustadt in Oberschlesien Hedwig Pinkus (1864-1948), die Tochter eines schlesischen Textilfabrikanten. Seine Frau behandelte er in einem für die damalige Zeit ungewöhnlichen Maß als gleichberechtigte Lebenspartnerin (auch in seinem Institut setzte er sich für eine Lohnerhöhung für die weiblichen Angestellten ein, die er im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen als zu niedrig entlohnt empfand). 1884 kam die Tochter Stefanie, 1886 die zweite Tochter Marianne zur Welt. Die Mitgift aus der Ehe enthob Ehrlich aller finanziellen Schwierigkeiten, sodass er auch Perioden der Arbeitslosigkeit überbrücken konnte. Alle Zeugen beschreiben Ehrlich in seiner persönlichen Lebensführung als bescheiden, als seine einzige große Schwäche galten Zigarren.

Ehrlich hatte – mit Ausnahme des Institut Pasteur – immer gut mit ausländischen Kollegen kooperiert; zu den ausländischen Gastwissenschaftlern, die bei ihm gearbeitet hatten, hatten die späteren Nobelpreisträger Henry H. Dale und Paul Karrer gehört. Im Ersten Weltkrieg unterzeichnete Ehrlich den propagandistischen „Aufruf an die Kulturwelt“, der in der internationalen Wissenschaftswelt Entsetzen auslöste. Am 17. August 1915 erlitt er einen Herzinfarkt, dem er am 20. August erlag. Kaiser Wilhelm II. schrieb in seinem Beileidstelegramm: „Ich beklage mit der gesamten gebildeten Welt den Tod dieses um die medizinische Wissenschaft und die leidende Menschheit so hochverdienten Forschers, dessen Lebenswerk ihm bei der Mit- und Nachwelt unvergänglichen Ruhm und Dank sichert.“ Paul Ehrlich wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße in Frankfurt am Main begraben.

Werk

Färbemethoden für die Hämatologie

Ehrlichs Cousin Carl Weigert hatte Anfang der 1870er Jahre als Erster Bakterien mit Farbstoffen angefärbt und die Anilinfarbstoffe in die Histologie und die Bakteriendiagnostik eingeführt. Während seines Studiums in Straßburg unter dem Anatomen Heinrich Wilhelm Waldeyer beschäftigte sich Ehrlich weiter mit Farbstoffen und der Färbung von Geweben für die mikroskopische Untersuchung. Für das achte Semester ging Ehrlich nach Freiburg im Breisgau, wo er vor allem mit dem Farbstoff Dahlia arbeitete. Aus dieser Zeit stammt seine erste Veröffentlichung.[2] 1878 wurde Ehrlichs Doktorvater Julius Cohnheim nach Leipzig berufen. Ehrlich folgte ihm und reichte noch im selben Jahr seine Dissertation mit dem Titel Beiträge zur Theorie und Praxis der histologischen Färbung ein.

Zu den herausragenden Ergebnissen dieser Doktorarbeit zählte die Entdeckung einer neuen Zellart. Ehrlich entdeckte im Protoplasma von vermeintlichen Plasmazellen eine Körnung, die sich mit Hilfe basischer Farbstoffe darstellen ließ. Er dachte, dass es sich um einen Zustand guter Ernährung handeln müsse und nannte die Zellen „Mastzellen“. Ungewöhnlich für eine medizinische Doktorarbeit war der chemische Schwerpunkt: Ehrlich stellte in ihr das gesamte Spektrum der damaligen Färbetechniken und die Chemie der verwendeten Farbstoffe dar.

In seiner Zeit an der Charité baute Ehrlich die Differenzierung der weißen Blutkörperchen anhand ihrer verschiedenen Granula weiter aus. Voraussetzung war die Technik der Trockenpräparate, die er ebenfalls entwickelt hatte. Ein Tropfen Blut wurde zwischen zwei Glasplatten gebracht und längere Zeit über dem Bunsenbrenner erhitzt. Die Blutkörperchen wurden so fixiert, blieben aber anfärbbar. Ehrlich benutzte basische und saure Farbstoffe, kreierte aber auch neue „neutrale“ Farbstoffe. Zum ersten Mal grenzte er so innerhalb der Leukozyten die Lymphozyten ab. Durch ihre Granulierung konnte er nicht-granulierte Lymphozyten, mono- und polynukleäre Leukozyten, eosinophile Granulozyten und Mastzellen unterscheiden. Für die Differentialdiagnostik der Blutkrankheiten führte er die Auszählung der verschiedenen Blutzellen ein.

Seit 1880 beschäftigte sich Ehrlich auch mit den roten Blutkörperchen. Er wies vor allem bei Anämien kernhaltige rote Blutkörperchen nach, die er in Normoblasten, Megaloblasten, Mikroblasten und Poikiloblasten unterteilte. Er hatte die Vorläuferzellen der Erythrozyten gefunden. Ehrlich schuf damit, nachdem er mit der Untersuchung der weißen Blutzellen die Grundlage für die Systematik der Leukämien gelegt hatte, die Grundlage für die Analytik der Anämien.

Zu seinen Aufgaben an der Charité gehörte die Untersuchung von Blut- und Urinproben der Patienten. 1881 veröffentlichte Ehrlich mit der Diazoreaktion eine neue Untersuchungsreaktion für den Harn, mit der verschiedene Typhus-Formen gegen einfache Durchfallerkrankungen abgegrenzt werden konnten. Die Intensität der Farbreaktion erlaubte eine Prognose über den zu erwartenden Krankheitsverlauf. Die dabei verwendete Farblösung wird heute noch als Ehrlichs Reagenz bezeichnet.

Ehrlichs Leistung, aber auch Problem bei seiner weiteren Karriere, war, dass er ein neues Gebiet zwischen Chemie, Biologie und Medizin erschlossen hatte. Viele seiner Arbeiten wurden von Medizinern mit Unverständnis aufgenommen, weil die chemischen Anforderungen weit über ihren Horizont hinausgingen. Auch war kein für Ehrlich geeigneter Lehrstuhl in Sicht.

Serumforschung

Freundschaft mit Robert Koch

Nach dem vierten Semester war Ehrlich nach Breslau zurückgekehrt, wo ihm der Pathologe Julius Friedrich Cohnheim die Möglichkeit zu umfangreicheren Experimenten einräumte. Cohnheim machte ihn auch mit Robert Koch bekannt, der damals Kreisarzt in Wollstein, Provinz Posen, war. Koch hatte in seiner Freizeit den Lebenszyklus des Milzbranderregers aufgeklärt. Er wandte sich an Ferdinand Cohn, der von Kochs Arbeiten schnell überzeugt war und ihn im Kreis seiner Breslauer Kollegen bekannt machte. Vom 30. April bis zum 2. Mai 1876 stellte Koch seine Versuche in Breslau vor, was Paul Ehrlich in der Schlussphase als Student miterlebte.

Am 24. März 1882 war Ehrlich anwesend, als Robert Koch, der seit 1880 am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin war, seinen Vortrag Über Tuberkulose hielt, in dem er berichtete, wie er den Tuberkulose-Erreger identifiziert hatte. Ehrlich bezeichnete diesen Vortrag später als sein „größtes wissenschaftliches Erlebnis“. Bereits am Tag nach Kochs Vortrag hatte er dessen Färbemethode weiter verbessert, was von Koch vorbehaltlos anerkannt wurde. Spätestens seit dieser Zeit waren die beiden Männer befreundet.

1890 übernahm Ehrlich im Auftrag Kochs die Tuberkulosestation am Städtischen Krankenhaus Moabit. Unter anderem hier wurde Kochs angebliches Tuberkulose-Therapeutikum Tuberkulin erforscht, das sich Ehrlich auch selbst spritzen ließ. In dem folgenden „Tuberkulin-Skandal“ versuchte Ehrlich Koch zu stützen und betonte vor allem den Wert des Tuberkulins als Diagnostikum. 1891 holte Robert Koch Ehrlich an das neu gegründete Institut für Infektionskrankheiten. Zwar konnte er ihm keine Entlohnung bieten, dafür aber vollen Zugriff auf Laborpersonal, Patienten, Chemikalien und Versuchstiere, wofür Ehrlich ihm immer dankbar blieb.

erste Arbeiten zur Immunität

Noch in seinem privaten Laboratorium hatte Ehrlich erste Experimente zur Immunisierung begonnen. Er ließ Mäuse an die Gifte Ricin beziehungsweise Abrin gewöhnen. Nach der Verfütterung von kleinen, aber steigenden Dosen Ricin stellte er fest, dass die Mäuse „ricinfest“ geworden waren. Ehrlich interpretierte das als Immunisierung und beobachtete, dass sie erst sprunghaft nach einigen Tagen einsetzte, nach mehreren Monaten aber noch vorhanden war. Gegen Ricin immune Mäuse blieben aber noch genauso empfindlich gegen Abrin wie unbehandelte Tiere.

Darauf folgten Arbeiten zur „Vererbung“ erworbener Immunität: Bekannt war, dass nach einer Pocken- oder Syphilis-Erkrankung gelegentlich eine spezifische Immunität von den Eltern auf die Nachkommen übertragen wurde. Eine Vererbung im genetischen Sinn schloss Ehrlich aus, weil die Nachkommen einer gegen Abrin immunisierten männlichen Maus und einer unbehandelten weiblichen Maus nicht gegen Abrin immun waren. Daraus schloss Ehrlich, dass der Fötus über den Blutkreislauf der Mutter mit Antikörpern versorgt wurde. Dafür sprach auch, dass diese „Vererbungsimmunität“ nach wenigen Monaten nachließ. In einem weiteren Experiment tauschte er die Nachkommen von behandelten und unbehandelten weiblichen Mäusen aus. Die von den behandelten Mäusen gesäugten Mäuschen wurden giftfest, womit Ehrlich nachgewiesen hatte, dass Antikörper auch mit der Muttermilch übertragen werden.

Arbeit mit Behring an einem Diphtherieheilserum

Emil Behring hatte am Institut für Infektionskrankheiten bis 1893 versucht, Immunsera zur Behandlung von Diphtherie und Tetanus zu entwickeln, dabei aber nur stark schwankende Resultate erhalten. Koch schlug daraufhin vor, dass Behring und Ehrlich miteinander kooperieren sollten. Die Kooperation war insoweit erfolgreich, als es Ehrlich durch seine Erfahrung mit Mäusen schnell gelang, den Grad der Immunisierung der Versuchstiere in Höchst hochzutreiben. Klinische Versuche mit den Diphtherie-Heilserum waren Anfang 1894 erfolgreich, und die Farbwerke Hoechst brachten im August „Behring's Diphtherie-Heilmittel dargestellt nach Behring-Ehrlich“ auf den Markt. Behring und Ehrlich hatten ursprünglich vereinbart, (nach Abzug des Anteils der Farbwerke Hoechst) den Gewinn zu teilen. Die Verträge wurden noch mehrfach geändert und schließlich Ehrlich dazu gedrängt, einen Gewinnanteil von nur noch acht Prozent zu akzeptieren. Ehrlich stimmte nach langem Zögern zu, fühlte sich jedoch um seinen Gewinnanteil gebracht. Seit dieser Zeit war das Verhältnis zwischen Behring und Ehrlich gestört, was später an der Frage der Wertbestimmung von Tetanusserum eskalierte. Ehrlich erkannte zwar an, dass das Prinzip der Serumtherapie von Behring und Kitasato entwickelt worden war. Doch hatte er seiner Ansicht nach als Erster ein Serum entwickelt, das auch am Menschen angewendet werden konnte. Seinen Anteil an der Entwicklung des Diphtherieheilserums sah er nur unzureichend gewürdigt. Behring seinerseits intrigierte im Preußischen Kultusministerium gegen Ehrlich. Ehrlich weigerte sich ab 1900, noch mit Behring zusammenzuarbeiten.

Die Wertbestimmung von Sera

Da es sich bei dem Heilserum um einen völlig neuen Arzneimitteltyp handelte, dessen Qualität stark schwanken konnte, wurde ein System der staatlichen Serumkontrolle installiert. Ab 1. April 1895 durfte im Deutschen Reich nur noch staatlich geprüftes Serum verkauft werden. Die Kontrollstation für Diphtherieserum wurde provisorisch am Institut für Infektionskrankheiten untergebracht. Daraus entstand auf Initiative von Friedrich Althoff 1896 das Institut für Serumforschung und Serumprüfung, dessen Direktor Paul Ehrlich wurde (in diesem Zusammenhang musste er alle Verträge mit den Farbwerken Hoechst auflösen). In dieser Funktion und als Honorarprofessor an der Berliner Universität verdiente er 6000 Mark im Jahr, in etwa das Gehalt eines Universitätsprofessors. Neben einer Prüfungsabteilung enthielt das Institut auch eine Forschungsabteilung.

Um den Wert von Diphtherie-Heilserum zu bestimmen, war Diphtheriegift gleichbleibender Stärke nötig. Ehrlich stellte aber fest, dass das verwendete Gift nicht, wie ursprünglich angenommen, unbegrenzt haltbar war. Daraus zog er zwei Konsequenzen: Als Standard verwendete er nicht das Gift, sondern ein von Behring entwickeltes Serumpulver, das erst kurz vor Gebrauch in Flüssigkeit aufgelöst wurde. Im Verhältnis zu diesem Standardserum wurde zunächst die Stärke des Gifts bestimmt. Dieses Testgift konnte dann wiederum bei der Prüfung anderer Sera als Referenz dienen. Füf die Prüfung selbst waren bisher Gift und Serum in einem Verhältnis gemischt worden, dass sich ihre Wirkungen bei Injektion in einem Meerschweinchen gerade aufgehoben hatten. Die Interpretation, ob Krankheitssymptome fehlten, ließ jedoch einen großen Spielraum. Ehrlich setzte daraufhin einen Versuchsausgang zum Ziel, der eindeutig zu bestimmen war: Der Tod des Versuchstiers. Die Mischung sollte so vorgenommen werden, dass das Versuchstier nach vier Tagen starb. Starb es früher, so war das Serum zu schwach und wurde abgelehnt. Ehrlich beanspruchte, die Wertbestimmung von Serum so sicher wie eine chemische Titration gemacht zu haben. Hier zeigt sich besonders deutlich die ihm eigentümliche Tendenz zu einer Mathematisierung der Lebenswissenschaften.

Der Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes bemühte sich um die Ansiedlung von wissenschaftlichen Institutionen in Frankfurt, um die Gründung einer Universität vorzubereiten. 1899 siedelte das Institut nach Frankfurt über, wo es als „Königlich Preußisches Institut für Experimentelle Therapie“ eingeweiht wurde. Die deutsche Prüfmethode wurde von staatlichen Seruminstituten in aller Welt übernommen, die aus Frankfurt auch das Standardserum bezogen. Nach dem Diphtherie-Heilserum waren in schneller Folge auch ein Tetanusserum sowie verschiedene bakterizide Sera vor allem für die Veterinärmedizin entwickelt worden. Sie wurden ebenfalls am Institut kontrolliert, ebenso wie Tuberkulin und später die aktiven Impfstoffe. Ehrlichs wichtigster Mitarbeiter wurde Julius Morgenroth.

Die Seitenkettentheorie

Diese Arbeiten inspirierten Ehrlich 1897 zu seiner berühmten „Seitenkettentheorie“. Nach seinem Verständnis war die Reaktion zwischen Gift und den wirksamen Bestandteilen des Serums genauso wie die Giftwirkung selbst eine chemische Reaktion. Er erläuterte die Giftwirkung am Beispiel des Tetanusgifts. Das Protoplasma der Zellen enthält spezielle „Seitenketten“ (in heutiger Sprechweise Makromoleküle), an die das Gift bindet und damit ihre Funktion stört. Überlebt der Organismus die Giftwirkung, so werden die blockierten Seitenketten durch neue ersetzt. Diese Regeneration kann trainiert werden, wodurch sich das Phänomen der Immunisierung erklärt. Bei einem Überschuss können die Seitenketten auch als Antikörper ins Blut abgegeben werden. In den folgenden Jahren baute Ehrlich seine Seitenkettentheorie mit einer Begrifflichkeit („Ambozeptoren“, Rezeptoren erster, zweiter und dritter Ordnung etc.), die heute nur noch schwer verständlich ist, weiter aus. Zwischen Antigen und Antikörper nahm er ein weiteres Immunmolekül an, das er als „Additiv“ oder „Komplement“ bezeichnete. Die Seitenkette hatte also nach seinem Verständnis mindestens zwei funktionelle Gruppen. 1903 erhielt Ehrlich die höchste wissenschaftliche Auszeichnung in Preußen, die „Große Goldene Medaille für Wissenschaften“. Für die theoretische Fundierung der Immunologie sowie für seine Arbeiten zur Standardisierung der Wertbestimmung wurde Ehrlich 1908 zusammen mit Ilja Metschnikow der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin zuerkannt. Metschnikow, der den zellulären Zweig der Immunität (Phagozytose) am Institut Pasteur erforscht hatte, hatte Ehrlich zuvor scharf angegriffen.

Krebsforschung

1901 beanstandete das Preußische Finanzministerium, dass Ehrlich seinen Etat überzogen hatte, und in der Folge wurde ihm das Einkommen gekürzt. In dieser Situation vermittelte ihm Althoff den Kontakt zu Georg Speyer, Mitinhaber des Bankhauses Lazard Speyer-Ellissen. Die Krebserkrankung der Kaiserinwitwe hatte großes Aufsehen erregt, woraufhin reiche Frankfurter Bürger für die Krebsforschung sammelten. Ehrlich erhielt von Kaiser Wilhelm II. persönlich den Auftrag, seine ganze Kraft der Krebsforschung zu widmen. Dem Institut für experimentelle Therapie wurde eine Abteilung für Krebsforschung angegliedert, wo neben anderen Gustav Embden eingestellt wurde. Ehrlich hatte seinen Förderern jedoch klar gemacht, dass Krebsforschung zunächst Grundlagenforschung bedeutete und ein Heilmittel nicht schnell zu erwarten war.

Zu den Ergebnissen die er und seine Mitarbeiter erzielten, gehörte die Beobachtung, dass bei der Fortzüchtung von Tumoren durch Transplantation die Bösartigkeit der Tumorzellen von Generation zu Generation zunahm. Entfernte man den primären Tumor, so entwickelten sich die Metastasen stürmisch. Ehrlich übertrug Methoden der Bakteriologie auf die Krebsforschung. Analog zur Impfung versuchte er, durch die Injektion von abgeschwächten Krebszellen eine Immunität gegen Krebs zu erzeugen. In der Krebsforschung wie in der chemotherapeutischen Forschung (siehe nächster Abschnitt) führte er Methoden der Großforschung ein.

Chemotherapie

Die Vitalfärbung

1885 erschien Ehrlichs Monografie Das Sauerstoff-Bedürfniss des Organismus. Eine farbenanalytische Studie, die er auch als Habilitationsschrift einreichte. Mit ihr führte Ehrlich die neue Technik der Vitalfärbung ein. Zu seinen Ergebnissen gehörte, dass Farbstoffe vom lebenden Organismus nur in körniger Form leicht aufgenommen werden. Er injizierte die Farbstoffe Alizarinblau und Indophenolblau in Versuchstiere und beobachtete nach deren Tod, dass sie verschiedene Organe unterschiedlich stark gefärbt hatten. In Organen mit hoher Sauerstoffsättigung war Indophenol erhalten geblieben, in einer mittleren Gruppe war Indophenol, nicht aber Alizarinblau reduziert worden. Schließlich gab es eine Zone geringer Sauerstoffsättigung, in der beide Farbstoffe reduziert worden waren. In dieser Arbeit formulierte Ehrlich auch seine forschungsleitende Überzeugung, dass sämtliche Lebensprozesse auf chemisch-physikalische Vorgänge, die in der Zelle stattfinden, zurückzuführen seien.

Methylenblau

Bei seinen Untersuchungen war Ehrlich auf Methylenblau gestoßen, das ihm zur Anfärbung von Bakterien als besonders geeignet erschien (zum Beispiel nutzte später Robert Koch für seine Erforschung des Tuberkulose-Erregers Methylenblau als Farbstoff). Aus Ehrlichs Sicht ein Nebenergebnis war, dass sich mit Methylenblau besonders die langen Fortsätze der Nervenzellen, die Axone, anfärben ließen. Er veranlasste zu diesem Thema zwar eine Doktorarbeit, engagierte sich aber nicht weiter. Nach dem Urteil von Ludwig Edinger hatte er jedoch damit auch der Neurologie ein mächtiges Arbeitsfeld erschlossen.

In der Zeit nach Mitte 1889, als Ehrlich stellenlos war, setzte er seine Forschungen mit Methylenblau privat fort. Durch seine Arbeit zur Vitalfärbung war in ihm die Idee entstanden, es therapeutisch anzuwenden. Da sich Plasmodien – unter ihnen die Erreger der Malaria – mit Methylenblau anfärben ließen, konnte man damit vielleicht auch Malaria heilen. Bei zwei Patienten am Städtischen Krankenhaus Moabit klang tatsächlich das Fieber ab und die Plasmodien verschwanden aus dem Blut. Das Methylenblau bezog er von den Farbwerken vorm. Meister Lucius & Brüning AG (später in Hoechst AG umbenannt), womit eine lange Zusammenarbeit mit diesem Unternehmen begann.

Die Suche nach einer „Chemotherapia specifica“

Bereits vor dem Umzug des Instituts für experimentelle Therapie nach Frankfurt hatte Ehrlich die Arbeit am Methylenblau wieder aufgenommen. Nach dem Tod von Georg Speyer wollte seine Witwe Franziska Speyer ihrem Mann ein Andenken setzen. Sie stiftete das Georg-Speyer-Haus, das 1906 unmittelbar neben dem Institut für experimentelle Therapie errichtet wurde. Als dessen Direktor verlagerte Ehrlich seine chemotherapeutische Forschung hierhin. Er suchte nach einem Stoff, der genauso gut wie Methylenblau wirkte, aber nicht dessen Nebenwirkungen hatte. Sein Vorbild war einerseits die Wirkung von Chinin gegen Malaria, andererseits meinte er, dass es analog zur Serumtherapie auch chemische Pharmaka geben müsse, die ebenso spezifisch für einzelne Krankheiten wirkten. Sein Ziel war eine „Therapia sterilisans magna“, also durch eine einmalige Behandlung alle Krankheitserreger abzutöten.

Als Modell („experimentelle Therapie“) diente ihm eine Trypanosomen-Krankheit von Meerschweinchen, an denen er verschiedene chemische Substanzen erprobte. Mit Trypanrot ließen sich tatsächlich erfolgreich Trypanosomen abtöten. Seit 1906 untersuchte Ehrlich intensiv Atoxyl, das von den „Vereinigten Chemischen Werken“ in den Handel gebracht worden war. Er ließ es neben anderen Arsenpräparaten auch von Robert Koch bei dessen Schlafkrankheitsexpedition 1906/07 erproben. Entgegen der Bedeutung des Namens („ungiftig“) schädigte Atoxyl vor allem den Sehnerv. Ehrlich baute die systematische Prüfung chemischer Verbindungen im Sinne eines „Screenings“ aus, wie es noch heute in der pharmazeutischen Industrie praktiziert wird. Als nächstes zeigte Präparat 418, Arsenophenylglycin, im Tierversuch eine erstaunliche therapeutische Wirkung. Er ließ es ebenfalls in Afrika testen.

Mit Unterstützung seines Assistenten Sahachiro Hata stellte Ehrlich 1909 fest, das das Präparat 606, Arsphenamin, gegen „Spirillen“ (Spirochäten), zu denen der Erreger der Syphilis gehörte, wirksam war. Das Präparat erwies sich in Versuchen an Menschen als nebenwirkungsarm. Bei sieben an Syphilis erkrankten Patienten waren die Spirochäten verschwunden. Nach einer umfangreichen klinischen Prüfung – alle Beteiligten hatten das negative Beispiel des Tuberkulins vor Augen – brachten die Farbwerke Hoechst Ende 1910 das Präparat unter dem Namen „Salvarsan“ in den Handel. Dies war das erste auf theoretischen Vorüberlegungen beruhende, systematisch entwickelte, spezifisch wirkende Therapeutikum,[3] das jemals hergestellt worden war. „Salvarsan“ war in Bezug auf Nebenwirkungen und Löslichkeit noch unbefriedigend, sodass es 1911 durch „Neosalvarsan“ ersetzt wurde.

Das Medikament löste den so genannten „Salvarsan-Krieg“ aus. Es wurde einerseits von Menschen angefeindet, die eine moralische Enthemmung fürchteten. Außerdem wurde Ehrlich mit deutlich antisemitischen Untertönen unterstellt, dass er sich übermäßig bereicherte. Weil es während der klinischen Prüfung zu Todesfällen gekommen war, wurde ihm sogar vorgeworfen, dass er über Leichen gehe. Außerdem reklamierte Paul Uhlenhuth die Priorität an der Entdeckung für sich.

Nachwirkungen

Bereits 1910 wurde in Frankfurt-Sachsenhausen eine Straße nach Ehrlich benannt. Während des „Dritten Reichs“ wurden die Leistungen Paul Ehrlichs verschwiegen, während Emil von Behring zum Ideal eines arischen Wissenschaftlers stilisiert wurde. Die „Paul-Ehrlich-Straße“ wurde 1938 durch die Nationalsozialisten umbenannt; kurz nach Kriegsende wurde diese Umbenennung wieder rückgängig gemacht. Heute sind in zahlreichen weiteren deutschen Städten Straßen nach ihm benannt.

Ehrlichs Leben und Werk wurde 1940 von William Dieterle im US-Spielfilm „Paul Ehrlich – Ein Leben für die Forschung“ (Dr. Ehrlich’s Magic Bullet) mit Edward G. Robinson in der Titelrolle verfilmt. Da der damaligen Nazi-Regierung diese Huldigung eines jüdischen Wissenschaftlers nicht gefiel, wurde diese Verfilmung, soweit es ging, verheimlicht.

Zum 100. Geburtstag 1954 gab die Deutsche Bundespost eine Gedenkbriefmarke für Ehrlich und den nur einen Tag jüngeren Emil von Behring heraus. Die 200-D-Mark-Banknote zeigte Ehrlich. Das deutsche Bundesamt für Sera und Impfstoffe (seit 2009 Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel) in Langen wurde ihm zu Ehren Paul-Ehrlich-Institut genannt. Weiterhin tragen viele Schulen und Apotheken seinen Namen. Der von der Paul-Ehrlich-Stiftung vergebene Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis ist der angesehnste deutsche Preis für biomedizinische Forschung. Den Namen von Paul Ehrlich tragen auch die Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie e. V. (PEG) in Frankfurt am Main, die Paul-Ehrlich-Klinik in Bad Homburg vor der Höhe und der Paul Ehrlich - Günther K. Schwerin - Menschenrechtspreis der ADL. Sogar ein Mondkrater wurde 1970 nach ihm benannt.

Literatur

  • Martha Marquardt: Paul Ehrlich als Mensch und Arbeiter. Erinnerungen aus dreizehn Jahren seines Lebens. 1902–1915. Mit einer Einführung von Richard Koch. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart u. a. 1924. (Martha Marquardt war Ehrlichs langjährige Sekretärin)
  • Heinrich Satter: Paul Ehrlich Begründer der Chemotherapie. Leben, Werk, Vermächtnis. Oldenbourg, München 1962.
  • Ernst Bäumler: Paul Ehrlich. Forscher für das Leben. 3. durchgesehene Auflage. Edition Wötzel, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-7973-0345-9.
  • Timothy Lenoir: A magic bullet: Research for profit and the growth of knowledge in Germany around 1900. In: Minerva. Bd. 26, Nr. 1, 1998, S. 66–88. doi:10.1007/BF01096701
  • Fritz Sörgel et al.: Vom Farbstoff zum Rezeptor: Paul Ehrlich und die Chemie. In: Nachrichten aus der Chemie. Bd. 52, 2004, S. 777–782. (PDF-Datei, 150 kB)
  • Fritz Sörgel et al.: Welche Berufsbezeichnung wird Ehrlichs Wirken gerecht. In: Chemotherapie Journal. Bd. 13, Nr. 4, 2004, S. 157–165. (PDF-Datei, 340 kB)
  • Axel C. Hüntelmann: Paul Ehrlich: Leben, Forschung, Ökonomien, Netzwerke, Göttingen: Wallstein, 2011, ISBN 978-3-8353-0867-1.

Einzelnachweise

  1. ↑ Hüntelmann: Paul Ehrlich, S. 28.
  2. ↑ Beiträge zur Kenntniss der Anilinfärbungen und ihre Verwendung in der mikroskopischen Technik. In: Archiv für mikroskopische Anatomie. Bd. 13, 1877, S. 263-277.
  3. ↑ Hüntelmann: Paul Ehrlich, S. 10.

 

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Kiyoshi ShigaKiyoshi Shiga,  japanischer Arzt und Bakteriologe, Entdecker des spaeter nach ihm bezeichenten Erregertyps  Shigella dysenteriae  -  Für eine größere Bilddarstellung klicken Sie bitte auf das Bild     -  Für eine größere Bilddarstellung klichen Sie bitte auf das Photo.

Kiyoshi Shiga (jap. 志賀 潔, Shiga Kiyoshi; * 7. Februar 1871 (Meiji 3/12/18) in Sendai; † 25. Januar 1957 in Tokio) war ein japanischer Arzt und Bakteriologe. Er entdeckte 1897 das später nach ihm benannte Bakterium Shigella dysenteriae, den Erreger einer als Bakterienruhr bezeichneten Durchfallerkrankung.

Leben

Kiyoshi Shiga wurde 1871 in Sendai geboren und studierte von 1892 bis 1896 Medizin an der Universität Tokio. Er arbeitete bereits während seines Studiums bei dem Mikrobiologen Shibasaburo Kitasato, der später das Bakterium Clostridium tetani isolierte, den Erreger der Tetanus. Nach dem Ende seines Studiums blieb Shiga am Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten der Universität Tokio. Im Jahr 1897 entdeckte er hier den zunächst als Bacillus dysenteriae bezeichneten Erreger der auch Dysenterie genannten Durchfallerkrankung Bakterienruhr. Zwei Jahre später wurde er am Institut Laborleiter, im Jahr 1900 entwickelte er ein Antiserum gegen Dysenterie. Von 1901 bis 1903 war er in Deutschland bei dem späteren Nobelpreisträger Paul Ehrlich tätig. Nach seiner Rückkehr nach Japan arbeitete er erneut im Tokioter Institut bei Kitasato Shibasaburo, 1905 erhielt er den Titel Igaku Hakushi (Doktor der Medizin). Im Jahr 1920 wurde er Professor für Bakteriologie an der Kaiserlichen Universität Keijō in Keijō. Von 1929 bis 1931 war er Präsident der Universität und medizinischer Berater des japanischen Generalgouverneurs für die damalige japanische Provinz Chōsen. Anschließend kehrte er erneut nach Tokio zurück, wo er bis zu seinem Tod blieb. Er starb 1957 in Tokio.

Wissenschaftliches Wirken

Die Forschungsinteressen von Kiyoshi Shiga umfassten neben der Dysenterie auch weitere bakterielle Infektionskrankheiten wie die Lepra und die Tuberkulose. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit der zum Beginn des 20. Jahrhunderts noch als Infektionskrankheit angesehenen Erkrankung Beriberi, für die der niederländische Hygieniker Christiaan Eijkman später einen Vitaminmangel als Ursache erkannte. Seine Veröffentlichungen, zu denen ein zweibändiges Werk zur klinischen Bakteriologie zählte, hatten wesentlichen Einfluss auf die medizinische Forschung und Lehre in seinem Heimatland.

Würdigung und Erinnerung

Zu Ehren von Kiyoshi Shiga erhielt der von ihm entdeckte Dysenterie-Erreger später den Namen Shigella dysenteriae, ebenso wurden die zugehörige Bakteriengattung Shigella sowie die von diesen Bakterien produzierten Shiga-Toxine nach ihm benannt. Die durch Shigellen hervorgerufene Durchfallerkrankung wird dementsprechend auch als Shigellose bezeichnet. 1927 wurde er in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina aufgenommen. Er erhielt 1944 den japanischen Kulturorden und 1957 postum den Orden des Heiligen Schatzes. Von der Japanischen Gesellschaft für Chemotherapie wird jedes Jahr ein nach Kiyoshi Shiga und Sahachiro Hata benannter Preis verliehen.

Literatur

  • Shiga Kiyoshi. In: Encyclopædia Britannica. Encyclopædia Britannica 2007 Ultimate Reference Suite. Encyclopædia Britannica, Chicago 2008

 

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Kitasato Shibasaburō

(Weitergeleitet von Shibasaburo Kitasato)Kitasato Shibasaburo - japanischer Arzt und Bakteriologe, Entdecker des Wundstarrkrampferregers  -  Für eine größere Bilddarstellung klichen Sie bitte auf das Photo.

Kitasato Shibasaburō (jap. 北里 柴三郎; * 29. Januar 1853 in Oguni, Aso-gun, Provinz Higo (heute: Präfektur Kumamoto); † 13. Juni 1931 in Tokyo) war ein japanischer Arzt und Bakteriologe.

1885 kam Kitasato nach Deutschland, um gemeinsam mit Emil von Behring in Robert Kochs Labor in Berlin zu arbeiten. Dort untersuchte er die Erreger des Tetanus (Wundstarrkrampf) und der Diphtherie. 1889 gelang es ihm als erstem, Clostridium tetani, das Wundstarrkrampf verursachende Bakterium, in einer Reinkultur anzuzüchten. Gemeinsam mit Emil von Behring zeigte er 1890 die Wirkung von Antitoxinen gegen Tetanus und Diphtherie. 1892 kehrte Kitasato nach Japan zurück.

1894 forschte Kitasato zeitgleich mit Alexandre Yersin in Hong Kong nach dem Erreger der dort ausgebrochenen Pestepidemie. Die von ihm veröffentlichte Beschreibung des Erregers stellte sich später als Irrtum heraus, der wahrscheinlich auf Verunreinigung von Bakterienkulturen durch Pneumokokken zurückzuführen ist. Für einige Zeit galt Kitasato als Entdecker des Pesterregers, der heute jedoch nach Yersin Yersinia pestis genannt wird.

1887 fand er zusammen mit seinem Studenten Kiyoshi Shiga den Erreger der Dysenterie.

Im jahre 1914 wurde das Institut für Infektionskrankheiten in die Universität Tokio integriert. Aus Protest trat er zurück und gründete 1915 das Kitasato-Forschungsinstitut in Tokio. Aus diesem entwickelte sich dann die private Kitasato Universität.

1921 gründete er zusammen mit anderen die Firma Terumo, deren Name sich vom deutschen Wort Thermometer ableitet. Das erste zuverlässige Fieberthermometer wurde von Dr. Kitasato entwickelt.

Er wurde 1917 Dekan der Medizin der Keiō-Universität und 1923 erster Präsident der japanischer Ärztevereinigung. Für seine Leistungen wurde er 1924 in den Adelsstand erhoben. Er erhielt den Titel eines Danshaku im japanischen Adelssystem.

Er stirbt 1931 in seinem Haus in Tokyo an einer Hirnblutung.

Japanischer Name: Wie in Japan üblich, steht in diesem Artikel der Familienname vor dem Vornamen. Somit ist Kitasato der Familienname, Shibasaburō der Vorname.

 

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Emil von BehringEmil Adolf von Behring 1854 bis 1917  -  Für eine größere Bilddarstellung klicken Sie bitte auf das Photo.

Emil Adolf von Behring (* 15. März 1854 in Hansdorf, Kreis Rosenberg in der Provinz Westpreußen, als Emil Adolf Behring; † 31. März 1917 in Marburg) war ein deutscher Bakteriologe und Serologe sowie Träger des ersten Nobelpreises für Medizin.

Besonders aufgrund seiner Forschungsarbeiten an der Diphtherieerkrankung, an der seinerzeit nahezu jedes zweite Kind starb, und seiner wissenschaftlichen Erfolge diesbezüglich wurde er lange Zeit als „Retter der Kinder“ tituliert.

Leben

Emil Adolf Behring (später Emil von Behring) wurde als Sohn des Grundschullehrers Georg Bering und dessen zweiter Frau Auguste Zech geboren. Sein Vater hatte aus erster Ehe bereits vier Kinder und Emil war erste von weiteren Acht. Ein Stipendium des preußischen Staates ermöglichte ihm das Abitur. Ein Freund der Familie finanzierte ihm das Studium der Medizin. Am 2. Oktober 1874 trat er in die Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Berlin ein. 1878 wurde er an der Universität Berlin mit der Dissertation Neuere Beobachtungen über die Neurotomia opticociliaris zum Dr. med. promoviert. Danach war er als Truppenarzt in der Provinz Posen tätig.

Die an Militärhygiene, Versorgung von Wunden und Verhinderung von Seuchen orientierte Aus- und Fortbildung der Militärärzte sensibilisierte Behring für Seuchenprävention und Hygiene. Weitere wichtige Eindrücke erhielt Behring in seiner Zeit als Assistent von Robert Koch und später als Oberarzt an der klinischen Abteilung von Kochs Preußischem Instituts für Infektionskrankheiten. Seine Arbeiten an der Serumtherapie begann Behring 1890 mit dem Japaner Shibasaburo Kitasato, mit dem er den Aufsatz „Über das Zustandekommen der Diphtherieimmunität und der Tetanusimmunität bei Thieren“ veröffentlichte. Er gilt als Grundlage der Serumtherapie. Ende des Jahres 1891 gelang es Behring, zwei an Diphtherie erkrankte Kinder mit einem aus dem Serum von wenigen Schafen gewonnenen Gegengift zu heilen. Dazu trug maßgeblich die Mitarbeit seiner Freunde Paul Ehrlich und Erich Wernicke bei. Aus wissenschaftlicher Sicht war der Durchbruch gelungen, es fehlte Behring jedoch an finanzstarken Partnern, um seine bahnbrechende Idee zu verwirklichen: Den bei einer Infektion zur Überwindung der Intoxikation gebildeten Überschuss von Antitoxinen zur Herstellung von Heilserum zu verwenden. Allerdings erkannte im Herbst 1892 das Vorstandsmitglied der Farbwerke Hoechst, August Laubenheimer, die Tragweite der Ideen Behrings und gewann ihn für eine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen. Nur die durch diesen Einsatz von Drittmitteln gestattete Tierhaltung ermöglichte die Großproduktion des Diphtherieserums in Höchst ab 1894. Die Farbwerke boten ein Diphtherieheilserum nach Behring an, das eine Heilungsrate von 75 Prozent bei dieser bis dahin meist tödlichen Kinderkrankheit erzielte. Zum Professor ernannt wurde Behring 1893 auf Grund der Fürsprache von Friedrich Althoff.

1895 berief der preußische Staat Behring, der in Halle keinerlei Lehrerfolge verzeichnen konnte, an die Philipps-Universität Marburg als Ordinarius für Hygiene und Direktor des Hygienischen Instituts. Noch im gleichen Jahr war auf dem Schlossberg ein für damalige Verhältnisse sehr gut ausgestattetes Privatlaboratorium, mit Mitteln der Farbwerke und 25.000 Goldfranc aus dem ihm in Frankreich verliehenen „Prix Alberto Levi“, eingerichtet worden, zu dem auch ein kleiner Stall für die Versuchstiere gehörte. Im Jahr 1901 wurde Behring mit dem ersten Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet und nobilitiert (ab dann Emil von Behring). Den Gedanken an ein eigenes Unternehmen erwog Behring im Laufe des Jahres 1903, woraufhin 1904 noch weitere Ländereien und ein Gutshof am Schlosspark zu dem Laboratorium hinzukamen, die den Grundstock für das Behringwerk bildeten. Ein Grund, die Selbständigkeit in einem eigenen Unternehmen anzustreben, war die Veränderung der bisherigen Vertragsverhältnisse mit den Farbwerken in Höchst, bei denen der bis dahin als Mittler fungierende August Laubenheimer 1903 aus dem Vorstand ausschied.

Behring notierte anlässlich seiner Unternehmensgründung folgende Worte: „Die umfangreichen und recht kostspieligen Baulichkeiten, Ländereien, Viehbestände, Laboratoriumseinrichtungen, wozu noch auf besondere Ziele gerichtete Abteilungen mit zahlreichem Dienerpersonal kommen, sind vereint zu einem Gesamtunternehmen, das den Namen Behringwerk bekommen hat.“ Doch trotz der nun gewonnenen Selbständigkeit bedurfte Behring eines Geschäftspartners, da er von der kaufmännischen Führung eines Betriebes und vom Vertrieb seiner Produkte nicht viel verstand. Am 7. November 1904 stand ihm bei der Eintragung des neuen Unternehmens ins Handelsregister der Marburger Apotheker Carl Siebert als Teilhaber und Partner zur Seite. Der Betrieb wurde mit anfänglich zehn Mitarbeitern aufgenommen. Ein rasantes Wachstum des Unternehmens bedingte 1914 die Umwandlung des Behringwerkes in die Behringwerke Gesellschaft mbH.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Produktion enorm ausgeweitet, da Behrings Tetanusheilserum für die in den verdreckten Schützengräben liegenden Soldaten nun zum Retter vor dem tödlichen Wundstarrkrampf wurde. Neben dem Tetanusheilserum wurden auch Dysenterie- und Gasbrandserum, sowie Choleraimpfstoff für das Heer produziert.

Emil von Behring starb noch vor Ende des Ersten Weltkrieges, am 31. März 1917, im Alter von 63 Jahren in Marburg, sein Grab befindet sich in einem Mausoleum in einer parkähnlichen Anlage in Marburg-Marbach.

Seit 1874 war er Mitglied, später Ehrenmitglied des Pépinière-Corps Suevo-Borussia.[1]

Privates

Zumindest einmal in seinem Leben hat Emil von Behring unter starken Depressionen gelitten. Das berichtet einer der berühmtesten Patienten von Sigmund Freud in seinen Memoiren. Er hat ihn bei einem eigenen Sanatoriums-Aufenthalt 1908 in der Nähe von Schloss Nymphenburg in München dort gesehen -, in einem Sanatorium, das von dem damals berühmten Psychiater Emil Kraepelin mitgeleitet wurde.[2]

Familie

Er heiratete am 29. Dezember 1896 Else Spinola (1876-1936). Sie war die Tochter des Geheimrates und Vizedirektors des Charite Werner Spinola und dessen Frau Elise Charlotte Bendix. Das Paar hatte sechs Söhne.

Ehrungen

  • 1940, zur 50. Jährung der Entdeckung des Diphtherie-Serums gab die Deutsche Reichspost zwei Gedenkbriefmarken heraus
  • 1954, zum 100. Geburtstag, gab die Deutsche Bundespost eine Gedenkbriefbriefmarke für den nur einen Tag älteren Paul Ehrlich und Emil von Behring heraus
  • HELIOS Klinikum Emil von Behring, Berlin-Zehlendorf
  • Emil-von-Behring-Kaserne, Giebelstadt, Landkreis Würzburg, Sanitätsschule der Luftwaffe (Kaserne seit 1996 außer Dienst)
  • Emil-von-Behring-Gymnasium, Spardorf, Landkreis Erlangen-Höchstadt
  • Emil-von-Behring-Gymnasium, Großhansdorf, Kreis Stormarn
  • Emil-von-Behring Schule (Gesundheit – Ernährung – Soziales), Geislingen/Steige
  • Emil-von-Behring-Schule in Marburg
  • Mindestens 11 Emil-von-Behring-Straßen in deutschen Städten
  • Mindestens 11 Von-Behring-Straßen in deutschen Städten

Ausstellung

  • 2011: Leben und Wirken Emil von Behrings, Südsaal, Landgrafenschloss Marburg aus Anlass der Übereignung des persönlichen und des Firmenarchivs an die Philipps-Universität Marburg

Literatur

  • Erich Bauereisen: Behring, Emil von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 2, Duncker & Humblot, Berlin 1955, S. 14.

Einzelnachweise

  1. ↑ Kösener Corpslisten 1960, 61, 99
  2. ↑ Der Wolfsmann vom Wolfsmann. Hrsg. Von Muriel Gardiner. Frankfurt am Main 1972, S. 75

 

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Immunserum

Ein Immunserum ist eine Aufreinigung spezifischer Antikörper, die aus dem Blutserum immunisierter anderer Säugetiere (heterologes Immunserum) oder Menschen (homologes Immunserum) gewonnen werden. Man spricht speziell von Impfserum, wenn das Immunserum zum Zweck der passiven Impfung gewonnen wird. Im Zusammenhang mit der Behandlung von Vergiftungen (beispielsweise von Schlangenbissen u.a.) wird dagegen der Begriff Antiserum verwendet. Heilserum ist ein weiterer, veralteter Begriff für diese besondere Art von Serum. Weitere Einsatzgebiete sind die Behandlung von Infektionskrankheiten sowie in der Forschung und Diagnostik der Medizin und Molekularbiologie.

Herstellung

Für ein heterologes Immunserum werden Tiere - häufig Pferde, Schafe oder Kaninchen - mit dem jeweiligen Antigen geimpft. Ein Antigen ist hier ein körperfremdes Protein, beispielsweise ein Krankheitserreger oder ein Teil von diesem, oder ein Gift, welches das Immunsystem als potentiellen Feindkörper erkennt und bekämpft. Im Rahmen dieser Immunantwort werden spezifische Antikörper gegen diesen körperfremden Stoff gebildet. Diese Immunisierung wird mehrfach wiederholt, um die Konzentration der spezifischen Antikörper zu erhöhen. Bei Giften (beispielsweise von Giftschlangen, Skorpionen oder Spinnen) wird dabei mit einer kleinen Dosis begonnen, die langsam gesteigert wird. Das Immunsystem der Tiere bildet dabei Antikörper, ohne gefährlich zu erkranken. Die Antikörper in homologen Immunseren vom Menschen stammen dagegen in der Regel aus natürlichen Kontakten mit diesen Antigenen (beispielsweise erfolgreich ausgeheilte Erkrankungen).

Das nach der Immunisierung aus dem Blut aufbereitete Blutserum enthält nun diese spezifischen Antikörper. Die Immunglobuline im Blutserum werden durch weitere biochemische Verfahren aufgereinigt. Die bei der passiven Impfung (s.u.) verabreichten Antikörper werden in der Regel aus menschlichem Blut hergestellt. Aus bis zu 20.000 gepoolten (zusammengegossenen) Blutkonserven werden die Antikörper extrahiert. Das birgt eine gewisse Gefahr für die Übertragung von Krankheiten, insbesondere solcher, deren Übertragungsmodus nicht bekannt ist (z.B. BSE). Auch bekannte Krankheiten (HIV) könnten bei unsachgemäßer Bearbeitung übertragen werden. Tierische Antikörper, welche im Menschen eingesetzt werden sollen (z.B. gegen Schlangengift, Botulismus, u.a.), werden dabei noch fermentativ behandelt um eine Immunreaktion gegen diese Proteine zu verhindern. Das fertige Immunserum wird schließlich in entsprechenden Forschungseinrichtungen, Klinikabteilungen und Tropeninstituten bereitgehalten bzw. eingesetzt.

Anwendung in der Medizin als passive Impfung

Eingeführt wurde die passive Impfung 1890 von Emil von Behring, als er ein Heilverfahren gegen Diphtherie entwickelte. Bei der passiven Impfung wird der Antikörper direkt gespritzt. Das hat den Vorteil, dass der Organismus nicht erst selbst Antikörper ausbilden muss, was bis zu einer Woche dauern bzw. im Falle eines Gifts das Immunsystem je nach Konzentration überfordern kann, sondern die gespritzten Antikörper die Erreger sofort erkennen und markieren, so dass das Immunsystem des Patienten anschließend auf die Signale der Antikörper reagieren und den Fremdkörper unschädlich machen kann.

In der Regel hält eine solche passive Impfung nur wenige Wochen bis Monate an, dann sind die „geliehenen“ Antikörper ausgeschieden oder abgebaut und der Organismus ist durch eine neuerliche Infektion durch denselben Erreger wieder gefährdet, da das Immunsystem durch diese Form der schnellen Behandlung nicht stimuliert wurde, ein eigenes Immungedächtnis auszubilden. Die passive Impfung ist daher nur eine Notfallmaßnahme, falls schon ein Kontakt mit dem fraglichen Erreger oder Gift stattgefunden hat (Postexpositionsprophylaxe). Beispielhaft hierfür ist ein Verdacht auf eine Infektion mit Wundstarrkrampf (Tetanus). Wenn ein Patient mit unklarem Impfstatus eine verunreinigte Wunde aufweist, wird er neben der aktiven eine passive Impfung erhalten, um eine Infektion auszuschließen. Gleiches gilt für die Tollwut bei Hundebissen.

Anwendung in der Forschung und Diagnose

Die hohe Spezifität, mit der Antikörper ihr Antigen erkennen, macht man sich in der Medizin und Biologie zu Nutze, um das Antigen, in den allermeisten Fällen ein Protein, sichtbar zu machen. Die Herstellung von polyklonalen Antikörpern aus Immunseren erfolgt dabei wie oben beschrieben (im Gegensatz zu der Herstellung von monoklonalen Antikörpern).

Die so gewonnenen Antikörper werden entweder direkt mit einem Enzym (setzt ein Substrat in Farbe oder Chemoluminiszenz um), mit Fluoreszenzfarbstoffen oder mit radioaktiven Isotopen gekoppelt (gelabelt) oder werden mit einem Sekundärantikörper, der an den ersten (Primärantikörper) bindet und entsprechend gelabelt ist, nachgewiesen.

  • Immunohistochemie - Nachweis eines Antigens auf einer Zelloberfläche, im Zytoplasma oder im Zellkern mittels Antikörpern auf Gewebsdünn- (Cryo- oder Paraffin-) schnitten und damit indirekter Nachweis von Zelltypen, Differenzierungsstadien etc...
  • ELISA - Quantifizierung von Antigenen oder Antikörpern im Serum, Zellkulturüberständen etc. mittels enzymgekoppelter Antikörper
  • ELISPOT - Nachweis von antikörper- oder antigensezernierenden Zellen (Plasmazellen, zytokinsezernierende Zellen) mittels enzymgekoppelter Antikörper
  • FACS - Quantifizierung von Zellen mittels fluoreszenzgekoppelter Antikörper gegen Antigene auf der Zelloberfläche, im Zytoplasma oder im Zellkern
  • Western Blot
  • Supergelshift (siehe auch EMSA)
  • Schwangerschaftstest
  • Phagen-Display
  • Drugwipe-Test
  • Abzyme

 

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Infektionsschutzgesetz

Das deutsche Infektionsschutzgesetz (IfSG, seltener: InfSchG) regelt seit dem 1. Januar 2001 die gesetzlichen Pflichten zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen. Zweck des Gesetzes ist es, übertragbaren Krankheiten beim Menschen vorzubeugen, Infektionen frühzeitig zu erkennen und ihre Weiterverbreitung zu verhindern. Dabei ist unbeachtlich, welcher Art die Infektion ist und auf welchem Wege die Infektion erfolgen kann. Hingegen ist der Infektionsschutz für Tiere (Tierseuchengesetz) und Pflanzen (Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch) getrennt geregelt.

Das Gesetz wurde vom Deutschen Bundestag mit Zustimmung des Bundesrats am 20. Juli 2000 als Bestandteil des Gesetzes zur Neuordnung seuchenrechtlicher Vorschriften (SeuchRNeuG) beschlossen, im Bundesgesetzblatt am 25. Juli 2000 veröffentlicht und trat am 1. Januar 2001 in Kraft.

Damit traten folgende bestehende Gesetze und Verordnungen außer Kraft:

  1. Bundesseuchengesetz
  2. Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten
  3. Laborberichtsverordnung
  4. Verordnung über die Ausdehnung der Meldepflicht auf die humanen spongiformen Enzephalopathien
  5. Erste Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten
  6. Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten

Das Infektionsschutzgesetz ist eine bundesrechtliche Regelung auf dem Gebiet der Gefahrenabwehr, die ursprünglich den Ländern vorbehalten ist. Da gerade bei Seuchen und Infektionen Gefahren sehr schnell über Ländergrenzen hinaus entstehen können, erscheint eine bundesrechtliche Regelung sehr sinnvoll. Zugleich nimmt das Infektionsschutzgesetz Anpassungen an Gemeinschaftsrecht (Abschnitt 11) vor. Wichtige Abschnitte sind die Verhütung (Abschnitt 4) und die Bekämpfung (Abschnitt 5) von übertragbaren Krankheiten wie auch das hierfür notwendige Meldewesen (Abschnitt 3). Zudem werden die Gesundheitsanforderungen beim Umgang mit Lebensmitteln festgelegt (Abschnitt 8). Weiterhin finden sich spezielle Vorschriften für Schulen und sonstige Gemeinschaftseinrichtungen[1] als auch die Ermächtigungsgrundlage für den Erlass weiterer Rechtsvorschriften, z. B. für die Trinkwasserverordnung oder die Qualität von Schwimm- und Badebeckenwasser.

Ein wichtiger Inhalt des Infektionsschutzgesetzes ist außerdem, dass zum Zwecke der Gefahrenabwehr Grundrechte nach Maßgabe des Art. 19 Abs. 1 S. 1 GG i. V. m. S. 2 (Zitiergebot) eingeschränkt werden können. Angeordnete Schutzmaßnahmen können folgende Grundrechte einschränken: Grundrecht auf die körperliche Unversehrtheit gemäß Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG, die Freiheit der Person gemäß Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG, die Versammlungsfreiheit gemäß Art. 8 Abs. 1 GG, des Brief- und Postgeheimnisses gemäß Art. 10 Abs. 1 GG, die Freizügigkeit gemäß Art. 11 Abs. 1 GG sowie das Grundrecht der Unverletzlichkeit der Wohnung gemäß Art. 13 Abs. 1 GG. Außerdem kann die berufliche Tätigkeit ganz oder teilweise nach Maßgabe des Art. 12 Abs. 1 S. 2 GG untersagt werden.

Durchsetzung

Erkennbar ist die Durchsetzung auch des neuen Gesetzes verbesserungswürdig. Beispielsweise nimmt Deutschland in der Rangliste der Todesfälle infolge Infektionen während stationärer medizinischer Behandlung (nosokomiale Infektionen) weiterhin einen mäßigen Rang ein[2].

Der Spezialist für den Infektionsschutz ist der Facharzt für Hygiene. Eine bundesweite Zentralfunktion hat das Robert Koch Institut für Überwachung, Forschung, Vorbeugung und Aufklärung etc. Die Durchsetzung des Infektionsschutzgesetzes ist in den Bundesländern in der Regel dem örtlichen Gesundheitsamt übertragen.

Von den ca. 2.300 deutschen Krankenhäusern ist in etwa 600 Einrichtungen keinerlei Facharzt für Hygiene bestellt[3][4]. Regelungen zu dieser Aufgabenstellung sind in den Bundesländern unterschiedlich. Als Ersatzlösung ist in einzelnen Bundesländern die Bestellung eines hygienebeauftragten Facharztes in einer Nebenaufgabe, der auch kein Facharzt für Hygiene sein muss, zulässig[5] (Wortlaut der Verordnung: ...ein im Krankenhaus tätiger Arzt, der über entsprechende Kenntnisse und Erfahrungen in Krankenhaushygiene und Infektionsprävention verfügt...).

Die Durchsetzung des Infektionsschutzgesetzes im Zusammenhang mit der Lebensmittelverarbeitung ist in den Bundesländern in der Regel der örtlichen Gewerbeaufsicht in verschiedener organisatorischer Zuordnung (beispielsweise zum Arbeitsschutz) übertragen. Diese ist für pflanzliche Produkte, tierische Produkte und nicht biologische Produkte zuständig.

Die Versorgungsämter übernehmen zumeist die Versorgung der Impfgeschädigten sowie die Entschädigungsleistungen im Rahmen von Tätigkeitsverboten, die in den Bestimmungen des IfSG begründet sind (z. B. Ausscheider).

Literatur

  • Stefan Bales, Hans Georg Baumann, Norbert Schnitzler: Infektionsschutzgesetz. Kommentar und Vorschriftensammlung. 2.Aufl., Stuttgart 2003, ISBN 978-3-170-17613-3

Einzelnachweise

  1. ↑ Ratgeber des Robert-Koch-Institutes
  2. ↑ Jahresbericht des EU Gesundheitskommissars
  3. ↑ Krankenhaushygiene
  4. ↑ Dt. Krankenhausgesellschaft: Stand der Hygienefachkräfte
  5. ↑ Krankenhaushygieneverordnung NRW §5

 

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Koloniebildende Einheit - KbE

Eine Koloniebildende Einheit ist eine Größe, die bei der Quantifizierung von Mikroorganismen eine Rolle spielt, und zwar wenn die Anzahl der Mikroorganismen in einem Material auf kulturellem Weg bestimmt wird. Die Abkürzung lautet KbE. Die englische Bezeichnung lautet Colony Forming Unit, abgekürzt CFU.

Mikroorganismen können unter anderem mit kulturellen Methoden quantifiziert werden. Dabei wird meistens eine Probe des Materials, dessen Mikroorganismengehalt bestimmt werden soll, auf der Oberfläche eines Kulturmedium-Gels oder im Kulturmedium-Gel möglichst gleichmäßig verteilt, so dass im Idealfall alle Individuen der Mikroorganismen einzeln und weit genug voneinander entfernt zu liegen kommen und bei geeigneten Kulturbedingungen durch Wachstum und Vermehrung jeweils eine Kolonie bilden. Die Anzahl der Kolonien ist unter diesen Idealbedingungen gleich der Anzahl der in der Probe enthaltenen Individuen. Tatsächlich aber kommen unter realen Bedingungen einige Individuen so dicht beieinander zu liegen, dass sie nur eine einzige gemeinsame Kolonie bilden, zudem haften oft einige Individuen so fest aneinander, dass sie nicht getrennt werden und sich ebenfalls nur eine Kolonie daraus entwickelt. Unter realen, nicht idealen Bedingungen ist also die Anzahl der Kolonien geringer als die Anzahl der in der Probe enthaltenen Individuen. Deshalb wurde der Begriff Koloniebildende Einheit eingeführt, die sowohl einzelnen Individuen als auch mehreren aneinander haftenden oder dicht zusammen liegenden Individuen entspricht.

Eine Besonderheit der Methode, mit Hilfe einer Kultur und durch die Bestimmung der Anzahl koloniebildender Einheiten Mikroorganismen zu quantifizieren, ist, dass durch die Wahl der Kulturbedingungen (Kulturmedium, Temperatur, Sauerstoffverfügbarkeit und dergleichen) bei Mikroorganismen-Gesellschaften mit Arten, die verschiedene Ansprüche an die Kulturbedingungen stellen, oft nur eine Auswahl aller vorkommenden Mikroorganismen erfasst wird. Das kann vorteilhaft sein, wenn nur bestimmte physiologische Typen von Mikroorganismen erfasst werden sollen. Nachteilig ist das, wenn eine sogenannte Gesamtkeimzahl in einer gemischten Mikroorganismen-Gesellschaft bestimmt werden soll.

Ein Beispiel ist die Bestimmung der Gesamtkeimzahl in KbE/ml als Mikroorganismengehalt von Trinkwasser.

 

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Lipopolysaccharide

Lipopolysaccharide (LPS) sind relativ thermostabile (wärmeunempfindliche) Verbindungen aus fettähnlichen (Lipo-) Bestandteilen und Zucker-Bestandteilen (Polysacchariden). Sie sind in der Äußeren Membran gramnegativer Bakterien enthalten. Sie wirken als Antigene und dienen der serologischen Charakterisierung und Identifizierung der Bakterien. Beim Zerfall der Bakterien werden Teile davon frei und wirken toxisch. Diese Teile werden als Endotoxine bezeichnet und von intakten Bakterien nicht abgegeben.

Struktur

Lipopolysaccharide bestehen aus drei Teilbereichen, die miteinander verbunden sind:

  • Lipid A
  • Lipid A bildet den inneren Bereich des LPS, das zugleich damit in der äußeren Membran verankert ist. Dieser Teil wirkt als Endotoxin. Er wird frei, nachdem die Zelle zerstört wird. Lipid A ist kein Glycerinlipid (Triacyllipid), sondern die Fettsäuren sind durch Esterbindungen an ein Disaccharid gebunden, das aus N-Acetylglucosaminphosphat besteht. Zu den häufigsten Fettsäuren zählen hier Capron-, Laurin-, Myristin-, Palmitin- und Stearinsäure. Lipid A kann je nach Bakterienart verschieden sein.

  • Kernregion
  • Die Kernregion ist an das Lipid A gebunden und besteht aus einer inneren und einer äußeren Kernregion. Sie besteht im Wesentlichen aus 2-Keto-3-desoxy-octonat (KDO) sowie Heptose, Glucose, Galactose und N-Acetylglucosamin. Auch die Kernregion kann bei unterschiedlichen Bakterienarten verschieden sein.

  • Polysaccharid
  • Ein an den Kern gebundenes Polysaccharid bildet den dritten, äußeren Bereich. Es bildet eine Kette aus einem oder mehreren Hexosen, zum Beispiel Rhamnose, Galactose, Glucose und Mannose, sowie einen oder mehrere Didesoxyzucker wie Abequose, Colitose, Paratose oder Tyvelose, zum Teil modifiziert. Diese Zucker sind in vier- oder fünfteilige Sequenzen verbunden, die oft verzweigt sind. Durch die Wiederholung der Zuckersequenzen entsteht das lange Polysaccharid. Dieses Polysaccharid wird als O-Polysaccharid bezeichnet, weil es als O-Antigen des Bakteriums fungiert. Dieser Bereich ist je nach Bakterienart und -stamm verschieden und kann zur Unterscheidung der Bakterien genutzt werden, unter anderem zur Differenzierung pathogener und nicht pathogener Arten. Dazu verwendet man in der Regel serologische Methoden, vor allem die Gruber-Widal-Reaktion. So können etwa Typhus und andere Salmonellosen unterschieden werden.

Die Polysaccharidketten können sehr kurz sein oder fehlen. Ein Fehlen der Kernregion kommt nicht vor.

Biosynthese

  • Lipid A und die Kernregion
  • werden im Cytoplasma synthetisiert und dort aneinandergehängt. Dieser Verband wird dann durch die Cytoplasmamembran geklappt und lagert sich spontan in die äußere Membran der Zellwand ein.

  • Polysaccharidketten
  • werden auch im Cytoplasma synthetisiert, sie sind jedoch stark hydrophil und können nicht ohne weiteres durch die lipophile Cytoplasmamembran transportiert werden. Damit dies dennoch möglich ist, wird Undecaprenylphosphat daran gebunden. Dadurch bekommt es ein lipophiles Ende, durch das es durch die Cytoplasmamembran gezogen werden kann. Im periplasmatischen Raum werden nun durch Polymerasen Teilbereiche kopiert und an die vorhandenen Ketten gehängt.

Nun werden die Polysaccharidketten mit dem Lipid A-Kernregion-Verband durch Ligasen verbunden und mit Hilfe von Poren (Bayer's Junctions) in die Äußere Membran transportiert. Dieser Vorgang ist passiv und daher ohne Energieaufwand möglich.

Reaktionen des menschlichen Körpers auf endotoxisch wirksame Lipopolysaccharide

Gelangen Lipopolysaccharide in das Blut, binden sie dort an das Serumprotein Lipopolysaccharid-bindendes-Protein (LBP) (oder auch Septin genannt). Dieser Komplex bindet an den Membranrezeptor CD14 unter anderem auf der Monozytenoberfläche und induziert über NF-κB die Freisetzung von TNF und IL-1β durch diese CD14-tragende Zelle. Die CD14-Expression wird wiederum durch TNF vorübergehend parakrin induziert (positive Selbstverstärkung)[1].

Lipopolysaccharide können durch zirkumventrikuläre Organe (Stellen mit einer durchlässigeren Blut-Hirn-Schranke) direkt in das Gehirn gelangen und von dort ausgehend vor allem in der Mikroglia ihren eigenen Rezeptor, CD14, vermehrt induzieren um dann lokal die nachfolgende Zytokinproduktion anzuregen. Dies ist einer der Wege, die zu Fieber führen [1].

Zerstörung von Lipopolysacchariden

Hitzebeständige Geräte kann man durch Erhitzen 5 Stunden bei 200 °C von den Lipopolysacchariden befreien, und nicht hitzebeständige Geräte mit 1 molarer Natronlauge, die 15 Stunden lang einwirken soll.

Referenzen

  1. ↑ a b Rivest S et al.: How the Blood Talks to the Brain Parenchyma and the Paraventricular Nucleus of the Hypothalamus During Systemic Inflammatory and Infectious Stimuli. Proc Soc Exp Biol Med 2000;223(1):22-38

 

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Teuchel (Wasserleitung)

Der Teuchel oder Deichel (auch Deuchel oder Tüchel (Schweiz)) ist eine aufgebohrte Holzröhre aus einem Baumstamm, wie sie zur Verlegung von Wasserrohrleitungen in vorindustrieller Zeit besonders in wald- und wasserreichen Gegenden Mitteleuropas allgemein üblich war. Ernst Ochs, Herausgeber des Badischen Wörterbuchs, führt den Begriff auf das lateinische Wort ductile zurück.[1] In Sachsen wird sie auch als Röhrfahrt bezeichnet.

Die Herstellung einer solchen Holzröhre verlangte von den Handwerkern großes Geschick, weshalb Deichelbohrer oder auch Röhrmeister ein anerkannter Beruf war. Nach diesem Beruf, der wegen des Holzbedarfs in der Nähe großer Waldgebiete ausgeübt wurde, sind z. B. das "Bohrertal" und der "Bohrerbach" am Schauinsland in Horben bei Freiburg im Breisgau benannt.

In vorindustrieller Zeit war es noch nicht möglich, mehr als zwei Meter lange Eisenstangen mit durchlaufendem Bohrgewinde herzustellen. Bei modernen Bohrmaschinen sorgen das durchgehende Gewinde und die Drehgeschwindigkeit dafür, dass die Bohrspäne automatisch aus dem Loch nach außen gedrückt werden. Ein kurzes Bohrgewinde für eine tiefe Bohrung bedeutete, dass der Bohrvorgang jeweils nach wenigen Umdrehungen unterbrochen werden musste, um den Bohrer hinter den sich stauenden Spänen wieder herauszuziehen. Der Bohrer wurde exakt waagrecht geführt und der Baumstamm dabei auf einem Holzwägelchen über hölzerne Schienen bewegt.

Vor dem Aufbohren wurden die im Saft geschlagenen Holzstämme, in der Regel Nadelhölzer, mit ihrem geraden Schaft in Teichen und Weihern (Deichelweihern) gelagert. Davon zeugen noch viele Bezeichnungen kleinerer Gewässer, wie der Teuchelweiher in Winterthur oder der Deicheleweiher in Freiburg im Breisgau. So konnten frische Stämme luftdicht und unabhängig von Feuchtigkeitsschwankungen bis zum Bedarf „auf Lager” gehalten werden.

Um eine Holzröhre von drei bis vier Metern Länge herzustellen, musste der Holzstamm von beiden Seiten aufgebohrt werden, was eine besondere Präzision verlangte. Trotzdem kam es immer wieder vor, dass etwa auf Grund von Verwachsungen, beide Bohrungen nicht genau aufeinandertrafen, sondern sich nur seitlich berührten. Zur Prüfung der Funktionsfähigkeit wurde eine sogenannte Deichelmaus verwendet. Es handelte sich dabei vermutlich um ein Gerät mit mausartigem Kopfteil und einem dünnen Stiel, der länger war als der verwendete Bohrer.

Die hohlen Baumstämme wurden anschließend mit beiderseits in das Stirnholz eingeschlagenen Metallringen (so genannten Deichelringen) verbunden und bei Undichtheit nachträglich mit Pech oder Asphalt abgedichtet. Nötigenfalls wurden Rohre oder Rohrverbindungen zusätzlich mit außen angebrachten Eisenringen abgedichtet. Die fertigen Rohrstücke für den Rohraustausch wurden zur Vermeidung von Trockenrissen ebenfalls unter Wasser in den Deichelweihern gelagert.

Verwendet wurden Deicheln nicht nur als Trinkwasserleitungen, sondern unter anderem auch zum Bau der Bad Reichenhaller Soleleitungen. In manchen abgelegenen Waldgebieten Deutschlands wurden Deichelleitungen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts betrieben. Sogar in Städten waren nach dem Zweiten Weltkrieg derartige Holzrohre vereinzelt noch in Gebrauch. In der Stadt Salzburg etwa war die letzte hölzerne Deichelleitung, die historische Sternweiherbrunnenleitung, noch bis 1976 in Betrieb. Selbiges gilt für die Wasserleitung, die dem Freudenstädter Teuchelwald seinen Namen gab. Sie war 1952 auch noch in Betrieb.[1]

Einzelnachweise

  1. ↑ a b Gerhard Endriss: Die künstliche Bewässerung des Schwarzwaldes und der angrenzenden Gebiete. In: Berichte der Naturforschenden Gesellschaft zu Freiburg im Breisgau. Band 42, Heft 1, 1952, S. 103

 

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Pipen

gefertigt wurden. Dabei wurden ca. 15 cm dicke Stämme entweder zentrisch zu Röhren aufgebohrt oder gespalten, die jeweiligen Hälften ausgehöhlt und wieder zusammengesetzt. Die Stöße dichtete man mit Werg, Pech oder an den Stirnseiten mit zylindrischen Eisenringen (Bussen).

Heute werden als Pipen umgangssprachlich Wasserhähne (österr.) oder Bierzapfstellen bezeichnet.

Literatur

  1. H. Roscher: Die Wasserversorgung Thüringens vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Universitätsverlag Bauhausuniversität Weimar 1999, ISBN 3-86068-105-2
  2. G.M. Veh und H.-J. Rapsch: Von Brunnen und Zucken, Pipen und Wasserkünsten. Die Entwicklung der Wasserversorgung in Niedersachsen. Wachholtz Verlag, Neumünster 1998, ISBN 3-529-05115-2

 

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Cloaca Maxima

Die Cloaca Maxima (lat. cluere = reinigen, Cloaca Maxima wörtlich größter Abwasserkanal, daraus abgeleitet auch der deutsche Begriff "Kloake") ist Teil eines antiken Kanalsystems in Rom. Der fünfte König Roms, Tarquinius Priscus, soll ein umfangreiches Kanalsystem zur Entwässerung der Senke zwischen Palatin und Kapitol, dem späteren Forum Romanum, geschaffen haben. Der wichtigste dieser Kanäle war die Cloaca Maxima, die damit als Prototyp für antike Abwasserleitungen gilt. Die Trasse dieser Anlage folgt einem ursprünglich natürlichen, später kanalisierten und begradigten Gewässerverlauf namens Velabrum, der am Pons Aemilius in den Tiber mündet. Die Abmessungen der Cloaca Maxima betragen bis zu 3 m Breite und mehr als 4 m Höhe. Der Göttin dieses Flusses, Venus Cloacina, wurde im Forum Romanum ein Schrein errichtet.

Transportkanal für Aquädukte

Die elf Aquädukte, die im ersten Jahrhundert n. Chr. Wasser nach Rom lieferten, wurden, nachdem sie vorher viele öffentliche Bäder, wie z. B. die Diokletiansthermen, öffentliche Brunnen, imperiale Paläste und private Häuser mit Wasser versorgten, an das Kanalsystem angeschlossen. Die anhaltende Versorgung mit fließendem Wasser half, Müll wegzuspülen und die Kanalisation vor Verstopfungen zu schützen.

Literatur

  • Filippo Coarelli: Rom. Ein archäologischer Führer. Philipp von Zabern, Mainz 2000, ISBN 3-8053-2685-8.
  • Samuel Ball Platner, Thomas Ashby: Cloaca Maxima. In: A Topographical Dictionary of Ancient Rome. Oxford University Press, London 1929, S. 126–127 (online).

 

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Lucius Tarquinius Priscus

(Weitergeleitet von Tarquinius Priscus)

Lucius Tarquinius Priscus war der Sage nach fünfter römischer König. Er regierte von 616 v. Chr. bis 578 v. Chr.

Leben

Tarquinius Priscus stammte aus der etruskischen Stadt Tarquinii und hieß eigentlich Lucumo. Er war sehr reich und hatte sich mit seiner Frau Tanaquil in Rom angesiedelt, da ihm in seiner Heimatstadt der Zugang zu Ämtern und Würden der Stadt verwehrt war. Der Grund lag in der Herkunft seines Vaters Demaratos, der aus der griechischen Stadt Korinth stammte. Bei Ankunft in der Stadt in einem Wagen griff sich auf dem Ianiculumhügel ein Adler seine Mütze und setzte sie ihm wieder auf. Er deutete dies als Omen dafür, einmal König zu werden.

In Rom gelangte er durch Großzügigkeit und Geschicklichkeit zu großem Ansehen. Selbst König Ancus Marcius wurde auf ihn aufmerksam und ernannte ihn zum Anwalt seiner Söhne. Nach dem Tod von Ancus Marcius konnte Tarquinius Priscus die Volksversammlung davon überzeugen, dass man ihn zum König wähle.

Seine militärischen Fähigkeiten musste er alsbald bei einem Angriff der Sabiner unter Beweis stellen. Die für Rom gefährliche Streitmacht wurde besiegt und im weiteren unterwarf er die Etrusker. So wurden die Städte Corniculum, Firulea, Cameria, Crustumerium, Americola, Medullia und Nomentum römisch. Nach jedem seiner Kriege, die immer äußerst erfolgreich verliefen, brachte er reiche Beute nach Rom. Tarquinius Priscus verdoppelte die Größe der Zenturien auf 1800 Personen. Den Senat ergänzte er um weitere einhundert Mitglieder aus Angehörigen niederer Stände. Darunter war u. a. die Familie der Octavier.

Auch kümmerte er sich weiter um die Stadtbefestigungen und um den Ausbau der Stadt. Als erster errichtete er am Ort des späteren Circus Maximus ein eigenes Gebäude für Pferderennen. Allerdings saßen die Zuschauer damals noch zwischen Aventin- und Palatinhügel auf hölzernen Tribünen. Ab jetzt wurden dort auch regelmäßig große Spiele veranstaltet.

Nach einer großen Überschwemmung wurden die feuchten Niederungen Roms durch Kanäle, die Anfänge der Cloaca Maxima, entwässert und trockengelegt, um so Platz für das Forum Romanum zu schaffen. Als letzte Großtat begann er auf Grund eines Gelübdes im Krieg gegen die Sabiner mit dem Bau eines Tempels zu Ehren des Iuppiter Optimus Maximus auf dem Kapitol.

Mittlerweile waren die Söhne seines Vorgängers Ancus Marcius längst erwachsen und der Meinung, der Thron stünde ihnen zu. Deshalb ließen sie Tarquinius Priscus nach 38 Regierungsjahren durch zwei Hirten mit einer Axt ermorden. Dank der klugen Voraussicht der Königin Tanaquil wurden aber nicht die Königsmörder, sondern Tarquinius Priscus’ Schwiegersohn Servius Tullius zum Nachfolger gewählt.

 

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Marcus Terentius Varro

Marcus Terentius Varro (* 116 v. Chr. in Reate im Sabinerland, heute Rieti; † 27 v. Chr.) war der bedeutendste römische Polyhistor. Er wird oft nach seiner Herkunft als Reatinus bezeichnet zur Unterscheidung von dem Dichter Publius Terentius Varro (Atacinus). Sein außerordentlich umfangreiches Werk war für die nachfolgenden Generationen eine Fundgrube kulturhistorischer Kenntnisse und hatte insbesondere auf die Kultur des augusteischen Zeitalters eine prägende Wirkung. Noch in der Spätantike war Varro eine bedeutende Autorität; auch Kirchenväter lasen und zitierten seine Werke. Heute ist nur noch ein kleiner Bruchteil seiner Schriften erhalten; der Verlust fast aller Werke Varros gehört zu den schwerwiegendsten Einbußen, die das kulturelle Erbe der Antike erlitt (siehe Bücherverluste in der Spätantike).

Leben

Varros Eltern sind unbekannt; wahrscheinlich entstammte er einer ritterlichen Familie. Sein Urahn war vermutlich der Konsul Gaius Terentius Varro. Reate ist als seine Heimatstadt erst in der Spätantike (in einem Brief des Symmachus) ausdrücklich bezeugt. Augustinus gibt irrtümlich Rom als Geburtsstadt und Wohnsitz in der Zeit der Kindheit an. Aus den Schriften Varros ist ersichtlich, dass er zu Reate, das er oft erwähnt und wo er ein Gut besaß, und zum Sabinerland eine enge Beziehung hatte; daher ist seine dortige Herkunft plausibel.[1]

Er studierte in Rom und Athen. Zu seinen Lehrern gehörten der Grammatiker und Literaturhistoriker Lucius Aelius Stilo, bei dem auch Cicero studierte, und der Platoniker Antiochos von Askalon, an dessen Unterricht Varro wohl um 84/82 in Athen teilnahm.

Schon früh begann Varro seine Laufbahn im Staatsdienst. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war er triumvir capitalis, frühestens im Jahr 86 Quaestor. Er bekleidete das Tribunat (frühestens 70), die kurulische Ädilität und (wahrscheinlich 68) die Praetur. Im Jahr 67 war er Legat seines Freundes Pompeius im Seeräuberkrieg, wofür er mit der Corona navalis ausgezeichnet wurde.[2] In derselben Stellung kommandierte er 49 in Spanien, musste sich aber nach der Kapitulation von Ilerda Gaius Iulius Caesar ergeben. Obwohl er sich hierauf aufs Neue Pompeius anschloss, wurde er nach der Schlacht von Pharsalos von Caesar begnadigt und kehrte im Jahr 46 nach Rom zurück. Dort beauftragte ihn Caesar mit der Errichtung einer öffentlichen Bibliothek, doch fiel dieses Projekt den Wirren nach Caesars Tod zum Opfer. Nach Caesars Ermordung wurde Varro 43 von Marcus Antonius geächtet und entging nur mit knapper Not dem Tod. Von Oktavian begnadigt, lebte er, bis an sein Ende im Jahr 27 literarisch tätig, auf seinem Landgut in den sabinischen Bergen.

Er war eng mit Cicero befreundet und vermutlich ein Verwandter von dessen Frau Terentia.

Plinius der Ältere berichtet, dass Varro auf seinen Wunsch in einem tönernen Sarg beigesetzt wurde, und zwar „nach pythagoreischer Sitte“ gebettet auf Blätter von Myrten, Ölbäumen und schwarzen Pappeln.[3] Diese testamentarische Verfügung Varros zeigt seine enge Beziehung zum römischen Neupythagoreismus, die auch aus einer Reihe von Äußerungen in seinen Werken hervorgeht.[4]

Werke

Varros Gelehrsamkeit umfasste eine Vielzahl von Wissensgebieten, und seiner Produktivität kam kein anderer Römer gleich. Quintilian nannte ihn den „gelehrtesten aller Römer“.[5] Die Gesamtzahl seiner Werke – größtenteils Abhandlungen und Dialoge, aber auch Gedichte – betrug über 70 in mehr als 600 Büchern.

Vollständig erhalten haben sich davon nur die im 80. Lebensjahr verfassten drei Bücher über die Landwirtschaft Rerum rusticarum libri tres. Dieses Werk sollte seiner Frau Fundania, die sich eine Villa rustica gekauft hatte, als Leitfaden dienen.[6]

Von den 25 Büchern des Werkes De lingua Latina (Über die lateinische Sprache) ist der größte Teil verloren; erhalten sind nur die Bücher 5–10 (lückenhaft) sowie einige Fragmente aus den verlorenen Büchern.

Von den 150 Büchern Menippischer Satiren sind fast 600 Fragmente erhalten.

Das restliche Werk ist nur aus Zitaten in Schriften anderer antiker Autoren und aus einer spätantiken Werkliste bekannt. Dazu gehören unter anderem:

Antiquarische Werke:

  • Antiquitates rerum humanarum et divinarum (Altertümer menschlicher und göttlicher Einrichtungen), eine Caesar gewidmete Darstellung der römischen Kulturgeschichte in 41 Büchern
  • De familiis Troianis (Über die trojanischen Familien), eine Darstellung der (angeblichen) trojanischen Herkunft alter römischer gentes
  • De gente populi Romani libri IV, eine Darstellung der Urgeschichte des römischen Volkes (populus Romanus) als ethnische Einheit (gens)
  • De vita populi Romani libri IV (Vier Bücher über das Leben des römischen Volkes), eine Geschichte der römischen Zivilisation seit der Königszeit
  • Tribuum liber (Buch über die tribus)

Sprachwissenschaftliche Werke:

  • De antiquitate litterarum, eine dem Tragödendichter und Literaturhistoriker Lucius Accius gewidmete Schrift über die Geschichte des Alphabets, das ursprünglich 16 Buchstaben umfasst haben soll und dann allmählich erweitert wurde
  • De origine linguae Latinae (Über den Ursprung der lateinischen Sprache), worin sich Varro unter sprachgeschichtlichem Gesichtspunkt mit dem Verhältnis zwischen dem Griechischen und dem Lateinischen sowie anderen italischen Sprachen befasste
  • De sermone Latino libri V, eine Schrift über die korrekte lateinische Umgangssprache in fünf Büchern
  • De similitudine verborum libri III (Über die Ähnlichkeit der Wörter), eine Abhandlung über sprachliche Analogie in drei Büchern
  • De utilitate sermonis (Über die Nützlichkeit der Umgangssprache), worin anscheinend Unregelmäßigkeiten (Anomalien) in der lateinischen Sprache untersucht wurden

Literaturwissenschaftliche Werke:

  • De actionibus scaenicis libri III, eine Zusammenstellung von Didaskalien (Liste von Dramenaufführungen mit Angaben zu den jeweiligen Einzelheiten)
  • De bibliothecis libri III (Über die Bibliotheken), eine Geschichte des Buch- und Bibliothekswesens im Zeitalter des Hellenismus, worin Varro anscheinend auch auf verschiedene Beschreibstoffe wie Papyrus und Pergament einging
  • De comoediis Plautinis (Über die plautinischen Komödien), eine Untersuchung über die Echtheit der Plautus zugeschriebenen Komödien, mit der die 21 Komödien, die erhalten sind und noch heute als echt gelten, als unzweifelhaft authentisch ermittelt wurden; bei anderen Stücken hielt Varro die Echtheit für möglich oder verneinte sie eindeutig
  • De compositione saturarum, eine Schrift über die Struktur römischer Satiren
  • De descriptionibus libri III (Über Beschreibungen); das Thema war entweder die Ekphrasis oder die Lehre von den Bühnencharakteren
  • De personis über die Masken in der Tragödie und der Komödie
  • De poematis libri III (Über die Dichtungen), ein Lehrdialog über die verschiedenen Gattungen der lateinischen Dichtung in drei Büchern
  • De poetis (Über die Dichter), eine Geschichte der lateinischen Dichtung in Gestalt von Biographien römischer Dichter, beginnend mit Livius Andronicus
  • De proprietate scriptorum libri III, eine Untersuchung der persönlichen stilistischen Eigenheiten römischer Autoren (die auch als Kriterien für die Echtheit ihnen zugeschriebener Werke dienen konnten)
  • De scaenicis originibus libri III, eine römische Theatergeschichte in drei Büchern
  • Quaestionum Plautinarum libri V (Plautus-Fragen), eine Untersuchung über schwierige Wörter bei dem Komödiendichter Plautus in fünf Büchern

Enzyklopädische Werke:

  • Disciplinarum libri IX (Neun Bücher über die Fächer), eine Darstellung der Sieben Freien Künste (Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik) sowie zusätzlich der Architektur und der Medizin
  • Hebdomades vel de imaginibus libri XV (Siebenergruppen oder Über Bilder in 15 Büchern), eine Sammlung von 700 gemalten Porträts berühmter Römer und Griechen, jeweils mit einem Epigramm und einer kurzen Biographie[7]

Philosophie:

Logistoricon libri LXXVI (76 Abhandlungen), eine Sammlung von Monographien (logistorici) über Fragen der Philosophie und Lebensführung. Die Bezeichnung logistoricus wurde von Varro selbst geprägt; ihre genaue Bedeutung ist unklar. Zu den logistorici gehört wohl Varros Schrift De philosophia, worin er die Philosophie als Lehre von der rechten Lebensführung behandelt.[8]

Auffassung von der Landwirtschaft

Im Gegensatz zu dem hundert Jahre älteren Cato behandelt Varro das Thema eher theoretisch: Der Gutsherr bewirtschaftet sein Land nicht mehr selbst, sondern kontrollierte eher seinen Verwalter. Unter anderem berechnet Varro genau die Arbeitskraft der notwendigen Sklaven. Er empfiehlt, Landhäuser entfernt von Sümpfen anzulegen, in denen animalia quaedam minuta, quae non possunt oculis consequi (= kleine Tierchen, die man nicht mit den Augen wahrnehmen kann) leben, die, durch Mund und Nase aufgenommen, schwere Krankheiten hervorrufen können.[9]

Varronische Zählung

Von Varro stammt die Angabe der (legendären) Gründung der Stadt Rom, auf die sich die im Altertum am häufigsten verwendete Zeitrechnung ab urbe condita („varronische“ Zählung genannt) bezieht. Varro ging – wie viele seiner Zeitgenossen – davon aus, dass Troia im Jahr 1193 v. Chr. von den Griechen erobert wurde. Nach seinen eigenen Angaben gelangte er durch die Einführung einer symbolischen Zahl zum Jahr der Stadtgründung: 440 Jahre galten ihm als Zeitspanne für eine Wiedergeburt – den Abstand zwischen Inkarnation und Reinkarnation. Dies sei, so schrieb er, die schriftliche Lehre von Astrologen, die Geburtshoroskope stellten. Da er Rom nach dem Aeneasmythos als Wiedergeburt des heldenhaften Troia ansah, gelangte er so zum Jahr 753 vor Beginn der heute verwendeten Zeitrechnung. Darauf basiert die Liste der römischen Konsuln.

Theologie

Der Kirchenvater Augustinus griff auf Varros Antiquitates rerum humanarum et divinarum in seinem Werk De civitate dei (Über den Gottesstaat) so oft zurück, dass es aus den Zitaten bei Augustinus von der modernen Philologie teilweise rekonstruiert werden konnte. In diesen Zitaten aus Varros Werk findet sich auch der älteste überlieferte Beleg für den Begriff „Natürliche Theologie“. Ob er der erste war, der den Begriff theologia naturalis benutzt hat, lässt sich nicht sagen. Aber der Begriff ist dank der Überlieferung durch Augustinus geschichtsmächtig geworden.

Varro stützt sich auf stoische Quellen. Er unterscheidet zwischen der von Dichtern geschaffenen mythischen Theologie (genus mythicon), der Theologie der Philosophen (genus physicon) und der Auffassung von den Göttern, die im Rahmen der Staatsreligion vorausgesetzt wird (genus civile). Die Dichterfabeln lehnt Varro ab; er meint, dass ihnen nur das törichte Volk anhänge. Die philosophische Theologie hält er – trotz seiner Missbilligung der philosophischen Meinungsverschiedenheiten über die Natur der Götter – für wertvoll. Er befürwortet die Ausübung der traditionellen Staatsreligion und meint, dass sie den Bedürfnissen des Volkes angemessen sei, während vieles in der philosophischen Theologie über die Fassungskraft des Volkes hinausgehe. Nach seiner Ansicht wurde die ursprünglich reine Gottesverehrung der römischen Religion durch den Einfluss der Dichter verdorben. Damit stellt sich Varro in die Tradition der seit Platon gängigen Kritik am Umgang der Dichter mit der Religion.[10] Als Vorbild altrömischer Frömmigkeit hebt Varro den sagenhaften, hochverehrten Friedenskönig Numa Pompilius hervor. Numas Name wurde in Rom mit dem von Varro sehr geschätzten Pythagoreismus assoziiert, wenn auch Gebildete wie Cicero und Livius darauf hinwiesen, dass Numa nicht, wie die Legende behauptete, ein Schüler des Pythagoras gewesen sein konnte.[11] Varro setzt Numa chronologisch korrekt vor Pythagoras.

Textausgaben und Übersetzungen

Gesamtausgaben und Ausgaben mehrerer Werke

  • Francesco Semi (Hrsg.): M. Terentius Varro. Armena, Venezia 1965
    • Bd. 1: De lingua Latina
    • Bd. 2: Fragmenta operum de grammatica, litteris, philosophia, scientiis. Logistoricon libri. Antiquitates
    • Bd. 3: Saturae Menippeae. De gente populi Romani. De vita populi Romani. Fragmenta operum historicorum
    • Bd. 4: De re rustica. Index nominum, quae apud Varronem reperiuntur
  • Antonio Traglia (Hrsg.): Opere di Marco Terenzio Varrone. Unione tipografico-editrice torinese, Torino 1974 (Nachdruck 1979), ISBN 88-02-02323-9 (unkritische Ausgabe mit italienischer Übersetzung; enthält: De lingua Latina, De grammatica librorum reliquiae, De re rustica)
  • Marcello Salvadore (Hrsg.): M. Terenti Varronis Fragmenta omnia quae extant. Olms, Hildesheim 1999ff. (kritische Ausgabe ohne Übersetzung; bisher erschienen:)
    • Teil 1: Supplementum. 1999, ISBN 3-487-10877-1 (enthält: Fragmenta nova vel praetermissa, Hebdomadum fragmenta, Fragmenta a Nicolao Perotti edita)
    • Teil 2: De vita populi Romani libri IV. 2004, ISBN 3-487-12672-9

Antiquitates rerum divinarum

  • Burkhart Cardauns (Hrsg.): M. Terentius Varro: Antiquitates Rerum Divinarum. 2 Bände (Teil 1: Die Fragmente, Teil 2: Kommentar), Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1976 (kritische Ausgabe der Fragmente; deutsche Übersetzung im Kommentarteil)

De lingua Latina

  • Roland G. Kent (Hrsg.): Varro, On the Latin Language. 2 Bände, Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1958, Digitalisate: Bd. 1 (Bücher I-VII) Bd. 2 (Bücher VII-X, Fragmente) (kritische Ausgabe mit englischer Übersetzung)
  • Jean Collart (Hrsg.): Varron, De lingua Latina. Livre V. Les Belles Lettres, Paris 1954 (kritische Ausgabe des fünften Buches mit französischer Übersetzung und Kommentar)
  • Pierre Flobert (Hrsg.): Varron, La langue latine, Livre VI. Les Belles Lettres, Paris 1985, ISBN 2-251-01331-8 (kritische Ausgabe des sechsten Buches mit französischer Übersetzung und Kommentar)
  • Hellfried Dahlmann (Hrsg.): Varro, De lingua Latina Buch VIII. 3., unveränderte Auflage (der Erstausgabe von 1940), Weidmann, Berlin 2003, ISBN 3-615-15850-4 (kritische Ausgabe des achten Buches mit deutscher Übersetzung und Kommentar)
  • Daniel J. Taylor (Hrsg.): Varro, De lingua Latina X. Benjamins, Amsterdam 1996, ISBN 90-272-4573-8 (kritische Ausgabe des zehnten Buches mit englischer Übersetzung und Kommentar)

Logistorici

  • Burkhart Cardauns (Hrsg.): Varros Logistoricus über die Götterverehrung. Konrad Triltsch Verlag, Würzburg 1960 (kritische Ausgabe der Fragmente mit Übersetzung und Kommentar)

Rerum rusticarum libri tres

  • Dieter Flach (Hrsg.): Marcus Terentius Varro: Über die Landwirtschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 978-3-534-19069-0 (kritische Edition mit Einleitung und deutscher Übersetzung, aber ohne Kommentar; überarbeitete Fassung von Flachs älterer dreibändiger, mit Kommentarteil versehener Ausgabe dieses Werks)
  • Dieter Flach (Hrsg.): Marcus Terentius Varro: Gespräche über die Landwirtschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1996–2002 (kritische Edition mit Einleitung, Übersetzung und Kommentarteil; als Textausgabe durch Flachs neue Ausgabe von 2006 überholt, aber wegen des Kommentarteils weiterhin wichtig)
    • Buch I, 1996, ISBN 3-534-11647-X
    • Buch II, 1997, ISBN 3-534-11648-8
    • Buch III, 2002, ISBN 3-534-11649-6

Disciplinarum libri IX

  • Friedrich Ritschl, De M. Terentii Varronis disciplinarum libris commentarius (Bonn, 1845), nachgedrucht in: F. Ritschl, Opuscula philologica, Band III, Leipzig 1877, 353-402

Saturae Menippeae

  • Raymond Astbury (Hrsg.): M. Terentii Varronis saturarum Menippearum fragmenta. 2., überarbeitete Auflage, Saur, München und Leipzig 2002, ISBN 3-598-71236-7 (kritische Ausgabe ohne Übersetzung)
  • Werner A. Krenkel (Hrsg.): Marcus Terentius Varro: Saturae Menippeae. 4 Bände, Scripta Mercaturae Verlag, St. Katharinen 2002, ISBN 3-89590-122-9 (kritische Ausgabe mit deutscher Übersetzung und Kommentar)

Literatur

  • Thomas Baier: Werk und Wirkung Varros im Spiegel seiner Zeitgenossen von Cicero bis Ovid. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07022-2
  • Burkhart Cardauns: Marcus Terentius Varro. Einführung in sein Werk. Winter, Heidelberg 2001, ISBN 978-3-8253-1269-5
  • Yves Lehmann: Varron théologien et philosophe romain. Latomus, Bruxelles 1997, ISBN 2-87031-177-X
  • Christiane Rösch-Binde: Vom "δεινὸς ἀνήρ" zum "diligentissimus investigator antiquitatis". Zur komplexen Beziehung zwischen M. Tullius Cicero und M. Terentius Varro. Herbert Utz Verlag, München 1998, ISBN 3-89675-226-X (gründliche Untersuchung zahlreicher Aspekte von Varros Leben und Werk)

Anmerkungen

  1. ↑ Zur Herkunftsfrage siehe Lehmann (1997) S. 33-35, besonders S. 33 Anm. 1.
  2. ↑ Plinius, Naturalis historia 16,3,7.
  3. ↑ Plinius, Naturalis historia 35,160.
  4. ↑ Siehe dazu Lehmann (1997) S. 299-314; Leonardo Ferrero: Storia del pitagorismo nel mondo romano, 2. Auflage, Forlì 2008, S. 291-304; Cardauns (2001) S. 70f.
  5. ↑ Quintilian, Institutio oratoria 10,1,95 (online)
  6. ↑ Varro, De re rustica 1,1.
  7. ↑ Plinius, Naturalis historia 35,11.
  8. ↑ Zum mutmaßlichen Inhalt von De philosophia und zur strittigen Frage, ob diese Schrift zur Sammlung der logistorici gehört oder ein eigenständiges Werk darstellt, siehe Thomas Tarver: Varro and the Antiquarianism of Philosophy, in: Jonathan Barnes/Miriam Griffin: Philosophia Togata II. Plato and Aristotle at Rome, Oxford 1997, S. 130-164 und Cardauns (2001) S. 69f.
  9. ↑ Varro, De re rustica 1,12.
  10. ↑ Wolfgang Speyer: Frühes Christentum im antiken Strahlungsfeld, Tübingen 1989, S. 416-419.
  11. ↑ Markus Peglau: Varro und die angeblichen Schriften des Numa Pompilius. In: Andreas Haltenhoff/Fritz-Heiner Mutschler (Hrsg.): Hortus litterarum antiquarum, Heidelberg 2000, S. 441-450.

 

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Eifelwasserleitung

Die Eifelwasserleitung – auch Römerkanal oder die Römische Wasserleitung nach Köln genannt – war eines der längsten Aquädukte des römischen Imperiums und gilt als größtes antikes Bauwerk nördlich der Alpen.

Geschichte der Leitung

Die Anlage hatte eine Vorgängerin, die heute Vorgebirgsleitung oder besser benannt nach ihren einzelnen Zweigen: Bachemer- (?), Gleueler- Burbacher- und Hürther Leitung genannt wird, die zwischen 1929 und 1953 ergraben wurden. Sie entstanden wahrscheinlich in verschiedenen Abschnitten bereits circa 30 n. Chr. vor Erhebung der Ubierstadt zur römischen Colonia [1]. Sie nutzte einige Quellen und saubere Bäche des Höhenzuges Ville (süd-)westlich von Köln, insbesondere des Duffesbaches oder Hürther Baches. Bevor diese Bäche von den Römern kanalisiert wurden, versickerten sie im Rheinschotter. Als die Menge und Qualität des Wassers dieser Leitung nicht mehr ausreichten, die schnell wachsende antike Großstadt zu versorgen, obwohl die Quellen auch im Sommer durch die in der Ville wasserspeichernden Braunkohleschichten eine ausreichende Schüttung hatten, wurde eine neue Wasserleitung zu den Quellen in der Eifel angelegt. Das kalkreiche Quellwasser aus der Eifel galt als qualitativ besonders hochwertig.

Die Eifelwasserleitung wurde um das Jahr 80 n. Chr. in der Nordeifel aus Opus caementitium und aus im Halbbogen gemauerten Steinen erbaut. Obwohl literarische und epigraphische Quellen fehlen, kann doch als sicher angenommen werden, dass die Leitung vom römischen Heer errichtet wurde, denn nur dieses verfügte über die entsprechenden Mittel. Sie hatte eine Länge von 95,4 Kilometern und eine Transportkapazität von bis zu 20.000 Kubikmetern Trinkwasser je Tag. Zählt man die verschiedenen Zuleitungen von den Quellen noch hinzu, dann hatte die Leitung sogar eine Länge von 130 km. Die Anlage versorgte die damalige römische Stadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium mit Wasser für die öffentlichen Laufbrunnen, Thermen und privaten Hausanschlüsse.

Die Leitung transportierte das Wasser einzig und allein durch ihr Gefälle und gehört zu den Denkmälern damaliger, bis heute nachwirkender, Ingenieurskunst. Der Verlauf zeigt die Befähigung der Römer zur exakten Vermessung, den Zugang zu Prinzipien der Physik und deren praktischer Ausführung. Manche vermuteten auch den Eisernen Mann als Fixpunkt, dieser ist jedoch vermutlich jünger.

Die gesamte Anlage war bis etwa 260 in Betrieb, sie wurde nach der ersten Plünderung und Zerstörung Kölns durch die Germanen nicht wieder in Betrieb genommen.

Nach diesen Zerstörungen wurde die rasch wieder aufblühende Stadt vom Duffesbach, der der Kanaltrasse folgte, mit Wasser versorgt. Damit war quasi der vorherige Status wieder gegeben.

Verlauf der Leitung

Die Eifelwasserleitung hatte ihren Ursprung in der Gegend von Nettersheim im Flusstal der Urft am Grünen Pütz, wo sie das Wasser einer Quelle aufnahm. Als reine Gefälleleitung zog sie sich am Talhang der Urft entlang nach Kall, um dort die Wasserscheide zwischen Maas und Rhein zu überwinden. Die damaligen römischen Ingenieure haben im Gelände genau diese eine mögliche Stelle ausfindig gemacht, an der die Gefälleleitung ohne einen Tunnel oder eine Druckrohrleitung die Wasserscheide überwinden konnte. Anschließend verlief die Leitung parallel zum Nordhang der Eifel, überquerte die Erft bei Euskirchen-Kreuzweingarten und zwischen Rheinbach und Meckenheim die Swist mit einer gemauerten Gewölbebrücke, um dann im Kottenforst bei Buschhoven, nordwestlich von Bonn, den Höhenrücken des Vorgebirges zu passieren. Weiter führte die Leitung über Brühl und Hürth nach Köln. Sofern die angetroffenen Quellen den römischen Ansprüchen an Qualität und Quantität genügten, wurden sie ebenfalls mit Quellfassungen versehen und in die Leitung eingespeist.

Die Ausführung der Leitung

Die Leitung verlief normalerweise zum Schutz vor Frost etwa 1 m unterhalb der Erdoberfläche. Der archäologische Ausgrabungsquerschnitt zeigt zu unterst eine lose Lage Steine, auf die eine U-förmige Rinne aus Beton oder Mauersteinen gesetzt wurde. Anschließend wurde auf die Rinne eine Schicht aus sauber zugehauenen und vermörtelten Natursteinen gemauert, die ihrerseits ein Gewölbe aus Steinen mit viel Mörtel trug. Bei der Ausführung in Beton und für das Gewölbe wurden Bretter für die Schalung verwendet, deren Maserung als Abdruck im Beton erkennbar ist. Die Leitung selbst hatte innen eine Breite von siebzig Zentimetern und eine Höhe von einem Meter und konnte damit auch von innen begangen werden. Sie war zum Schutz vor eindringendem Schmutzwasser außen verputzt und wurde bei Bedarf von einer Drainage begleitet, die das anstehende Grundwasser von der Leitung fernhielt. Kleinere Wasserläufe kreuzte die Leitung mit entsprechenden Durchlässen, von denen einer in der Nähe des Grünen Pützes sogar noch vollständig erhalten ist. Auch das Innere der Leitung war mit einem rötlichen Putz versehen (opus signinum), der neben Kalk auch zerstoßene Ziegelsteine enthielt. Dieser Putz erhärtete auch unter Wasser und dichtete die Leitung gegen Wasserverluste nach außen ab. Feine Ritzen und Spalten im Putz dichteten die römischen Bauarbeiter mit Holzasche ab, die sie bei der Inbetriebnahme und Erstbefüllung der Leitung mit Wasser hineinstreuten.

Die römischen Quellfassungen

Neben dem bereits erwähnten Grünen Pütz bei Nettersheim existierten weitere Quellfassungen im Verlauf der Leitung. Bekannt ist in erster Linie der Klausbrunnen bei Mechernich-Kallmuth, dessen Brunnenstube nach einer archäologischen Ausgrabung rekonstruiert und mit einem Schutzbau versehen wurde. Weitere Quellen wurden beispielsweise in Mechernich-Urfey gefasst und der Leitung zugeführt. Die Brunnenstuben wurden von der Konstruktion her den örtlichen Gegebenheiten angepasst und würden auch den heutigen technischen Erfordernissen entsprechen.

Die Quellgebiete im Einzelnen:

  • Der Grüne Pütz bei Nettersheim (50° 30′ 46″ N, 6° 36′ 39″ O)
  • Der Klausbrunnen bei Mechernich-Kallmuth (50° 33′ 9″ N, 6° 37′ 45″ OKoordinaten: 50° 33′ 9″ N, 6° 37′ 45″ O (Karte) )
  • Das Quellgebiet bei Mechernich-Urfey
  • Das Quellgebiet Hausener Benden bei Mechernich-Weyer

Gerade das letztgenannte Quellgebiet stellt eine Besonderheit dar: Auf der Suche nach einer ergiebigen Quelle zur Versorgung von Mechernich mit Trinkwasser stieß man 1938 auf eine Zuleitung der Eifelwasserleitung. Das ausströmende Wasser wurde darauf hin in das moderne Versorgungsnetz eingeleitet. Auf eine archäologische Suche nach der Quellfassung verzichtete man, um die Quelle nicht zu gefährden.

Die Ansprüche der Römer an die Qualität des Wassers

Die Menschen im römischen Imperium bevorzugten Trinkwasser mit hoher Wasserhärte. Derartiges Trinkwasser ist vollmundiger als fade schmeckendes weiches Wasser, es neigt aber auch zu Kalkausfällungen innerhalb der Transportleitungen. Diese Kalksinterablagerungen legten sich als dichte Schicht auf alle Bereiche der Leitung und verhinderten innerhalb der städtischen Rohrleitungen aus Blei, dass dieses giftige Schwermetall in das Trinkwasser geraten konnte. Die Eifelwasserleitung war auch von diesen Niederschlägen betroffen, die teilweise die Stärke von 20 cm erreichen konnten. Trotz der Verengung des Querschnitts durch diese Kalkausfällungen konnte die Leitung problemlos die notwendige Kapazität für den Wassertransport bereitstellen. Die Kalkausfällungen selbst stellten in späteren Jahren eine begehrte Quelle für Baumaterialien dar.

Ein Verfahren zur Prüfung einer Quelle für die Gewinnung von Trinkwasser nennt der römische Architekt und Autor Vitruv:

    „Die Erprobung und Prüfung der Quellen muss so besorgt werden: Wenn die Quellen von selbst hervorquellen und offen zu Tage liegen, dann betrachte und beobachte man, bevor man mit dem Leitungsbau beginnt, welchen Gliederbau die Menschen haben, die in der Umgebung dieser Quellen wohnen. Ist ihr Körperbau kräftig, ihre Gesichtsfarbe frisch, sind ihre Beine nicht krank und ihre Augen nicht entzündet, dann werden die Quellen ganz vortrefflich sein.“

An anderer Stelle findet sich beim gleichen Autor:

    „Daher müssen mit großer Sorgfalt und Mühe die Quellen gesucht und gefunden werden im Hinblick auf die Gesundheit des menschlichen Lebens.“

Die Hochbauten der Eifelwasserleitung

Bei der Eifelwasserleitung trifft man kaum auffällige Hochbauten an, wie man sie sonst als römische Aquädukte bei anderen antiken Fernwasserleitungen antrifft. Ein prominentes Beispiel für solch einen Hochbau stellt der Pont du Gard im Süden Frankreichs dar. Dafür gab es mehrere Gründe:

  • Der Verlauf der Leitung verursachte keinen derartigen Bauaufwand.
  • Die Leitung konnte vor Frost geschützt im Untergrund bleiben.
  • Das Wasser behielt auf dem Weg nach Köln seine angenehm kühle Temperatur.
  • Die Leitung konnte im Kriegsfall nicht so schnell zerstört werden.

Trotzdem gab es an der Eifelwasserleitung Hochbauten. Die auffälligste Brücke war die Überquerung des Swistbaches bei Rheinbach mit einer Bogenbrücke von 1400 Metern Länge und bis zu 10 Metern Höhe. Die Archäologen gehen davon aus, dass die Brücke einmal 295 Bögen mit einer lichten Weite von 3,56 m gehabt haben muss. Von dem Bauwerk ist, abgesehen von einem niedrigen Streifen aus Schutt, nichts mehr erhalten.

Eine kleinere Bogenbrücke, die Aquäduktbrücke Vussem, überquerte ein Seitental bei Mechernich-Vussem in etwa 10 Metern Höhe und 80 Metern Länge. Der archäologische Befund stellte sich als eindeutig dar, so dass man eine Teilrekonstruktion der Brücke vornehmen konnte, um dem Besucher eine Vorstellung von dem Bauwerk geben zu können.

Neben diesen größeren Aquäduktbrücken gab es aber auch viele kleine, die der Überwindung von Bachläufen dienten. Ein gut erhaltenes Beispiel eines solchen Brückchens ist die Aquäduktbrücke in Mechernich-Vollem.

Auch hinter dem Villeabschnitt, wo die Leitung über die alte Hürther Leitung geführt wurde, waren Hochbauten errichtet, die allerdings heute im Boden stecken.

Der römische Baustellenbetrieb

Der Bau der Leitung stellte hohe Ansprüche an die Fähigkeiten und Kenntnisse der ausführenden Ingenieure. Andererseits scheinen Qualitätsmängel am Bau auch bei den Römern nicht unbekannt gewesen zu sein, denn Sextus Iulius Frontinus als leitender Beamter der städtischen Wasserversorgung von Rom schrieb:

„Kein anderer Bau erfordert größere Sorgfalt in seiner Ausführung als einer, der dem Wasser standhalten soll. Daher ist für einen solchen Bau in allen Einzelheiten Gewissenhaftigkeit vonnöten - ganz im Sinne der Regeln, die zwar alle kennen, aber nur wenige befolgen.“

Der Aufwand zum Bau der Leitung

Ein Bauwerk dieser Länge war von der Vermessung, dem Tiefbau und den Mauerarbeiten nicht in einem Zuge zu verwirklichen. Stattdessen haben die römischen Ingenieure, die zu den an der Rheingrenze stationierten Legionen gehört haben dürften, die gesamte Baustelle in einzelne Baulose unterteilt. Die moderne Archäologie ist mit ihren Methoden in der Lage, die Grenzen solcher Baulose festzustellen. Bei der Eifelwasserleitung konnte sie mit 4440 Metern festgestellt werden, das sind ziemlich genau 15.000 römische Fuß. Weiterhin ließ sich nachweisen, dass die Vermessung völlig unabhängig vom Bau der Leitung stattfand. In diesem Zusammenhang wird der Leitungsbau ähnlich abgelaufen sein, wie es heute noch auf Großbaustellen üblich ist. Der Bauaufwand wird mit einem Erdaushub von 3 bis 4 Kubikmetern je laufendem Meter Leitung geschätzt, hinzu kommen 1,5 Kubikmeter Mauerwerk und Beton sowie 2,2 Quadratmeter Putz zur Abdichtung der Leitung. Der gesamte Aufwand wird auf 475.000 Tagewerke geschätzt, bei 180 effektiven Bautagen im Jahr waren dafür etwa 2500 Arbeiter 16 Monate lang beschäftigt. Die tatsächliche Bauzeit wird aber deutlich höher gelegen haben, da in dieser Rechnung weder die Vermessung noch die Beschaffung der Baustoffe enthalten sind. Nach dem Bau der Anlage wurde die Baugrube wieder aufgefüllt, die Oberfläche eingeebnet und ein Weg für die Leitungswärter, die den Trassenverlauf regelmäßig inspizierten, angelegt. Dieser Weg markierte gleichzeitig einen Schutzstreifen, innerhalb dessen Bereich eine landwirtschaftliche Nutzung des Geländes verboten war. Ähnliche Einrichtungen sind auch von anderen Aquädukten bekannt. An der römischen Wasserleitung nach Lyon in Frankreich fanden die Archäologen eine Verbotstafel mit folgender Aufschrift:

Auf Geheiß des Kaiser Caesar Trajanus Hadrianus Augustus ist niemandem das Pflügen, Säen oder Pflanzen gestattet innerhalb des Raumes, der zum Schutz der Wasserleitung bestimmt ist.

Römische Vermessungstechnik

Neben der sinnvollen Lage der Leitung im Gelände musste vor allem das notwendige Gefälle der Leitung gewährleistet sein. Die römischen Ingenieure waren mit ihren Chorobates, wasserwaagenähnlichen Messgeräten in der Lage, ein Gefälle von einem Promille einzuhalten, die Leitung überwand also auf eintausend Meter Entfernung die Höhe von gerade einem Meter. Hinzu kam die Notwendigkeit, an den Grenzen der einzelnen Baulose einen Zwangspunkt in der Höhe einhalten zu müssen, denn bei einer Bautätigkeit leitungsabwärts stieß man irgendwann an den Beginn des nächsten Loses, das vom Nachbarbautrupp bereits begonnen wurde. Die Leitung durfte somit keinesfalls zu tief an diesem Zwangpunkt ankommen. Entsprechend vorsichtig und sparsam sind die römischen Bauleute mit dem zur Verfügung stehenden Gefälle umgegangen. Kam die Leitung dagegen zu hoch an dieser Stelle an, genügte ein kleines Tosbecken in der Leitung zur Beruhigung des aus dieser Höhe herunterfallenden Wassers.

Römischer Beton als Baustoff

Die römischen Bauleute verwendeten eine Mischung aus gebranntem Kalk, Sand, Steinen und Wasser als eine Art Beton, der zwischen die Baugrube als Außenschalung und eine Innenschalung aus Brettern eingestampft wurde. Proben dieses Materials wurden modernen Prüfungen unterzogen; es zeigte sich dabei, dass der Beton ohne weiteres den heutigen Normen für diesen Baustoff entsprochen hätte. In der Literatur wird für diesen Baustoff auch der Name Opus caementitium verwendet..

Der Betrieb der Leitung

Während ihrer wahrscheinlich 180-jährigen Betriebsdauer von 80 bis ungefähr 260 nach Christus musste die Leitung ständig gewartet, ausgebessert, gereinigt und von Sinter befreit werden. Dies geschah durch regelmäßig angelegte Revisionsschächte, von denen aus die Leitung begangen werden konnte. Mitunter wurden diese Revisionsschächte auch über Reparaturstellen und Grenzen der Baulose angelegt. An der Zusammenführung der einzelnen Quellstränge entstanden ähnlich gestaltete offene Becken, damit das Bedienungspersonal derartige Problemstellen stets im Auge behalten konnte.

Zur Beseitigung von Verunreinigungen und Schwebstoffen aus dem Frischwasser wurden unter geschickter Ausnutzung der Verringerung der Strömungsgeschwindigkeit Absetzbecken eingesetzt. Dies lässt sich zumindest in der ersten Betriebsphase des Vorgängerbaues, der Hürther Leitung, vor dem Anschluss der Eifelwasserleitung an diesen nachweisen. Durch diese Technik wurde die Wasserqualität zusätzlich erhöht. Bei Straßenbauarbeiten an der Berrenrather Straße wurde 1927 ein solches Becken, das noch heute dort besichtigt werden kann, ausgegraben. Münzfunde in dieser Anlage lassen einen Einsatz ab etwa dem Jahr 50 vermuten. Bei dem Anschluss der Eifelwasserleitung wurde dieses Becken mit dem Aquädukt überbaut.[2]

Die Verteilung des Wassers in der antiken Stadt Köln

Auf den letzten Kilometern vor der antiken Stadt verließ die Leitung das Erdreich und führte das Wasser über eine Aquäduktbrücke, die vor der Stadt die Höhe von etwa 10 m erreichte. Der Grund für diesen zusätzlichen Bauaufwand ist in der Notwendigkeit zu suchen, auch höher gelegene Stadtteile mit Druckrohrleitungen versorgen zu können. Die damaligen Rohre bestanden aus Bleiplatten, die man zu einem Ring walzte und an den Stoßstellen des Ringes miteinander verlötete. Daneben waren auch Flansche zur Verbindung der einzelnen Rohrstücke in Gebrauch. Als Armaturen verwendeten die Römer Absperrhähne aus Bronze. Das ankommende Wasser floss dann in erster Linie in die vielen öffentlichen Laufbrunnen der Stadt, die ständig in Betrieb waren. Das Netz der Laufbrunnen war so dicht, dass kein Einwohner der Stadt weiter als 50 m zu einem dieser Brunnen gehen musste. Weiterhin versorgte die Leitung Thermen, private Hausanschlüsse sowie die öffentlichen Toilettenanlagen. Die Abwässer wurden durch ein im Kölner Untergrund befindliches Kanalnetz in den Rhein geschwemmt. Ein Stück dieser Abwasserleitungen kann unter der Kölner Budengasse auch heute noch besichtigt und begangen werden.

Die Nutzung der Leitung als Steinbruch

Im Jahre 260 wurde die Leitung bei einem kriegerischen Überfall durch die Germanen zerstört und nicht wieder in Betrieb genommen, obwohl die römische Stadt Köln weiter Bestand hatte. Zudem war in den Wirren der Völkerwanderung das Wissen um den Aquädukt verloren gegangen. Die Anlage blieb dann ein halbes Jahrtausend unberührt in der Erde liegen, bis dann zur Zeit der Karolinger eine neue Bautätigkeit im Rheinland einsetzte. Die Leitung wurde in dieser Zeit im steinarmen Rheinland gründlich ausgeschlachtet. So wurden gerade noch eben transportierbare Brocken aus der Leitung heraus gebrochen und beispielsweise in der Stadtmauer von Rheinbach erneut vermauert. Teilweise haftet an diesen Brocken aus Beton immer noch der Putz zur Abdichtung der Leitung. Auf diese Art und Weise wurden alle Hochbauten und weite Teile der unterirdischen Anlagen restlos beseitigt und einer neuen Nutzung zugeführt.

Besonders begehrt war der so genannte Aquäduktenmarmor, ein Sinterkalk, wie der schon erläuterte Niederschlag aus Kalk auch genannt wurde. Dieses Material hatte sich in der Betriebszeit der Leitung zu einer bis zu 30 cm dicken Gesteinsschicht angesammelt. Das Material besaß das Aussehen von bräunlich bis rötlich gefärbtem Marmor und ließ sich problemlos aus dem Querschnitt der Leitung entfernen. Der Sinterkalk konnte ohne weiteres poliert werden und erhielt in Längsrichtung durch die Ansammlung der Kalzitminerale eine Textur, die wie eine Maserung von Holz wirkte, während er rechtwinkelig, gegen sein natürliches Lager dazu wie ein versteinertes Brett erscheint. Dieser seltene Naturstein war im gesamten Rheinland sehr begehrt, man fertigte Säulen, Fensterleibungen und sogar Altarplatten daraus. Das Material lässt sich im Osten bis nach Paderborn und Hildesheim nachweisen, wo es in den dortigen Domen verbaut wurde. Die nördliche Verbreitung reicht gar bis nach Dänemark im Dom zu Roskilde, wo der auch Eifelmarmor genannte Sinter in Form von Grabplatten Verwendung fand, ferner befindet sich in der ältesten Steinkirche von Schweden in Dalby eine Aquäduktenmarmor-Säule.

Im Volksglauben des Mittelalters wurde aus der Eifelwasserleitung eine unterirdische Leitung von Trier nach Köln, wie es unter anderem in der Kölner Dombausage deutlich wird - der Teufel wettete mit dem Dombaumeister, dass er diese Leitung schneller vollenden könne als der Baumeister den Kölner Dom. Der Baumeister ging auf die Wette ein und trieb seine Leute zu höchster Eile an. Eines Tages stießen die Bauleute bei Ausschachtungsarbeiten zum Kölner Dom auf einen unterirdischen Wasserstrom. Das schadenfrohe Gekicher des Teufels trieb den Dombaumeister in den Tod: Er stürzte von den halb fertigen Domtürmen in die Tiefe. Sein Tod wurde als Ursache für den jahrhundertelangen Stillstand der Baustelle des Kölner Doms angesehen.

Teilweise wurde der ursprüngliche Zweck der Wasserleitung so stark umgedeutet, dass sie nicht Wasser, sondern Wein transportiert habe - so zum Beispiel in den Gesta Treverorum des heiligen Maternus (4. Jahrhundert) und im Annolied (11. Jahrhundert).

Abschließende Wertung

Die archäologische Erforschung der Eifelwasserleitung begann erst wieder im 19. Jahrhundert. Dem rheinischen Kartografen C. A. Eick gebührt das Verdienst, schon 1867 die Brunnenstube des Grünen Pützes als die von Köln am weitesten entfernte Quelle erkannt zu haben. Systematisch erforscht wurde die Leitung in den Jahren 1940 bis 1970 durch Waldemar Haberey. Seine 1971 erschienene Schrift (siehe Literaturauswahl) ist immer noch ein brauchbarer Führer entlang der Trasse. Der beim rheinischen Landesamt für Bodendenkmalpflege angestellte Archäologe Klaus Grewe hat ab 1980 die Trasse komplett kartografiert und in die Deutsche Grundkarte eingetragen. Sein „Atlas der römischen Wasserleitungen nach Köln“ gilt als Standardwerk über die Erforschung römischer Aquädukte.

Die Eifelwasserleitung stellt sich als technisches Kulturdenkmal ersten Ranges dar, an dem sich das römische Vermessungswesen, die römische Organisationsfähigkeit und das Können der römischen Ingenieure eindrücklich studieren lässt. Es ist bezeichnend für den Verlust an technischem Wissen, dass nach der Zerstörung und dem Verfall der Anlage die nachfolgenden Generationen nichts Rechtes mehr mit der Leitung anfangen konnten und sie als Steinbruch verwendeten. Den römischen Stand der Technik auf dem Gebiet der Wasserversorgung erreichte man erst wieder im 19. und 20. Jahrhundert. Somit kommt der gesamten, als bewahrenswert angesehenen Anlage eine Vorbildfunktion zu.

Touristische Hinweise

Entlang der Route der Wasserleitung führt der Römerkanal-Wanderweg von Nettersheim über Kall, Euskirchen, Rheinbach, Brühl, Hürth nach Köln. Die Route ist mit etwa 75 Schautafeln ausgestattet und gibt eine sehr gute Anschauung vom Verlauf der Leitungstrasse. Der Wanderweg ist 111,3 km lang und kann dank des dichten Netzes des öffentlichen Personennahverkehrs in mehreren Etappen gegangen oder auch mit dem Fahrrad gefahren werden.

Literatur

  • Klaus Grewe: Der Römerkanalwanderweg. Eifelverein, Düren 2005. ISBN 3-921805-16-3.
  • Ingrid Retterath: Deutschland: Römerkanal-Wanderweg. Conrad Stein Verlag, Welver 2008. ISBN 978-3-86686-240-1.
  • Klaus Grewe: Atlas der römischen Wasserleitungen nach Köln (Rheinische Ausgrabungen Band 26). Rheinland-Verlag, Köln 1986. ISBN 3-7927-0868-X.
  • Klaus Grewe: Aquädukt-Marmor.Kalksinter der römischen Eifelwasserleitung als Baustoff des Mittelalters, in: Bonner Jahrbücher Band 191, 1991, S. 277-246.
  • Klaus Grewe: Neue Befunde zu den römischen Wasserleitungen nach Köln. Nachträge und Ergänzungen zum "Atlas der römischen Wasserleitungen nach Köln", in: Bonner Jahrbücher Band 191, 1991, S. 385-422.
  • Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Theiss, Stuttgart 1987. ISBN 3-8062-0312-1
  • Waldemar Haberey: Die römischen Wasserleitungen nach Köln. Die Technik der Wasserversorgung einer antiken Stadt. Rheinland-Verlag, Bonn 1972. ISBN 3-7927-0146-4.
  • Rudolf Pörtner: Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit. Moewig, Rastatt 2000 (auch andere Ausgaben). ISBN 3-8118-3102-X.
  • Werner Hilgers: Vussem, Aquädukt. In: Walter Sölter (Hrgs.): Das römische Germanien aus der Luft. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1983. ISBN 3-7857-0298-1

Einzelnachweise

  1. ↑ Klaus Grewe (Rh. Amt für Bodendenkmalpflege, Bonn): Neun Teilstücke der römischen Eifelwasserleitung nach Köln geborgen, in Hürther Heimat, Heft 65/66, Hürth 1990, S. 113 f
  2. ↑ Gerta Wolff: Das Römisch–Germanische Köln, 6. überarbeitet Auflage, Köln 2005. ISBN 3-7616-1370-9. S. 265–269.

 

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Trippe

Trippen sind Unterschuhe aus Holz, die unter den normalen Schuhen getragen wurden. Patten sind das Äquivalent aus Metall. Auch bei Pferden werden Holzscheiben als Trippen unter die Hufe geschnallt.

Historisches

Im Mittelalter waren Trippen hölzerne Unterschuhe, die von den damaligen Stadtbewohnern unter die empfindlichen wendegenähten (Schnabel-)Schuhe und andere Lederschuhe geschnallt wurden. Grund dafür waren die in Städten stark durch Abfälle, Tierkot und anderes verschmutzten und größtenteils ungepflasterten Straßen und Gassen. Aus dieser Zeit stammt auch der Ausdruck trippeln. Auch im Haus wurden Trippen manchmal getragen, um sich im Winter gegen Fußkälte etwa von den kalten Steinböden zu schützen.[1]

Später ab dem 15. Jahrhundert[2] und bis ins 19. Jahrhundert[3] kamen zum Schutz von Lederschuhen vor Straßenschmutz auch eiserne Unterschuhe wie die rechts im Bild gezeigten Patten in Gebrauch.[4]

Alternativ wurden in manchen Gegenden als Schutz gegen Schmutz Clogs getragen. Trippen kamen außer Gebrauch durch die Konkurrenz von Galoschen und Gummistiefeln einerseits und dem Aufkommen befestigter Straßen und der Straßenreinigung andererseits.[5]

Schuhwerk mit ähnlichem Zweck [Bearbeiten]

Chopine

Im 15. Jahrhundert kamen in Spanien, Italien und dort vor allem in der Damenmode von Venedig die kunstvoll gearbeiteten Chopine auf. Sehr hohe Schuhe, die von Patrizierdamen ebenso getragen wurden wie von erfolgreichen Kurtisanen, hatten den Zweck dem Straßendreck zu entgehen, aber auch Status bzw. Erotik zu demonstrieren.[6]

Nalins

Die aus dem osmanischen Reich bekannten Nalins sind optisch Trippen ähnlich, jedoch handelt es sich dabei um keine Unterschuhe. Sie wurden barfuß getragen, um in türkischen Bädern die Füße vor Wasser und der Hitze von mit Hypocausten beheizten Fußböden zu schützen. Anwendung fanden diese auch z.B. beim Putzen.[7]

Pferdetrippen

Als Trippe wird eine etwa esstellergroße und 5 cm dicke Holzscheibe bezeichnet, die Arbeitspferden unter die Hufe geschnallt wurde, um auf morastigen Untergründen, vorwiegend in Moorlandschaften, besseren Halt zu finden.

Einzelnachweise

  1. ↑ http://www.xxx auf der Seite der Artikel Finding a Patten von John Gough
  2. ↑ http://www.xxx
  3. ↑ http://www.xxx
  4. ↑ http://www.xxx auf der Seite der Artikel Finding a Patten von John Gough
  5. ↑ http://www.xxx auf der Seite der Artikel Finding a Patten von John Gough
  6. ↑ http://www.xxx
  7. ↑ http://www.xxx

Literatur

  • Francis Grew, Margrethe de Neergaard, Susan Mitford (Illustrationen): Shoes and Pattens (Medieval Finds from Excavations in London)

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Malaria

Malaria (aus dem italienischen mala aria oder mal'aria „schlechte Luft“, die insbesondere aus den Sümpfen steigt) – auch Sumpffieber oder Wechselfieber genannt – ist eine nichtnamentlich meldepflichtige Tropenkrankheit, die von einzelligen Parasiten der Gattung Plasmodium hervorgerufen wird. Die Krankheit wird heutzutage hauptsächlich in den Tropen und Subtropen durch den Stich einer weiblichen Stechmücke (Moskito) der Gattung Anopheles übertragen. Außerhalb dieser Gebiete lösen gelegentlich durch den Luftverkehr eingeschleppte Moskitos die sogenannte „Flughafen-Malaria“ aus. Hierbei sind alle Personen im direkten Umfeld von Flughäfen gefährdet, z. B. Flughafenbedienstete oder Anwohner. Bis auf eine Übertragung durch Bluttransfusion und Laborunfälle ist eine Mensch-zu-Mensch-Ansteckung nur gelegentlich von der Mutter auf das ungeborene Kind möglich, wenn die Plazenta (besonders während der Geburt) verletzt wird. Der Mensch und die Anopheles-Mücken stellen das einzige nennenswerte Erregerreservoir humanpathogener Plasmodien dar.

Bislang galten nur vier Erreger als humanpathogen: Plasmodium falciparum, Plasmodium vivax, Plasmodium ovale und Plasmodium malariae. Neueste Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass ein weiterer Stamm, der bislang hauptsächlich als für Affen gefährlich galt, auch in größerer Zahl als bislang angenommen den Menschen infizieren kann: Plasmodium knowlesi [1] Hinsichtlich ihres Krankheitsverlaufes und ihrer geographischen Verbreitung unterscheiden sie sich erheblich. Plasmodium falciparum ist der klinisch bedeutsamste und bedrohlichste Erreger.

Die Symptome der Malaria sind hohes, wiederkehrendes bis periodisches Fieber, Schüttelfrost, Beschwerden des Magen-Darm-Trakts und Krämpfe. Besonders bei Kindern kann die Krankheit rasch zu Koma und Tod führen.

Epidemiologie

Geographische Verteilung

Die geographische Verteilung der Malaria (siehe Karte 2005 - aktuelle Karte bei der DTG, Weblinks!) ähnelt im 21. Jahrhundert der Temperaturverteilung der Erde. Die als Überträger geeigneten Anophelesarten kommen jedoch auf allen Kontinenten (außer der Antarktis) vor, wobei das Verbreitungsgebiet der Anopheles-Mücke auf niedrige Meereshöhen (unter 2.500 m am Äquator und unter 1.500 m in den restlichen Regionen) begrenzt ist. Die globale Erwärmung hat auch einen Einfluss auf die Verbreitung der Malaria, beispielsweise in höher gelegenen Regionen. Das Ausmaß dieses Einflusses ist jedoch umstritten.[2][3] Malaria war insbesondere gegen Ende des 2. Weltkriegs bis in den Norden Europas und Nordamerikas verbreitet. Das Risiko in den einzelnen Endemiegebieten ist sehr unterschiedlich, was auch saisonale und geographische Gründe hat. Im subsaharischen Afrika überwiegt Plasmodium falciparum deutlich vor allen anderen Plasmodienarten. Eine Rückkehr der Malaria nach Mitteleuropa wird von vielen Wissenschaftlern in den nächsten Jahren für unwahrscheinlich gehalten.[2]

Genetische Mutationen und Bedeutung der Malaria in der Menschheitsgeschichte

Der moderne Mensch (Homo sapiens) war während des größten Teils der Menschheitsgeschichte der Bedrohung durch Malaria-Infektionen ausgesetzt. Man schätzt, dass die ersten Vertreter des Homo sapiens vor ungefähr 200.000 Jahren in Ostafrika auftraten. Von dort breiteten sie sich allmählich über die ganze Erde aus. Die klimatisch kalten und Malaria-freien Regionen der Welt wurden erst in den letzten 20-30.000 Jahren durch moderne Menschen besiedelt.

Im Laufe der Zeit sind in der menschlichen Population Mutationen aufgetreten, die eine gewisse Resistenz gegen die schweren Verlaufsformen der Malaria bieten. Diese Mutationen betreffen die Erythrozyten (roten Blutkörperchen), in denen sich der Malaria-Parasit entwickelt. In erster Linie handelt es sich um Mutationen in den Genen des Hämoglobins (Hämoglobinopathien) aber auch um Mutationen im Stoffwechsel der Erythrozyten:

  • Bildung von Hämoglobin-Mutanten:
    • Sichelzellenanämie (Bildung von Hämoglobin S, im tropischen Afrika)
    • Hämoglobin C (in Westafrika)
    • Hämoglobin E (in Südostasien)
    • Hämoglobin D (in Indien)
  • Verminderte Synthese des Hämoglobins:
    • α-/β-Thalassämie (im Mittelmeerraum, ganz Südasien, Nordafrika)
  • Enzymdefekte im Erythrozytenstoffwechsel:
    • Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase (G6PDH)-Mangel

Heterozygote Anlageträger (mit nur einem mutierten Allel) können an Malaria erkranken, sind jedoch gegenüber den schweren Verlaufsformen geschützt, da sich die Malariaparasiten nicht so gut in den Erythrozyten vermehren können. Homozygote Anlageträger (beide Allele mutiert) haben unbehandelt häufig eine deutlich verkürzte Lebenserwartung (z. B. bei Sichelzellanämie), da die Funktion der Erythrozyten gestört ist. Weltweit gesehen sind etwa 8% der heutigen Weltbevölkerung von einer der obigen Mutationen betroffen. Die Hämoglobinopathien sind damit die bei weitem häufigsten menschlichen Erbkrankheiten. In manchen Regionen der Welt (Gebiet um die ostafrikanischen Seen, Teile Südostasiens) sind bis zu 50% der dortigen Bevölkerung Anlageträger. Die Tatsache, dass sich derartige Mutationen, die größtenteils erhebliche Nachteile vor allem in homozygoter Form für den jeweiligen Träger mit sich bringen, in der menschlichen Population haben halten können, ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, welchen großen genetischen Druck die Malaria auf die Menschheitsentwicklung ausgeübt hat. In Gebieten mit seltenerem oder nur episodischen Auftreten der Malaria (Nordeuropa, Nordasien) sind die o.g. Mutationen bei der einheimischen Bevölkerung nicht zu finden, sie sind durch den Selektionsdruck innerhalb einiger Tausend Jahre eliminiert worden.

Jährliche Opfer und Inzidenz

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jährlich knapp eine Million Menschen an Malaria, etwa die Hälfte von ihnen sind Kinder unter fünf Jahren. 90 % der Erkrankten leben auf dem afrikanischen Kontinent. Die Zahl der Malariakranken weltweit wird nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts auf 300–500 Millionen Fälle geschätzt.[4] Die WHO schätzte die Zahl der Malariafälle 2009 auf 243 Millionen.[5]

In Deutschland werden jährlich ca. 900 Erkrankte gemeldet, von denen 3–8 sterben (0,3–0,9 %). Der Großteil der Patienten ist in afrikanischen Endemiegebieten unterwegs gewesen (ca. 87 %).

 

  • Jahr                          1980   1981   1982   1983   1984   1985       1996    1998    1999   2000    2001   2002   2003   2004   2005   2006
  • Gemeldete Fälle
  • in Deutschland *        573     393     514     447   481      530    > 1.000    1.008    931     800   1.049    860     820     708     628    568
  • * vor 1990 nur für die BRD und Westberlin
  • Quelle [6], Datenstand: 1. August 2007

 

Erreger

Liste humanpathogener Erreger

Für den Menschen gefährlich sind die Erreger Plasmodium falciparum, Plasmodium vivax, Plasmodium ovale, Plasmodium malariae und Plasmodium knowlesi, die verschiedene Formen der Malaria auslösen können.

Darüber hinaus kann auch Plasmodium semiovale Malaria auslösen. Bei Mehrfachinfektionen mit gleichen oder verschiedenen Plasmodien können die Fieberanfälle auch unregelmäßig sein. Das sonst typische Wechselfieber bleibt aus, es herrscht konstantes Fieber.

Lebenszyklus

Im Laufe ihres Lebenszyklus vollziehen die Erreger der Malaria, die Plasmodien, einen Wirtswechsel. Der Mensch dient dabei als Zwischenwirt. Als Endwirt dienen Stechmücken, insbesondere der Gattung Anopheles. In ihnen findet die Vermehrung der Plasmodien statt.

Im Menschen (asexuelle Phase / Schizogonie)

Nachdem der Mensch von einer infizierten Anopheles-Mücke gestochen wurde, sondert sie mit ihrem Speichel, welcher Gerinnungshemmer enthält, ca 10–15 Sporozoiten ab. Diese werden mit dem Blutstrom zur Leber getragen, wo sie in die Zellen des Lebergewebes eindringen und darin zum Leberschizont heranreifen. Dort findet eine Vermehrung (Teilung) statt, die exoerythrozytäre Schizogonie genannt wird. Dadurch entstehen bis zu 30.000 Merozoiten. Der Schizont platzt, und die Merozoiten gelangen in die Blutbahn. Bei Plasmodium vivax und Plasmodium ovale verbleiben Hypnozoiten ungeteilt im Lebergewebe. In diesem Ruhezustand können sie über Monate bis Jahre verbleiben. Durch einen unbekannten Stimulus reifen sie zu Schizonten heran, was zu charakteristischen Rückfällen der Malaria tertiana führt.

Die Merozoiten gehen in den Blutkreislauf über und befallen sodann rote Blutkörperchen. Sie dringen in diese ein und verwandeln sich dort in Ringformen, die zu einem Trophozoit heranreifen. Dieser verwandelt sich wiederum in einen Schizonten und kann im Durchschnitt acht bis zwölf Merozoiten freisetzen; bei Plasmodium falciparum sogar bis zu 32. Eine geringe Zahl von Merozoiten entwickeln sich zu Geschlechtsformen, Gametozyten. Diese befinden sich nach meist einer Woche in geringer Anzahl im Blut, weshalb sie in der Routinediagnostik kaum entdeckt werden. Die männlichen Gametozyten werden Mikrogametozyten und die weiblichen Makrogametozyten genannt.

In der Mücke (sexuelle Phase / Sporogonie)

Beim erneuten Stich einer Mücke werden die Gametozyten in die Mücke aufgenommen. Sie entwickeln sich in ihrem Darm zu Gameten. Der Mikrogamet penetriert den Makrogameten, und es entsteht eine Zygote. Diese verändert sich, nimmt eine längliche Form an und wird motil (= beweglich), diese Zelle heißt nun Ookinet. Er lagert sich zwischen den Gewebeschichten des Mückendarms an und verwandelt sich dort zur Oozyste. In ihr entstehen bis zu 1.000 neue Sporozoiten. Nach ihrer Freisetzung wandern sie in die Speicheldrüsen der Mücke und stehen nun zur Neuinfektion bereit. Der Zyklus in der Anopheles dauert abhängig von der Außentemperatur zwischen 8–16 Tagen. Dabei ist eine Mindesttemperatur von 15 °C erforderlich. Unterhalb dieser Temperatur kommt kein Zyklus mehr zustande.

Pathogenese

Die mit Plasmodien infizierten, reifenden und platzenden roten Blutkörperchen setzen mit den Merozoiten Toxine (z. B. Phospholipide) frei, welche wiederum zur Freisetzung von Zytokinen führen. Die Zytokine sind hauptsächlich für den Fieberanstieg und einer beobachteten Absenkung des Blutzuckerspiegels (Hypoglykämie) verantwortlich. Die mit einer Laktatazidose verbundene Hypoglykämie wird nicht nur durch die Wirkung der Zytokine hervorgerufen, sondern ist auch eine Folge des Stoffwechsels der Parasiten. Ebenso kommt es bei hoher Parasitenanzahl im Blut durch Auflösung (Lyse) der roten Blutkörperchen, Abbau von befallenen roten Blutkörperchen in der Milz und Dämpfung der Erythropoese im Knochenmark durch die Zytokinfreisetzung (insbesondere durch den Tumornekrosefaktor-Alpha) zu einer Anämie.

Darüber hinaus bestehen zwischen Plasmodium falciparum und den anderen Malariaerregern wichtige pathogenetische Unterschiede.

Plasmodium falciparum

In den roten Blutkörperchen produziert der Trophozoit Proteine, wie zum Beispiel PfEMP1 (Plasmodium falciparum infected erythrocyte membrane protein 1), welches eine Bindung der infizierten Blutkörperchen an das Endothel der Blutgefäße bewirkt. Die damit verbundenen Mikrozirkulationsstörungen erklären zumindest teilweise den deutlich schwereren Verlauf der durch Plasmodium falciparum hervorgerufenen Malaria tropica.

Die Anhaftung der roten Blutkörperchen am Endothel und die mangelnde Verformbarkeit der befallenen Zellen, führt zu einer Verengung der Kapillaren und somit zu einer Störung der Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der Umgebung. Dies hat im zentralen Nervensystem besonders dramatische Auswirkungen und die häufigen zentralen Komplikationen der Malaria tropica zur Folge. Besonders kleine Kinder können in ein lebensbedrohliches Koma verfallen (cerebrale Malaria).

Übrige Plasmodien

Die übrigen Plasmodienarten sind nicht in der Lage, am Endothel zu haften, womit auch die geringere Anzahl an Durchblutungsstörungen und somit die geringe Gefährlichkeit zu erklären ist. Plasmodium malariae unterscheidet sich von den anderen humanpathogenen Plasmodien dadurch, dass es vereinzelt auch andere höhere Primaten befällt.

Klinik

Aufgrund des unterschiedlichen Verlaufs der Erkrankung kann zwischen der Malaria tropica, der Malaria tertiana und der Malaria quartana unterschieden werden. Die Malaria tropica ist dabei die schwerste Verlaufsform der Malaria.

Malaria tropica

Die Malaria tropica wird durch den Erreger Plasmodium falciparum verursacht. Charakteristisch für die Malaria tropica sind die hohe Parasitämie, die teils ausgeprägte Anämie und die häufig vorkommenden neurologischen Komplikationen. Es kann ein rhythmischer Fieberverlauf vorliegen. Ein Fehlen der Fieberrhythmik ist jedoch kein Ausschlusskriterium einer Malaria tropica.

Inkubationszeit

Zwischen dem Stich der Anopheles-Mücke und dem Krankheitsausbruch liegen im Mittel zwölf Tage. Erheblich kürzere Zeitintervalle treten bei einer Infektion mit erregerhaltigem Blut auf. Längere Inkubationszeiten sind unter Einnahme einer unzureichenden Chemoprophylaxe möglich.

Fieber

Das typische wechselnde Fieber mit Schüttelfrost beim Fieberanstieg und Schweißausbrüchen bei Entfieberung, wie es bei anderen Malariaformen auftritt, wird bei der Malaria tropica in der Regel nicht beobachtet. Daher kann man eine Malaria, eine Malaria tropica insbesondere, nicht allein aufgrund der Tatsache ausschließen, dass keine typische Fieberrhythmik vorliegt. Ein hohes Fieber über 39,5 °C tritt häufig bei Kindern auf und ist als prognostisch ungünstig zu beurteilen. Häufig kommt es zu zentralen Komplikationen und Koma.

Neurologische Komplikationen

Bewusstseinsstörungen, die bis zum Koma reichen können, stellen eine typische Komplikation der Malaria tropica dar. Dabei sind plötzliche Wechsel der Bewusstseinslage ohne Vorzeichen durchaus möglich. Es kann auch zu einer langsamen Eintrübung des Patienten kommen. Im Rahmen einer zerebralen Malaria können auch neurologische Herdsymptome wie Lähmungen und Krampfanfälle auftreten. Die normale neurologische Diagnostik führt hier kaum zu einer adäquaten Diagnose. Eine hohe Parasitenzahl im Blut dient als entscheidender Hinweis.

Bei Schwangeren und Kindern können Hypoglykämien auftreten, die allein oder mit der zentralen Problematik zum Koma führen.

Anämie

Anämien treten häufig bei schweren Infektionen auf. Eine besondere Risikogruppe für schwere Anämien stellen Säuglinge und Kleinkinder dar. Meist handelt es sich um eine hämolytische Anämie durch Zerstörung roter Blutkörperchen. Wie oben erwähnt besitzt auch die Hemmung der Erythropoese eine gewisse Bedeutung. Die Schwere der Anämie korreliert stark mit dem Ausmaß des Parasitenbefalls.

Hämoglobinurie

Der durch die massive Hämolyse angestiegene Hämoglobin-Spiegel im Blut führt zu einer Hämoglobinurie (daher die frühere Bezeichnung Schwarzwasserfieber), dem Ausscheiden von Hämoglobin über die Nieren. Diese Hämoglobinurie kann zu einem akuten Nierenversagen führen.

Veränderungen anderer Organsysteme

Im Laufe der Erkrankung kann es zu einer Vergrößerung der Milz (Splenomegalie) kommen, bedingt durch die große Zahl dort abzubauender Trümmer roter Blutkörperchen. In seltenen Fällen führt das Gewebswachstum zu einer Spannung der Kapsel, so dass diese leicht einreißen kann (Milzruptur). Den Magen-Darm-Trakt betreffende Symptome wie Durchfälle sind häufig und differentialdiagnostisch von Bedeutung, da sie bei fehlendem oder schwach ausgeprägtem Fieber zur falschen Diagnose bakterielle Enteritis führen können.

In bis zu zehn Prozent der Fälle kann eine Lungenbeteiligung auftreten, die von leichten Symptomen bis zu einem Lungenödem reichen kann.

Nicht selten kommt es durch eine Durchblutungsstörung der Niere zu einem akuten Nierenversagen. Nach ausgeheilter Infektion erholt sich die Niere meist.

Malaria tertiana

Die Malaria tertiana wird durch die Erreger Plasmodium vivax oder Plasmodium ovale verursacht. Sie ist eine der gutartigen Verlaufsformen der Malariaerkrankung. Es treten im Vergleich zur Malaria tropica kaum Komplikationen auf. Das Hauptproblem besteht darin, die unspezifischen Vorsymptome von der bösartigen Malaria tropica abzugrenzen. Dies gelingt meist nur in der mikroskopischen Diagnostik.

Inkubationszeit

Die Inkubationszeit beträgt zwischen 12 und 18 Tagen, kann aber auch mehrere Monate dauern, wenn der Verlauf der Infektion durch die Chemoprophylaxe verlangsamt wird.

Fieber

Nach einer unspezifischen Prodromalphase von wenigen Tagen stellt sich normalerweise die typische Dreitagesrhythmik ein, die der Malaria tertiana ihren Namen gab: Tag 1 mit Fieber, Tag 2 ohne Fieber und Tag 3 wieder mit Fieber.

Die Fieberattacken gehorchen meist folgendem Schema:

  • Froststadium (1 Stunde): Der Patient leidet unter Schüttelfrost und dem subjektivem Gefühl starker Kälte. In dieser Phase steigt die Temperatur steil an.
  • Hitzestadium (4 Stunden): Die Haut brennt häufig quälend. Es treten schwere Übelkeit, Erbrechen und Mattigkeit auf. Die Temperatur kann über 40 °C betragen, die Haut ist im Gegensatz zum nächsten Stadium meist trocken.
  • Schweißstadium (3 Stunden): Unter starkem Schwitzen sinkt die Temperatur bis zum Normalwert von 37 °C, Nachlassen der Mattigkeit noch vor Entfieberung.

Wie bei allen anderen Malariaformen gilt auch hier, dass das Fehlen der Fieberrhythmik keineswegs ausreicht, um die Krankheit auszuschließen.

Malaria quartana

Die Malaria quartana wird durch den Erreger Plasmodium malariae verursacht. Auch hier handelt es sich um eine gutartige Form der Malaria. Eine charakteristische Komplikation ist das nephrotische Syndrom. Besonders an dieser Form ist, dass es selbst nach einer sehr langen Zeit (> 50 Jahre) noch zu Rezidiven kommen kann. Auch ist die Inkubationszeit erheblich länger als bei den beiden anderen Formen.

Inkubationszeit

Die Inkubationszeit beträgt zwischen 16 und 50 Tagen. Somit ist sie erheblich länger als bei den übrigen Krankheitsformen.

Fieber

Die Prodromalphase ist genauso unspezifisch wie die der Malaria tertiana. Schon nach wenigen Tagen stellt sich die Vier-Tages-Rhythmik ein. Nach einem Tag mit Fieber sind zwei fieberfreie Tage zu beobachten, ehe wieder ein Tag mit Fieber folgt. Die Stadienabfolge (Frost-Hitze-Schweiß) am Fiebertag entspricht der Malaria tertiana. Auch hier gilt: fehlende Fieberrhythmik schließt die Diagnose Malaria nicht aus.

Nierenbeteiligung

Im Verlauf der Malaria quartana kann es zu einer schweren Nierenbeteiligung kommen. Diese wird unter anderem als Malarianephrose bezeichnet. Es handelt sich hierbei um ein nephrotisches Syndrom mit folgenden Symptomen:

  • niedriges Serumeiweiß Albumin (im Blutkreislauf mitverantwortlich für die Regulation des Wasserhaushalts)
  • Wasseransammlung im Bindegewebe (Ödeme) und der Bauchhöhle (Aszites) durch den Albuminmangel
  • erhöhtes Serumcholesterin

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass diese Komplikation gehäuft bei Kindern zwischen zwei und zehn Jahren im tropischen Afrika auftritt.

Rezidive

Wie schon oben erwähnt, bilden sich im Lebenszyklus von Plasmodium vivax und Plasmodium ovale Ruheformen, die sogenannten Hypnozoiten, aus. Sie können der Anlass dafür sein, dass es nach einer Ruhephase von Monaten bis Jahren zum erneuten Ausbruch der Krankheit kommt. Diesem muss nicht unbedingt eine anamnestisch bekannte Malariaerkrankung vorausgehen. Die Rezidive sind besonders tückisch, da oft weder vom Patient noch vom Arzt ein Zusammenhang zur Malaria hergestellt wird. Das Besondere an Plasmodium malariae sind die Rezidive nach besonders langem krankheitsfreiem Intervall (mehrere Jahre). Rezidive nach Krankheitsfreiheit von mehr als 50 Jahren wurden beschrieben. Die Rezidive kommen aber hier nicht durch Hypnozoiten in der Leber zustande (es gibt keine Hypnozoitformen des Plasmodium malariae), sondern durch einen fortdauernden Parasitenbefall des Blutes. Dieser ist so gering, dass er mikroskopisch meist nicht nachgewiesen werden kann. Dies ist besonders in der Transfusionsmedizin in Endemiegebieten von großer klinischer Bedeutung, da es auch bei negativ getestetem Spender zu einer Malariaübertragung kommen kann, wenn Frischblut eingesetzt wird. Blutkonserven werden hingegen gekühlt gelagert, was Malaria-Erreger abtötet.[7] Rezidive können jedoch in der Regel durch medikamentöse Maßnahmen (in erster Linie unter Einsatz von Primaquin) langfristig unterbunden werden.

Diagnostik

Die Diagnose Malaria sollte mit Hilfe labordiagnostischer Methoden abgesichert werden. Die in der Praxis wichtigste und kostengünstigste Methode bei Malariaverdacht ist die mikroskopische Untersuchung von normalen Blutausstrichen (Dünner Tropfen) und dem bis zu 10-fach angereicherten Dicken Tropfen unter Verwendung der Giemsa-Färbung auf Plasmodien. Eine Differenzierung der vier Plasmodien ist anhand morphologischer Kriterien möglich (siehe Maurersche Fleckung oder Schüffnersche Tüpfelung). Die ermittelte Parasiten- und Leukozytenzahl ist ein Maß der Schwere der Erkrankung. Ein negatives Ergebnis der mikroskopischen Untersuchung kann aufgrund der geringen Sensitivität dieser Methode eine Malaria jedoch nicht ausschließen.

Alternativ können die Erreger der Malaria immunologisch und molekularbiologisch nachgewiesen werden. Die zur Verfügung stehenden Malaria-Schnelltests (z. B. ICT Malaria P.F.®-Test, OptiMal®-Test) beruhen auf Nachweis parasitenspezifischer Antigene. Ein negatives Ergebnis kann jedoch auch bei diesen Tests eine Malaria nicht ausschließen. Das mit Abstand sensitivste Verfahren für die Malaria-Diagnostik ist die Polymerasekettenreaktion (PCR). Sie ist jedoch aufgrund des hohen Material- und Zeitaufwands für den Akutfall wenig geeignet.

Vorbeugung und Behandlung

Da kein hundertprozentiger Schutz gegen Malaria besteht (fehlender Impfschutz gegen Malaria), sollte das Risiko einer Malariaerkrankung gesenkt werden. Der wirksamste Schutz ist der Verzicht auf Reisen in Gebiete, in denen Malaria übertragen wird (Endemiegebiete). Da dies nicht immer möglich ist, ist die Vermeidung von Insektenstichen (Expositionsprophylaxe) das wichtigste Element der Malariavorbeugung. Zusätzlich sollte durch vorbeugende Einnahme (Chemoprophylaxe) oder Mitführen (Stand-by-Therapie) von Malaria-Medikamenten das Risiko verringert werden, an einer schweren Malaria zu erkranken.[8]

Unabhängig davon, ob eine Chemoprophylaxe oder eine Stand-by-Therapie gewählt wurde, muss bei jedem unklaren Fieber in den Tropen und auch lange Zeit nach der Rückkehr umgehend ein Arzt aufgesucht werden. Dieser sollte mittels eines geeigneten Bluttests den Malariaverdacht schnellstmöglich bestätigen oder ausschließen, da eine nicht rechtzeitig behandelte Malaria tropica tödlich sein kann.

Impfung

Zurzeit steht noch kein Impfstoff zur Verfügung. Auf diesem Gebiet wird zwar seit Jahren geforscht. Versuche mit zumindest zwei Impfstoffen führten bis jetzt zu einer Erfolgsrate von 30-50%. Mit der Einführung eines Impfstoffes wird derzeit nicht vor 2019 gerechnet.[9][10]

Insektenschutz

Der Insektenschutz ist der wichtigste Bestandteil der Malariavorbeugung. Dazu zählt das Tragen heller, hautbedeckender, langer Kleidung, der Aufenthalt in mückensicheren Räumen (insbesondere nachts; Klimaanlage, Fliegengitter, Moskitonetz) sowie die Behandlung von Haut und Kleidung mit moskitoabweisenden Mitteln, sog. Repellents (z. B. Icaridin oder DEET). Die zusätzliche Verwendung von Insektiziden in Sprays (allen voran Pyrethroide), Verdampfern, Räucherspiralen („mosquito coils“) und ähnlichem kann zusätzlichen Schutz bieten. Nach wie vor schützen sich jedoch viele Reisende nicht konsequent gegen Mücken. So ergab eine im April 2006 veröffentlichte Untersuchung aus Frankreich, dass weniger als 10 % der an Malaria erkrankten Patienten Maßnahmen zur Abwehr von Insekten verwendet hatten.

Chemoprophylaxe und Therapie

Für viele Reiseziele reicht es aus, für den tatsächlichen Krankheitsfall ein Medikament zur notfallmäßigen Eigenbehandlung (Stand-by-Therapie) mitzuführen. Dennoch wird eine Chemoprophylaxe unter Beachtung möglicher Arzneimittelnebenwirkungen und unter Berücksichtigung der persönlichen Gesundheitssituation (Vorerkrankungen, Immunstatus, …) bei Reisen in Malariagebiete mit hohem Infektionsrisiko häufig empfohlen.

Seit dem 17. Jahrhundert wird die Chinarinde und das daraus gewonnene Chinin zur Therapie der Malaria verwendet – die Legende besagt, dass britische Kolonialisten daher regelmäßig stark chininhaltiges Tonic Water tranken und, um den damals sehr bitteren Geschmack zu verbessern, oft dieses mit Gin mischten und so den Gin Tonic erfanden. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich die Therapiemöglichkeiten vervielfacht, und es besteht die Möglichkeit einer medikamentösen Vorbeugung (Chemoprophylaxe). Das größte Problem bei der medikamentösen Vorbeugung und Behandlung ist eine zunehmende Resistenz des Erregers. Die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e. V. empfiehlt derzeit (Stand 2009)[11]:

  • in Gebieten mit hohem Malariarisiko und bekannter Chloroquin- und Mefloquin-Resistenz (z. B. Goldenes Dreieck): keine Prophylaxe, bei Erkrankung Notfalltherapie mit Artemether-Lumefantrin oder Atovaquon-Proguanil.
  • in Gebieten mit hohem Malariarisiko und bekannter Chloroquinresistenz (z. B. Hochrisikogebiete Afrikas, Neuguinea, Salomonen, Brasilien (Bundesstaaten Rondônia, Roraima und Amapá)): Prophylaxe mit Atovaquon-Proguanil, Doxycyclin oder Mefloquin. Eine systematische Analyse vorhandener Studien konnte die bessere Verträglichkeit von Atovaquon-Proguanil und Doxycyclin im Vergleich zu Mefloquin belegen.[12]
  • in Gebieten mit geringem Malariarisiko und bekannter Chloroquin- und Mefloquinresistenz (z. B. Südost-Asien ohne Hochrisikogebiete): keine Prophylaxe, bei Erkrankung Notfalltherapie mit Artemether-Lumefantrin oder Atovaquon-Proguanil.
  • in Gebieten mit geringem Malariarisiko und bekannter Chloroquinresistenz (z. B. Brasilien ohne Aufenthalt in den Hochrisikogebieten, Volksrepublik China, Taiwan, Vanuatu, Arabische Halbinsel, Indien, Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka, Indonesien ohne Aufenthalt in Hochrisikogebieten, Philippinen): keine Prophylaxe, bei Erkrankung Notfalltherapie mit Artemether-Lumefantrin, Atovaquon-Proguanil oder Mefloquin
  • in Gebieten mit geringem Malariarisiko ohne bekannte Resistenzen (z. B. Mittelamerika, Haiti, Dominikanische Republik): keine Prophylaxe, bei Erkrankung Notfalltherapie mit Chloroquin

Des Weiteren stehen Chinin (zur Therapie, insbesondere bei der komplizierten Malaria tropica), Primaquin (Therapie der Malaria tertiana oder Malaria quartana; beugt Rezidiven vor; Verwendung zur Prophylaxe nur in Ausnahmefällen) und Proguanil (Prophylaxe; meist in Kombination mit Chloroquin; Verwendung nur noch in Ausnahmefällen) zur Verfügung.

Vor allem in China, Südostasien und Afrika werden Artemisinin-haltige Präparate (einschließlich deren Abkömmlinge Artemether, Artesunat, Arteflene, Artemotil, Dihydroartemisinin und Arteether) eingesetzt. Diese im Rahmen einer Kombinationstherapie (Artemisinin-based combination therapy) eingesetzten Präparate werden von der WHO als Mittel der ersten Wahl für die Akutbehandlung der Malaria empfohlen.[13] Artesunat wird seit neuestem auch von der AG Malaria der Paul-Ehrlich-Gesellschaft als Mittel der ersten Wahl zur Therapie der komplizierten Malaria tropica empfohlen. Großflächige klinische Studien liegen jedoch noch nicht vor. [14]

Die Stand-by-Therapeutika Halofantrin und Amodiaquin wurden in Europa wegen schwerer Nebenwirkungen mittlerweile vom Markt genommen, sind jedoch noch vereinzelt in Malariagebieten als Notfallmedikamente verfügbar. Halofantrin wurde mit Herzrhythmusstörungen in Verbindung gebracht, während unter der Therapie mit Amodiaquin vermehrt Leberschäden und Blutbildschäden (Agranulozytose, aplastische Anämie) auftraten.

Insbesondere in Endemiegebieten ist die Kombination von Sulfadoxin-Pyrimethamin, die sowohl zur Therapie als auch zur Prophylaxe für einheimische schwangere Frauen in Endemiegebieten als „intermittent Preventive Treatment“ (IPT) angewendet wird, verfügbar. Diese Arzneistoffkombination wurde jedoch in Deutschland aufgrund schwerer Hautreaktionen (Stevens-Johnson-Syndrom) vom Markt genommen.

In jedem Falle ist es wichtig und sinnvoll, sich rechtzeitig vor jeder Reise über die aktuelle Risiko- und Resistenzsituation zu informieren und mit einem tropenmedizinisch erfahrenen Arzt die persönliche Vorsorge zu planen.

Vektorkontrolle

Als Vektorkontrolle (Bekämpfung des Überträgers) bezeichnet man den Versuch, Neuinfektionen durch gezielte Bekämpfung der Anopheles-Mücke zu verhindern. Zu diesem Zweck werden Insektizide in den Wohnstätten der Menschen versprüht, oder es wird die Verwendung von insektizidimprägnierten Bettnetzen (IIB) propagiert.

In den 1950er und 1960er Jahren wurde unter Federführung der WHO versucht, Malaria im Rahmen des Global Eradication of Malaria Program zu vernichten. Ein wichtiger Bestandteil der Kampagne war das Besprühen der Innenwände aller Wohnungen und Häuser mit DDT. Das Testgebiet Sardinien wurde 1950 von Malaria befreit, ohne jedoch den Vektor auszurotten.[15] Trotz der anfänglichen Erfolge wurde das Projekt Anfang der 1970er Jahre als gescheitert eingestellt.

Der Einsatz von DDT in Wohnhäusern (Innenraumbesprühung) ist umstritten. Die Zunahme von Resistenzen gegen DDT kann seine Wirksamkeit einschränken. Das Ausbringen von DDT in Innenräumen birgt möglicherweise gesundheitliche Risiken: Es gibt Hinweise darauf, dass das DDT zu einem höheren Risiko von Fehlgeburten oder Missbildungen führen, die Samenqualität bei Männern senken oder an der Entstehung verschiedener Formen von Krebs beteiligt sein könnte.[16]

Heute ist die Herstellung und Verwendung von DDT weltweit nur noch zum Zwecke der Bekämpfung von Krankheitsüberträgern zugelassen.

Forschung

Die Basensequenzen in den Genomen von Plasmodium falciparum und Anopheles gambiae wurden im Herbst 2002 vollständig entschlüsselt. Etwa zeitgleich wurden neue Malariatherapeutika, wie z. B. Atovaquon, Lumefantrin und die vom Naturstoff Artemisinin abgeleiteten Wirkstoffe Artesunat und Artemether auf den Markt gebracht. Erste Erfolg versprechende Ergebnisse der Behandlung Malariakranker mit Tafenoquin und dem Antibiotikum Fosmidomycin wurden ebenso vorgestellt. Fosmidomycin blockiert den MEP-Weg (Methylerythritolphosphatweg), einen Stoffwechselweg zum Dimethylallylpyrophosphat (DMAPP). Den MEP-Weg benutzen Plasmodien, nicht aber der Mensch. Durch seine Blockade können wichtige, vom DMAPP ausgehende zelluläre Grundbausteine in Zellmembranen und Zellanker des Erregers nicht mehr synthetisiert werden.

Versuche, einen weltweit wirkenden Impfstoff gegen Malaria zu entwickeln, schlugen trotz einiger anfänglicher Erfolge jedoch bisher fehl. Das größte Problem bei der Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes ist die hohe Variabilität der Malaria-Antigene. Eine neue Hoffnung versprechen entschärfte lebende Erreger, denen das Gen UIS3 eliminiert wurde. Diese Sporozoiten wurden Mäusen gespritzt, wobei keinerlei Plasmodienformen entstanden, die von der Leber (deren Befall keine Symptome macht) in die roten Blutkörperchen hätten wechseln können. Das Ergebnis der Immunreaktion war eindrucksvoll: Keine einzige geimpfte Maus steckte sich nach einer Infektion mit normalen Plasmodien an, während in der Kontrollgruppe alle erkrankten.[17]

Seit 1987 ist RTS,S in Entwicklung. Dies ist ein weiterer Impfstoff, der aus dem Hepatitis-B-Impfstoff Hepatitis-B-Virus (RTS,S) besteht, welcher zusätzlich Bestandteile (RTS,S) des "circumsporozoite protein" der Oberfläche des Plasmodium-falciparum-Sporozoiten sowie ein weiteres Oberflächen-Antigen (RTS,S) des Hepatitis-B-Virus trägt.[18] Dadurch wird eine Immunantwort ausgelöst, die die Plasmodien in einem frühen Stadium, noch bevor sie die Leber infizieren, bekämpft. Zusätzlich wird ein Impfschutz gegen das Hepatitis-B-Virus induziert.[19] Für einen vollständigen Immunschutz ist geplant, den Impfstoff mit weiteren Antigenen des Malaria-Erregers zu kombinieren.[20] GlaxoSmithKline führte 2010 eine Schlüsselstudie mit RTS,S durch. [21] Die Bewertung einer randomisierten Doppelblind-Studie, die mehr als 15400 Kindern einbezog, ergab nach einem Jahr als vorläufiges Ergebnis bei einer mit RTS,S geimpften Patientengruppe eine Reduktion der Malaria-Fälle um ungefähr die Hälfte gegenüber der Kontrollgruppe; für die Untergruppe schwerer Verläufe fällt der Unterschied um ca. 5% geringer aus.[22]

Ein alternativer Therapieansatz könnte im Sinne einer passiven Immuinisierung einen Antikörper gegen Plasmodien verwenden.

Ein weiterer Ansatz aktueller Forschung ist, die Vermehrung der Plasmodien zu verhindern. Untersuchungen an Mäusen zeigten, dass es prinzipiell möglich ist, über einen Impfstoff die Verschmelzung weiblicher und männlicher Keimzellen des Plasmodiums zu blockieren, und somit die Weitergabe des Erregers einzudämmen.[23][24]

Eine weitere Möglichkeit der Bekämpfung der Malaria ist das Unterbrechen der Infektionskette durch Bekämpfen der Anopheles-Mücke. Ein entsprechender Versuch zur Ausrottung der Malaria in den 1960er Jahren mit Hilfe von DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) war nur örtlich und zeitlich begrenzt erfolgreich; in der Folgezeit wurden umweltschädigende Wirkungen offenbar. Ein neuer Ansatz ist der Einsatz des Bakteriums Bacillus thuringiensis israelensis (bti), das im Labor einfach vermehrt werden kann (vgl. Bacillus thuringiensis). Bti ist gegenüber Stechmücken erprobt und hochwirksam, schont aber bei richtiger Anwendung „Nicht-Ziel-Organismen“ weitgehend. Zur Anwendung werden Bti-Sporen in von Anopheles-Larven bewohnte Gewässer ausgebracht. Die Larven nehmen die Bakterien mit der Nahrung auf. In ihrem Darm setzen Verdauungsenzyme ein Delta-Endotoxin aus der Sporenwand frei; dieses Eiweiß tötet Zellen der Darmwand, indem es kationen-durchlässige Poren in deren Membran erzeugt.[25] Die Insekten stellen daraufhin ihre Nahrungsaufnahme ein und gehen noch im Larvenstadium zugrunde. Bti wird in flüssiger, Tabletten-, Pulver- und Granulatform kommerziell angeboten. Für den großflächigen Einsatz im Freiland hat sich die Verwendung von Granulat bewährt; bei starker Durchseuchung von Gewässern wird dieses mit Hubschraubern ausgebracht.

Außerdem forscht die gemeinsame Abteilung der IAEO und FAO an einer neuartigen Methode zur Bekämpfung der Anopheles-Mücke durch massenweise Aussetzung steriler Mückenmännchen (Sterile Insect Technology).

In Anbetracht der zunehmenden Resistenz gegen die in den letzten Jahrzehnten entwickelten Wirkstoffe rückt seit 2002 die synergistische Wirkung der länger bekannten Wirkstoffs Methylenblau und Chloroquin ins Blickfeld der Forschung.[26][27]

In Zusammenarbeit mit der WHO erarbeiten gegenwärtig das Kenya Medical Research Institute und die britische Universität Oxford im Internet verfügbare Weltkarten, auf denen das gesamte Wissen über die Verbreitung der Malaria zusammengetragen wird (z. B. Infektionsrate Plasmodium falciparum, Plasmodium vivax). Dieses Malaria Atlas Projekt genannte Unterfangen wird vom englischen Wellcome Trust finanziert und ständig erweitert.[28]

Armutsbedingte Krankheit

Die Malaria wird auch als armutsbedingte Krankheit bezeichnet. Hinter dieser Bezeichnung steht zum einen das Kalkül, dass von der Krankheit hauptsächlich arme Menschen betroffen sind, die über wenig Kaufkraft verfügen und folglich keinen attraktiven Markt bilden. Für Pharmaunternehmen ist es daher ökonomisch sinnvoller, Mittel gegen medizinisch weniger „dringende“ Krankheiten zu erforschen, deren Betroffene kaufkräftiger sind.

Norbert Blüm schreibt dazu in der Süddeutschen Zeitung vom 7. Oktober 2003:

„Die Pharmaindustrie gibt weltweit doppelt so viel Forschungsmittel im Kampf gegen Haarausfall und Erektionsschwächen aus wie gegen Malaria, Gelbfieber und Bilharziose. Das ist marktwirtschaftlich konsequent, denn die Kunden mit Erektionsschwächen und Haarausfall haben in der Regel mehr Kaufkraft als die Malaria- und Gelbfieberkranken.“[29]

Die Europäische Union will als Reaktion auf diesen Mechanismus die Entwicklung von Mitteln gegen armutsbedingte Krankheiten mit 600 Millionen Euro fördern.[30]

Andererseits ist es fraglich, ob gerade für Regionen, in denen die Malaria wie die Armut verbreitet sind, die Bekämpfung der Malaria durch Entwicklung eines Impfstoffes im Vordergrund stehen sollte. Der Parasitologe Paul Prociv weist darauf hin, dass Erwachsene in Malariagebieten durch ständige Reinfektion praktisch immun gegen die Krankheit sind. Vorrang hätte die Hebung der allgemeinen Gesundheitsfürsorge und Lebensumstände. Von einem Malariaimpfstoff würden hauptsächlich westliche Besucher der Tropen profitieren, die die Nebenwirkungen der herkömmlichen Malariavorsorge scheuen.[31]

Als armutsbedingte Erkrankung kann Malaria auch gelten, da in vielen Ländern der dritten Welt die Wohnverhältnisse der meisten Menschen nicht den Standards zur Infektionsvermeidung (geschlossene Wohnräume, Moskitonetze, Klimaanlage, Insektensprays, usw) entsprechen, keine Chemoprophylaxe zur Verfügung steht und Medikamente teuer und schwer zu beschaffen sind[2] (siehe auch Abschnitt Vorbeugung und Behandlung).

Aufgrund der mangelnden finanziellen Unterstützung gab Bill Gates Ende Oktober 2005 bekannt, dass er zur Förderung der Malariaforschung eine Summe von 258,3 Millionen Dollar zur Verfügung stellen werde. Seiner Meinung nach stelle „es für die Welt eine Schande dar, dass sich in den letzten 20 Jahren jene durch Malaria hervorgerufenen Todesfälle verdoppelten, zumal gegen jene Krankheit sehr stark vorgegangen werden könnte.“[32]

Volkswirtschaftliche Auswirkung

Nach Jeffrey Sachs sind tropische Krankheiten, insbesondere aber Malaria, eine Hauptursache für die wirtschaftliche Misere der ärmsten Länder der Erde: Wo diese Krankheit auftritt, also vor allem in den Tropen und Subtropen, herrscht auch Armut. So hatten Mitte der 1990er-Jahre von Malaria heimgesuchte Länder ein durchschnittliches Volkseinkommen von rund 1.500 Dollar pro Kopf, während nicht betroffene Länder mit durchschnittlich 8.200 Dollar über mehr als das Fünffache verfügten. Volkswirtschaften mit Malaria sind zwischen 1965 und 1990 durchschnittlich nur um 0,4 Prozent im Jahr gewachsen, die anderen dagegen um 2,3 Prozent[33]. Der durch die Krankheit verursachte volkswirtschaftliche Schaden für Afrika allein wird umgerechnet auf rund 9,54 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Nach Studien liegt die durch Malaria verursachte Lähmung der Volkswirtschaften der betroffenen Länder nicht nur an den direkten Kosten für Medikamente und medizinische Behandlung. Malaria hat eine negative Auswirkung auf die Arbeitsproduktivität und somit auf das Bruttoinlandsprodukt des Landes, womit nötige Investitionen, wie beispielsweise in Bildung, ausbleiben. Zudem meiden ausländische Investoren solche Länder ebenso wie Touristen und Handelsunternehmen[34].

Mittlerweile hat AIDS die ungünstige Situation für diese Länder noch dramatisch verschlimmert.

Geschichte

Die frühesten Berichte von Malariaepidemien sind uns von den Alten Ägyptern (u.a. aus dem Papyrus Ebers) erhalten. Die ältesten DNA-Funde wurden neuerdings dann auch von Münchener Pathologen um Andreas Nerlich in zwei ägyptischen Mumien aus Theben gefunden, die ca. 3500 Jahre alt sind[35]. Aber auch in rund 3000 Jahre alten indischen Schriften taucht das Wechselfieber auf. Die Chinesen hatten vor über 2000 Jahren sogar schon ein Gegenmittel. Sie nutzten die Pflanze 青蒿 [qīnghāo], ein Beifuß-Gewächs. In der Neuzeit konnten Forscher tatsächlich einen wirksamen Stoff aus dieser Pflanze isolieren: das Artemisinin.

In der Antike verbreitete sich die Malaria rund um das Mittelmeer. Hippokrates erkannte, dass Menschen aus Sumpfgebieten besonders häufig betroffen waren, jedoch vermutete er, dass das Trinken von abgestandenem Sumpfwasser die Körpersäfte (vgl. Humoralpathologie) in ein Ungleichgewicht bringt. Von unsichtbaren Krankheitserregern wusste man damals noch nichts.

Auch das Römische Reich wurde regelmäßig von schweren Malariaepidemien heimgesucht. Einige Historiker gehen sogar davon aus, dass sie einen der entscheidenden Faktoren für den Untergang des Römischen Reiches darstellen. Erst unlängst wurde bei Rom ein Kindermassengrab mit über 50 Leichen entdeckt, das auf das Jahr 50 datiert wurde. Aus den Knochenresten dieser Kinderskelette konnte die DNA von Plasmodium falciparum isoliert werden.

Im Mittelalter bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die Malaria nicht nur in Süd-, sondern auch in Mitteleuropa verbreitet. Zum Beispiel war es in Norddeutschland als Marschenfieber bekannt. Berühmte europäische Malariapatienten waren Albrecht Dürer, Oliver Cromwell und Friedrich Schiller. Erst durch die Trockenlegung von Sumpfgebieten und durch den systematischen Einsatz von Insektiziden konnte die Malaria in den 1960er Jahren in Europa ausgerottet werden.

Aus Nord- und Südamerika sind die ersten Malariafälle erst im 16. Jahrhundert dokumentiert. Man geht heute davon aus, dass sie durch die Europäer bzw. durch den von ihnen organisierten Sklavenhandel dort eingeschleppt worden ist. Doch ausgerechnet von dort kam ein Heilmittel, das heute noch Verwendung findet.

Peruanische Arbeiter bekämpften Fieber erfolgreich mit der Rinde eines Baumes aus der Familie der Rötegewächse, zu denen auch die Kaffeepflanze gehört. Mitglieder des Jesuitenordens beobachteten diese Wirkung und brachten das Mittel in Pulverform erstmals 1640 nach Europa, wo es auch „Jesuitenpulver“ genannt wurde. Der Baum wurde später als „Chinarinde“ (Cinchonia) bekannt, das Medikament als „Chinin“.

Chinin hat einen äußerst bitteren Geschmack. Es wird als Aromastoff für Tonicwater und Bitter Lemon verwendet. Bis heute hält sich die Legende, regelmäßiges Trinken von Gin Tonic schütze vor Malaria. Jedoch ist heutzutage die Chininkonzentration in einem Gin-Tonic-Drink viel zu gering.

Der Malariaerreger wurde am 6. November 1880 vom Franzosen Alphonse Laveran entdeckt, der in Constantine (Algerien) am Militärkrankenhaus arbeitete. Er erhielt dafür 1907 den Nobelpreis für Medizin.

Ronald Ross, Chirurg und General aus England, fand 17 Jahre später bei seiner Arbeit während des Baus des Sueskanals den Zusammenhang zwischen dem Malariaerreger und dem Stich der Anophelesmücke heraus und erhielt dafür nicht ganz unumstritten den Nobelpreis für Medizin 1902. Den Zusammenhang zwischen Mücken und Malaria hatten im übrigen schon die alten Ägypter 3000 v. Ch. erkannt. Sie wurde als Fluch der Götter bzw. des Nils angesehen.

Julius Wagner-Jauregg infizierte 1917 einige seiner Patienten gezielt mit Malaria, um mit den auftretenden Fieberschüben die progressive Paralyse zu behandeln. Diese sogenannte Malariatherapie erwies sich als erfolgreich und wurde bis zum Aufkommen von Antibiotika praktiziert, 1927 erhielt Wagner-Jauregg dafür den Medizin-Nobelpreis. Wegen der damit verbundenen Risiken gilt der Einsatz von Malaria als Therapeutikum heute jedoch als nicht mehr vertretbar.

In den 1950er-Jahren begann die WHO das Global Eradication of Malaria Program. Neuansteckungen durch Mückenstiche sollten durch Besprühen der Innenwände der Häuser mit DDT-Lösung verhindert werden. Parallel dazu sollten die bereits Erkrankten mit Chloroquin behandelt werden, um auch die eigentlichen Erreger, die Plasmodien, zu bekämpfen.

Die Kampagne war nur teilweise erfolgreich. In den Niederlanden, Italien, Polen, Ungarn, Portugal, Spanien, Bulgarien, Rumänien und Jugoslawien wurde Malaria bis Ende der 1960er Jahre dauerhaft ausgerottet. Auch in vielen Ländern Asiens sowie Süd- und Mittelamerikas konnte die Zahl der Neuansteckungen mit Malaria drastisch gesenkt werden. Hier wurden häufig nach ersten Erfolgen Geld und medizinisches Personal aus den Anti-Malaria-Kampagnen abgezogen und anderweitig eingesetzt. Dadurch blieben neue Malariafälle unentdeckt oder konnten nicht ausreichend behandelt werden. Im Lauf der Jahre traten DDT-Resistenzen bei verschiedenen Arten der Anophelesmücke auf. Zudem waren auch die Plasmodien teilweise gegen Chloroquin resistent geworden. Die WHO stellte ihr Programm zur Ausrottung der Malaria 1972 offiziell als gescheitert ein.

2007 beschloss die WHO den Weltmalariatag (World Malaria Day), ein Aktionstag der jährlich zum 25. April stattfindet.

Literatur

Leitlinien

  • S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Malaria der Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG). In: AWMF online (Stand 2011)

Deutschsprachige Bücher

  • Jürgen Knobloch: Malaria - Grundlagen und klinische Praxis. Uni-Med, Bremen 2002, ISBN 3-89599-623-8
  • Waldemar Malinowski: Impfungen für Auslandsreisende und Malariaprophylaxe. Vademecum für niedergelassene Ärzte. Facultas, Wien 2001, ISBN 3-85076-538-5
  • Martin Kappas: Klimatologie: Klimaforschung im 21. Jahrhundert- Herausforderung für Natur- und Sozialwissenschaften, Springer, 2009, ISBN 978-3-8274-1827-2 , 7.2.1. Auswirkungen von Temperaturveränderungen auf die Malariaübertragung; 7.2.2. Auswirkungen von Niederschlagsveränderungen auf die Malariaübertragung Eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche

Englischsprachige Bücher

  • Joel G. Breman, Martin S. Alilio, Anne Mills: The intolerable burden of Malaria II. In: The American journal of tropical medicine and hygiene. Bd 71, Nr. 2, Supplement. American Society of Tropical Medicine and Hygiene, Northbrook 2004, ISSN 0002-9637
  • Peter Perlmann, Marita Troye-Blomberg: Malaria Immunology. Karger, Basel 2002, ISBN 3-8055-7376-6
  • David Sullivan, Sanjeev Krishna (Hrsg.): Malaria. Drugs, disease and post-genomic biology. Springer, Berlin 2005, ISBN 3-540-25363-7
  • David A. Warrell, Herbert M. Gilles: Essential Malariology. Arnold, London 2002, ISBN 0-340-74064-7

Zeitschriften-Beiträge

  • B. M. Greenwood, K. Bojang, C. J. Whitty, G. A. Targett: Malaria. In: Lancet. Band 365, Nummer 9469, 2005 Apr 23-29, S. 1487–1498, ISSN 1474-547X, doi:10.1016/S0140-6736(05)66420-3, PMID 15850634, (Review).
  • Giacomo Maria Paganotti, Claudia Palladino, Mario Coluzzi: Der Ursprung der Malaria. in: Spektrum der Wissenschaft. Heidelberg 2004, Nr. 3, S. 82–89, ISSN 0170-2971
  • August Stich, Katja Fischer, Michael Lanzer: Eine Seuche auf dem Vormarsch - Die Überlebensstrategie des Malariaerregers. in: Biologie in unserer Zeit. 30. 2000, 4, S. 194–201, ISSN 0045-205X
  • W.A. Maier: Umweltveränderungen und deren Einflüsse auf krankheitsübertragende Arthropoden in Mitteleuropa am Beispiel der Stechmücken. Denisia 6, 2002, S. 535-547
  • Jochen Wiesner, Regina Ortmann, Hassan Jomaa, Martin Schlitzer: Neue Antimalaria-Wirkstoffe. in: Angewandte Chemie. 115.2003, 43, S. 5432–5451. ISSN 0044-8249
  • I. Stock: Therapie der Malaria. in: Medizinische Monatsschrift für Pharmazeuten. 27. 2004, 8, S. 260–272. ISSN 0342-9601
  • H. Idel: Malaria. Prophylaxe und reisemedizinische Bedeutung. in: Bundesgesundheitsblatt. Springer, Berlin 1999, 5, S. 402–407, ISSN 1436-9990
  • Helge Kampen: Vektor-übertragene Infektionskrankheiten auf dem Vormarsch? Wie Umweltveränderungen Krankheitsüberträgern und -erregern den Weg bereiten. in: Naturwissenschaftliche Rundschau. 58, 2005, 4, S. 181–189, ISSN 0028-1050
  • Margot Kathrin Dalitz: Autochthone Malaria im mitteldeutschen Raum. Dissertation Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg 2005.
  • Malaria Journal. Fachjournal im Open Access (englisch)
  • Winfried Schröder, Marcel Holy, Roland Pesch, Gunther Schmidt: Klimawandel und zukünftig mögliche temperaturgesteuerte Malariatransmission in Deutschland In: Umweltwissenschaften und Schadstoffforschung Bd. 22, Heft 3, 2010, ISSN 0934-3504, S. 177  187

Einzelnachweise

  1. ↑ Trust Sanger Institute und Pain A Böhme U, Berry AE et al.(2008) The genome of the simian and human malaria parasite Plasmodium knowlesi. Nature 455: 751-756 [1]
  2. ↑ a b c Global warming and vector bourne diseases 1998 [2]
  3. ↑ Study: "Climate Change Contributes to Malaria Spread. But changing farming practices, migration also cause outbreaks in new areas"
  4. ↑ Malaria: RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten – Merkblätter für Ärzte
  5. ↑ WHO Malaria, abgerufen am 18. Mai 2010
  6. ↑ (für Fallzahlen ab 2001): Robert Koch Institute: SurvStat
  7. ↑ Transfusions-Malaria
  8. ↑ Empfehlungen der Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e.  V.
  9. ↑ Durchbruch mit neuem Malaria-Impfstoff, NZZ, 25. Juli 2011.
  10. ↑ First Results of Phase 3 Trial of RTS,S/AS01 Malaria Vaccine in African Children, The NEW ENGLAND JOURNAL of MEDICINE, 18. Oktober 2011.
  11. ↑ http://www.xxx
  12. ↑ Jacquerioz FA, Croft AM: Drugs for preventing malaria in travellers. Cochrane Database Syst Rev. 2009 Oct 7;(4):CD006491. PMID 19821371
  13. ↑ Essential Medicines: WHO Model List. 14th Edition. March 2005. http://xxx
  14. ↑ Sprengstoff in Krebszellen - Wirkstoff aus dem Einjährigen Beifuß soll dazu beitragen, schnell wachsende Krebszellen innerlich zu sprengen. taz, 20. Juli 2007
  15. ↑ Tognotti E.: Program to eradicate malaria in Sardinia, 1946-1950. Emerg Infect Dis. 2009 Sep;15(9):1460-6. PMID 19788815, PMC 2819864.
  16. ↑ Brenda Eskenazi et .al.: The Pine River Statement: Human Health Consequences of DDT Use. Environmental Health Perspectives (EHP), Nr. 117, Vol. 9, Sep 2009
  17. ↑ Spektrum der Wissenschaft. 5/2005, S. 20 ff.: „Neue Hoffnung auf Malaria-Impfstoff“
  18. ↑ http://www.xxx
  19. ↑ The FEBS Journal. 274 (2007), S. 4680 ff.: „Vaccines against malaria-an update“
  20. ↑ Spektrum der Wissenschaft. 1/2006, S. 10: „Endlich ein Malaria-Impfstoff?“
  21. ↑ Marcus Theurer: Hoffnung im Kampf gegen Malaria. FAZ.net vom 15. Januar 2010
  22. ↑ New England Journal of Medicine:"First Results of Phase 3 Trial of RTS,S/AS01 Malaria Vaccine in African Children". NEJM online vom 18. Oktober 2011
  23. ↑ xxx.de: Eingeimpfter Fortpflanzungsstopp vom 26. März 2008
  24. ↑ William J. Snell et al.: The conserved plant sterility gene HAP2 functions after attachment of fusogenic membranes in Chlamydomonas and Plasmodium gametes. Genes & Development, 15. April 2008, Nr. 22, S. 1051-1068; Vorabdruck 26. März 2008, doi:10.1101/gad.1656508 (Volltext als PDF-Datei)
  25. ↑ http://xxx
  26. ↑ "Neue Perspektive für den Kampf gegen die Malaria"
  27. ↑ [3] R. H. Schirmer ez al.: Methylene blue as an antimalarial agent. Redox report, 2003, Vol. 8(5), S. 272-5, PMID 14962363
  28. ↑ Malaria Atlas Projekt
  29. ↑ Artikel in der Süddeutschen Zeitung
  30. ↑ Pressemitteilung der EU-Kommission vom 31. Juli 2003
  31. ↑ Indian-Skeptic
  32. ↑ News
  33. ↑ J. Sachs, P. Malaney: The economic and social burden of malaria. in: Nature. London 415.2002, 680–685. doi:10.1038/415680a. PMID 11832956. ISSN 0028-0836
  34. ↑ B.M.Greenwood, K.Bojang, C.J.Whitty, G.A.Targett: Malaria. in: The Lancet. London 365.2005, 1487–1498. doi:10.1016/S0140-6736(05)66420-3. PMID 15850634 ISSN 0023-7507
  35. ↑ Malaria bei den Alten Ägyptern. in: Epoc. Spektrum, Heidelberg 2009,1, 10. ISSN 1865-5718, nach: Discovery chanal 8.2008

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Anopheles

Anopheles, auch Malaria-, Gabel- oder Fiebermücke genannt, ist eine Gattung der Familie der Stechmücken (Culicidae) mit etwa 420 Arten, wobei 40 Arten weltweit potentiell fähig sind, Malaria zu übertragen. Sie sind mit etwa sechs Millimetern relativ klein und haben einen schmächtigen Körperbau, sind aber dennoch gut erkennbar an ihrer Sitzhaltung (kompletter Körper ca. 45° zur Unterlage beim Stechen). Es gibt zahlreiche verschiedene Arten beziehungsweise Unterarten von Anopheles, die oft nur von Entomologen zu unterscheiden sind. Zur gezielten Bekämpfung dieser potentiellen Krankheitsüberträger ist die Artbestimmung durch moderne Methoden (Cytotaxonomie, Isoenzymelektrophorese, DNA-Hybridisierung und PCR) erforderlich.

Vorkommen

Aufzufinden ist Anopheles auf allen großen Kontinenten und vielen Inseln. Selbst in Teilen Sibiriens gibt es zur warmen Jahreszeit Anopheles-Mücken, die dort meist als Larven oder im Ei überwintern.

Merkmale

Mücken der Gattung Anopheles lassen sich anhand des ganzrandigen, gleichmäßig runden Rückenschildchens (Scutellum) von anderen Stechmückenarten unterscheiden. Das Rückenschildchen ist mit einer durchgehenden Reihe von Borsten versehen. Anopheles-Weibchen haben lange Taster (Palpen) und eine einteilige Samenkapsel (Receptaculum seminis oder Spermatheke).[1]

Entwicklungszyklus

Der Entwicklungszyklus der Anopheles-Mücken ist bei fast allen Arten an stehende Gewässer jeder Größe gebunden - kleinste Tümpel, Astlöcher oder Hufabdrücke, die während 5 bis 14 Tagen (Entwicklungszeit der Larven, je nach Art und Temperatur) Wasser führen, genügen bereits. Jedoch werden nur klare Wasseransammlungen für die Eiablage aufgesucht, in die 50-200 kleine, schwarz gefärbte Eier von der weiblichen Mücke gelegt werden. Die Eier haben Schwimmkörper, die ein Absinken verhindern. Trocknet das Gewässer aus, sterben auch die Eier ab. Bei warmem Wetter schlüpfen nach etwa 2-3 Tagen die Larven, bei kaltem Wetter kann es auch 2-3 Wochen dauern.

Die Larven verfügen über kein Atemrohr. Stattdessen findet sich eine Atemöffnung am 8. Körpersegment. Die Larven haften mit wasserabstoßenden Haaren (Palmhaaren) an der Wasseroberfläche und hängen somit parallel zur Wasseroberfläche (wie auch Dixa) - ein Unterscheidungsmerkmal zu den meisten anderen Stechmücken (z. B. Aedes, Culex, Haemagogus, Mansonia, Psorophora). Bei Gefahr tauchen sie ab, müssen aber zur Atmung wieder zur Oberfläche. Im Gegensatz zu anderen Mückenlarven fehlen bei ihnen auch die Beine. Die Larven ernähren sich von Mikroorganismen und Algen, die sie aus dem Wasser filtern. Die Larven können ihren Kopf um 180° drehen, um Nahrungspartikel an der Wasseroberfläche aufzunehmen (siehe nebenstehenden Film). Die Larve durchläuft in der Regel 4 Häutungen, bis sie sich in eine Puppe verwandelt. Nach einigen Tagen als Puppe ist die Verwandlung abgeschlossen und ein neuer Moskito schlüpft.[2]

Die Männchen sammeln sich in großen Schwärmen, die von den Weibchen auf der Suche nach einem Partner gesucht werden.

Ernährung

Männliche und weibliche Anopheles-Mücken ernähren sich von Pflanzensäften. Die Weibchen benötigen jedoch nach einer Befruchtung durch Männchen zusätzlich unbedingt mindestens eine menschliche oder tierische Blutmahlzeit zur Aufnahme von Protein, damit eine Ovar-Entwicklung stattfinden kann. Zwei bis drei Tage nach dem Schlüpfen sucht sich das Anophelesweibchen deshalb in der Regel nach Einbruch der Dunkelheit oder in den frühen Morgenstunden im Haus oder in der freien Natur ein Opfer für die erste Blutmahlzeit und legt dann nach weiteren zwei bis drei Tagen die Eier.

Ihre Stiche sind meist begleitet von Schwellungen und starkem Juckreiz. Sie jucken stärker als beispielsweise die der in Deutschland meistverbreiteten Gemeinen Stechmücke.

Allerdings sind die Gewohnheiten der einzelnen Anopheles-Arten sehr verschieden, so dass es auch Arten gibt, die menschliches Blut im Regelfall verschmähen:

  • Anopheles atroparvus: endophil (sticht in Gebäuden und im Freien), bevorzugt jedoch Vieh, saugt aber auch am Menschen, vor allem bei hohen Temperaturen und niedriger relativer Luftfeuchtigkeit
  • Anopheles maculipennis: endophil (sticht in Gebäuden und im Freiland), bevorzugte Nahrungsquelle sind Haustiere
  • Anopheles plumbeus: exophil (sticht im Freien), insbesondere in Wäldern und Parks, Blutspender sind Wild- und Haustiere, nur selten der Mensch

Die Anopheles-Mücke als Krankheitsüberträger

Bevor die Anopheles-Mücke, wie alle anderen blutsaugenden Insekten, ihre Nahrung aufnimmt, spritzt sie durch ihren Stechrüssel (Proboscis) ein Drüsensekret (allgemein: Speichel) in ihr Opfer hinein. In diesem Sekret befindet sich hauptsächlich ein Wirkstoff, der eine mögliche Blutgerinnung in ihrem Rüssel während der Nahrungsaufnahme verhindern soll. Außerdem wird der Blutfluss zur Einstichstelle hin verstärkt. Für das "Opfer" (z. B. Mensch) ist der eingespritzte Mückenspeichel ein Fremdkörper, das Abwehrsystem reagiert darauf, es juckt und brennt mehr oder minder lange an der Stichstelle und es bildet sich eine Quaddel. In diesem Speichel können auch Krankheitserreger (Viren, Bakterien, einzellige oder mehrzellige Parasiten) enthalten sein, die die Mücke bei einer vorangegangenen Nahrungsaufnahme bei einem infizierten Opfer zusammen mit dem Blut aufgenommen hat. Wenn diese Krankheitserreger in der Mücke nicht nur überleben, sondern sich auch noch in ihr vermehren und oder wandeln, dann ist die Mücke ein Wirt beziehungsweise Zwischenwirt für diese Krankheitserreger und infiziert in schon beschriebener Weise ihr nächstes Nahrungsopfer. Die Anopheles-Mücke ist daher als Vektor auf biologischem Wege der Überträger von Tropenkrankheiten: (Malaria, Filariosen und Viruserkrankungen, wie etwa O'nyong-nyong-Fieber). Zur Übertragung von Malaria ist eine Mindesttemperatur über einen längeren Zeitraum erforderlich (16-°C-Sommer-Isotherme für Plasmodium vivax, der kälteunempfindlichsten Plasmodiumart).

Potentiell ist, wie bei allen Vektoren, auch eine mechanische Übertragung aller möglichen Erreger hier durch die äußere und innere Kontamination der Proboscis (des Stech-, Saugrüssel) der Anopheles möglich, wenn das Insekt während der Nahrungsaufnahme bei einer infizierten Person gestört wird und alsbald auf einer anderen nicht infizierten Person weitersaugt. Nach heutigem Kenntnisstand ist zu erwarten, dass diese Übertragungsmöglichkeit, wenn überhaupt, nur in Populationen mit sehr hoher Erregerverbreitung gelegentlich auftreten kann.[3][4] Dieser Übertragungsweg entspricht dem der Infektion per Nadelstichverletzung beziehungsweise mehrfach hintereinander genutzter Injektionskanülen ohne zwischenzeitliche Sterilisation, jedoch in einer anderen Größenordnung. Rein theoretisch kann die Übertragung eines einzigen Erregers auf diesem Wege eine Infizierung bewirken. In der Praxis ist jedoch eine ausreichende Mindestmenge von Erregern für eine Infektion erforderlich. Ob diese Mindestmenge zum Beispiel bei einer Kontamination der Anophelesproboscis allein erreicht werden kann, ist fraglich. Epidemiologisch gibt es auch bis heute zumindest bei der Anopheles, wie auch bei allen anderen Stechmücken, für diese Übertragungsart keine eindeutigen Anzeichen.

Malaria in Kenia und im Punjab

In Kenia hat Malaria eine Basisreproduktionsrate von rund 1900 - das heißt, ein Mensch, der mit Malaria angesteckt ist, führt zur Infektion von 1900 anderen Menschen (falls noch niemand immunisiert ist). Jedoch im Punjab, einer Region Indiens, hat der genau gleiche Malariaerreger Plasmodium falciparum eine Basisreproduktionsrate von nur 1,4.

In Kenia lebt die Art Anopheles gambiae, von welcher nach x Tagen nach dem Stich schätzungsweise 0,95x Tiere am Leben sind. Von der indischen Mücke, Anopheles culicifacies, leben nach x Tagen nur noch 0,75x. In beiden Fällen müssen die in der Mücke lebenden Stadien des Erregers 12 Tage lang überleben, um reif zu sein für die nächste Infektion.

Ein anderer Unterschied ist, dass Anopheles gambiae alle zwei Tage Blut saugen muss und zu 100 Prozent Menschen sticht. A. culicifacies sticht nur alle drei Tage, und nur zu zehn Prozent Menschen. Obwohl in indischen Endemiegebieten die Mücken sehr viel zahlreicher sind (um den Faktor 20), ist die Malaria im Punjab ein relativ einfach zu beherrschendes Problem.

Um die Zahl der Infektionen nicht kontinuierlich ansteigen zu lassen - fehlende Immunität der Menschen vorausgesetzt - muss die Basisreproduktionsrate auf 1, für eine Ausrottung der Infektionskrankheit auf weniger als 1 gesetzt werden. Es ist leicht einzusehen, dass sich 1,4 sehr viel einfacher auf 1 reduzieren lässt als 1900. In Indien wird Malaria auch nur dann zum Problem, wenn heftige Regenfälle die Fortpflanzung der Mücken stark begünstigen.[5]

Arten

In Deutschland sind die folgenden sechs Anopheles-Arten einheimisch:

  • Anopheles plumbeus - Larven leben in kleinen, stark gerbstoffhaltigen Wasseransammlungen in Astlöchern oder Stammgabeln alter Bäume
  • Anopheles algeriensis - erreichen in Norddeutschland ihre nördliche Verbreitungsgrenze
  • Anopheles claviger - weit verbreitet
  • Anopheles maculipennis
  • Anopheles messeae
  • Anopheles atroparvus

Die letzten drei genannten Arten werden zur „Anopheles-maculipennis-Gruppe“ gezählt.

Weitere Arten:

  • Anopheles beklemishevi
  • Anopheles coustani
  • Anopheles crypticus
  • Anopheles farauti
  • Anopheles forattinii
  • Anopheles funestus
  • Anopheles gambiae
  • Anopheles grabhamii
  • Anopheles hailarensis
  • Anopheles halophylus
  • Anopheles hyrcanus
  • Anopheles kosiensis
  • Anopheles labranchiae
  • Anopheles minimus
  • Anopheles moucheti
  • Anopheles nili
  • Anopheles ovengensis
  • Anopheles pampanae
  • Anopheles peytoni
  • Anopheles quadrimaculatus
  • Anopheles rennellensis
  • Anopheles rivulorum
  • Anopheles stephensi
  • Anopheles triannulatus

Einzelnachweise

  1. ↑ Heinz-Werner Baer: Anopheles und Malaria in Thüringen. Gustav Fischer, Jena 1960
  2. ↑ Centers for Disease Control and Prevention: Anopheles Mosquitoes
  3. ↑ http://www.xxx
  4. ↑ http://www.xxx
  5. ↑ http://www.xxx

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Römische Republik

Als Römische Republik (res publica – Staat, wörtlich: „öffentliche Sache“) bezeichnet man die Staatsform des römischen Staates in der Zeit zwischen dem Ende der römischen Königsherrschaft im Jahre 509 v. Chr. und der Errichtung des römischen Kaisertums am 13. Januar 27 v. Chr. durch den Machtverzicht des römischen Senats. Sie lässt sich am ehesten als eine aristokratische Staatsform mit gewissen demokratischen Elementen bezeichnen.

Im übertragenen Sinne steht der Begriff „Römische Republik“ für die Geschichte des Römischen Reiches in dieser Zeit. Im antiken römischen Sprachgebrauch hingegen bezeichnete res publica allgemein den römischen Staat, weshalb man den Begriff auch in Kaiserzeit und Spätantike noch in diesem Sinne benutzte; die Zeit vor 27 v. Chr. nannte man dann teils die Zeit der res publica libera, des freien Staats.

Verfassung

Eine geschriebene Verfassung im formellen Sinn existierte in vormoderner Zeit noch nicht. Die Regeln der Republik bildeten sich auch erst im Laufe der Jahrhunderte heraus, wobei sich mit der Zeit für das Regierungssystem der römischen Republik fünf Prinzipien von besonderer Bedeutung herauskristallisierten, die schließlich auch festgelegt wurden:

  • Alle Ämter (die so genannten Magistrate) durften nur für ein Jahr ausgeübt werden (Annuitätsprinzip).
  • Eine direkt anschließende zweite Amtszeit war ausgeschlossen (Iterationsverbot).
  • Alle Ämter – mit Ausnahme der Diktatur – wurden von mindestens zwei Personen gleichzeitig besetzt (Kollegialität), die sich über das Interzessionsrecht gegenseitig kontrollierten: Jeder Inhaber eines Amtes besaß das Recht, Entscheidungen seines Kollegen zu verhindern bzw. rückgängig zu machen.
  • Wer ein Amt ausüben wollte, musste zuvor das nächst niedrigere Amt innegehabt haben (cursus honorum).
  • Zwischen zwei Ämtern musste ein ämterloser Zeitraum von zwei Jahren liegen (Bienniat).

In der klassischen Zeit der Republik war das höchste Amt das Konsulat. Je zwei Konsuln waren verantwortlich für die Sitzungsleitung von Senat und Komitien (Volksversammlungen), die Rechtsprechung, das Finanzwesen sowie die Heeresführung; sie besaßen das so genannte imperium maius und hatten dadurch unbeschränkte Amtsgewalt.

Um das Konsulat zu bekleiden, musste ein Kandidat zuvor den gesamten cursus honorum durchlaufen haben. In aufsteigender Folge umfasste dieser folgende Ämter:

  • Quästur (quaestor): Untersuchungsrichter, Verwaltung der Staatskasse und des Staatsarchivs (Amtsgewalt potestas)
  • Ädilität (aedilis): Polizeigewalt, Marktaufsicht, Festaufsicht, Tempelfürsorge, Ausrichtung von Spielen (Amtsgewalt potestas)
  • Prätur (praetor): Rechtsprechung, Vertretung der Konsuln (Amtsgewalt imperium minus)

In Krisenzeiten gab es für Konsuln und Senat die Möglichkeit, für ein halbes Jahr einen dictator zu ernennen. Dieser hatte das summum imperium, d. h. ihm unterstanden alle Ämter, während nur die Volkstribunen eine vergleichbare „sakrosankte“ Stellung hatten.

Gewählt wurden die Amtsträger von insgesamt drei verschiedenen Volksversammlungen. Zensoren, Konsuln, Prätoren und der Pontifex Maximus wurden von den Comitia Centuriata gewählt. Die unteren Ämter (Ädilen, Quästoren und die vigintisex viri) wählte die Comitia Populi Tributa. Daneben gab es ursprünglich noch die Comitia curiata, die jedoch gegen Ende der Republik nur noch der Form halber bestanden und keine echte Volksversammlung mehr bildeten. Sie hatten hauptsächlich die Funktion, die Imperiumsträger in ihrem Amt formal zu bestätigen und waren bei Adoptionen beteiligt. Das Concilium Plebis schließlich wählte die Volkstribunen und die plebejischen Ädilen.

Kontrolliert wurden die Amtsträger vom Senat und den Volksversammlungen, die auch für die Gesetzgebung zuständig waren. Die Mitglieder des Senats wurden nicht gewählt, sondern hatten die Mitgliedschaft durch ihre Zugehörigkeit zum höheren Adel oder waren von den Censoren neu aufgenommen worden. Sie behielten ihr Amt gewöhnlich auf Lebenszeit (sie konnten von einem Censor aber auch wieder aus dem Senat ausgeschlossen werden). Ursprünglich war der Senat nur Patriziern vorbehalten, später konnten aber auch Plebejer über den Cursus honorum in die senatorische Nobilität aufsteigen.

Näherungsweise lässt sich von einer Gewaltenverschränkung sprechen, in der weder Exekutive und Judikative noch der zivile vom militärischen Amtsbereich getrennt waren. Auf Grund der zahlreichen Staatsämter, in denen sich viele grundverschiedene Elemente antiken Staatsdenkens wiederfinden, fiel bereits Zeitgenossen die theoretische Einordnung der römischen Republik schwer: So war sie weder eine reine Aristokratie noch Demokratie oder gar Monarchie. Der antike Historiograph Polybios charakterisierte das republikanische Rom erstmals als so genannte Mischverfassung, welche verschiedene Elemente bekannter Verfassungsreinformen kombiniere (Monarchie – Konsulat, Aristokratie – Senat und Demokratie – Volksversammlung) und gerade deshalb besonders langlebig sei.

Geschichte der Republik

Entstehung der Republik

Ein genaues Datum für die Entstehung der Römischen Republik lässt sich nicht angeben. Der römische Geschichtsschreiber Titus Livius berichtet, im Jahre 510 v. Chr. sei der letzte römische König Lucius Tarquinius Superbus vertrieben worden und Lucius Tarquinius Collatinus und Lucius Iunius Brutus seien zu den ersten Konsuln gewählt worden (siehe: Liste der römischen Konsuln). Wahrscheinlich wurde die Republik aber erst um 475 v. Chr. gegründet und erlangte im Verlauf der folgenden zweihundert Jahre ihre „klassische“ Form. Die Königsherrschaft jedenfalls wurde von den Römern nun unisono als Tyrannei empfunden und dementsprechend abgelehnt.

Im 5. Jahrhundert v. Chr. stand für den römischen Stadtstaat die Auseinandersetzung mit den Etruskern im Vordergrund. Etwa in der Mitte des 5. Jahrhunderts wurde das für römische Bürger geltende Recht auf zwölf Tafeln aufgezeichnet.

Rom hatte wohl schon vor dem 6. Jahrhundert v. Chr. eine bedeutende Rolle in der Landschaft Latium gespielt. Nach der Etablierung der Republik begann man mit einer Expansionspolitik, die sich anfangs meist aus der militärischen Abwehr einer vermeintlichen Bedrohung von außen ergab und zuletzt mit dem Sieg über die Angreifer endete. Bei den anschließenden Friedensverhandlungen erwiesen sich die Römer meist als sehr flexibel und schlossen mit den gerade besiegten Gegnern in der Regel Bündnisse zu annehmbaren Bedingungen. Auf diese Weise wuchs durch die neu gewonnenen Bündnispartner unter den italischen Stämmen in Mittelitalien die römische Macht kontinuierlich.

Jedoch nutzte man auch die erkannte Schwäche einer Stadt oder eines Gebietes aus, um sie zu erobern und dem römischen Machtgebiet einzugliedern, wie z.B. bei der etruskischen Stadt Veji. Dabei behandelte man die besiegten Gegner weitaus rücksichtsloser, versklavte die Bevölkerung und verteilte ihren Besitz unter die römischen Bürger (wobei die reicheren und angeseheneren Römer natürlich den Löwenanteil erhielten).

Nach gut hundert Jahren Expansion erlitt die Republik im Jahre 387 v. Chr. einen schweren Rückschlag, als Rom von den Kelten eingenommen und geplündert wurde. Bald darauf expandierte Rom jedoch wieder nach Süden und Norden. Die Samniten konnten in (auch wieder als Abwehrkämpfen verstandenen) harten und langwierigen Kämpfen zwischen 343 und 290 v. Chr. bezwungen und ihr Territorium in den so genannten Samnitenkriegen in das römische Machtgebiet eingegliedert werden. Die Etrusker hingegen, die zuvor v. a. das Gebiet nördlich Roms beherrschten und deren Macht im Niedergang begriffen war, wurden in kaum verhohlenen Angriffskriegen der römischen Macht unterworfen.

In Rom erkämpften sich die Plebejer im Laufe der Zeit immer mehr Rechte und auch Zugang zu den verschiedenen Ämtern. Bezeichnend ist, dass diese Ämter den jeweiligen Personen die Möglichkeit boten, Ansehen zu erwerben, gleichzeitig aber verlangt wurde, die persönlichen Ambitionen in Bahnen zu lenken, die auch dem Gemeinwesen nützlich waren. Der „Hunger nach Ansehen“ vieler Römer kann als ein Merkmal der römischen Republik gelten, was sich vor allem in der Krisenzeit der Republik als schwere Belastung erweisen sollte.

Aufstieg zur Vormacht Italiens

In der Zeit nach 340 v. Chr. gelang es den Römern, die meisten Städte in der Region Latium in den Latinerkriegen unter römische Kontrolle zu bringen. Etwa ab 280 v. Chr. unterwarfen die Römer auch Süditalien, wo sich bereits Jahrhunderte zuvor Griechen niedergelassen hatten (siehe auch Tarentinischer Krieg, verbunden mit den Kämpfen gegen den epirotischen König Pyrrhus). Zur Sicherung ihrer Herrschaft legten die Römer mehrere Kolonien an. Des Weiteren etablierte Rom ein Bündnissystem mit mehreren Städten und Stämmen, so auch mit den Samniten, die in harten Kämpfen unterworfen worden waren (siehe oben).

So gab es

  • römische Vollbürger (aus der Stadt Rom, den Kolonien oder eingegliederten Stämmen),
  • Gemeinden mit römischen Bürgerrecht, aber ohne Stimmrecht, und
  • Bundesgenossen, die ihre innere Autonomie bewahren konnten.

Dieses Bündnissystem wurde zum Eckpfeiler dessen, was man heute das Römische Reich nennt.

In der Zeit zwischen 264 v. Chr. und 146 v. Chr. führte Rom die drei Punischen Kriege, durch die der Stadtstaat schließlich zur Großmacht aufstieg. Der Erste Punische Krieg (264–241 v. Chr.) entstand aufgrund der expansionistischen Politik Roms gegenüber der Handelsrepublik Karthago. Rom war gezwungen, eine Flotte aufzubauen. 241 v. Chr. vernichtete es die karthagische Flotte bei den Ägadischen Inseln. Karthago zahlte Kriegsentschädigungen und verzichtete auf Sizilien, behielt aber seine Einflusssphäre in Hispanien, wo die Barkiden ein neues karthagisches Kolonialreich errichteten.

Rom richtete unterdessen in seinen Eroberungen die Provinzen Sicilia (241 v. Chr.) und Sardinia et Corsica (238 v. Chr.) ein, deren Verwaltung ehemaligen Praetoren anvertraut wurde.

Mit den Illyrischen Kriegen, in deren Verlauf die Republik ihre ersten Besitzungen an der östlichen Adriaküste erwarb, begann ab 229 v. Chr. Roms Engagement im Osten. Wenig später begann auch die Unterwerfung der Gallier in der Poebene.

Bewährungsprobe gegen Hannibal

Der karthagische Stratege Hannibal stieß von Spanien aus 218 v. Chr. im Zweiten Punischen Krieg (218–201 v. Chr.) gegen Rom vor. Er überschritt die Alpen und trug den Krieg ins römische Kernland. Nach mehreren Niederlagen der Römer (u.a. in der Schlacht am Trasimenischen See 217 v. Chr.) schien es so, als würde Rom fallen. In der größten Not griff der römische Staat 217 v. Chr. zum äußersten Mittel, der Ernennung eines Diktators. Da der Diktator Quintus Fabius Maximus Cunctator eine hinhaltende Verteidigungsstrategie zur Anwendung brachte, war Hannibal trotz aller Erfolge (vor allem 216 v. Chr. in der Schlacht von Cannae) nicht in der Lage, den römischen Widerstandswillen zu brechen. Insbesondere gelang es ihm nicht, das italische Bündnissystem Roms aufzubrechen. Nachdem auch eine Allianz Hannibals mit Philipp V. von Makedonien wirkungslos blieb, konnte u. a. der Feldherr Marcus Claudius Marcellus die Karthager in Italien allmählich in die Defensive drängen. Fabius Maximus und Marcellus wurden deshalb auch von Poseidonios als „Schild und Schwert Roms“ bezeichnet.[1] Beim Angriff auf die barkidischen Besitzungen in Hispanien gelang es Publius Cornelius Scipio Africanus, die Karthager bis 206 v. Chr. von der Iberischen Halbinsel zu vertreiben. 204 v. Chr. landete er in Nordafrika und besiegte dort Hannibal 202 v. Chr. bei Zama entscheidend. Im Friedensschluss verlor Karthago alle Außenbesitzungen und die Flotte.

Die Abwendung der tödlichen Bedrohung ihres Staatswesens durch den genialen Feldherrn Karthagos wurde für die Römer der folgenden Generationen zu einem zweiten Gründungsmythos der Stadt, einer beständigen Quelle der Inspiration in scheinbar aussichtslosen Situationen und einem leuchtenden Ideal staatsdienlicher Tugend.

Der Preis der Weltmacht

Durch die Einrichtung der Provinzen Gallia cisalpina (203 v. Chr. ) sowie Hispania citerior und Hispania ulterior (197 v. Chr. ) stieg die Zahl der außeritalischen Verwaltungsgebiete auf fünf an, 168 v. Chr. kam mit der Provinz Illyricum ein sechstes hinzu.

Bereits 200 v. Chr. hatte Rom in Griechenland gegen die Hegemonie Makedoniens unter dem Antigoniden Philipp V. interveniert und ihn im Zweiten Makedonisch-Römischen Krieg besiegt. 196 v. Chr. wurde Griechenland vom philhellenisch gesinnten Titus Quinctius Flamininus für frei erklärt. Dennoch bestimmte Rom als Protektoratsmacht von nun an die Geschicke der Hellenen. Im Römisch-Syrischen Krieg kämpfte es 192–190 v. Chr. gegen den Seleukidenkönig Antiochos III., der die entscheidende Schlacht bei Magnesia verlor. Nach Verdrängung der Seleukiden aus Kleinasien bis zum Taurus wurde dort als neuer Ordnungsfaktor das Reich von Pergamon installiert. Zu diesem Zeitpunkt war Rom endgültig die Vormacht im Mittelmeerraum, und in den folgenden Jahrzehnten legte die „gereizte Weltmacht“ (Klaus Bringmann) alle Zurückhaltung ab. Rom diktierte nun die Bedingungen, und im Konflikt zwischen dem in Ägypten eingedrungenen Seleukidenkönig Antiochos IV. und dem Ptolemäerreich genügte am Tag von Eleusis 168 v. Chr. ein ultimatives Wort des römischen Gesandten Gaius Popillius Laenas, um den siegreichen Seleukiden zur Herausgabe sämtlicher Eroberungen zu bewegen. Antiochos war gewarnt durch das Schicksal der Antigoniden, deren letzter König Perseus nach der Schlacht von Pydna kaum einen Monat zuvor entmachtet, gefangengenommen und bis an sein Lebensende eingekerkert wurde.

Nach der Ausschaltung Makedoniens und der Zerstörung Korinths (146 v. Chr.) ging schließlich ganz Griechenland in der Provinz Macedonia auf. Im gleichen Jahr wurde nach dem Dritten Punischen Krieg (149–146 v. Chr.) auch Karthago dem Erdboden gleichgemacht und die Provinz Africa eingerichtet. 133 v. Chr. folgte infolge eines Erbvertrags auf dem Boden des Reiches von Pergamon die Provinz Asia, wodurch die Gesamtzahl der Provinzen auf neun anstieg.

Der Aufstieg Roms zur Großmacht brachte für den Staat neben vielen Vorteilen auch eine Reihe von Problemen. Vor allem die Verwaltung der Provinzen wurde zu einer Herausforderung mit bedenklichen Nebenwirkungen. Die Möglichkeit zur Ausbeutung der Untertanen war für viele Promagistrate eine große Versuchung, so dass es zu einer gefährlichen Zunahme der Korruption kam. So wurde es bald üblich, dass Kandidaten für die wichtigsten Staatsämter sich im Wahlkampf schwer verschuldeten in der sicheren Erwartung, dass die Verwaltung der Provinz die Spesen später gut verzinst wieder einbringen würde. Mit sogenannten Repetundenverfahren gegen die dreistesten Peiniger suchten die Opfer dieser Politik sich mitunter zur Wehr zu setzen, doch im Ergebnis schürten diese oft spektakulären Prozesse nur noch größere Unruhe in der römischen Nobilität.

Durch die Eroberung weiter Teile des Mittelmeerraums sah sich die römische Gesellschaft zunehmend fremden Kultureinflüssen ausgesetzt. Tiefe Spuren hinterließ vor allem der enge Kontakt mit der hellenistischen Welt. Besonders in der römischen Oberschicht wurden die verfeinerten Sitten der Griechen zur vorherrschenden Mode, bis selbst der unbändige Luxus des Orients nicht mehr verpönt war. Ein geflügeltes Wort der Zeit behauptete deshalb, dass Griechenland, nachdem es von Rom erobert war, die Römer selber eroberte.

Zu einer moralischen Instanz gegen Überfremdung und Sittenverfall wurde in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. der Censor Marcus Porcius Cato der Ältere, der seine jüngeren Senatskollegen in Reden und Schriften ermahnte, Anstand und Tugend der Ahnen nicht aus den Augen zu verlieren. Seine Zensur 184 v. Chr. war vor allem deshalb so aufsehenerregend, weil er als homo novus (politischer Aufsteiger) kraft seiner damaligen Amtsgewalt und rhetorischen Fertigkeit mit schonungsloser Energie und ohne die gewohnte Rücksichtnahme auch die vornehmsten Nobiles angriff. Allerdings vermochte auch er den hellenistischen Einfluss auf die Sitten der römischen Gesellschaft nicht nachhaltig zurückzudrängen.

Die Krise der Republik

Unter dem Eindruck dieser Veränderungen zeigte das Fundament der Römischen Republik schließlich erste Risse: Der hartnäckige Widerstand der Keltiberer im Spanischen Krieg (154–133 v. Chr.) zeigte den Legionen erstmals seit den Tagen Hannibals ihre Grenzen. 136 v. Chr. begann der Sklavenkrieg auf Sizilien. Ab 133 v. Chr. kam es mit der Phase der „Römischen Revolution“ (Ronald Syme) zu einer schweren und andauernden Krise der Republik.

Als entscheidende Katalysatoren erwiesen sich dabei zunächst die Agrarfrage und die eng damit verbundene Frage der Militärverfassung. Das traditionelle Milizsystem, bei dem alle Bürger der Stadt an der Verteidigung und Kriegführung beteiligt waren und dabei ihre militärische Ausrüstung selbst bezahlten, erwies sich angesichts der vielen durch die Expansion notwendig gewordenen Feldzüge als nicht mehr praktikabel. Einerseits verarmten viele Kleinbauern, weil sie durch die ausgedehnten Feldzüge immer weniger zur Erfüllung ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeiten kamen und ökonomisch durch die gewonnenen Kriege eher verloren. Andererseits konnten wenige patrizische Grundbesitzer mit ihrer Kriegsbeute große Ländereien, sogenannte Latifundien erwerben, mit deren Produkten sie den einfachen Bauern auch noch konkurrenzmäßig zusetzen. Die Gegensätze führten schließlich zu einem Jahrhundert der Bürgerkriege, das mit dem Untergang der Republik endete.

Die Reformversuche der Gracchen

Der Volkstribun Tiberius Sempronius Gracchus schlug um 133 v. Chr. eine Landreform vor, um den Großgrundbesitz über ein festgelegte Menge hinaus an besitzlose Proletarier zu verteilen, und so das Kleinbauerntum wieder zu stärken. Die Agrarreform hatte damit auch das Ziel, der erkennbaren Schwächung der römischen Militärkraft entgegenzuwirken. Als jedoch die Gegner der Reform den Volkstribun Marcus Octavius vorschickten, um die Reform per Veto zu verhindern, ließ Gracchus seinen Konkurrenten durch Abstimmung in der Volksversammlung absetzen. Dieser Rechtsbruch und die ebenfalls widerrechtliche Kandidatur für eine zweite Amtszeit veranlassten die Senatoren, den unbequemen Sozialrevolutionär auf dem Marsfeld zu erschlagen.

Zehn Jahre nach diesen Ereignissen hatte der Volkstribun Gaius Sempronius Gracchus noch weiterreichende Ziele (Leges Semproniae). Im Andenken an seinen ermordeten Bruder begann er mit der Erneuerung des Ackergesetzes und mit einer Maßnahme zur Versorgung der bedürftigen Stadtbevölkerung mit billigem Getreide. Weitere Vorschläge zielten auf die Besetzung der Richterstellen mit Mitgliedern aus dem Ritterstand, die Besteuerung der Provinz Asia und die Verleihung des römischen Bürgerrechtes an die italischen Bundesgenossen. Aus Furcht vor einem Verfassungsumsturz ging die Senatsmehrheit schließlich gegen Gracchus und seine Anhänger vor, die sich unter Führung des ehemaligen Konsuls Marcus Fulvius Flaccus auf dem Aventin verschanzten. Der Senat erklärte daraufhin erstmals den Staatsnotstand (SCU = Senatus consultum ultimum) und ließ die Aufrührer in blutigen Straßenkämpfen niedermachen.

Optimaten und Popularen

Spätestens seit dem Tod der Gracchen standen sich in Rom die beiden Parteien der Optimaten und Popularen zunehmend unversöhnlich gegenüber. Der Ansatz der Gracchen scheiterten am Widerstand der Optimaten, der besitzenden Kreise, die jeden tiefgreifenden Reformversuch zu ihren Ungunsten verhinderten. Dagegen suchten die Popularen die sozialen Gegensätze durch Reformversprechen politisch zu nutzen. Zu Vorkämpfern des einfachen Volkes verklärt, wurden die Gracchen zu ihrem Vorbild. Ein wichtiger Schritt in der Karriere eines popularen Politikers war deshalb das sakrosankte Amt des Volkstribunen, das von ehrgeizigen Bewerbern benutzt wurde, um Landreformen oder Getreideverteilungen vorzuschlagen. Ihre Gegenspieler im gleichen Amt konnten dagegen ihr Vetorecht nutzten, um die Reformen zu verhindern.

Einer der ersten Politiker, der dem Vorbild der Gracchen nacheiferte, war der Volkstribun Lucius Appuleius Saturninus, der 100 v. Chr. zum Staatsfeind erklärt und ebenfalls erschlagen wurde. Das Volkstribunat blieb nach dieser Vorbelastung ein problematisches Element der römischen Verfassung, da es einerseits genutzt werden konnte, um wichtige Reformen voranzutreiben, andererseits jedoch immer im Geruch des Verfassungsumsturzes stand. So hatten die ersten Rechtsbrüche zur Zeit der Gracchen bald weitere zur Folge, die schließlich den Niedergang der Republik einleiten sollten.

Die Heeresreform des Marius

Als die Invasionszüge der Kimbern und Teutonen (113–101 v. Chr.) im Alpenraum und der Jugurthinische Krieg (111–105 v. Chr.) in Numidien die Grenzen der römischen Militärmacht aufzeigten, setzte der römische Feldherr und spätere Anführer der Popularen Gaius Marius schließlich eine umfassende Reform der traditionellen Militärverfassung durch. Durch Einführung einer Berufsarmee von besoldeten, gut ausgebildeten und länger dienenden Soldaten, die er gerade aus der neu entstandenen besitzlosen römischen Unterschicht rekrutierte und die dafür nach Beendigung ihrer Dienstzeit auf besondere Privilegien hoffen konnten, war er in der Lage, den Verlust der traditionellen Milizarmee militärisch mehr als auszugleichen.

Allerdings führte der Umbau der Heeresverfassung in einer Zeit, in der die militärische Schlagkraft einer Gesellschaft sehr bedeutsam war, zu ganz neuen, ungeahnten gesellschaftlichen Veränderungen: Die neue Militärverfassung führte zur so genannten Heeresclientel, der engeren Bindung der Soldaten an ihren jeweiligen Feldherrn. Für die meist besitzlosen Soldaten war der Kriegsdienst nun nicht mehr eine Pflicht neben ihrem normalen Beruf, sondern der einzige Broterwerb. Die Söldner erwarteten deshalb von ihren Feldherrn Beute und darüber hinaus nach ihrer Entlassung eine Versorgung mit Landbesitz. Die Versorgung der Veteranen wurde nun zu einem Thema, das die politische Diskussion in Rom immer wieder beeinflusste.

Der erste Feldherr, dessen Karriere diese neuen Abhängigkeiten verdeutlichte, war Marius, der nach seiner Heeresreform die Kimbern und Teutonen vernichtete und danach durch die Versorgung seiner Veteranen und die damit verbundene Landproblematik zum Führer der Popularen aufstieg, von denen er insgesamt siebenmal zum Konsul gewählt wurde.

Die enge Bindung der Truppen an einzelne Feldherren erwies sich jedoch auch in einer anderen Hinsicht als schwere Belastung der politischen Verfassung. Denn für die Feldherrn ergab sich nun die Möglichkeit, mit den ihnen ergebenen Truppen eigene Interessen auch gegen den Willen von Senat oder Volksversammlung durchzusetzen. Das Zeitalter der Bürgerkriege ist von diesen "privaten" Armeen ehrgeiziger Politiker geprägt. So ergab sich ein Strukturproblem: Von den Söhnen der römischen Nobilität wurde eine erfolgreiche Karriere im Militär- und Staatsdienst erwartet, doch anschließend sollten sie sich auch wieder in die Hierarchie einreihen.

Die Diktatur Sullas

91–89 v. Chr. kam es zum Bundesgenossenkrieg, in dessen Verlauf sich die römischen Bundesgenossen schließlich das volle Bürgerrecht erkämpften. 88 v. Chr. begann der Kampf gegen Mithridates VI. von Pontos, der in einer Nacht mehrere Tausend römische Siedler hatte umbringen lassen (Vesper von Ephesus).

In der römischen Innenpolitik kam es unterdessen zu einer Eskalation der Gewalt zwischen den Parteien der Optimaten und Popularen, in deren Verlauf zuerst der Führer der Optimaten Lucius Cornelius Sulla und danach auch die Popularen unter Gaius Marius und Lucius Cornelius Cinna an der Spitze ihrer bewaffneten Anhänger auf die Hauptstadt marschierten, um die Gegner in die Schranken zu weisen und die alleinige Macht zu ergreifen. Nachdem es Sulla im Osten gelungen war, Mithridates zurückzudrängen, kehrte er mit seinen Veteranen nach Italien zurück und marschierte ein zweites Mal auf Rom, um die Herrschaft der Popularen, deren Führer Marius und Cinna verstorben waren, zu beenden. Anschließend ließ er sich zwecks Neuordnung des Staatswesens zum Diktator ernennen (82–79 v. Chr.) und errichtete eine kurzfristige Terrorherrschaft, in deren Verlauf zahlreiche Gegner auf Proskriptionslisten gesetzt wurden, um sie für vogelfrei zu erklären und ungestraft ermorden zu können. Durch verfassungspolitische Reformen, darunter die Entmachtung der Volkstribunen, suchte er dann nach Wegen, die Senatsherrschaft wieder zu festigen, und als er glaubte, genug getan zu haben, trat er freiwillig zurück.

Die Illusion der „Restauration Sullas“ hielt jedoch nicht lange vor. Nach seinem baldigen Tod wurden seine Maßnahmen und vor allem die Verbrechen seiner Anhänger zu einer Quelle anhaltender Konflikte. Die Angehörigen der Opfer, die oft auch ihren Besitz verloren hatten, forderten Rehabilitation und Entschädigung, konnten sich aber erst allmählich in Prozessen Gehör verschaffen. So wurden viele Maßnahmen des Diktators in den folgenden Jahrzehnten wieder rückgängig gemacht, und auch die Volkstribunen wurden nach einer gewissen Frist 70 v. Chr wieder in ihre vollen Rechte eingesetzt.

Das erste Triumvirat

In Folge der Krise der späten Republik kam den erfolgreichen Feldherren eine besondere Bedeutung zu. Gnaeus Pompeius Magnus, der in jungen Jahren unter Sulla gedient hatte, kämpfte 76-71 v. Chr. letztlich erfolgreich gegen die Partei des Marianers Quintus Sertorius in Spanien und besiegte nach seiner Rückkehr nach Italien die Reste der Truppen von Spartacus, dessen Sklavenaufstand (73-71 v. Chr.) von Marcus Licinius Crassus niedergeschlagen worden war. Anschließend errang Pompeius großen Ruhm durch die Ausschaltung der Kilikischen Piraten (67 v. Chr.), durch die endgültige Niederringung des Mithridates sowie durch die Neuordnung Vorderasiens (64/63 v. Chr.), wo er u. a. das Seleukidenreich beseitigte und an seiner Stelle die Provinz Syria einrichtete, ferner die dortige römische Herrschaft durch mehrere vorgelagerte Klientelstaaten schützte. Die für seine Aufgaben erforderlichen außerordentlichen Imperien gaben Pompeius eine Machtfülle, die kein römischer Feldherr vor ihm besessen hatte.

Nach der Rückkehr des Pompeius aus dem Osten 62 v. Chr. präsentierte sich jedoch wieder das alte Problem der Versorgung seiner von ihm freiwillig verabschiedeten Soldaten. Da der Feldherr sich trotz seines enormen Ansehens politisch nicht gegen die nach der Unterdrückung der Catilinarischen Verschwörung (63 v. Chr.) gestärkten konservativen Kräfte im Senat durchsetzen konnte, suchte er nach alternativen Wegen. Sein geheimes Bündnis mit Marcus Licinius Crassus und Gaius Iulius Caesar (60 v. Chr.) war dann ein klarer Versuch, die verfassungsmäßige Machtverteilung zu umgehen. Das sogenannte Erste Triumvirat ist damit ein deutliches Indiz für die strukturelle Schwäche der späten Republik, deren Institutionen sich den neuen Anforderungen nicht gewachsen zeigten. Aufmerksame Beobachter wie der bedeutende Redner Marcus Tullius Cicero erkannten die Krise, konnten sich aber nicht gegen die radikaleren Kräfte auf beiden Seiten durchsetzen, unter denen der zwielichtige Volkstribun Publius Clodius Pulcher für die Popularen und der sittenstrenge Praetor Marcus Porcius Cato der Jüngere bei den Optimaten den Ton angaben. "Cato stellt Anträge, als ob er sich in Platons Idealstaat und nicht in Romulus´ Schweinestall befände", urteilte Cicero[2] über den allzu rechtschaffenen Kollegen und die Widersprüche seiner Zeit.

Caesar setzte als Konsul 59 v. Chr. die Anerkennung von Pompeius’ Anordnungen im Osten sowie dessen Veteranen zugutekommende Ackergesetze durch. Für sich selbst erreichte Caesar die Übertragung einer fünfjährigen Statthalterschaft über zwei gallische Provinzen, die später um weitere fünf Jahre verlängert wurde. In dieser Position unterwarf er 58–51 v. Chr. in blutigen Kämpfen das bis dahin freie Gallien bis an den Rhein und überflügelte damit Pompeius. Nach dem Tod des Crassus nach dessen Niederlage gegen die Parther bei Carrhae (53 v. Chr.) nahm die Konkurrenz der beiden verbliebenen Triumvirn stetig zu. Dazu trug auch die Annäherung von Pompeius und den konservativen Senatskreisen bei, die um ihre republikanische Freiheit fürchteten.

Bürgerkrieg und Alleinherrschaft Caesars

Anfang 49 v. Chr. kam es schließlich zum offenen Krieg, und Caesar marschierte auf Rom, das von Pompeius geräumt wurde. Im folgenden Bürgerkrieg wurde Pompeius 48 v. Chr. bei Pharsalos von Caesar geschlagen und bald darauf in Ägypten ermordet.

Caesar führte nach einem kriegerischen Intermezzo zur Unterstützung Kleopatras in Ägypten weitere Kämpfe gegen die Pompeianer, die er bei Thapsus in Nordafrika (Selbstmord Catos 46 v. Chr.) und bei Munda in Spanien (45 v. Chr.) entscheidend besiegte. Danach war er de facto Alleinherrscher des Römischen Reiches. Für ihn hatte die republikanische Staatsform, die für ihn "ein Nichts, ein bloßer Name ohne Körper und Gestalt"[3] war, keine Zukunft mehr. Gegen den immer diktatorischer auftretenden Machthaber kam es trotz dessen Versöhnungspolitik zu einer Verschwörung unter Führung von Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Longinus, der Caesar am 15. März 44 v. Chr. (Iden des März) zum Opfer fiel.

Die Verschwörer erhofften sich von der Ermordung des "Tyrannen" die Wiederherstellung einer von der Senatsaristokratie beherrschten Republik. In diesem Sinn begrüßte auch der in die Planung des Anschlags nicht eingeweihte Konsular Cicero diese Tat. In einer Serie von Reden bekämpfte er Caesars engen Vertrauten und Konsul Marcus Antonius, da er ihm ähnliche Machtbestrebungen wie dem Ermordeten unterstellte.

Zweites Triumvirat und Ende der Republik

Cicero gelang es, Caesars Großneffen und Haupterben Octavian (den späteren Kaiser Augustus) in eine militärische Koalition einzubinden, die Marcus Antonius im April 43 v. Chr. im Mutinensischen Krieg schlug. Als der Senat danach aber Octavian fallen ließ, schloss dieser mit seinem vormaligen Gegner Antonius und mit Marcus Aemilius Lepidus Anfang November 43 v. Chr. das Zweite Triumvirat, dessen Herrschaft sie mit der Veröffentlichung umfangreicher Proskriptionslisten einläuteten, auf denen sie hochrangige Widersacher und Republiksanhänger für vogelfrei erklärten. Eines der prominentesten Opfer der folgenden Mordwelle war Cicero. Die Triumvirn schlugen schließlich im Oktober/November 42 v. Chr. die Heere von Brutus und Cassius in der Schlacht bei Philippi in Makedonien und besiegelten damit den Untergang der Republik.

Während Marcus Antonius die Ostprovinzen organisierte, sollte Octavian u. a. die Landverteilungen an die Veteranen in Italien durchführen. Dabei geriet er in Konflikt mit Antonius’ Gattin Fulvia und Antonius’ Bruder Lucius und besiegte diese 41 v. Chr. im Perusinischen Krieg. Im Herbst 40 v. Chr. kam der Vertrag von Brundisium zustande, in dem die Interessensphären zwischen den Triumvirn so eingeteilt wurden, dass Octavian den Westen, Marcus Antonius den Osten des Römischen Imperiums als Machtbereich erhielt. Trotz Antonius’ Heirat mit Octavians Schwester Octavia blieben die Spannungen bestehen.

Durch den Vertrag von Misenum mit Sextus Pompeius, der in Sizilien die Verfolgten und Flüchtlinge aufgenommen hatte, gelang 39 v. Chr. die Rehabilitation der Proskribierten (mit Ausnahme der Caesarmörder), wodurch eine langjährige Rechtsunsicherheit wie nach den Proskriptionen Sullas vermieden werden konnte. Nach dem Sieg über Sextus und der Entmachtung des Lepidus wurde Octavian 36 v. Chr. unangefochtener Herrscher im Westen. Im gleichen Jahr erlitt Marcus Antonius hingegen eine Niederlage gegen die Parther. 34 v. Chr. erhob er seine Geliebte Kleopatra zur Königin der Könige .

Entscheidungskampf und Begründung des Prinzipats

Als sich der Ausbruch des Endkampfs zwischen den beiden verbliebenen Triumvirn abzeichnete, instrumentalisierte Octavian 32 v. Chr. das Verhältnis von Marcus Antonius zur ägyptischen Königin, um den erneut drohenden Bürgerkrieg propagandistisch als einen angeblichen Krieg gegen einen auswärtigen Feind darzustellen: Er ließ Kleopatra, von der eine Bedrohung für Italien ausgehe, und nicht dem ihr angeblich willenlos verfallenen Antonius den Krieg erklären. 31 v. Chr. fand die entscheidende Auseinandersetzung in Griechenland statt, in deren Verlauf Octavian Antonius in der Seeschlacht von Actium besiegen konnte. In aussichtsloser Situation verübten Antonius und Kleopatra im nächsten Jahr in Ägypten Selbstmord. Das Nilland wurde dem neuen römischen Alleinherrscher Octavian als Provinz direkt unterstellt.

Nachdem er alle Gegner besiegt hatte, inszenierte Octavian die Übergabe der republikanischen Amtsvollmachten auf seine Person und begründete damit den Prinzipat (27 v. Chr.). Er erhielt den Ehrennamen Augustus und wurde so zum Stammvater des römischen Kaiserreiches. Die Illusion einer republikanischen Regierungsform blieb bestehen, doch lag die Macht von nun an nur noch in den Händen des Princeps, des Ersten unter Gleichen.

Literatur

  • Heinz Bellen: Von der Königszeit bis zum Übergang der Republik in den Prinzipat. 2. durchges. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, ISBN 3-534-02726-4 (Grundzüge der römischen Geschichte 1).
  • Jochen Bleicken: Geschichte der römischen Republik. 6. Auflage. Oldenbourg, München 2004. ISBN 978-3-486-49666-6, (Oldenbourg Grundriss der Geschichte Bd. 2). Knappe Darstellung mit Forschungsteil und umfangreicher Bibliographie.
  • Jochen Bleicken: Die Verfassung der Römischen Republik. Grundlagen und Entwicklung. 8. Auflage, unveränderter Nachdruck der völlig überarb. und erw. 7. Auflage. Schöningh, Paderborn 2008, ISBN 978-3-506-99405-9, (UTB. 460). Standardwerk.
  • Klaus Bringmann: Geschichte der römischen Republik. Beck, München 2002, ISBN 3-406-49292-4, (Beck's historische Bibliothek). Solide und flüssig geschriebene Darstellung.
  • Thomas Robert Shannon Broughton: Magistrates of the Roman Republic. Bd. 1: 509 B.C.–100 B.C. Bd. 2: 99 B.C.–31 B.C. Bd. 3: Supplements. American Philological Association, New York 1951–1960. (Nachdruck: Scholars Press, Atlanta 1984-1986, ISBN 0-89130-812-1) (Philological monographs of the American Philological Association. 15), ISSN 0079-1628.
  • Karl Christ: Krise und Untergang der römischen Republik. 6. Auflage, unveränderter Nachdruck der 5. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-20041-2. Detailstudie mit zahlreichen weiteren Literaturangaben zur Krise der Republik.
  • Tim J. Cornell: The Beginnings of Rome. Italy and Rome from the Bronze Age to the Punic Wars (c. 1000 – 264 BC). Routledge, London – New York 1995, ISBN 0-415-01596-0, (Routledge history of the ancient world) (Nachdruck: 1997, 2006, 2007). Wichtige Darstellung bzgl. der römischen Frühgeschichte.
  • Harriet I. Flower (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Roman Republic. Cambridge University Press, Cambridge u.a. 2004, ISBN 978-0-521-80794-4, (Nachdruck: 1997, 2007).
  • Gary Forsythe: A Critical History of Early Rome. From Prehistory to the First Punic War. University of California Press, Berkeley 2005, ISBN 0-520-22651-8.
  • Erich S. Gruen: The last generation of the Roman Republic. University of California Press, Berkeley 1974, (Nachdruck: 1974, 1995, 2007 ISBN 978-0-520-20153-8).
  • Herbert Heftner: Der Aufstieg Roms. Vom Pyrrhoskrieg bis zum Fall von Karthago (280–146 v. Chr.). 2. verb. Auflage, Pustet, Regensburg 2005, ISBN 3-7917-1563-1.
  • Herbert Heftner: Von den Gracchen bis Sulla. Die römische Republik am Scheideweg (133–78 v. Chr.). Pustet, Regensburg 2006, ISBN 978-3-7917-2003-6.
  • Tom Holland: Die Würfel sind gefallen. Der Untergang der Römischen Republik. Ungekürzte Ausg. List, Berlin 2006, ISBN 978-3-548-60643-9, (List-Taschenbücher. 60643) (Originalausgabe: Rubicon. The triumph and tragedy of the Roman Republic. Abacus, London 2003, ISBN 978-0-349-11563-4). Populärwissenschaftliche, aber gut geschriebene Darstellung des Untergangs der Republik.
  • Martin Jehne: Die römische Republik. Von der Gründung bis Caesar. 2. Auflage. Beck, München 2008, ISBN 978-0-349-11563-4, (Beck'sche Reihe. Wissen. 2362). Knappe Einführung.
  • Nathan Rosenstein / Robert Morstein-Marx (Hrsg.): A Companion to the Roman Republic. Blackwell, Oxford 2006, ISBN 978-1-4051-0217-9, (Nachdruck: 2007, 2008). Hervorragende, kompakte Essays über den aktuellen Forschungsstand. Sehr empfehlenswert, da die englische, deutsche, französische und italienische Forschung gleichermaßen berücksichtigt wird.
  • Uwe Walter: Memoria und res publica. Zur Geschichtskultur im republikanischen Rom. Antike, Frankfurt a. M. 2004, ISBN 3-938032-00-6, (Studien zur Alten Geschichte. 1) (Zugleich: Köln, Univ., Habil.-Schr., 2002).

Anmerkungen

  1. ↑ Poseidonios bei Plutarch, Fabius 19, 5 und Marcellus 9, 3.
  2. ↑ Cicero, Ad Atticum 2, 1, 8.
  3. ↑ Sueton, Caesar 77, 1.

 

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Samnitenkriege

Die Samnitenkriege waren drei Kriege zwischen der jungen römischen Republik und den Samniten (Stämmen in Samnium), in denen es um die Kontrolle Kampaniens ging. Die Kriege dauerten von 343 v. Chr. bis 290 v. Chr., mit dem Ergebnis, dass die Samniten wieder auf ihr Ursprungsgebiet beschränkt wurden. Ihre Unabhängigkeit verloren sie allerdings erst nach einem Aufstand im italischen Bundesgenossenkrieg 82 v. Chr. durch Sulla.

Erster Samnitenkrieg

Der Erste Samnitenkrieg dauerte von 343 bis 341 v. Chr. und hatte die römische Kontrolle des nördlichen Kampanien zum Ergebnis. In der heutigen Forschung wird der Erste Samnitenkrieg allerdings als ahistorisch oder „legendär“ (Bleicken) eingestuft.[1]

Die Samniten, ein italischer Volksstamm, schlossen mit Rom 354 v. Chr. ein Zweckbündnis, um sich gegen die Kelten und auch gegen die umliegenden Völker behaupten zu können. Bald darauf kam es jedoch zu Streitigkeiten zwischen Rom und den Samniten. 345 v. Chr. schlossen die Samniten ein Bündnis mit den Sidicinern, einem anderen Volksstamm. Rom reagierte darauf, indem es 343 v. Chr. einen eigenen Bündnisvertrag mit der Stadt Capua abschloss. Auf Grund dieses Bündnisvertrages (Foedus aequum) brach der erste Samnitenkrieg aus. Da keine Seite einen Vorteil erzielen konnte, kam es 341 v. Chr. wieder zum Friedensschluss, indem die Samniten das Bündnis Roms mit Capua billigten und Rom das Bündnis der Samniten mit den Sidicinern. Kurz darauf verbündeten sich beide Seiten wieder.

Zweiter Samnitenkrieg

Der Zweite Samnitenkrieg verlief in zwei Phasen von 326 bis 321 v. Chr. und 316 bis 304 v. Chr.. Am Ende erkannten die Samniten die Vorherrschaft Roms über Kampanien an.

Rom und die Samniten beanspruchten beide die Führungsrolle in Mittel- und Unteritalien für sich. Zwar schlossen beide Reiche immer wieder Zweckbündnisse (siehe erster Latinerkrieg), doch diese waren meist nur von kurzer Dauer. Als Rom 328 v. Chr. die Stadt Fregellae im samnitisch-römischen Grenzgebiet besetzte und sie gegen die Samniten befestigte, konnte der Krieg noch einmal vermieden werden. Im Jahr 326 v. Chr. kam Rom aber dem von den Samniten bedrängten Neapel zu Hilfe, woraufhin die Samniten Rom den Krieg erklärten.

Der Krieg nahm zu Beginn einen katastrophalen Verlauf für Rom. 321 v. Chr. geriet das römische Heer in der Schlacht an den Kaudinischen Pässen (Furculae Caudinae, Kaudinische Gabeln, vermutlich beim heutigen Montesárchio, zwischen Capua und Benevento) in eine Falle und wurde eingeschlossen. Rom musste harte Bedingungen akzeptieren (Stellen von Geiseln, hohes Lösegeld, Unterjochung), konnte aber die Vernichtung des Heeres verhindern.

Die Römer nahmen die Feindseligkeiten im Jahr 316 v. Chr. wieder auf, wurden aber 315 v. Chr. in der Schlacht von Lautulae erneut geschlagen. Daraufhin änderten sie ihre Strategie: Sie gründeten Kolonien und bauten die Via Appia, um den Zugang zu Capua zu verbessern. In der Schlacht am Vadimonischen See 310 v. Chr. gelang es den Römern, die mit den Samniten verbündeten Etrusker zu besiegen. Außerdem versuchte Rom die Samniten mit der Anlage von wehrhaften Kolonien (Garnisonen) einzukreisen. Mit dieser Taktik konnte Rom die Samniten Schritt für Schritt zurückdrängen und 305 v. Chr. schließlich Bovianum, die Hauptstadt der Samniten, einnehmen.

Im Friedensschluss mussten die Samniten die Herrschaft Roms über Kampanien akzeptieren, konnten ihre Bündnisse jedoch bewahren.

Dritter Samnitenkrieg

Im dritten Samnitenkrieg 298 bis 290 v. Chr. versuchten die Samniten die im vorherigen Krieg an Rom verlorene Vormachtstellung wieder zu gewinnen, mussten sich schließlich aber zur römischen Heeresfolge verpflichten.

Um ihre alte Macht wieder zu erlangen, hatten die Samniten ein Bündnis mit anderen Stämmen geschlossen (Umbrer, Sabiner, Lukaner, Senonen, Etrusker). Rom schaffte es jedoch immer wieder die Gegner zu besiegen und eroberte 298 v. Chr. sogar Bovianum, die Hauptstadt der Samniten. Zwar konnten die Samniten unter Gellius Egnatius nach Norden durchbrechen, doch mussten sie 295 v. Chr. in der Schlacht von Sentinum (das heutige Sassoferrato) eine herbe Niederlage gegen die römischen Truppen unter Publius Decius Mus (der sich angeblich während der Schlacht den Göttern opferte) und Quintus Fabius Maximus Rullianus einstecken. Die Schlacht wurde zu einem Gemetzel. Der Geschichtsschreiber Livius berichtet, dass 8.700 Römer von insgesamt 36.000 in diesem Kampf ihr Leben ließen. Schätzungen sprechen von rund 25.000 Gefallenen auf der Gegenseite.

Rom verfolgte auch im dritten Samnitenkrieg die bereits im vorherigen Krieg bewährte Taktik der Bildung wehrhafter Kolonien (Garnisonen). So wurde im dritten Samnitenkrieg um 291 v. Chr. die 20.000 Bürger starke Kolonie Venusia in Apulien errichtet. 290 v. Chr. mussten die Samniten auf Grund der hoffnungslosen Lage Frieden mit Rom schließen und wurden zur Heeresfolge verpflichtet.

Kelten- und Etruskerkriege, der Tarentinische und der Pyrrhische Krieg

In der modernen Forschung werden auch die anschließenden Konflikte gegen die Kelten und Etrusker (285 bis 280 v. Chr.) sowie der Tarentinische und Pyrrhische Krieg (282 bis 272 v. Chr.) den Samniterkriegen zugerechnet, da auch hier Samniten und andere italische Stämme beteiligt waren.

283 v. Chr. schlugen die Römer ein vereinigtes Heer von Etruskern und keltischen Senonen, die seit dem Beginn des 4. Jahrhundert v. Chr. zwischen Aesis-Esino und Utens siedelten, am Vadimonischen See. Ausgelöst wurde der Konflikt durch die Senonen, die erst die mit Rom verbündete Stadt Arretum angriffen und anschließend ein römisches Entsatzheer schlugen, wobei sie fast das gesamte römische Heer aufrieben und auch der römische Konsul fiel. Die Boier ließen die Römer dabei unbehelligt abziehen, die Senonen wurden von den Römern bis in ihr Siedlungsgebiet zwischen Ancona und Ravenna verfolgt. Die Kelten mussten sich daraufhin 282 v. Chr. aus Mittelitalien zurückziehen und siedelten sich in Dalmatien an. Der Konflikt mit den Etruskern zog sich noch weitere drei Jahre hin, am Ende mussten die Etrusker die römische Überlegenheit anerkennen.

Ausgelöst wurde der Tarentinische Krieg, als ungeachtet anderslautender Verträge 282 v. Chr. eine römische Flotte in den Golf von Tarent einfuhr und daraufhin vernichtet wurde. Rom reagierte mit einer Kriegserklärung an Tarent. Den Tarentinern schlossen sich fast alle süditalischen Stämme an. Zudem riefen die Tarenter den Molosserkönig Pyrrhus zur Hilfe. Doch trotz einiger Erfolge konnten schlussendlich die Römer obsiegen (siehe Pyrrhischer Krieg) und waren seitdem Hegemon über Italien.

Quellenlage

Titus Livius ist die Hauptquelle für den gesamten Konflikt. Er beschreibt den Verlauf und die Schlachten detailreich (aber nicht immer zuverlässig) aus der Perspektive Roms.

Literatur

  • Klaus Bringmann: Geschichte der Römischen Republik. Von den Anfängen bis Augustus. C. H. Beck, München 2002, ISBN 978-3-406-49292-1, S. 43 ff.
  • Gary Forsythe: A Critical History of Early Rome. From Prehistory to the First Punic War. University of California Press, Berkeley u. a. 2005, ISBN 0-520-22651-8.
  • Lukas Grossmann: Roms Samnitenkriege. Historische und historiographische Untersuchungen zu den Jahren 327 bis 290 v. Chr. Wellem Verlag, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-941820-00-5 (Reihe Geschichte. Band 1; zugleich Dissertation, Universität Düsseldorf 2007; Inhaltsverzeichnis; Rezension).
  • Karl-Heinz Schwarte: Zum Ausbruch des zweiten Samnitenkrieges (326–304 v. Chr.). In: Historia. Band 20, 1971, ISSN 0018-2311, S. 368–376.

Referenzen

  1. ↑ Jochen Bleicken: Geschichte der römischen Republik, München 2004, S. 32

 

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Ständekämpfe (Rom)

Die Ständekämpfe im alten Rom resultierten im Wesentlichen aus dem Gegensatz zwischen Patriziern und Plebejern. Die Patrizier waren Nachfahren der alten Adelsgeschlechter, worauf ihre Machtstellung beruhte, indem sie das Monopol auf die Ämterbesetzung sowie der Priesterschaft und damit die Ausübung der Auspizien innehatten. Zu beachten ist allerdings, dass aufgrund der schlechten Quellenlage vieles umstritten ist. Das Folgende entspricht der traditionellen Sichtweise, die nicht mehr von allen Forschern geteilt wird - schon die Frage, ab wann es Patrizier und Plebejer gab, ist umstritten.

Folgt man den sehr viel später entstandenen Quellen, so gab es die Patrizier schon in der römischen Königszeit. Ihnen gegenüber standen demnach die Plebejer als heterogene Masse des populus Romanus. Die Ärmeren unter diesen sahen sich vor allem dreierlei Problemen gegenübergestellt: Zu Anfang der Römischen Republik herrschte Landnot. Viele Landgüter römischer Bürger waren zu klein, um sie mit den damals üblichen Methoden effektiv bewirtschaften zu können. Missernten konnten für viele in die persönliche Katastrophe führen. Ein weiteres Problem, das die Plebejer bedrohte, war die Schuldknechtschaft: Wer in Not geraten war und sich gezwungen sah, ein Saatdarlehen aufzunehmen, schließlich selbst aber nicht im Stande war, die Schuld zu begleichen und keinen Gläubiger fand, musste mit seiner Arbeitskraft herhalten und geriet so in die Schuldsklaverei (lat. "nexum"). Ein weiteres Privileg, das die Patrizier genossen, war die Kenntnis der Gesetze des Stadtstaates. Als Patrone vertraten sie ihre Klienten vor Gericht. Um selbst Einsicht in die Gesetzgebung nehmen zu können, verlangten die Plebejer nach einer Veröffentlichung des geltenden Rechts.

Gegen die Exklusivrechte der Patrizier bildete sich Widerstand aus der Gruppe der Plebejer, die Linderung der drängenden Probleme und Beteiligung an der Politik für sich forderten. Sie beschlossen 494 v. Chr. , Rom zu verlassen (secessio plebis), um sich auf einem nahe gelegenen Berg („Mons Sacer“) zu versammeln und sich eine eigene Organisation zu geben. Dem Bericht des Titus Livius zufolge konnte der Consul Agrippa Menenius Lanatus sie zur Rückkehr bewegen, indem er ihnen die Fabel vom Magen und den Gliedern erzählte.

Als Gegenmacht zu den patrizischen Beamten wählten sie in einer eigenen Versammlung (lat. "Concilium Plebis") Volkstribune, die, geschützt durch einen kollektiven Eid ("sacrosanctitas"), fortan römische Bürger vor dem willkürlichen Zugriff der Magistrate schützen konnten, und zwar durch das Hilfsrecht der Interzession. Außerdem waren sie bevollmächtigt, die Versammlungen der Plebejer einzuberufen und - zunächst nur für die Plebejer geltende - Gesetze ("Plebiszite") zu erlassen.

Im Jahr 451/450 v. Chr. erreichte die organisierte plebs ihren ersten Teilerfolg: Das Zwölftafelgesetz wurde nach seiner Kodifikation in Bronze gegossen und 449 v. Chr. öffentlich aufgestellt. Indem man darin die Heirat zwischen Patriziern und Plebejern verbot, wurde gleichzeitig ein Aufstieg der Plebejer in den Kreis der Patrizier verhindert, wodurch das Patriziat seinen endgültigen Abschluss als Adelskaste erfuhr. Doch wurde dieses Gesetz schon 445 v. Chr. wegen großen Widerstands beider Seiten wieder aufgehoben.

Die plebejische Organisation konnte in den folgenden Jahrzehnten weitere Erfolge verbuchen. Bald durften auch Plebejer die ehemals rein patrizischen Ämter besetzen. Dies und die Einführung einiger Gesetze, die zur sozialen Gerechtigkeit beitrugen, führten zur Bildung einer neuen, auf Wohlstand, Einfluss und Leistungen für den Staat basierenden Schicht, der Nobilität.

Eines der wichtigsten Gesetze war die Öffnung des höchsten Amtes für die Plebejer, des Konsulats (366 v. Chr.), durch die Leges Liciniae Sextiae. Weitere Gesetze stärkten die Position der Plebejer, bzw. rückten sie auf eine Stufe mit den Patriziern. Dazu gehörten unter anderem die Öffnung der Priesterkollegien für die Plebejer (Lex Ogulnia 300 v. Chr.), die Gleichstellung der Beschlüsse aus Versammlungen der Plebs mit von den Comitien beschlossenen Gesetzen (Lex Hortensia 287 v. Chr.) sowie die Aufhebung der Schuldknechtschaft (Lex Poetelia). Die Plebejer gewannen somit an Macht.

Literatur

  • Bleicken, J.: Geschichte der Römischen Republik. München 2004, S. 20-28.
  • Cornell, T. J.: The Beginnings of Rome. Italy and Rome from the Bronze Age to the Punic Wars (c. 1000-264 BC). London und New York 1996.
  • Raaflaub, K.: "The Conflict of the Orders in Archaic Rome: A Comprehensive and Comparative Approach"; in: Kurt Raaflaub (Hrsg.), Social Struggles in Archaic Rome. New Perspectives on the Conflict of the Orders. Berkeley 1986, S. 1-51.

 

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Punische Kriege

Als Punische Kriege (von lat. Poeni = Punier) bezeichnet man eine Serie von drei Kriegen der Antike. Bei diesen Kriegen handelte es sich um den Konflikt zwischen Karthago, der alteingesessenen See- und Handelsmacht, die den westlichen Mittelmeerraum kontrollierte, dem jungen Römischen Reich, das soeben Herr über Italien geworden war und nun weiter aggressiv expandieren wollte, und ihren Verbündeten. Die Karthager wurden von den Römern Poeni (Punier) genannt. Karthago, gelegen im heutigen Tunesien, war zunächst eine Kolonie der Stadt Tyros. In dem folgenden Machtverlust von Tyros gelang es Karthago die phönizischen Kolonien zu übernehmen und zur neuen Mutterstadt und Schutzmacht über diese zu werden.

Vor Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. war das Verhältnis zwischen Rom und Karthago kooperativ gewesen, was sich an mehreren Verträgen ablesen lässt. Als Rom aber eine Chance erkannte, einen Brückenkopf in Sizilien zu erringen, trat Karthago diesem entgegen, weil es dadurch seine eigenen Besitzungen im Westen der Insel gefährdet sah. Dieser Lokalkonflikt weitete sich im Ersten und Zweiten Punischen Krieg in einen Kampf um die Hegemonie im westlichen Mittelmeer aus. Dieser dauerte 63 Jahre und wurde von beiden Seiten energisch und mit großem Ressourceneinsatz betrieben.

Obwohl Rom mehrmals am Rand einer Niederlage stand, gewann es beide Kriege, wohingegen Karthago merklich geschwächt daraus hervorging. Nach dem endgültigen Triumph bei der Schlacht von Zama 202 v. Chr. lag Karthago am Boden und sah sich auf den Status eines römischen Vasallenstaates herabgesetzt. Gleichwohl fürchteten vor allem die römischen Konservativen unter Marcus Porcius Cato dem Älteren ein Wiedererstarken des Erbfeindes und bevorteilten massiv Karthagos nordafrikanische Rivalen. Schließlich beseitigten die Römer den karthagischen Stadtstaat im Dritten Punischen Krieg, vernichteten die Stadt selbst und errichteten die neue Provinz Africa.

Hauptartikel

  • Der Erste Punische Krieg wurde zwischen 264 und 241 v. Chr. hauptsächlich mit Seestreitkräften und auf Sizilien geführt.
  • Der Zweite Punische Krieg wurde zwischen 218 und 201 v. Chr. geführt und ist durch Hannibals Überquerung der Alpen bekannt geworden. Hier erlitten die Römer in der Schlacht von Cannae 216 ihre schwerste Niederlage überhaupt.
  • Der Dritte Punische Krieg fand zwischen 149 und 146 v. Chr. statt und endete mit der vollständigen Zerstörung Karthagos.

Quellen über die punischen Kriege

Über die punischen Kriege berichten unter anderem: der römische Geschichtsschreiber Titus Livius, der römische Historiker Cornelius Nepos und der griechischen Geschichtsschreiber Polybios.

Literatur

  • Nigel Bagnall: Rom und Karthago. Der Kampf ums Mittelmeer. Siedler, Berlin 1995, ISBN 3-88680-489-5.
  • Markus Gerhold: Rom und Karthago zwischen Krieg und Frieden: Rechtshistorische Untersuchung zu den römisch-karthagischen Beziehungen zwischen 241 v. Chr. und 149 v. Chr. Lang, Frankfurt am Main u.a. 2002, ISBN 3-631-39598-1 (=Dissertation, Universität Wien).
  • Adrian Goldsworthy: The Punic Wars. Cassell, London 2000, ISBN 0-304-35284-5.
  • Klaus Zimmermann: Rom und Karthago. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-15496-7.
  • Klaus Zimmermann: Karthago – Aufstieg und Fall einer Grossmacht. Theiss-Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2281-4.

 

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Erster Punischer Krieg

Der Erste Punische Krieg (lat. bellum punicum primum) wurde zwischen Karthago und Rom von 264 bis 241 v. Chr. ausgetragen. Er war der erste der drei großen Kriege zwischen Karthago und dem Römischen Reich.

Ursache des Krieges

Das Römische Reich war seit dem Sieg über Pyrrhus 275 v. Chr. Herr über die gesamte italienische Halbinsel geworden und suchte nun nach weiteren Expansionsmöglichkeiten. Auf der anderen Seite stand Karthago, welches seit Jahrhunderten den westlichen Mittelmeerraum kontrollierte und eine indirekte Herrschaft über Teile der Inseln Korsika, Sardinien und Sizilien ausübte.

Welche Seite die Schuld am Ausbruch des Ersten Punischen Krieges trägt, war schon unter den antiken Autoren sehr umstritten. Der pro-römische Polybios stellt den angeblich imperialistischen Charakter der Karthager (= Punier) in den Vordergrund. Diese These ist aber sehr zweifelhaft, da sich die Größe des punischen Einflussgebietes in den letzten Jahrzehnten vor der Auseinandersetzung mit Rom nicht entscheidend verändert hatte. Zudem besaßen die Karthager selten große zusammenhängende Territorien, sondern übten für gewöhnlich eine indirekte Kontrolle über einzelne Küstenstädte aus, um den eigenen Handel zu fördern.

Eine andere antike Rechtfertigung lautet, dass die Römer einem Verbündeten – in diesem Fall den in Messina ansässigen Mamertinern – zur Hilfe kommen wollten. Dies waren ehemalige italienische Söldner, welche die Herrschaft über die Stadt gewonnen hatten, indem sie die ursprüngliche männliche Bevölkerung getötet oder vertrieben hatten. Später gerieten sie in einen regionalen Konflikt mit Syrakus, der wichtigsten Stadt der im Osten Siziliens lebenden Griechen. Der Herrscher von Syrakus war zu dieser Zeit Hieron II., welcher die Mamertiner militärisch in arge Bedrängnis brachte. Daraufhin nahmen diese schon 269 v. Chr. eine karthagische Besatzung in ihre Stadt auf, was den Vormarsch von Syrakus stoppte. Im Laufe der nächsten Jahre scheinen die Mamertiner ihrer neuen karthagischen Verbündeten aber überdrüssig geworden zu sein, weshalb sie 264 v. Chr die Römer als neue Schutzmacht bestimmten. Offiziell waren die römischen Verbündeten gegen Hieron gerichtet, tatsächlich aber half deren Vorhut sogleich, die karthagische Truppe in Messina zu beseitigen, indem diese kampflos nachgab und den Rückzug antrat. Polybios zufolge hätten die Marmetiner selbst die Karthager durch Einschüchterung und Überredung aus ihrer Stadt vertrieben. Laut römischen Historikern war es hingegen ein Abgesandter Roms, der den Abzug ermöglichte, indem er den karthagischen Kommandanten unter Beifall der Bevölkerung Messinas festnehmen und inhaftieren ließ. Am wahrscheinlichsten ist, dass der Kommandant mit dem Abzug auf ein römisches Ultimatum reagierte, um einen übereilten bewaffneten Konflikt zu vermeiden. Da überdies eine direkte Weisung aus Karthago ausblieb, hatte er keine andere Wahl, als von seinem eigenen Entscheidungsvermögen Gebrauch zu machen. Nach seiner Rückkehr in seine Heimat wurde ihm dies als groben Fehler angelastet, woraufhin er mit dem Tode am Kreuz bestraft wurde.

Laut dem pro-karthagischen Autor Philinos von Akragas war das Vorgehen der Römer illegal, da ein Vertrag zwischen Rom und Karthago bestanden hätte, dass die Grenze beider Interessenssphären auf der Meerenge zwischen Italien und den westlich gelegenen Inseln läge (so genannter Philinosvertrag). Demnach hätten die Römer also diesen Vertrag verletzt. Die Existenz dieses Vertrags ist unter Historikern allerdings umstritten, obwohl es viele stichhaltige Hinweise dafür gibt.

Kriegsverlauf

Von der Auseinandersetzung um Messina bis zur Seeschlacht von Mylae (264–260 v. Chr.)

Die Karthager stellten den Römern ein Ultimatum, in dem sie den Rückzug der Truppen aus Messina forderten. Die Römer ließen die Frist aber verstreichen und Karthago belagerte mit seinen Truppen und mit der Flotte die Stadt. Auf karthagischer Seite kämpfte konsequenterweise auch Hieron von Syrakus, welcher im Osten Siziliens keine weitere Macht dulden wollte. Der römische Consul Appius Claudius Caudex setzte mit seinen Truppen nach Sizilien über und errang mehrere Siege über die Truppen Hierons, wenn auch nicht gegen die Karthager selbst. Bald stand er vor Syrakus. Er unterließ eine Erstürmung, weil er nicht die nötigen Kräfte hatte, und zog sich zurück. 263 v. Chr. zog ein neues römisches Heer gegen die Stadt, woraufhin Hieron II. mit den Römern Frieden schloss. Die römischen Consuln Manius Valerius Maximus Corvinus Messalla und Manius Otacilius Crassus schlossen das Kriegsjahr als Gewinner ab, weil es ihnen auch gelungen war, karthagische Verbündete auf Sizilien zum Übertritt zu veranlassen.

262 v. Chr. drangen vier Legionen gegen die Stadt Akragas (heute Agrigent) vor, die auf der Seite der Karthager stand. Die Stadt wurde nach langer Belagerung in der Schlacht von Agrigent erobert und die Bewohner wurden in die Sklaverei verkauft. Die Karthager begannen 261 v. Chr., den Krieg auf die italienische Halbinsel zu tragen, indem sie die Küstenlandstriche plünderten und brandschatzten.

Die Römer erkannten, dass sie neben ihren Legionen auch eine Flotte benötigten, um die Karthager zu besiegen. Die erste Seeschlacht 260 v. Chr. bei den Liparischen Inseln verlief zwar für die Römer blamabel – ein Consul wurde gefangen genommen – doch die zweite Seeschlacht wurde siegreich beendet. Der Consul Gaius Duilius traf bei Mylae auf die Flotte des Hannibal Gisko. Die Römer hatten ihre Schiffe mit Enterbrücken (sog. Raben) und Enterhaken versehen und eroberten die karthagischen Schiffe im Nahkampf Mann gegen Mann. Die bisherige Praxis während einer Seeschlacht war, dass die Schiffe sich mit einem Rammsporn zu versenken suchten. Die Römer hatten den Seekrieg in einen „Landkrieg“ verwandelt. So glichen sie ihr geringes seemännisches Geschick aus. Der punische Kommandant entkam nach der Schlacht knapp der Gefangennahme. Damit hatten sich die Gewichte zwischen den beiden Großmächten verschoben: Die vormals unangefochtene Seemacht Karthago sah sich einem ebenbürtigen Rivalen auf ihrem ureigenen Terrain gegenüber.

Von der Schlacht von Mylae bis zum Abzug Roms aus Afrika (260–255 v. Chr.)

Der Konsul Lucius Cornelius Scipio segelte 259 v. Chr. nach Korsika und eroberte die Insel. Die Karthager gaben danach weite Teile Sardiniens auf. Auf Sizilien griffen die Punier dagegen an und bedrängten die römischen Truppen. 258 v. Chr. befehligten die beiden Consuln des Jahres die Truppen auf Sizilien. Sie erlitten dabei Verluste im Kampf gegen die Karthager. Auf See schlugen sie die punische Flotte. Der karthagische Kommandant wurde wegen der Niederlage von seinen eigenen Landsleuten hingerichtet.

Die Kontrahenten nutzten das Jahr 256 v. Chr. dazu, ihre Flotten auszubauen. Die Römer wollten den Krieg nun nach Afrika verlagern. Die Karthager erfuhren davon und rüsteten sich zur Verteidigung. Bei der Schlacht am Kap Ecnomus wurden die Karthager besiegt. Die Punier boten den Römern Friedensgespräche an, doch die Römer lehnten ab. Wenig später landeten die römischen Truppen bei Aspis in Nordafrika und eroberten die Stadt. Sie sicherten den Stützpunkt und überwinterten hier mit einem Teil des Heeres. Die Karthager boten wieder Friedensverhandlungen an, doch die harten Friedensbedingungen des Consul Regulus in Form der Auslieferung der Flotte und der Übergabe von Sizilien, Sardinien und Korsika wurden abgelehnt.

Zu dieser Zeit traf in Karthago der Spartaner Xanthippos mit griechischen Söldnern ein. Der erfahrene Söldnerführer beriet die Offiziere Karthagos und empfahl eine neue Taktik im Kampf gegen die römischen Legionen. Die Ratschläge wurden angenommen und die Römer erlitten 255 v. Chr. bei der Schlacht von Tunes (heutiges Tunis, ca. 115 km südlich Karthagos) eine vernichtende Niederlage. Der Consul Regulus wurde im Laufe der Schlacht gefangen genommen. In welchem Umfang Xanthippos für diesen Sieg verantwortlich war, ist unter Forschern umstritten. Polybios scheint seine Rolle mehr als wohlwollend und möglicherweise übertrieben zu zeichnen.

Seeschlacht bei Kap Bon

Um die Reste des geschlagenen Expeditionsheeres vor der Gefangenschaft zu bewahren, lief zu deren Rücktransport eine römische Kampfflotte mit ca. 370 Schiffen nach Afrika aus. Eine aus rund 200 Kriegsschiffen bestehende punische Flotte stellte sich ihr entgegen, wurde aber nach kurzem Kampf vernichtend geschlagen. Dabei wurden 16 Schiffe von den Römern versenkt und 114 Schiffe gekapert. Die römischen Verluste waren demgegenüber unbedeutend. Doch auf der Rückfahrt geriet die Armada mit den aufgenommen Soldaten der Schlacht von Tunes an der Südküste Siziliens in einen schweren Sturm und sank bis auf etwa 70 Schiffe, die entkamen. Dabei ertranken schätzungsweise 100.000 Mann. Dieser Schiffbruch stellt eine der größten Schiffskatastrophen der Seefahrtsgeschichte dar.[1]

Vom Abzug aus Afrika bis zur Schlacht bei den Ägatischen Inseln (255–241 v. Chr.)

Die Römer konnten die Schiffsverluste ausgleichen, indem sie binnen Jahresfrist über 200 neue bauten. Mit dem Rückzug aus Afrika war eine rasche Beendigung des Krieges aber unmöglich geworden. Die Entscheidung musste wiederum in Sizilien und auf See gesucht werden. 254 v. Chr. griffen die beiden Consuln Gnaeus Cornelius Scipio Asina und Aulus Atilius Caiatinus Sizilien erfolgreich an. Mehrere Städte wurden im Norden und Süden der Insel erobert. Die Eroberung der Stadt Panormos (heute: Palermo) war für die Römer besonders einträglich, weil es den besiegten Bewohnern erlaubt wurde, sich von der drohenden Versklavung freizukaufen. Rom erhielt von ihnen über 400 Talente Silber, dies entspricht 8-14,4 Tonnen. 253 v. Chr. folgten weitere Angriffe auf Sizilien und eine römische Flotte segelte wieder nach Nordafrika. Doch navigatorisches Unvermögen ließ die Römer umkehren. Bei der Rückfahrt gerieten die Schiffe in einen Sturm und weit über 100 Kriegsschiffe gingen unter.

Die Karthager waren in den letzten drei Jahren mit der Bekämpfung numidischer Stämme beschäftigt gewesen, so dass der Widerstand gegen Rom schwach ausfiel. Im Jahr 251 v. Chr. gingen sie jedoch wieder in die Offensive: Eine karthagische Armee mit über 30 000 Soldaten und über 150 Elefanten landete auf Sizilien. Doch der Angriff auf Panormos wurde abgeschlagen und die Punier erlitten eine katastrophale Niederlage. Der karthagische Staatsgerichtshof ließ wenig später den eigenen Feldherrn wegen dieser Niederlage hinrichten.

Von 250 v. Chr. an wurde die sizilische Stadt Lilybaion zum umkämpften Hauptkriegsschauplatz. Die Römer griffen von See und Land die von Karthagern und deren keltischen und griechischen Söldnern gehaltene Stadt an. Während dieser Kämpfe verloren die Römer 249 v. Chr. zwei weitere Flotten in einer Schlacht, der Schlacht von Drepana, und in einem Sturm. Danach wurden weitere kostspielige Flottenbauten in Rom bis auf weiteres eingestellt.

Ab 247 v. Chr. übernahm in Sizilien Hamilkar Barkas den karthagischen Oberbefehl. Diesem gelang es im Laufe der nächsten Jahre durch schnelle Angriffe verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Rom blieb somit nichts anderes übrig, als trotz leerer Staatskassen eine letzte Flotte aufzustellen. Deshalb finanzierte die römische Aristokratie diese aus Privatmitteln, freilich mit der Garantie auf Rückerstattung der Geldmittel im Falle eines römischen Siegs über Karthago. Im Jahr 241 v. Chr. besiegte schließlich der Consul Lutatius Catulus bei den Ägatischen Inseln die punische Flotte entscheidend. Die Karthager baten nach dieser Niederlage um einen Friedensvertrag, da mangels Nachschub eine Fortführung des Krieges auf Sizilien aussichtslos erscheinen musste.

Friedensvertrag

Hamilkar Barkas trat in Verhandlungen mit Catulus. Sie einigten sich im Lutatius-Vertrag zunächst auf folgende Bedingungen: Karthago sollte Sizilien räumen, sich mit Hieron aussöhnen, alle römischen Gefangenen freilassen und Reparationen von 2200 euböischen Talenten über 20 Jahre an Rom zahlen.

Die römische Volksversammlung erhöhte diese Summe jedoch auf 3200 Talent, von denen 1000 sofort zu zahlen waren, und verkürzte die Frist auf 10 Jahre. Zudem hatte Karthago alle Inseln zwischen Italien und Sizilien zu räumen. Beiden Seiten wurde verboten mit Bundesgenossen der anderen Seite zu verhandeln.

Karthago musste nicht nur diese unangenehmen Bedingungen hinnehmen, sondern stand nach dem Krieg vor dem unmittelbaren Problem, dass sein gewaltiges Söldnerheer aus Kostengründen demobilisiert werden musste. Dies mündete in einen Aufstand der größtenteils libyschen Söldner, was zu einem Abfall zahlreicher Städte innerhalb des karthagischen Machtbereichs in Nordafrika führte (241–238). Dieser Söldnerkrieg brachte Karthago an den Rand des Untergangs. Dennoch konnte es – im Gegensatz zum Ende des Zweiten Punischen Krieges – seine Rolle als Großmacht bewahren.

238 v. Chr. besetzte Rom auch die punischen Inseln Korsika und Sardinien, Karthago konnte dies nicht verhindern.

Literatur

  • Herbert Heftner: Der Aufstieg Roms. Vom Pyrrhoskrieg bis zum Fall von Karthago (280 - 146 v. Chr.). 2. verbesserte Auflage. Pustet, Regensburg 2005, ISBN 3-7917-1563-1.
  • J. F. Lazenby: The First Punic War. A Military History. UCL Press, London 1996, ISBN 1-85728-136-5.
  • Theodor Mommsen: Römische Geschichte. 8. Auflage. Weidmann, Berlin 1888, (Band 1, Buch III, Kapitel II) (auch online bei Projekt Gutenberg).
  • Klaus Zimmermann: Rom und Karthago. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-15496-7.
  • Klaus Zimmermann: Karthago. Aufstieg und Fall einer Grossmacht. Theiss-Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2281-4.

Belege

  1. ↑ Helmut Pemsel: Seeherrschaft. Band I. Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1995, ISBN 3-89350-711-6, S. 50.

 

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Zweiter Punischer Krieg

Der Zweite Punische Krieg wurde von 218 v. Chr. bis 201 v. Chr. zwischen Römern und Karthagern (lat.: Punier) ausgetragen. Der karthagische Feldherr Hannibal aus dem Geschlecht der Barkiden brachte Rom zunächst durch eine Reihe taktisch genial geführter Schlachten an den Rand der Niederlage. Die Römer gingen daraufhin zu einem langjährigen Abnutzungskrieg über und siegten schließlich in der Schlacht von Zama unter ihrem Feldherrn Scipio dem Älteren. Der Krieg entschied den Kampf der beiden Städte um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum endgültig zugunsten Roms.

Ausbruch des Krieges

Aufgrund der vollständigen Zerstörung Karthagos im Dritten Punischen Krieg im Jahr 146 v. Chr. existieren keine historischen Quellen, die den Kriegsverlauf und dessen Hintergründe aus karthagischer Sicht beschreiben. Historiker können sich daher nur auf Werke griechischer und römischer Autoren der Antike – vor allem des Polybios und Livius – stützen und müssen diese vorsichtig interpretieren: Die großen Niederlagen, die das römische Reich im Laufe des Zweiten Punischen Krieges erlitt, wurden durch römische Historiker so interpretiert, dass sie die römische politische und soziale Ordnung grundsätzlich nicht in Frage stellten. Auch in den katastrophalen Niederlagen musste Roms Größe belegt und ein Sündenbock gefunden werden. Das gilt insbesondere für die verheerende Niederlage, die Rom in der Schlacht von Cannae erlitt.

Nach dem Ersten Punischen Krieg musste Karthago seine Besitzungen auf Sizilien und später auch auf Sardinien und Korsika an Rom abtreten. Um diesen Verlust zu kompensieren, hatte die nordafrikanische Stadt ihren Einflussbereich auf der iberischen Halbinsel ausgebaut. Besonders aktiv tat sich bei diesem Kolonisierungsunternehmen die Familie der Barkiden hervor: Hamilkar Barkas und dessen Söhne Hannibal und Hasdrubal Barkas sowie der Schwiegersohn Hasdrubal der Schöne. Bis zum Ausbruch des Zweiten Punischen Krieges ist es vor allem Hasdrubal Barkas, der seiner Familie eine eigenständige Machtbasis errichtet. Er erringt militärisch und diplomatisch die Oberhoheit über mehrere iberische Stämme. Im Jahre 227 v. Chr. gründet er die Stadt Carthago Nova (heute: Cartagena), die von nun an als Zentrum der barkidischen Macht in Spanien fungiert.

Der pro-römische Historiker Polybios unterstellt den Barkiden eine gegen Rom gerichtete Spitze in ihrer Spanienpolitik. Karthago habe die neue Provinz vor allem für einen Revanchekrieg gegen Rom gewonnen. Entschieden dagegen spricht allerdings der sogenannte Ebro-Vertrag, den Hasdrubal im Jahre 226 v. Chr. mit den Römern abgeschlossen hatte. In diesem wurde der nordspanische Fluss Ebro als Grenze zwischen der römischen und der karthagischen Interessenssphäre in Spanien festgesetzt. Verschiedene Geschichtswerke über Hannibal, die einen pro-karthagischen Standpunkt vertraten, sind hingegen verloren gegangen. Dazu zählen die Werke des Sosylos und des Silenos von Kaleakte.

Über das römische Interesse an einem erneuten Waffengang mit den Puniern kann nur spekuliert werden: Vermutlich bestand in erster Linie ein spezielles Interesse an der prosperierenden Iberischen Halbinsel und nicht an einem groß angelegten Krieg im gesamten westlichen Mittelmeer. Die Römer wandten eine ähnliche diplomatische Strategie wie im Ersten Punischen Krieg an, indem sie eine einzelne Stadt als Anlass für einen Krieg vorschoben. Die Stadt Sagunt lag weit südlich des Ebro und damit in dem Karthago zugesprochenen Gebiet. Als sich der karthagische General Hannibal, der seinem ermordeten Schwager Hasdrubal nachgefolgt war, an die Eroberung Sagunts machte, versuchten römische Gesandte ihm dies zu verbieten: Die Stadt sei angeblich mit Rom verbündet. Tatsächlich unternahmen die Römer während der acht Monate langen Belagerung nichts zugunsten ihrer vermeintlichen Alliierten und warteten ab, bis Sagunt 219 v. Chr. gefallen war. Nun drohte Rom den Puniern mit Krieg, sollte ihnen Hannibal nicht ausgeliefert werden. Die Ratsherren von Karthago lehnten diese Forderung aber ab, woraufhin die römische Kriegserklärung erfolgte.

Kriegsverlauf

Von der Überschreitung des Ebro bis zur Schlacht von Cannae (218–216 v. Chr.)

Im Vergleich zum Beginn des letzten Krieges hatten sich die militärischen Voraussetzungen der beiden Kontrahenten faktisch umgekehrt: Rom war nun die beherrschende maritime Macht, während Karthago in Spanien zur Landmacht geworden war. Damals war der Krieg letztlich durch die stärkere römische Flotte entschieden worden, so dass Hannibal vor einem Dilemma stand, da sich nichts an diesem Ungleichgewicht geändert hatte. Deshalb entschied er sich für eine offensive Strategie, in der dieser Nachteil nicht zum Tragen kam: Um einem Angriff auf Spanien oder Nordafrika zuvorzukommen, plante Hannibal die Durchquerung der Alpen und den Einmarsch in Italien.

Hannibal führte vorab Verhandlungen mit den keltischen Stämmen, deren Gebiet er durchqueren musste, um nach Italien durchzudringen. Dennoch war schon der Zug über die Pyrenäen von zahlreichen Kämpfen gegen die einheimischen Stämme bestimmt. Die Kelten in Südfrankreich konnte Hannibal größtenteils überzeugen, dass er sie nicht als Gegner betrachten würde, nur an der Rhone leistete ein keltischer Stamm kurzen und vergeblichen Widerstand. Schließlich machten sich die Karthager mit wahrscheinlich 50.000 Fußsoldaten, 9000 Reitern und 37 Elefanten an die Überquerung der Alpen.

Der Übergang über das Gebirge (nach differierenden Angaben von Polybios und Titus Livius vermutlich über das Tal der Rhone und/oder der Isère) war für Hannibals Truppen sehr verlustreich. Feindliche Stämme der Allobroger bedrängten die Karthager, während schlechtes Wetter in den Bergen Verluste nach sich zog, vor allem unter den Elefanten. Ende 218 v. Chr. erreichte Hannibal schließlich die Po-Ebene. Die Region wurde zu dieser Zeit von Stammesfehden unter den Kelten und Aufständen gegen Rom erschüttert. Hannibal gelang es, zahlreiche der Stämme militärisch oder diplomatisch an sich zu binden.

Der Konsul und Feldherr Publius Cornelius Scipio hatte vergeblich versucht, Hannibal an der Rhone abzufangen. So hatte er sich mit einem Großteil seiner Truppen eingeschifft, um die Karthager in der Po-Ebene zu erwarten. Beim Gefecht am Fluss Ticinus kam es zu einem ersten kurzen Gefecht zwischen den Truppen Hannibals und Scipios. Die Römer wurden besiegt. Hannibal zog weiter hinter den Römern her und bot eine Schlacht an. Doch Scipio zögerte, was zur Folge hatte, dass Teile seiner eigenen keltischen Alliierten das römische Heer verließen. Am Fluss Trebia traf Hannibal im Dezember auf die vereinigten konsularischen Heere des Scipio und des Tiberius Sempronius Longus. Den Karthagern gelang ein überragender Sieg, während die Römer hohe Verluste zu verzeichnen hatten.

217 v. Chr. zog Hannibal weiter nach Süden. Mit zahlreichen Versprechungen versuchte er, italische Stämme auf seine Seite zu ziehen. In der Schlacht am Trasimenischen See traf Hannibal auf die Legionäre unter dem neuen Konsul Gaius Flaminius. Er umzingelte die Legionen und die Schlacht ging für Rom verloren. 15.000 Römer fielen, unter ihnen Flaminius. Ebenso viele Legionäre gerieten in Gefangenschaft. Hannibal entließ die gefangenen Soldaten der römischen Bundesgenossen, ohne Lösegeld zu fordern. Damit erhoffte er sich, die Italier zum Überlaufen bewegen zu können.

Der römische Senat veranlasste die Wahl eines Diktators, um Hannibal aufzuhalten. Gewählt wurde Fabius Maximus, der mit zwei Legionen losmarschierte. Maximus hatte aus dem Schicksal seiner Vorgänger gelernt und wich einer Schlacht aus. Er wollte Hannibal durch Abwarten zermürben. Der Karthager zog weiter in Richtung Campanien, um am Fluss Volturnus (heute Volturno) das Winterquartier aufzuschlagen. Hier wollte Maximus den Gegner zur Schlacht zwingen. Doch Hannibal entkam mit einer Kriegslist und zog nach Gerunium. Hier baute er sein Winterquartier.

Im Vorfeld attackierten die Römer unter ihrem Reiteroberst Marcus Minucius Rufus die Punier und gewannen kleinere Gefechte. Mittlerweile hatte sich die Stimmung in Rom gegen den Diktator gewandt, der als Cunctator (Zauderer) verspottet wurde. Die römische Volksversammlung hatte sich von Rufus' unbedeutenden Erfolgen blenden lassen und ernannte ihn deshalb verfassungswidrig zum zweiten Diktator. Die Wahl sorgte für Unstimmigkeiten zwischen den beiden Feldherren. Als Hannibal aus seinem Quartier ausbrach und Rufus' Truppen bedrängte, drohte dessen Vernichtung. Doch es gelang Maximus, Rufus zu Hilfe zu eilen, woraufhin Hannibal wieder in sein Lager zurückkehrte. Allerdings rückte Rufus nach seiner Schlappe freiwillig wieder ins zweite Glied zurück. Wenig später endete die Amtszeit der Diktatoren.

216 v. Chr. wollte Hannibal die Römer zur Schlacht zwingen und eroberte deshalb die Magazine der Stadt Cannae. Rom hatte mittlerweile eine neue gewaltige Armee zusammengezogen. Die beiden Konsuln Lucius Aemilius Paullus und Gaius Terentius Varro hatten den Auftrag, eine Entscheidungsschlacht gegen Hannibal zu wagen. Sie geboten über etwa 80.000 Fußsoldaten und 6000 Reiter, während Hannibal nur über 40.000 Infanteristen und 10.000 Kavalleristen verfügte. Problematisch für die römische Armee war aber die unterschiedliche Taktik ihrer beiden Feldherrn: Während Paullus zu einem vorsichtigen Vorgehen gegen die Punier riet, drängte Varro auf ein offensives Vorgehen.

Am 2. August kam es zur Schlacht von Cannae. Die Römer griffen das karthagische Zentrum an, worauf Hannibal die Mitte seiner Infanteristen langsam zurückweichen ließ, so dass die römischen Fußsoldaten schließlich halbmondförmig umstellt waren. Gleichzeitig überflügelte die karthagische Kavallerie die römische Reiterei, vernichtete diese und stand nun im Rücken der gegnerischen Infanterie. Die zahlenmäßig immer noch überlegenen Römer waren umzingelt und wurden auf engstem Raum zusammengedrängt. Die Römer wurden vernichtend geschlagen, der Konsul Paullus fiel im Kampf. Fast 50.000 römische Legionäre fielen in der Schlacht. Cannae ging in die Kriegsgeschichte als Musterbeispiel einer Umfassungsschlacht ein und ist an Militärakademien bis heute Unterrichtsthema.

Hannibals Kriegsziel war die Reduzierung Roms auf eine latinische Mittelmacht. Dazu galt es aber zunächst, das starke Bundesgenossensystem Roms zu zerstören. Deshalb marschierte Hannibal nach dem Triumph von Cannae auch nicht gegen Rom, wozu seine militärischen Kapazitäten auch kaum gereicht hätten. Wiederum wurden die Kriegsgefangenen der römischen Alliierten entlassen. Tatsächlich sollten auch einige Gemeinden in der Folgezeit zu Hannibal übertreten, doch blieb der Kern des römischen Machtbereichs erhalten. Entscheidend war, dass Rom zu keinem Zeitpunkt bereit war, auch nur über einen Frieden mit Hannibal zu verhandeln. Schon bald sollte sich erweisen, dass Hannibal trotz seiner drei großen Siege auf dem Schlachtfeld nur wenige Optionen hatte.

Von der Schlacht von Cannae bis zum Fall Capuas (216–211 v. Chr.)

Die wichtigste Stadt, die nach Cannae zu Hannibal überging, war Capua. In den folgenden Jahren war er damit beschäftigt, in zahlreichen Scharmützeln und Belagerungen den römischen Einfluss in Italien zu untergraben. Wichtige Städte wie Neapel und Nola blieben aber den Römern treu und verhinderten, dass Hannibal einen geschlossenen Machtraum in Süditalien errichten konnte.

Der karthagische Feldherr konnte allerdings einige diplomatische Erfolge erzielen: Er schloss 215 v. Chr. ein Bündnis mit dem Makedonenkönig Philipp V., das sich aber als wenig effektiv erweisen sollte. In der mächtigen griechischen Stadt Syrakus auf Sizilien kam es nach dem Tod Hierons II. zu einem Umschwung zu Gunsten Karthagos. Hierons Enkel Hieronymous erhielt von den Puniern das Versprechen der Herrschaft über die ganze Insel. Des Weiteren stellte sich in Nordafrika der ostnumidische König Massinissa auf die Seite Karthagos, während sich sein westnumidischer Rivale Syphax mit Rom verbündete.

Karthago versuchte, nach seinen Erfolgen in Italien in seinen alten Besitzungen wieder Fuß zu fassen: Auf Sardinien erlitten die Karthager aber eine vernichtende Niederlage. Um dem neuen Verbündeten Syrakus zur Hilfe zu kommen, landeten auf Hannibals Rat starke karthagische Kräfte auf Sizilien, doch setzten sich die Römer letztlich durch und eroberten 212 v. Chr. Syrakus (Tod des Archimedes).

Bereits vor Hannibals Alpenübergang hatte Publius Cornelius Scipio seinen Bruder Gnaeus mit einem Heer nach Nordspanien geschickt. Dieser konnte sich nach seiner Landung in Empúries nördlich des Ebro festsetzen. Nach der verlorenen Schlacht an der Trebia brachte Publius seinem Bruder Verstärkungen mit. In diesem einen Punkt war Hannibals Strategie nicht voll aufgegangen, da die barkidische Basis in Spanien nun doch von römischen Truppen bedroht wurde. Bis 211 v. Chr. konnten die beiden Scipionen den römischen Einfluss nach Süden ausdehnen. Dann gelang es Hasdrubal Barkas, die Heere der Römer zu trennen und sie in zwei aufeinander folgenden Schlachten zu schlagen, wobei Publius und Gnaeus den Tod fanden. Trotz dieses Erfolges sah sich Hasdrubal jedoch nicht in der Lage, die Römer völlig aus Spanien zu vertreiben.

212 v. Chr. gelang es Hannibal, Tarent für seine Seite zu gewinnen. Die Stadtfestung wurde aber nach wie vor von den Römern gehalten, so dass Hannibal zu einer langwierigen Belagerung gezwungen war. Währenddessen wurden seine Alliierten in Capua von römischen Truppen eingeschlossen. Zwischen beiden Schauplätzen hin- und hergerissen, unternahm Hannibal schließlich einen Scheinangriff auf Rom, um Capua zu retten („Hannibal ad portas“). Er konnte damit die Stadt aber nicht vor dem Fall bewahren, was schwere politische Auswirkungen für ihn nach sich zog: Hannibal war angetreten, um Roms Einfluss auf die Italiker zu beenden, und war nun nicht in der Lage gewesen, seinen wichtigsten Verbündeten zu schützen. Dies wurde von antiken Historikern wohl zu Recht als die Peripetie (Umschwung) des Krieges angesehen. Jedenfalls verringerten danach die Römer ihre Kontingente.

Vom Fall Capuas bis zur Schlacht von Zama (211–202 v. Chr.)

Hannibal gab seine Sache auf dem italienischen Schauplatz nicht auf und erhielt neue Mittel und Truppen aus Karthago. In den folgenden Jahren zog er quer durch Süditalien, wo es zu zahlreichen Gefechten und Belagerungen kam. Keine Seite konnte dabei aber einen entscheidenden Vorteil erringen.

In Spanien hatte der gleichnamige Sohn des gefallenen Publius Cornelius Scipio das Kommando über die verbliebenen römischen Truppen übernommen. Der 25-Jährige, der später den Ehrennamen Scipio Africanus Major tragen sollte, wurde mit den Vollmachten eines Konsuls ausgestattet, obwohl er noch nie ein vergleichbares Amt bekleidet hatte. Es gelang ihm im Jahr 209 v. Chr., die karthagische Regionalhauptstadt Carthago Nova (Cartagena) im Handstreich zu erobern.

Immerhin war es Hasdrubal Barkas gelungen, wie sein Bruder Hannibal die Alpen zu überqueren, um diesem dringend benötigten Nachschub zu bringen. Die Vereinigung der karthagischen Heere misslang aber durch taktische Fehler Hasdrubals. Durch eine unnötige Belagerung der Stadt Placenta, dem heutigen Piacenza, verlor er wertvolle Zeit. Zudem fielen den Römern die Boten in die Hände, mit denen er seinem Bruder den Plan zur Vereinigung der beiden Heere mitteilte. Nach einem siebentägigen Gewaltmarsch stellte der römische Konsul Claudius Nero das Heer Hasdrubals im Jahre 207 v. Chr. In der Schlacht am Metaurus verlor Hasdrubal sein Leben und Hannibal die letzte Hoffnung, das Kriegsglück noch zu seinen Gunsten zu wenden. Der Kopf des Bruders wurde Hannibal in sein Heerlager geschickt.

Der junge Scipio errang schließlich 206 v. Chr. einen entscheidenden Sieg in Spanien über Hannibals jüngsten Bruder Mago, was diesen im Folgejahr zur Aufgabe der Iberischen Halbinsel zwang. Der Numidierkönig Massinissa wandte sich daraufhin gegen seine bisherigen karthagischen Verbündeten. Scipio entschied sich zur Invasion Nordafrikas und schlug die Karthager in einer Feldschlacht. Diese riefen nun ihren noch immer in offener Feldschlacht unbesiegten Feldherrn Hannibal aus Italien zurück.

Scipio drang weiter auf Karthago vor und 202 v. Chr. trafen sein Heer und das Hannibals bei Zama aufeinander. Die Karthager verfügten über mehr Infanteristen als die Römer, doch fehlte ihnen nach dem Überlaufen des Massinissa die benötigte Kavallerie, mit der Hannibal zuvor seine großen Siege erringen konnte. So endete in der Schlacht von Zama die Rolle Karthagos als Großmacht.

Friedensschluss

Nach der Niederlage riet Hannibal dem karthagischen Rat zur Annahme von Friedensverhandlungen. Im Namen des römischen Senates führte Scipio die Verhandlungen, die zum Friedensdiktat von 201 v. Chr. führten: Karthago musste die Kriegsflotte bis auf 10 Triremen ausliefern und alle Kriegselefanten aufgeben. Es verlor alle Besitzungen außerhalb Nordafrikas und musste Kontributionen von 10.000 Talent Silber (360 t Silber) innerhalb von 50 Jahren zahlen. Als Machtdemonstration ließ Scipio Hunderte karthagischer Schiffe vor den Toren der Stadt verbrennen.

Am schwerwiegendsten für die politische Zukunft des Punischen Staates sollte sich aber das Verbot der eigenständigen Kriegsführung ohne Erlaubnis Roms erweisen. Gleichzeitig musste Karthago nämlich die Unabhängigkeit des Königreichs Numidien unter dem römischen Verbündeten Massinissa anerkennen, welches in Zukunft nach Belieben gegen seinen Nachbarn vorgehen konnte. Die Punier hatten ihre außenpolitische Souveränität eingebüßt und waren fortan auf den Status einer Mittelmacht begrenzt.

Fünfzig Jahre später endete der karthagische Staat im Dritten Punischen Krieg.

Literatur

  • Klaus Zimmermann: Karthago – Aufstieg und Fall einer Grossmacht. Theiss-Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2281-4.
  • Klaus Zimmermann: Rom und Karthago. 2. durchgesehene Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-23008-2.
  • Ursula Händl-Sagawe: Der Beginn des 2. Punischen Krieges. Ein historisch-kritischer Kommentar zu Livius Buch 21. Ed. Maris, München 1995, ISBN 3-925801-15-4, (Münchener Arbeiten zur Alten Geschichte 9), (Zugleich: München, Univ., Diss., 1992: Ein historisch-kritischer Kommentar zu Livius, Buch 21).
  • Herbert Heftner: Der Aufstieg Roms. Vom Pyrrhoskrieg bis zum Fall von Karthago (280–146 v. Chr.). 2. verbesserte Auflage. Pustet, Regensburg 2005, ISBN 3-7917-1563-1.
  • Alfred Klotz: Appians Darstellung des Zweiten Punischen Krieges. Schöningh, Paderborn 1936.
  • Karl-Heinz Schwarte: Der Ausbruch des Zweiten Punischen Krieges – Rechtsfrage und Überlieferung. Steiner, Wiesbaden 1983, ISBN 3-515-03655-5, (Historia Einzelschriften 43), (Zugleich: Bonn, Univ., Habil.-Schr., 1980/81).
  • Jakob Seibert: Hannibal. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993, ISBN 3-534-12029-9 (umfassende Darstellung).
  • Sir Nigel Bagnall: Rom und Karthago – Der Kampf ums Mittelmeer. Siedler, Berlin 1995, ISBN 3-88680-489-5.

 

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Schlacht von Cannae

Die Schlacht von Cannae fand am 2. August 216 v. Chr. auf der apulischen Hochebene statt und war eine der bedeutendsten Schlachten im Zweiten Punischen Krieg. Das karthagische Heer unter Hannibal vernichtete dabei die mit 16 Legionen zahlenmäßig überlegenen Römer unter Führung der Konsuln Lucius Aemilius Paullus und Gaius Terentius Varro.

Aufgrund der geschickten Taktik Hannibals und der Größe des Sieges ging die Schlacht in die Weltgeschichte ein. Bis heute wird sie als Paradebeispiel einer Umfassungsschlacht an Militärakademien gelehrt, und die Redewendung „ein Cannae erleiden“ steht für eine vernichtende Niederlage.

Vorgeschichte

Zu Beginn des Zweiten Punischen Krieges führte der karthagische Heerführer Hannibal seine Truppen samt Kriegselefanten über die Alpen nach Oberitalien. In der Schlacht an der Trebia und der Schlacht am Trasimenischen See fügte er den Römern schmerzhafte Niederlagen zu. Zu deren Kommandant wurde daraufhin Fabius Maximus ernannt, der jedoch jede weitere offene Feldschlacht mit dem karthagischen Heer vermied und Hannibal durch Mittelitalien ziehen ließ, ohne ihn zu stellen. Fabius Maximus zielte mit dieser Strategie darauf, das karthagische Heer aufgrund von Nachschubproblemen erschöpfen zu lassen. Der römischen Bevölkerung missfiel dieses scheinbar unentschlossene Vorgehen, sie nannten ihn deshalb cunctator (dt. "der Zauderer"). Im Jahre 216 v. Chr. wurden turnusmäßig zwei Konsuln mit dem ausdrücklichen Auftrag ernannt, Hannibal zur Schlacht zu stellen, da dieser Rom von dessen lebenswichtigen Getreidevorräten im Süden abgeschnitten hatte.

Die beiden Konsuln Lucius Aemilius Paullus und Gaius Terentius Varro lösten sich Tag für Tag als Befehlshaber ab. In ihrem Handeln unmittelbar vor der Schlacht drückten sich auch die unterschiedlichen Charaktere dieser beiden Personen aus. Die Taktik der Römer schwankte – als sie endlich den Karthagern bei Cannae in Apulien gegenüber standen und nur das kleine Flüsschen Aufidus (Ofanto) die zwei Heere trennte – Tag für Tag zwischen vorsichtigem Agieren und forschem Tatendrang. Am Tag der Schlacht hatte Varro den Oberbefehl und führte die römischen Truppen nach derzeitigem Wissensstand auf das südliche Ufer des Flusses. Da dieses Gelände hügelig ist, benachteiligte es die Kavallerie.

Verlauf

Heeresstärken

Die zwei Konsuln verfügten über 16 römische Legionen, von denen acht aus römischen Bürgern bestanden. Die übrigen acht Legionen gehörten verbündeten Städten an. Die Einschätzung der tatsächlichen Heeresstärke schwankt in den Quellen. Geht man jedoch davon aus, dass dies einer Truppenstärke von 80.000 Mann entspricht und dass 10.000 für die Bewachung der Lager abgestellt wurden, so standen einander an den Ufern des Flusses Aufidus folgende Kräfte gegenüber: Die Römer verfügten über 55.000 Mann schwere Infanterie, über 8.000 bis 9.000 Mann leichte Infanterie und 6.000 Mann Kavallerie. Das karthagische Heer bestand dagegen aus 32.000 Mann schwerer Infanterie, 8.000 Mann leichter Infanterie und 10.000 Mann Kavallerie.

Aufstellung der Römer

Die konventionelle Verwendung solcher Truppenteile sah vor, die Infanterie in der Mitte zu platzieren, während sich die Kavallerie teilte und die jeweiligen Flügel bildete. Die Römer wandten diese bewährte Truppenaufstellung auch an. Sie entschieden sich jedoch, die Infanterie tief zu staffeln, so dass die Infanteriefront so breit wie die von Hannibals zahlenmäßig unterlegener Infanterie war. Ziel der römischen Infanterie war es, rasch durch die karthagische Schlachtenreihe hindurchzubrechen.

Die römische Kavallerie war bei dieser Schlacht ein Schwachpunkt, an den Hannibal bei seiner Taktik entscheidend ansetzte. Da die römischen Reiter in der republikanischen Zeit aus dem wohlhabenderen Schichten stammten, weil die römischen Soldaten zu der Zeit selbst für ihre Ausrüstung aufkommen mussten, war sie traditionell zahlenmäßig sehr schwach, weswegen die Bundesgenossen die dreifache Anzahl an Kavalleristen stellen mussten. Jede römische Legion hatte für gewöhnlich etwa rund 300 Reiter, die Bundesgenossen 900, was ein Verhältnis von 1:3 ausmachte.[1]

Aufstellung der Karthager

Hannibal wandelte die traditionelle Aufstellung dagegen leicht ab: Er platzierte die weniger kampferprobten Infanterieteile (Iberer und Kelten) in der Mitte und die schlachterfahrenen Truppen (afrikanische Söldner) an den Flügeln hinter seiner Kavallerie.

Schlachthergang

Als die römischen Legionen den Angriff eröffneten, ließ Hannibal die Mitte seiner zunächst halbmondförmig vorgewölbten Aufstellung, bestehend aus iberischen und keltischen Fußtruppen, nachgeben. Die zentral vordrängenden Römer wurden sodann von den an den Flanken aufgestellten karthagischen Truppen in die Zange genommen, der römische Angriff verlangsamte sich und kam schließlich zum Stehen.

Währenddessen trafen sich die Kavallerieeinheiten beider Seiten. Während die Numider die alliierte Kavallerie dank ihrer Beweglichkeit jedoch nur hinhielten, gingen die mit Hannibal verbündeten iberischen und keltischen Reiter zum vollen Angriff gegen die römische Reiterei vor und schlugen sie aus dem Feld. Danach eilten sie den Numidern zu Hilfe und zersprengten die damit zahlenmäßig geschwächte Bundesgenossenkavellerie. Während die Numider die Flüchtenden verfolgten, fielen die iberischen und keltischen Reiter nun den römischen Legionen in den Rücken, schlossen sie damit zwischen sich und der karthagischen Infanterie ein und entschieden die Schlacht trotz der zahlenmäßigen römischen Überlegenheit, da diese sich nicht entfalten konnte.

Von den 80.000 römischen Soldaten wurden laut Polybios etwa 50.000 getötet, darunter der Konsul Aemilius Paullus und ein Konsul des vorangegangenen Jahres, Gnaeus Servilius Geminus, 10.000 wurden gefangen genommen. Andere Quellen schätzen, dass bis zu 70.000 der Römer fielen. Nur wenige entkamen, unter ihnen Varro, der an diesem Tag den Oberbefehl hatte, sowie Scipio Africanus, der vierzehn Jahre später Hannibal in der Schlacht von Zama schlagen sollte. Die römischen Überlebenden wurden in den legiones Cannenses zusammengefasst.

Karthago verlor 6000 Männer, davon 5000 Kelten und Iberer.

Seibert verweist darauf (S.189 und Anm 32), dass die angeblichen Differenzen der beiden Konsuln erst spätere Erfindungen waren, um Lucius Aemilius Paullus von der Verantwortung freizusprechen, da er ein Angehöriger einer höheren Gesellschaftsschicht war, während Varro aus der plebejischen Schicht kam (ebenso S.158 und Anm. 7). Auch verdiene die Nachricht, Paullus habe die Schlacht nicht annehmen wollen, keinen Glauben. Beide Konsuln handelten im Einklang mit dem Senat und dem Kriegsrat. Beide waren nicht in der Lage, ein so riesiges Heer zu befehligen.

Plünderungen

Die Größenordnungen der beteiligten Armeen mag wenig beeindruckend erscheinen und man könnte versucht sein, anzunehmen – weil Rom diesen Krieg schließlich gewann –, es habe sich nur um eine „weitere Wunde“ gehandelt, aber Livius überliefert uns ein Bild, das zeigt, wie verheerend diese Niederlage für Rom war: Hannibal ließ seine Männer den Goldschmuck von den Körpern der auf dem Schlachtfeld liegenden Gefallenen einsammeln und sandte diese Sammlung als Beweis seines Sieges nach Karthago; die Sammlung wurde vor dem karthagischen Senat ausgeschüttet und wurde auf „drei und ein halbes Maß“ (6048 Stück) geschätzt. Ein Goldring war Zeichen der Zugehörigkeit zu den oberen Klassen der römischen Gesellschaft.

Auswirkungen

Gehörte Hannibals Triumph einerseits zu den erdrückendsten Siegen der ganzen Militärgeschichte, war der Zenit des karthagischen Kriegsglücks damit auch erreicht, und es erwuchsen den Karthagern keine entscheidenden strategischen Vorteile aus ihm. Von Rom fielen zunächst nur die süditalienischen Gebiete in Apulien, Samnium, Lukanien und Bruttium ab, im Winter 216/215 Capua, 214 Syrakus, 212 Tarent, Metapont und Thurii. In Mittelitalien brach das römische Bündnissystem trotz aller Rückschläge nicht zusammen, es blieb in seinem Kern bestehen.

Hannibals Truppen waren zahlenmäßig zu schwach und es mangelte ihnen an Belagerungsmaterial, um Rom selbst anzugreifen, so dass er Verhandlungen über einen Friedensvertrag zu maßvollen Bedingungen anbot. Trotz der vielfachen Katastrophen, die Rom im Kampf gegen Hannibal erlitten hatte, weigerte sich der römische Senat jedoch, mit ihm zu verhandeln. Stattdessen hob er eine neue Armee zur Verteidigung Italiens und eine weitere zum Angriff auf die spanischen Besitzungen Karthagos aus. Die Schlacht von Cannae blieb daher ohne weitere politische oder militärische Auswirkungen.

Die sich an Cannae anknüpfenden Entwicklungen sind genauer im Artikel zum Zweiten punischen Krieg dargestellt.

Rezeption

Nach der Schlacht an der Trebia schlug Hannibal in Cannae die nachweislich zweite Umfassungsschlacht der Geschichte und erwies sich damit als überlegener Taktiker gegenüber den Römern, die in traditioneller Manipeltaktik mit einem starken Zentrum antraten.

Die Schlacht von Cannae ist sprichwörtlich dafür geworden, eine vernichtende Niederlage zu erleiden. In der Neuzeit wurde, vor allem im preußischen Generalstab und durch Alfred von Schlieffen, die von Hannibals Taktik abgeleitete große, kriegsentscheidende Umfassungsschlacht, ein so genanntes Super-Cannae, zu einer Doktrin der Kriegsführung.

Der Unterschied der modernen Taktik zu Hannibals liegt in den Auswirkungen. Neuzeitliche Einheiten sollen mit der Umfassung vom Nachschub abgeschnitten und so kampfunfähig gemacht werden. Damals wurde die Einkesselung angewandt, um die zentralen Einheiten des Feindes zur Untätigkeit zu verdammen, bewegungsunfähig zu machen und so den Gegner von außen nach innen niederzukämpfen.

Ort und Zeit

Sowohl über die Zeit als auch über den Ort der Schlacht bestehen Zweifel. Bezüglich der Zeit: Die kalendarischen Daten der damaligen Zeit stimmen mit den astronomischen nicht überein. So fand die Schlacht an der Trebia um die Wintersonnenwende (also den 20. Dezember 218 v. Chr.) statt (Polybius; astronomisches Datum), aber nur kurz vor dem Amtsantritt der neuen Konsuln am 1. März 217 v. Chr. (kalendarisches Datum). Zur astronomisch definierten Sonnenfinsternis vom 11. Februar 217 v. Chr. waren bereits diese neuen Konsuln im Amt; der kalendarische 1. März war also vor den astronomischen 11. Februar gefallen. Die Schlacht am Trasimenischen See wird laut römischem Kalender auf den 22. Juni datiert, aber wurde noch von dem im Frühling auftretenden Hochwasser beeinflusst. Es ist also zu vermuten, dass der römische Kalender damals dem astronomischen um anderthalb Monate vorauslief, so dass die Schlacht vom kalendarischen 2. August 216 v. Chr. (nach heutiger Berechnung) im Juni 216 v. Chr. stattfand.

Bezüglich des Ortes: Dafür, dass das heute als Schlachtort touristisch propagierte Canne della Battaglia (Stadt Barletta) dieser tatsächlich ist, gibt es keine archäologischen Beweise. Denn die dort gefundenen Massengräber stammen aus dem Mittelalter. Aufgrund von Berechnungen der Marschleistungen nach Polybios und der Auswertung der Berichte antiker Geschichtsschreiber durch Giuseppe De Marco müsste die Schlacht weiter nördlich am Fluss Fortore nahe der Stadt Carlantino stattgefunden haben.

Literatur

  • Die Schlacht wird in jeder Darstellung des Zweiten Punischen Krieges bzw. des Lebens Hannibals mehr oder weniger ausführlich behandelt.
  • Gregory Daly: Cannae: The Experience of Battle in the Second Punic War. New York 2002.
  • Johannes Kromayer, Georg Veith: Antike Schlachtfelder. Bausteine einer antiken Kriegsgeschichte. III 1. Berlin 1912.
  • Jakob Seibert: Hannibal. Darmstadt 1993.
  • Michael Alexander Speidel: Halbmond und Halbwahrheit. Cannae, 2. August 216 v. Chr. In: Stig Förster, Markus Pöhlmann, Dierck Walter [Hrsg.]: Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai. 3. Auflage. München 2003, S. 48–62.
  • Jahuda L. Wallach: Das Dogma der Vernichtungsschlacht. Die Lehren von Clausewitz und Schlieffen und ihre Wirkung in zwei Weltkriegen. Frankfurt am Main 1967.

Referenzen

  1. ↑ Peter Connolly, Die Römische Armee, S. 11

 

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Dritter Punischer Krieg

Der Dritte Punische Krieg dauerte von 149 bis 146 v. Chr. und war der letzte Konflikt zwischen den beiden Mächten Rom und Karthago. Er endete mit der Zerstörung Karthagos und der Versklavung seiner Einwohner durch Rom.

Vorgeschichte und Beginn des Krieges

Nach dem verlorenen Zweiten Punischen Krieg setzte um 190 v. Chr. durch ein Aufblühen des Handels, intensive Plantagenwirtschaft und innenpolitische Reformen Hannibals eine wirtschaftliche und politische Erholung des karthagischen Staatswesens ein. Das ging so weit, dass Karthago bereit war, seine gesamte Kriegsschuld auf einmal zurückzuzahlen. Dies lehnte Rom ab, wohlwissend, dass Karthago so von Rom weiterhin abhängig blieb.

Karthago erfüllte auch seine Bündnispflicht gegenüber Rom und steuerte der römischen Flotte im Konflikt gegen die Seleukiden sechs Schiffe bei.

Was Karthago besonders zu schaffen machte, war die ständig von Numidien ausgehende Gefahr. Traten Grenzstreitigkeiten auf, rief das Rom auf den Plan, welches meist einseitig für Numidien Partei ergriff. Durch die Expansionspolitik Massinissas von Numidien spaltete sich die politische Schicht Karthagos in eine Rom entschieden feindlich gesinnte Partei und in Verständigungswillige, welche keine Chance darin sahen, sich gegen die einzig verbliebene mediterrane Großmacht zu stellen.

Nach erneuten Plünderungen Massinissas auf karthagischem Gebiet schlug Karthago zurück, ohne Rom vorher um die Erlaubnis zum Krieg gefragt zu haben. Diese Verletzung des Friedensvertrags von 201 v. Chr. sah Rom als casus belli (Kriegsfall). Der römische Senat beschloss 150 v. Chr. die Zerschlagung des karthagischen Reiches.

Einer der glühendsten Befürworter für die Zerstörung Karthagos war Cato der Ältere. Von ihm stammt angeblich der berühmte Satz: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss), welchen er nach jeder seiner Reden geäußert haben soll, auch wenn diese ein anderes Thema hatten. Die spätere römische Überlieferung behauptet, die Scipionen wären gegen eine Zerstörung Karthagos gewesen, um dem Römischen Volk stets einen Grund zur Wachsamkeit zu erhalten.

Kriegsverlauf

Ein Jahr später setzte sich eine römische Kriegsflotte in Richtung Karthago in Bewegung. Karthago versuchte alles, um die Auseinandersetzung zu verhindern. Die Stadt ging zunächst auf alle Forderungen der Römer ein, stellte 300 adlige Geiseln und lieferte alle Waffen ab. Als die Römer dann jedoch verlangten, die Karthager sollten ihre Stadt verlassen und sich 80 Stadien (etwa. 15 km) vom Meer entfernt ansiedeln, entschlossen sich die Einwohner Karthagos mit dem Mut der Verzweiflung zum Krieg.

Die Kampfhandlungen zwischen Rom und Karthago begannen im Jahr 149 v. Chr. Das Kommando auf römischer Seite hatten im ersten Jahr die Konsuln Manius Manilius (für das Heer) und Lucius Marcus Censorinus (für die Flotte). Das Jahr 149 brachte den Römern viele Niederlagen und Verluste. Eine Einschließung Karthagos wurde nicht erreicht. Zudem starb der alte Verbündete Roms, der Numiderkönig Massinissa.

Im Jahr 148 v. Chr. versuchten die Römer nun, die Karthager von ihren inländischen Verbündeten abzuschneiden und letztere schrittweise zu unterwerfen. Ihre Befehlshaber waren nun der Konsul Lucius Calpurnius Piso und (für die Flotte) der Legat Hostilius Mancinus. Ein wesentlicher Fortschritt wurde auch in diesem Jahr nicht erreicht.

Eine Wende des Krieges setzte erst unter dem Kommando von Scipio ein, der für das Jahr 147 v. Chr. zum Konsul gewählt worden war und nun den Oberbefehl in Afrika erhielt. Erst jetzt wurde Karthago regelrecht belagert. Die Stadt wurde zum Binnenland hin durch zwei Wälle abgeriegelt, ihr Zugang zum Meer mit einem Damm gesperrt. Nach der Vernichtung einer karthagischen Flotte von 50 Schiffen wurde das Hafengebiet Karthagos erobert und damit die Stadt endgültig von allem Nachschub abgeschnitten. In einer Schlacht bei der Stadt Nepheris wurde das karthagische Landheer von Scipio vernichtet, die Stadt selbst belagert und eingenommen. Daraufhin liefen die übriggebliebenen Verbündeten Karthagos zu Rom über, so dass Karthago nunmehr völlig auf sich allein gestellt war.

Das Kommando Scipios wurde für das Jahr 146 v. Chr. verlängert, und im gleichen Jahr erfolgte die endgültige Niederlage Karthagos. Nach sechstägigen härtesten Straßenkämpfen, während derer große Teile der Stadt zerstört wurden, ergaben sich am 5. Februar von einstmals geschätzten 500.000 Einwohnern 50.000 Überlebende den Römern. Sie wurden in die Sklaverei verkauft. Rom ließ die Stadt nach ihrer Eroberung schleifen.

Der griechische Geschichtsschreiber Polybios nahm als Berater Scipios an der Belagerung Karthagos teil und berichtet also in seinem Werk aus erster Hand von den Ereignissen.

Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Überlieferung, dass auf Karthagos Grund und Boden Salz ausgestreut wurde, um die Gegend unfruchtbar zu machen, ist durch antike Quellen nicht belegt. Vielmehr schreibt Appian ausdrücklich, dass die Stadt nicht verflucht wurde.

Folgen

Das karthagische Gebiet wurde zur römischen Provinz Africa proconsularis und spielte im Römischen Reich vorerst nur noch eine untergeordnete Rolle. Nach einem Beschluss von Julius Caesar wurde 46 v. Chr. die Wiedererrichtung Karthagos als Colonia Iulia Concordia Carthago beschlossen, aber erst unter Augustus in Angriff genommen. Im 3. Jahrhundert n. Chr. erlebte die Provinz aufgrund der gespannten Lage im übrigen Römischen Reich noch einmal einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufschwung.

Quellen zum Dritten Punischen Krieg

  • Polybios
  • Appian
  • Diodor
  • Livius

Literatur

  • Römisch-Karthagische Kriege im Allgemeinen
  • Klaus Zimmermann: Karthago – Aufstieg und Fall einer Grossmacht. Theiss-Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2281-4.
  • Klaus Zimmermann: Rom und Karthago. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-15496-7
  • Herbert Heftner: Der Aufstieg Roms. Vom Pyrrhoskrieg bis zum Fall von Karthago (280 - 146 v. Chr.). 2. verbesserte Auflage. Pustet, Regensburg 2005, ISBN 3-7917-1563-1.
  • Nigel Bagnall: Rom und Karthago. Der Kampf ums Mittelmeer. Deutsche überarbeitete Ausgabe von Michael Redies. Berlin 1995, ISBN 3-88680-489-5, (Engl. Originalausgabe London 1990).

Dritter Römisch-Karthagischer Krieg

  • Heinz Bellen: Metus Gallicus - Metus Punicus. Zum Furchtmotiv in der römischen Republik. Steiner-Verlag-Wiesbaden-GmbH, Stuttgart 1985, ISBN 3-515-04557-0, (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz - Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse 1985, 3).
  • Matthias Gelzer: Nasicas Widerspruch gegen die Zerstörung Karthagos. In: Philologus 86, 1931, ISSN 0031-7985, S. 261–299.
  • Olde Hansen: Der Dritte Römisch-Karthagische Krieg. Die Zerstörung Karthagos 146 v. Chr. VDM-Verlags-Druckerei-Müller, Saarbrücken 2008, ISBN 978-3-8364-8125-0, (Zugleich: Berlin, Freie Univ., Magisterarbeit, 2001).
  • Wilhelm Hoffmann: Die römische Politik des 2. Jahrhunderts und das Ende Karthagos. In: Historia 9, 1960, ISSN 0018-2311, S. 309–344, (auch in: Richard Klein (Hrsg.): Das Staatsdenken der Römer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1966, (Wege der Forschung 46), S. 178–230).
  • Karl-Wilhelm Welwei: Zum Metus Punicus in Rom um 150 v. Chr. In: Hermes 117, 1989, S. 314–320.

 

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Römische Bürgerkriege

Als Epoche der Römischen Bürgerkriege werden die Jahre zwischen 133 und 30 v. Chr. bezeichnet, in denen die Römische Republik zunächst in eine schwere Krise geriet und schließlich unterging. Was mit den gescheiterten Gracchischen Reformen und den „Parteikämpfen“ zwischen Optimaten und Popularen begann, endete mit der Errichtung der Monarchie in Form des Prinzipats unter dem ersten römischen Kaiser Augustus.

Ursachen

Die Krise der Römischen Republik hatte ihre Ursache paradoxerweise hauptsächlich in den militärischen Erfolgen. Der Aufstieg Roms zur beherrschenden Macht des Mittelmeerraums und die enorme Vergrößerung seines Staatsgebiets erzeugte tiefgreifende soziale Spannungen zwischen verschiedenen Interessengruppen des Reiches: den adeligen Großgrundbesitzern, den römischen Kleinbauern, der anwachsenden städtischen Ritterschicht (Eques), insbesondere in Rom selbst, und den mächtiger werdenden Heerführern des Reiches.

Teile des römischen Adels, im Senat vertreten durch die Gruppierung der Optimaten, gelangten durch das Anwachsen ihres Landbesitzes und den Zustrom an Sklaven aus den eroberten Gebieten zu enormem Reichtum, der durch Geldgeschäfte noch weiter vermehrt wurde. Die Bauern, die als Legionäre die Eroberungen erst ermöglicht hatten, verarmten dagegen zunehmend. Sie konnten ihre Höfe wegen des Dienstes in den Legionen entweder gar nicht bewirtschaften oder waren, weil sie sich keine Sklaven leisten konnten und nur über geringe Anbauflächen verfügten, gegenüber den Latifundien-Besitzern nicht konkurrenzfähig. Viele von ihnen stiegen ins städtische Proletariat ab und wurden so zu einem interessanten Wählerreservoir innerhalb Roms. Ihrer Interessen nahm sich die Gruppierung der Popularen an, zu der sowohl Angehörige plebejischer Familien als auch reformwillige Patrizier, also Mitglieder des Senatsadels gehörten. Sie strebten zum Teil tatsächlich nach einer gerechteren Verteilung des Landbesitzes, zum Teil nur danach, das proletarische Wählerpotenzial auszuschöpfen und mit Hilfe einer Heeresclientel ihre eigene Macht zu steigern. Zudem wurden die Heerführer des Reiches, insbesondere die Prokonsuln und Propraetoren, durch die ausgedehnteren Feldzüge und dank der auf sie eingeschworenen Legionen zu immer mächtigeren Personen, die sich nach ihrer Rückkehr nach Rom nicht mehr mit dem Verlust all ihrer Machtbefugnisse abfinden mochten.

Verlauf

Die Reformversuche der Gracchen

Die Zeit der Bürgerkriege begann im Jahr 133 v. Chr. mit dem Versuch des Volkstribunen Tiberius Sempronius Gracchus, eine Landreform durchzusetzen. Agrargesetze sollten die Macht der Großgrundbesitzer beschränken und die Lage der Kleinbauern und städtischen Proletarier verbessern. So sahen die Gesetzesänderungen vor, das von der Oberschicht unter rechtlich zweifelhaften Umständen aufgekaufte Land in Parzellen aufzuteilen und an Kleinbauern und städtische Proles zu verteilen. Neben der Überwindung der sozialen Spannungen war insbesondere der Wunsch nach Erhaltung der militärischen Schlagkraft Roms – nur Besitzende konnten Militärdienst leisten – für Tiberius Gracchus ausschlaggebend.

Durch zwei der römischen Staatsordnung widersprechende Akte – die Absetzung seines gegen die Agrargesetze stimmenden Mittribunen und die eigenmächtige Freigabe des dem römischen Staat vererbten Attalosvermögens zu deren Durchführung – kamen die Agrargesetze letztlich zustande. Um ein Rückgängigmachen seiner Gesetze zu verhindern, die von den konservativen Kreisen des Senats bekämpft wurden, ließ sich Tiberius Gracchus im Folgejahr erneut zum Volkstribunen wählen. Dies stellte erneut einen Bruch der Verfassungsordnung der Republik dar, in der jedes Amt nach dem Annuitätsprinzip jährlich neu besetzt werden musste. Daraufhin wurden Tiberius Gracchus und etwa 300 seiner Gefolgsleute von Senatoren und Anhängern der Optimaten auf dem Kapitol erschlagen. Infolge dessen kam es zu tumultartigen Aufständen in den Straßen Roms, die aber militärisch niedergeschlagen wurden.

Zehn Jahre später, 123–121 v. Chr., erlangte Tiberius' jüngerer Bruder Gaius Sempronius Gracchus mit Unterstützung der Equites, des römischen Ritterstands, genügend politisches Gewicht, um die Arbeit seines Bruders fortsetzen zu können. Er unternahm einen erneuten Anlauf, das Agrarproblem zu lösen.

In Opposition zu Gaius formierte sich hinter Konsul Lucius Opimius eine Gefolgschaft von unzufriedenen, teils gewaltbereiten Optimaten. Als Gaius dafür eintrat, allen italischen Bundesgenossen Roms das Bürgerrecht zu verleihen, verlor er die Unterstützung des stadtrömischen Proletariats, das um seinen ohnehin geringen politischen Einfluss fürchtete. Der Senat nutzte die Gelegenheit, Gaius Gracchus zum Staatsfeind zu erklären. Zur Flucht gezwungen, ließ dieser sich von einem Sklaven töten. Opimius und seine Gefolgschaft zettelten schließlich Straßenkämpfe an, bei denen 3000 Anhänger der Popularen getötet wurden.

Die Optimaten hatten sich vorerst durchgesetzt, aber sie hatten auch ein Moment der Gewalttätigkeit in die römische Innenpolitik eingeführt, das sich schließlich gegen sie selbst wenden sollte.

Marius und Sulla

Im Jahr 107 v. Chr. wurde der Feldherr Gaius Marius zum Konsul gewählt, ein Vertreter der Popularen und Anhänger der Ideen der Brüder Tiberius und Gaius Gracchus. Von 111–105 v. Chr. führte er erfolgreich Krieg gegen König Jugurtha von Numidien und in den Jahren 102 und 101 v. Chr. schlug er die Kimbern und Teutonen, die zuvor mehrere römische Legionen besiegt hatten. Mit seinen militärischen Erfolgen wuchsen Marius' Macht und Ansehen.

Er war der erste Römer, der mehrmals hintereinander das Konsulat bekleidete. Diese Verletzung des Annuitätsprinzips verlieh ihm nahezu diktatorische Macht, schwächte aber die Verfassungsordnung der römischen Republik. Gesetze und Regeln wurden zunehmend den Nützlichkeitserwägungen der jeweiligen Machthaber untergeordnet.

Als Politiker setzte Marius eine Heeres- und Agrarreform durch: An die Stelle des bisherigen Bürgeraufgebots trat ein Berufsheer, in das auch Angehörige des Proletariats aufgenommen wurden. Die Veteranen hatten nach Ableistung ihrer Dienstzeit Anspruch auf ein Stück Ackerland, das dem ager publicus, dem römischen Staatsland, entnommen wurde. Da die jeweiligen Befehlshaber der Legionen für die Landverteilung an ihre Veteranen zuständig waren, entstand ein starkes Band der Loyalität zwischen ihnen. Die römischen Legionäre wurden damit Teil der so genannten Heeresclientel. Sie fühlten sich immer weniger dem Staat als ihrem jeweiligen Feldherrn verpflichtet. Dies bewirkte schließlich eine grundlegende Machtverschiebung, weg vom Senatsadel als Gesamtheit hin zu den einzelnen Inhabern der höchsten militärischen Gewalt, die schließlich mit der weitgehenden Beseitigung der Senatsmacht durch Augustus endete.

Im Bundesgenossenkrieg (91–89 v. Chr.) erstritten zudem die italischen Verbündeten Roms das volle Bürgerrecht. Damit erhöhte sich die Zahl der stimmberechtigten römischen Bürger erheblich, ohne dass die städtischen Institutionen der Republik dem angepasst wurden. An den Volksversammlungen und den jährlichen Wahlen zu den Ämtern der Republik etwa konnte nur teilnehmen, wer sich in der Stadt befand. So sahen sich auch die Soldaten und Veteranen aus den Gebieten der Bundesgenossen sehr viel stärker gegenüber ihrem Feldherrn zu Loyalität verpflichtet als gegenüber dem Senat und den anderen Institutionen im fernen Rom, an deren Zustandekommen sie nicht beteiligt waren.

Unter der Führung des Patriziers Lucius Cornelius Sulla, der gemeinsam mit Marius im Jugurthinischen und im Bundesgenossenkrieg gekämpft hatte, griffen die Optimaten im Senat Marius' Reformen an. Sulla wurde 88 v. Chr. zum Konsul gewählt. Nach einem Putsch der Popularen marschierte Sulla als erster römischer Feldherr in der Geschichte mit seinen Truppen in Rom ein und erlangte die Macht mit militärischer Gewalt zurück. Damit war erneut ein Stück der alten Verfassung zerstört worden.

Während Sulla wegen des Kriegs gegen König Mithridates VI. Rom alsbald verlassen musste, nutzten die Popularen unter Marius und dem neuen Konsul des Jahres 87 v. Chr., Lucius Cornelius Cinna, die Gunst der Stunde. Sie ergriffen nach zehntägigem Kampf, in dem viele Senatsmitglieder und Anhänger der Popularen getötet wurden, die Macht und übten anschließend ein Schreckensregiment in Rom aus. Cinna ließ sich, ähnlich wie schon Marius, der 86 v. Chr. kurz nach einem erneuten Konsulatsantritt gestorben war, drei Mal in Folge zum Konsul wählen.

Bei seiner Rückkehr 82 v. Chr. besiegte Sulla, unterstützt von Gnaeus Pompeius Magnus, die Popularen und errichtete seinerseits eine Diktatur. Er besiegte die Anhänger des Marius und ließ sie auf Proskriptionslisten für vogelfrei erklären, systematisch verfolgen und umbringen. Auf besonders gefährliche politische Gegner setzte er Kopfgelder aus. Schließlich stellte er die Macht des Senats wieder her und schränkte die Kompetenzen der Volkstribunen ein. Nachdem er so die althergebrachte republikanische Ordnung noch einmal gesichert hatte, trat Sulla 79 v. Chr. zurück. Mit diesem Verhalten entsprach er der republikanischen Tradition, ungeachtet der Tatsache, dass auch seine eigene Macht nicht mehr auf dem Ansehen des Senats, sondern auf seiner Befehlsgewalt über die Legionen beruht hatte.

Das erste Triumvirat

Nach Sullas Rücktritt wurden Pompeius und Marcus Licinius Crassus zu bestimmenden Figuren der römischen Politik. Beide gehörten zu den Optimaten, machten aber im Jahr 70 v. Chr. fast alle Gesetzesänderungen Sullas rückgängig. Als Befehlshaber der Legionen im 3. Mithridatischen Krieg und beim Niederschlagen des Sklavenaufstands unter Spartacus stiegen beide zu Militärpotentaten auf, die sich ihrer Klientel unter den Soldaten und Veteranen verpflichtet fühlten. Wie Marius und Sulla vor ihnen wurden sie damit in die Lage versetzt, Politik am Senat vorbei zu machen, für dessen Machtstellung sie als Optimaten eigentlich hätten eintreten müssen.

Als der Senat sich im Jahr 60 v. Chr. weigerte, Pompeius’ Maßnahmen zur Versorgung seiner Veteranen anzuerkennen, schloss er mit Crassus und einem jungen politischen Aufsteiger, Julius Caesar, ein privates Bündnis ab, das Triumvirat. Diese ungesetzliche „Dreimännerherrschaft“ sollte sicherstellen, „dass nichts im Staate geschehen solle, was einem von den dreien missfiele“. (Sueton). Dass Caesar aus den Reihen der Popularen stammte, zeigt, dass der ursprüngliche Konflikt – Vorherrschaft des Senatsadels oder stärkere Beteiligung des Volkes – kaum noch eine Rolle spielte. Von nun an ging es für die Republik um die Existenzfrage: Konnte sie überhaupt noch in der hergebrachten Form bestehen bleiben? Würde sie die nach Marius’ Heeresreform neu entstandene Macht der Militärgewalthaber zurückdrängen oder integrieren können oder ihr am Ende unterliegen?

Caesar war im Triumvirat zunächst der Juniorpartner. Vereinbarungsgemäß unterstützten seine Bündnispartner seine Wahl zum Konsul des Jahres 59 v. Chr.. Anschließend übernahm er, wie jeder Konsul nach Ende seines Amtsjahres, die Verwaltung einer Provinz. Caesar nutzte die Provinz Gallia cisalpina als Ausgangsbasis, um in den Jahren 58–51 v. Chr. das gesamte nicht-römische Gallien bis zum Rhein zu erobern. Dies brachte ihm nicht nur ungeheure Reichtümer, sondern auch die Befehlsgewalt, das Imperium, über riesige Armeen. Da Crassus im Jahr 53 v. Chr. im Krieg gegen die Parther gefallen war, stellte nun Caesar den größten militärischen Machtfaktor im Staat dar.

Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius

Nachdem Pompeius' Ehefrau, Caesars Tochter Iulia, im Kindbett gestorben war, entfiel ein wesentliches Element des Bündnisses zwischen den beiden Machtpolitikern. Zudem hatte Pompeius mehr und mehr das populare Fahrwasser verlassen, sich dem Senat angenähert und war für das Jahr 52 v. Chr. zum consul sine collega, das heißt zum alleinigen Konsul, gewählt worden. Die Situation spitzte sich zu, als Caesar mit Billigung Pompeius' durch den Senat ultimativ aufgefordert wurde, sein Kommando niederzulegen und als Privatmann nach Rom zurückzukehren. Dies hätte für Caesar die Gefahr eines Gerichtsverfahrens wegen Überschreitung seiner Befugnisse bedeutet. In dieser Situation setzte sich Caesar mit seinen Truppen zum Grenzfluss Rubikon in Bewegung, der das militärfreie Stadtgebiet Roms von den Nordprovinzen trennte. Pompeius erhielt darauf am 7. Januar 49 v. Chr. vom Senat die Order, die Republik gegen Caesar zu verteidigen. Am 10. Januar überschritt Caesar den Rubikon und begann damit den Krieg gegen die Republik. Er marschierte gegen Rom, das von Pompeius geräumt wurde, und danach nach Spanien, wo er die Truppen Pompeius' ausschaltete. Pompeius selbst wurde später in Griechenland in der Schlacht von Pharsalos geschlagen und kurz darauf in Ägypten ermordet; die anderen senatorischen Heere wurden nacheinander in Africa, in der Schlacht bei Thapsus, und Hispanien, in der Schlacht von Munda, besiegt. Damit konnte Caesar sich zum Alleinherrscher Roms aufschwingen.

Das Zweite Triumvirat

Nachdem Caesar 45 v. Chr. siegreich nach Rom zurückgekehrt war, scheiterte er jedoch an der politischen Aufgabe, die neu errungene, in der römischen Geschichte noch nie da gewesene Machtstellung dauerhaft zu sichern. Ob er tatsächlich die Königsherrschaft anstrebte, war zu seiner Zeit und ist bis heute umstritten. Seine Wahl zum Diktator auf Lebenszeit konnte nur eine vorläufige Lösung sein. Politisch war Caesar an einem toten Punkt angelangt, als er am 15. März 44 v. Chr. von den Verschwörern um Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Longinus ermordet wurde.

Der Plan der Verschwörer, die Herrschaft des Senats wiederherzustellen, erwies sich aber schon bald als illusorisch. Die Macht in Rom fiel demjenigen zu, der als Imperator die größten und kampfstärksten Legionen zu mobilisieren in der Lage war. Dabei zeigten sich Caesars Großneffe und Erbe Octavian, der spätere Augustus, und die caesarianischen Feldherren Marcus Antonius und Marcus Aemilius Lepidus den Caesarmördern auf Dauer überlegen. Sie bildeten das zweite Triumvirat und beseitigten mittels Proskriptionen rücksichtslos alle innenpolitischen Gegner, u.a. auch Cicero. In der Schlacht von Philippi besiegten Octavian und Antonius 42 v. Chr. die Heere von Cassius und Brutus. Von diesem Zeitpunkt an ging es nicht mehr darum, ob Rom Republik bleiben würde, sondern nur noch darum, was an ihre Stelle treten sollte.

Eine Aussöhnung schien greifbar, als Sextus Pompeius, der von Sizilien mit seiner Flotte Italien blockierte, 39 v. Chr. im Vertrag von Misenum die Rehabilitation der Proskribierten erreichte, doch bereits im folgenden Jahr flammten die Kämpfe zwischen dem jungen Caesar und dem Sohn des Magnus wieder auf. Nach der Eroberung Siziliens durch Marcus Vipsanius Agrippa im Jahr 36 v. Chr. gelang es Octavian, auch Lepidus politisch kaltzustellen.

Nach dem Sieg über ihre politischen Gegner wuchsen indes die Spannungen zwischen den verbliebenen Triumvirn, und nun lief alles auf eine letzte Auseinandersetzung mit Antonius und der mit ihm verbündeten Königin Kleopatra VII. von Ägypten hinaus. Mit dem Seesieg über Antonius bei Actium im Jahr 31 v. Chr. und der Einnahme Alexandrias im Jahr darauf, sicherte sich Octavian die Alleinherrschaft im Römischen Reich.

Augustus und das Ende der Bürgerkriege

Mit dem Ende der Bürgerkriege war auch das unwiderrufliche Ende der Republik gekommen. Anders als Caesar gelang es Octavian, der vom Senat den Ehrennamen Augustus („der Erhabene“) erhielt, eine neue, dauerhafte Staatsform an ihre Stelle zu setzen: Der Prinzipat war eine verschleierte Monarchie, in der die alten republikanischen Institutionen und Ämter bestehen blieben, der Princeps aber alle entscheidenden Gewalten in seiner Person vereinigte. In seiner Titulatur wurde daher auch dasjenige Amt betont, auf dem die Macht im neu entstandenen Kaiserreich tatsächlich beruhte, auf dem des Imperators.

Noch 100 Jahre nach Augustus beklagte der Geschichtsschreiber Tacitus den Untergang der Republik. Den Römern jener Zeit war der Verlust an politischer Freiheit, die mit dem Prinzipat einherging, also durchaus bewusst. Zu den Gründungsmythen Roms gehörte seit je her die Geschichte von der Vertreibung des letzten der sieben altrömischen Könige durch Lucius Iunius Brutus. Julius Caesar war sein Streben nach dem Königstitel zum Verhängnis geworden. Dass die Römer schließlich dennoch die kaum verhüllte Diktatur eines Einzelnen akzeptierten, war nicht zuletzt die Folge eines ganzen Jahrhunderts der Kriege und der daraus erwachsenen Friedenssehnsucht. Diese wusste Augustus zu befriedigen: Das augusteische Zeitalter war nicht zuletzt der Beginn der Pax Romana – des römischen Friedens.

Quellen

  • Plutarch, Große Griechen und Römer (über die Gracchen, Marius und Caesar)
  • Sueton, De Vita Caesarum (Leben der Caesaren; über Caesar und Augustus) (Online-Kopien: Latein (Lacius Curtius), Englisch (Lacius Curtius), Deutsch (Google Books))
  • Gaius Iulius Caesar, De bello civili (Der Bürgerkrieg) (kommentierte Ausgabe (Latein, Google Books))
  • Appian: Bellum Civile. (Online-Kopie (engl.))

Literatur

  • Heinz Bellen: Grundzüge der römischen Geschichte. Von der Königszeit bis zum Übergang der Republik in den Prinzipat. Darmstadt 1995.
  • Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 1998.
  • Klaus Bringmann: Geschichte der römischen Republik. München 2002.
  • Karl Christ: Krise und Untergang der römischen Republik. Darmstadt 2007.
  • Michael Crawford: Die Römische Republik. München 1984 (dtv-Geschichte der Antike, Bd. 5).
  • Christian Meier: Caesar. Berlin 1982 (mehrere ND).
  • Theodor Mommsen: Römische Geschichte. Berlin 1901 (Drittes Buch: Die Revolution; Viertes Buch: Die Begründung der Militärmonarchie, 1. Teil; Fünftes Buch: Die Begründung der Militärmonarchie, 2. Teil). [Klassische, aber veraltete Darstellung.]
  • Ronald Syme: Die römische Revolution. Machtkämpfe im antiken Rom. Grundlegend revidierte und erstmals vollständige Neuausgabe, hg. von Christoph Selzer und Uwe Walter, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2003.
  • Christian A. Caroli: Auf dem Weg zum Rubikon. Die Auseinandersetzungen zwischen Caesar und seinen politischen Gegnern 52-49 v. Chr.. Konstanz 2008.

 

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Gracchische Reform

Die Gracchische Reform war der Versuch der Brüder Tiberius Sempronius Gracchus und Gaius Sempronius Gracchus, im alten Rom im 2. Jahrhundert v. Chr. Land- und Sozialreformen durchzuführen.

Krise der Römischen Gesellschaft?

Die traditionelle Sichtweise auf die Ereignisse ist die folgende: Infolge des Zweiten Punischen Krieges (218 bis 201 v. Chr.) geriet die römische Gesellschaft in eine Krise. Das römische Heer bestand damals aus Kleinbauern, die für den Kriegsdienst ausgehoben wurden und die sich selbst ausrüsten mussten. Die lange Dauer des Zweiten Punischen Krieges führte demnach dazu, dass viele Felder lange nicht bearbeitet werden konnten und die Bauern dadurch ruiniert wurden. Dies wiederum führte zu Problemen bei neuerlichen Aushebungen. Viele Bauern flohen, so die ältere Forschung, in die Städte, wodurch dort die Zahl der Proletarier stark zunahm. Die Gewinner dieser Entwicklung waren die Eliten Roms, die durch den Handel und Investitionen in landwirtschaftliche Betriebe reich wurden. Diese größeren Ländereien oder Latifundien entstanden auf Kosten des ager publicus, des "öffentlichen Bodens". Diese Entwicklung erzeugte, so meinte man, Aggressionen auf dem Land und gipfelte in einem politischen Kampf im Senat.

In jüngerer Zeit haben allerdings Althistoriker wie Klaus Bringmann und Jochen Bleicken vehement Zweifel an dieser Sichtweise geäußert: 20 Jahre nach dem Punischen Krieg und kaum 50 Jahre vor Tiberius Gracchus, um 180 v. Chr., gab es soviel ager publicus und so wenige landlose Interessenten, dass man damals die Möglichkeit, das Land einfach zu besetzen, überhaupt erst eingeräumt und zugleich die Gründung von Bürgerkolonien zunächst eingestellt hatte. Auch seien, so Bringmann, in der Regel nicht Bauern, sondern nur deren jüngere Söhne eingezogen worden; die langen Kriege könnten also kaum zu einer Agrarkrise geführt haben, da im Gegenteil tendenziell gerade jene im Feld starben, die auf dem Hof überzählig waren. Die Menschen hätten ihre Höfe daher meist freiwillig aufgegeben, weil sie in der rasant wachsenden Großstadt Rom auf ein besseres Leben hofften; dies war der Grund für den Soldatenmangel. Eine Landreform hätte daran wenig ändern können.

Daher werden die scheinbar so edlen Motive der Reformer heute vermehrt in Frage gestellt: Nach Ansicht einiger Forscher wie Ulrich Gotter wollten die Senatoren, die hinter den Gracchen standen, die Reform dazu nutzen, jene Rivalen, die in den vergangenen Jahren viel vom ager publicus besetzt hatten, zu schwächen, da sie selbst offenbar über andere Formen von Besitz verfügten. Es ging, folgt man dieser Hypothese, also in Wahrheit nie um eine Entlastung der Armen, sondern um aristokratische Streitigkeiten innerhalb der Nobilität. Dies könnte die zunächst überraschende Kompromisslosigkeit beider Seiten erklären. Nach Ansicht der modernen Forschung ging es also um einen Machtkampf innerhalb des Senats, nicht etwa um einen Konflikt zwischen Arm und Reich. Während Tiberius Gracchus dabei vor allem von dem Wunsch getrieben worden sei, seine nach einem schweren Rückschlag kurz zuvor lädierte Karriere zu retten, habe Gaius Gracchus dann in erster Linie nach Rache für seinen älteren Bruder gestrebt, wie sie das aristokratische Ideal forderte. Die Agrarreform war demnach nie der eigentliche Kern der Konflikte.

Tiberius Sempronius Gracchus

Der Volkstribun Tiberius Sempronius Gracchus ließ um 133 v. Chr. zur Wiederherstellung des Kleinbauerntums Land aus dem Gemeindebesitz (Ager publicus) an Proletarier verteilen. Großgrundbesitz, der über eine per Gesetz festgelegte Grenze von 500 Morgen hinausging, sollte von einer aus drei Männern bestehenden Kommission verteilt werden. Diese Maßnahmen dienten zumindest vordergründig zur Wiederherstellung der Wehrkraft und zur Beseitigung der Folgen der Proletarisierung. Daneben sollte das Projekt Gracchus dazu dienen, seine durch einen schweren Rückschlag einige Jahre zuvor lädierte Karriere zu retten; hinter Gracchus stand nach Ausweis der Quellen eine Gruppe der reichsten und mächtigsten Senatoren.

Die Opposition gegen diese Reformen war stark und kam vor allem aus den Reihen der weniger wohlhabenden Senatoren, die auf die Nutzung des ager publicus angewiesen waren. Als der Volkstribun Marcus Octavius die Durchsetzung der Reform zunächst per Veto verhinderte, ließ Gracchus diesen durch Abstimmung in der Volksversammlung abwählen und nach diesem Verfassungsbruch das Ackergesetz von der Volksversammlung beschließen. Als er im Begriff war, sich durch einen weiteren Verfassungsbruch erneut zum Volkstribun wählen zu lassen, witterten seine Gegner im Senat einen Umsturzversuch und erschlugen ihn.

Tiberius Gracchus war wahrscheinlich ein Revolutionär wider Willen, da seine Ziele konservativ, aber seine Methoden revolutionär waren. Moderne Historiker sind zu dem Schluss gelangt, dass der Niedergang der Römischen Republik mit ihm bzw. mit der durch sein Schicksal deutlich werdenden Unfähigkeit der römischen Aristokratie, ihre wachsende Rivalität friedlich beizulegen, ihren Anfang nahm. Mit Gracchus hielten Verfassungsbruch und Gewalt Einzug in die römische Innenpolitik. Die Reformbemühungen von Tiberius Gracchus endeten mit seiner Ermordung durch die römischen Eliten auf dem Marsfeld. Keiner seiner Mörder kam vor Gericht.

Gaius Sempronius Gracchus

Der Volkstribun Gaius Sempronius Gracchus hatte ähnliche, aber weiterreichende Ziele als sein Bruder Tiberius (Leges Semproniae). Es ging ihm darum, die Ehre seiner altadligen Familie wiederherzustellen; zudem galt es als Pflicht eines römischen Aristokraten, Rache für Verwandte zu nehmen. Zehn Jahre nach der Ermordung des Tiberius begann Gaius mit der Erneuerung des Ackergesetzes und mit der Versorgung der bedürftigen Stadtbevölkerung mit billigem Getreide. Wie bereits sein Bruder fand er keine Mehrheit im Senat. Er ließ bestimmte Richterstellen von Mitgliedern der Ritter besetzen (Lex iudiciaria), um diesen Stand für seine Pläne zu gewinnen. Außerdem führte er eine geregelte Besteuerung der Provinz Asien ein, scheiterte aber wegen des Widerstandes der Senatsmehrheit und der niederen Volksschichten mit seinem Antrag auf Verleihung des Vollbürgerrechtes an die Latiner und des römischen Bürgerrechtes an die anderen Bundesgenossen.

Der Senatsmehrheit, die Gracchus' Popularität fürchtete, gelang es, ihm auf dem Wege der Demagogie seine Anhänger abspenstig zu machen und 121 v. Chr. seine Wiederwahl als Volkstribun zu verhindern. Nun drohte ihm eine Anklage wegen Verfassungsbruchs. Es kam zu Straßenkämpfen; Gaius Gracchus und seine Anhänger besetzten den Aventin, woraufhin der Senat erstmals den Staatsnotstand erklärte (SCU = Senatus consultum ultimum). Gracchus' Gefolgsleute wurden zu Hunderten erschlagen, er selbst ließ sich von einem Sklaven töten. Die Ackerkommission stellte einige Jahre später die Arbeit ein.

Die Gracchen wurden bereits in der Antike von popularen Politikern zu Vorkämpfern des einfachen Volkes verklärt, und diese Sichtweise wirkt bis heute intensiv nach. Sie hat aber nach fast einhelliger Meinung der heutigen Althistoriker wenig mit der historischen Realität zu tun.

Quellen

  • Appian: Römische Geschichte. Teil 1. Die Römische Reichsbildung, Stuttgart 1987, ISBN 3-7772-8723-7.
  • Appian: Bürgerkriege. Deutsche Übersetzung: Römische Geschichte, Teil 2: Die Bürgerkriege. Herausgegeben von Otto Veh/Wolfgang Will, Stuttgart 1989, ISBN 3-7772-8915-9. (englische Übersetzung)
  • Plutarch: Große Griechen und Römer. Herausgegeben von Konrat Ziegler. 6 Bde., Zürich 1954−1965.

Literatur

  • Jochen Bleicken: "Überlegungen zum Volkstribunat des Tiberius Sempronius Gracchus", in: Historische Zeitschrift 247, 1988, S. 265-293.
  • Klaus Bringmann: Die Agrarreform des Tiberius Gracchus. Legende und Wirklichkeit. Stuttgart 1985. ISBN 3-515-04418-3
  • Karl Christ: Krise und Untergang der römischen Republik. 5. Auflage, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-534-20041-2, S. 117–150.
  • Joachim Molthagen: "Die Durchführung der gracchischen Agrarreform", in: Historia. Zeitschrift für Alte Geschichte 22 (3) 1973, S. 423-458.

 

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Vitruv

(Weitergeleitet von Marcus Vitruvius Pollio)

Vitruv (auch: Vitruvius oder Marcus Vitruvius Pollio) war ein römischer Architekt, Ingenieur und Architekturtheoretiker des 1. Jahrhunderts v. Chr.

Biographie

Über das Leben Vitruvs gibt es nur spärliche Angaben. Weder die genauen Lebensdaten noch sein vollständiger Name sind gesichert. Einig ist man sich über das nomen Vitruvius Maximus (auch nur „Vitruv“), dagegen ist das praenomen Marcus ebenso fraglich wie das cognomen Pollio, das ausschließlich von Cetius Faventinus erwähnt wird. Die meisten biographischen Daten sind Vitruvs eigenem Werk entnommen und somit recht verlässlich.

Er wurde wahrscheinlich um 70–60 v. Chr. als freier römischer Bürger in Kampanien geboren. Als junger Mann genoss er nach eigenen Angaben eine Architektenausbildung, die zur damaligen Zeit auch das Ingenieurwesen umfasste. Im Bürgerkrieg war er unter Gaius Iulius Caesar für den Bau von Kriegsmaschinen verantwortlich und zog mit diesem auch nach Spanien, Gallien und Britannien. Nach Caesars Ermordung im Jahr 44 v. Chr. übernahm er die gleiche Rolle auch im Heer von Kaiser Augustus und wurde um 33 v. Chr. aus dem Heeresdienst entlassen. Danach arbeitete er als Architekt und als Ingenieur am Bau des Wassernetzes in Rom, wo er neue Normen für Rohrgrößen und -systeme einführte. Zu seinen Errungenschaften als Architekt gehörten der Bau der Basilika von Fanum Fortunae, dem heutigen Fano. Er beschrieb auch als Erster Töne als eine Bewegung der Luft und erkannte bereits die Wellennatur des Schalls und verglich dessen Ausbreitung mit der von Wasserwellen.

Im Alter verlegte er sich auf das Schreiben und profitierte dabei von einer Pension, die ihm Augustus zugestanden hatte, um seine finanzielle Unabhängigkeit zu garantieren. Zwischen 33 und 22 v. Chr. entstand dann sein Werk, „Zehn Bücher über Architektur“ („De architectura libri decem“). Über das Todesdatum Vitruvs gibt es keinerlei Angaben, was darauf schließen lässt, dass er zu Lebzeiten nur geringe Popularität genoss. Wahrscheinlich starb er etwa um das Jahr 10 v. Chr.  .

Werk

Die „Zehn Bücher über Architektur“ sind das einzige erhaltene antike Werk über Architektur und nach Vitruvs eigenen Angaben auch das erste lateinische Werk überhaupt, das eine umfassende Darstellung der Architektur zum Ziel hat. Die Bücher sind dem Kaiser Augustus als Dank für dessen Förderung gewidmet. Sie weisen den Charakter eines Lehrbuchs mit literarischen Anklängen auf und gehören somit eher dem Sach- als dem Fachbuchgenre an. Die älteste bekannte Abschrift stammt aus dem 9. Jahrhundert, insgesamt sind über 50 Handschriften der „Zehn Bücher über Architektur“ erhalten. Weitere Schriften Vitruvs sind nicht bekannt.

Entstehungszeit

Die einzigen Anhaltspunkte für eine Datierung liefert ebenfalls das Werk selbst. Anhand der Angaben zu einzelnen römischen Bauwerken lässt sich der Beginn der Abfassung in die Zeit vor 33 v. Chr. datieren, während die Schlussredaktion frühestens in die zwanziger Jahre fällt.

Aufbau

Das Werk umfasst zehn Bücher, die jeweils ein Vorwort mit einer direkten Ansprache an den Kaiser oder einer anekdotenhaften Einführung in das Thema enthalten.

Der Aufbau gliedert sich wie folgt:

  • Buch 1: Ausbildung des Architekten und architektonische Grundbegriffe
  • Buch 2: Baumaterialien
  • Bücher 3 und 4: Tempelbau
  • Buch 5: öffentliche Gebäude
  • Bücher 6 und 7: Privathäuser
  • Buch 8: Wasserleitungen
  • Buch 9: Zeitmessung, Uhren und Gnomonik; Astronomie
  • Buch 10: Maschinen

Inhalt

Die Bücher 1 bis 7 widmen sich der Tätigkeit des Architekten, während sich die Bücher 8 bis 10 mehr dem Ingenieurwesen zuzurechnen sind. Diese Felder bildeten in der Antike eine Einheit. (Im englischen Sprachraum ist noch heute der an die römischen Ursprünge angelehnte Begriff Civil Engineer für den Bauingenieur, im Gegensatz zum nicht-zivilen, d. h. militärischen Ingenieurswesen, in Verwendung. Auch im Deutschen haben die Begriffe Architekt und Ingenieur oft überlappende Bedeutungsfelder, die manchmal pragmatisch zusammengefasst werden, z. B. beim Software-Entwickler.)

Ausbildung des Architekten

Im ersten Kapitel des ersten Buches legt Vitruv offen, dass das Wissen des Architekten sich aus „fabrica“ (Handwerk) und „ratiocinatio“ (geistiger Arbeit) speise, die es ihm ermögliche über alle Gattungen der Kunst zu urteilen. Für die Rezeption in der Renaissance war Vitruv dadurch die Autorität, um sich aus den mittelalterlichen Zunft- und Bauhüttentraditionen zu lösen und so die personelle Trennung von praktischer Ausführung und theoretischem Plan aufzuheben.

Für die geistige Ausbildung des Architekten stellt Vitruv einen Kanon auf, der die Schulung in den artes liberales vorsieht. Damit überträgt er Ciceros Forderung nach umfassender Bildung des Redners (Rhetorik) auf sein eigenes Fachgebiet, die ihrerseits auf die von den Griechen vertretene Notwendigkeit einer umfassenden Bildung („enkyklios paideia“, ενκυκλιος παιδεια) zurückgeht. Der entsprechende Terminus findet sich in seinem Werk in der Übersetzung encyclios disciplina wieder.

Vitruv rechnet verschiedenste Wissensgebiete, darunter Arithmetik, Geometrie, Geschichte, Musik und Philosophie zu den Fachgebieten, in denen ein Architekt zum Nutzen seiner architektonischen Tätigkeit bewandert sein sollte. Unter anderem erklärt er in seinem Werk Lehrsätze von Platon und Pythagoras und beschreibt, wie Archimedes das nach ihm benannte Prinzip fand und zu welchen Ergebnissen Eratosthenes und Archytas bei Erdvermessungen kamen.

Nach seiner Meinung ist die höchste Stufe der (freien wie bildenden) Kunst der „summum templum architecturae“, also die Architektur selbst. Er setzt damit das Primat der Architektur über die Gattungen der bildenden Kunst fest, das vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert kanonische Wirkung haben sollte.

Prinzipien der Architektur

In den zehn Büchern über Architektur legt Vitruv verschiedene Kategorien der Architekturtheorie fest, die als ästhetische Begriffe einerseits die architektonische Gestaltung bestimmen sollten, andererseits als Kriterien zur Beurteilung der Architektur dienen sollten.

 Die drei Hauptanforderungen an Architektur sind nach Vitruv: Firmitas (Festigkeit), Utilitas (Nützlichkeit) und Venustas (Emotion, Schönheit). Unter dem Begriff „venustas“ (Anmut, Reiz oder Schönheit) fasst er die Ästhetik der Architektur zusammen und unterteilt sie in sechs Grundbegriffe: „ordinatio“, „dispositio“, „eurythmia“, „symmetria“, „decor“ und „distributio“.

„Ordinatio“, „eurythmia“ und „symmetria“ beziehen sich dabei auf die Proportionierung des Gebäudes. „Ordinatio“ steht für eine durchgängige Proportionierung der Teile nach Maßen oder Modulen, „eurythmia“ für die Wirkung der Proportionierung auf den Betrachter und „symmetria“ für den Einklang der einzelnen proportionierten Elemente untereinander. Unter Proportionierung versteht er dabei Verhältnisse ganzer Zahlen zueinander und gibt für die Proportionen der Säule im 4.Buch sogar konkrete Verhältnisse an (z. B. ein Verhältnis von Durchmesser zu Gesamthöhe von 1:7 bei der dorischen Säule). Er bezieht sich dabei auf idealisierte Maßverhältnisse des menschlichen Körpers und zeigt geometrische Grundformen wie Quadrat und Kreis als Formen, in die sich ein aufrecht stehender Mensch einschreiben lässt (der sogenannte Vitruvianische Mensch).

„Dispositio“ bezieht sich auf den Bauentwurf und seine Darstellungsmöglichkeiten, die er auf Grundriss, Schnitt und perspektivische Ansicht („ichnographia“, „orthographia“ und „scaenographia“) festlegt.

„Decor“ meint die Angemessenheit des gewählten „genus“ (siehe Säulenordnung) auf bestimmte religiöse Bauaufgaben, wurde aber in der Vitruvauslegung rasch auch auf die weltliche Baukunst bezogen. Für diese spielt auch der Begriff der „distributio“ eine Rolle, denn der Architekt soll nicht nur auf die Bequemlichkeit der Raumverteilung im Grundriss sondern auch auf die Angemessenheit der Aufteilung für den Auftraggeber achten.

"Distributio" meint einerseits die angemessene Verteilung der Materialien und der Ausgaben für den Bau, zum anderen die dem jeweiligen Bewohner angemessene Bauweise.

Säulenordnungen

Auf das Werk gehen zudem die Vitruvschen Säulenordnungen zurück, ein kanonisches (verbindliches) System von Formen und Proportionen bei Säulen, für die er Proportionen auf dem Grundmaß des Moduls (der Radius an der Basis einer Säule) gibt, nach dem die Maße aller anderen Bauteile bestimmt wurden.

Vitruv verbindet die verschiedenen Ordnungen auch mit bestimmten Bauaufgaben. So sieht er die dorische Ordnung als eine wehrhafte und erste, die ionische als eine weibliche und kultivierte und die korinthische als eine feierliche und erhabene. Er verwendet allerdings den Begriff des „genus, genera“ (Art) der Säulen und nicht etwa „ordo, ordinis“ (Ordnungen), wie sie erst die Architekturtheoretiker der Renaissance formuliert haben. Wiederaufgegriffen wurde diese Methode des Moduls in der Renaissance und im 20. Jahrhundert.

Quellen

Die „Zehn Bücher über Architektur“ bieten die erste umfassende Behandlung der antiken Technik (Zeitmessung, Baumaschinen, Wasserräder, Kriegsmaschinen), Architektur und Raumgestaltung. Zuvor dürfte es lediglich knappe Kompendien sowie Abhandlungen zu Einzelfragen gegeben haben. Vitruv konnte dank seiner langjährigen Tätigkeit aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Daneben benutzte er zahllose griechische Quellen, die uns durch einen dem Werk beigefügten Katalog bekannt sind. In seinen Ausführungen über Tempelbau stützte er sich vor allem auf die Schriften des Architekten Hermogenes, das Kapitel über Astronomie geht wohl auf den Lehrdichter Aratos von Soloi zurück. Unter den römischen Autoren ist als Quelle vor allem Varro mit seinen Abhandlungen zur Baugeschichte zu nennen.

Stil

Die Sprache gilt gemeinhin als umständlich und wenig flüssig. Kennzeichen sind altertümliche Formen, Überfülle des Ausdrucks, grammatische Eigenheiten und gelegentliche Rückgriffe auf die Umgangssprache.

Rezeption

Abgesehen von vereinzelten Erwähnungen, so bei Frontinus, Faventinus[1] und Plinius dem Älteren, hat Vitruvs Schaffen in der antiken Literatur nur ein geringes Echo hervorgerufen. Dies ist mit Sicherheit der thematischen Hingabe zu technischen Beschreibungen und der Sprödheit der Sprache zurückzuführen, so dass eine größere Popularität des Autors in der Antike ausblieb. Möglicherweise wird das Werk von den Architekten der Kaiserzeit als Handbuch genutzt worden sein, doch sind die Beschreibungen des Vitruv, insbesondere in den Details, selten archäologisch nachzuweisen.

Der Text war während der Spätantike und des Mittelalters bekannt. Es existieren ca. 80 mittelalterliche Manuskripte, darunter ein angelsächsischer Text und ein karolingischer Text um 800, den Einhard kannte. Kopien gab es unter anderem in St. Gallen, Cluny, Canterbury und Oxford.

Größere Bekanntheit erlangte Vitruv erst in späterer Zeit, besonders in der Renaissance. Eine neue Stilrichtung der Architektur, die sich die Antike zum Vorbild nahm, griff auf Vitruv zurück, um die Grundlagen der römischen Architektur zu lernen. Nun suchte man in den Klosterbibliotheken nach den seltenen Vitruv-Handschriften, wie untern anderem der Humanist Gianfrancesco Poggio Bracciolini, der im Jahr 1416 eine Vitruv-Handschrift in der St. Galler Klosterbibliothek fand.[2] Gedruckt wurde das Buch zum ersten Mal von Giovanni Sulpicio 1486–1492 in Rom herausgegeben.

Da Vitruvs Werk nicht illustriert war, wurde es für die Rezeption in der Renaissance nötig, neben seinen (teils schwer verständlichen) theoretischen Erläuterungen auch die antiken Werke der Architektur zu betrachten um die Anweisungen aus den 10 Büchern umsetzen zu können.

 Gleichzeitig wichen die erhaltenen antiken Gebäude von den Angaben Vitruvs ab. Dies schuf dem Architekten einen Spielraum in der Umsetzung, der es ermöglichte, über eine reine Antikenkopie hinauszugehen.

1511 erschien daher eine erste illustrierte Ausgabe in Venedig [3], 1521 der erste (ebenfalls illustrierte) Druck einer italienischen Ausgabe von Cesare Cesariano [4]. Und obwohl Italienisch lange Zeit die führende Sprache der europäischen Architekturtheorie blieb, folgten rasch Übersetzungen in andere Sprachen.

Ausgehend vom 15. Jahrhundert beeinflusste Vitruv eine Vielzahl, wenn nicht im Grunde alle europäischen Architekturtraktate und die europäische Architekturtheorie. 1452 veröffentlichte Alberti sein „de re aedificatoria“, das in Aufbau und theoretischer Setzung an Vitruv anschloss.

Noch im 18. Jahrhundert griff François de Cuvilliés der Jüngere den Titel für sein Lehrbuch Vitruve Bavarois auf. Der englische Architekt William Newton (1735-1790), ein Nachfahre von Isaac Newton, verfasste einen französischsprachigen Kommentar zu Vitruv der im Jahr 1780 erschien; dies war die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit "De architectura". Dieser Druck ist mit zahlreichen ganzseitigen Stichen versehen, eines von nur zwei bekannten Exemplaren in deutschen Bibliotheken befindet sich in der Stadtbibliothek Mainz und ist Teil der Rarasammlung.

Eine zentrale Passage in Vitruvs Abhandlung stellt die Theorie des wohlgeformten Menschen (homo bene figuratus) vor. Anhand geometrischer Formen werden die Proportionen des Menschen zueinander beschrieben. Dies inspirierte mehrere Künstler der Renaissance zu Skizzen, unter anderem auch Albrecht Dürer. Die berühmteste Illustration stammt von Leonardo da Vinci und erlangte unter dem Namen „Der vitruvianische Mensch“ Berühmtheit. Gerade mit dieser Zeichnung bestätigt Leonardo die These Vitruvs, der aufrecht stehende Mensch füge sich sowohl in die geometrische Form des Quadrates wie des Kreises ein.

Die Methode des Moduls, die von Vitruv grundgelegt wurde, wurde im 20. Jahrhundert als Modulor wiederaufgenommen, einem Maßsystem des Architekten Le Corbusier, das auf dem Goldenen Schnitt basiert.

Zur eigenständigen Rezeption des Wortes „Modul“ siehe auch Modell.

Ausgaben

  • Vitruvii De architectura libri decem. Lateinisch und deutsch. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Curt Fensterbusch. WBG, Darmstadt 6. Aufl. 2008, ISBN 978-3-534-21964-3
  • Fritz Krohn (Hrsg.): Vitruvii De architectura libri decem. Teubner, Leipzig 1912
  • Valentin Rose, Herman Müller-Strübing (Hrsg.): Vitruvii de architectura libri decem / ad antiquissimos codices nunc primum ediderunt. Teubner, Leipzig 1867 Digitalisat
  • Frank Granger (Übers. u. Hrsg.): On architecture. Edited from the Harleian ms. 2767. Loeb classical library. 2 Bde. Heinemann, London 1931 Bd. 1
  • Ingrid D. Rowland (Übers.), Thomas Noble Howe: Vitruvius. Ten Books on Architecture. Cambridge University Press, Cambridge 1999, ISBN 0-521-00292-3 (englische Übersetzung)
  • Franz Reber (Übers.) : Vitruv. Zehn Bücher über Architektur. De Architectura libri decem. Übersetzt und durch Anmerkungen und Zeichnungen erläutert von Dr. Franz Reber. marixverlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-212-1

Literatur

  • Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur. 2. bearb. Auflage. DTV, München 1997, ISBN 3-598-11198-3, Bd. 1, S. 695–697.
  • B. Baldwin: The Date, Identity, and Career of Vitruvius. In: Latomus 49, 1990, ISSN 0023-8856, S. 425–434.
  • Heiner Knell: Vitruvs Architekturtheorie. 3. aktualisierte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 3-534-21959-7.
  • Stefan Schuler: Vitruv im Mittelalter. Die Rezeption von „De architectura“ von der Antike bis in die frühe Neuzeit. Böhlau, Köln u. a. 1999, ISBN 3-412-09998-8, (Pictura et poesis 12), (Zugleich: Münster, Univ., Diss, 1996).
  • Hans-Joachim Fritz: Vitruv. Architekturtheorie und Machtpolitik in der römischen Antike, Münster 1995.
  • Hartmut Wulfram: Literarische Vitruvrezeption in Leon Battista Albertis „De re aedificatoria“. Saur, München u. a. 2001, ISBN 3-598-77704-3, (Beiträge zur Altertumskunde 155), (Zugleich: Göttingen, Univ., Diss, 2000-2001).
  • Julian Jachmann: Die Architekturbücher des Walter Hermann Ryff. Vitruvrezeption im Kontext mathematischer Wissenschaften. ibidem-Verlag, Stuttgart, 2006, ISBN 3-89821-584-9, (CISA - Cultural and Interdisciplinary Studies in Art 1).

Einzelnachweise

  1. ↑ Marcus Cetius Faventinus De architectura compendiosissime tractans ...
  2. ↑ Die angebliche "Wiederentdeckung" Vitruvs durch Bracciolini 1414 in der Bibliothek von Montecassino ist eine Legende. Tatsächlich fand Bracciolini seine Vitruvhandschrift in der Klosterbibliothek St. Gallen 1416, aber auch dies war keine Wiederentdeckung, da Vitruv-Handschriften bereits bekannt waren. Die italienischen Frühhumanisten Petrarca und Boccaccio hatten sich bereits im 14. Jahrhundert mit Vitruv beschäftigt. Entscheidend für die verstärkte Vitruvrezeption in der Renaissance war nicht ein zufälliger Handschriftenfund, sondern das neuerwachte Interesse der Renaissance an der Nachahmung antiker Werke. Hanno-Walter Kruft, Geschichte der Architekturtheorie, München 1985, S. 42 & 73.
  3. ↑ Über diese Ausgabe
  4. ↑ Über die Ausgabe von Cesare Cesarino

 

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Augustus

(Weitergeleitet von Kaiser Augustus)

Augustus (* 23. September 63 v. Chr. als Gaius Octavius in Rom[1]; † 19. August 14 n. Chr. in Nola bei Neapel) gilt als erster römischer Kaiser.

Der Großneffe und Haupterbe Gaius Iulius Caesars gewann die Machtkämpfe, die auf dessen Ermordung im Jahr 44 v. Chr. folgten, und war von 31 v. Chr. an Alleinherrscher des Römischen Reiches. Er setzte dem Jahrhundert der Römischen Bürgerkriege ein Ende und begründete die julisch-claudische Kaiserdynastie. Unter der Devise der Wiederherstellung der Republik (restitutio rei publicae) betrieb er in Wirklichkeit deren dauerhafte Umwandlung in eine Monarchie in Form des Prinzipats. Seine Herrschaft mündete in eine lang anhaltende Zeit inneren Friedens, die als Pax Augusta verklärt wurde.

Namen und Titel des Augustus

Der Geburtsname des späteren Augustus lautete Gaius Octavius. Laut Sueton trug er ursprünglich das Cognomen Thurinus.[2] Cassius Dio nennt den Namen Kaipias als weiteres, jedoch wenig beachtetes Cognomen des Augustus.[3] Nach der testamentarischen Adoption durch Caesar nahm er im Jahr 44 v. Chr. dessen Namen offiziell an (C. Iulius Caesar bzw. in vollständiger Form mit Filiation Gaius Iulius C. f. Caesar).[4] Den Namenszusatz Octavianus, wie er nach einer Adoption eigentlich üblich gewesen wäre, hat er wohl nie geführt.[5] Dennoch verwendet die moderne geschichtswissenschaftliche Literatur für die Zeit seines Aufstiegs meist die Namen Octavian oder Oktavian, um ihn von Gaius Iulius Caesar zu unterscheiden. Spätestens nach der offiziellen Apotheose Iulius Caesars im Jahr 42 v. Chr. lautete der neue Name seines Stiefsohns Gaius Iulius Divi filius Caesar.[6] Nach der Annahme des Titels Imperator als Vorname – vielleicht 38 v. Chr., spätestens 31 v. Chr. – verwendete er Caesar an Stelle des Gentilnamens Iulius (Imperator Caesar Divi filius).[7]

Am 16. Januar 27 v. Chr. verlieh ihm der Senat den Ehrennamen Augustus (dt.: „der Erhabene“), so dass sich als vollständige Form Imperator Caesar Divi filius Augustus ergab.[8] Der Name Augustus wurde wie der Name Caesar mit Beginn der Regierungszeit seines Nachfolgers Tiberius zum Bestandteil der römischen Kaisertitulatur.[9] Zum Zeitpunkt seines Todes lautete sein vollständiger Name und Titel Imperator Caesar Divi filius Augustus, Pontifex Maximus, Co(n)s(ul) XIII, Imp(erator) XXI, Trib(uniciae) pot(estatis) XXXVII, P(ater) p(atriae) (zu deutsch etwa: „Imperator Caesar, Sohn des Vergöttlichten,[10] der Erhabene, Höchster Oberpriester, 13 Mal Konsul, 21 Mal Imperator,[11] 37 Mal Inhaber der tribunizischen Gewalt, Vater des Vaterlandes“). Nach seiner Konsekration im Jahr 14 n. Chr. wurde sein offizieller Name als Divus Augustus Divi filius weitergeführt.[12]

Leben

Die Lebensgeschichte des Kaisers Augustus handelt von zwei vollkommen gegensätzlichen Persönlichkeiten: einerseits von einem jungen, ehrgeizigen, mitunter grausamen Politiker, der im Kampf um die höchste Macht weder Gesetz noch Skrupel kannte, andererseits von dem Kaiser, der – einmal im Besitz dieser Macht – äußerst klugen Gebrauch von ihr machte und mit dem Prinzipat eine neue, dauerhafte Staatsordnung an die Stelle der in 100 Jahren Bürgerkrieg gänzlich zerrütteten Republik setzte.

Herkunft und Jugend

Augustus und seine Schwester Octavia waren die Kinder des Gaius Octavius und seiner Frau Atia, einer Nichte Gaius Iulius Caesars.[13] Die Familie seines Vaters gehörte den Equites, dem römischen Ritterstand an, also dem niederen, plebejischen Landadel.[14] Sie war wohlhabend, aber wenig bedeutend. Als erster seines Familienzweigs seit über 100 Jahren schlug Gaius Octavius den Cursus honorum ein, stieg in den Senat auf und gelangte 61 v. Chr. bis zur Praetur.

Nach dem Tod des Vaters 59 oder 58 v. Chr. wuchs der junge Gaius zunächst auf dem Landgut seiner Großmutter Iulia, der Schwester Caesars, in Velitrae auf, später im Haus seines Stiefvaters Lucius Marcius Philippus in Rom. Nach Sueton hielt er im Jahr 51 v. Chr. die Leichenrede für seine Großmutter und legte 49 v. Chr. die Männertoga (toga virilis) an.[15] Da Caesar keinen gesetzlich anerkannten Sohn hatte, nahm er sich seines Großneffen an. So wurde er dank Caesars Fürsprache 48 v. Chr. in das Kollegium der Pontifices aufgenommen; 47 v. Chr. war Octavius Praefectus urbi, da sich die Konsuln während des Latinerfestes nicht in Rom aufhielten. 46 v. Chr. ließ Caesar ihn an seinem Triumphzug anlässlich des Sieges im Bürgerkrieg teilnehmen. Im Jahr darauf begleitete der junge Gaius Octavius seinen Großonkel auf dessen Kriegszug gegen die Söhne des Pompeius nach Spanien, wo er Caesar offenbar durch seine Tapferkeit beeindruckte.

Er sollte auch als Reiterführer (magister equitum) an dem geplanten Feldzug gegen die Parther teilnehmen und war mit seinen Freunden Marcus Vipsanius Agrippa und Salvidienus Rufus bereits nach Apollonia im heutigen Albanien vorausgeschickt worden. Dort erreichte ihn im Frühjahr 44 v. Chr. die Nachricht von Caesars Ermordung. Während seiner Rückreise nach Rom erfuhr er, dass der Diktator ihn durch Testamentsverfügung adoptiert und zum Haupterben seines Privatvermögens eingesetzt hatte.

Aufstieg zur Macht

Die testamentarische Adoption eines Erwachsenen war zwar ungewöhnlich, entsprach aber geltendem Recht.[16] Daher nahm Gaius Octavius, sobald er zurück in Rom war, das Testament sowie alle damit verbundenen Verpflichtungen an und nannte sich fortan nach seinem Adoptivvater Gaius Iulius Caesar. In dem Konflikt zwischen dessen Anhängern – die sich um Marcus Antonius scharten – und den republikanisch gesinnten Caesarmördern um Gaius Cassius Longinus sowie Marcus und Decimus Iunius Brutus spielte er anfangs keine Rolle.

Marcus Antonius beanspruchte als Unterfeldherr Caesars und dessen Mitkonsul für das Jahr 44 v. Chr. die Führung der caesarianischen Partei für sich. So weigerte er sich zunächst, das Vermögen des Diktators an Octavian herauszugeben. Dieser zahlte dennoch die in Caesars Testament vorgesehenen Legate an dessen Veteranen und die Bevölkerung Roms aus. Dafür nutzte er die in Apollonia beschlagnahmte, für den Partherkrieg vorgesehene Kriegskasse, versteigerte aber auch eigene Güter. Dieses Vorgehen brachte ihm rasch eine große Zahl von Anhängern und damit auch politisches Gewicht ein. Der einflussreiche Senator und Konsular Marcus Tullius Cicero, der nicht zu den Verschwörern gehört hatte, aber mit der republikanischen Sache sympathisierte, unterstützte den scheinbar unerfahrenen jungen Mann, in der Hoffnung, ihn als politisches Gegengewicht zu Marcus Antonius aufbauen zu können. Octavian ging vordergründig darauf ein, verfolgte aber seine eigenen Pläne und stützte sich dabei auf eigene, erfahrene Ratgeber.

Dazu gehörten persönliche Freunde wie der wohlhabende Gaius Maecenas, Agrippa und Salvidienus Rufus sowie Octavians Stiefvater Lucius Marcius Philippus. Als Lehrer und philosophische Berater zog Octavian Athenodoros von Tarsos und Areios von Alexandria zu Rate. Von besonderer Bedeutung war, dass Octavian sofort zwei der engsten Berater Caesars übernahm: Gaius Oppius und Lucius Cornelius Balbus. Oppius hatte zuvor Caesars Korrespondenz verwaltet und seinem Nachrichtendienst vorgestanden; Balbus war Caesars Privatsekretär gewesen, hatte als „graue Eminenz“ hinter dem Diktator gegolten und während dessen häufiger Abwesenheit von Rom inoffiziell die Amtsgeschäfte geführt. Oppius und Balbus wurden zu wichtigen Vertrauensmännern Octavians, die starken Einfluss auf seine ersten Schritte als Caesars Erbe nahmen. So stand dem vermeintlich unerfahrenen Octavian vom Beginn seiner politischen Laufbahn an ein umfangreicher Beraterstab zur Verfügung, der ihn nachhaltig unterstützte.[17]

Bündnis mit den Republikanern

Während Antonius Ende des Jahres 44 v. Chr. in Gallia cisalpina Decimus Brutus angriff, baute Octavian in Italien ein Heer aus Veteranen Caesars auf. Auf Drängen Ciceros, der den Kampf gegen Marcus Antonius forderte und dazu Octavians Truppen benötigte, bestätigte der Senat Anfang 43 v. Chr. dessen angemaßte militärische Befehlsgewalt. Darüber hinaus ernannte er den noch nicht 20-Jährigen zum Senator, verlieh ihm ein proprätorisches Kommando über seine Legionen sowie den Rang eines Konsularen und gestattete ihm die Übernahme aller Ämter zehn Jahre vor dem gesetzlich festgelegten Mindestalter. Octavian ging jetzt sogar ein Bündnis mit den Republikanern ein. Noch im selben Jahr besiegte er Antonius gemeinsam mit einem Senatsheer unter den Konsuln Aulus Hirtius und Gaius Vibius Pansa Caetronianus in der Schlacht von Mutina.

Beide Oberhäupter der Republik kamen im Mutinensischen Krieg um, und Octavian verlangte nun eines der freigewordenen Konsulate für sich. Als der Senat dies verweigerte, marschierte Octavian mit seinen Truppen auf Rom und bemächtigte sich staatsstreichartig der Stadt. Am 19. August 43 v. Chr. erzwang er seine Wahl zum Konsul sowie die Ächtung der Caesarmörder. Mittlerweile hatte Antonius wieder mehr Legionen unter seinen Befehl gebracht als vor seiner Niederlage. Daher – und weil Octavian auf der politischen Bühne Roms nun als „Rächer“ seines Adoptivvaters auftrat – wechselte er die Seiten und ging mit den Führern der caesarianischen Partei ein Bündnis ein. Nach dem Vorbild Caesars, Pompeius’ und Crassus’ aus dem Jahr 60 v. Chr. bildeten Octavian, Marcus Antonius und der Reiterführer Marcus Aemilius Lepidus im Oktober 43 v. Chr. ein zweites Triumvirat. Zu dessen Bekräftigung heiratete Octavian Antonius’ Stieftochter Clodia.

Das Zweite Triumvirat

Die „Dreimännerherrschaft zur Ordnung des Staates“ (tresviri rei publicae constituendae), wie das Bündnis offiziell hieß, beruhte allein auf der militärischen Macht der Triumvirn, also auf ihrer Verfügungsgewalt über die weitaus meisten römischen Legionen.[18] Sie ließen sich von der Volksversammlung am 27. November 43 v. Chr. diktatorische Machtbefugnisse auf fünf Jahre übertragen. Wie zur Zeit Sullas wurden nun Proskriptionslisten veröffentlicht und alle, die darauf verzeichnet waren, für vogelfrei erklärt. Laut Sueton soll sich Octavian anfangs gegen die Proskriptionen gewehrt, sie dann aber unnachsichtiger durchgeführt haben als seine beiden Kollegen. Von den Proskriptionen waren 300 Senatoren und 2000 Ritter betroffen.[19] Auf Antonius’ Betreiben fiel dem Massaker an den politischen Gegnern der Triumvirn auch Cicero zum Opfer.

Die Proskriptionen erfüllten zwar nicht die finanziellen Erwartungen der Triumvirn, doch sie dezimierten die republikanische Führungsschicht im Senat von Rom, dessen Lücken die Machthaber mit loyalen Anhängern füllten. Ähnlich verfuhren sie mit den Magistraten anderer Städte. Diese und andere Maßnahmen verschoben die Gewichte innerhalb der römischen Führungsschicht entscheidend zu Ungunsten der republikanisch gesinnten Kräfte. Es waren diese Umwälzungen, die der Augustus-kritische Althistoriker Ronald Syme als „Roman revolution“ bezeichnete.

Im Jahr 42 v. Chr. gingen Antonius und Octavian nach Griechenland, wo die Caesarmörder Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Longinus ihre Streitkräfte gesammelt hatten. Deren Niederlage in der Schlacht bei Philippi in Makedonien im Herbst bedeutete den endgültigen Untergang der römischen Republik. Da der Sieg im Wesentlichen Antonius zu verdanken war, nahm dessen Gewicht innerhalb des Triumvirats weiter zu.

Als die Triumvirn nach Philippi ihre Einflusssphären absteckten, erhielt Antonius zusätzlich zu Gallia Comata die Narbonensis und gab dafür die Gallia cisalpina auf, die fortan gemeinsam mit Italien verwaltet wurde. Ferner sollte er die Verhältnisse in den wohlhabenden Ostprovinzen ordnen. Lepidus wurden, nachdem er ursprünglich ganz ausgeschaltet werden sollte, die beiden nordafrikanischen Provinzen zugesprochen – damals die Kornkammer Roms. Octavian erhielt die beiden spanischen Provinzen und die schwierige Aufgabe, die Veteranen in Italien anzusiedeln, das von den Triumvirn gemeinsam verwaltet wurde. Diese Versorgung der so genannten Heeresclientel wurde seit der marianischen Heeresreform von jedem Feldherrn erwartet, der sich die politische Unterstützung seiner Veteranen sichern und das Vertrauen künftiger Legionäre erwerben wollte.

Bei den Landverteilungen kam es zu brutalen Enteignungen und Vertreibungen nicht nur einzelner Landbesitzer, sondern ganzer Stadtbevölkerungen. Octavian war damals allgemein verhasst. Überdies kam es wegen der Landverteilung zu schweren Differenzen mit Antonius’ Bruder Lucius, den Octavian aber im Perusinischen Krieg besiegte. Nach der Eroberung Perusias setzte eine Hinrichtungswelle ein, bei der Feinde Octavians wie der Volkstribun des Jahres 44 Tiberius Cannutius, Gaius Flavius, Clodius Bithynicus starben. Antonius landete daraufhin mit seinen Truppen in Italien. Die Legionen beider Triumvirn verweigerten aber den Kampf und zwangen sie zu einem erneuten Bündnis. Der Vertrag von Brundisium vom Herbst 40 v. Chr. sah unter anderem die Heirat zwischen Antonius und Octavia vor, der Schwester Octavians.

Er selbst ging in jenem Jahr ein weiteres familiäres Zweckbündnis ein: Nach der Trennung von seiner ersten Frau - Clodia – heiratete er Scribonia, eine Verwandte von Pompeius’ Sohn Sextus.[20] Sie schenkte ihm eine Tochter, Iulia, die sein einziges leibliches Kind bleiben sollte. Aber noch vor Iulias Geburt verstieß er ihre Mutter wieder, um im Jahr 38 v. Chr. Livia Drusilla zu ehelichen. Der Skandal wurde noch dadurch vergrößert, dass er Livia in sein Haus aufnahm, noch bevor sie sich von ihrem bisherigen Mann, dem überzeugten Republikaner Tiberius Claudius Nero, hatte scheiden lassen können. Die Frau, die zu seiner engsten Ratgeberin wurde, brachte die beiden Söhne Tiberius und Drusus mit in die Ehe. Tiberius sollte schließlich der Nachfolger seines Stiefvaters als Kaiser werden.

Kampf um die Alleinherrschaft

Der letzte politische Gegner der Triumvirn, der noch über nennenswerte militärische Macht verfügte, war Sextus Pompeius mit seiner Flotte. Er kontrollierte unter anderem Sizilien und gefährdete die Kornzufuhr von dort nach Rom, was Octavians Autorität zusätzlich untergrub. Auf Druck des Senats schlossen Octavian und Antonius 39 v. Chr. mit Sextus Pompeius den Vertrag von Misenum, nach dem Sextus Sardinien, Korsika sowie Sizilien behalten durfte und von Antonius zusätzlich die Peloponnes erhalten sollte; ferner mussten die Triumvirn Sextus ein Konsulat für das Jahr 35 v. Chr. zusichern. Das Triumvirat wurde 37 v. Chr. im Vertrag von Tarent um weitere fünf Jahre bis Ende 33 v. Chr. verlängert.

Da die Zugeständnisse an Pompeius Octavians Macht erheblich einschränkten, setzte er bereits im Jahr nach Misenum alles daran, dessen Einfluss zurückzudrängen. Erst nach mehreren schweren Rückschlägen und Niederlagen gelang es Octavians neuem Flottenführer Marcus Vipsanius Agrippa 36 v. Chr., Pompeius' Streitmacht in der Seeschlacht von Naulochoi vor der Nordküste Siziliens zu vernichten. Als es Octavian kurz darauf gelang, auch Lepidus zu entmachten, dessen Truppen in Sizilien zu ihm überliefen, beherrschte er den gesamten Westen des Reichs und hatte die wichtigen Getreideprovinzen Sizilien und Africa unter seiner Kontrolle.

Nach dem Sieg über Pompeius stellte die rasche Befriedigung Italiens und die Veteranenversorgung die vordringliche Aufgabe dar. Italien hatte durch die fehlende Getreideversorgung während der Blockade des Pompeius schwer gelitten. Statt wie in den Jahren zuvor geschehen, Güter gewaltsam zu enteignen, wurden die 20.000 Mann, die Octavian nun aus seiner riesigen Armee entlassen konnte, mit Bauernstellen in Italien, Sizilien und Gallien abgefunden. 30.000 entlaufene Sklaven, die im Heer des Pompeius gedient hatten, wurden nach Rom geschickt, um ihren Herren übergeben zu werden. 6.000 herrenlose Sklaven wurden gekreuzigt.[21]

Nachdem Octavian Pompeius und Lepidus ausgeschaltet hatte, stand ihm im Kampf um die Alleinherrschaft nur noch Antonius im Wege. Von Ende 35 bis Anfang 34 v. Chr. brachte er bei kleineren Feldzügen in Dalmatien ein schlagkräftiges Heer in Form. Unterdessen führte sein Rivale einen erfolglosen Krieg gegen die Parther, die bereits 40 v. Chr. unter dem Befehl des Quintus Labienus, eines Anhängers der republikanischen Sache, in Syrien eingedrungen waren. Zudem ging Antonius eine dauerhafte Beziehung mit Königin Kleopatra VII. von Ägypten ein, deretwegen er im Jahr 32 v. Chr. die in Rom äußerst populäre Octavia verstieß. Bereits 34 v. Chr. war er daran gegangen, Teile des römischen Ostens an Kleopatra und ihre gemeinsamen Kinder zu verschenken und hatte dadurch in Rom viel Rückhalt verloren.

Octavian nutzte Antonius’ Verhalten propagandistisch geschickt aus. Um ihm auch noch seine letzten Anhänger abspenstig zu machen, schreckte er nicht einmal vor einem Sakrileg zurück: Er zwang die Vestalinnen zur Herausgabe des bei ihnen hinterlegten Testaments des Antonius und ließ es in Auszügen vor dem Senat und der Volksversammlung verlesen. Zuvor hatten zwei Zeugen der Testamentsausfertigung, die Senatoren Lucius Munatius Plancus und Marcus Titius, die im Herbst 32 v. Chr. von Antonius abgefallen waren, Octavian über den Inhalt des Dokuments informiert: Danach hatte Antonius Kleopatras Kinder als Erben römischer Gebiete eingesetzt, Caesarion als leiblichen Sohn Caesars anerkannt und bestimmt, dass er neben Kleopatra in Alexandria bestattet werden wolle.[22] Als dies bekannt wurde, enthob der Senat Antonius aller Ämter. Da Octavian die ägyptische Königin als Urheberin von Antonius’ „romfeindlichem“ Verhalten darstellte, erklärte der Senat sie zur Staatsfeindin und Ägypten den Krieg. Mit diesem Schachzug war es Octavian gelungen, den Kampf gegen einen innenpolitischen Gegner in einen Krieg Roms gegen einen äußeren Feind umzumünzen. Wer Antonius von da an noch unterstützte, half damit auch diesem äußeren Feind und musste in den Augen traditionell denkender Römer als Verräter erscheinen.

Octavians und Antonius’ triumvirale Befugnisse waren formell schon am 1. Januar 32 v. Chr. abgelaufen und ihre prokonsularischen Kompetenzen bestanden nur noch provisorisch. Daher benötigte Octavian zur Kriegführung die Verleihung einer neuen Amtsgewalt. Er ließ sich zum „Führer Italiens“ (dux Italiae) ausrufen, dem der gesamte Westen den Treueid leisten musste.[23] Zudem übernahm er für das folgende Jahr erneut das Konsulat. Aus dieser rechtlich abgesicherten Position heraus eröffnete Octavian Anfang 31 v. Chr. den - offiziell gegen Kleopatra gerichteten - Ptolemäischen Krieg, indem er mit seinen Truppen nach Griechenland übersetzte, das zu Antonius' Machtbereich gehörte.

Am Ausgang des Ambrakischen Golfs in Epirus gelang es Agrippas Flotte und Octavians Heer, die See- und Landstreitkräfte des Antonius einzuschließen und vom Nachschub abzuschneiden. Die monatelange Blockade zeitigte verheerende Folgen für Antonius’ Armee, so dass er sich schließlich gezwungen sah, mit seinen Schiffen einen Durchbruchsversuch aus dem Golf in das offene Ionische Meer zu wagen. Dabei kam es am 2. September 31 v. Chr. zur alles entscheidenden Seeschlacht bei Actium, in der Antonius und Kleopatra den Streitkräften Octavians und Agrippas unterlagen. Diese nahmen im folgenden Jahr Alexandria ein, woraufhin Antonius und Kleopatra Selbstmord begingen. Ägypten verlor seine Selbstständigkeit und wurde als neue römische Provinz annektiert. Damit endete der Krieg zweier Männer um die Macht in Rom und zugleich die 100 Jahre währende Epoche der römischen Bürgerkriege. Als Zeichen dafür, dass im ganzen Reich Frieden herrschte, wurden am 12. Januar 29 v. Chr. die Tore des Janustempels auf dem Forum Romanum geschlossen. Dies geschah laut Titus Livius erst zum dritten Mal seit der sagenhaften Gründung Roms 753 v. Chr.[24]

Augustus als Princeps

Am 13. Januar des Jahres 27 v. Chr. begann in Rom ein mehrtägiger Staatsakt, der den Ausnahmezustand des Bürgerkriegs auch offiziell beendete. Formal wurde damit die alte Ordnung der Republik wiederhergestellt, tatsächlich aber eine völlig neue, monarchische Ordnung mit republikanischer Fassade geschaffen: das spätere römische Kaisertum in Gestalt des Prinzipats. Auf Vorschlag des Lucius Munatius Plancus verlieh der Senat Octavian am 16. Januar den neu geschaffenen Ehrennamen Augustus.

In den Jahren nach Actium stand der Alleinherrscher vor drei großen Aufgaben: den Staat neu aufzubauen, das Reich nach innen und außen zu sichern und die Nachfolge zu regeln, um seinem Werk auch über seinen Tod hinaus Dauer zu verleihen. Da Augustus all das gelang, markiert der Staatsakt vom Januar 27 v. Chr. nicht nur den Beginn seiner 40-jährigen Regierungszeit als Princeps, sondern auch den einer ganz neuen Epoche der römischen Geschichte.

Die Begründung des Prinzipats

Das Problem

Als Octavian im Sommer 29 v. Chr. aus dem Osten nach Rom zurückgekehrt war und einen dreifachen Triumphzug abgehalten hatte,[25] stand er vor dem gleichen Problem, an dem Caesar 15 Jahre zuvor gescheitert war: Eine Staatsordnung zu schaffen, die für das in mehr als 400 Jahren gewachsene, republikanische Rechtsverständnis der Römer akzeptabel war und zugleich der Tatsache gerecht wurde, dass sich die tatsächliche Macht seit 70 Jahren mehr und mehr verlagert hatte: weg vom Senat, den Konsuln und den anderen republikanischen Institutionen, hin zu den Befehlshabern der Legionen. Von Marius und Sulla bis zum 1. und 2. Triumvirat hatten immer wieder militärische Machthaber eine außerordentliche politische Gewalt errungen. Octavian ging es nun darum, diese außerordentliche Gewalt der Militärdespoten in eine ordnungsgemäße umzuwandeln, sie also rechtlich in das bisherige Staatsgefüge einzufügen.

Die einfache Wiederherstellung der alten Adelsrepublik kam für ihn aus zwei Gründen nicht in Frage: Zum einen war die staatstragende Bevölkerungsschicht der Republik, der Senatsadel, durch die Bürgerkriege weitgehend vernichtet worden. Zum anderen erforderte die Ausdehnung des Reichs eine große Zahl von Legionen. Dies hätte deren Befehlshaber immer wieder in die Lage versetzt, sich zum Imperator ausrufen zu lassen und die Macht an sich zu reißen, wie es in den Jahrzehnten des Bürgerkriegs – von Marius über Sulla bis zu Caesar – immer wieder geschehen war. Es galt, die Befehlsgewalt, das imperium, über das Gros des römischen Militärs in einer Hand zu vereinen: Die Heeresclientel musste monopolisiert werden.

Die Lösung

Nach den Wirren der vorangegangenen Jahrzehnte waren auch die Römer – traditionell eher gegen jede Art von Alleinherrschaft eingestellt – bereit, die militärische Macht in die Hand eines Mannes zu legen. Octavian ging dabei aber so klug vor, nicht den Königstitel anzustreben, sondern die republikanische Ordnung formal wiederherzustellen.

Wie schon im Kampf gegen Antonius erwies sich Octavian auch bei dieser Aufgabe als Meister der politischen Propaganda. Dies geht aus seinem Tatenbericht (Res Gestae Divi Augusti) hervor, in dem er gegen Ende seines Lebens folgendes Bild von seiner Handlungsweise zeichnete:

  • „In meinem 6. und 7. Konsulat (das heißt 28 und 27 v. Chr.), nachdem ich den Bürgerkriegen ein Ende gesetzt hatte, habe ich, der ich mit Zustimmung der Allgemeinheit zur höchsten Gewalt gelangt war, den Staat („rem publicam“) aus meinem Machtbereich wieder der freien Entscheidung des Senats und des römischen Volkes übertragen. Für dieses, mein Verdienst wurde ich auf Senatsbeschluss Augustus genannt. (…) Seit dieser Zeit überragte ich zwar alle an Einfluss und Ansehen; an Macht aber besaß ich hinfort nicht mehr als diejenigen, die auch ich als Kollegen im Amt gehabt habe.“

Die Realität hinter diesem Bild sah jedoch anders aus: Augustus legte sich zwar nicht den Königstitel zu, aber er ließ sich von den bestehenden republikanischen Ämtern und Gewalten all jene übertragen, die ihm in ihrer Bündelung zu einer monarchischen, königsgleichen Stellung verhalfen. Gleichzeitig ermöglichte ihm dieses Vorgehen, sich als Amtsträger der Republik darzustellen.

Realität und Propaganda

In der Tat suchte Octavian gleich nach seiner Rückkehr die Unterstützung der alten Adelsgeschlechter und ging daran, das Ansehen der republikanischen Institutionen zu stärken. So ließ er aus dem Senat 190 Mitglieder ausschließen, die als nicht standesgemäß galten. Gleichzeitig füllte er die gelichteten Reihen des Senatsadels wieder auf, indem er verdiente Personen in den Patrizierstand erhob. Er selbst nannte sich – betont bescheiden – princeps senatus, Erster des Senats, ein Titel, den es früher schon gegeben hatte und lediglich einen primus inter pares meinte, einen Ersten unter Gleichen. Daraus entwickelte sich die Bezeichnung Prinzipat für die augusteische Herrschaftsform, die etwa so viel bedeutet wie „Herrschaft des ersten Bürgers“. Großen Eindruck bei der Bevölkerung Roms machte der neue Princeps Ende des Jahres 28 v. Chr., als er alle Gesetze aus der Zeit des Triumvirats aufheben ließ.

Am 13. Januar 27 v. Chr. schließlich, dem ersten Tag des Staatsakts, legte Octavian die gesamte außerordentliche Militärgewalt über die Provinzen zurück in die Hände des „gereinigten“ Senats. Damit bildete dieser wieder das zentrale Herrschaftsorgan. Die Republik war formal wiederhergestellt. Allgemein war von der res publica restituta die Rede. So weit stimmten die Tatsachen mit Augustus’ propagandistischer Version überein.

Gleich am nächsten Tag aber übertrug der Senat die Herrschaft über die Hälfte der Provinzen wieder an Octavian, und zwar die Hälfte derer, die an den Rändern des Imperiums lagen und in denen daher das Gros der Legionen stand. Da Octavian – vertreten durch Legaten – die Befehlsgewalt (imperium proconsulare) über sie behielt, blieb er also Militärmachthaber und alleiniger Patron der Heeresclientel – dies aber nun im Rahmen der Gesetze. Das Reich gliederte sich fortan in kaiserliche und senatorische Provinzen.

Ein weiteres republikanisches Element der neuen Staatsordnung war die Rückkehr zur jährlichen Neubesetzung der Magistrate. Eines der zwei Konsulate nahm der Princeps in den nächsten Jahren allerdings regelmäßig für sich in Anspruch. Dies änderte sich mit der Revision der Prinzipatsverfassung am 1. Juli 23 v. Chr. Bis auf zwei Jahre verzichtete Augustus von da an auf das Konsulat. Stattdessen ließ er sich auf Lebenszeit die tribunizische Gewalt (tribunicia potestas) übertragen, also nicht das Amt des Volkstribunen, sondern „nur“ dessen Amtsbefugnisse. Damit gewann er das Recht, den Senat und die Volksversammlungen einzuberufen, diesen Gesetze vorzuschlagen, sein Veto gegen Senatsbeschlüsse einzulegen und sogar den Konsuln Amtshandlungen zu verbieten. Um auch den Magistraten in Rom und Italien Anweisungen geben zu können, wurden der tribunicia potestas des Augustus alle konsularischen Sonderrechte hinzugefügt, die einem Volkstribunen eigentlich nicht zustanden. Damit wurde die tribunizische Gewalt zur Quelle der kaiserlichen Macht in Rom und Italien. Durch die Aufgabe des ständigen Konsulats verlor Augustus jedoch seine Weisungsbefugnis gegenüber den Prokonsuln des Senats und damit auch gegenüber den senatorischen Provinzen. Um diese wiederherzustellen, ließ er sich eine übergeordnete prokonsularische Gewalt (imperium proconsulare maius) übertragen.

Mit der Revision der Prinzipatsverfassung legte Augustus zwar formal das Konsulat nieder, behielt aber faktisch alle Befugnisse eines Konsuls. Durch seinen Verzicht auf das Konsulat hatte er jedoch bis auf die Purpurtoga und die Corona Triumphalis alle äußeren Rangabzeichen verloren, die auf seine zentrale Stellung hindeuteten. Um dies auszugleichen, wurden dem Princeps 19 v. Chr. die konsularischen Ehrenrechte zuerkannt: So wurde er wieder ständig von zwölf Liktoren begleitet und durfte im Senat zwischen den beiden amtierenden Konsuln Platz nehmen. Augustus verzichtete also augenscheinlich auf die absolute Macht, indem er den Senatsadel daran teilhaben ließ, behielt aber in Wirklichkeit alle wichtigen Funktionen in Staat und Militär in seiner Hand.

Augustus-Titel und weitere Ehrungen

Der Ehrenname Augustus, der Erhabene, den der Senat Octavian am letzten Tag des Staatsakts vom Januar 27 v. Chr. verlieh, erinnerte an das augurium, eine Kulthandlung zur Deutung des Willens der Götter, die der Sage nach schon Romulus vorgenommen hatte. Der Name setzte seinen Träger also mit dem legendären Gründer der Stadt Rom gleich und verlieh der obersten politischen Gewalt im Staat eine sakrale Aura, wie sie die Konsuln zu Zeiten der Republik nie besessen hatten. Mit dem neuen Titel verlieh der Senat dem Princeps auch einen Ehrenschild (clipeus virtutis) auf dem Tapferkeit, Milde, Gerechtigkeit sowie Pflichterfüllung gegenüber den Göttern und dem Vaterland als die Tugenden des Augustus gepriesen wurden.

Die sakrale Würde des Princeps wurde weiter gestärkt, als im Jahre 13 oder 12 v. Chr. Marcus Aemilius Lepidus starb. Augustus’ einstiger Kollege im Triumvirat hatte nach seiner Entmachtung lediglich das Amt des Pontifex Maximus behalten dürfen. Nun übernahm Augustus auch dieses Amt; als oberster Priester des römischen Staatskultes konnte er nun auch alle Belange der religio Romana in seinem Sinne regeln.

Als weitere Ehrung beschloss der Senat 8 v. Chr., den Monat Sextilis in Augustus umzubenennen. Als Grund für die Wahl dieses Monats anstelle von Augustus’ Geburtsmonat September wurde angeführt, dass er im Sextilis erstmals Konsul geworden sei und drei Triumphe gefeiert habe. Außerdem markiere dieser Monat, in dem Ägypten erobert worden war, das Ende der Bürgerkriege.[26] Der eigentliche Grund könnte aber gewesen sein, dass der Sextilis direkt auf den nach Caesar benannten Juli folgte.[27]

Am 5. Februar des Jahres 2 v. Chr. verlieh der Senat Augustus schließlich den Titel pater patriae („Vater des Vaterlandes“), auf den er besonders stolz war, denn er war mehr als eine bloße Ehrenbezeichnung. Vielmehr führte er jedermann vor Augen, dass dem Kaiser gegenüber allen Reichsangehörigen die gleiche Autorität zustand wie jedem römischen Familienoberhaupt, dem pater familias, über die Seinen.

Akzeptanz der neuen Ordnung

Die Neuordnung des Staatswesens wurde von den Römern nicht widerspruchslos hingenommen. Insbesondere die patrizischen Familien des alten Senatsadels, die Augustus als Emporkömmling ansahen, konnten sich mit ihrer Entmachtung nur schwer abfinden. Einige Quellen berichten, dass Augustus sich in der Zeit nach seiner Rückkehr aus dem Osten nur mit einem Brustpanzer unter der Toga in den Senat wagte und Senatoren nur einzeln und nach eingehender Leibesvisitation empfing. Verschwörungen wie die von Maecenas’ Schwager A. Terentius Varro Murena und des Fannius Caepio, die im Jahr 23 oder 22 v. Chr. aufgedeckt wurde, zeigen, dass Augustus’ Politik noch lange Zeit erheblichen Widerstand hervorrief. Da der Zeitpunkt der Verschwörung nicht genau datiert werden kann, ist bis heute ungeklärt, ob sie auslösender Faktor oder Folge der im Jahr 23 erfolgten Neujustierung der Prinzipatsordnung war.

Dass das neue Herrschaftssystem schließlich doch akzeptiert wurde, lag sicher nur zum Teil daran, dass Augustus den republikanischen Institutionen und den althergebrachten Rechten und Sitten, dem mos maiorum, seinen Respekt erwies. Die Römer konnten sich zwar sagen, dass die alte Republik und ihre Institutionen der Form nach weiterhin bestanden, aber die politisch Interessierten dürften Augustus’ Propaganda sicher durchschaut haben. Ausschlaggebend war am Ende die schlichte Tatsache, dass der Prinzipat funktionierte – ganz im Gegensatz etwa zu den Ordnungsmodellen Sullas oder Caesars – und dass es zu Augustus keine realistische Alternative gab. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor für den Erfolg der neuen Herrschaftsordnung war die Zeit: Augustus regierte nach der Erringung der Alleinherrschaft noch mehr als 40 Jahre, länger als jeder seiner Nachfolger. Die Römer gewöhnten sich in dieser langen Zeit an die Herrschaft des Ersten Bürgers. Als der Kaiser starb, waren kaum noch Römer am Leben, die die alte Republik noch bewusst erlebt hatten. So setzte mit der Errichtung des Prinzipats eine lange Periode des inneren Friedens und des Wohlstands ein. Augustus’ neue Ordnung sollte 300 Jahre – bis zur Herrschaft Diokletians – Bestand haben.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Neuordnung

Eine ebenso anspruchsvolle Aufgabe wie der Umbau der Staatsverfassung war die innere und äußere Stabilisierung des Reichs, seine wirtschaftliche Erholung, die Wiederherstellung von Recht und Ordnung in Rom und den Provinzen und die Sicherung der Grenzen. Die Voraussetzungen für einen allgemeinen Wirtschaftsaufschwung waren nach Actium besser denn je in den vorangegangenen Jahrzehnten. Augustus konnte mehr als ein Drittel der rund 70 Legionen entlassen, d. h. etwa 80.000 der 230.000 Mann, die 31 v. Chr. noch unter Waffen gestanden hatten. Ein solches Heer wäre für Friedenszeiten nicht nur zu groß und zu kostspielig gewesen; es hätte immer auch eine potenzielle Gefahr dargestellt, so viele Soldaten unter Waffen zu belassen.

Anders als 12 Jahre zuvor musste er für die Abfindung der Veteranen nicht auf Konfiskationen zurückgreifen, sondern konnte die ungeheure Beute, die ihm mit dem ägyptischen Staatsschatz in die Hände gefallen war, für Landkäufe nutzen. So entstand in Italien und den Provinzen eine breite Schicht ihm ergebener Bauern. Auch seine Anhänger in Rom – etwa im neuen Senat – wurden mit Geld und Posten bedacht. So schuf Augustus selbst die neuen Gesellschaftsschichten, auf denen die Staatsordnung des Prinzipats ruhen sollte.

Neuordnung der Provinzen

In die Provinzen, die bis dahin immer wieder von Kontributionen, Truppenaushebungen und durchziehenden Heeren heimgesucht worden waren, kehrte allmählich ein gewisser Wohlstand zurück, denn der Prinzipat stellte Rechtssicherheit her und verhinderte vor allem die bis dahin übliche Ausplünderung durch ehemalige Magistrate der Republik. Diese hatten sich in den Provinzen stets für die Kosten schadlos gehalten, die ihr politisches Engagement in Rom verursachte. Der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus fasste die Wirksamkeit von Augustus’ Politik wenige Jahre nach dessen Tod folgendermaßen zusammen: „Die Äcker fanden wieder Pflege, die Heiligtümer wurden geehrt, die Menschen genossen Ruhe und Frieden und waren sicher im Besitz ihres Eigentums.“[28]

Tacitus, ansonsten einer der schärfsten Kritiker der Prinzipatsordnung, erkannte die Stabilisierung der Wirtschafts- und Lebensverhältnisse als deren größtes Verdienst an. Bis heute gilt Augustus' Konsolidierungspolitik als mustergültig, wie der Begriff der „Augusteischen Schwelle“ belegt, der in jüngster Zeit in der Politikwissenschaft verwendet wird.

Anfangs übernahm der Kaiser die Neuordnung der Provinzen noch selbst. Bereits im Sommer des Jahres 27 v. Chr. brach er zu einer mehrjährigen Inspektionsreise durch den Nordwesten des Reiches auf. Gallien war seit der Eroberung durch Caesar sich selbst überlassen geblieben. Nach der Ordnung der Verhältnisse dort eroberte Augustus diejenigen Gebiete im Norden der iberischen Halbinsel, die bis dahin noch nicht zum Reich gehört hatten, und gliederte sie der Provinz Hispania Tarraconensis ein. In Tarraco trat er sein 8. und 9. Konsulat an.[29] Auf der Rückreise nach Rom im Jahr 23 v. Chr. erkrankte Augustus so schwer, dass seine Umgebung bereits mit seinem Tod rechnete. Er überlebte schließlich, entschloss sich aber, seine Legionen künftig nicht mehr persönlich zu führen.

Sittenpolitik

Zu einem Kennzeichen der Herrschaft des Augustus wurde auch eine Rückbesinnung auf althergebrachte Sitte und Moral. Im Jahr 19 v. Chr. ließ sich Augustus vom Senat die cura morum, die Sittenaufsicht übertragen. Im Jahr darauf ließ er in den Leges Iuliae etwa die Strafvorschriften für Ehebruch verschärfen und eine allgemeine Pflicht zur Ehe einführen. Er selbst hatte in den Jahren seines Aufstiegs nicht eben ein Muster altrömischer Tugenden abgegeben – die erzwungene Scheidung seiner Frau Livia von ihrem früheren Mann war dafür nur das hervorstechendste Beispiel. Nun aber sah er in der Betonung traditioneller Werte ein Mittel, die geistigen Verheerungen aus der Zeit der Bürgerkriege zu heilen.

Würde und Autorität des Princeps erforderten natürlich, dass Augustus und seine Familie mit gutem Beispiel vorangingen. Dies führte schließlich zum Zerwürfnis mit seiner Tochter Iulia, die sich der väterlichen Moral nicht unterwerfen wollte. Im Jahr 2 v. Chr. ließ Augustus selbst sie vor dem Senat des Ehebruchs anklagen und auf die kleine Insel Pandateria verbannen. Neun Jahre später, 8 n. Chr., ereilte den Dichter Ovid, den Autor der Ars amatoria („Liebeskunst“), das gleiche Schicksal: Er wurde nach Tomis am Schwarzen Meer verbannt.

Das propagandistische Bild vom Princeps als treusorgendem altrömischem Patron, der über das Wohl der Seinen wacht, fand sichtbaren Ausdruck in einem umfangreichen Bauprogramm in Rom (publica magnificentia). Dazu gehörten Zweckbauten wie Aquädukte und eine riesige Sonnenuhr, vor allem aber Repräsentationsbauten wie das Augustusforum, das Marcellustheater und zahlreiche Tempel, die dazu dienten, den Römern Macht und Autorität des Augustus vor Augen zu führen. Der Kaiser spricht in seinem Tatenbericht von 82 Tempeln, die er in einem Jahr habe instandsetzen, Vergil in der Aeneis von 300 Tempeln, die er insgesamt habe bauen lassen.

Außenpolitik und Grenzsicherung

Augustus Außenpolitik wurde lange als defensiv beurteilt. Historiker des 19. Jahrhunderts sahen in ihr nur eine Arrondierung und Sicherung der Reichsgrenzen. Zu dieser Sicht trug unter anderem die Tatsache bei, dass Augustus den Plan Caesars zu einem Feldzug gegen das Partherreich nicht wieder aufnahm. Eine militärische Machtdemonstration gegenüber dem Nachbarn im Südosten genügte, um den Partherkönig Phraates IV. im Jahr 20 v. Chr. zu einer vertraglichen Grenzregelung und zur Herausgabe der in der Schlacht bei Carrhae 53 v. Chr. erbeuteten, symbolträchtigen Legionsadler zu veranlassen. In Rom wurde als großer militärischer Sieg propagiert, was in Wirklichkeit eine friedliche Lösung darstellte.

Die Eingliederung Ägyptens verlief weitgehend problemlos. Im Jahr 25 v. Chr. gewann Rom die neue Provinz Galatia in Kleinasien aufgrund einer testamentarischen Verfügung des letzten Galater-Königs Amyntas. Zudem geriet eine Reihe neuer Klientelstaaten wie Armenien, Kappadokien und Mauretanien in Abhängigkeit von Rom.

Dennoch ließ sich die These von der prinzipiell friedlichen, defensiven Außenpolitik nicht aufrechterhalten. Kein republikanischer Feldherr und kein Kaiser hat dem Römischen Reich so große Territorien einverleibt wie Augustus – und dies vor allem durch kriegerische Eroberungen. Im sechsjährigen Kantabrischen Krieg von 25 bis 19 v. Chr. eroberten Augustus' Truppen die letzten nichtrömischen Gebiete im Norden der iberischen Halbinsel. Das Land der besiegten Kantabrer wurde als Teil der Provinz Tarraconensis dem Reich eingegliedert. Nachdem 17 v. Chr. bei den Säkularfeiern in Rom noch die Friedensordnung des Prinzipats gefeiert worden war, ging das Reich im darauffolgenden Jahr erneut zur Offensive über. Der Grund dafür ist bis heute ungeklärt. Womöglich fing als kleinere Grenzstreitigkeit mit germanischen Stämmen an, was mit ausgedehnten militärischen Operationen an den nordöstlichen Grenzen und der Eingliederung von nicht weniger als fünf neuen Provinzen endete.

Von der Ostgrenze Galliens, den Alpen und dem dalmatinischen Küstengebirge wurde die Reichsgrenze bis zu Donau und Rhein, zeitweise sogar bis zur Elbe vorgeschoben. Südlich der Donau entstanden die neuen Provinzen Raetia, Noricum, Pannonia, Illyricum und Moesia. In diese Zeit, ins Jahr 15 v. Chr, fällt beispielsweise die Gründung der Stadt Augusta Vindelicorum, des heutigen Augsburg, dessen Name auf den Princeps zurückgeht. An der strategisch wichtigen Via Claudia Augusta gelegen, wurde der Ort später zur Hauptstadt der Provinz Raetien.

In einer militärischen Katastrophe endete allerdings die Eroberung des rechtsrheinischen Germania Magna. Diese Eroberung war schon unter Augustus’ Stiefsohn Drusus weit gediehen und wurde nach dessen Tod im Jahr 9 v. Chr. von Tiberius erfolgreich weitergeführt. Im Jahr 9 n. Chr. aber vernichtete ein von dem Cheruskerfürsten Arminius initiiertes Bündnis germanischer Stämme drei römische Legionen unter dem Befehl des Publius Quinctilius Varus. Die Varusschlacht wurde möglicherweise am Nordrand des Wiehengebirges geschlagen, das in den römischen Quellen als saltus Teutoburgiensis bezeichnet wird. Die schwere Niederlage hatte zunächst einen verlustreichen Kleinkrieg und schließlich den Rückzug der Römer auf die Rhein-Donau-Linie und die Errichtung des Limes als befestigte Grenze gegen Germanien zur Folge.

Regelung der Nachfolge

Obwohl Augustus in fast allen Quellen zu seinem Leben als gut aussehender Mann geschildert wird, war er seit seiner Kindheit von schwacher Konstitution. Er überlebte mehrere schwere Krankheiten wie die im Jahre 23 v. Chr. nur knapp und konnte nicht damit rechnen, das für die damalige Zeit sehr hohe Alter von fast 76 Jahren[30] zu erreichen. Für sein Bestreben, der neu geschaffenen Herrschaftsordnung Dauer zu verleihen, stellte die Erbfolgeregelung daher eine zentrale Aufgabe dar. Während seine Frau Livia einen ihrer Söhne von Tiberius Claudius Nero auf dem Thron sehen wollte, verfolgte Augustus den Plan, die Nachfolge in der eigenen, julischen Familie zu sichern. Da der Kaiser keine Söhne hatte, zwang er seine Tochter Iulia, nacheinander mehrere Nachfolgekandidaten zu heiraten.

Dies war im Jahr 25 v. Chr. zunächst Marcellus, der Sohn seiner Schwester Octavia und ihres ersten Mannes. Die Bevorzugung seines Neffen führte offenbar zu zeitweisen Spannungen zwischen Augustus und seinem Feldherrn Agrippa, der sich selbst begründete Hoffnungen auf die Nachfolge machte. Doch Marcellus starb kaum 20-jährig Ende des Jahres 23 v. Chr. und Agrippa galt nun als aussichtsreicher Nachfolgekandidat. Augustus drängte den alten Freund im Jahr 21 v. Chr., sich von seiner Frau scheiden zu lassen und die 25 Jahre jüngere Iulia zu heiraten. Die beiden hatten zwei Töchter und drei Söhne, Gaius Caesar, Lucius Caesar und den nachgeborenen Agrippa Postumus. Spätestens seit Agrippas Tod 12 v. Chr. betrachtete Augustus die beiden älteren Enkel als seine bevorzugten Nachfolger. Aus diesem Grund hatte er sie schon zu Agrippas Lebzeiten als Söhne adoptiert.

Beide Enkel waren aber 12 v. Chr. noch so jung, dass sie nach einem vorzeitigen Tod des Augustus nicht sofort die Nachfolge hätten antreten können. Bis sie als Nachfolgekandidaten alt genug sein würden und der römischen Öffentlichkeit vorgestellt werden konnten, benötigte der Princeps einen Stellvertreter. Dieser sollte Augustus bei den Regierungsgeschäften unterstützen und anstatt der zu jungen Enkel beerben. Diese Rolle, die einst Agrippa innegehabt hatte, sollte nun Tiberius ausfüllen. Augustus zwang ihn, sich von seiner Frau Vipsania, einer Tochter Agrippas, zu trennen, Iulia zu heiraten und sich zum Schutz der beiden jungen Prinzen zu verpflichten. Augustus scheint sich damals aber weder Tiberius noch dessen jüngeren Bruder Drusus, zu dem er ein besseres Verhältnis hatte, als Nachfolger gewünscht zu haben. Er machte deutlich, dass Tiberius nur ein „Platzhalter“ für die beiden Enkel war und nur für eine Übergangszeit als Nachfolgekandidat dienen sollte.[31] Dies führte zum Zerwürfnis mit Tiberius, der die erzwungene Ehe mit Iulia zudem als Qual empfand. Der Stiefsohn legte daher 5 v. Chr. alle Ämter nieder und ging nach Rhodos ins Exil. Zu einer Aussöhnung kam es erst, nachdem Lucius und Gaius Caesar kurz hintereinander, 2 und 4 n. Chr., gestorben und Iulia wegen ihres Lebenswandels aus Rom verbannt worden war. Da Drusus bereits 9 v. Chr. bei einem Kriegszug in Germanien umgekommen war, blieb nur noch Tiberius als Nachfolger übrig.

Augustus adoptierte ihn am 26. Juni des Jahres 4 gemeinsam mit seinem letzten noch lebenden Enkel Agrippa Postumus. Letzteren ließ er jedoch drei Jahre später aus nie ganz geklärten Gründen auf die Insel Planasia bei Elba verbannen, wo er unmittelbar nach Augustus’ Tod ermordet wurde. Tiberius wiederum musste den Sohn seines verstorbenen Bruders Drusus adoptieren: Germanicus. Der Großneffe des Augustus entstammte als Enkel der Octavia zugleich dem julischen und dem claudischen Familienzweig. Da Germanicus 4 n. Chr. noch zu jung war, um Augustus direkt im Amt nachzufolgen, wies der Princeps ihm die Rolle des Nachfolgers von Tiberius zu. Nach dieser familienpolitischen Weichenstellung bis in die dritte Generation übertrug Augustus Tiberius im Jahr 4 n. Chr. die tribunizische Amtsgewalt (tribunicia potestas). Aber erst im Jahr 13 n. Chr., im Jahr vor seinem Tod, verlieh Augustus ihm auch die prokonsularischen Befugnisse (imperium proconsulare maius) und designierte Tiberius damit öffentlich als einzig möglichen Nachfolger.

In seinem umfangreichen Testament vermachte Augustus seinem Adoptivsohn und seiner Ehefrau Livia sein materielles Vermögen. Darüber hinaus setzte er Legate für die Bürger Roms und die Prätorianer aus. Ferner regelte er sein Begräbnis und gab Anweisungen für Tiberius und den Staat.[32]

Tod und Begräbnis

Im Sommer des folgenden Jahres unternahm der Kaiser eine Reise, die ihn über Capri nach Benevent führen sollte. Er erkrankte bereits auf Capri an Diarrhoe, reiste aber noch weiter aufs Festland bei Neapel und ließ sich nach Nola bringen – angeblich in dasselbe Haus, in dem 71 Jahre zuvor sein Vater Gaius Octavius gestorben war. Dort verstarb der Kaiser in Gegenwart seiner Frau Livia und einer Reihe herbeigeeilter Würdenträger am 19. August des Jahres 14, am gleichen Tag, an dem er über 50 Jahre zuvor sein erstes Konsulat angetreten hatte. Laut Sueton verabschiedete sich der Mann, der in seinem Leben so viele Masken getragen hatte, mit einer Formel, die Komödianten am Ende eines Stückes sprachen: Wenn nun das Ganze Euch wohl gefallen hat, so klatscht Beifall, und entlasst uns alle mit Dank nach Hause.

Augustus’ Leiche wurde auf dem Marsfeld in Rom verbrannt und die Asche in dem prachtvollen Augustusmausoleum beigesetzt, das der Kaiser dort für sich und seine Familie hatte errichten lassen. Zudem wurde der Kaiser – wie die meisten römischen Caesaren nach ihrem Tod – zum Staatsgott (divus) erklärt. Dem Kult des Divus Augustus wurde ein Tempel zwischen Kapitol und Palatin geweiht. Er oblag einem Kollegium von 21 Priestern, den Augustales, in das nur die höchsten Mitglieder des Senats und des Kaiserhauses berufen wurden.

Das augusteische Zeitalter

Schon Zeitgenossen des Augustus betrachteten ihre Gegenwart als „apollinische Ära“, geprägt von Apoll, dem Gott des Lichts, der Künste und der Musik, der Weisheit und der Weissagung, dem der Kaiser Heiligtümer bei Actium und bei seinem eigenen Wohnhaus auf dem palatinischen Hügel in Rom errichtete.

Ein Beispiel dafür, welche Verehrung dem Princeps schon zu Lebzeiten zuteil wurde, ist ein Kultlied des Horaz (carm. IV 5,17 ff.):

  • Nunmehr zieht seines Wegs sicher der Stier dahin,
  • Ceres segnet die Flur wieder mit reicher Saat,
  • Friedlich schaukelt das Schiff durch die versöhnte Flut
  • Treu und Glauben sind neu erwacht (…)
  • Wen erfüllt noch mit Angst Parther und Skythe jetzt?
  • Wen Germaniens Brut, Söhne der rauen Luft
  • Wen, da Caesar uns lebt, kümmert des Krieges Dräun
  • Fern im wilden Iberien? (…)

Vollends verklärt wurde die Regierungszeit des ersten Kaisers nach seinem Tod unter dem Begriff der Pax Augusta, des augusteischen Friedens. Im Vergleich zum vorangegangenen Jahrhundert und zur Herrschaft vieler Nachfolger des ersten Kaisers brachte die augusteische Ära – das Saeculum Augustum – Rom, Italien und den meisten Provinzen in der Tat eine lange währende Zeit von innerem Frieden, Stabilität, Sicherheit und Wohlstand. Nach den Verheerungen der Bürgerkriege blühte die Wirtschaft nun ebenso auf wie Kunst und Kultur.

Die Zeit brachte Dichter wie Vergil, Horaz, Ovid und Properz, Historiker wie Titus Livius oder Architekten wie Vitruv hervor. Der Kaiser selbst versuchte sich als Tragödienautor, vernichtete aber sein Drama Ajax, dessen Unzulänglichkeit ihm bewusst war, mit dem Kommentar: Mein Ajax ist in den Schwamm gefallen.

Rom wandelte sich, wie Augustus meinte, von einer Stadt aus Ziegeln zu einer Stadt aus Marmor. Beeindruckende architektonische Zeugnisse dieser Zeit haben sich bis heute erhalten, etwa das Marcellus-Theater, das von Agrippa erbaute und unter Kaiser Hadrian erneuerte Pantheon und nicht zuletzt Augustus’ Mausoleum und die Ara Pacis, der Friedensaltar aus dem Jahre 9 v. Chr., der auf einem Relief eine Prozession der kaiserlichen Familie zeigt.

Das Bild, das der Kaiser mit solchen Bauten den Römern vermitteln wollte, kontrastierte aber spätestens seit dem Jahr 16 v. Chr. wieder mit den unablässigen Kriegen, die an den Grenzen geführt wurden. Das Reich expandierte unter Augustus in einem Maß wie nie zuvor und nie wieder danach. Neben dem reichen Ägypten und Galatia wurden ihm Provinzen an Rhein und Donau hinzugefügt, deren Eroberung nur mit der Galliens durch Caesar vergleichbar war.

Von Krieg aber war im Inneren des Reichs und der Provinzen nach dem Jahr 31 v. Chr. nur noch wenig zu spüren. Frieden und Wohlstand nahmen deshalb auch schon die Zeitgenossen als prägendes Kennzeichen der Epoche wahr. Dies war der Grund, warum sie sich letztlich mit der Einführung der Monarchie und dem Ende der Republik abfanden, zumal der Versuch einer Rückkehr zur republikanischen Ordnung wohl zu einem neuen Bürgerkrieg geführt hätte. Und es ist vielleicht kein Zufall, dass ein Religionsstifter, der zur Zeit des vergöttlichten, als Retter und Friedensfürst gefeierten Augustus zur Welt kam, von seinen Anhängern später als Gottessohn, Heiland und Verkünder eines Reichs des Friedens verehrt werden sollte.[33]

Augustus in Nachwelt und Forschung

Das Augustusbild hat sich über die Jahrtausende immer wieder gewandelt. Dabei war es oft Einflüssen ausgesetzt, die mit der Person und der Politik des Princeps wenig oder nichts zu tun hatten.

Schon Augustus selbst hatte alles dafür getan, der Nachwelt ein möglichst positives Bild von sich zu hinterlassen. Seine Selbstbiographie ging zwar verloren, aber sein „Tatenbericht“, die sogenannten Res Gestae Divi Augusti, vermitteln einen guten Eindruck davon, wie der Herrscher gesehen werden wollte. Auch Nikolaos von Damaskus war in seiner nur fragmentarisch erhaltenen Biografie des Augustus darum bemüht, ihn nur im besten Licht darzustellen.

Allerdings finden sich in der antiken Geschichtsschreibung auch Spuren einer anderen, kritischen Beurteilung. Der Geschichtsschreiber Tacitus etwa, ein erklärter Anhänger der früheren, republikanischen Verhältnisse, schrieb im frühen 2. Jahrhundert in seinem Werk Annalen über die Begründung des Principats:

  • So fand sich nach dem Wandel der Staatsform nirgends mehr ein Rest der alten, sauberen Staatsgesinnung ...[34]

Nach einer kritischen Passage über die in seinen Augen übertriebenen postumen Ehrungen des Augustus schrieb Tacitus über den Princeps selbst:

  • Dagegen wurde im Kreis einsichtiger Männer sein Leben abwechselnd gepriesen oder getadelt: Die einen meinten, aus Anhänglichkeit gegen den Adoptivvater und die Notlage des Staates, in dem damals kein Raum für gesetzliches Vorgehen war, sei er zum Bürgerkrieg getrieben worden, der mit anständigen Mitteln weder vorbereitet, noch geführt werden könne. (...)[35]
  • Dem hielt man entgegen: Die Anhänglichkeit gegen den Vater und die schwierige Lage des Staates habe er nur zum Vorwand genommen; in Wahrheit sei es Herrschsucht gewesen: aufgewiegelt habe er durch Freigiebigkeit die Veteranen, angeworben als junger Mann noch ohne Amt ein Heer, bestochen des Konsuls Legionen, vorgetäuscht das Hinneigen zur pompejanischen Partei. (...)[36]

Bestimmte Schilderungen Tacitus' sowie des im frühen 3. Jahrhundert schreibenden Senators Cassius Dio weisen einige Übereinstimmungen auf. Während aber Tacitus ein eher negatives Bild vom ersten Princeps zeichnete, da er den Untergang der Republik bedauerte und die Machtpolitik des Augustus als solche erkannte, war Dios Darstellung positiver. Da sein Werk neben den mit Tacitus übereinstimmenden Passagen zusätzliches Material bietet, ist man sich in der Forschung weitgehend einig, dass Dio nicht Tacitus, sondern dass beide eine heute verlorene, gemeinsame Quelle verwendet haben. Wie die meisten antiken Geschichtsschreiber, benannte auch Tacitus nur selten seine Quellen. Aus der senatorischen Geschichtsschreibung sind jedoch mehrere Werke aus der Zeit vor ihm bekannt, darunter das des Aulus Cremutius Cordus, der Brutus und Cassius anscheinend recht positiv dargestellt hat. Auch Aufidius Bassus schilderte wenigstens teilweise die Herrschaft des Augustus; allerdings ist nicht bekannt, ab welchem Zeitpunkt seine Historien einsetzten. Wahrscheinlich schrieb auch Servilius Nonianus über die Herrschaft des Princeps.[37] Sueton verarbeitete Material aus verlorenen Werken dieser Zeit in seinen Kaiserviten. Tacitus mag aber der erste Geschichtsschreiber gewesen sein, dessen Gesamturteil über Augustus negativ gefärbt war.[38]

Eine wesentliche Umdeutung erfuhren Augustus und seine Zeit nach der Christianisierung des Römischen Reichs. Seit Spätantike und Mittelalter haben Christen immer wieder versucht, die pax Augusta mit der pax Christiana gleichzusetzen, da Jesus von Nazaret im augusteischen Zeitalter geboren worden war. Auch in der Neuzeit wollten Politiker aus jeweils unterschiedlichen Motiven heraus immer wieder Parallelen zwischen der eigenen und der Zeit des Augustus konstruieren. Während der Französischen Revolution wurde z. B. die Errichtung des Direktoriums nach der Schreckensherrschaft der Jakobiner im Jahr 1794 mit der Errichtung des Prinzipats verglichen. Im 20. Jahrhundert wiederum entfachten die italienischen Faschisten ein regelrechtes Augustusfieber. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus versuchten zahlreiche Althistoriker, darunter Wilhelm Weber, die Herrschaftsweise des Augustus als Vorbild für die so genannte nationale Erneuerung Deutschlands durch das „Führerprinzip“ darzustellen.

Noch ganz anders hatte im 19. Jahrhundert der Althistoriker Theodor Mommsen geurteilt: Er hatte Augustus’ Prinzipatsordnung nicht als Allein-, sondern als Doppelherrschaft gedeutet, die sich Senat und Princeps geteilt hätten.[39] Gegen dieses Bild wiederum wandte sich Ronald Syme, dessen 1939 erschienenes Werk The Roman Revolution vor allem aufgrund seines reichhaltigen Materials als Ausgangspunkt der modernen Augustus-Forschung gilt. Syme, dessen Darstellung von der Ausbreitung faschistischer Bewegungen im Europa seiner Zeit geprägt war, betrachtete Augustus als bloßen Diktator. Ähnlich wie Mussolini – nur mit entgegengesetzter, negativer Bewertung – sah Syme in seinem Aufstieg Parallelen zum aufkommenden Faschismus: Augustus’ Regime sei aus einer Revolution hervorgegangen, er selbst ein Parteimann, der gestützt auf Geld und Waffen die alte Führungsschicht beseitigt und durch eine neue ersetzt habe. Als kalkulierender Machtmensch habe er die alte, zerfallende Republik zu Grabe getragen, um unter einer scheinbar republikanischen Fassade eine Alleinherrschaft zu begründen.

Der Historiker Jochen Bleicken urteilt zwar kritisch, aber nicht abwertend über den Princeps: In der antiken Geschichte gebe es nur Alexander und Caesar, deren Leistungen sich mit denen des Augustus vergleichen ließen. Dennoch könne man ihn nicht mit diesen „Großen“ gleichsetzen, die im Grunde nur zerstörend gewirkt hätten. Augustus hingegen sei vor allem der wegweisende „Baumeister des Römischen Kaiserreichs“ und „Erzieher“ der neuen Eliten des Prinzipats gewesen.[40] Von einer Heuchelei des Augustus oder von einem Fassadencharakter seines Regimes könne keine Rede sein.[41] Dietmar Kienast sah in Augustus gar den selbstlosesten Machthaber der gesamten Geschichte.[42] Auch Klaus Bringmann (2007) zog in seiner Augustus-Biographie eine insgesamt positive Bilanz der Regierungszeit des ersten römischen Kaisers: Anders als Ronald Syme sieht er in dessen Leistungen den Beleg dafür, dass der Besitz der Macht für Augustus kein bloßer Selbstzweck war.[43] Werner Dahlheim (2010) stellt den „mörderischen Winkelzüge[n] der ersten Jahre“ [44] des jungen Octavian das positive Urteil über dessen zweiten Lebenshälfte gegenüber. Ihm erscheint Augustus, gemessen an der Dauerhaftigkeit seiner staatsmännischen Leistung, als „großer Mann“.[45]

Werke

  • Res Gestae Divi Augusti: von Augustus selbst verfasster Tatenbericht, der an Bronzesäulen vor seinem Mausoleum angebracht war. Kopien wurden als Inschriften in mehreren Orten in Kleinasien gefunden, die vollständigste – mit einer griechischen Übersetzung – in einem Tempel in Ankara, nach der das Werk auch als Monumentum Ancyranum bezeichnet wird. Es gibt zahlreiche Ausgaben, unter anderem eine lateinisch-griechisch-deutsche Ausgabe mit Kommentar hrsgg. von Ekkehard Weber, München u. Zürich 1975. Text (lateinisch), Text (lateinisch/griechisch/englisch)
  • De vita sua: eine Autobiografie, die in dreizehn Büchern die Zeit bis zum Cantabrischen Krieg behandelte, aber praktisch vollständig verloren ging. (Moderne „Rekonstruktionen“ von O. K. Gilliam, Philipp Vandenberg und Allan Massie gehören in das Genre des historischen Romans.)
  • Sicilia: verloren gegangenes Epos in Hexametern, nur von Sueton bezeugt
  • Ajax: Tragödie, von Augustus selbst vernichtet

Quellen

  • Appian, Römische Geschichte, Bd. 2: Bürgerkriege, übersetzt von Otto Veh, 1988. Text (englisch) bei LacusCurtius
  • Cassius Dio: Römische Geschichte. Übersetzt von Otto Veh, Artemis-Verlag, Zürich 1985, (englische Übersetzung)
  • Nikolaos von Damaskus, Das Leben des Augustus: oft kritisierte Biografie, die nicht immer zuverlässig ist und nur in byzantinischen Exzerpten erhalten ist. Zweisprachige Übersetzung von Jürgen Malitz, Nikolaos von Damaskus. Das Leben des Kaisers Augustus, Darmstadt 2003. Text (englisch) Text (deutsch)
  • Sueton, Divus Augustus: ausführlichste antike Biografie aus der Sammlung der Kaiserbiografien von Gaius Iulius Caesar bis Domitian. Zahlreiche Ausgaben, beispielsweise in Sämtliche erhaltene Werke, Essen 2004 (deutsche Übersetzung). Text (lateinisch), englische Übersetzung)
  • Tacitus, Annalen: das Geschichtswerk setzt erst mit dem Tod des Augustus ein, enthält aber zahlreiche Rückblicke auf seine Herrschaft. Zahlreiche Ausgaben, beispielsweise lateinisch und deutsch hg. von Erich Heller, München u. Zürich 1982. Text (lateinisch/englisch)
  • Klaus Bringmann, Dirk Wiegandt: Augustus. Schriften, Reden und Aussprüche. Texte zur Forschung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008. ISBN 3-534-19028-9 (umfangreiche Quellensammlung, enthält alle bekannten Anordnungen und Edikte, persönlichen Briefe und amtlichen Dokumente des Octavian/Augustus)

Literatur

  • Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Alexander Fest, Berlin 1998, ISBN 3-8286-0027-1. Neuauflage mit Nachwort von Uwe Walter, Rowohlt, Reinbek 2010, ISBN 978-3-499-62650-0.
  • Jochen Bleicken: Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen Kaiserreiches. 2 Bände, 3. bzw. 4. Auflage, Schöningh, Paderborn 1981, ISBN 3-8252-0838-9, ISBN 3-8252-0839-7.
  • Alan K. Bowman (Hrsg.): The Cambridge Ancient History. Vol. 10. The Augustan Empire. Cambridge University Press, Cambridge 1996, ISBN 0-521-26430-8 (detaillierte Gesamtdarstellung).
  • Klaus Bringmann, Thomas Schäfer: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. Akademie Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-05-003054-2 (Studienbuch mit Quellenteil).
  • Klaus Bringmann: Augustus. Primus, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-89678-605-0.
  • Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus bis zu Konstantin. 4. Auflage. C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-36316-4, S. 47ff.
  • Werner Dahlheim: Augustus. Aufrührer – Herrscher – Heiland. Eine Biographie. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60593-2 (Rezension).
  • Werner Dahlheim: Augustus. In: Manfred Clauss (Hrsg.): Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian. Beck, München 1997, ISBN 3-406-47288-5, S. 26–49 (Kurzbiografie).
  • Werner Eck: Augustus und seine Zeit. 5. durchges. Auflage, Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-41884-6 (knappe Einführung).
  • Karl Galinsky (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Augustus. Cambridge University Press, Cambridge 2005, ISBN 0-521-00393-8 (Aufsatzsammlung).
  • Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 4., bibliographisch aktualisierte und um ein Vorwort ergänzte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-23023-5 (problemorientierte Darstellung mit umfassendem wissenschaftlichem Apparat).
  • Heinrich Schlange-Schöningen: Augustus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-16512-8 (knappe Darstellung).
  • Pat Southern: Augustus. Magnus, Essen 2005, ISBN 3-88400-431-X.
  • Ines Stahlmann: Imperator Caesar Augustus. Studien zur Geschichte des Principatsverständnisses in der deutschen Altertumswissenschaft bis 1945. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, ISBN 3-534-03890-8.
  • Ronald Syme: Die römische Revolution. Machtkämpfe im antiken Rom. Grundlegend revidierte und erstmals vollständige Neuausgabe, herausgegeben von Christoph Selzer und Uwe Walter. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-94029-4 (klassische Darstellung, die zum Ausgangspunkt der modernen Augustus-Forschung geworden ist).
  • Paul Zanker: Augustus und die Macht der Bilder. 3. Auflage, Beck, München 1997, ISBN 3-406-34514-X (Gesamtdarstellung der propagandistischen und repräsentativen Politik des Augustus).

Anmerkungen

  1. ↑ Sueton: Augustus 5,1
  2. ↑ Sueton, Augustus 7,1. Sueton gibt an, es auf einer Büste gelesen zu haben, die er einem Kaiser seiner Zeit (Hadrian?) zum Geschenk gemacht habe. Außerdem erwähnt er, dass Marcus Antonius es als Ausdruck seiner Verachtung gebraucht habe. Sueton ist sich nicht sicher, aus welchen Gründen der junge Gaius Octavius das Cognomen Thurinus erhalten hatte. Er gibt zwei Möglichkeiten an: Es könne die Herkunft der Familie aus der Gegend von Thurii anzeigen (die Oktavier stammten jedoch wahrscheinlich aus Velitrae) oder in Verbindung zum Sieg seines Vaters regione Thurina stehen. Dies bezweifelt jedoch F. X. Ryan, The Quaestorship and Aedileship of C. Octavius. In: Rheinisches Museum 139, 1996, S. 251–253 (zitiert nach ders.: Kaipias. Ein Beiname für Augustus, In: Studia humaniora Tartuensia 6, 2, 2005) aufgrund der Inschrift CIL 6, 41023, die keinen entsprechenden Sieg erwähnt.
  3. ↑ Cassius Dio 45,1,1: Ὀκτάουιος Καιπίας. Verschiedene Interpretationen wurden hierzu versucht, wie z. B. eine fehlerhafte Übertragung von Copiae (lat. für Thurii) ins Griechische. Ryan, Kaipias, sieht hierin eine Verbindung zum Sternzeichen des Augustus (Capricornus). Das seltene Cognomen Caipias wurde allerdings auch auf einem Altar aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. in der Krypta der Franziskanerkirche von Montefalco entdeckt, so dass die Familie auch aus Umbrien stammen könnte.
  4. ↑ Mit C. f. für Gai filius („Sohn des Gaius“). Vgl. auch Appians Darstellung als „Caesar Caesars Sohn“ (Appian, Bürgerkriege 3,11,38). Cicero, ad Atticum 14,12, berichtet, dass er sich bereits vor der öffentlichen Annahme seiner Adoption Caesar nannte, was von Cassius Dio 45,3 bestätigt wird. Eine intermediäre Form Octavius Caesar ist in Appian, Bürgerkriege 4,8,31 ff. für das Jahr 43 v. Chr. zu finden, wird jedoch nicht als historisch relevant, teilweise gar als Fälschung angesehen.
  5. ↑ Aus diesem Grund wird Octavianus in der Forschung häufig in Klammern gesetzt: C. Iulius C. f. Caesar (Octavianus) (vgl. auch Syme: The Roman Revolution (1933), S. 307 ff. und 322 ff.; Hubert Cancik: Zum Gebrauch militärischer Titulaturen im römischen Herrscherkult und im Christentum. In: Heinrich von Stietencron: Der Name Gottes. Düsseldorf 1975, S. 112–130, hier: S. 113 f.).
  6. ↑ Selten: Gaius Iulius Divi Iuli(i) filius Caesar. Auch hier ist die Überlieferung des Cassius Dio 47,18,3 der Ronald Syme, Imperator Caesar. A study in nomenclature, in: Historia 7, 1958, S. 172–188, noch folgt, fraglich. Andreas Alföldi (Der Einmarsch Octavians in Rom, August 43 v. Chr., in Hermes 86, 1958, S. 480−496) – sowie ebenfalls von Kraft (1952–1953) in Erwägung gezogen, jedoch zunächst noch angezweifelt – datiert die ersten Münzen mit DIVI IVLI•F• und DIVI•F• in das Jahr 43 v. Chr. nach Oktavians Übernahme der kapitolinischen Münzprägestätte. Diese Ansicht wird untermauert von Nikolaos von Damaskus (FGrHist 18,55) und Appian (Bürgerkriege 3,11,38), wonach deutlich wird, dass Oktavian dazu neigte, sein politisches Handeln durch religiöse Weihung zu erhöhen.
  7. ↑ Vgl. Ronald Syme: Imperator Caesar. A study in nomenclature. In: Historia 7, 1958, S. 172–188.
  8. ↑ Vgl. Ronald Syme: Imperator Caesar. A study in nomenclature. In: Historia 7, 1958, S. 172–188.
  9. ↑ Caesar in der Titulatur, vor allem in der des ersten Augustus, evoziert vorsichtig die persönliche, geschichtliche Dimension, ohne die soziale und politische Stellung zu sehr zu betonen. Augustus (wie der Titel pater patriae) weist in den Stadtgründungsmythos Roms (siehe Quirinus bzw. Romulus).
  10. ↑ Gemeint ist hier der vergöttlichte Diktator Caesar (Divus Iulius). Die Titulatur (bzw. der Namensbestandteil) Divi filius („Gottessohn“) wurde von allen Kaisern verwendet, die Söhne eines divus waren, so z. B. Tiberius als Divi Augusti filius und Titus als Divi Vespasiani filius.
  11. ↑ Die beigefügte Zahl XXI bezieht sich auf Siege, die Augustus selbst oder dessen Feldherren unter seiner Herrschaft errangen. Imperator ist somit kein Amtstitel, sondern ein echtes Pronomen sowie ein „Name der Macht“ (Syme und Béranger, in: Cancik 1975). Octavians erste „imperatorische Akklamation“ erfolgte 43 v. Chr. nach seinem Sieg über Antonius bei Mutina.
  12. ↑ Vereinzelte Tempel und Altäre in Italien und den Provinzen weisen bereits auf eine Verehrung des Augustus als Gott zu seinen Lebzeiten hin, unabhängig vom Kult des genius Augusti, jedoch nicht als Divus Augustus, sondern als Divi filius, evtl. auch fälschlicherweise als Divus Iulius (Ittai Gradel: Emperor Worship and Roman Religion. Oxford 2002).
  13. ↑ Des Weiteren war Augustus über seinen Großvater Marcus Atius Balbus mit Gnaeus Pompeius Magnus verwandt; Pompeius Magnus’ Großvater (Gnaeus Pompeius) war zugleich der Ururgroßvater des Augustus.
  14. ↑ Sueton: Augustus 2,1 benutzt den Ausdruck minores gentes, der für die plebejischen Familien benutzt wurde, die im römischen Senat vertreten waren.
  15. ↑ Sueton, Augustus 8, 1.
  16. ↑ Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 2000, S. 35ff. u. S. 692ff.; Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 3. durchgesehene und erweiterte Auflage, Darmstadt 1999, S. 6ff.; Klaus Bringmann: Augustus. Darmstadt 2007, S. 256. Dagegen vertritt Leonhard Schumacher in Oktavian und das Testament Caesars. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Romanistische Abteilung. 116, 1999, S. 49–70, die Ansicht, Octavian habe durch die Annahme des Testaments zunächst nur Caesars Eigentum geerbt und in die gens Iulia sei er erst 43 v. Chr. eingetreten, nachdem die Bestätigung der Adoption durch ein Kuriatsgesetz erfolgt war.
  17. ↑ Vgl. auch Klaus Bringmann: Augustus. Darmstadt 2007, S. 38.
  18. ↑ Zur Triumviratszeit vgl. neuerdings Josiah Osgood: Caesar’s Legacy. Civil War and the Emergence of the Roman Empire. Cambridge 2006.
  19. ↑ Klaus Bringmann: Augustus. Darmstadt 2007, S. 64.
  20. ↑ Sueton, Augustus 62, 1; Cassius Dio 48, 5, 3.
  21. ↑ Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 3., durchges. und erw. Aufl., Darmstadt 1999, S. 57.
  22. ↑ Vgl. auch Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 3., durchges. und erw. Aufl., Darmstadt 1999, S. 66f; Velleius Paterculus: Römische Geschichte, 2,83; Plutarch: Antonius, 58; Cassius Dio: 50,13.
  23. ↑ Res gestae Divi Augusti 25: Den Gefolgschaftseid hat mir ganz Italien aus freien Stücken geleistet und mich in dem Krieg, in dem ich Sieger bei Actium war, nachdrücklich als Führer gefordert [ducem depoposcit]. Den gleichen Eid geleistet haben die Provinzen Galliens und Spaniens, Afrika, Sizilien und Sardinien. Mit der Selbstbeschreibung ducem depoposcit wies Augustus darauf hin, dass er den Titel dux Italiae und das Oberkommando aufgrund eines Volksbeschlusses erhalten hatte. Damit verbunden war auch die Übertragung einer erweiterten militärischen Befehlsgewalt.
  24. ↑ Titus Livius: Ab urbe condita 1, 19.
  25. ↑ Die drei Triumphzüge fanden jeweils am 13., 14. und 15. August 29 v. Chr. statt. Gefeiert wurde der Sieg über die dalmatinischen Stämme (33 v. Chr.), der Sieg von Actium (31 v. Chr.) und die Eroberung Ägyptens (30 v. Chr.). Auf den vierten Triumph über Sextus Pompeius hatte Octavian schon 36 v. Chr. verzichtet und stattdessen nur die ovatio angenommen. Damals wurde ihm sowohl die corona triumphalis (genauer die goldene corona laurea) als auch die Unverletzlichkeit eines Volkstribunen (potestas sacrosancta) lebenslänglich zuerkannt.
  26. ↑ Macrobius, Saturnalien 1, 12, 35; kürzer Sueton, Augustus 31, 2.
  27. ↑ So Jochen Bleicken, Augustus. Eine Biographie. Berlin 1998, S. 379 und 732.
  28. ↑ Velleius Paterculus 2,89,3
  29. ↑ Sueton: Augustus 26, 3.
  30. ↑ Wie bei allen Zeitspannen, die sich über die christliche Zeitenwende erstrecken, ist auch beim Lebensalter des Augustus zu beachten, dass es in unserer Zeitrechnung kein Jahr Null gibt. Dem 31. Dezember 1 v. Chr. folgt unmittelbar der 1. Januar 1 n. Chr. Deshalb liegen zwischen 23. September 63 v. Chr und 19. August 14 n. Chr also knapp 76 Jahre und nicht 77, wie man vermuten könnte.
  31. ↑ Zur Rolle des Tiberius als Platzhalter für die jungen Caesares siehe: Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 1999, S. 631ff.
  32. ↑ Cassius Dio, 56,32
  33. ↑ Siehe die Anmerkung zum Titel „Sohn Gottes“ im Abschnitt „Namen und Titel des Augustus“ sowie Werner Dahlheim: Augustus. In: Manfred Clauss (Hrsg.): Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian. München 1997, S. 26–49.
  34. ↑ Tacitus, Annalen 1,4, Übersetzung von Erich Heller.
  35. ↑ Tacitus, Annalen 1,9, Übersetzung von Erich Heller.
  36. ↑ Tacitus, Annalen 1,10, Übersetzung von Erich Heller.
  37. ↑ Vgl. zu den vor-taciteischen Historikern John Wilkes: Julio-Claudian Historians, in: Classical World 65 (1972), S. 177ff.
  38. ↑ So Bernd Manuwald: Cassius Dio und das 'Totengericht' über Augustus bei Tacitus. In: Hermes Bd. 101 (1973), S. 353–374, hier: S. 373f.
  39. ↑ Theodor Mommsen: Römisches Staatsrecht. Bd. 2, 3. Auflage, Leipzig 1887, S. 748.
  40. ↑ Jochen Bleicken, Augustus. Eine Biographie, S. 684 f.
  41. ↑ Jochen Bleicken, Augustus. Eine Biographie, S. 374.
  42. ↑ Dietmar Kienast, Augustus. Prinzeps und Monarch, 3. durchgesehene und erweiterte Auflage, Darmstadt 1999, S. 517.
  43. ↑ Klaus Bringmann: Augustus. Darmstadt 2007, S. 244.
  44. ↑ Werner Dahlheim: Augustus. Aufrührer – Herrscher – Heiland. Eine Biographie. München 2010, S. 389.
  45. ↑ Werner Dahlheim: Augustus. Aufrührer – Herrscher – Heiland. Eine Biographie. München 2010, S. 405.

 

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