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Mittelalter

Der Begriff Mittelalter bezeichnet in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen Antike und Neuzeit (6. bis 15. Jahrhundert). Sowohl der Beginn als auch das Ende des Mittelalters sind Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion und werden recht unterschiedlich angesetzt.

Im Mittelalter wurde die politische und kulturelle Dominanz des griechisch-römisch geprägten Mittelmeerraums abgelöst durch eine neue, fast ganz Europa umfassende Welt christlicher Feudalstaaten romanischer, germanischer, slawischer und keltischer Völkerschaften. Grundzüge des europäischen Mittelalters waren eine nach Ständen geordnete Gesellschaft, eine gläubig christliche Geisteshaltung in Literatur, Kunst und Wissenschaft und Latein als gemeinsame Kultur- und Bildungssprache. Daneben waren die Idee der Einheit der christlichen Kirche (die aber faktisch nach dem großen Schisma mit der Ostkirche nicht mehr bestand) sowie ein recht einheitliches Weltbild kennzeichnend für diese Epoche. Die vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform des Mittelalters war der Feudalismus.

Begriffsgeschichte

Mittelalterlicher Eigenbegriff

Das christliche Mittelalter sah sich selbst noch nicht als ein „Mittelalter“, sondern verstand sich heilsgeschichtlich als eine im Glauben allen anderen Zeitaltern überlegene aetas christiana („christliches Zeitalter“), die mit der Geburt Christi begann und erst mit dem Jüngsten Tag enden sollte. Während die vorausgegangenen Weltalter der Heilsgeschichte gemäß der Lehre von den drei, vier oder sechs Weltaltern (aetates mundi) noch weiter unterteilt wurden, gab es für die interne Periodisierung der aetas christiana kein fest etabliertes Epochenschema, sondern lediglich Ansätze, wie die Lehre von den sieben Perioden der Kirche (abgeleitet aus der Johannesapokalypse) oder die von Joachim von Fiore begründete Einteilung in eine Zeit des „Sohnes“ (von der Geburt Christi bis etwa 1260) und eine darauf folgende Zeit des „Geistes“.

Die Vorstellung, dass auch innerhalb der aetas christiana geschichtliche Entwicklung im Sinne von Fortschritt oder Verfall stattfinden könnte, war dem christlichen Mittelalter dabei keineswegs fremd. Sie war jedoch aus der Sicht der römischen Kirche prekär, weil diese einerseits eine Weiterentwicklung oder Überbietung der christlichen Lehre seit der Zeit des Evangeliums und der Kirchenväter nicht zulassen oder zugeben und andererseits auch die eigene Entwicklung nicht unter dem Gesichtspunkt des Verfalls betrachten lassen wollte. Soweit sich entsprechende Geschichtsvorstellungen mit kirchenkritischen Reformkonzepten und eschatologischen Berechnungen der Endzeit verbanden, wurden sie deshalb, wie die Lehre Joachims und seiner Nachfolger, von der römischen Kirche bekämpft.

In der politischen, dabei gleichfalls heilsgeschichtlich ausgerichteten Geschichtsbetrachtung traten Periodisierungsvorstellungen besonders in Form der Lehre von der Translatio imperii auf, wonach die römische Kaiserwürde zunächst auf die oströmischen Kaiser von Byzanz, dann in der renovatio imperii Karls des Großen auf die Franken und schließlich mit der Kaiserkrönung Ottos des Großen auf die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches übertragen wurde. Die Translatio-Lehre war mit der christlichen Weltalterlehre im Ansatz vereinbar, da sie die Vorzugsstellung und dogmatische Einheit der aetas christiana nicht in Frage stellte und ihr Konfliktpotential stattdessen in der Beziehung zwischen Papst und Kaisertum lag. Ein Periodensystem für die Geschichtsschreibung zur christlichen Epoche ergab sich jedoch aus dieser Vorstellung nicht.

Geschichte des Begriffs „Mittelalter“

Der Begriff Mittelalter wurde in der Form medium aevum („mittleres Zeitalter“) erstmals im 14. Jahrhundert von italienischen Humanisten eingeführt, die damit dann in den beiden folgenden Jahrhunderten zugleich auch das Verständnis der eigenen Epoche als Epoche der Wiedergeburt (Renaissance) begründeten. In der humanistischen Geschichtsbetrachtung wurde der christliche Glaube nicht in seiner allgemeinen Verbindlichkeit, sondern in seiner Gültigkeit als Maßstab für die Bewertung der weltgeschichtlichen Entwicklung entthronisiert und durch ein profangeschichtliches, nicht mehr primär von Theologen, sondern von Dichtern und Philologen konstruiertes Ideal der griechisch-römischen Antike ersetzt. Aus humanistischer Sicht war das Mittelalter ein „dunkles Zeitalter“ (aetas obscura), eine Epoche des Zerfalls und des Niedergangs, in der der sprachliche, literarische, technologische und zivilisatorische Entwicklungsstand der griechisch-römischen Antike bedingt durch den Einfall germanischer Völker und das dadurch herbeigeführte Ende des Weströmischen Reiches verloren ging, um erst in der eigenen Zeit durch die Wiederentdeckung antiker Quellen und die Wiederbelebung antiker Stilnormen zum Gegenstand der Nachahmung (imitatio) oder sogar Überbietung (aemulatio) zu werden.

Der Begriff des Mittelalters hat sich in der Folgezeit dann als Epochenbegriff mit tendenziell abwertender Bedeutung etabliert, wobei die Epochengrenzen meist einerseits mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahr 476 und andererseits mit dem Ende des Oströmischen Reiches durch die osmanische Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 angesetzt wurde, letzteres speziell im Hinblick darauf, dass byzantinische Gelehrte bei ihrer Flucht in den Westen wichtige griechische Handschriften mitbrachten, die dem lateinischen Mittelalter unbekannt geblieben oder nur durch arabische Übersetzungen bekannt geworden waren.

Eine dezidiert positive Neubewertung, zum Teil verbunden mit nostalgischer Verklärung und mit dem Bedürfnis nach Bestimmung der eigenen christlichen oder nationalen Wurzeln und Identität, kam erst in der Zeit der ausgehenden Aufklärung und besonders in der Romantik auf und war seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts ein wesentlicher Antrieb für die verstärkte philologische und historische Beschäftigung mit dem Mittelalter. In der modernen Forschung werden die originären Leistungen des Mittelalters und dessen eigene Kontinuation antiker Überlieferung nicht mehr wertend an der humanistischen Elle antiker „Größe“ gemessen, sofern Fortschritt, Verfall oder Wiedergeburt überhaupt noch als geeignete Kategorien wissenschaftlicher Geschichtsforschung angesehen werden, und an die Stelle nationalistischer tritt häufig eine europäisch ausgerichtete Rückbesinnung, die die „Geburt Europas im Mittelalter“ (Jacques Le Goff) betont.

Mit dem humanistischen Begriff der aetas obscura verwandt, aber in der Bedeutung abweichend ist der besonders in der englischsprachigen Geschichts- und Frühgeschichtsforschung etablierte Begriff der Dunklen Jahrhunderte (Dark Ages), worunter allgemein Perioden fehlender oder in der Forschung noch nicht aufgearbeiteter schriftlicher bzw. archäologischer Überlieferung, meist als Zwischenphasen gegenüber vorausgegangenen, vergleichsweise besser dokumentierten Perioden verstanden werden. In der Geschichte Englands zum Beispiel bezeichnet man so speziell den Zeitraum nach dem Ende der römischen Besatzung bis etwa zur Zeit König Alfreds von Wessex, also die Zeit der Einwanderung der Angeln, Sachsen und Jüten.

Außerhalb der Fachsprache werden heute Denk- oder Verhaltensweisen oder ganze Kulturen überspitzt als „mittelalterlich“ bezeichnet, um ihnen besondere Rückständigkeit und einen Mangel an Aufklärung und Humanität zuzuschreiben.

Zeitliche Einordnung

Die Bezeichnung „Mittelalter“ bezieht sich in erster Linie auf die Geschichte des christlichen Abendlands vor der Reformation, denn der Begriff wird kaum im Zusammenhang mit außereuropäischen Kulturen verwendet. Es bezieht sich also in erster Linie auf den europäischen Kontinent und die Britischen Inseln. Im Groben ordnet man das Mittelalter in die Zeit von 500 bzw. 600 n. Chr. bis etwa 1500 ein. Wesentlich konkreter sind folgende Bezugsdaten:

Das europäische Mittelalter erstreckt sich ungefähr von der Endphase der Völkerwanderungszeit, deren Ende in der Forschung in das Jahr 568 datiert wird, bis zum Zeitalter der Renaissance seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bzw. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts (bezüglich der Problematik der Datierung des Beginns des Mittelalters siehe Ende der Antike und Spätantike).

Die Datierungsansätze sind nicht immer einheitlich, denn es kommt oft darauf an, welche Aspekte der Entwicklung betont werden und welche Region man betrachtet.[1] Stellt man zum Beispiel den Einfluss des Islam in den Vordergrund und blickt eher auf den östlichen Mittelmeerraum als auf Westeuropa, so kann man Mohammeds Hidschra (622) oder den Beginn der arabischen Expansion ab 632 als Ende der Spätantike und Beginn des Mittelalters sehen. Desgleichen gibt es unterschiedliche Datierungsmöglichkeiten für das Ende des Mittelalters, beispielsweise die Erfindung des Buchdrucks (um 1450), die Eroberung von Konstantinopel 1453, die Entdeckung Amerikas 1492, der Beginn der Reformation (1517) oder auch der große Bauernkrieg von 1525. Andere Ansätze weiten das Ende des Mittelalters noch darüber hinaus aus (sogenanntes „langes Mittelalter“ bis ins 19. Jahrhundert, wofür z. B. Jacques Le Goff eintritt),[2] doch sind dies Minderheitsmeinungen.

Fokussiert man einzelne Länder, so kann man auch zu verschiedenen Eckdaten kommen. So endete die Antike am Rhein oder in Britannien aufgrund der dortigen Entwicklungen während der Völkerwanderung deutlich früher als etwa in Italien oder Syrien. Auf der anderen Seite war zum Beispiel zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Italien bereits das Zeitalter der Renaissance angebrochen, während man zur gleichen Zeit in England noch vom Mittelalter spricht. Im Norden Europas folgt der Völkerwanderungszeit die "germanische Eisenzeit", die in Schweden durch die Vendelzeit (650-800) abgelöst wird. In Skandinavien beginnt um 800 die Wikingerzeit, die 1050 endet und dann in das "nordische Mittelalter" übergeht.

Untergliederung des Mittelalters

Im deutschsprachigen Raum hat seit dem 19. Jahrhundert die von der Nationalidee beeinflusste, an der fränkischen und deutschen Herrschergeschichte orientierte Geschichtsschreibung das europäische Mittelalter vornehmlich in drei Hauptphasen gegliedert:

  • Frühmittelalter (6. Jahrhundert bis Anfang 10. Jahrhundert), die Epoche der Merowinger und Karolinger
  • Hochmittelalter (Anfang 10. Jahrhundert bis ca. 1250), die Zeit der Ottonen, Salier und Staufer
  • Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1500), der Herbst des Mittelalters, nach dem Scheitern der klassischen Kaiseridee

Diese Trinität war an der Vorstellung von Aufstieg, Blüte und Verfall ausgerichtet.

Durch veränderte Fragestellungen, insbesondere auch den Einfluss wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtlicher Fragestellungen, ging man allmählich von dem an der Herrschergeschichte ausgerichteten Ordnungsmodell ab und betonte die Veränderungen des 11./12. Jahrhundert als entscheidende Zäsur des als Mittelalter bezeichneten Jahrtausends. Oft führt das dazu, dass man nur noch das frühere vom späteren Mittelalter unterscheidet.

Von einzelnen Autoren vorgenommene abweichende Ein- und Zuordnungen sind naturgemäß von unterschiedlichen Fragestellungen und Schwerpunktsetzungen beeinflusst. Neben rein sachlichen Kriterien haben sie allerdings bisweilen auch Profilierungsgründe zur Ursache.

Frühmittelalter

Die Völkerwanderung wird von der Forschung als Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter angesehen und der Spätantike zugerechnet. Mit dem Ende der Völkerwanderung, das traditionell mit dem Einfall der Langobarden in Italien (568) verbunden wird, begann zumindest in West- und Mitteleuropa das Frühmittelalter. In Ostrom hingegen hielten sich antike Strukturen noch einige Jahrzehnte länger.

Im Frühmittelalter fanden viele einschneidende Entwicklungen statt. So begann in den noch nicht christlichen Gebieten (wie Britannien und die Gebiete östlich des Rheins) die Christianisierung, hauptsächlich durch die Tätigkeit irischer Missionare. Etwa um 500 begann unter König Chlodwig I., der mit seinem Volk geschlossen zum katholischen Christentum übergetreten war (dem Glaubensbekenntnis der gallischen Mehrheitsbevölkerung), der Aufstieg des Frankenreichs, das schließlich auf der Grundlage der Überreste des Weströmischen Reiches und der Reiche mehrerer germanischer Völker (so der Burgunder und den Gebieten der Westgoten in Gallien sowie der Langobarden in Oberitalien) seine Vorherrschaft in West- und Mitteleuropa begründet. Dabei blieb das (476 im Westen zusammengebrochene) Römische Reich während des gesamten Mittelalters ein wesentlicher Referenzpunkt politischen Denkens. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellte die Krönung Karls des Großen zum „römischen Kaiser“ (Translatio imperii) durch den Papst an Weihnachten des Jahres 800 dar. Nach seinem Tod 814 zerfiel das Frankenreich allmählich. Aus seiner westlichen Hälfte entstand das spätere Frankreich, während sich aus der Osthälfte später das „Heilige Römische Reich“ entwickelte. Daneben erhielt der Papst durch die sogenannte Pippinische Schenkung 754 neben seiner geistlichen nun auch weltliche Macht, was später (vor allem ab dem 11. Jahrhundert) häufiger zu Spannungen zwischen den Königen und dem Papst führen sollte, wobei die entscheidende Frage war, ob der gekrönte Kaiser dem Papst untergeordnet sei oder nicht.

Zwischen 800 und 1100 bzw. 900 und 950 fallen die Einfälle der Wikinger sowie der Magyaren. Zusammen mit der Eroberung Nordafrikas und eines Großteils der Iberischen Halbinsel von ca. 650 bis 720 durch die Muslime bewirken sie die Auslöschung der letzten spätantiken Strukturen – soweit diese noch vorhanden waren – und setzten eine Entwicklung in Gang, die viele Bauern im Frankenreich ihrer Freiheit beraubte und die staatliche Autorität zersplitterte, da die Verteidigung der einzelnen Gebiete den dortigen Grundherren auferlegt wurde. Dies führte letztendlich zum Entstehen des feudalistischen Wirtschaftssystems. Die britischen Inseln und Nordfrankreich haben am meisten unter den Angriffen der Wikinger zu leiden, wobei die Angreifer in Britannien einige Königreiche errichteten, aus denen später England entstand.

Wirtschaftlich stellte das Frühmittelalter hauptsächlich eine Zeit der Naturalwirtschaft dar, wobei besonders das System der Grundherrschaft herauszustellen ist.

Wesentliche Kulturträger waren das Byzantinische Reich, die Klöster, insbesondere die des Benediktinerordens, sowie die Gelehrten des arabisch-muslimischen Kulturkreises, durch die ein wesentlicher Teil der antiken Literatur und Wissenschaften bewahrt werden konnte.

Hochmittelalter

Das Hochmittelalter war die Blütezeit des Rittertums und des römisch-deutschen Kaiserreichs, des Lehnswesens und des Minnesangs. Man kann diese Ära auch als Zeitalter der Wiedererstarkung Europas bezeichnen, wobei die Machtstellung mehrerer europäischer Reiche zunahm. Die Bevölkerung begann zu wachsen, Handwerk und Handel wurden gefördert und auch die Bildung war nun nicht länger ausschließlich ein Privileg des Klerus. Allerdings verlief die Entwicklung in den einzelnen Reichen recht unterschiedlich.

In diese Epoche fallen die Kreuzzüge, in denen sich der massive Einfluss der seit 1054 gespaltenen Kirche zeigt (siehe hierzu auch Morgenländisches Schisma). Während der Kreuzzüge ziehen immer wieder Heere aus West- und Mitteleuropa in den Nahen Osten, um die dortigen christlichen „heiligen Stätten“ von den Moslems zu „befreien“, doch gelang es den (West-)Europäern nicht, sich dauerhaft dort festzusetzen. Später traten die einstmals religiösen Ziele der Kreuzzüge oftmals zugunsten von Machtgelüsten oder Profitgier in den Hintergrund.

Im Laufe der Kreuzzüge entwickelte sich auch ein Fernhandel mit der Levante, von dem insbesondere die italienischen Stadtstaaten, v.a. die Republik Venedig, profitieren konnten. Mit dem Handel gewann die Geldwirtschaft an Bedeutung. Ebenso gelangten neue bzw. wiederentdeckte Ideen nach Europa; so wurde zum Beispiel Aristoteles zur wichtigsten nicht-christlichen Autorität innerhalb der Scholastik. In Italien und später in Frankreich entstanden die ersten Universitäten. Vor allem in Mitteleuropa entstand das Zunftwesen, das die sozialen und wirtschaftlichen Vorgänge in den Städten stark prägte.

Das Hochmittelalter war auch eine Epoche der Auseinandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Macht im Investiturstreit, welcher die Einsetzung mehrerer Gegenpäpste zur Folge hatte. Die wichtigsten Orden des Hochmittelalters waren neben den Zisterziensern die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner. Daneben entstanden neue christliche Laienbewegungen, die von der katholischen Kirche als häretisch bezeichnet wurden, darunter die Glaubensbewegungen der Katharer oder Waldenser. Im Hochmittelalter wurde auch deshalb die Inquisition ins Leben gerufen, um gegen diese sogenannten Ketzer vorzugehen.

In Nord- und Osteuropa bildeten sich im Zuge der fortschreitenden Christianisierung neue Königreiche wie England, Norwegen, Dänemark, Polen, Ungarn und Böhmen. Ebenso entstanden noch weiter im Osten unter dem Einfluss der Wikinger und orthodoxer Missionare aus dem byzantinischen Reich, das um 1000 seinen Höhepunkt erreichte, weitere Reiche wie das Kiewer Reich. Während Byzanz durch den vierten Kreuzzug im Jahre 1204 eine entscheidende Schwächung seiner Macht erfuhr, wurde das Reich der Kiewer Rus im Zuge des Mongolensturms 1223 zerstört; weitere osteuropäische Reiche (vor allem Polen und Ungarn) entgingen nur knapp dem Untergang. Daneben begannen ab 1000 die nach der islamischen Eroberung verbliebenen christlichen Reiche der Iberischen Halbinsel mit der sogenannten Reconquista, also der Rückeroberung des späteren Staatsgebietes von Spanien und Portugal von den Mauren.

Spätmittelalter

Das Spätmittelalter war die Zeit des aufsteigenden Bürgertums der Städte und der Geldwirtschaft. Während das Byzantinische Reich nach der Eroberung Konstantinopels 1204 während des Vierten Kreuzzuges langsam aber sicher seinem Untergang entgegenging, gewannen die christlichen Staaten auf der iberischen Halbinsel nach dem Sieg bei Las Navas de Tolosa im Jahre 1212 immer weiter an Boden.

Dennoch erlebte Europa ab etwa 1300 auch eine gewisse Krisenzeit, wenngleich die neuere Forschung wesentlich differenzierter als die ältere urteilt. Im Jahre 1291 fiel Akkon, die letzte Festung der Kreuzfahrer im Nahen Osten, die Autorität des Papstes schwand im Zuge des sogenannten Abendländischen Schismas. Die schlimmste Katastrophe in der sogenannten Krise des 14. Jahrhunderts stellte jedoch die Pest dar, der „Schwarze Tod“, die ab 1347 von Südrussland kommend die Länder Europas verheerte und zwischen einem Drittel und der Hälfte der europäischen Bevölkerung, v.a. in den Städten, das Leben kostete. Die Entvölkerung führte zu Aufständen und einem Wandel der Sozialstrukturen, die das Rittertum zugunsten des Bürgertums schwächten und in der katholischen Kirche einige Reformbewegungen auslösten.

Etwa zur gleichen Zeit wie die Entvölkerung begann aufgrund von Erbstreitigkeiten um die französische Krone der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England. Von 1340 bis etwa 1420 behielten die Engländer die Oberhand, bis Jeanne d'Arc, heute als die Jungfrau von Orleans bekannt, den Franzosen wieder Hoffnung gab und ihnen bei Orleans zum Sieg verhalf. Obwohl sie schon 1431 von den Engländern zum Tode verurteilt wurde, konnte Frankreich den Krieg 1453 siegreich beenden, in demselben Jahr, in dem Konstantinopel an die osmanischen Türken fiel und in Deutschland der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden wurde.

Kunst und Wissenschaften befanden sich im Spätmittelalter im Aufbruch. Die bereits im Hochmittelalter erfolgte Gründung der ersten Universitäten, vor allem in Italien (Bologna) und Frankreich (Paris), verhalf den Wissenschaften und der Philosophie zu einem neuen Aufschwung, denn sie verbreiten die Lehren antiker Gelehrter und ebneten so den Boden für die Epoche der Renaissance. Den Künstlern eröffneten sich neue Möglichkeiten dank Auftragsarbeiten für das selbstbewusste Bürgertum: Die bisher auf kirchliche Motive beschränkte Malerei wurde nun auf andere Bereiche ausgeweitet, auch die Dreidimensionalität wurde von den Malern entdeckt. Die Architektur lehnte sich infolge der Renaissancebewegung wieder an alte römische und griechische Vorbilder an.

Auch die Wirtschaft erlebte trotz der Pest eine Blüte. Hier sind vor allem wieder die italienischen Stadtstaaten hervorzuheben, aber auch der in der Nord- und Ostsee entstandene Städtebund der Hanse. Die Hanse bewirkte durch den schwunghaften Handel eine weitere Besiedelung Nord- und vor allem Osteuropas durch hauptsächlich deutsche Kolonisten (siehe hierzu den Artikel Ostkolonisation). Durch die Handelskontakte entstanden daneben in Russland eine Reihe neuer Fürstentümer, die nach und nach das mongolische Joch abschüttelten. Aus dem mächtigsten von ihnen, dem Fürstentum Moskau, sollte sich später das russische Zarenreich entwickeln.

Ende des Mittelalters

Als wesentlich für den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit betrachtet man im Allgemeinen die Zeit der Renaissance (je nach Land spätes 14. Jahrhundert bis 16. Jahrhundert), die Erfindung des modernen Buchdrucks mit beweglichen Lettern um 1450 und die damit beschleunigte Verschriftlichung des Wissens, die Entdeckung insbesondere der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus 1492, oder auch den Verlust des Einflusses der institutionalisierten katholischen Kirche und den Beginn der Reformation. Diese Ereignisse sind alle zwischen der Mitte des 15. und der Schwelle zum 16. Jahrhundert anzusiedeln. Im selben Zeitraum kann man das Ende des Mittelalters in Deutschland auch mit der Reichsreform als dem verfassungsrechtlichen Ende des klassischen Feudalismus lokalisieren.

Angeführt wird ferner die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453), da mit dem Untergang des Byzantinischen Reiches das letzte lebendige Staatsgebilde der Antike unterging. Der dadurch ausgelöste Strom byzantinischer Flüchtlinge und Gelehrter nach Italien wird für den Beginn der Renaissance als mitverantwortlich gesehen. Darüber hinaus wurden die Handelsrouten nach Asien durch die Ausbreitung des Osmanischen Reiches blockiert, sodass westeuropäische Seefahrer neue Handelswege erkundeten. Die Suche nach einem Seeweg nach Indien führte unter anderem zur Entdeckung Amerikas 1492.

Populäre Mythen und Missverständnisse

Bereits in der Renaissance wurden die Epoche zwischen der Antike und der damaligen Gegenwart als ein Zeitalter betrachtet, wo das Wissen und die Werte der antiken Kulturen in Vergessenheit gerieten, woraus sich ihre kulturelle und geistige Unterlegenheit ableiten ließ. Diese Einstellung wurde im 19. Jahrhundert im Zuge der aufkommenden Romantik übernommen und weiter ausgebaut, wobei die Rezeption vergangener Zeiten gemäß der Aufklärung, der Moral des Viktorianischen Zeitalters und durch „Fortschrittsgläubigkeit“ und Vernunftsorientierung beeinflusst wurde. Dadurch entstand im 19. Jahrhundert eine moderne und bis heute populäre Rezeption des historischen Mittelalters, die im Großen und Ganzen eher auf dem romantischen Zeitgeist als auf historischen Quellen basiert.

Im Laufe der Zeit haben sich auf diese Weise Vorstellungen vom historischen Mittelalter herausgebildet, die keine historische Grundlage besitzen und sich dennoch einer breiten Bekanntheit erfreuen[3].

  • Die Menschen des Mittelalters glaubten, die Erde sei flach (siehe auch Flache Erde#Ansichten über die Scheibenform der Erde in der Moderne). Diese Meinung ist entgegen landläufiger Ansicht eine moderne und wird durch historische Quellen nicht gestützt. Die bekannteste Abbildung, welche oft als symbolischer „Beweis“ herangezogen wird, ist der Holzstich von Flammarion, der jedoch aus dem Jahr 1888 stammt und deshalb diesbezüglich keinerlei Aussagekraft besitzt. Die Behauptung, Menschen des Mittelalters glaubten, dass die Erde flach sei, taucht zum ersten Mal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf und ist somit für das Mittelalter nicht als historisch zu betrachten.[4] Vor allem Washington Irving trug wesentlich zur Festigung des o.g. Mythos bei durch seine Columbus-Biografie von 1828, wo er aus literarischen Gründen den Matrosen unterstellte sie hätten Angst vom Rand der „Erdenscheibe“ herunterzufallen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die im Mittelalter bekannten Ideen des Aristoteles sowie das Ptolemäische Weltbild die Erde als eine Art Sphäroid lehren, war die Vorstellung einer „Erdenscheibe“ für die Gelehrten des Hochmittelalters an sich untragbar.
  • Menschen im Mittelalter waren ungebildet, rückständig und abergläubisch. Diese Vorstellung trifft nur bedingt zu (schichtenabhängig). Werke bedeutender Autoren entstanden im Mittelalter, etwa jene von Thomas von Aquin, Meister Eckhart, Roger Bacon, Albertus Magnus u. v. a. Die Gründung von Universitäten, der Ausbau der Städte, technologische Fortschritte (z.B. die Erfindung der Brille) sowie umfangreiche zeitgenössische Überlieferungen widersprechen der Annahme eines "barbarischen" Mittelalters.[5]. Die so häufig genannte Hexenverfolgung war v.a. ein Phänomen zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert - und somit eine Erscheinung der Renaissance bzw. der Neuzeit und nicht des Mittelalters.
  • Gewalt, Krieg und Seuchen waren allgegenwärtig, die Lebenserwartung war gering. Obwohl es in Europa zwischen 500 und 1500 zahlreiche Kriege gab, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass diese mit größerer Brutalität oder Rücksichtslosigkeit als in der Neuzeit geführt wurden.[6] Außerdem ist in der Zeit zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert ein deutliches Bevölkerungswachstum sowie eine Ausbreitung des Siedlungsgebietes feststellbar, was auf die günstigeren Klimabedingungen zurückzuführen ist. Die kleine Körpergröße der Menschen im Mittelalter ist eine weitverbreitete, heute jedoch weitgehend widerlegte Annahme. Untersuchungen an Skeletten in den letzten Jahrzehnten haben ergeben, dass die durchschnittliche Körpergröße des mittelalterlichen Menschen vergleichbar ist mit der durchschnittlichen Größe der Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.[7] Europa erlebte im Hochmittelalter eine ausgeprägte Wärmeperiode, im Süden Englands wurde Wein angebaut. Erst im 14., 15. Jahrhundert verschlechterte sich das Klima zur sogenannten „Kleinen Eiszeit“; die damit verbundene Nahrungsumstellung und teilweise Mangelernährung wirkte sich in den darauffolgenden Jahrhunderten auf die durchschnittliche Körpergröße aus. Auch die Betrachtung der Pest als typisch mittelalterliche Erscheinung ist eine Vorstellung der Moderne: Zwischen der Justinianischen Pest und der spätmittelalterlichen Pandemie lagen vom 8. bis zum 14. Jahrhundert mehr als 500 „pestfreie“ Jahre. Im ausgehenden Früh- und anschließendem Hochmittelalter spielte die Pest als Massenseuche in Europa praktisch keine signifikante Rolle.
  • Bauern und die niederen Stände mussten ständigen Hunger, Kälte und unmenschliche Arbeit erdulden. Das Bild vom geschundenen Bauern in zerlumpter Kleidung erfuhr seine größte Popularität in der filmischen Darstellung des Mittelalters. Historisch gesehen war das Leben der niederen Stände jedoch deutlich vielseitiger und weniger entbehrungsreich, als heute oft angenommen wird.[8][9][10] Die Ernährung war ebenfalls keineswegs durchgängig so schlecht, dass es die Menschen an den Rand des Verhungerns brachte[11][12] (siehe dazu: Esskultur des Mittelalters). Während der mittelalterlichen Warmzeit waren Missernten viel seltener als später, was den sozialen und technologischen Ausbau sowie die Expansion der Siedlungsräume ermöglichte. Außerdem ist zwischen dem 11 und 13 Jh. ein rasanter Bevölkerungszuwachs nachweisbar (Rösener S. 39 ff.) der rein physiologisch nur mit einer entsprechenden Ernährung stattfinden konnte. Klimatisch und jahreszeitlich bedingte Schwankungen in der Erntemenge und Nahrungsverfügbarkeit waren zu allen Zeiten gegeben (Hunger im späten Winter), eine oft zitierte "vom Hunger beherrschte dunkle Zeit" lässt sich im historischen Hochmittelalter nicht nachweisen.
  • Abwesenheit der Körperhygiene. Zahlreiche Badehäuser sind in mittelalterlichen Städten archäologisch belegt[13], genauso wie zeitgenössische Schriften, in denen eindeutig zu ausgedehnter Körperpflege und Hygiene gemahnt wird (z. B.: Passionibus Mulierum Curandorum von Trotula sowie Regimen Sanitatis Salernitanum aus dem Umfeld von Schola Medica Salernitana und Compendium Medicinae von Gilbertus Anglicus). Anderweitige historische Überlieferungen zeugen außerdem von ausgeprägter Badelust der gehobener Schichten.[14] Wie auch zu anderen Zeiten und in anderen Ländern war Hygiene eine persönliche Angelegenheit, die mit Sicherheit auch von der gesellschaftlichen Schicht abhängig, unterschiedlich extensiv praktiziert wurde.[15] Besonders im nördlichen Europa finden sich seit dem Frühmittelalter hölzerne Badehäuser und Dampfbäder, welche bis heute in Skandinavien und Osteuropa verwendet werden.
  • Willkür, Folter und Hinrichtungen waren an der Tagesordnung. Entgegen der weitläufigen Meinung ist im 16. Jahrhundert der eigentliche Höhepunkt der Hexenverfolgung anzubringen. Bereits der Sachsenspiegel, ein bedeutender hochmittelalterlicher Rechtscodex, offenbart wohlstrukturierte Rechtsverhältnisse, welche große Teile des Lebens regeln. Eine besondere Rechtlosigkeit des Bürgers und des Bauern ist angesichts der feudalen Strukturen sowie der damals sehr wohl bestehenden Rechtsordnung nicht zutreffend.

Sonstiges

In der japanischen Geschichte wird die Zeit von ca. 1200 bis ca. 1600 als Japanisches Mittelalter bezeichnet. Diese Epoche zeichnete sich durch eine starke Dominanz des Buddhismus und des Feudalismus aus.

Literatur

Wichtige Quellen sind im großen Umfang gesammelt in den Monumenta Germaniae Historica. Siehe auch die dt.-latein. Ausgaben der Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe (FSGA). Wichtige Quellen stellen u. a. neben der Geschichtsschreibung auch Konstitutionen und andere Aktenquellen sowie Regesten dar.

Eine hervorragende Bibliographie findet sich hier (erstellt vom Historischen Seminar der Uni. Bonn) sowie hier (Uni. Tübingen; umfangreiche Liste mit Quellen- und Literaturangaben). Ansonsten sei auf die Angaben im Lexikon des Mittelalters, den einschlägigen Bänden der Reihe Oldenbourg Grundriss der Geschichte (Bd. 4–9) sowie der Enzyklopädie deutscher Geschichte oder den Bibliographien der unten aufgeführten Werke verwiesen.

Nachschlagewerke und Handbücher

  • The New Cambridge Medieval History. Cambridge 1995ff (Hervorragende und aktuelle Gesamtdarstellung; jeder Band bietet eine umfassende Bibliographie).
  • Lexikon des Mittelalters. 9 Bände, dtv-Verlag, München 2002 (in Hardcover München-Zürich 1980–1998, grundlegendes Werk).
  • The Oxford Dictionary of the Middle Ages. Hrsg. von Robert E. Bjork. 4 Bde. Oxford 2010.

Sekundärliteratur

  • Hartmut Boockmann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters. 8. Auflage. C. H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-36677-2 (Eine gute strukturelle Einführung ins Mittelalter).
  • Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter. Frankfurt am Main/Berlin 1988, ISBN 3-548-34004-0.
  • Arno Borst: Barbaren, Ketzer und Artisten: Welten des Mittelalters. München 1988, ISBN 3-492-03152-8.
  • Arnold Esch: Wahre Geschichte aus dem Mittelalter. Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60133-0.
  • Fischer Weltgeschichte, Mittelalter und frühe Neuzeit. 4 Bände, ISBN 3-596-50732-4.
  • Horst Fuhrmann: Einladung ins Mittelalter. C. H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-32052-X.
  • Horst Fuhrmann: Überall ist Mittelalter: von der Gegenwart einer vergangenen Zeit. C. H. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40518-5.
  • Johannes Fried: Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. C.H. Beck, München 2008, ISBN 3406578292.
  • Friedrich Heer: Mittelalter. Von 1100 bis 1350. In: Kindlers Kulturgeschichte. Parkland-Verlag, Köln 2004, ISBN 3-89340-060-5.
  • Karl Helmer: Bildungswelten des Mittelalters. Denken, Gedanken, Vorstellungen und Einstellungen. Schneider Hohengehren, Baltmannsweiler 1997, ISBN 978-3-87116-762-1.
  • Heinz-Dieter Heimann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters. 2. Auflage, UTB, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-8252-1957-4
  • Peter Hilsch: Das Mittelalter – die Epoche. 2. Auflage. UTB, Stuttgart 2008.
  • Jacques Le Goff: Die Geburt Europas im Mittelalter. C.H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51762-5.
  • Tom Holland: Millennium. Die Geburt Europas aus dem Mittelalter (aus dem Englischen von Susanne Held, Original: Millennium. The End of the World and the Forging of Christendom), Klett Cotta, München 2009, ISBN 978-3-608-94379-5.
  • Michael Matheus / Massimo Miglio (Hrsg.): Stato della ricerca e prospettive della medievistica tedesca. Atti della Giornata sulle storiografie (Roma 19-20 febbraio 2004). Istituto storico italiano per il medio evo, Roma 2007, ISBN 88-89190-24-8.
  • Ferdinand Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters. Eine endliche Geschichte. Siedler, Berlin 1987, ISBN 3-88680-279-5.
  • Ernst Schubert: Alltag im Mittelalter – Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002, ISBN 3-534-15999-3.
  • Elisabeth Vavra (Hrsg.): Bild und Abbild vom Menschen im Mittelalter. Wieser Verlag, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-269-3 (Schriftenreihe der Akademie Friesach, Band 6).
  • Wilhelm Volkert: Adel bis Zunft – Ein Lexikon des Mittelalters. C. H. Beck, München 1991, ISBN 3-406-35499-8.

Einzelnachweise

  1. ↑ Knapper Überblick unter anderem bei Martina Hartmann: Mittelalterliche Geschichte studieren. Konstanz 2004, S. 42ff.
  2. ↑ Vgl. Jacques Le Goff: Pour un long Moyen Age. In: Europe 61 (1983), S. 19–24.
  3. ↑ Regine Pernoud: Those Terrible Middle Ages: Debunking the Myths. Ignatius Press © 2000
  4. ↑ Philip Wolff: Wie die Erde zur Scheibe wurde
  5. ↑ Karin Schneider-Ferber: Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über das Mittelalter. Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart © 2009,
  6. ↑ Ewart Oakeshott: A Knight in Battle. Dufour Editions, 1998
  7. ↑ Medieval ancestors measured up to our height standards in: British Archaeology No 84: 51 September 19, 2005
  8. ↑ Norman F. Cantor: The Civilization of the Middle Ages: A Completely Revised and Expanded Edition of Medieval History. Harper Perennial 1994
  9. ↑ Werner Rösener: Bauern im Mittelalter. C.H.Beck; Auflage: 4. © 1993
  10. ↑ Alter, Körpergröße und Ernährung im mittelalterlichen England (engl.)
  11. ↑ C. M. Woolgar, Dale Serjeantson, Tony Waldron: Food in medieval England: Diet and Nutrition. Oxford University Press © 2006
  12. ↑ Medieval Peasant Diet
  13. ↑ Michael Matheus (Hrsg.): Badeorte und Bäderreisen in Antike, Mittelalter und Neuzeit (Mainzer Vorträge 5). Franz Steiner, Stuttgart 2001
  14. ↑ Städtische Badekultur im Mittelalter
  15. ↑ Frances Gies: Life in a Medieval Village. Harper Perennial © 1991

 

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Frühmittelalter

Das Frühmittelalter bezeichnet in der Mediävistik die Periode der Geschichte nach dem Ende der Antike bis zum Hochmittelalter.

In der Regel wird damit der Zeitraum zwischen 565/632 und 962/1066 verstanden. Sowohl der Beginn als auch das Ende des Frühmittelalters sind nicht exakt umrissen, da die Periodisierung je nach gewählter Forschungsperspektive variieren kann.

Zeitliche Abgrenzung

Die Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts betrachtete eine „Epoche“ mit Vorliebe als Entwicklung zwischen Blütezeit, Ausbreitung und Verfall. Für die Bestimmung eines so verstandenen Mittelalters ergaben sich in diesem Denkschema Probleme, weil das Frühmittelalter nicht als Blütezeit einer neuen Ära, sondern eher als Verfall der antiken Welt verstanden wurde. Deshalb blieben die Datierungsversuche des Beginns stets widersprüchlich. Fehlende Überlieferung beförderte die Vorstellung von dunklen Jahrhunderten nach dem Untergang der Antike, auf der anderen Seite wurde mit Begriffen wie Karolingische Renaissance den Vorstellungen eines versäumten Aufbaus nach dem 6./7. Jahrhundert entgegengewirkt.

Ereignisse, die früher vielfach als kennzeichnend für das Ende der Antike und somit den Beginn des Frühmittelalters galten, sind unter anderem die Reichsteilung von 395, die Plünderung Roms durch die Goten (410) und vor allem die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus (476). Diese und weitere „Schlusspunkte“ sind für eine Bestimmung des Frühmittelalters nicht mehr aktuell. Auch Ereignisse im 5./6. Jahrhundert, die weniger als Abschluss denn als Beginn zukünftiger Entwicklungen gedeutet werden können, wie die Niederlage des Syagrius gegen Chlodwig in der Schlacht von Soissons (486), die Gründung des ersten Benediktinerklosters, die Schließung der Platonischen Akademie in Athen (529) oder den Abschluss des Gotenkrieges (535–553), betrachtet man heute nicht mehr als Schnittstellen.

In der Forschungsdiskussion der letzten Jahrzehnte hat es sich als sinnvoller erwiesen, das Ende der Antike deutlich später anzusetzen und dabei die Völkerwanderungszeit als eine Phase anzusehen, die zwischen dem Ende der Spätantike und dem Beginn des Frühmittelalters anzusiedeln ist. Als Wendepunkte gelten jetzt zum Beispiel der Tod des oströmischen Kaisers Justinian (565) und der Einfall der Langobarden in Italien (568).

Da wiederum in Byzanz/Ostrom das Ende der Spätantike erst mit der Verdrängung der lateinischen Amtssprache durch das Griechische um 625 unter Herakleios sowie mit dem Beginn der arabisch-islamischen Expansion 632 anzusetzen ist, spricht man in der Forschung daher heute häufig eher von einer Übergangsphase oder Transformationszeit, die je nach Interpretationsansatz und betrachteter Region zwischen dem späten 5. und dem frühen 7. Jahrhundert liegt. In diesem Zeitraum entwickelte sich die spätantik-mediterrane Welt zu dem so genannten europäischen Mittelalter.

Auch das Ende des Frühmittelalters und der Beginn des Hochmittelalters haben, wie alle Epochengrenzen, kein festes Datum. Als Eckpunkte gelten unter anderem die Adaptierung der weströmischen Reichsidee durch Kaiser Otto I., den Großen (962), die vom Ostfrankenreich zum Heiligen Römischen Reich führte, oder dann erst im 11. Jahrhundert das Ende des ottonischen Kaiserhauses (1024), das Morgenländische Schisma (1054), die normannische Eroberung Englands (1066) und der Beginn des Ersten Kreuzzugs (1095).

Transformation der spätantiken Welt

In der Zeit der Völkerwanderung stießen germanische (sowie, am Ende dieses Zeitraums, slawische) Stämme nach Westen vor und wurden mit der Kultur der Antike und dem Christentum konfrontiert. Dort, wo die Kultur des Römischen Reiches lange Zeit bestanden hatte, wurde sie von den Germanen zumindest teilweise aufgenommen, so dass, obwohl der römische Staat im Laufe des 5. Jahrhunderts im Westen langsam zerfiel, die antike Kultur in Teilen weiterbestand (wenngleich das kulturelle Niveau schließlich, allerdings von Region zu Region unterschiedlich stark, sank) und mit ihr auch einige wirtschaftliche und soziale Strukturen. Auch nach dem Ende des weströmischen Kaisertums 476 bzw. 480 blieb die Idee des Imperium Romanum durchaus lebendig. Der oströmische Kaiser Justinian konnte weite Teile des alten Westreichs zeitweilig wieder seiner Herrschaft unterwerfen, und noch bis etwa 600 sahen sich die germanischen Nachfolgestaaten im Westen wenigstens nominell als Untertanen des einzig souveränen Herrschers, des oströmischen Kaisers. Der letzte Zug der spätantiken Völkerwanderung erfolgte 568. Erst danach ist ein beschleunigtes Verschwinden spätantiker Elemente in Westeuropa zu beobachten. Doch noch 200 Jahre später war die Idee des weströmischen Kaisertums so wirkungsmächtig, dass Karl der Große seine Erneuerung versuchte.

Der spätrömische Staat war relativ stark bürokratisiert und zentralisiert gewesen (siehe dazu Spätantike). Da mit ihm im Westen auch die übergeordnete Herrschaftsgewalt und die vereinheitlichten Verwaltungsstrukturen verloren gingen, bildeten sich neue Herrschaftsstrukturen heraus, die auf der germanischen Tradition der Personenverbände basierten. Eine Adelsschicht bildete sich heraus, die auf der Grundherrschaft gründete, d. h. auf Recht über Haus und Grund und allen darauf lebenden Personen. Diese Macht wurde auf die Verwandtschaft ausgedehnt, später auch über die eigentlichen Familien hinaus, bis hin zu hierarchischen Strukturen, an deren Spitze der jeweilige Fürst bzw. König stand.

Gesellschaft, Kirche, Staat

Die frühmittelalterliche Gesellschaft war agrar- und naturalwirtschaftlich geprägt. Im Vergleich zur Antike verloren Handel und Geldwirtschaft an Bedeutung, wenn auch die moderne Forschung betont, dass es neben den Brüchen in bestimmten Bereichen durchaus auch Kontinuität zur Spätantike gegeben hat.

Die römische Gesellschaft war stark arbeitsteilig organisiert gewesen, Wirtschaft und Handel waren von intakten Fernhandelswegen abhängig. Doch ihr Nutzen für die eroberten Gebiete war nicht groß genug, um dieses System trotz der Schwächung der Zentralgewalt aus eigenen Kräften aufrecht zu erhalten. Römisches Geld, Römische Architektur und Römisches Recht galten vielerorts als überwundene Zeichen der Fremdherrschaft und konnten sich nicht durch ihren praktischen Wert behaupten. Nicht nur äußere Einflüsse, sondern auch die christliche Reform des Autoritätsverständnisses, das den persönlichen Kontakt (Gnade) gegenüber den unpersönlichen Festlegungen bevorzugte, schwächten die zentralistischen Strukturen des Reichs. Mit dem Zusammenbruch des weströmischen Staates zerfiel dieses empfindliche System, und die nun wieder auf lokale Märkte angewiesenen Menschen hatten, auch wenn sie gewollt hätten, nicht mehr die Mittel und das technische Know-How, um die Errungenschaften der Antike weiter zu pflegen. Es fehlte an Spezialisten, ohne die die hochentwickelte Gesellschaft der Antike nicht fortbestehen konnte. So ging zwischen dem Ende des 4. bis zum 7. Jahrhundert die Masse aller literarischen Werke verloren (siehe Bücherverluste in der Spätantike; schon Cassiodor versuchte nur noch die Restbestände durch Kopieren zu sichern), vor allem aber sank das Niveau der materiellen Kultur unter den Stand nach der römischen Eroberung: Um 600 lebte ein Bauer an Rhein oder Themse also weitaus primitiver als seine Vorgänger um Christi Geburt.

Als der Staat weitgehend zerfiel, blieb die Kirche die einzig übergeordnete Institution. Allerdings wurde auch hier die Macht fragmentiert; viel Macht lag bei den Bischöfen, die für gewöhnlich von benachbarten Bischöfen in Synoden, manchmal auch von Volksversammlungen (Ambrosius) ernannt wurden und nicht vom Papst, da das Primat des Papsttums sich noch nicht herausgebildet hatte. Der wesentliche Träger der Kultur und des Wissens war die Kirche, darin speziell die Klöster der Benediktiner oder der Iroschotten, denen später die Bendediktinerregel auferlegt wurde (z. B. dem Kloster St. Gallen). Das Lesen und Schreiben beherrschten meist nur Angehörige des Klerus und Teile des Hochadels. Die Wissenschaft beschränkte sich weitgehend auf die Bereitstellung und Systematisierung des vorhandenen Wissens und das Kopieren von Werken antiker Autoren. Dabei wurden auch praktische Aspekte aus der Antike tradiert, zum Beispiel Obstbau und Weinbau. Die geschichtlichen Personen und Ereignisse des 7. bis 10. Jahrhunderts sind großenteils aus den vielen handschriftlichen und datierten Dokumenten der Mönche aller Länder Europas bekannt (z. B. Beda Venerabilis).

Auch im Oströmischen Reich (Byzanz) fand der Übergang zur frühmittelalterlichen Kultur statt, wenn er sich auch in anderen Bahnen vollzog, da im Osten die antike Kultur eher fortbestand als im Westen. Beschleunigt wurde die Entwicklung des oströmischen Reiches hin zum Byzantinischen Reich durch die Islamische Expansion um 640, wodurch Byzanz seinen spätantiken Charakter weitgehend verlor und ebenfalls ins Mittelalter eintrat. Von Bedeutung für die Entwicklung war zudem die Justinianische Pest, die 541 ausbrach und den ganzen Mittelmeerraum in immer neuen Seuchenzügen betraf, was zu einem erheblichen Bevölkerungsverlust geführt haben dürfte, der wohl vielerorts den Übergang zum Mittelalter beschleunigte.

Kunst und Kultur

In der Baukunst bildet die Vorromanik einen Übergang zwischen spätantiken und romanischen Architekturformen. Musik und Theater des Frühmittelalters bleiben aufgrund spärlicher Überlieferungen nach wie vor im Dunkeln. Die Schriften des Boëthius wie des Martianus Capella (5./6. Jahrhundert) finden erst am Anfang des Hochmittelalters wieder größere Beachtung. Dem Niedergang des Schulwesens folgte erst allmählich eine klösterliche Bildungskultur. Die Benediktiner bemühten sich seit dem 6. Jahrhundert um die Gründung von Klosterschulen, die Ende des 8. Jahrhunderts dann zu allen Klöstern gehörten.

Viele Hinweise zeigen, dass sich spätantike Traditionen im Osten besser halten konnten als im Westen. Die Ikonenmalerei wird zu einem Höhepunkt frühmittelalterlicher Kunst. Auch die byzantinische Buchmalerei konnte antike Kontinuitäten bewahren. Der Byzantinische Bilderstreit im 8./9. Jahrhundert bedeutete dagegen einen Unterbruch und hatte zahlreiche Verluste zur Folge. Die Makedonische Renaissance seit dem 9. Jahrhundert beeinflusste wiederum den Westen.

Die Karolinger besannen sich in der sogenannten Karolingischen Renaissance auf spätrömische Tradition, und der klösterliche Kirchengesang der Gregorianik versuchte seit dem 8. Jahrhundert eine, wie man meinte, frühchristliche römische Tradition zu erhalten. Die Bemühungen, in diesem Zusammenhang auch die Musik zu fixieren, führen im 9. Jahrhundert zu den ersten musikalischen Aufzeichnungen in Neumen. Mittelalterliches Theater zeigt sich dagegen erst seit dem 10. Jahrhundert in kurzen Dialogen, die sich aus dem Ostertropus entwickelten.

Die kulturellen Zentren befanden sich zunächst im Osten. Die frühe islamische Philosophie konnte bereits im 8./9. Jahrhundert an antike Vorbilder anknüpfen, so die Schule der Muʿtazila. Die Akademie von Gundishapur aus dem 3. Jahrhundert hatte das Ende der oströmischen Welt überstanden und war ein Vorbild für das Haus der Weisheit in Bagdad, das seit 825 die antiken Kenntnisse von Medizin und Mathematik verbreitete.

Literatur

Wichtige Beiträge enthalten unter anderem auch das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (2. Aufl.) sowie mehrere Fachzeitschriften (z. B. Early Medieval Europe und Frühmittelalterliche Studien).

Gesamtdarstellungen und Überblickswerke

  • The New Cambridge Medieval History. Hrsg. von Paul Fouracre u.a. Bd. 1–3. Cambridge 1995–2005.
  • (Die wohl umfassendste Darstellung des Frühmittelalters.)
  • Arnold Angenendt: Das Frühmittelalter. Die westliche Christenheit von 400 bis 900. 3. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart, Berlin und Köln 2001, ISBN 3-17-017225-5.
  • (Profunde Darstellung des renommierten Kirchenhistorikers.)
  • Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 3. Aufl., New York 2010, ISBN 0-230-00673-6.
  • Johannes Fried: Die Formierung Europas 840–1046 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 6). 3. Aufl. München 2008.
  • Hans-Werner Goetz: Europa im frühen Mittelalter. 500–1050 (= Handbuch der Geschichte Europas 2). Ulmer, Stuttgart 2003, ISBN 3-8001-2790-3.
  • (Einführung mit Forschungsteil und reichhaltigen Literaturangaben.)
  • Judith Herrin: The Formation of Christendom. Princeton 1987.
  • Theo Kölzer, Rudolf Schieffer (Hgg.): Von der Spätantike zum frühen Mittelalter: Kontinuitäten und Brüche, Konzeptionen und Befunde (= Vorträge und Forschungen, Bd. LXX). Thorbecke, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-7995-6870-8 (Rezension)
  • Ernst Pitz: Die griechisch-römische Ökumene und die drei Kulturen des Mittelalters. Akademie Verlag, Berlin 2001.
  • (Gut lesbare, bis in frühe 9. Jahrhundert reichende Darstellung.)
  • Walter Pohl (Hrsg.): Die Suche nach den Ursprüngen - Von der Bedeutung des frühen Mittelalters (= Forschungen zur Geschichte des Mittelalters, Band 8). Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 2004, ISBN 3-7001-3296-4.
  • (Aufsatzsammlung mit umfangreichem Quellen- und Literaturverzeichnis.)
  • Friedrich Prinz: Von Konstantin zu Karl dem Großen. Entfaltung und Wandel Europas. Düsseldorf und Zürich 2000, ISBN 3-538-07112-8.
  • (Darstellung, die vor allem die Kontinuitäten und Brüche der Spätantike zum Mittelalter hin herausarbeitet.)
  • Theodor Schieffer (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte. Bd. 1: Europa im Wandel von der Antike zum Mittelalter. Stuttgart 1976.
  • Chris Wickham: The Inheritance of Rome: A History of Europe from 400 to 1000. London 2009.
  • (Hervorragende, gut lesbare und aktuelle wissenschaftliche Gesamtdarstellung des Frühmittelalters.)

Literatur zu einzelnen Themenbereichen

  • Gerd Althoff: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat (= Kohlhammer-Urban-Taschenbücher, Bd. 473). 2. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-018597-7.
  • Johannes Fried: Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge Deutschlands bis 1024 (= Propyläen Geschichte Deutschlands 1). Berlin 1994.
  • Hans-Werner Goetz, Jörg Jarnut, Walter Pohl (Hrsg.): Regna and Gentes: The Relationship between Late Antique and Early Medieval Peoples and Kingdoms in the Transformation of the Roman World. Brill, Leiden u. a. 2003.
  • (Sammelband mit wichtigen Beiträgen zu den einzelnen Reichsbildungen im Verlauf der Völkerwanderungszeit.)
  • Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West, 376–568. Cambridge University Press, Cambridge 2007.
  • (Gut lesbare, aktuelle und recht detaillierte Darstellung der Völkerwanderungszeit unter Einbeziehung der neuesten Forschung.)
  • Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the sixth to the eleventh Century. 2. Auflage. Pearson Longman, Harlow u. a. 2004, ISBN 0-582-40525-4.
  • Anton Scharer, Georg Scheibelreiter (Hrsg.): Historiographie im frühen Mittelalter. München-Wien 1994.
  • Reinhard Schneider: Das Frankenreich (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 5). 4. Aufl. Oldenbourg, München 2001.
  • (Einführung mit umfassender Bibliographie zu Merowingern und Karolingern.)
  • Julia M. H. Smith: Europe after Rome. A New Cultural History 500–1000. Oxford 2005.
  • (Aktuelle und fundierte kulturgeschichtliche Darstellung.)
  • Chris Wickham: Framing the Early Middle Ages. Europe and the Mediterranean, 400–800. Oxford 2005.
  • (Wichtige wirtschafts- und sozialgeschichtliche Darstellung.)
  • Mark Whittow: The Making of Byzantium, 600-1025. Berkeley 1996.

 

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Hochmittelalter

Als Hochmittelalter wird in der Mediävistik die von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts dauernde Epoche bezeichnet. Wichtig dabei ist, dass sich dieser Begriff im wissenschaftlichen Sinne ausschließlich auf West- und Mitteleuropa bezieht. Auf den benachbarten byzantinischen oder den islamischen Bereich und die außereuropäische Geschichte trifft er nicht oder nur sehr begrenzt zu.

Die Abgrenzung des Hochmittelalters zum Frühmittelalter wird unterschiedlich vorgenommen. Eine Möglichkeit ist die Mitte des 11. Jahrhunderts, weil sich ab dieser Zeit ein umfassender Wandel in Europa vollzog. Dieser Wandel wurde durch ein bis in das 14. Jahrhundert anhaltendes Bevölkerungswachstum ausgelöst. Neue Gebiete mussten erschlossen, die Produktionsmethoden zur Erhöhung der Erträge verbessert werden. Dies förderte Handwerk und Handel, und damit wiederum die Geldwirtschaft. Neue Märkte entstanden, die wiederum die Kassen der Städte füllten. Eine seit der Antike nicht gekannte soziale Mobilität entwickelte sich, sowohl örtlich als auch den sozialen Stand betreffend.

Die Kirche mit dem herausgebildeten Papsttum entwickelte nach innen eine klare Hierarchie, nach außen kämpfte sie mit den weltlichen Herrschern um die Vormacht. Diese Machtkämpfe wurden von vielen Zeitgenossen kritisiert. So entstanden in Deutschland kirchliche Reformbewegungen, es kam in dieser Zeit allerdings auch zum Investiturstreit. Das Hochmittelalter war auch eine Blütezeit der geistlichen Orden, wie beispielsweise der Zisterzienser oder Prämonstratenser.

Bildung wurde in den Vordergrund gerückt. Es entstanden Dom- und Klosterschulen, und die ersten Universitäten wurden gegründet. Neben Theologie wurden vor allem die Fächer Medizin (vor allem in Frankreich) und Jura (vor allem in Italien und dort insbesondere in Bologna) gelehrt. Diese Bildungsrevolution wurde durch die Wiederentdeckung antiker Schriften ermöglicht (wie die des Aristoteles), die aus dem arabischen beziehungsweise byzantinischen Bereich nach Westeuropa gelangten. Infolge dieses Prozesses bestimmte nun die Scholastik das wissenschaftliche Denken.

Lesen und Schreiben waren nicht mehr nur Fertigkeiten des Klerus, sondern zunehmend auch von Teilen der Beamten (Ministeriale) und Teilen des Adels. Die Literatur bediente die neuen Leser, indem sie nicht nur geistliche und philosophische Themen verarbeitete. Es wurde nicht mehr nur in lateinischer Sprache, sondern auch in Landessprache geschrieben. In der Malerei wandte man sich von der Darstellung geistlicher Themen hin zur Darstellung von Natur und Alltag. In der Architektur herrschte die Romanik vor. Die Menschen, denen dies möglich war, konnten sich relativ sicher frei innerhalb weiter Teile Westeuropas bewegen.

Das Hochmittelalter war auch die Zeit der Kreuzzüge.

Diese Epoche war auch die Blütezeit des Rittertums, das sich in Folge eben jener Kreuzzüge neu definierte (siehe Ritterorden).

Im staatlichen Bereich büßte in jener Zeit das Heilige Römische Reich an Macht ein, während die „nationalen Königreiche“ (England und Frankreich) an Macht und Einfluss gewannen. Im wirtschaftlichen Bereich kam es zur Ausbildung eines Bankensystems, vor allem in Oberitalien.

Die auf das Hochmittelalter folgende Epoche wird als das Spätmittelalter bezeichnet.

Siehe auch: Mittelalter und die entsprechenden Geschichtsabschnitte der einzelnen Länder.

Terminologische Tücke

Der französische Begriff Haut Moyen Âge bezeichnet das Frühmittelalter, beginnt also mit der Völkerwanderung. Dem deutschen Begriff Hochmittelalter entspricht im Französischen le Moyen Âge classique. Dagegen bezeichnen Haute Renaissance und Hochrenaissance ein und dieselbe Periode.

Literatur

  • Michael Borgolte: Europa entdeckt seine Vielfalt. 1050-1250. (Handbuch der Geschichte Europas 3), Stuttgart 2002. (Hervorragende Einführung mit zahlreichen Literaturangaben. Es wird auch den sozialen und kulturellen Strömungen Rechnung getragen.)
  • Alfred Haverkamp: Zwölftes Jahrhundert. 1125–1198 (Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte 5). Stuttgart 2003.
  • Hermann Jakobs: Kirchenreform und Hochmittelalter 1046-1215 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 7). München 1999 (unv. ND der 4. Aufl. 1994). (Über 1400 Literaturangaben und Überblick über den Stand der Forschung)
  • George Duby: Rural Economy and Country Life in the Medieval West, London 1968. (wichtiger Klassiker zu den sozioökonomischen Rahmenbedingungen)

 

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Spätmittelalter

Als Spätmittelalter wird der Zeitraum der europäischen Geschichte von der Mitte des 13. bis zum Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts bezeichnet (also ca. 1250 bis 1500), der das europäische Mittelalter abschließt und in die Renaissance mündet, die Übergangsepoche zur frühen Neuzeit.

Eine generelle zeitliche Eingrenzung des Übergangs vom Spätmittelalter in die Renaissance ist nicht möglich, da letztere wesentlich aus der kulturphilosophischen und kunstgeschichtlichen Entwicklung heraus definiert ist. Je nachdem, wie offen die jeweiligen Gelehrten und Mäzene in den europäischen Kulturzentren der neuen Entwicklung gegenüberstanden, breitete sich die Renaissance in den europäischen Regionen unterschiedlich schnell aus.

Das Spätmittelalter wurde von manchen Historikern wegen einiger Erscheinungen in Kunst und Kultur sowie in der Verfassung des Deutschen Reiches als Krisenzeit betrachtet. Dies ist nicht unwidersprochen geblieben und wird in der heutigen Forschung nicht mehr so gesehen.

Überblick

Um 1300 breitete sich Hungersnöte und Seuchen wie die große Hungersnot 1315–1317 und der Schwarze Tod 1347–1353 aus und reduzierten die Bevölkerung auf etwa die Hälfte. Soziale Erhebungen und Bürgerkriege führten in Frankreich und England zu schweren Volksaufständen (Jacquerie und Peasants’ Revolt), und zwischen diesen beiden Staaten brach der Hundertjährige Krieg aus. Die Einheit der Kirche wurde durch das Große Schisma erschüttert. Am Ende der Kreuzzüge (1095–1291) war das Byzantinische Reich zu einer unbedeutenden Regionalmacht herabgesunken, der Islam herrschte nach seiner Expansion über das Gebiet von Spanien bis Zentralasien. Der 200 Jahre dauernde Konflikt hatte die Kriegsführung und auch die Gesellschaft verändert. Die Verlierer jener Ära waren vor allem die Lehnsherren und das Rittertum. Doch auch Papsttum und Kaisertum mussten Autorität einbüßen. Die Gesamtheit dieser Ereignisse wird traditionell auch Krise des Spätmittelalters genannt, auch wenn dieses Modell inzwischen nicht mehr unumstritten ist.

Andererseits war das 14. Jahrhundert auch eine Zeit des künstlerischen und wissenschaftlichen Fortschritts. Die Wiederentdeckung der Texte des alten Griechenlands und Roms führten zu dem, was die Zeitgenossen Renaissance nannten, zur „Wiedergeburt“ des antiken Geisteslebens und seiner Rezeption. Diese Entwicklung hatte schon mit dem Kontakt zu den Arabern während der Kreuzzüge begonnen und sie beschleunigte sich mit der Eroberung Konstantinopels durch das Osmanische Reich, vor der viele byzantinische Gelehrte in den Westen, insbesondere nach Italien, flohen. Die Erfindung des Buchdrucks hatte enormen Einfluss auf die europäische Gesellschaft. Sie erleichterte die Verbreitung des Geschriebenen und demokratisierte das Lernen, eine wichtige Voraussetzung für die spätere protestantische Kirchenreformation. Der Aufstieg des Osmanischen Reiches bis zum Fall Konstantinopels 1453, der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches im selben Jahr, in dem auch der Hundertjährige Krieg endete, hatte die Verkehrswege nach Osten abgeschnitten, doch Kolumbus’ Entdeckung Amerikas 1492 und Vasco da Gamas Umsegelung des afrikanischen Kontinents 1498 öffneten neue Handelsrouten und stärkten Macht und Wirtschaftskraft der europäischen Nationen. Die Gewinner waren Händler und Handwerker, Bankiers und Ratsherren, die im Schutz der Städte ein zunehmend freies, von weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten unabhängigeres Leben führen konnten. Epochale Ereignisse waren schließlich auch der Beginn der Reformation (1517) und der Deutsche Bauernkrieg (1525/26).

All diese Entwicklungen zusammengenommen erlauben es, für die Jahrzehnte um 1500 vom Ende des Mittelalters und vom Beginn der Neuzeit zu sprechen. Dabei ist anzumerken, dass diese Einteilung immer etwas willkürlich bleibt, da das antike Wissen niemals ganz aus der europäischen Gesellschaft verschwunden war, sondern es gab vielmehr seit der klassischen Antike eine gewisse Kontinuität. Zudem bestanden erhebliche regionale Unterschiede. So ziehen es einige Historiker, speziell in Italien vor, nicht vom Spätmittelalter zu sprechen, sondern die Renaissance des 14./15. Jahrhunderts als direkten Übergang zur Neuzeit anzusehen.

Historische Ereignisse und Politik

Heiliges Römisches Reich

Nach dem Tod des Stauferkaisers Friedrich II. am 13. Dezember 1250 begann im Heiligen Römischen Reich das Interregnum, eine Zeit der Instabilität mit mehreren Königen und Gegenkönigen, in der vor allem die Macht des sich nun endgültig formierenden Kurfürstenkollegiums gestärkt wurde. Das Interregnum endete erst 1273 mit der Wahl Rudolfs von Habsburg zum König. Nach Auseinandersetzungen mit dem König von Böhmen, Přemysl Ottokar II., den Rudolf in der Schlacht auf dem Marchfeld am 26. August 1278 besiegte, erwarb er Österreich, die Steiermark und die Krain und legte so die Grundlage für den Aufstieg des Hauses Habsburg zur mächtigsten Dynastie im Reich. Rudolfs Nachfolger, Adolf von Nassau und Albrecht I., standen im Konflikt mit den Kurfürsten, die 1308 den Luxemburger Heinrich VII. zum König wählten. Heinrich versuchte, das Kaisertum in Anlehnung an die Stauferzeit zu erneuern. Er unternahm 1310 einen Italienzug und wurde im Juni 1312 als erster römisch-deutscher König nach Friedrich II. zum Kaiser gekrönt, starb jedoch schon im August 1313. 1314 kam es zu einer Doppelwahl: Ludwig der Bayer aus dem Hause Wittelsbach konkurrierte mit Friedrich dem Schönen aus dem Hause Habsburg, wobei sich Ludwig schließlich durchsetzen konnte, bald aber in einen schwerwiegenden Konflikt mit dem Papsttum geriet (siehe Johannes XXII. und Clemens VI.). Im Reich nutzten die Luxemburger die Aufforderung des Papstes zur Wahl eines neuen Königs aus und 1346 wurde Karl IV. aus dem Hause Luxemburg von vier Kurfürsten zum König gewählt. Zu einem Kampf zwischen Karl und Ludwig kam es nicht mehr, da letzterer kurz darauf verstarb.

Karl IV. erließ 1356 die Goldene Bulle, eine Art Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches. Mit ihr wurde der Kreis der Kurfürsten, die zur Königswahl zugelassen waren, offiziell festgelegt. Karl betrieb darüber hinaus eine überaus erfolgreiche Hausmachtpolitik, sein Sohn und Nachfolger Wenzel konnte jedoch nicht an die Politik seines Vaters anknüpfen; er wurde schließlich im Jahr 1400 wegen Unfähigkeit von den Kurfürsten abgesetzt, die stattdessen Ruprecht von der Pfalz zum neuen König wählten. Dieser agierte bemüht, aber letztendlich, auch aufgrund unzureichender Geldmittel, erfolglos. Mit dem Tod König Sigismunds 1437 ging die Königswürde von den Luxemburgern dauerhaft an die Habsburger über. Das Reich blieb zersplittert und große Teile der realen Macht lagen bei den weltlichen und geistlichen Territorialherren sowie im Norden bei der Hanse. 1495 wurde auf dem Wormser Reichstag eine Reichsreform beschlossen, die unter anderem jegliche Art von Fehde verbot (Ewiger Landfrieden) und eine jährliche Einberufung des Reichstags, eine Reichssteuer und ein vom König unabhängiges Reichskammergericht einführte. Dadurch setzten die Fürsten ihre Forderung nach mehr Beteiligung der Reichsstände durch.

Frankreich

Frankreich entwickelte sich unter den Kapetingern im 13. Jahrhundert zur bedeutendsten politischen Kraft in Westeuropa. Bereits in der späten Stauferzeit hatte Frankreich im Grenzraum zum römisch-deutschen Reich eine Expansionspolitik betrieben, wobei die Intensität nach dem Tod Friedrichs II. zunahm. Zwischen dem machtbewussten Philipp IV. und Papst Bonifatius VIII. kam es zu Beginn des 14. Jahrhunderts aufgrund der Besteuerung des französischen Klerus durch Philipp zum Konflikt. Bonifatius erließ die berühmte päpstliche Bulle Unam Sanctam, worin der absolute Führungsanspruch des Papsttums auch in weltlichen Fragen postuliert wurde, doch gelang es Philipp, den Papst zeitweilig festnehmen zu lassen. Kurz darauf starb Bonifatius, sein Nachfolger Benedikt XI. amtierte nur knapp ein Jahr, und der darauffolgende Clemens V. konnte sich gegen den französischen König in vielen Fragen nicht behaupten; es war der Beginn des sogenannten Avignonesischen Papsttums.

1328 folgte den in männlicher Linie ausgestorbenen Kapetingern das Haus Valois nach. Aufgrund konkurrierender Thronansprüche des englischen Königs Eduard III. Plantagenet begann 1337 der bis 1453 andauernde Hundertjährige Krieg. Die englischen Truppen, die besser geführt wurden und über die gefürchteten Langbogenschützen verfügten, erzielten beachtliche Erfolge und kontrollierten um 1360 große Teile Frankreichs; die Bevölkerung litt zudem unter plündernden Söldnerverbänden (Armagnacs) und Epidemien (Schwarzer Tod).

Ende des 14. Jahrhunderts waren die Engländer durch einen Abnutzungskrieg auf einige wenige Stützpunkte an der Atlantikküste und am Ärmelkanal zurückgedrängt. 1415 erneuerte jedoch Heinrich V. den Krieg; er vernichtete in der Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415 das französische Heer. Schließlich trat Philipp der Gute, der mächtige Herzog von Burgund aufgrund der Ermordung seines Vaters durch Anhänger der Valois auf die Seite Englands, auch wenn das Bündnis einige Jahre später wieder zerbrach. 1420 erkannte der französische König Karl VI. im Vertrag von Troyes die Ansprüche Heinrichs an, doch starb dieser bald darauf; die von ihm erhoffte Vereinigung Frankreichs mit England war damit gescheitert, wenn auch valoistreue Truppen nur noch Gebiete im Süden Frankreichs kontrollierten. Das Erscheinen der Jeanne d’Arc (Johanna von Orleans) wendete den Kriegsverlauf jedoch zugunsten Frankreichs. Sie führte 1429 den Dauphin Karl VII. zur Königssalbung nach Reims. Karl VII. konnte sich 1435 jedoch mit dem Herzog von Burgund einigen, wobei der König dem Herzog eine große Selbständigkeit gewährte (die erst unter Ludwig XI. 1477 beendet werden sollte). Die Engländer waren nun endgültig in die Defensive gedrängt und zogen sich 1453 zurück; nur Calais verblieb ihnen als letzter Stützpunkt auf dem Kontinent.

Frankreich wurde nun wieder expansiv tätig: Karl VIII. fiel 1494 in Italien ein, womit das bis dahin dort herrschende Mächtegleichgewicht empfindlich gestört wurde. Knapp 30 Jahre darauf griff auch Kaiser Karl V. in Italien ein; es begann ein jahrzehntelanger Kampf zwischen den Häusern Valois und Habsburg um die Vorherrschaft in Europa.

Britische Inseln

Die Schlacht von Bannockburn beendete 1314 die englischen Versuche, Schottland zu unterwerfen, und erlaubte den Schotten die Bildung eines starken Staatswesens unter den Stuarts. Ab 1337 richtete England seine Aufmerksamkeit vorwiegend auf den Hundertjährigen Krieg mit Frankreich. Heinrich V. rückte mit seinem Sieg bei Azincourt 1415 die Vereinigung beider Königreiche in greifbare Nähe, doch sein Sohn Heinrich VI. vergeudete den Vorteil. Fast sofort nach dem Kriegsende 1453 begannen die dynastischen Auseinandersetzungen der Rosenkriege (1455–1485). Sie endeten mit der Thronfolge Heinrichs VII. und der starken Zentralgewalt der Tudor-Monarchie. Während Englands Aufmerksamkeit so abgelenkt war, gelangte Irland unter seiner formalen Oberherrschaft zu einer praktisch weitgehenden Unabhängigkeit.

Skandinavien

Siehe auch: Geschichte Skandinaviens, Geschichte Dänemarks, Geschichte Norwegens und Geschichte Schwedens

Nach dem Scheitern der Union zwischen Schweden und Norwegen (1319–1365) wurde 1397 die skandinavische Kalmarer Union gegründet. Die Schweden zögerten, sich an der dänisch dominierten Union zu beteiligen und traten nach dem Stockholmer Blutbad 1520 aus. Norwegen andererseits verlor seinen Einfluss und blieb mit Dänemark bis 1814 vereinigt. Die norwegische Kolonie auf Grönland starb im 15. Jahrhundert aus, vermutlich aufgrund der sich verschlechternden klimatischen Bedingungen.

Südeuropa

1469 heirateten Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon und bildeten damit das Territorium des modernen Spanien. 1492 wurden die Mauren von Granada vertrieben, die Reconquista (Wiedereroberung) war damit abgeschlossen. Portugal hatte während des 15. Jahrhunderts langsam die Küste Afrikas erforscht und 1498 fand Vasco da Gama den Seeweg nach Indien. Die spanischen Herrscher begegneten dieser Herausforderung, indem sie Kolumbus’ Expedition unterstützten, der einen westlichen Seeweg nach Indien suchte – er entdeckte Amerika im selben Jahr, in dem Granada fiel.

In Italien wuchs Florenz durch seine Finanzgeschäfte zum mächtigsten der Stadtstaaten heran, welche die politischen Hauptakteure im Norden und in der Toskana waren. Die in Florenz herrschende Familie der Medici förderte die Künste und wurde dadurch eine Triebkraft der Renaissance. Mit der Rückkehr des Papsttums nach Rom 1378 wurde diese Stadt ein weiteres Mal politische und kulturelle Metropole. Im Norden hingegen erlosch nach dem Ende der Staufer der seit der Zeit Ottos I. vorhandene Einfluss der römisch-deutschen Herrscher fast vollkommen. Der Italienzug Heinrichs VII. (1310–13) stellte den letzten ernsthaften Versuch dar, den Reichsrechten in Ober- und Mittelitalien gegenüber den Kommunen, dem Papst und dem König von Neapel (siehe Robert von Anjou) wieder Geltung zu verschaffen, womit Heinrich aber, auch bedingt durch seinen frühen Tod, scheiterte. Ludwig der Bayer und Karl IV. wurden in Italien kaum aktiv, während Ruprecht von der Pfalz die nötigen Mittel fehlten.

Osteuropa

Das byzantinische Reich hatte Südosteuropa politisch und kulturell über Jahrhunderte dominiert. Kurz vor dem Fall Konstantinopels 1453 war es jedoch zu einem tributpflichtigen Vasallen des osmanischen Reichs herabgesunken, nur noch bestehend aus der Stadt Konstantinopel und einigen griechischen Enklaven. Nach dem Fall Konstantinopels stand es fest unter türkischer Kontrolle und blieb es bis zur gescheiterten zweiten türkischen Belagerung Wiens 1683 (Schlacht am Kahlenberg). Für die Griechen begann eine bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts andauernde Fremdherrschaft, in der nur die orthodoxe Kirche als Bezugspunkt bestehen blieb. Auch die übrigen Balkanländer wie Serbien (siehe Schlacht auf dem Amselfeld), Albanien (siehe Skanderbeg) oder Bulgarien wurden Teil des Osmanischen Reiches.

Als die Osmanen im Jahr 1453 Konstantinopel eroberten, rief Papst Kalixt III. die Christenheit zum Kreuzzug auf. Im christlichen Heer, das im Jahr 1456 das osmanische Heer in der Schlacht bei Belgrad besiegte, befand sich auch eine große Zahl an Kroaten, die der Franziskaner Johannes von Kapistran anführte. Als Antemurale Christianitatis (Bollwerk der Christenheit, lat. wörtlich antemurale für „Vormauer“) bezeichnete Papst Leo X. die Kroaten im Jahr 1519 anerkennend, weil sie gegen die Ausbreitung des Osmanischen Reiches gen Europa Widerstand leisteten. Nachdem das christliche Heer von den Türken in der Schlacht bei Mohács im Jahre 1526 aufgerieben worden war, kam auch das Königreich Ungarn unter osmanische Fremdherrschaft und die Osmanen bedrohten das übrige Europa. Das Ergebnis der Verteidigungsbemühungen der Kroaten im 15. Jahrhundert waren 30 Kriegszüge und 70 zerstörte Städte.

Im Norden war die wesentliche Entwicklung das enorme Wachstum des litauischen, später polnisch-litauischen Königreichs. Weit im Osten verlor die Goldene Horde 1380 die Schlacht auf dem Kulikowo Pole (Schnepfenfeld) und musste die Übermacht des Großfürstentums Moskau als Regionalmacht anerkennen, gefolgt vom Niedergang des Staates der Kiewer Rus. 1480 beendete Iwan der Große nach dem Großen Gegenüberstehen an der Ugra endgültig die mongolische Herrschaft in Russland und legte die Grundlagen des russischen Nationalstaates.

Gesellschaft und Wirtschaft

Am 18. Mai 1291 nahmen moslemische Armeen Akkon, die letzte christliche Festung im Heiligen Land, ein. Dieses Ereignis bedeutete nur noch formal das Ende der Kreuzzüge. Schon lange zuvor hatte sich die Lage des „Abendlandes“ verändert. Die Kreuzzüge schufen die Voraussetzung für kulturelle und wirtschaftliche Kontakte mit Byzanz und den weiter östlich gelegenen islamischen Gebieten. Byzanz war der Marktplatz, auf dem es praktisch alles gab, und Europa lernte neue Handelswaren kennen, Seidenstoffe, Gewürze, Obst und Spiegel aus Glas. Die meisten Güter waren nur für die reichen Europäer erschwinglich, doch mit dem Handel und Transport ließ sich Geld verdienen. Die neu erwachte Geldwirtschaft war noch jung, in Oberitalien entstanden die ersten banche, die Stuben der italienischen Geldwechsler und Kreditverleiher, schließlich die großen Handelskompanien – Gesellschaften, die internationalen Handel und Produktion im großen Stil finanzierten, und dafür vom Staat oftmals besondere Privilegien und Monopole erhielten. Die größten Finanziers bezahlten sogar die Kriege der Herrschenden. Familien wie die deutschen Fugger, die italienischen Medici und die de la Poles in England erreichten enorme politische und wirtschaftliche Macht.

Doch die Wirtschaft konnte nicht allein auf den Importen beruhen, es entstand auch reger Export nach Osten: Europäische Händler schickten Schiffsladungen mit Wollstoffen, Korn, Flachs, Wein, Salz, Holz und Fellen in den Orient. Die Tatsache, dass das Mittelmeer von islamischer Vorherrschaft (und damit verbundenen Zollforderungen) befreit war, förderte den Drang der Europäer, trotz geringer Erfahrung Handelsflotten aufzubauen. Vor allem Genua und Venedig verdankten ihren Aufstieg dem blühenden Ost-West-Handel. Neue Fertigungsmethoden verbreiteten sich, vor allem bei Stoffen, Geweben und Metallen.

Die Nachfrage wurde angekurbelt durch die Entstehung von spezialisierten Märkten und Messen. Die Lehnsherren sorgten für einen reibungslosen Ablauf dieser Veranstaltungen, sie bewahrten den Marktfrieden und erhielten Einnahmen aus Zöllen und Handelssteuern. Besonders bekannt waren zu jener Zeit die großen „Jahrmärkte“ in der französischen Champagne. Händler aus ganz Europa und dem Nahen Osten zogen von Ort zu Ort, kauften und verkauften und schufen ein Handelsnetz bis nach Schottland und Skandinavien. Indem sich die Händler vereinigten, um ihre Waren in größeren Handelszügen sicherer durch die Lande zu transportieren, bekamen sie auch mehr Einfluss, z. B. wenn es darum ging, billigere Wegezölle zu vereinbaren. Die mächtigste Gemeinschaft von Handelspartnern, die von ähnlichen Interessen geleitet waren, stellte die Hanse dar. Die 1254 gegründete Vereinigung norddeutscher Kaufleute baute an Ost- und Nordsee ein regelrechtes Imperium unter den Augen verschiedener lokaler Herrscher auf und erkämpfte sich diesen gegenüber Eigenständigkeit und Macht – falls nötig mit Waffengewalt.

Im 15. Jahrhundert nahm die Bedeutung der Champagne-Messen für den Nord-Süd-Handel ab. Stattdessen wurde der Seeweg zwischen Flandern und Italien bevorzugt. Ferner begannen mehr und mehr englische Wollhändler, zum Schaden der holländischen Tuchmanufakturen statt Wolle Kleidung zu exportieren. Entscheidend war auch die Behinderung des Handels mit der Levante durch den Wechsel vom byzantinischen zum Osmanischen Reich. Alternative Handelswege mussten eröffnet werden – um die Südspitze Afrikas herum nach Indien und über den Atlantik nach Amerika.

Diese Veränderungen förderten auch die Gründung und das Wachstum der Städte. Vom Niedergang des römischen Imperiums bis etwa ins Jahr 1000 waren in Europa kaum neue Stadtgründungen zu verzeichnen. Mit dem Aufblühen der Handelsbeziehungen folgte auch bald das Erfordernis neuer Handelsplätze und die Gründung neuer Städte an den Handels- und Transportwegen. Von etwa 1100 bis 1250 verzehnfachte sich die Zahl der Stadtrechte in Europa, eine Entwicklung, die sich im Spätmittelalter zunächst fortsetzte, dann aber durch die demographische Katastrophe infolge der Großen Pest unterbrochen wurde. Städte wie Innsbruck, Frankfurt, Hamburg, Brügge, Gent und Oxford nahmen erst jetzt einen Aufschwung. Eine kleine Stadt zählte meist rund 2.500 Einwohner, eine bedeutende Stadt rund 20.000. Heutige Millionenstädte wie London und Genua brachten es auf 50.000 Einwohner. Die größten Metropolen mit etwa 100.000 Einwohnern waren Paris, Venedig und Mailand. „Stadtluft macht frei“ war das Motto der Zeit. Unzählige Unfreie, Leibeigene und verarmte Bauern zogen in die Städte, eine rege Bautätigkeit unterstützte die Entwicklung. Die Städte entwickelten ein politisches Bewusstsein, sie machten sich frei von Adel und Kirche, erhoben eigene Zölle und Steuern und begründeten eine eigene Rechtsprechung. In Nord- und Mittelitalien entstanden die ersten Kommunalverwaltungen und wurden rasch in ganz Europa imitiert. In den Städten entwickelten sich auch Handwerker- und Händlerzünfte, die entscheidenden Einfluss auf das Wirtschaftsleben gewannen.

Bildung und Universitäten

Im frühen und hohen Mittelalter war elementare Bildung, wie Lesen, Schreiben und Rechnen, nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich. Die breite Masse des Volkes, selbst der Adel, besaß kaum oder nur sehr geringe Bildung. Lediglich in den Klosterschulen war es möglich, sich Bildung anzueignen, doch nur für jene, die bereit waren, sich dem Dienst im Orden zu verpflichten. Ab etwa dem Jahr 1000 entstanden, parallel zum Aufblühen der Städte, sogenannte Kathedralschulen. Sie bildeten auch Adels- und Bürgersöhne, ja sogar Leibeigene aus, ohne sie dem Ordensleben zu unterwerfen. Die Kathedralschulen, die sich besonders stark in Frankreich entwickelten, beschränkten den Unterrichtsstoff auf die sieben „freien Künste“, deren Erlernen schon im alten Rom für freie Bürger charakteristisch war, das Trivium (Grammatik, Logik, Rhetorik) und das Quadrivium (Arithmetik, Astronomie, Geometrie, Musik). Gelesen wurden nur wenige anerkannte Schriftsteller der Spätantike und des frühen Mittelalters wie Boëthius, Cassiodor oder Isidor von Sevilla.

Mit den Kreuzzügen bekam das christliche Abendland Kontakt zur Geisteswelt des Islams. Viele bildungshungrige Europäer lernten arabische Mathematik, Astronomie, Medizin und Philosophie kennen, in den Bibliotheken des Orients lasen sie erstmals die griechischen Klassiker wie Aristoteles (im Mittelalter sehr häufig „der Philosoph“ genannt) im Originaltext. Auch über den islamisch besetzten Teil Spaniens kamen viele Impulse besonders nach Frankreich. Das damals vorbildliche Ausbildungssystem der islamischen Welt wurde bereitwillig aufgenommen. Die Regelungen und Lehrpläne der europäischen Kloster- und Kathedralschulen taten sich mit der Integration der neuen Inhalte schwer.

Obwohl Anfang des 12. Jahrhunderts Petrus Abaelardus als einer der Vorreiter dieser Entwicklung noch kirchlicher Verfolgung besonders durch Bernhard von Clairvaux ausgesetzt war, ließ sich die Entstehung von freien Universitäten nicht mehr verhindern. Mit dem Wachstum der erfolgreichen Handelsmetropolen entstanden ab der Mitte des 13. Jahrhunderts auch die Universitäten: Bologna, Padua, Paris, Orléans, Montpellier, Cambridge und Oxford, um nur einige Gründungen dieser Zeit zu nennen. Schon bald gehörte es für eine reiche Stadt zum guten Ton, bekannte Gelehrte und viele Studenten in ihren Mauern zu beherbergen.

Die frühen Universitäten des Spätmittelalters besaßen keine festen Gebäude oder Vorlesungsräume. Je nach Situation nutzte man öffentliche Räume für Vorlesungen: In Italien waren es oft die Stadtplätze, in Frankreich Kreuzgänge in Kirchen und in England fanden die Vorlesungen nicht selten an Straßenecken statt. Erst später mieteten erfolgreiche Lehrer, die von ihren Studenten direkt je Vorlesung bezahlt wurden, Räumlichkeiten für ihre Vorlesungen. Und bald gab es schon die ersten Studentenunruhen: Auch wenn eine Universität der Stolz einer Stadt war, gab es doch häufig Streitigkeiten mit den in Bünden organisierten Studenten wegen zu hoher Preise für Kost und Logis und Kritik wegen zu viel Schmutz auf den Straßen oder betrügerischer Gastwirte. In Paris gingen die Auseinandersetzungen im Jahr 1229 so weit, dass die Universität nach dem gewaltsamen Tod mehrerer Studenten mit Umsiedlung in eine andere Stadt drohte. Papst Gregor IX. erließ daraufhin eine Bulle, die die Eigenständigkeit der Universität von Paris garantierte. Fortan konnten zunehmend selbst die mächtigen Bürgerschaften den Universitäten keine Vorschriften mehr machen.

Der Philosoph Wilhelm von Ockham, bekannt durch das Prinzip von Ockhams Rasiermesser, und der Nominalismus leiteten das Ende stark theoretischer scholastischer Debatten ein und machten den Weg für empirische und experimentelle Wissenschaft frei. Ockham zufolge sollte sich die Philosophie nur mit Dingen beschäftigen, über die echtes Wissen erreicht werden kann (Prinzip der Sparsamkeit, engl. parsimony). Mittelalterliche Vorläufer der experimentellen Forschung kann man bereits in der Wiederentdeckung des Aristoteles und im Werk Roger Bacons sehen. Besonders kritisch äußert sich über die Scholastiker Nikolaus von Kues. Aus prinzipiellen Gründen wendet er sich auch gegen eine Zentralstellung der Erde und nimmt in diesem Punkt das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus vorweg.

Kurz vor und nach dem Fall Konstantinopels strömten auch verstärkt byzantinische Gelehrte nach Europa (z.B. Basilius Bessarion), wie auch bereits vorher byzantinische Kodizes nach Europa gelangt waren (etwa durch Giovanni Aurispa).

Die meisten technischen Errungenschaften des 14. und 15. Jahrhunderts waren nicht europäischen Ursprungs, sondern stammten aus China oder Arabien. Die umwälzende Wirkung folgte nicht aus den Erfindungen selbst, sondern aus ihrer Verwendung. Schießpulver war den Chinesen schon lange bekannt gewesen, doch erst die Europäer erkannten sein militärisches Potenzial und konnten es zur neuzeitlichen Kolonialisierung und Weltbeherrschung nutzen. In diesem Zusammenhang sind auch die Fortschritte der Navigation wesentlich. Kompass, Astrolabium und Sextant erlaubten gemeinsam mit weiterentwickeltem Schiffbau das Bereisen der Weltmeere. Gutenbergs Druckerpresse machte nicht nur die protestantische Reformation möglich, sondern trug auch zur Verbreitung des Wissens bei und damit zu einer Gesellschaft mit mehr Lesekundigen.

Klima und Landwirtschaft

Um 1300–1350 ging die Mittelalterliche Warmzeit in die folgende Kleine Eiszeit über. Das kältere Klima reduzierte die Ernten; Hungersnot, Seuchen und Bürgerkriege folgten. Die wichtigsten Ereignisse waren die Große Hungersnot 1315–1317, der Schwarze Tod, und der Hundertjährige Krieg. Als die Bevölkerung Europas auf die Hälfte abnahm, wurde reichlich Land für die Überlebenden verfügbar, und in der Konsequenz wurde die Arbeit teurer. Versuche der Landbesitzer, die Löhne gesetzlich zu begrenzen – wie mit dem englischen Statute of Labourers 1351, waren zum Scheitern verdammt. Es war praktisch das Ende der Leibeigenschaft im größten Teil Europas. In Osteuropa andererseits gab es nur wenige große Städte mit einem lebendigen Bürgertum, um den Großgrundbesitzern Paroli zu bieten. Daher gelang es diesen dort, die Landbevölkerung in noch stärkere Unterdrückung zu zwingen.

Religion

Die in Teilen, aber keineswegs insgesamt herrschende apokalyptische Stimmung führte vielfach zum Wunsch der direkten Gotteserfahrung. Das Bibelstudium vermittelte den Menschen das Bild der einfachen Lebensweise Jesu Christi und der Apostel, ein Vorbild, dem die existierende Kirche nicht gerecht wurde, gerade weil das Papsttum seit 1309 in Avignon (Avignonesisches Papsttum) residierte und sich immer mehr von den Menschen entfernte. Hinzu kam das abendländische Schisma von 1378, welches erst durch den Konziliarismus beendet werden konnte (Konzil von Konstanz). Infolge der Glaubenskrise entstanden vermehrt Bettelorden und apostolische Gemeinden, die sich dem einfachen Leben widmen wollten. Viele davon wurden von der Kirche wegen Ketzerei verfolgt, so beispielsweise die Waldenser, Katharer oder die Brüder und Schwestern des freien Geistes. Im Spätmittelalter traten in ganz Europa aus ähnlichen Gründen Judenverfolgungen auf, viele Juden wanderten nach Ostmitteleuropa aus.

Das Große Abendländische Schisma

Seit dem frühen 14. Jahrhundert gelangte das Papsttum zunehmend unter den Einfluss der französischen Krone, bis hin zur Verlagerung seines Sitzes nach Avignon 1309. Als der Papst 1377 beschloss, nach Rom zurückzukehren, wurden in Avignon und Rom unterschiedliche Päpste gewählt, mit dem Resultat des sog. Abendländischen Schismas (1378–1417). Die Kirchenspaltung war eine ebenso politische wie religiöse Angelegenheit; während England den römischen Papst unterstützte, stellten sich seine Kriegsgegner Frankreich und Schottland hinter den Papst in Avignon.

Auf dem Konzil von Konstanz (1414–1418) wurde das Papsttum wieder in Rom vereinigt. Obgleich die Einheit der Westkirche danach noch hundert Jahre andauerte und obgleich der Heilige Stuhl einen größeren Reichtum aufhäufte als jemals zuvor, hatte das Große Schisma doch irreparablen Schaden verursacht. Die inneren Konflikte der Kirche förderten den Antiklerikalismus bei Herrschern und Beherrschten und die Teilung ermöglichte Reformbewegungen mit schließlich einschneidenden Veränderungen.

Reformbewegungen

John Wyclif

Obwohl die Westkirche lange gegen häretische Bewegungen gekämpft hatte, entstanden im Spätmittelalter innerkirchliche Reformbestrebungen. Deren erste entwarf der Oxforder Professor John Wyclif in England. Wyclif sprach sich dafür aus, die Bibel als einzige Autorität in religiösen Fragen zu betrachten und lehnte Transsubstantiation, Zölibat und Ablässe ab. Er übersetzte auch die Bibel ins Englische. Obwohl sie einflussreiche Freunde in der englischen Aristokratie hatte, etwa John of Gaunt, wurde Wyclifs Partei, die Lollarden, letztendlich unterdrückt.

Jan Hus

Die Lehren des böhmischen Priesters Jan Hus basierten mit wenigen Änderungen auf jenen von John Wyclif. Dennoch hatten seine Anhänger, die Hussiten, viel größere politische Auswirkungen als die Lollarden. Hus sammelte in Böhmen zahlreiche Anhänger und als er 1415 wegen Häresie verbrannt wurde, verursachte dies einen Volksaufstand. Die folgenden Hussitenkriege endeten zwar nicht mit der nationalen oder religiösen Unabhängigkeit Böhmens, aber Kirche und deutscher Einfluss wurden geschwächt.

Martin Luther

Die Reformationszeit liegt genaugenommen nicht mehr im Spätmittelalter, doch sie beendete die Einheit der Westkirche, die eines der wichtigsten Merkmale des Mittelalters gewesen war.

Martin Luther, ein deutscher Mönch, löste die Reformation durch seine zahlreiche theologische Fragen betreffende Position aus. Die gesellschaftliche Basis dieser Bewegung setzte sich aus Arbeitern, Studierenden und Jugendlichen zusammen, besonders seine Kritik von Ablasshandel und Bußwesen. Eine wichtige Station dabei war die Verteilung von 95 Thesen an seine dozierenden Kollegen (der Legende nach soll er sie auch an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben). Papst Leo X hatte 1514 für den Bau des neuen Petersdoms den Ablasshandel erneuert. Luther wurde vom Reichstag zu Worms (1521) aufgefordert, seine als Häresie verurteilten Ansichten zu widerrufen. Als er sich weigerte, belegte ihn Karl V. mit der Reichsacht. Unter dem Schutz Friedrichs des Weisen von Sachsen konnte er sich zurückziehen und unter anderem eine vollständige Neuübersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche anfertigen, die 1534 um eine Neuübersetzung des Alten Testaments ergänzt wurde.

Für viele weltliche Fürsten war die Reformation eine willkommene Gelegenheit, ihren Besitz und Einfluss zu vergrößern, auch das städtische Bürgertum und Bauern konnten von ihr profitieren. Gegen die Reformation wendete sich die katholische Gegenreformation. Europa war nun geteilt in den protestantischen Norden und den katholischen Süden, Grundlage der Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts.

Kultur

Kunst

Die Bildende Kunst erfuhr im Spätmittelalter eine enorme Weiterentwicklung.

Im frühen 14. Jahrhundert entstanden die Werke Giottos als Vorläufer der Renaissance. In der Malerei spricht man von der nördlichen Renaissance mit Zentrum in den Niederen Landen und der italienischen Renaissance mit Florenz als Angelpunkt. Während die nördliche Kunst mehr auf Muster und Oberflächen gerichtet war, etwa die Gemälde des Jan van Eyck, erforschten italienische Maler auch Bereiche wie Anatomie und Geometrie. Die Entdeckung der Fluchtpunkt-Perspektive (Zentralprojektion), die Brunelleschi zugeschrieben wird, war ein wichtiger Schritt zu optisch realistischen Darstellungen. Die italienische Renaissance erreichte ihren Höhepunkt mit der Kunst Leonardo da Vincis, Michelangelos und Raffaels.

Architektur

Während die gotische Kathedrale in den nordeuropäischen Ländern sehr in Mode blieb, konnte sich dieser Baustil in Italien nie recht durchsetzen. Hier ließen sich die Architekten der Renaissance von klassischen Gebäuden inspirieren, das Meisterwerk dieser Zeit war Brunelleschis Dom Santa Maria del Fiore in Florenz.

Literatur

Die wichtigste Entwicklung in der spätmittelalterlichen Literatur war der zunehmende Gebrauch der Volkssprachen gegenüber dem Latein. Beliebt waren Romane, die oft die Legende vom Heiligen Gral zum Thema hatten.

Der Autor, der vor allen anderen die neue Zeit ankündigte, war Dante Alighieri. Seine Göttliche Komödie, in italienischer Sprache geschrieben, beschreibt zwar eine mittelalterlich-religiöse Weltsicht, in der er auch verankert war (siehe Monarchia), bedient sich aber dazu eines Stils, der auf antiken Vorbildern basiert. Andere Förderer des Italienischen waren Francesco Petrarca, dessen Canzoniere als erste moderne Gedichte gelten, und Giovanni Boccaccio mit seinem Decamerone. In England trug Geoffrey Chaucer mit seinen Canterbury Tales dazu bei, Englisch als Literatursprache zu etablieren. Wie Boccaccio beschäftigte sich Chaucer mehr mit dem alltäglichen Leben als mit religiösen oder mythologischen Themen. In Deutschland wurde schließlich Martin Luthers Übersetzung der Bibel zur Basis für die deutsche Schriftsprache.

Literatur

  • The New Cambridge Medieval History. Hrsg. von David Abulafia, Christopher Allmand, Michael Jones u.a., Bd. 5–7, Cambridge 1998–2000. (Die umfassendste Darstellung des europäischen Spätmittelalters mit sehr ausführlicher Bibliographie.)
  • Ulf Dirlmeier / Gerhard Fouquet / Bernd Fuhrmann: Europa im Spätmittelalter 1215–1378 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte 8). Oldenbourg, München 2003, ISBN 978-3-486-48831-9. (Rezension)
  • Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters. Stuttgart 1975. (Klassische Darstellung)
  • Malte Prietzel: Das Heilige Römische Reich im Spätmittelalter (= Geschichte kompakt). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004. (Einführung zur politischen Geschichte Deutschlands im Spätmittelalter.) ISBN 3-534-15131-3.
  • Hans-Friedrich und Hellmut Rosenfeld: Deutsche Kultur im Spätmittelalter 1250–1500. Wiesbaden 1978 (= Handbuch der Kulturgeschichte, I, [5]) ISBN 3-7997-0713-1
  • John Watts: The Making of Polities: Europe, 1300–1500 (Cambridge Medieval Textbooks). Cambridge 2009. (Aktuelles Überblickswerk mit kommentierter Bibliographie.)

 

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Hexenhammer

(Weitergeleitet von Malleus Maleficarum)

Der Hexenhammer (lat. Malleus Maleficarum) ist ein Werk zur Legitimation der Hexenverfolgung, das der Dominikaner Heinrich Kramer (lat. Henricus Institoris) nach heutigem Forschungsstand im Jahre 1486 in Speyer veröffentlichte und das bis ins 17. Jahrhundert hinein in 29 Auflagen erschien. Auf den Titelblättern der meisten älteren Ausgaben wird auch Jakob Sprenger als Mitautor genannt, das wird aber von der neueren Forschung teilweise bestritten[1].

Entstehungsgeschichte

Der Hexenhammer muss in engem Zusammenhang mit der sogenannten Hexenbulle des Papstes Innozenz VIII. vom 5. Dezember 1484 gesehen werden. Die päpstliche Bulle Summis desiderantes affectibus markierte zwar nicht den Beginn der Hexenverfolgungen in Europa, jedoch erreichte sie nun mit offizieller Beglaubigung durch das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche eine völlig neue Dimension.

Kramer sammelt in seinem Buch weit verbreitete Ansichten über die Hexen und Zauberer. Im Hexenhammer werden die bestehenden Vorurteile übersichtlich präsentiert und mit einer vermeintlich wissenschaftlichen Argumentation begründet. Durch klare Regeln wird eine systematische Verfolgung und Vernichtung der vermeintlichen Hexen gefordert.

Der Hexenhammer entstand, als Kramer mit einer Inquisition in Innsbruck in der Diözese Brixen scheiterte. Als Reaktion auf diese Niederlage verfasste er sein Traktat, um seine Position zu stärken und die Hexenverfolgung vor deren Gegnern zu rechtfertigen. Er stand dabei unter Zeitdruck, was durch zahlreiche Fehler bei den Nummerierungen der Kapitel, bei Fragestellungen und Querverweisen deutlich wird.

Rechtfertigung und Gegnerschaft

Um seine Aussagen zu rechtfertigen, berief sich Kramer auf anerkannte Autoritäten. Er stellte seinem Werk die von Papst Innozenz VIII. 1484 unterzeichnete apostolische Bulle Summis desiderantes affectibus voran. Um die Echtheit des kirchlichen Dokuments zu bestätigen, fügte er 1487 eine Approbation des Notariats der Universität zu Köln hinzu, deren Echtheit jedoch in Frage gestellt wird, weil diese Approbation des Notariats der Universität zu Köln nur außerhalb des Kölner Bistums verbreitet wurde. Außerdem zitierte er bedeutende Persönlichkeiten wie z. B. Thomas von Aquin mit seiner Superstitionentheorie (= Theorie vom Aberglauben) sowie Augustinus und Johannes Nider, den Autor der Schrift Formicarius. Er verwies auch oft auf die Bibel. Mit mehreren dutzend Exempla illustrierte er seine Thesen, um zu verdeutlichen, wie verbreitet und gefährlich das Wirken der (vermeintlichen) Hexen sei. Er verfasste sein Werk in lateinischer Sprache. Die große Verbreitung der Abhandlung Hexenhammer wurde auch durch die Erfindung des Buchdrucks ermöglicht.

Um dem Werk mehr Autorität zu verleihen, soll Kramer auch seinen Mitbruder Jakob Sprenger als Mitautor benannt haben. Sprenger war jedoch schon in damaliger Zeit als Gegner der Hexenverfolgung bekannt und versuchte vergeblich, der Verleumdung, er sei Mitautor des Hexenhammers gewesen, entgegenzutreten. Ein Indiz für den Namensmissbrauch ist, dass Kramer den Hexenhammer im Wirkungsbereich Sprengers nur unter seinem eigenen Namen herausgeben ließ, im Rest Deutschlands jedoch unter Verwendung auch des Namens Sprengers. So sollte Sprenger möglichst spät Kenntnis des Missbrauches erlangen. So spricht der Drucker-Verleger Koberger in seinen Drucken nur von einem Autor im Singular, jedoch nicht von den Autoren. In der Nürnberger Ausgabe des Druckers Friedrich Peypus (1485–1534) von 1519 werden Heinrich Institoris und Jakob Sprenger gleichberechtigt als Autoren genannt, zu einem Zeitpunkt, da beide längst tot waren.[2] Laien und Kleriker, die die Hexenjagd ablehnten, wurden im Hexenhammer zu Häretikern erklärt und mithin der Verfolgung preisgegeben: „Hairesis maxima est opera maleficarum non credere“ (Es ist die größte Häresie, nicht an das Wirken von Hexen zu glauben). Bei einigen Autoren regte sich deutlicher Widerstand gegen diese Schrift. 1631 veröffentlichte einer der bekanntesten Gegner der Hexenprozesse, der Jesuit Friedrich Spee, anonym die Cautio Criminalis, in der er vor allem die juristischen Methoden, die bei diesen Prozessen angewandt wurden, allen voran die Folter, kritisierte. Der Jurist und Aufklärer Thomasius verwies in seiner Dissertatio de crimine magiae 1701 auf fehlende Beweise für die Existenz von Hexen und ihren Teufelspakt.

Inhalt

Der Hexenhammer ist als scholastische Abhandlung verfasst und in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil definiert Kramer, was unter einer Hexe zu verstehen sei. Gelegentlich spricht er zwar von männlichen Zauberern, bezieht sich aber hauptsächlich auf das weibliche Geschlecht. Seiner Meinung nach sind Frauen für die schwarze Magie anfälliger als Männer. Sie seien schon bei der Schöpfung benachteiligt gewesen, weil Gott Eva aus Adams Rippe schuf. Außerdem warf er den Frauen, die er als „Feind der Freundschaft, eine unausweichliche Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Versuchung, eine begehrenswerte Katastrophe, eine häusliche Gefahr, einen erfreulichen Schaden, ein Übel der Natur“ bezeichnet, Defizite im Glauben vor. Dies begründete er mit einer eigenwilligen Etymologie des lateinischen Wortes femina, das er aus lat. fides „Glauben“ und minus „weniger“ ableitete. Er unterstellte den Frauen sexuelle Unersättlichkeit. Deshalb hätten sie auch intimen Kontakt mit speziellen Dämonen (Incubi). Der Teufelspakt bilde zusammen mit der schlechten Veranlagung der Frauen und der göttlichen Zulassung die Grundlage für das gefürchtete Phänomen der Hexe. Die Männer fielen dem Zauber der Frauen zum Opfer.

Nicht zufällig dominieren im zweiten Teil des Werkes die magischen Praktiken, die sich auf den Geschlechtsverkehr und die männliche Impotenz (durch Wegzaubern des Glieds) beziehen. Die Diskrepanz der Geschlechter zeige sich auch bei der Rollenverteilung im Verhältnis von Magie und Wissenschaft. Die Männer befänden sich in Positionen, die sie aufgrund ihres Wissens einnähmen, während sich die Frauen der Magie bedienten und Schaden anrichteten. Kramer beschreibt im zweiten Teil auch, wie man sich vor Schadenszauber (maleficium) schützen und diesen aufheben könne.

Im dritten Teil präsentiert er die von Spee kritisierten detaillierten Regeln für die Hexenprozesse und beschreibt verschiedene Fälle.

Einfluss

Kramer legitimierte die Hexenverfolgungen, sein Werk fand jedoch offiziell weder kirchliche noch weltliche Anerkennung. Er stellte völlig unberechtigt seinem Buch die päpstliche Bulle Summis desiderantes affectibus voran. Die Verfolgungen verbreiteten sich unabhängig von diesem Werk, in den durch die Reformation differenzierten Konfessionen. Zu Lebzeiten Kramers gab es Hunderte von Hinrichtungen. Der Canon episcopi, ein auf unbekannte Vorlage zurückgehendes kirchenrechtliches Dokument, das zur Zeit der Abfassung des Hexenhammers bereits über 500 Jahre alt war und Eingang in die bedeutendsten Sammlungen des Kirchenrechts gefunden hatte, verurteilte den Glauben an Hexenflüge in Gefolgschaft heidnischer Göttinnen als Einbildung teuflischen Ursprungs und Häresie. Kramer reagierte mit seinem Buch auf den bereits entgegen dieser Lehre bestehenden Hexenwahn. Er sah sich gezwungen, den Canon episcopi so zu interpretieren, dass jeder, der nicht an Hexen glaubte, zum Häretiker wurde. Parallelen zum Antijudaismus lassen sich bei dem im Hexenhammer geprägten Begriff des Hexensabbats erkennen (siehe auch: Sabbat).

Literatur

  • Elmar Bereuter: Hexenhammer. Herbig, München 2003, ISBN 3-7766-2341-1, (Die Anfänge der Hexenverfolgung und Entstehungsgeschichte des gleichnamigen Buches in Romanform).
  • Günter Jerouschek (Hrsg.): Nürnberger Hexenhammer 1491. Faksimile der Handschrift von 1491 aus dem Stadtarchiv Nürnberg, Nr. D 251 von Heinrich Kramer (Institoris). Olms, Hildesheim 1992, ISBN 3-487-09380-4
  • Heinrich Kramer (Institoris): Der Hexenhammer. Malleus maleficarum. 3. revidierte Auflage. Dtv, München 2003, ISBN 3-423-30780-3, (Kommentierte Neuübersetzung von Günter Jerouschek und Wolfgang Behringer)
  • Peter Segl: Der Hexenhammer. Entstehung und Umfeld des Malleus maleficarum von 1487. Böhlau, Köln 1988, ISBN 3-412-03587-4, (Bayreuther historische Kolloquien 2).
  • Jakob Sprenger und Heinrich Institoris: Der Hexenhammer. Zum ersten Mal ins Deutsche übertragen und eingeleitet von J. W. R. Schmidt. Area Verlag, Erftstadt 2004, ISBN 3-89996-069-6

Einzelnachweise

  1. ↑ Werner Tschacher: Malleus Maleficarum (Hexenhammer), im Internet: http://www.xxx
  2. ↑ Heinrich Kramer (Institoris) Der Hexenhammer. Malleus Maleficarum, Neu aus dem Lateinischen übertragen von Wolfgang Behringer, Günter Jerouschek und Werner Tschacher. Herausgegeben und eingeleitet von Günter Jerouschek und Wolfgang Behringer, München 2000, S. 31f.

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Heinrich Kramer

Heinrich Institoris OP, eigentlich Heinrich Kramer oder Krämer bzw. Henryk Instytor, lat. (frater) Henricus Institoris (* um 1430 in Schlettstadt, Elsass; † um 1505 in Brünn oder Olmütz) war der Autor des Hexenhammers und als Inquisitor einer der Wegbereiter der Hexenverfolgung der frühen Neuzeit. Er wurde bekannt als Hexentheoretiker.

Die übliche lateinische Namensform, etwa in vielen Bibliotheksverzeichnissen, lautet "Institoris". Das entsprach einer damals geübten Praxis, den Genitiv des Vaternamens zu latinisieren[1]. In den zeitgenössischen Quellen wird dieser Name als Nominativ "Henricus Institoris" gebraucht[2]. Die Verkürzung "Institor" erscheint zunächst in deutschsprachigen Quellen[3].

Leben

Heinrich Kramer, der später seinen Namen latinisierte, stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Er trat um 1445 in seinem Geburtsort in den Orden der Dominikaner ein. Er besuchte die städtische Lateinschule und absolvierte ein Grundstudium der Philosophie, das er 1474 abschloss. 1479 wurde er auf sein eigenes Betreiben zum Inquisitor der Ordensprovinz Alemannia bestellt. Dieser Titel hatte allerdings zu dieser Zeit kaum mehr praktische Bedeutung. Im selben Jahr wurde er zum Doktor der Theologie promoviert. Nach einem Prozess gegen Juden in Trient, dem er beiwohnte, begann er seine Tätigkeit als Verfolger angeblicher Hexensekten. 1482 wurde er Prior des Dominikanerklosters in Schlettstadt. Bei einem ersten Hexenprozess in Ravensburg, zu dem er von dem dortigen Stadtrat angefordert wurde, brachte er zwei Frauen auf den Scheiterhaufen. Er entwarf den Text der Bulle Summis desiderantes affectibus (sog. Hexenbulle), die Papst Innozenz VIII. auf sein Betreiben herausgab.

Mit der Bulle veranlasste er zahlreiche Hexenprozesse, unter anderen einen in Innsbruck. Dort protestierten aber Vertreter aller sozialer Schichten gegen ihn, worauf Bischof Georg (II.) Golser eine Kommission einsetzte, die Kramers Arbeit untersuchte. Als die zu einem verheerenden Ergebnis kam, befahl der Bischof die Verfolgung einzustellen, entließ die angeklagten Frauen und hob die Urteile der Inquisition auf.[4] Kramer wurde aufgefordert das Land zu verlassen. Als Reaktion darauf, quasi als Rechtfertigung für seine Taten, verfasste Kramer gegen Dezember 1486 den berüchtigten Hexenhammer, welcher durch die aufkommende Buchdruckerkunst weite Verbreitung fand.

Bemerkenswert ist nicht nur der Inhalt dieses Werkes, sondern auch die Tatsache, dass Kramer seinen Ausführungen eine päpstliche Bulle und die gefälschte Approbation mehrerer Kölner theologischer Professoren beigefügt hatte. Damit wurde dem Werk der Anschein einer Empfehlung für weltliche Richter gegeben (die vom Inquisitor bevollmächtigt und beauftragt wurden, das gefällte Urteil zu vollstrecken). Auf diese Weise nahm der Hexenhammer als kasuistischer Kommentar den Rang eines kirchlichen »Hexengesetzbuches« für Strafrichter an.

Kramer rühmte sich, 200 Hexen zur Strecke gebracht zu haben, und beschuldigte auch diejenigen als Ketzer, welche an der Existenz von Hexen zweifelten.

Vorgehen

Kramers Vorgehen bei seiner systematischen Inquisition war immer gleich. Schon durch sein Erscheinen säte er unter den Menschen Misstrauen und Angst. Bei der sogenannten Hexenpredigt warnte er vor der Bedrohung des Teufels, schüchterte die Menschen ein und drängte auf Denunziationen schon bei geringsten Beobachtungen und Auffälligkeiten, wie mutmaßlichen bösen Blicken oder ungewöhnlichen Krankheiten. Er bot sich als Anlaufstelle an und warnte eindringlich vor jeder Verheimlichung. Beschuldigungen ließen sich so praktisch immer finden. Diese bündelte er dann willkürlich und blähte sie systematisch auf. Er berief sich dabei auf eine Verschwörungstheorie, nach welcher der Teufel die Hexensekten leite und kurz davor stehe, das Ende der Welt herbeizuführen. Mit der Macht der Hexenbulle im Rücken, unter Einsatz von Folter während der peinlichen Befragung, strebte er im folgenden Prozess ausschließlich den Schuldspruch an.

Anmerkungen

  1. ↑ Paul Hinschius. Das Kirchenrecht der Katholiken und Protestanten in Deutschland. Band VI. 1897. Nachdruck Guttentag, 1959.
  2. ↑ Verteidigungsschrift zum Hexenhammer seitens der Gelehrten der Universität Köln "Venerabilis & religiosus frater Henricus institoris" ("Der ehrwürdige und fromme Bruder Heinrich Institoris")
  3. ↑ Z.B. Briefwechsel mit der Stadt Nürnberg: Stadtarchiv Nürnberg, 269 fol. 14
  4. ↑ Laura Stokes: Im Bund mit dem Teufel, in: epoc, 05/2010, S. 69

Werke

  • Heinrich Kramer (Institoris): Der Hexenhammer. Malleus maleficarum. Kommentierte Neuübersetzung, herausgegeben und übersetzt von Günter Jerouschek und Wolfgang Behringer, München, dtv 2000, ISBN 3-423-30780-3

Literatur

  • Andreas Schmauder (Hrsg.): Frühe Hexenverfolgung in Ravensburg und am Bodensee. UVK, Konstanz 2001, ISBN 3-89669-812-5 (Historische Stadt Ravensburg 2).
  • Peter Segl: Heinrich Institoris. Persönlichkeit und literarisches Werk. In: Peter Segl: (Hrsg.): Der Hexenhammer. Entstehung und Umfeld des „Malleus maleficarum“ von 1487. Böhlau, Köln u. a. 1988, ISBN 3-412-03587-4, S. 103–126, (Bayreuther Historisches Kolloquium 2).

 

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Dominikaner

Der Orden der Dominikaner, auch Predigerorden, lat. Ordo fratrum Praedicatorum (Ordenskürzel: OP), wurde im frühen 13. Jahrhundert vom heiligen Dominikus gegründet.

Gründung und frühe Geschichte

Dominikus wurde 1170 in der kastilischen Ortschaft Caleruega geboren. Schule und Studium absolvierte er in Palencia[1]. 1196 trat er in das Domkapitel von Osma in Kastilien ein, wurde dort zum Priester geweiht und wurde 1201 Subprior des Kapitels. Auf Reisen im Gefolge seines Bischofs Diego de Acevedo wurde er in Südfrankreich mit den dortigen Erfolgen der Katharer konfrontiert. Der Katharismus fand aufgrund der asketischen Lebensweise und rhetorischen Überzeugungskraft seiner Prediger großen Anklang in der Bevölkerung. Von den örtlichen Feudalherren wurde er toleriert oder auch gefördert, während die theologisch und seelsorgerisch wenig ambitionierte katholische Geistlichkeit hauptsächlich um die Sicherung ihrer Pfründen und weltlichen Privilegien bemüht war. Auch die von Papst Innozenz III. als Legaten beauftragten Zisterzienser, die den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit nicht in der Missionierung, sondern in der politischen Diplomatie und der Herbeiführung repressiver Maßnahmen sahen, hatten sich vor allem den Hass der Bevölkerung zugezogen, aber dem Katharismus keine wirksamen Maßnahmen entgegensetzen können.

Diego hatte zunächst das Projekt einer Missionierung der Türken verfolgt und ersuchte Innozenz III. in Rom dafür um Befreiung von seinem Bischofsamt. Dem Papst war jedoch die innerchristliche Missionierung in Südfrankreich das vordringliche Anliegen. Ende 1204 kehrten die beiden über Cîteaux nach Südfrankreich zurück und stimmten ihre Missionstätigkeit mit den päpstlichen Legaten (u.a. Pierre de Castelnau) ab. Mit Unterstützung des neuen Bischofs von Toulouse, des Zisterziensers und ehemaligen Trobadors Folquet de Marseille, gründeten sie 1206/1207 in Prouille (okzitanisch: Prouilhe) in der Nähe von Fanjeaux einen Konvent für bekehrte Katharerinnen, die in den ersten Jahren nach der Regel der Zisterzienser lebten. Während Diego nach Osma zurückkehrte und dort Ende 1207 verstarb, blieb Dominikus in Südfrankreich und widmete sich von Prouille aus weiter seiner inneren Berufung, durch ein Wanderleben zu Fuß, statt herrschaftlich zu Pferde, in apostolischer Armut und durch rastlosen Einsatz als Prediger die Bevölkerung wieder zum katholischen Glauben zu bekehren. Diesem Programm, das das Betteln als Form des Lebensunterhalts einschloss und dadurch im Widerspruch zu den noch gültigen kirchlichen Vorschriften stand, erteilte am 17. November 1206 auch der Papst eine erste offizielle Genehmigung. Als es 1208 zu dem vom Papst seit längerem vorbereiteten militärischen Kreuzzug gegen die Katharer kam (siehe: Albigenserkreuzzug), war Dominikus anscheinend nicht maßgeblich an der Organisation und Propaganda des Kreuzzuges beteiligt, sondern ihm fiel vor allem die Aufgabe zu, die Überlebenden in der mit großer militärischer Brutalität unterworfenen Region nunmehr auch geistlich zu bekehren, wobei seine Missionstätigkeit unter anderem dadurch gefördert wurde, dass der militärische Anführer des Kreuzzuges, Simon IV. de Montfort, und die neuen katholischen Herren den Konvent von Prouille mit Schenkungen und Privilegien bedachten.

1215 wurden Dominikus und sechs seiner Gefährten durch Bischof Fulko von Toulouse in rechtsverbindlicher Form als Predigergemeinschaft approbiert. Grundlage des Ordens war von Anfang an die Augustinusregel, weshalb die Dominikaner zu den augustinischen Orden gezählt werden. Diesen Regeln fügte die Gemeinschaft Konstitutionen bei, die sich auf die Durchführung des Predigtauftrags bezogen. Die Brüder waren beauftragt, die Häresie zu bekämpfen und den Glauben zu predigen, und erhielten dazu die Erlaubnis, als Wanderprediger ein Leben in religiöser Armut zu führen. Die dafür erforderlichen Mittel wurden ihnen durch Almosen der Diözese zugeteilt; was davon nicht gemäß der Zweckbestimmung verbraucht wurde, war am Ende des Jahres zurückzuerstatten. Diese neue Institution wurde noch im selben Jahr durch ein päpstliches Schreiben approbiert und 1215 dann durch den 10. Kanon des IV. Laterankonzils, dort allerdings ohne Festlegung des Prinzips apostolischer Armut, allen Bischöfen vorgeschrieben.

Zurückgekehrt nach Toulouse entsandte Dominikus am Fest Mariä Himmelfahrt 1217 (15. August) seine Mitbrüder in die Welt – zunächst nach Paris und nach Spanien – zur Gründung neuer Konvente, hierin dem biblischen Vorbild Christi bei der Entsendung der Jünger folgend. Zum Jahreswechsel hielt er sich erneut in Rom auf und erwirkte am 11. Februar 1218 eine päpstliche Enzyklika, in der das Armutsprinzip der Prediger bekräftigt und die Amtsträger der Kirche zu deren Unterstützung aufgefordert wurden. Im selben Jahr folgten Gründungen der ersten italienischen Konvente, in Bologna und durch Dominikus selber in Rom. Von Rom begab er sich über Toulouse nach Spanien, Nordfrankreich (Paris) und erneut nach Italien, um die Gründung und Organisation neuer Konvente persönlich zu unterstützen. Als besonders folgenreich erwiesen sich hiervon die frühen Gründungen in Paris und Bologna, die wesentlich dazu beitrugen, dass der Orden durch Lehrstühle an den entstehenden Universitäten und durch Einrichtung eigener Generalstudien bald eine führende Rolle in der mittelalterlichen Wissenschaft einnehmen konnte.

1220, als bereits annähernd 60 Niederlassungen bestanden, hielt Dominikus zu Pfingsten in Bologna die erste Generalversammlung des Ordens ab. Das Generalkapitel ergänzte die erste Fassung (prima distinctio) der Satzungen von 1216 durch eine secunda distinctio und gab dem Orden seine in den Grundzügen bis heute gültige Organisationsform. Es besiegelte zugleich die Entwicklung von einem Kanonikerorden zu einem Bettelorden sui generis durch die Verschärfung des Armutsprinzips, indem außer dem persönlichen auch der gemeinschaftliche Besitz und feste Einkünfte ausgeschlossen wurden. Nach neuerlichen Predigten in Oberitalien, wo Honorius III. zum Vorgehen gegen die aus Südfrankreich zugelaufenen Katharer aufgerufen hatte, verstarb Dominikus am 6. August in Bologna.

Die von dem zweiten Ordensmeister Jordan von Sachsen als Constitutiones zusammengestellten Satzungen und Regelwerke des Ordens wurden von dessen Nachfolger Raimund von Peñafort, einem der größten Kanonisten seiner Zeit, in eine systematische Ordnung gebracht und seither durch die Generalkapitel immer wieder geändert oder ergänzt. Seit der frühen Zeit herrschte allerdings ein gewisser Pragmatismus in der Anwendung der Vorschriften, indem in Einzelfällen Dispensationen möglich waren und tatsächlich auch häufig erteilt wurden, um Hindernisse bei der Ausübung des Studiums oder der Predigt auszuräumen. Seit dem Generalkapitel von 1236 wurden Verstöße gegen die Constitutiones außerdem nicht mehr als Sünde, sondern als durch Buße abzugeltendes Vergehen bewertet.

Das strenge Armutsprinzip wurde im Lauf des 14. Jahrhunderts vielfach dadurch gelockert, dass einzelne Ordensmitglieder Benefizien annahmen und dadurch die vita privata als Usus einführten. Durch das große abendländische Schisma wurde der Orden zeitweise in drei "Observanzen" zerrissen. Raimund von Capua als Generalmeister der römisch-urbanianischen Observanz initiierte 1390 eine Reformbewegung, die die vita privata zurückdrängen und die vita apostolica erneuern sollte. Dies führte zur Gründung von Reformkonventen, die sich ihrerseits zu Reformkongregationen und Reformprovinzen zusammenschlossen. Als bindende Vorschrift wurde das ursprüngliche Armutsprinzip de jure aufgehoben, als Martin V. 1425 zunächst einzelnen Konventen und Sixtus IV. 1475 dem gesamten Orden Besitz und feste Einkünfte erlaubte.

Verfassung des Ordens

Was den Orden der Predigerbrüder von seiner Gründung her auszeichnet, ist seine demokratische Verfassung. Alle Brüder tragen gemeinsam die Verantwortung für die Verwirklichung der Ziele der Ordensgemeinschaft. Es gibt ein Mitspracherecht auf allen Ebenen. Alle Oberen werden auf Zeit gewählt. Wichtige Entscheidungen werden von der Gemeinschaft der Brüder oder ihrer jeweiligen Delegierten im Konvents-, Provinz- oder Generalkapitel getroffen.

Der kleinste Baustein des Ordens ist ein Kloster, der sogenannte Konvent, der traditionell aus mindestens sechs Mitgliedern besteht. Hier leben die Brüder in Gemeinschaft zusammen, halten gemeinsam das Chorgebet und erfüllen ihre Aufgaben im Studium, in der Predigt innerhalb und außerhalb des Konvents und zum Teil auch in Übernahme von Aufgaben der pfarrlichen oder kategorialen Seelsorge (Krankenhaus, Gefängnis, Beratungsdienste etc.). Der Obere eines Konventes wird Prior genannt und auf drei Jahre gewählt. Er wird vom nächsthöheren Oberen, dem Provinzial, bestätigt. Die Konvente sind zu Provinzen zusammengeschlossen, heute insgesamt 42, denen jeweils ein Provinzial vorsteht. Er wird für vier Jahre auf dem alle vier Jahre tagenden Provinzkapitel gewählt, das sich aus den gewählten Prioren und zusätzlich gewählten Delegierten zusammensetzt. Der Provinzial wird vom Ordensmeister, dem höchsten Oberen des Ordens bestätigt. Der Ordensmeister wiederum wird vom Generalkapitel, der obersten gesetzgebenden Versammlung, auf neun Jahre gewählt. Wähler sind hier jeweils die gewählten Provinziale sowie von den Provinzen gewählte Delegierte.

Spiritualität

Die Spiritualität des Ordens wird vom Ziel her bestimmt: „den Namen des Herrn Jesus Christus aller Welt zu verkündigen” (Papst Honorius III.). Die Predigt fließt aus der Fülle der Beschauung, so dass Thomas von Aquin formulieren konnte: „contemplari et contemplata aliis tradere“ (‚sich der Kontemplation widmen und die Frucht der Kontemplation weitergeben‘). Die spezifische Lebensform der Dominikaner, für die das Gemeinschaftsleben, das feierliche gemeinsame Chorgebet und das ständige Studium charakteristisch sind, führt zur Verkündigung in Wort und anderen apostolischen Aktivitäten.

Inquisition

Der Dominikanerorden stellte seit dem Beginn der Inquisition zu Beginn des 13. Jahrhunderts im päpstlichen Auftrag Inquisitoren zur Aufspürung und Verfolgung von Häretikern. Aufgrund der Erfahrungen, die der Orden bereits früh in Auseinandersetzung mit Ketzern gesammelt hatte sowie seiner intellektuellen Ausrichtungen, bot er dafür besonders gute Voraussetzungen. Bereits 1231-33 vergab Papst Gregor IX. in seinem mehrfach ausgestellten Sendschreiben Ille humani generis mehreren Dominikanerkonventen den Auftrag zur Ketzerverfolgung. Besonders aktiv wurden die Dominikaner, die man deshalb auch als domini canes (Hunde des Herrn) bezeichnete,[2] daraufhin in Südfrankreich bei der inquisitorischen Bekämpfung der Katharer. Neben Inquisitoren aus den Reihen anderer Orden, etwa der Franziskaner, wirkten Dominikaner als Inquisitoren während des gesamten Mittelalters v.a. in Frankreich, Italien und im Heiligen Römischen Reich. Bedeutende Dominikanerinquisitoren waren u.a. Bernard Gui († 1331), Walter Kerlinger († 1373), Tomás de Torquemada († 1498), der erste Großinquisitor der Spanischen Inquisition oder Jakob van Hoogstraten († 1527). Umgekehrt fielen auch Mitglieder des Dominikanerordens der Inquisition zum Opfer, wie Giordano Bruno oder Girolamo Savonarola.

Abseits der Ketzerinquisition beteiligten sich Dominikaner auch an der Hexenverfolgung, darunter Nicolas Jacquier († 1472) oder Heinrich Kramer († 1505), der Autor des Hexenhammers.

Im Jahr 2000 nahm das Provinzkapitel der Dominikanerprovinz Teutonia zur historischen Beteiligung der Dominikaner an der Inquisition und Hexenverfolgung kritisch Stellung (siehe hier).

Der Orden in der Gegenwart

In der heutigen Zeit sind für die Dominikaner vor allem folgende Prioritäten für ihr Tun leitend:

  • Die Katechese in nichtchristlichen Kulturen, geistigen Systemen, sozialen Bewegungen und religiösen Traditionen.
  • Die Gerechtigkeit in der Welt: kritische Analyse der Ursprünge, Formen und Strukturen von Gerechtigkeit in unserer Welt und Einsatz für die Befreiung des Menschen.
  • Die Inanspruchnahme sozialer Kommunikationsmittel für die Verkündigung des Wortes Gottes.

Bedeutende Dominikanerkirchen, auch Predigerkirchen genannt, sind die Französische Kirche in Bern sowie weitere Beispiele in Basel, Eisenach, Erfurt, Regensburg, Rottweil oder Zürich. Viele davon befinden sich heute nicht mehr im Besitz des Dominikanerordens. 1953 baute der bekannte französische Architekt Le Corbusier Kirche und Kloster der Dominikaner Sainte-Marie de la Tourette bei Lyon. Heute wird das Kloster von den Dominikanern überwiegend als Bildungsstätte genutzt.

Der Generalobere der Dominikaner wird Ordensmeister (Magister Ordinis) genannt. Der derzeitige Ordensmeister (seit September 2010) ist Bruno Cadoré. Siehe auch: Dominikanerkloster, Liste der Ordensmeister der Dominikaner

Statistik

Heute gibt es weltweit ca. 6.000 Brüder und über 30.000 apostolisch-karitativ tätige Schwestern.

Zur Provinz Teutonia (gegründet 1221) gehören 9 Konvente: Köln (Provinzialat), Düsseldorf, Vechta, Hamburg, Berlin, Braunschweig, Leipzig, Worms, Mainz (Studienhaus). Das Noviziat befindet sich in Worms (www.noviziat.de). Darüber hinaus gibt es eine kleinere Niederlassung (Domus) im Wallfahrtsort Klausen bei Trier. Zur Provinz Teutonia gehört des Weiteren ein ausländisches Vikariat in Bolivien mit 6 Niederlassungen (Santa Cruz de la Sierra, Cochabamba, Pampagrande, Comarapa, Samaipata, Mairana, Potosi).

Die Süddeutsch-Österreichische Provinz umfasst sieben Konvente: ein Konvent in Baden-Württemberg (Freiburg), drei in Bayern (Augsburg, München St. Kajetan, München St. Katharina) und drei in Österreich (Wien, Graz, Friesach).

Das Wappen der Dominikaner

Als Wappen des Dominikanerordens[3] sind zwei unterschiedliche Motive zu finden, das Lilienkreuz und das Mantelwappen.

Das heutige Dominikanerwappen zeigt im von schwarz und silber achtfach geständerten Schild ein schwarz und silber geständertes Lilienkreuz. Das Lilienkreuz tritt seit dem 15. Jahrhundert auf und ist damit älter als das schwarz-silberne ekklesische Mantelwappen. Es ist ein ursprünglich der Inquisition zugeordnetes Emblem und findet erst seit dem 17. Jahrhundert allgemeine Verbreitung als Symbol für den Predigerorden.

Das Mantelwappen (heraldisch: Mantelzug) ist eine silberne Spitze auf schwarzem Feld – gedeutet wird es als „über dem weißen Gewand der Freude der schwarze Mantel der Buße als Zeichen der Demut und Bereitschaft zur Umkehr“. Es erscheint erstmals 1494 in einem venezianischen Processionarium und wird dann in Europa zum üblichen Zeichen für die Dominikaner.

Das eigentlich ältere Lilienkreuz verdrängt das Mantelwappen erst an der Wende zum 20. Jahrhundert, beim Generalkapitel in Bologna 1961 wurde das Mantelwappen jedoch wieder zum verbindlichen Abzeichen des Dominikanerordens erklärt. Diese Vorschrift wurde 1965 beim Generalkapitel in Bogotá allerdings wieder aufgehoben und die Verwendung beider Wappenbilder freigestellt.

Bekannte Dominikaner

    A Albertus Magnus, Fra Angelico, Aurelius Arkenau B Benedikt XI., Benedikt XIII., Joseph Maria Bocheński, Wunibald Maria Brachthäuser, Odilo Braun, Giordano Bruno C Tommaso Campanella, Bartolomé de Las Casas, Colmarer Dominikanerchronist, Yves Congar, Georges Kardinal Cottier D Dietrich von Freiberg, Dominikus (Ordensgründer) E Meister Eckhart, Everhard von Westerheim F Anatol Feid G Reginald Garrigou-Lagrange, Bernard Gui, Paul-Heinz Guntermann H Titus Maria Horten I Innozenz V., Heinrich Institoris J Jacobus de Cessolis, Jacobus a Voragine, Jordan von Sachsen K Heinrich Kramer, L Jean Baptiste Labat, Jean Baptiste Henri Lacordaire, Gordian Landwehr, Père Jean-Joseph Lataste M Jean de Menasce N Johannes Nider, Benedikt Momme Nissen O Wolfgang Ockenfels P Petrus von Verona, Servais-Théodore Pinckaers, Jacopo Passavanti, Pius V., Kjell Arild Pollestad, Martín de Porres R Rosa von Lima (3. Orden) S Girolamo Savonarola, Jordanus Saxo, Edward Schillebeeckx, Christoph Kardinal Schönborn, Heinrich Seuse, Laurentius Siemer, Matthias von Sittard, Jakob Sprenger (Inquisitor), Basilius Streithofen, Johann Strote T Johannes Tauler, Johann Tetzel (Ablassprediger), Thomas von Aquin, Thomas Cajetan, Tomás de Torquemada (Inquisitor) U Ulrich von Straßburg, Arthur F. Utz

Literatur

  • Todenhöfer, Achim: Apostolisches Ideal im sozialen Kontext. Zur Genese der europäischen Bettelordensarchitektur im 13. Jahrhundert. In: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, Bd. 34 (2007), S. 43-75
  • William A. Hinnebusch OP: Kleine Geschichte des Dominikanerordens. aus dem Amerikanischen von Chr. Holzer OP und W. Locher, Dominikanische Quellen und Zeugnisse Bd. 4, St. Benno Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-7462-1688-5
  • Wolfram Hoyer (Hg.): Jordan von Sachsen. Von den Anfängen des Predigerordens. Dominikanische Quellen und Zeugnisse Bd. 3. Leipzig 2002 ISBN 3-7462-1574-9
  • Timothy Radcliffe: Gemeinschaft im Dialog. Ermutigung zum Ordensleben. Dominikanische Quellen und Zeugnisse Bd. 2. Leipzig 2001 ISBN 3-7462-1450-5
  • Thomas Eggensperger, Ulrich Engel: Dominikanerinnen und Dominikaner: Geschichte und Spiritualität . Topos-Tb, Kevelaer 2010 ISBN 978-3-8367-0709-1
  • Ulrich Engel (Hrsg.): Dominikanische Spiritualität. Dominikanische Quellen und Zeugnisse Bd. 1. Leipzig 2000 ISBN 3-7462-1358-4
  • Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Ein Beitrag zur Geschichte der Franziskaner, Klarissen, Dominikaner und Augustiner-Eremiten im Mittelalter. Saxonia Franciscana 6. Werl 1995 ISBN 3-87163-216-3
  • Ambrosius Eßer OP: Dominikaner. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 9, de Gruyter, Berlin/New York 1982, ISBN 3-11-008573-9, S. 127–136.
  • Grützmacher: Dominikus, und die Dominikaner. In: Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche (RE). 3. Auflage. Band 4, Hinrichs, Leipzig 1898, S. 768–781.

Medien

  • Vom Wort zur Wissenschaft - Die Dominikaner. Dokumentationsreihe Te Deum - Himmel auf Erden, 3sat (Weblink)
  • Wilfried Köpke: Die Dominikaner. Der Orden der Prediger, 30'-Film und 15'-Interview mit Ordensmeister fr. Carlos Azpiroz Costa op, DVD, Leipzig (St. Benno-Verlag), ISBN 978-3-7462-1967-7

Einzelnachweise

  1. ↑ Dominikus. In: Robert-Henri Bautier: Lexikon des Mittelalters. Bd. 4, München 2002.
  2. ↑ Vgl. Pierre Mandonnet: "Note de symbolique médiévale: Domini canes". In: ders. u.a.: Saint Dominique, Paris 1938, Bd. 2, S. 69-81; Meinolf Schumacher: Ärzte mit der Zunge. Leckende Hunde in der europäischen Literatur, Bielefeld 2003.
  3. ↑ Angelus Walz: Das Wappen des Predigerordens. In: Römische Quartalsschrift für christliche Altertumskunde und für Kirchengeschichte XLVII (1939), S. 111–147; zit. nach O.A.: Welche Wappen verwenden die Dominikaner? Orden-online, 16. Mai 2008, abgerufen am 27. Februar 2010 (blog-Eintrag).

 

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Dysenterie - Ruhr

Als Dysenterie (veraltete dt. Bezeichnung Ruhr, Dissenterie, englisch dysentery, Syn. bakterielle Enteritis) wird im engeren Sinne eine entzündliche Erkrankung des Dickdarms bei einer bakteriellen Infektion (Bakterienruhr) bezeichnet. Im weiteren Sinne werden hierunter auch Durchfallerkrankungen auf der Grundlage von Infektionen mit Parasiten (z. B. Amöben, Lamblien) oder Viren verstanden.

Dysenteria catarrhalis dagegen ist ein Synonym für die einheimische Sprue.

Klinik

Auslöser der Dysenterie (Ruhr) sind Shigellen (Gram-negative Stäbchenbakterien) und Amöben (Protozoen). Die Inkubationszeit beträgt ca. 2–3 Tage. Erste Anzeichen sind kolikartige Bauchschmerzen und Diarrhö. Die Stuhlentleerung ist mit 8–30 mal am Tag sehr häufig und schmerzhaft (Tenesmen). Der Stuhl ist meist schleimig und hell (weiße Ruhr) oder blutig (rote Ruhr). Das Auftreten von Fieber ist möglich, aber uncharakteristisch. Normalerweise erholt man sich nach 4 bis maximal 14 Tagen. Der starke Flüssigkeits- und Elektrolytverlust kann lebensbedrohlich sein und führt vor allem bei Kleinkindern zu ZNS-Symptomen, Nierenversagen und Kreislaufkollaps. Die schwersten Verläufe werden durch die Toxine der Spezies Shigella dysentericae verursacht, wohingegen mildere Formen bei Shigella sonnei vorkommen.

Krankheitsfolgen

Als Nachkrankheit kann sich ein Reiter-Syndrom entwickeln. Die Reiter-Trias besteht aus entzündlichen Prozessen am Auge (Konjunktivitis, Iritis, Lidschwellungen), an der Harnröhre und an Gelenken (Arthritis, Bursitis, Synovitis).

Therapie

Neben der symptomatischen Therapie sind Chinolone, Aminopenicilline, Cephalosporine und Cotrimoxazol Mittel der Wahl, aber auch Tetrazykline und Sulfonamide können eingesetzt werden. Unverzichtbar ist die Empfindlichkeitsprüfung für die optimale Therapie.

Quellen

  • Roche Lexikon Medizin [Elektronische Ressource] 5. Auflage, Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, München/Jena 2003, ISBN 3-437-15072-3.Online-Version
  • Duale Reihe "Medizinische Mikrobiologie" 3. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2000/2005, ISBN 3-13-125313-4.

 

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Bakterienruhr

Die Bakterienruhr (syn.: Shigellose, Shigellendysenterie, Shigellenruhr, Bazillenruhr) ist eine von Shigellen ausgelöste Dysenterieerkrankung, die hauptsächlich den Dickdarm befällt. Eine Meldepflicht besteht bei Verdacht, Erkrankung und Tod.

Übertragung

Fäkal-oral, insbesondere über infizierten Urin oder Kot. Der Mensch ist das einzige Erregerreservoir, Verbreitung durch Fliegen. Im Gegensatz zu den ähnlichen Salmonellen sind Shigellen säurestabil, werden also im Magen nicht abgetötet.

Die Bakterienruhr ist eine Erkrankung der Notzeiten, demzufolge tritt sie hauptsächlich bei einer geschwächten Immunabwehr und schlechten hygienischen Bedingungen auf.

Epidemiologie

Die Ursache ist eine Infektion mit Shigellen, von denen vier Spezies bekannt sind:

  • Gruppe A, Shigella dysenteriae: Tropen, Subtropen, 10 Serovarianten, bildet sowohl ein Endotoxin, als auch ein Ektotoxin (Shiga-Toxin), das zu schweren Krankheitsbildern führt. Die Letalität liegt bei 60 %.
    • Shigella ambigua, Schmitz-Bakterium, bildet ebenfalls Ektotoxine.
  • Gruppe B, Shigella flexneri: kein Exotoxin, weltweit verbreitet, i. A. mildere Verlaufsform als bei Gruppe A.
  • Gruppe C, Shigella boydii: Vorderasien und Nordafrika, selten, leichter Verlauf.
  • Gruppe D, Shigella sonnei: Mitteleuropa, v. a. bei Kindern, kein Exotoxin, meist flüchtiger und harmloser Verlauf ("Sommer-Durchfall").

Inkubationszeit

Die Bakterienruhr hat eine Inkubationszeit von 2 - 7 Tagen.

Pathogenese

Die Erreger werden über den Darm aufgenommen und zum Teil resorbiert. Toxische Erreger (Gruppe A) sondern Endo- und Ektotoxine ab, die neben allgemeinen toxischen Schäden Schleimhautveränderungen und Geschwürbildung bewirken können. Die häufigeren nichttoxischen Erreger-Varianten (Gruppen B, C und D) bilden nur Endotoxine, wobei Infektionen im Allgemeinen leichter verlaufen.

Verlauf

Man unterscheidet zwei Verlaufsformen, eine toxische Bakterienruhr, die dem Paratyphus ähnelt, und eine leichtere, welche der infektiösen Gastroenteritis ähnelt.

Die toxische Bakterienruhr ist charakterisiert häufige blutig-schleimige Durchfälle, Fieber, Appetitlosigkeit, Abgeschlagenheit, Bauchschmerzen/Koliken, heftige Tenesmen. Der große Flüssigkeits- und Elektrolytverlust und die Aufnahme von Bakterientoxinen stellen die größte Gefahr dar, durch die es zur Exsikkose, Nierenversagen, Kreislaufkollaps, Krämpfen und Koma kommen kann.

Die mildere Verlaufsform geht mit geringeren toxischen Erscheinungen einher. Die Symptome sind Fieber, Erbrechen, Tenesmen sowie wässrige Durchfälle mit Beimengungen von Schleim und Blut.

Diagnostik

Die Diagnose wird anhand der klinischen Symptome gestellt. Der Erreger wird durch kulturelle, bakteriologische Untersuchung eines Abstrichs aus dem Enddarm nachgewiesen.

Komplikationen

Bei schweren Verläufen kann es zu Darmblutungen und Geschwürperforationen kommen, welche die Gefahr einer Peritonitis bergen.

Als Krankheitsfolge kann es zu einer reaktiven Arthritis (Reitersyndrom) kommen, die meist spontan verschwindet.

Nach überstandener Erkrankung scheidet die Person noch etwa vier Wochen Erreger aus. Eine überstandene Shigellose bietet eine gewisse Immunität gegen Erreger des gleichen Typs.

Vorbeugung und Behandlung

Die grundlegende Vorbeugung sind Hygienemaßnahmen wie etwa Sauberkeit bei der Trinkwasser- und Nahrungszubereitung, regelmäßige Händedesinfektion und Fäkalienbeseitigung.

Die Therapie besteht aus einer Verbesserung der Immunabwehr des Patienten, Ersatz von Wasser und Elektrolyten (z.B. WHO-Trinklösung) sowie Antibiotika wie Chinolone oder Ampicillin intravenös. Da einige Shigellen durch R-Plasmide multiresistent sind, ist eine eventuelle Korrektur der Antibiotika nach Antibiogramm erforderlich. Bei krampfartigen Bauchschmerzen kann die Gabe eines Spasmolytikums wie N-Butylscopolamin sinnvoll sein.

Obstipierende Mittel wie Loperamid unterdrücken zwar die Durchfälle, verzögern aber die Ausscheidung der Erreger aus dem Körper, sind deswegen höchstens kurzfristig einzusetzen.

Prognose

Bei leichteren Formen relativ günstig, bei schwereren Formen beträgt die Letalität 3-10 %.

Literatur

  • Herold: Innere Medizin, 2001
  • Pschyrembel, 1990

 

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Shigella

Bei den Bakterien der Gattung Shigella (auch bekannt als Shigellen) handelt es sich um eine Gruppe gramnegativer Stäbchenbakterien der Familie der Enterobakterien (Enterobacteriaceae). Sie rufen die teilweise sehr schwere Bakterienruhr mit Durchfällen hervor. Benannt wurden sie nach dem japanischen Bakteriologen Kiyoshi Shiga, dem Entdecker des Erregers der Bakterienruhr (Nachweis 1898). Die Bakterien sind unbeweglich und können auch ohne Anwesenheit von Sauerstoff leben (fakultativ anaerob). Shigellosen sind meldepflichtig.

Epidemiologie und Infektionsquellen

Die vier bekannten Shigella-Artengruppen sind alle medizinisch relevant als Erreger der Shigellosen (Bakterienruhr), und wurden bislang nur beim Menschen und Primaten nachgewiesen. Weltweit werden jährlich ca. 160 Mio. Menschen infiziert, von denen ca. 1 Mio. sterben. Dabei handelt es sich meist um Kinder, ältere und immungeschwächte Patienten.

Verbreitet werden sie durch verschmutztes Wasser oder Nahrungsmittel, teilweise auch durch Fliegen. Die Krankheitssymptome (hauptsächlich Fieber und starker Durchfall) stellen eine Reaktion auf die Einwanderung der Bakterien in das Darmgewebe und deren Sekretion von Shigella-Enterotoxinen dar. Die Shigellen-Infektion (auch Bakterienruhr oder bakterielle Ruhr) wird bei der primären Immunantwort von neutrophilen Granulozyten und Makrophagen abgemildert.

Pathogenitätsfaktoren

Shigella dysenteriae produzieren das so genannte Shiga-Toxin, welches zu einer schwerer wiegenden Vergiftung führt als bei Infektionen mit anderen Shigella-Gruppen (hämolytischer Verlauf).[1]

Weiterhin produzieren Shigellen ein Protein verdauendes Enzym mit der Bezeichnung VirA, welches auf die Bausteine der Mikrotubuli (Tubulin) der befallenden Zellen einwirkt. VirA schlitzt die Mikrotubuli gleichsam auf, so dass die Shigellen in diese eindringen können.[2] Shigellen bewegen sich ungerichtet im Zytosol der Wirtszelle durch polare Aktinpolymerisation.

Shigella-Artengruppen

  • Gruppe A, Shigella dysenteriae: Die Bakterien der Gruppe A sind hauptsächlich in den Tropen und Subtropen verbreitet. Besonders schwer sind Infektionen mit dem Serotyp A (auch Shiga-Kruse-Bakterium), da diese Bakterien neben den normalen Giften auch ein Nervengift bilden.
  • Gruppe B, Shigella flexneri: Infektionen dieser Gruppe verlaufen in der Regel weniger schwer als die der Gruppe A, die Bakterien sind weltweit verbreitet. Zur Diskussion steht im Moment, ob Infektionen mit diesen Bakterien im Zusammenhang mit einigen Fällen von Plötzlichem Kindstod stehen. Shigella flexneri wurde 2002 sequenziert, das Genom ist also vollständig bekannt.
  • Gruppe C, Shigella boydii: Boyd-Bakterien finden sich vor allem in Vorderindien und Nordafrika, Infektionen mit ihnen sind selten und meist harmlos.
  • Gruppe D, Shigella sonnei: Diese auch als Kruse-Sonne-Bakterien bekannten Arten stellen vor allem in Mitteleuropa die häufigsten Shigellen dar und verursachen besonders bei Kindern den harmlosen Sommerdurchfall.

Quellen

  1. ↑ Lois J. Paradise, Mauro Bendinelli, Herman Friedman: Enteric infections and immunity. Springer, 1996 ISBN 0-306-45242-1 S. 79ff.
  2. ↑ Research Highlights in Nature Bnd. 444, S. 246, 16. Nov. 2006 über einen Artikel in Science Bnd. 314, S. 985-986, 2006

 

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Shigella dysenteriae

Shigella dysenteriae ist ein nicht-sporenbildendes, Gram-negatives, stäbchenförmiges, fakultativ-anaerobes und nicht-bewegliches Bakterium. Es ist benannt nach seinem Entdecker, dem japanischen Mikrobiologen Kiyoshi Shiga, sowie dem als Hauptsymptom einer Infektion auftretenden Durchfall (Dysenterie). In genetischer, morphologischer und physiologischer Hinsicht besteht eine enge Verwandtschaft mit Escherichia coli.

Shigella dysenteriae ist, primär für den Menschen, in der Regel pathogen und verursacht vor allem Bauchschmerzen und Durchfallerkrankungen. Häufigster Infektionsweg ist die Aufnahme über verunreinigte Lebensmittel, insbesondere durch Fäkalien kontaminiertes Trinkwasser.

Eigenschaften

Morphologie und Physiologie

Shigella dysenteriae ist ein Gram-negatives und fakultativ-anaerobes Bakterium. Die Zellen sind stäbchenförmig. Shigella dysenteriae bildet keine Sporen und ist eng mit Escherichia coli verwandt. Beide Arten zählen zur Familie der Enterobakterien, zu der unter anderem auch die Yersinien, die Klebsiellen und die Gattung Citrobacter gehören, und sind sich hinsichtlich ihrer morphologischen und physiologischen Eigenschaften sehr ähnlich. Eine Unterscheidung ist anhand von einigen biochemischen Tests möglich. So kann Shigella dysenteriae im Gegensatz zu Escherichia coli keine Lactose abbauen, darüber hinaus verfügt Shigella nicht über eine Decarboxylase zum Abbau von Lysin. Auch über serologische Methoden können beide Arten unterschieden werden.

Nachweis

Der klinische Nachweis von Shigella dysenteriae erfolgt durch die mikroskopische Untersuchung einer Stuhlprobe sowie eine Anreicherungskultur mit selektiven Nährmedien. Die Identifizierung ist mittels biochemischer Tests oder durch spezifische Antikörper möglich, ebenso wie ein Nachweis mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) und eine anschließende Hybridisierung mit spezifischen DNA-Sonden.

Pathogenität

Bereits zehn bis 200 Keime und damit eine vergleichsweise kleine Zahl sind ausreichend für eine Infektion mit Shigella dysenteriae, die auch als Bakterienruhr oder Shigellose bezeichnet wird. Hauptsymptome sind krampfartige Bauchschmerzen, plötzlich auftretendes hohes Fieber und Durchfall, gelegentlich auch Erbrechen. Hauptverantwortlich für diese Symptome sind die von den Bakterien produzierten Shigella-Enterotoxine. Shiga-Toxin, das auch von einigen enterohämorrhagischen Escherichia coli gebildet wird, führt zusätzlich dazu, dass die aufgrund des Durchfalls ausgeschiedenen Fäkalien in rund 70 Prozent der Fälle bluthaltig sind. Insbesondere bei Kindern kann daher zusätzlich ein Hämolytisch-urämisches Syndrom auftreten. Die Inkubationszeit von der Infektion bis zum Auftreten der ersten Symptome beträgt in der Regel ein bis zwei Tage, die Dauer einer unbehandelten Infektion fünf bis sieben Tage. Epidemien können auftreten in Regionen mit mangelhafter Hygiene und unzureichender medizinischer Versorgung. Die Letalität beträgt dann rund fünf bis 15 Prozent.[1]

Vor allem bei Kindern und älteren Menschen ist eine Infektion oft behandlungsbedürftig. Eine antibiotische Therapie erfolgt in der Regel mit Ciprofloxacin und Ampicillin. Bei schwerwiegendem Flüssigkeitsverlust (Dehydratation) aufgrund des Durchfalls werden darüber hinaus peroral oder intravenös elektrolythaltige Flüssigkeiten zugeführt. Zur Prävention ist vor allem die Einhaltung entsprechender Hygienevorschriften sowie die ordnungsgemäße Zubereitung und Lagerung von Lebensmitteln notwendig.

Der Verdacht auf eine Infektion mit Shigella dysenteriae sowie bestätigte Erkrankungsfälle, Todesfälle und Dauerausscheider sind in Deutschland nach dem Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.

Literatur

  • S.K. Niyogi: Shigellosis. In: Journal of Microbiology. 43(2)/2005. Microbiological Society Of Korea, S. 133–143, ISSN 1225-8873
  • P. Shears: Shigella infections. In: Annals of Tropical Medicine and Parasitology. 90(2)/1996. Carfax, S. 105–114, ISSN 0003-4983
  • Samuel Baron: Medical Microbiology. 4. Auflage. The University of Texas Medical Branch at Galveston, 1996, ISBN 0-9631172-1-1

Einzelnachweise

  1. ↑ Lois J. Paradise, Mauro Bendinelli, Herman Friedman: Enteric infections and immunity. Springer, 1996 ISBN 0306452421 S. 79ff.

 

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Endotoxin

Endotoxine sind eine Klasse biochemischer Stoffe. Sie sind Zerfallsprodukte von Bakterien, die im Menschen zahlreiche physiologische Reaktionen auslösen können.

Definition

Endotoxine sind Bestandteil der äußeren Zellmembran (OM = outer membrane) von gramnegativen Bakterien oder Blaualgen. Chemisch sind es Lipopolysaccharide (LPS), die aus einem hydrophilen Polysaccharid- und einem lipophilen Lipidanteil aufgebaut sind. Im Gegensatz zu den Bakterien, aus denen sie stammen, sind Endotoxine sehr hitzestabil und überstehen sogar die Sterilisation.

Wortherkunft

Der Begriff Endotoxin (im Gegensatz zum Ektotoxin oder Exotoxin) leitet sich vom griechischen endo = innen und toxin = Gift ab, weil ihr Entdecker Richard Pfeiffer irrtümlich annahm, sie würden aus dem Inneren der Bakterien freigesetzt werden.

Wirkungen

Endotoxine gehören zu den Pyrogenen, d. h. sie können bei Kontakt mit Schleimhäuten und bei Übertritt ins Blut bei Menschen und manchen Tierarten Fieber erzeugen. Außerdem aktivieren sie eine Reihe von Signalwegen von immunkompetenten Zellen, die entweder zu einer Entzündung oder zu einem programmierten Zelltod (Apoptose) dieser Zellen führen können. Sie sind schon in niedrigsten Konzentrationen (unterer pg/ml-Bereich) biologisch wirksam. Der LD50-Wert liegt bei Endotoxinen bei 200-400µg pro Maus (im Vergleich dazu Exotoxine: LD50-Wert von 25pg). Endotoxine werden vorrangig bei der Zelllyse frei, aber im Gegensatz zu Enterotoxinen oder Exotoxinen nicht kontinuierlich von lebenden Bakterien ins umgebende Medium abgegeben.

Nachweis und Bestimmung

Die derzeit empfindlichste Methode zur Messung der Endotoxine funktioniert über die Aktivierung der Gerinnungskaskade im Lysat von Amöbozyten, die aus Pfeilschwanzkrebsen (Limulus polyphemus) isoliert wurden (sog. LAL-Test).

Zerstörung von Endotoxinen

Hitzebeständige Geräte kann man mit 5 Stunden bei 200 °C von den Endotoxinen befreien, und nicht hitzebeständige Geräte mit 1 molarer Natronlauge, die 15 Stunden lang einwirken soll.

 

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Ektotoxin

Ektotoxine (auch Exotoxine) sind von Bakterien abgesonderte Giftstoffe, gegen die der Wirtskörper Gegengifte (Antitoxine) bilden kann. Der Begriff leitet sich vom griechischen ekto = außen und toxin = Gift ab, das Gift „verlässt“ also das Bakterium (im Gegensatz zum Endotoxin).

Exotoxine sind meist Proteine und thermolabil, das heißt nicht hitzebeständig.

Sie können in drei Klassen eingeteilt werden:

  • membranschädigende Toxine
  • AB-Toxine (haben vielerlei Funktion)
  • Superantigentoxine

Membranschädigende Exotoxine

Manche haben katalytische Eigenschaften, wie zum Beispiel das Alphatoxin von Clostridium perfringens, andere dagegen nicht, zum Beispiel das Alphatoxin von Staphylococcus aureus. Das Alphatoxin von Clostridium perfringens ist eine Lipase, die die Zellmembran destabilisiert, indem es die dortigen Phospholipide zerschneidet. Das Alphatoxin von Staphylococcus aureus hingegen bildet ein Polymer auf der Oberfläche der Zielzelle, welches die Membran der Zelle perforiert.

AB-Toxine

Sie bestehen im einfachsten Fall aus einem A-Teil, welcher die katalytische Aktivität hat, und einem B-Teil, welcher die spezifische Bindung an die Zielzelle vermittelt. Es gibt jedoch zahlreiche AB-Toxine, die mehrere B-Untereinheiten besitzen (zum Beispiel Pertussistoxin, Choleratoxin, Diphtherietoxin).

Die Aufnahme der Toxine in die Zelle geschieht durch rezeptorvermittelte Endocytose (englisch receptor mediated endocytosis, RME). Dabei bindet der B-Teil an einen spezifischen Rezeptor auf der Zielzelle, worauf diese das Toxin durch Endocytose aufnimmt. Das Toxin befindet sich dann in einem Endosom, welches üblicherweise während seiner Reifung angesäuert wird. Diese Ansäuerung löst dann die Ausschleusung des A-Teiles aus dem Endosom ins Cytoplasma aus. Damit kann der A-Teil seine Wirkung entfalten.

Tetanus und Botulismus

Ausgelöst werden diese beiden Krankheiten durch Neurotoxine, die von Clostridium tetani beziehungsweise Clostridium botulinum erzeugt werden. Die Neurotoxine gehören zu den AB-Toxinen und entfalten ihre Wirkung an Neuronen. Diese Toxine gehören zu den wirksamsten bekannten Toxinen. Die tödliche Dosis liegt schon bei wenigen Nanogramm pro Kilogramm.

Beide Toxine sind Endopeptidasen. Sie zerstören Proteine, die für die Verschmelzung von synaptischen Vesikeln mit der Membran der Neuronen wichtig sind. Dadurch können die Neurotransmitter nicht mehr in die Intersynapse abgegeben werden. Im Fall von Botulismus wird die Ausschüttung von Acetylcholin (bei Tetanus Glycin) verhindert, was zu Erschlaffung der Muskelfasern führt (bei Tetanus dauerhafte Muskelkontraktion).

AB-Toxine, die mit G-Proteinen wechselwirken

Eine andere Klasse von AB-Toxinen wirkt auf G-Proteine. Auch diese Toxine sind hochwirksam. Nachdem das Toxin über RME aufgenommen wurde, katalysiert der A-Teil die Übertragung eines ADP-Ribosylrestes von NAD auf das G-Protein, wodurch letzteres inaktiviert wird. Der ADP-Ribosylrest wird an ganz bestimmte Aminosäuren auf dem G-Protein gehängt, etwa an einen Arginin-Rest des stimulierenden Gα-Proteins im Falle von Choleratoxin, oder an einen Cystein-Rest des inhibitorischen Gα-Proteins im Falle von Pertussistoxin.

Die Inaktivierung von G-Proteinen kann gravierende Folgen für die Zelle haben, je nachdem welches G-Protein ADP–ribosyliert wird. Beispiele sind das Choleratoxin und das Pertussistoxin, die den cAMP-Spiegel der Zelle erhöhen. Dies geschieht im Fall von Cholera an den Darmzellen, was eine schwere Durchfallerkrankung zur Folge hat. Das Pertussistoxin (aus Bordetella pertussis) wirkt auf die Epithelzellen der Lunge und wahrscheinlich auf Neuronen, was dann zu den für Keuchhusten typischen Symptomen führt. Zusätzlich wirkt das Toxin auch auf die Makrophagen und behindert dadurch die Immunantwort.

Diphtherie

Im Falle des Diphtherietoxins (aus Corynebacterium diphtheriae) wird der Elongationsfaktor 2 (EF2) durch Übertragung eines ADP-Ribosylrestes auf Diphtamid (ein modifizierter Histidin-Rest) inaktiviert. EF2 ist aber für die Proteinsynthese und damit für das Leben der Zelle unbedingt nötig.

Superantigentoxine (Superantigene)

Diese Art von Exotoxin wirkt auf völlig andere Weise. Ausschlaggebend für die Symptome ist hier die Reaktion des Immunsystems auf das Toxin – nicht die Wirkung des Toxins selbst.

Superantigene vermitteln direkten Kontakt von antigenpräsentierenden Zellen (APC) mit T-Zellen. Im Normalfall müssen Antigene durch APCs aufgenommen und prozessiert werden, bevor sie dann einigen wenigen T-Zellen über MHC–TCR-Kontakt (T-Zell-Rezeptor) gezeigt werden. Da Superantigene jedoch selbständig Kontakt zwischen TCR und MHC herstellen, bedeutet dies eine Hyperstimulierung der T-Zellen. Superantigene binden an den variablen Teil der β-Kette. Somit gibt es keine Spezifität mehr für Epitope. Dabei werden dann 20 bis 25 % (im Normalfall 0,01 %) aller T-Zellen im Körper stimuliert. Was folgt, ist eine Immunantwort, die sich gegen den Wirt selbst richtet. Dadurch entsteht ein Toxischer Schock.

Das Superantigen von Staphylococcus aureus verursacht einen Toxischen Schock. Dabei werden immens viele T-Zellen stimuliert. Diese wiederum stimulieren in hohem Maße andere Zellen dazu, starke Entzündungsreaktionen auszulösen. Diese Reaktionen können dann systemweit, das heißt im ganzen Körper, auftreten. Dazu gehören Blutgerinnsel, hohes Fieber etc. Unbehandelt führen diese Reaktionen im Extremfall zum Multiorganversagen.

 

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Shiga-Toxin

Shiga-Toxine heißen nach dem japanischen Bakteriologen Kiyoshi Shiga benannte zytotoxische Proteine, produziert von Shigella dysenteriae, dem Erreger der Shigellosen oder Bakterienruhr, und nahe verwandte Proteine, die von Escherichia coli (Enterohämorrhagische Escherichia coli) produziert werden (Vero-Toxine).

Das gesamte Shiga-Toxin besitzt eine Molmasse von rund 70.000 Dalton[1]; das Protein besteht aus zwei verschiedenen Untereinheiten, die über Disulfidbrücken miteinander verbunden sind. Die B-Untereinheit (7,6 kDa) ist fünffach vorhanden und sorgt für die Bindung an die Zelloberfläche und dafür, dass die A-Untereinheit (etwa 30 kDa[1]) in das Zellinnere geschleust wird, wo diese die Eiweißsynthese durch Spaltung der 28s-rRNA der Ribosomen hemmt. Es besitzt einen ausgeprägten Neurotropismus.

Shiga-Toxine zählen zu den Lektinen. Sie sind keine Enterotoxine und nicht für den Durchfall bei der Bakterienruhr verantwortlich, sondern – wie die ähnlichen Vero-Toxine – für deren hämolytischen Verlauf.

Einzelnachweise

  1. ↑ a b Thieme Chemistry (Hrsg.): Eintrag zu Shiga-Toxin im Römpp Online. Version 3.14. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2011, abgerufen am 28. Mai 2011.

 

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Bakterien

Die Bakterien (Bacteria) (griechisch βακτήριον baktērion „Stäbchen“, Singular: die Bakterie, veraltet auch: das Bakterium) bilden neben den Eukaryoten und Archaeen eine der drei grundlegenden Domänen, in die heute alle Lebewesen eingeteilt werden.[1]

Bakterien sind wie die Archaeen Prokaryoten, das bedeutet, ihre DNA ist nicht in einem vom Cytoplasma durch eine Doppelmembran abgegrenzten Zellkern enthalten wie bei Eukaryoten, sondern bei ihnen liegt die DNA wie bei allen Prokaryoten frei im Cytoplasma, und zwar zusammengedrängt in einem engen Raum, dem Nucleoid (Kernäquivalent).

Die Wissenschaft und Lehre von den Bakterien ist die Bakteriologie.

Erforschung

Bakterien wurden erstmalig von Antoni van Leeuwenhoek mit Hilfe eines selbstgebauten Mikroskops in Gewässern und im menschlichen Speichel beobachtet und 1676 von ihm in Berichten an die Royal Society of London beschrieben.

Bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wurde die Bezeichnung „Bakterien“ in der Mikrobiologie für alle mikroskopisch kleinen, meistens einzelligen Organismen gebraucht, die keinen echten Zellkern besitzen und deshalb zu den Prokaryoten gehören. Jedoch trifft das auch auf die Archaeen zu, die seit etwa 1990 einer separaten Domäne zugeordnet werden. Zur Abgrenzung von den Archaeen sprach man in der Übergangszeit bis zur Definition der drei Lebewesen-Domänen auch von „Eigentlichen Bakterien“ oder „Echten Bakterien“ und es wurden die wissenschaftlichem Namen Eubacteria und Archaebacteria verwendet. Eubacteria war eine unglückliche Benennung, da es auch eine Bakteriengattung Eubacterium gibt. Heute werden die beiden Domänen der Prokaryoten als Bacteria und Archaea bezeichnet, die dritte Domäne ist die der Eukaryoten.

Über dreihundert Jahre nach der ersten Beschreibung von Bakterien und trotz unzähliger schon beschriebener und katalogisierter Arten ist nach heutigem Kenntnisstand anzunehmen, dass die große Mehrheit (ca. 95 bis 99 %) aller auf unserem Planeten existierenden Bakterienarten noch nicht näher bekannt ist und beschrieben wurde (Stand: 2006). Daher ist es nicht verwunderlich, dass immer wieder neue und aufregende Entdeckungen gemacht werden. So wurde im Jahr 1999 das größte bislang bekannte Bakterium entdeckt: Die so genannte Schwefelperle von Namibia, Thiomargarita namibiensis, ist mit einem Durchmesser von bis zu einem dreiviertel Millimeter ein bereits mit bloßem Auge sichtbares Schwefelbakterium. Das Bakterium mit den wenigsten Genen ist Carsonella ruddii. Es besitzt nur 159.662 Basenpaare und 182 Gene[2].

Eigenschaften

Gestalt und Größe

Bakterien kommen in verschiedenen äußeren Formen vor (Beispiele in Klammern): kugelförmig, sogenannte Kokken (Micrococcus), zylindrisch, sogenannte Stäbchen (Bacillus, Escherichia) mit mehr oder weniger abgerundeten Enden, wendelförmig (Spirillen, Spirochäten), mit Stielen (Caulobacter), mit Anhängen (Hyphomicrobium), mehrzellige Trichome bildend (Caryophanon, Oscillatoria), lange, verzeigte Fäden, sogenannte Hyphen, bildend, die sich verzweigen und eine Fadenmasse, sogenanntes Mycel, bilden (Streptomyzeten), Gebilde mit mehreren unregelmäßig angeordneten Zellen (Pleurocapsa). Oft kommen Bakterien in Aggregaten vor: Kugelketten (Streptococcus), flächige Anordnung kugelförmiger Zellen (Merismopedia), regelmäßige dreidimensionale Anordnung von Kugeln (Sarcina), Stäbchenketten (Streptobacillus), in Röhren eingeschlossene Stäbchenketten (Leptothrix).

Die Größe von Bakterien ist sehr unterschiedlich: Ihr Durchmesser liegt zwischen etwa 0,1 und 700 µm, bei den meisten etwa 0,6 bis 1,0 µm. Ihre Länge liegt in einem größeren Bereich: bei Einzelzellen zwischen etwa 0,6 µm (bei Kokken) und 700 µm, Hyphen können noch länger sein, die meisten Bakterien sind 1 bis 5 µm lang. Das Volumen der meisten Bakterien liegt in der Größenordnung von 1 µm3. Abgesehen von wenigen Ausnahmen können einzelne Bakterienzellen mit bloßem Auge nicht gesehen werden, da das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges um etwa 50 µm liegt. Besonders klein sind Mycoplasmen, der Durchmesser der kleinsten beträgt etwa 0,3 µm. Besonders groß sind viele Cyanobakterien, ihr Durchmesser liegt meistens zwischen 2 und 8 µm. Das größte bisher bekannte Bakterium ist Thiomargarita namibiensis: etwa kugelförmig mit einem Durchmesser von 300 – 700 µm, also mit bloßem Auge zu sehen. Das Volumen des größten Bakteriums (Durchmesser d etwa 700 µm, Volumen einer Kugel = 0,523 · d3) ist etwa 10 Milliarden mal größer als das Volumen des kleinsten (Durchmesser etwa 0,3 µm).

StrukturSchema einer Bakterienzelle

Bakterien besitzen zumeist eine Zellwand, alle besitzen Cytoplasma mit Cytoplasmamembran und Ribosomen. Die DNA liegt als strangförmiges, in sich geschlossenes Molekül, als so genanntes Bakterienchromosom frei im Cytoplasma vor. Bei einigen Bakterien kommen auch zwei Bakterienchromosomen vor, beispielsweise bei Ralstonia eutropha Stamm H16. Häufig befindet sich im Cytoplasma weitere DNA in Form von kleineren, ebenfalls strangförmigen, in sich geschlossenen Molekülen, den Plasmiden, die unabhängig vom Bakterienchromosom vervielfältigt und bei der Fortpflanzung weitergegeben werden oder von einem Individuum auf ein anderes übertragen werden können. Das Genom des Darmbakteriums Escherichia coli besteht aus knapp 4,7 Millionen Basenpaaren, deren Sequenz vollständig bekannt ist. Das DNA-Molekül ist etwa 1,4 Millimeter lang mit einem Durchmesser von nur 2 Nanometern und enthält rund 4400 Gene. Trotz seiner Länge von mehr als dem Tausendfachen des Zelldurchmessers ist es auf einen Bereich von etwa der Hälfte des Zelldurchmessers (vermutlich hochgeordnet) zusammengelegt (Nucleoid). Inzwischen sind viele weitere Bakteriengenome vollständig bekannt (siehe Sequenzierte Organismen). Eine Besonderheit der Bakterien ist auch die RNA-Polymerase. Sie besitzen nur eine, und die besteht aus nur 5 Untereinheiten (α (2x), β, β' und ω). Die RNA-Polymerase der Archaeen besteht dagegen aus 11–12 Untereinheiten, und Eukaryoten besitzen mehrere RNA-Polymerasen, die aus bis zu 12 Untereinheiten bestehen.

Erläuterungen zum Bakterien-Schema:

  • Es wird ein Längsschnitt eines Bakteriums schematisch dargestellt.
  • Nicht alle dargestellten Strukturelemente sind immer und bei allen Bakterien vorhanden.
  • Bei allen Bakterien sind immer vorhanden: Cytoplasmamembran, Cytoplasma, Nucleoid und Ribosomen.
  • Thylakoide (dienen der Phototrophie) sind in sehr verschiedener Form bei allen phototrophen Bakterien vorhanden, mit Ausnahme der Chlorobien.
  • Chlorosomen (dienen der Phototrophie) sind bei Chlorobien vorhanden.
  • Soweit eine Zellwand vorhanden ist (bei weitaus den meisten Bakterien), ist sie bei gramnegativen Bakterien dünn, bei grampositiven Bakterien dick.
  • Gramnegative Bakterien besitzen außerhalb der Zellwand eine weitere Biomembran, die sog. Äußere Membran, die im Schema nicht dargestellt ist.
  • Soweit Flagellen (Geißeln) vorhanden sind, ist ihre Anzahl (1 bis viele) und ihre Anordnung je nach Bakterienart verschieden. Auch ihre Länge variiert. Sie sind immer wendelförmig.
  • Soweit Pili vorhanden sind, ist ihre Anzahl (1 bis viele), Länge und Anordnung verschieden.
  • Soweit eine Schleimhülle, Glykokalix außerhalb der Zellwand vorhanden ist, kann sie je nach Bakterienart und äußeren Bedingungen verschieden dick sein und aus verschiedenen Schleimstoffen bestehen.
  • Soweit Plasmide vorhanden sind, ist ihre Anzahl unterschiedlich.
  • Soweit Gasvesikel vorhanden sind, ist ihre Größe und Anzahl je nach Bakterienart und äußeren Umständen verschieden.

Lebensweise und Vermehrung

Lebensweise

Lebensweise und Stoffwechsel der Bakterien sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. So gibt es Bakterien, die Sauerstoff benötigen (aerobe Bakterien oder Aerobier), Bakterien, für die Sauerstoff Gift ist (obligat anaerobe Bakterien oder obligate Anaerobier), und Bakterien, die tolerant gegenüber Sauerstoff sind (fakultative Anaerobier). Einige Bakterien sind zur Photosynthese fähig, also phototroph, zum Beispiel die früher auch Blaualgen genannten Cyanobakterien, die meisten sind dagegen chemotroph. Von den Chemotrophen sind die meisten heterotroph, einige jedoch chemoautotroph, und zwar lithoautotroph.

Manche Bakterien (z.B. Bacillus) bilden Dauerstadien (Sporen) aus, in denen der komplette Stoffwechsel zum Erliegen kommt. In diesem Zustand können die Bakterien für sie ungünstige – auch extreme – Umweltbedingungen überstehen und mehrere tausend Jahre überdauern. Andere Bakteriengattungen haben eine andere Strategie entwickelt und ihren Stoffwechsel direkt an extreme Umweltbedingungen angepasst. Sie werden als Extremophile bezeichnet.

Die meisten Bakterien leben in der Natur in Form von Biofilmen zusammen.

Vermehrung

Die Vermehrung der Bakterien erfolgt asexuell durch Zellteilung. Das kann durch Querteilung (besonders bei zylindrischen Bakterien), durch Knospung, durch Sporenbildung oder auf andere Weise geschehen. Bei der Endosporenbildung kommt es jedoch meistens nicht zu einer Vermehrung, weil weit überwiegend nur eine Endospore je Zelle gebildet wird (nur bei wenigen Bakterien, beispielsweise bei Anaerobacter polyendosporus und Metabacterium, werden mehrere Endosporen je Zelle gebildet). Alle Nachkommen der asexuellen Vermehrung weisen ein identisches Genom auf und bilden daher einen Klon.

Gentransfer

Bei einer Konjugation können Bakterien mit Hilfe sogenannter Sexpili (Proteinröhren) DNA untereinander austauschen (horizontaler und vertikaler Gentransfer). Mittels der Sexpili können sich die Zellen annähern und dann über eine Plasmabrücke DNA (das Bakterien-„Chromosom“ ganz oder teilweise sowie Plasmide) von einer Zelle zur anderen übertragen. Da die Pili nicht direkt an der DNA-Übertragung beteiligt sind, kann diese auch ohne Pili erfolgen, wenn sich zwei Bakterienzellen eng aneinander legen. Dieser Gentransfer wird vor allem von Gram-negativen Bakterien praktiziert. Bei Gram-positiven Bakterien herrscht vor allem der Mechanismus der Transduktion vor. Hierbei werden Bakteriophagen als Vektor benutzt. Transformation, die Aufnahme von nackter DNA, ist dagegen kaum verbreitet.

Bewegung

Bakterien bewegen sich meist frei im Flüssigmedium schwimmend durch Flagellen, auch als Geißeln bezeichnet, die anders als die Geißeln der Eukaryoten (z. B. Protisten) nicht nach dem „9+2-Muster“ aufgebaut sind, sondern aus einem langen, wendelförmigen, etwa 15 bis 20 nm dicken Proteinfaden bestehen. Zudem wirken die Flagellen der Bakterien nicht antreibend durch Formveränderung wie die Geißeln der Eukaryoten, sondern sie werden wie ein Propeller gedreht. Die Drehbewegung wird an einer komplizierten Basalstruktur durch einen Protonenstrom erzeugt, ähnlich wie bei einer Turbine, die durch einen Flüssigkeits- oder Gasstrom angetrieben wird. Dazu ist ein Protonenkonzentrationsgefälle erforderlich. Spirochaeten bewegen sich dadurch, dass sie sich um sich selbst drehen und dank ihrer wendelförmigen Körper sich gewissermaßen durch das umgebende Medium schrauben. Einige Bakterien bewegen sich nicht freischwimmend, sondern durch Kriechen, zum Beispiel Myxobakterien und einige Cyanobakterien.

Verschiedene Umweltfaktoren können die Bewegungsrichtung der Bakterien beeinflussen. Diese Reaktionen werden als Phototaxis, Chemotaxis (Chemotaxis gegenüber Sauerstoff: Aerotaxis), Mechanotaxis und Magnetotaxis bezeichnet.

Endosymbiontenhypothese

Aufgrund biochemischer Untersuchungen nimmt man heute an, dass einige Organellen, die in den Zellen vieler Eukaryoten vorkommen, ursprünglich eigenständige Bakterien waren (Endosymbiontentheorie); dies betrifft die Chloroplasten und die Mitochondrien. Diese Organellen zeichnen sich durch eine Doppelmembran aus und enthalten eine eigene zirkuläre DNA, auf der je nach Art 5 bis 62 Gene enthalten sein können. Belege dafür sind die Ergebnisse der rRNA-Sequenzierung und die Organellproteine, die eine stärkere Homologie zu den Bakterienproteinen ausweisen, als zu den Eukaryoten. Die Codons von Mitochondrion und Chloroplast ähneln der Codon Usage der Bacteria ebenfalls mehr.

Bedeutung

Ökologische Bedeutung

Unverzichtbar für bedeutende geochemische Stoffkreisläufe sind viele Bodenbakterien, die als Destruenten wirken beziehungsweise Nährsalze für die Pflanzen verfügbar machen.

Eine große Gruppe von Bakterien bilden die so genannten Cyanobakterien, die früher etwas irreführend auch als Blaualgen bezeichnet wurden. Da sie Prokaryonten sind, gehören sie nicht zu den Algen. Sie betreiben Photosynthese und sind entsprechend unabhängig von organischer Nahrung, brauchen jedoch Licht zur Energieversorgung. Gemeinsam mit den Grünalgen (Chlorophyta) und anderen Algengruppen bilden sie das Phytoplankton der Meere und Süßgewässer und so die Nahrungsgrundlage vieler Ökosysteme.

Spezielle Bakterien kommen als Symbionten im Darm oder in anderen Organen vieler Lebewesen vor und wirken bei der Verdauung und weiteren physiologischen Vorgängen mit. Escherichia coli und Enterokokken sind die bekanntesten Vertreter dieser Gruppe. Aber auch anaerobe Bifidobakterien gehören dazu.

Medizinische Bedeutung

Bakterien spielen im menschlichen Körper eine große Rolle. So leben im menschlichen Darm eine Vielzahl von Bakterien, die zusammen die verdauungsfördernde Darmflora bilden. Die Haut des gesunden Menschen ist von harmlosen Bakterien besiedelt, die die Hautflora bilden. Besonders hohe Bakterienzahlen finden sich auf den Zähnen. Bakterien können aber auch als Krankheitserreger wirken. Einige Bakterien verursachen eitrige Wundentzündungen (Infektionen), Sepsis (Blutvergiftung) oder die Entzündung von Organen (z. B. Blasen- oder Lungenentzündung). Um diesen Erkrankungen vorzubeugen, wurden von der Hygiene, einem Fachgebiet der Medizin, zwei Methoden zum Kampf gegen Bakterien entwickelt:

Sterilisation ist ein Verfahren, mit dessen Hilfe medizinische Geräte und Materialien keimfrei gemacht werden.

Desinfektion ist ein Verfahren, um die Zahl von Bakterien auf der Haut oder Gegenständen stark zu vermindern (z. B. mit Händedesinfektionsmitteln).

Sind die Bakterien einmal in den Körper eingedrungen und haben eine Infektion ausgelöst, stellen heute die Antibiotika ein wirksames Mittel gegen Bakterien dar; zum Beispiel Penicilline, die durch Pilze der Gattung Penicillium gebildet werden. Penicillin stört die Synthese der Bakterien-Zellwand, daher wirkt es nur gegen wachsende Bakterien. Allerdings sind viele Antibiotika im Laufe der Zeit gegen bestimmte Bakterien unwirksam geworden. Deshalb werden Bakterien in mikrobiologischen Laboratorien untersucht und ein Resistenztest durchgeführt. Bei der Behandlung mit Antibiotika muss beachtet werden, dass nicht nur pathogene (krankmachende) Bakterien, sondern auch mutualistische (nützliche) Bakterien durch das Medikament gestört bzw. getötet werden können. Dies kann soweit führen, dass zunächst in geringer Zahl im Darm lebende Bakterien der Art Clostridium difficile, die von Natur aus gegen viele Antibiotika resistent sind, die Oberhand im Darm gewinnen und schwere Durchfälle auslösen.

Eine Resistenz gegen Antibiotika kann naturgegeben oder die Folge einer Mutation sein. Um das zu beweisen, entwickelten die Biologen Max Delbrück und Salvador Edward Luria den Fluktuationstest.

Eine ältere Methode der Ärzte beim Kampf gegen bakterielle Infektionen stellt die Operation mit Eröffnung und Säuberung des Eiterherdes dar, gemäß dem uralten lateinischen Chirurgen-Spruch „Ubi pus, ibi evacua“ – zu deutsch: „Wo Eiter ist, dort entleere ihn.“ Bei großen Eiterherden ist diese Methode in Verbindung mit der Gabe von Antibiotika viel wirksamer als nur der Einsatz von Antibiotika allein.

Bakterien auf und im Menschen

Ein Mensch besteht aus etwa 10 Billionen (1013) Zellen, auf und in ihm befinden sich etwa zehnmal so viele Bakterien.[3]

Im Mund eines Menschen leben insgesamt etwa 1010 Bakterien.

Auf der menschlichen Haut befinden sich bei durchschnittlicher Hygiene etwa hundertmal so viele Bakterien, nämlich insgesamt etwa eine Billion, allerdings sehr unterschiedlich verteilt: an den Armen sind es nur wenige tausend, in fettigeren Regionen wie der Stirn schon einige Millionen und in feuchten Regionen wie den Achseln mehrere Milliarden pro Quadratzentimeter. Dort ernähren sie sich von rund zehn Milliarden Hautschuppen, die täglich abgegeben werden, und von Mineralstoffen und Lipiden, die aus den Hautporen abgeschieden werden.

99 % aller im und am menschlichen Körper lebenden Mikroorganismen, nämlich mehr als 1014 mit mindestens 400 verschiedenen Arten, darunter vorwiegend Bakterien, leben im Verdauungstrakt, vor allem im Dickdarm und bilden die sogenannte Darmflora.

Sogar in der Lunge gesunder Menschen wurden in jüngster Zeit aufgrund einer neuen Untersuchungsmethode im Rahmen des Mikrobiom-Projekts (um 2007) 128 Arten von Bakterien entdeckt [4]. Bis dahin waren Mikrobiologen nie in der Lage gewesen, im Labor Bakterien aus der Lunge zu vermehren, daher dachte man, die Lunge sei steril.

Biotechnische Bedeutung

Die Fähigkeit einer großen Anzahl von Bakterien, für den Menschen wichtige Stoffe wie Antibiotika und Enzyme zu produzieren, wird in der Biotechnik vielfältig genutzt. Neben klassischen Verfahren in der Nahrungsmittel- und Chemikalienproduktion (Weiße Biotechnologie; vor allem Bioethanol, Essigsäure, Milchsäure, Aceton) gehört auch die Nutzung ihrer Fähigkeiten zur Beseitigung problematischer Abfälle sowie zur Produktion von Medikamenten (vor allem Antibiotika, Insulin) hierher. Dabei spielen vor allem Escherichia coli sowie diverse Arten von Clostridien, Corynebacterium, Lactobacillus, Acetobacter und eine Vielzahl weiterer Bakterien eine Rolle, in dem man sich ihren Stoffwechsel gezielt nutzbar macht.

Häufig werden zu diesem Zweck nützliche Teile des Genoms bestimmter Bakterien in das Genom einfach zu haltender, einfach zu kultivierender und weitgehend ungefährlicher Bakterien wie Escherichia coli eingepflanzt (Genmanipulation).

Klassifikation

Phylogenetisches System

Eine phylogenetische Klassifikation anhand morphologischer und stoffwechselphysiologischer Merkmale ist bei den Bakterien in der Regel nicht möglich, sie muss auf der Basis der molekularen Struktur dieser Organismen aufgebaut werden. Die Klassifizierung erfolgt hauptsächlich mit Hilfe phylogenetischer Marker. Solche Marker sind zelluläre Makromoleküle, deren Zusammensetzung sich mit abnehmendem Verwandtschaftsgrad verschiedener Organismen immer mehr unterscheidet. Zu den wichtigsten Molekülen dieser Art zählt derzeit die 16S-Untereinheit der ribosomalen RNA. Die Basensequenz dieser RNA soll die tatsächlichen evolutionären Beziehungen unter den Organismen widerspiegeln.

Das derzeit von den meisten Bakteriologen akzeptierte phylogenetische System der Bakterien ist beschrieben in Taxonomic Outline of the Bacteria and Archaea[5][6], das gleichzeitig eine Klassifikation der Archaeen vornimmt. Nachstehend wird dieses System, beschränkt auf die Bakterien im eigentlichen Sinne (Domäne Bacteria) bis auf Ordnungsebene wiedergegeben.

 

Phylum (Stamm)

Klasse

Ordnung

Aquificae

Aquificae

Aquificales

Thermotogae

Thermotogae

Thermotogales

Thermodesulfobacteria

Thermodesulfobacteria

Thermodesulfobacteriales

Deinococcus-Thermus

Deinococci

Deinococcales

Deinococcus-Thermus

Deinococci

Thermales

Chrysiogenetes

Chrysiogenetes

Chrysiogenales

Chloroflexi

Chloroflexi

 

Chloroflexales

Chloroflexi

Chloroflexi

Herpetosiphonales

Chloroflexi

Anaerolineae

Anaerolineales

Chloroflexi

Anaerolineae

Caldilineales

Thermomicrobia

Thermomicrobia

Thermomicrobiales

Nitrospira

Nitrospira

Nitrospirales

Deferribacteres

Deferribacteres

Deferribacterales

Cyanobacteria

Cyanobacteria

Subsectionen I - V

Chlorobi

Chlorobia

Chlorobiales

Proteobacteria

Alphaproteobacteria

Rhodospirillales

Proteobacteria

Alphaproteobacteria

Kordiimonadales

Proteobacteria

Alphaproteobacteria

Rickettsiales

Proteobacteria

Alphaproteobacteria

Rhodobacterales

Proteobacteria

Alphaproteobacteria

Sphingomonadales

Proteobacteria

Alphaproteobacteria

Caulobacterales

Proteobacteria

Alphaproteobacteria

Rhizobiales

Proteobacteria

Alphaproteobacteria

Parvularculales

Proteobacteria

Betaproteobacteria

Burkholderiales

Proteobacteria

Betaproteobacteria

Hydrogenophilales

Proteobacteria

Betaproteobacteria

Methylophilales

Proteobacteria

Betaproteobacteria

Neisseriales

Proteobacteria

Betaproteobacteria

Nitrosomonadales

Proteobacteria

Betaproteobacteria

Rhodocyclales

Proteobacteria

Betaproteobacteria

Procabacteriales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Chromatiales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Acidithiobacillales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Xanthomonadales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Cardiobacteriales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Thiotrichales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Legionellales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Methylococcales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Oceanospirillales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Pseudomonadales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Alteromonadales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Vibrionales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Aeromonadales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Enterobacteriales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Pasteurellales

Proteobacteria

Gammaproteobacteria

Salinisphaerales

Proteobacteria

Deltaproteobacteria

Desulfurellales

Proteobacteria

Deltaproteobacteria

Desulfovibrionales

Proteobacteria

Deltaproteobacteria

Desulfobacterales

Proteobacteria

Deltaproteobacteria

Desulfarculales

Proteobacteria

Deltaproteobacteria

Desulfuromonadales

Proteobacteria

Deltaproteobacteria

Syntrophobacterales

Proteobacteria

Deltaproteobacteria

Bdellovibrionales

Proteobacteria

Deltaproteobacteria

Myxococcales (3 Unterordn.)

Proteobacteria

Epsilonproteobacteria

Campylobacterales

Proteobacteria

Epsilonproteobacteria

Nautiliales

Firmicutes

Clostridia

Clostridiales

Firmicutes

Clostridia

Thermoanaerobacteriales

Firmicutes

Clostridia

Haloanaerobiales

Firmicutes

Mollicutes

Mycoplasmatales

Firmicutes

Mollicutes

Entomoplasmatales

Firmicutes

Mollicutes

Acholeplasmatales

Firmicutes

Mollicutes

Anaeroplasmatales

Firmicutes

Mollicutes

Incertae sedis

Firmicutes

Bacilli

Bacillales

Firmicutes

Bacilli

Lactobacillales

Actinobacteria

Actinobacteria

Acidimicrobiales

Actinobacteria

Actinobacteria

Rubrobacterales

Actinobacteria

Actinobacteria

Coriobacteriales

Actinobacteria

Actinobacteria

Sphaerobacterales

Actinobacteria

Actinobacteria

Actinomycetales (viele Unterordn.)

Actinobacteria

Actinobacteria

Bifidobacteriales

Planctomycetes

Planctomycetacia

Planctomycetales

Chlamydiae

Chlamydiae

Chlamydiales

Spirochaetes

Spirochaetes

Spirochaetales

Fibrobacteres

Fibrobacteres

Fibrobacterales

Acidobacteria

Acidobacteria

Acidobacteriales

Bacteroidetes

Bacteroidetes

Bacteroidales

Bacteroidetes

Flavobacteria

Flavobacteriales

Bacteroidetes

Sphingobacteria

Sphingobacteriales

Fusobacteria

Fusobacteria

Fusobacteriales

Verrucomicrobia

Verrucomicrobiae

Verrucomicrobiales

Dictyoglomi

Dictyoglomi

Dictyoglomales

Gemmatimonadetes

Gemmatimonadetes

Gemmatimonadales

Lentisphaeraes

Lentisphaerae

Lentisphaerales

Lentisphaeraes

Lentisphaerae

Victivallale

 

Die Vielfalt bakterieller Lebensformen ist aber deutlich größer als dieses System repräsentiert. Basierend auf den bis heute bekannten 16S-rRNA-Sequenzen vermutet man mehr als 50 verschiedene Bakterien-Phyla. Die Existenz dieser Phyla wird anhand großer, in Umweltproben immer wieder auftauchender Gruppen bestimmter rRNA-Sequenzen vorhergesagt, jedoch konnte bisher kein Bakterium aus diesen Phyla kultiviert werden.

„Klassische“ Systeme

Bevor man phylogenetisch begründete Systeme aufstellen konnte, war man auf Merkmale angewiesen, die kaum die Feststellung von natürlichen, phylogenetischen Verwandtschaften ermöglichten. Heute gebräuchliche molekularbiologische Merkmale, die zur Ermittlung phylogenetischer Verwandtschaften erforderlich sind, konnten mit den damals zur Verfügung stehenden Methoden nicht ermittelt werden. Das folgende System ist ein Beispiel für veraltete („klassische“) Systeme [7] . Die Prokaryoten („Schizophyta“) bildeten darin eine Abteilung der Pflanzen.

Abteilung Schizophyta („Spaltpflanzen“, umfasste alle Prokaryoten = „Anucleobionta“)

  • Klasse Bacteria (Bakterien = „Spaltpilze“)
    • Ordnung Eubacteriales (einzellige unverzweigte Bakterien)
      • Familie Coccaceae (Kugelbakterien)
      • Familie Bacteriaceae (stäbchenförmige Bakterien ohne Sporen)
      • Familie Bacillaceae (stäbchenförmige Bakterien mit Sporen)
      • Familie Spirillaceae („Schraubenbakterien“, wendelförmig)
    • Ordnung Chlamydobacteriales (Fadenbakterien in Röhren „Scheiden“)
    • Ordnung Mycobacteriales (stäbchenförmige Bakterien mit Verzweigungen, mycelbildende Bakterien „Strahlenpilze“)
    • Ordnung Myxobacteriales („Schleimbakterien“, einzellige, schwarmbildende Bakterien)
    • Ordnung Spirochaetales (flexible, wendelförmige Bakterien mit aktiver Formveränderung)
  • Klasse Cyanophyceae („Blaugrüne Algen“, „Spaltalgen“)
    • Ordnung Chroococcales (einzellig, ohne Sporen)
    • Ordnung Chamaesiphonales (einzellig oder fadenförmig, mit Sporen)
    • Ordnung Hormogonales (fadenförmig, mit Hormogonien, häufig Heterocysten)

Praktische Unterteilung

Aus praktischen Gründen werden Bakterien bisweilen in Anlehnung an die früheren „klassischen“ Systeme nach ihrer Form und ihrer Organisation unterteilt. Dabei werden kugelige Bakterien als Kokken, längliche, zylindrische Bakterien als Bazillen und spiralige, wendelförmige Bakterien als Spirillen oder Spirochäten bezeichnet. Diese Grundformen können einzeln auftreten oder sich zu typischen Formen zusammenfinden (Haufenkokken = Staphylokokken, Kettenkokken = Streptokokken, Doppelkokken = Diplokokken). Des Weiteren bilden vor allem Stäbchenbakterien häufig, Spirillen immer eine oder mehrere Geißeln, so genannte Flagellen, aus, mit deren Hilfe sie sich fortbewegen können. Anzahl und Anordnung der Geißeln sind Unterscheidungsmerkmale. Einige Bakterien bilden Schleimhüllen, „Kapseln“, aus, einige verschiedenartige Sporen. Weiterhin wichtig für die Unterteilung ist die Lebensweise, besonders der Stoffwechseltyp, sowie die Möglichkeit, die Bakterien auf bestimmte Weise zu färben. Die so genannte Gramfärbung (eingeführt vom dänischen Bakteriologen Gram) lässt Rückschlüsse auf die Zusammensetzung und Struktur der Zellwand zu; die so genannten grampositiven Bakterien bilden wahrscheinlich sogar eine natürliche Verwandtschaftsgruppe, ein monophyletisches Taxon.

Serologisch unterscheidbare Variationen von Bakterien nennt man Serotypen.

Das älteste Bakterium

Seit dem Jahr 2000 gilt ein geschätzt 250 Millionen Jahre altes Bakterium als ältestes Lebewesen auf der Erde. Der Mikroorganismus mit dem heutigen Namen „Bacillus permians“ wurde in einem Labor der West Chester University in Pennsylvania von den Forschern um Russell H. Vreeland entdeckt. In einer Nährlösung entwickelte das Bakterium Aktivitäten. Geborgen wurde es bei Bohrungen in einer Höhle bei Carlsbad (New Mexico), die der Erkundung einer möglichen Endlagerstätte für Atommüll dienten. Es überlebte die Zeiten in einem größeren Salzkristall, worin sich etwas Salzlake befand, in 2.000 Fuß (609 Meter) Tiefe.[8][9]

Das Forscherteam berichtete über seinen Fund im britischen Wissenschaftsjournal Nature am 19. Oktober 2000.[10] Die Entdeckung entzündete neue Überlegungen über das Entstehen von Leben im Universum. Eine so lange Lebensdauer dieses Organismus ließe ihn riesige Entfernungen im Weltall zurücklegen. Es hat den Anschein, als ob Sporen ein Schlüssel hierfür sein könnten. Bakterien und Hefen können ihre Funktionen in schlechten Zeiten so reduzieren, dass sie zu einer stabilen elastischen Struktur werden. Wiederbelebungen solcher Sporen sind bereits aus 118 Jahre alten Fleischdosen und 166 Jahre alten Bierflaschen geglückt.[11]

Aufwändiger war der Reanimationsweg beim zuvor ab 1995 bekannten ältesten Lebewesen. Hier wurden etwa 25 bis 40 Millionen Jahre alte Bakteriensporen zum Leben erweckt. Sie stammten aus dem Hinterleib einer Biene, die in Bernstein eingeschlossen war und in einem Fund in der Dominikanischen Republik aufgespürt wurden.[12]

Andere Forscher nahmen zur Entdeckung ihrer Kollegen eine distanzierte Haltung ein und verwiesen darauf, dass Berichte über alte Bakterienfunde in Felsgestein, Kohle oder altägyptischen Tempeln einer wissenschaftlichen Nachprüfung bislang nicht Stand hielten.[13] Den geäußerten Verdacht einer Verunreinigung mit anderen Bakterien hält Russell H. Vreeland für quasi ausgeschlossen.[14]

Literatur

Bücher

  • Martin Dworkin, Stanley Falkow, Eugene Rosenberg, Karl-Heinz Schleifer, Erko Stackebrandt (Hrsg.): The Prokaryotes, A Handbook of the Biology of Bacteria. 7 Bände, 3. Auflage, Springer-Verlag, New York u. a. O., 2006, ISBN 0-387-30740-0. Umfasst auch Archaea.
  • Joseph W. Lengeler, Gerhart Drews, Hans G. Schlegel (Hrsg.): Biology of the Prokaryotes. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-13-108411-1. Umfasst auch Archaea.
  • Michael T. Madigan, John M. Martinko, Paul V. Dunlop, David P. Clark: Brock – Biology of microorganisms, 12. Ed. (Pearson International Edition), Pearson, Benjamin Cummings, Pearson Education, Inc., San Francisco u. a. O. 2009, ISBN 978-0-321-53615-0. Umfangreiches Lehrbuch, behandelt auch andere Mikroorganismen.
  • Michael T. Madigan, John M. Martinko: Brock – Mikrobiologie, 11. überarbeitete Auflage, Pearson Studium, München 2006, ISBN 3-8273-7187-2. Übersetzung von Brock – Biology of microorganisms 11. ed. ins Deutsche, behandelt auch andere Mikroorganismen.
  • Betsey Dexter Dyer: A field guide to bacteria. Cornell University Press, Ithaca NY, U.S.A. 2003, ISBN 0-8014-8854-0 (Karton), ISBN 0-8014-3902-7 (Leinen). Beobachtungen im Gelände, behandelt auch Archaea.
  • Karl Bernhard Lehmann & Rudolf Otto Neumann: Atlas und Grundriss der Bakteriologie und Lehrbuch der speciellen bakteriologischen Diagnostik. Lehmann, München 1896. Klassisches (veraltetes) Lehrbuch mit Schwerpunkt medizinische Bakteriologie.

Aufsätze

  • Herbert Zuber: Thermophile Bakterien. In: Chemie in unserer Zeit. Bd. 13, Nr. 6, 1979, S. 165-175, ISSN 0009-2851.
  • Birgit Sattler, Hans Puxbaum, Roland Psenner: Bakterien der Lüfte: Vom Winde verweht. In: Biologie in unserer Zeit. Bd. 32, Nr. 1, 2002, S. 42-49, ISSN 0045-205X.
  • Silke Wendler: Das Cytoskelett der Bakterien. In: Biologie in unserer Zeit. Bd. 32, Nr. 1, 2002, S. 6, ISSN 0045-205X.
  • Hans-Curt Fleming, Jost Wingender: Biofilme - die bevorzugte Lebensform der Bakterien: Flocken, Filme und Schlämme. In: Biologie in unserer Zeit. Bd. 31, Nr. 3, 2001, S. 169-180, ISSN 0045-205X.

 

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Pest

Die Pest (lateinisch pestis ‚Seuche‘), ist eine hochgradig ansteckende Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst wird. Sie ist ursprünglich eine Zoonose von Nagetieren (Murmeltiere, Ratten, Eichhörnchen), bei deren Populationen sie enzootisch sein kann. Daher kommt auch der Begriff „Silvatische Pest“ (lat. silva ‚Wald‘) bei sich unmittelbar ansteckenden Menschen. Der Ausbruch dieser Erkrankung ist gegebenenfalls weltweit möglich.

Erreger

Die Pest wird bei Mensch und Tier durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst. Dieses Bakterium, eine Mutation des für den Menschen relativ ungefährlichen Bakteriums Yersinia pseudotuberculosis, ist sehr anpassungsfähig, und es werden sehr viele verschiedene Varianten beschrieben.

Vorkommen

Die Verbreitung der Pest hängt von der Verbreitung der Zwischenwirte ab. Wo diese festgestellt werden, sind immer auch Pestfälle möglich. Ob sie zu Epidemien auswachsen können, hängt von mehreren Faktoren ab, wie beispielsweise Resistenz der Bakterien gegen Medikamente, den vorherrschenden hygienischen Verhältnissen und der Bekämpfung der lokalen Zwischenwirte.

Übertragungsweg

Die Pest kann auf verschiedene Weise übertragen werden: Zum einen durch den Biss von mit Krankheitserregern verseuchten Insekten, vorwiegend Flöhen, zum anderen durch Tröpfcheninfektion. Letztere Übertragungsart führt zur primären Lungenpest.

Die Flöhe

Das entscheidende Zwischenglied bei der Übertragung von der Ratte auf den Menschen ist der Floh. Als erster entdeckte diesen Zusammenhang 1898 Paul-Louis Simond.[1] Jean-Marc Duplantier u.a. stellten fest, dass die schwere Pestepidemie in Madagaskar fast ausschließlich (Ausnahme die Hafenstadt Mahajanga) im Inland, also in Höhen über 800 m wütete, obgleich die Schwarze Ratte und die Wanderratte über ganz Madagaskar verbreitet sind. Der Frage, ob diese Merkwürdigkeit auf die Flohart zurückzuführen ist, wurde nicht nachgegangen.[2] An erster Stelle steht die tropische Flohart Xenopsylla cheopis (Rattenfloh). Über die Bedingungen und Mechanismen der Verbreitung der Pest durch diesen Floh siehe dort. Diese Flohart kommt in Europa wegen der für diese Art zu kühlen Witterungsbedingungen nicht vor. A. W. Bacot vermutete, dass der Menschenfloh (Pulex irritans), der in Europa verbreitet ist und sich durch eine große Variationsbreite in Bezug auf Wirtstiere auszeichnet, für die Übertragung verantwortlich sei.[3] Die Forscher Hariette Chick und C. J. Martin schlugen Ceratopsyllus (heute: Nosopsyllus) fasciatus als Überträger vor. Diese Flohart macht die Hälfte der Flöhe in England aus.[4] Diese beiden Arten kamen mit tieferen Temperaturen weit besser zurecht, als Xenopsylla cheopis. Hinzu kommt, dass dessen Eier bei 13° C absterben, so dass Bacot meinte, dass mindestens 15,5° C vorliegen müssten, um dessen Flohpopulation am Leben zu erhalten. Demgegenüber überlebte ein Teil der Eier von Pulex irritans noch bei 8° C und die Hälfte der Eier von Nosopsyllus fasciatus überstand sogar Temperaturen von 5° C. Heute geht man von einem Temperaturfenster von 0 bis 40° C für diesen Floh aus. Nosopsyllus fasciatus und Pulex irritans finden sich weit verbreitet in England, Wales, Schottland, Shetlands, Orkneys und Irland.

Das Problem dieser Floharten liegt in ihrer Vektoreffektivität. Damit bezeichnet man die Effektivität, mit der eine Flohart zur Krankheitsübertragung in der Lage ist. C. M. Wheeler und J. R. Douglas nannten die Vektoreffektivität ein Produkt aus drei Formen von Potential:

  1. Das Infektionspotential, d. h. wie viel Individuen einer Flohpopulation Blut mit Pestbakterien saugen.
  2. Das infektive Potential, also wie viele von diesen Flöhen selbst eine Pest hervorrufen können, weil ihr Verdauungstrakt blockiert ist.
  3. Das Übertragungspotential: Wie oft kann ein einzelner Floh die Infektion übertragen, bevor er selbst stirbt, oder die Blockade aufgelöst wird.

Man führte dann den Vektor-Index ein, um die verschiedenen Floharten miteinander in diesem Punkte vergleichen zu können. Die Xenopsylla-Arten wurden zum Maßstab genommen.[5] Nosopsyllus fasciatus kommt diesen am nächsten. Dagegen hat Pulex irritans nur einen schwachen Index, ähnlich wie die Katzen- und Hundeflöhe, weil bei ihnen die erforderliche Blockade durch Bakterienklumpen selten vorkommt. Bei Laborversuchen kam Nosopsyllus fasciatus auf den 2. Platz hinter Xenopsylla cheopis. Bei Pulex irritans kam es nur bei einem von 57 Exemplaren zur Blockade. Und dieses Exemplar starb, bevor es seine Infektion weitergeben konnte. Georges Blanc und Marcel Baltazard gingen einen anderen Weg: In der Pest von 1940 in Marokko fingen sie Pulex irritans in Häusern Pestverstorbener in Marrakesch, zerdrückten sie und spritzten ihre Lösung in Meerschweinchen, die alsbald an Pest verstarben.[6] Damit lenkten sie den Blick auf die Möglichkeit, dass die Pest ohne Ratte vom Menschenfloh unmittelbar übertragen werden konnte, worauf sie in einer weiteren Veröffentlichung[7] hinwiesen. Die marokkanischen Häuser waren voll von Menschenflöhen. Von gut 3500 eingesammelten Flöhen waren 3000 Pulex irritans, während nur knapp 600 Xenopsylla cheopis gefunden wurden.[8] Dagegen wandte Georges Girard ein, dass die Pestepidemien in Indien, Senegal und Madagaskar starke Unterschiede zu der marokkanischen aufwiesen, obgleich auch dort Pulex irritans in Mengen aufgetreten waren. Er bestritt im übrigen aus seiner Erfahrung die Effektivität als Übertragungsvektor von Pulex irritans. Aber er hielt es für möglich, dass die Menge der Flöhe in Marokko den Mangel an Effektivität ausgeglichen habe.[9] Andere Untersuchungen von Pest in Nordafrika, besonders in Ägypten, zeigten, dass der Menschenfloh an der Verbreitung der Pest nicht beteiligt war, obgleich er in hohem Grad von der Pest infiziert war.[10] Atilio Macchiavello stellte andererseits das vollständige Fehlen von Xenopsylla cheopis bei einem Pestausbruch in Peru 1946 in 600–700 m Höhe fest.[11] Robert Pollitzer und Karl F. Meyer bestimmten dann die Pestübertragung durch Flöhe näher als massenhaften Befall von Flöhen, deren Saugwerkzeuge von vorherigem Befall von Nagern infiziert waren (mechanische Übertragung), und Flohbissen von im Verdauungssystem blockierten Flöhen (biologische Übertragung).[12] In Nordamerika ist der Hauptüberträger der Pest von Tier auf Mensch „Oropsylla montana“, ein Floh, obwohl bei ihm keine Blockade eintritt.[13]

Ein wesentlicher Faktor bei der Übertragung der Pest durch den Floh ist die Zahl der Bakterien, die er bei einem Biss injiziert. Ole Jørgen Benedictow ging von 25.000 Bakterien/pro Biss eines blockierten Flohs aus.[14] Allerdings waren die Zahlen vor Einführung der PCR-Technik sehr ungenau. Mit dieser Methode hat man um die 100.000 Bakterien von Yersinia pestis in den infizierten Exemplaren gefunden.[15]

Auch wurde bei Untersuchungen von Flöhen in New Mexico und Colorado ein Zusammenhang zwischen Bakterienkonzentration und Mikromilieu der Flöhe festgestellt: Flöhe, die sich vom Wirtstier gelöst und sich in die Erde vergraben hatten, hatten höhere Konzentrationen als solche im Pelz des Wirtstieres. Die vom Boden aufgesammelten Flöhe waren nicht alle infiziert, aber die, die es waren, hatten eine ausreichende Konzentration für die Blockierung, während bei den Flöhen im Pelz eines Wirtstieres dies nur bei 1 von 50 Flöhen der Fall war. Dafür war die Infektionsrate bei den letzteren höher.[15]

Auch der Aufenthalt der Flöhe außerhalb von Wirtstieren in Nestern und im Boden ist keine besondere Verhaltensweise bestimmter Floharten, so dass die Unterscheidung zwischen Pelzfloh und Nestfloh nicht weiterführt. Pollitzer und Meyer stellten fest, dass es zwischen Nestflöhen und Pelzflöhen keine Trennungslinie gibt. Das unterschiedliche Verhalten in diesem Zusammenhang zwischen X. cheopis und ihre nahen Verwandten und Nosopsyllus fasciatus beruht auf ihren Fressgewohnheiten: cheopis beißen oft und verlassen daher selten und nur kurz das Wirtstier, während fasciatus seltener beißt und daher längere Zeit auch ohne Wirtstier lebt. Nach Pollitzer und Meyer hängt dies aber nicht mit der Art, sondern mit dem Klima zusammen, in welchem die Flöhe leben: cheopis in tropischen Breiten, fasciatus in kühleren Gegenden. Von diesen Erkenntnissen ausgehend ist fasciatus nicht unbedingt ein schlechterer Pestvektor als cheopis.[12]

Die warmblütigen Tiere

Es hat sich gezeigt, dass die Pest über 200 Säugetierarten befallen kann, also nicht auf Ratten beschränkt ist. Sie wurde auch bei Hunden und Katzen festgestellt.[10] Neben der schwarzen Hausratte (Rattus rattus) und der braunen Wanderratte (Rattus norvegicus) wurde auch der Hausmaus (Mus musculus) die Auslösung von Epidemien zugeschrieben, so die in Südost-Russland in den 20er Jahren, in Brasilien 1936–1945 und in Saigon 1943. Gleichwohl spielt die Hausmaus in diesem Zusammenhang nur eine untergeordnete Rolle, da sie nicht die hohen Bakterienkonzentrationen im Blut entwickelt, die erforderlich ist (Pollitzer 1954 S. 299–300). Außerdem ist deren Floh Leptopsylla segnis ein schlechter Überträger. Er nimmt nur wenig Pestbakterien auf. Auch ist der Floh in hohem Grade auf die Maus fixiert.[10] Die Ratten standen daher immer im Vordergrund. Das beruhte auf der Beobachtung bei der Pest 1905 in Bombay, dass es zu dieser Zeit dort eine Überfülle von Ratten beider Arten gab. Die Kommission beobachtete, dass die Seuche zuerst die Wanderratte ergriff, etwa 10 Tage danach die Hausratte, und der Höhepunkt der Sterblichkeitsrate bei den Menschen knapp 1 Monat später auftrat.[16] 1910 starben einige Kilometer entfernt von Ipswich einige Personen an einer bakteriologisch identifizierten Pest. Daraufhin machte man Jagd auf Ratten, und von den 568 gefangenen Exemplaren wiesen 17 Pestbakterien auf.[17] Alle in dieser ländlichen Gegend waren Wanderratten. Aber man kann sicher davon ausgehen, dass die Schwarze Ratte der wichtigste Vermittler der Pestepidemie von Indien 1898 bis Madagaskar 1998 gewesen ist. Der Floh bleibt nur bei lebenden Tieren. Sobald das befallene Lebewesen erkaltet, verlässt der Floh den Wirt.

Krankheitsentstehung

Wenn bei der Infektion ausreichend viele Bakterien in die Blutbahn gelangt sind, so dass die körpereigene Abwehr ihrer nicht mehr Herr wird, kommt es nach kurzer Zeit zu einer hohen Bakterienkonzentration im Blut, die dann zu einer Sepsis führt.

Die blutvergiftende Wirkung wird ausgelöst, wenn die Bakterien ihren normalen Lebenszyklus vollenden und absterben. Dabei werden große Mengen toxischen Sekrets direkt in den Blutkreislauf abgegeben; Nieren und Leber können nekrotisch werden, wenn sie versuchen, das System von Toxinen zu reinigen. Am Ende erliegt das Opfer einem toxischen Schock.

Klinische Erscheinungen

Man unterscheidet vier Erscheinungsformen der Pest: Beulenpest, auch Bubonenpest genannt (lat. bubo „Beule“), Pestsepsis, Lungenpest sowie die abortive Pest. Bei Pandemien treten alle Formen der Erkrankung auf, am häufigsten jedoch die Beulenpest und die Lungenpest. Aus einer Beulenpest entwickelt sich ohne Behandlung oftmals eine Pestsepsis, die zu einer Lungenpest führt. Selten tritt auch die Pestmeningitis auf, wenn die hämatogene Streuung der Pesterreger (Yersinia pestis) nach Beulenpesterkrankung die Hirnhäute befällt.

Beulenpest

Bei der Beulenpest erfolgt die Ansteckung gewöhnlich durch den Biss eines Rattenflohs, der den Erreger als Zwischenwirt in sich trägt. Durch den Wirtswechsel wird das Bakterium von einem infizierten auf ein bislang gesundes Nahrungsopfer übertragen, nachdem es sich im Floh vermehrt hat.

Die Inkubationszeit liegt bei wenigen Stunden bis sieben Tagen. Die Symptome sind Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, starkes Krankheitsgefühl und Benommenheit. Später kommt es zu Bewusstseinsstörungen. Der Name Beulenpest stammt von den stark geschwollenen, sehr schmerzhaften Beulen am Hals, in den Achselhöhlen und in den Leisten, die durch die Infektion der Lymphknoten und Lymphgefäße im Bereich des Flohbisses entstehen. Diese Beulen können einen Durchmesser von bis zu zehn Zentimetern erreichen und sind aufgrund innerer Blutungen in den Lymphknoten blau-schwarz gefärbt. Die Geschwüre zerfallen, nachdem sie eitrig eingeschmolzen sind.

Pestsepsis

Die Pestsepsis entsteht durch Eintritt der Bakterien von ihrem Vermehrungsort in die Blutbahn. Dies kann durch Infektion von außen, zum Beispiel über offene Wunden, geschehen, aber auch als Komplikation aus den beiden anderen schweren Verlaufsformen, zum Beispiel durch Platzen der Pestbeulen nach innen. Die Erreger im Blut verteilen sich mit dem Blutstrom im gesamten Körper. Die Infektion bewirkt hohes Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und ein allgemeines Unwohlsein, später großflächige Haut- und Organblutungen. Pestsepsis ist unbehandelt praktisch immer tödlich, in der Regel spätestens nach 36 Stunden.

Heute kann durch die Behandlung mit Antibiotika die Sterblichkeit deutlich gesenkt werden.

Lungenpest

Die Lungenpest ist noch nicht völlig verstanden, da sie heute relativ selten vorkommt. Gleichwohl ist sie interessant, weil sie die einzige Pestform mit spezifischem Ansteckungsweg und Ausbreitungsmuster ist. Sie dürfte der Influenza ähneln, wenn auch die Ausbreitungskraft wesentlich schwächer ist. Die Ausbreitung ist so spezifisch, dass sie nur unter besonders günstigen Umständen zur Epidemie werden kann. Zunächst sind die Ansteckungsquellen selten. Nur ein kleiner Teil der pestinfizierten Bevölkerung bekommt Lungenpest. Die meisten Patienten mit Lungenpest in Amerika in den letzten 10 Jahren hatten sich an infizierten Katzen angesteckt. Man kann zwar durch Säugetiere angesteckt werden, aber dabei handelt es sich in aller Regel um Schoßtiere. Die physische Nähe zur Pestquelle ist eine weitere Voraussetzung. Der kritische Abstand zum Gesicht eines Lungenpestkranken für eine Ansteckung wird mit 30 cm angegeben. Im Gegensatz zu den Influenza-Viren sterben die Pestbakterien in der Luft rasch ab. Ein weiteres Moment, das die Ausbreitung erschwert, ist, dass die Infizierten rasch sterben und damit nur geringe Zeit haben, die Lungenpest weiterzugeben. Die Inkubationszeit wird mit 1 bis 3 Tagen angegeben, bei einer Sterblichkeitsrate von 95 %, und der ansteckungsgefährliche Bluthusten tritt erst am Ende der Krankheit auf.

Gleichwohl sind im 20. Jahrhundert Lungenpestepidemien dokumentiert, die von pestinfizierten Reisenden ausgelöst wurden.[18] Die beiden größten Lungenpestepidemien traten Anfang des 20. Jahrhunderts in der chinesischen Grenzregion Mandschurei auf[19] Das Auftreten war vor allem an ein kaltes Klima geknüpft[20] Die Epidemie in der Mandschurei 1910–1911 fand im Winter (September - April) statt und war an die Hauptverkehrswege geknüpft. Die Pest wurde über 2.700 km innerhalb von 7 Monaten transportiert. Es starben um die 60.000 Menschen.

Wu Lien-Teh beobachtete, dass die Lungenpest in Mandschuria an die Jagd auf die Tabarganer oder auch Sibirischen Murmeltiere (Marmota sibirica) gekoppelt und auf den wertvollen Pelz zurückzuführen war. Der Preis für die Felle war vor 1910 um das Vierfache gestiegen.[21] Heutige Erfahrungen haben gezeigt, dass die Lungenpest regelmäßig mit der Erkrankung von Nagetierpopulationen auftritt. Der Zusammenhang zwischen der Lungenpest und einer vorangegangenen Nagererkrankung mit epidemischer Beulenpest ist gut dokumentiert.

Wenn die Erreger bei einer Beulenpest über die Blutbahn im Verlaufe einer Pestsepsis in die Lunge geraten, spricht man von sekundärer Lungenpest. Wird sie aber durch eine Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen, spricht man von primärer Lungenpest.

Die Lungenpest verläuft heftiger als die Beulenpest, weil die Abwehrbarrieren der Lymphknoten durch direkte Infektion der Lunge umgangen werden. Sie beginnt mit Atemnot, Husten, Blaufärbung der Lippen und schwarz-blutigem Auswurf, der extrem schmerzhaft abgehustet wird. Daraus entwickelt sich ein Lungenödem mit Kreislaufversagen, welches unbehandelt nach zwei bis fünf Tagen zum Tod führt.

Abortive Pest

Die abortive Pest ist die harmlose Variante der Pest. Sie äußert sich meist nur in leichtem Fieber und leichter Schwellung der Lymphdrüsen. Nach überstandener Infektion werden Antikörper gebildet, die eine langanhaltende Immunität gegen alle Formen der Krankheit gewährleisten. [22]

Untersuchungsmethoden

Die Diagnose erfolgt über den Nachweis der Erreger im Blut, im Sekret der Beulen oder bei der Lungenpest im Auswurf. Das französisch-madegassische Forschungsteam um Suzanne Chanteau vom Institut Pasteur de Madagascar (IPM) hat sowohl für die Lungen- als auch die Beulenpest 2003 einen Schnelltest entwickelt, mit dem sich Antikörper schon innerhalb von 15 Minuten nachweisen lassen. [23] Davor ließen beide Erkrankungen sich erst nach einer 14-tägigen Auswertungsdauer nachweisen.

Bei den immerhin noch jährlich 4.000 weltweit auftretenden Pestfällen ist eine rasche Diagnose innerhalb von 24 Stunden entscheidender Bestandteil einer erfolgreichen Behandlung. In 20 Ländern, vor allem in Afrika, tritt die Pest heute vermehrt auf.

Die zunächst vieldeutigen und oft nur schwachen Symptome erforderten bislang in der Regel bakteriologische Untersuchungen, manchmal sogar über die DNA für eine eindeutige Zuordnung. Dabei sind Verwechselungen mit Blinddarmentzündung, Hirnhautentzündung und Streptokokkeninfektionen in den USA dokumentiert.[24]

Der mikrobielle Nachweis wird aus Sputum, Blut oder Bubonenaspirat (Eiter) erhoben.

Epidemiologie

Die Pestausbreitung in den Epidemien von 1910 und 1921 ist auch auf die Entwicklung der Transportmittel zurückzuführen. 1921 traten die Pestfälle vor allem an den Eisenbahnstationen von Harbin bis Wladiwostok auf. Harbin war der Knotenpunkt zwischen der transsibirischen und der südmandschurischen Eisenbahn und besonders betroffen. Aber auch die Reise zu Pferde verbreitete die Pest über weite Strecken, wie die Pestausbrüche in den Jahren 1878–1925 in Astrachan und dem südlichen Ural beweisen, wo es keine Eisenbahnverbindungen gab. Es starben über 5.000 Menschen, davon 70 % an Lungenpest.[21] Schuld am Ausbruch waren dort die unhygienischen Wohnverhältnisse: Dunkel, schmutzig und überbelegt. 10–15 Menschen wohnten auf ca. 10 m². Die Menschen wuschen sich selten oder nie und wechselten auch die Kleider nicht. Die Pestkranken wurden von vielen Menschen besucht, und die Gäste wischten den Auswurf mit Händen oder Kleidern ab. Dies galt auch für die Pestepidemie von 1910, wo die Tarbagan-Jäger sich als erste bei der Jagd nach Murmeltieren zur Gewinnung der Murmelfelle an den verseuchten Tieren ansteckten. Sie schliefen in besonders kleinen Hütten, bis zu 40 Mann in Kojen, was die Weiterverbreitung begünstigte.[21] Ein weiteres Indiz waren die Verhältnisse an den Bitumen-Gruben am See Dalai Nur. Während der Pestepidemie von 1921 arbeiteten dort 4.000 Chinesen und 2.000 Russen. Von den insgesamt 1.027 Toten waren nur 4 Russen. Die Chinesen lebten zusammengepfercht in kleinen Hütten, halb in die Erde eingegraben, die Russen lebten in oberirdischen Häusern. Die Verbreitung der Lungenpest über Tröpfcheninfektion war also am Anfang des 20. Jahrhundert durchaus verbreitet.[21]

Verlauf einer Epidemie

Der endemische Verlauf der Pest folgt einem für diese Seuche typischen Muster, das so bei keiner anderen Seuche festzustellen ist: Der Tod setzt bei Ratten nach Befall einer Kolonie mit der Zeit immer schneller ein. Während anfangs mit ca. 7 Flöhen pro Ratte diese einen normalen Krankheitsverlauf zeigen, wird der Befall mit der Dezimierung der Kolonie bei den verbleibenden Ratten immer stärker, so dass 50 bis 100 Flöhe pro Ratte vorkommen, was zu einer wesentlich höheren Verseuchung führt. Nach 10 - 14 Tagen ist die Rattenkolonie so stark reduziert, dass die Flöhe kaum noch Wirte finden. Diese Dauer von 10 bis 14 Tagen ist die erste wichtige Phase der Verbreitung. Danach nehmen die Flöhe ungefähr 3 Tage lang kein Blut auf, bis ihr Drang so groß ist, dass sie, da sie keine Ratten finden, nunmehr den Menschen anfallen. Es folgt die Inkubationsperiode von 3 bis 5 Tagen. Dieser folgt die Krankheitsperiode von 3 bis 5 Tagen, die bei der Mehrzahl der Befallenen zum Tode führt. Von der Ansteckung bis zum Tode vergehen durchschnittlich 8 Tage. Von der Erstinfizierung einer Rattenkolonie bis zum ersten Todesfall vergehen also 20 bis 28 Tage, gewöhnlich sind es 24 Tage.

Der Kontakt zwischen verseuchten und frischen Rattenkolonien führt zu einer langsamen Ausbreitung. Wichtiger ist der Ausbreitungsprozess über die Besuchspersonen. Sie nehmen die verseuchten Flöhe nach Hause mit und stecken so die eigene Rattenkolonie an. Das bedeutet, dass diese Form der Ausbreitung sich erst auswirkt, wenn die Pest bei einem Menschen sichtbar ausgebrochen ist, so dass im Spätmittelalter die Krankenbesuche mit Krankenwache, Totenwache, Begräbnisfeier und Erbteilung einsetzen. Dieser Zeitpunkt ist etwa 3 bis 4 Wochen nach dem Einschleppen der Pest an einen Ort erreicht. 1 Woche später hat sich die Pest auf die Heimathöfe der Besucher verteilt, und die epidemische Phase beginnt. Bis dahin sind also ungefähr 40 Tage oder 5 1/2 Wochen vergangen.

Ein weiteres typisches Kennzeichen der Pestepidemie ist der Zusammenbruch im Winter. Es ist keine Epidemie der Beulenpest in einem Winter bekannt. Das hängt damit zusammen, dass bei Kälte die septische Bakteriendichte in den Ratten geringer ist, so dass die Flöhe weniger Bakterien aufnehmen, und damit, dass sich die Flöhe bei Kälte nicht vermehren. Das Ende von Pestepidemien, die durch Flöhe verbreitet werden, fällt regelmäßig auf die Wintermonate.[25] Wurde die Pest erst im Spätherbst eingeschleppt, brach sie erst im nächsten Frühjahr aus.

Wilde Nagetierpopulationen als Rückzugsgebiet des Pestbakteriums

Die Pestbakterien kommen auch heute noch in wild lebenden Nagetierpopulationen vor – wie beispielsweise bei den Präriehunden, Erdhörnchen und Murmeltieren. Diese Populationen sind die natürlichen Reservoire des Pestbakteriums, von denen aus gelegentlich häusliche Nager wie beispielsweise Ratten infiziert werden.

Während in Europa und Australien keine infizierten Tierpopulationen bekannt sind, kommen solche im Kaukasus, in Russland, in Südostasien, der Volksrepublik China, der Mongolei, Süd- und Ostafrika, Mittel- und Südamerika sowie im Südwesten der USA vor.

Nach Nordamerika gelangte der Erreger dabei über ein Handelsschiff während einer Pestepidemie, die ab 1894 in Südostasien grassierte. Obwohl nur sehr wenige Menschen in Nordamerika an der Pest erkrankten, infizierte der Erreger die amerikanische Eichhörnchenpopulation. Gelegentlich kommt es daher auch heute noch in Nordamerika zu Übertragungen von Tier zu Mensch. Meist sind es Jäger, die sich bei einem Nagetier anstecken; Norman F. Cantor verweist jedoch auch auf einen nordamerikanischen Fall aus den 1980er Jahren, bei dem eine Frau ein Eichhörnchen mit einem Rasenmäher überfuhr und sich dabei mit der Pest infizierte.

Weltweit registriert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 1000 bis 3000 Pestfälle pro Jahr, meistens in Form kleinerer, örtlich begrenzter Epidemien. In Europa gab es den letzten dokumentierten Pestausbruch im Zweiten Weltkrieg. Man nimmt an, dass die Pest gegenwärtig in Europa nicht mehr existiert.

Behandlung

Behandelt wird die Pest heutzutage mit Antibiotika und bei frühzeitiger Erkennung bestehen gute Chancen auf Heilung. Eingesetzte Wirkstoffe sind beispielsweise Streptomycin und Chloramphenicol sowie Kombinationen aus Tetracyclinen und Sulfonamiden. Streptomycin kann nur intramuskulär verabreicht werden. Chloramphenicol ist zwar hochwirksam, gilt aber wegen seiner Nebenwirkungen nur als Reservemedikament.

Vorbeugung

Es stehen Schutzimpfungen zur Verfügung, die aber eine Immunität lediglich für drei bis sechs Monate gewähren und dies auch nur bei der Beulenpest, nicht aber bei der Lungenpest. Die Autoren Eberhard-Metzger und Ries weisen jedoch auf die schlechte Verträglichkeit dieser Schutzimpfungen hin. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt die Impfung daher nur Risikogruppen, zu denen beispielsweise Bauern, Landarbeiter und Jäger in Regionen zählen, in denen infizierte Nagetierpopulationen verbreitet sind.

Weitere Maßnahmen, um eine Pestepidemie einzudämmen, sind verbesserte Hygiene, Bekämpfung der Ratten und die Verhinderung des Transports von Ratten auf Schiffen. Da nach dem Tod der Ratten die Flöhe ihren Wirt wechseln, müssen die Menschen mit Insektiziden vor den Flöhen geschützt werden.

Die Pest gehört neben den hämorrhagischen Fiebern (Ebola, Lassa u. A.) in Deutschland zu den zwei Quarantäne-Krankheiten nach § 30 Infektionsschutzgesetz. Derart erkrankte Patienten müssen in speziellen Infektionsabteilungen abgeschirmt werden. Länderübergreifende Quarantäneregelungen für Schiff-, Luft-, Zug- oder Kraftfahrzeugverkehr sind im internationalen Sanitätsreglement von 1971 festgehalten[26]. Ein Hinweis auf die Pest, die Erkrankung an oder der Tod durch Pest müssen in Deutschland nach dem Infektionsschutzgesetz auch bei Verdacht namentlich gemeldet werden[27]. Die Meldungen werden von den Gesundheitsämtern an die Landesgesundheitsbehörde und das Robert-Koch-Institut weitergeleitet. Das Robert-Koch-Institut meldet sie gemäß internationalen Vereinbarungen an die Weltgesundheitsorganisation.

Geschichte

Höchstwahrscheinlich war die spätantike Justinianische Pest, die ab 541 Europa und Vorderasien traf und um 770 zunächst wieder verschwand, die erste Pestepidemie in Europa. Nach fast sechs Jahrhunderten kehrte die Seuche ab 1347 als Schwarzer Tod nach Europa zurück.

Zur Geschichte der Pest im Mittelalter und in der frühen Neuzeit siehe Geschichte der Pest.

Forschungsgeschichte

Mit der Pestpandemie von 1890 in Indochina begann die moderne Beschreibung der Krankheit. Alexandre Yersin hatte den Bazillus isoliert und der Pest zugeordnet.[28] Gleichzeitig wurde in Indien von dem Franzosen Paul-Louis Simond die Ausbreitung von der Schwarzen Ratte (Rattus rattus) über den orientalischen Rattenfloh auf den Menschen entdeckt.[29] Das führte zu einer Beschreibung der Pest als einer einheitlichen Krankheit. Die Entdeckung der Ausbreitung der Pest in Indien hatte eine beherrschende Bedeutung in der Anschauung der Pest in ihrer heutigen Bedeutung als moderne Krankheit. Sie führte zunächst zu der Auffassung, dass es nur diese eine Art der Ausbreitung der Krankheit gebe. Inzwischen haben sich die Forschungen auf eine große Zahl von Nagern und eine große Zahl von Floharten ausgeweitet. Die hohe Sterblichkeit in den Kolonien führte zu erhöhten Forschungsanstrengungen mit einer Kartografie der epidemischen Züge. Dass es sich immer um die Pest handele, war nicht hinterfragter Ausgangspunkt. So wurde die Krankheit mit dem historischen Begriff Pest belegt und auch die Bakterien danach benannt. Die Identität der mittelalterlichen Pest mit der in Indien erforschten Seuche wurde vorausgesetzt. Bei der Erforschung der Pest und ihrer Ausbreitung waren die Vorgaben der englischen Pestforschungskommission maßgeblich, die 1905 nach Indien entsandt worden war.

Viele Forschergruppen reisten nach Indien, darunter auch eine deutsche mit Wissenschaftlern aus der Umgebung Robert Kochs. Diese stellten 1897 fest: „Aus vielen Orten ist berichtet, dass dem Ausbruch der Pest eine seuchenartige Krankheit und massenhaftes Sterben der Ratten voranging.“[30] Eine vom indischen Vizekönig eingesetzte englische Kommission verkündete 1910 definitiv, dass die Pestepidemie in Indien direkt von der Pest in der Rattenpopulation abhängig sei.[31] Für andere Tiere als Wirtstier wurden keine Belege gefunden. Dabei unterschied die Kommission zwischen Beulenpest und anderen klinischen Formen. Alle Beobachtungen deuteten darauf hin, dass die Pestepidemien ausschließlich in Form der Beulenpest auftraten.

Die Ansteckung der Ratten untereinander geschah nachweislich durch die Flöhe. (Zum Nachweis wurden gesunde und kranke Ratten getrennt gehalten, wobei die Trennung für die Flöhe durchlässig war.) Hinsichtlich der Pest bei den Menschen zog die Kommission eine Reihe von Schlüssen: 1. Die Pest wird nicht von Mensch zu Mensch übertragen, denn die Pfleger in den Krankenhäusern steckten sich nicht an. 2. Die Epidemie war nach ihrer Meinung fest mit der Epidemie unter den Ratten verknüpft. 3. Die in Indien vorherrschende Flohart Pulex cheopis, heute Xenopsylla cheopis hatte sich erwiesen als eine, die auch Menschen anfällt, insbesondere, wenn ihre natürlichen Wirtstiere fehlten. Wiederholte Versuche mit Meerschweinchen und Affen in pestverseuchten Häusern zeigten, dass sie erkrankten, wenn sie nicht gegen Flöhe geschützt wurden. Weder pestverseuchter Boden, noch die Kleider oder das Bettzeug von Pestkranken waren im Stande, ohne Flöhe mit Pest anzustecken.[32] Da die Kommission experimentell feststellte, dass die Pestbakterien nur wenige Tage außerhalb eines Wirtstiers überleben konnten, kam sie zu dem Schluss, dass die Pest in den Landstädten von außerhalb hereingetragen worden sein musste. Da in den Großstädten die Pest auch außerhalb der pestgefährlichen Monate auftrat, meinte sie, dass die Pest dort in kleinen Rattenpopulationen oder einzelnen Menschen als Reservoir zwischen den Pestsaisonen erhalten blieb. Bei einem Untersuchungsgebiet in der Größe Indiens stellte sich die Frage nach den Ausbreitungswegen. Da die Ratten kaum große Distanzen zurücklegen konnten, meinte die Kommission, dass die Verbreitung in bislang pestfreie Zonen über den Warenverkehr stattgefunden haben müsse.[33] Diese Untersuchungen und Schlussfolgerungen bezogen sich ausschließlich auf die in Indien damals aufgetretene Beulenpest.

Die Pest heute

Die Pest ist auch heute noch nicht besiegt: Von 1978 bis 1992 meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1451 Todesfälle in 21 Ländern. In den USA gab es beispielsweise 1992 dreizehn Infektionen und zwei Todesfälle.

Eine größere Pestepidemie ereignete sich von August bis Oktober 1994 im indischen Surat. Die WHO zählte 6344 vermutete und 234 erwiesene Pestfälle mit 56 Toten. Der dort festgestellte Pesterreger wies dabei bislang noch nicht beobachtete Eigenschaften auf. Er zeichnete sich durch eine schwache Virulenz aus und gilt aufgrund einiger molekularbiologischer Besonderheiten als neuartiger Erregerstamm.

Im Jahr 2003 kam es in Algerien nach 50 Jahren wieder zu einem Pestausbruch.[34]

Im Februar 2005 breitete sich die Lungenpest in Bas-Uele im Norden der Demokratischen Republik Kongo aus. Nach Berichten der WHO gab es 61 Tote. Durch das Eingreifen der Organisation Ärzte ohne Grenzen konnte eine weitere Verbreitung verhindert werden.[35] Am 14. Juni 2006 wurden im Kongo 100 Pesttote gemeldet, wobei die am stärksten betroffene Region dabei der Distrikt Ituri im Nordosten ist, mit bis zu 1000 Fällen pro Jahr, sowohl Lungenpest als auch Beulenpest [36].

Anfang 2008 brach auch in Madagaskar die Pest aus, 18 Menschen fanden dabei den Tod. 2010 starben 18 Menschen. Von Jahresbeginn bis März 2011 waren 60 Menschen gestorben und 200 weitere erkrankt.[37] Betroffen sind vor allem abgeschiedene Regionen wie der Bereich um das Städtchen Ambilobe im Nordwesten, weitere Fälle gab es im Osten und im Hochland.[38]

Im November 2008 wurde ein erneuter Ausbruch der Erkrankung in Uganda [39] von den lokalen Zeitungen gemeldet. Betroffen waren insgesamt zwölf Menschen, von denen drei starben.

In den südwestlichen US-amerikanischen Bundesstaaten treten immer wieder Pestfälle auf. Das sylvatische Erregerreservoir bilden hier Präriehunde. Werden erkrankte Präriehunde von Hauskatzen erbeutet, so erkranken diese in 10 % der Fälle an Lungenpest und scheiden große Mengen des Erregers aus. Sie sind dann eine Infektionsquelle für den Tierbesitzer und andere Kontaktpersonen.[40] Insgesamt erkranken in den USA jährlich zehn bis zwanzig Menschen an der Pest, wobei die Zahlen rückläufig sind. Dies wird vom Osloer Biologen Nils Christian Stenseht auf den Klimawandel zurückgeführt.[41]

Anfang August 2009 wurde in Ziketan in der tibetisch geprägten Provinz Qinghai im Nordwesten Chinas bei elf Menschen die Infektion mit Lungenpest festgestellt, ein Mensch starb.

Kulturelle Aspekte

In der Stadt Flörsheim am Main wird seit 1666 bis in die Gegenwart am letzten Montag im August der so genannte „Verlobte Tag“ zum Dank für die Verschonung der Bevölkerung von der Pest als örtlicher Feiertag begangen.

Arnold Böcklin schuf zu diesem Thema 1898 in Italien das Bild Pest/Der Schwarze Tod, das heute im Kunstmuseum Basel ausgestellt ist. Böcklin personifiziert die Pest in seinem Bild als einen auf einem fliegenden Ungeheuer reitenden Sensenmann, vor dem es kein Entrinnen gibt. Die Sense und die skelettartige Gestalt greifen auf die mittelalterliche Todessymbolik zurück.

Nach einem Drehbuch von Fritz Lang entstand 1919 als erster Film der Monumentalfilmreihe Decla-Weltklasse der Stummfilm Pest in Florenz, in dem die Pest das Florenz der Renaissance heimsucht. In der letzten Sequenz des Filmes zieht eine Personifikation der Pest tanzend und Geige spielend als eine Form des Totentanzes durch die Stadt. Die Darstellung der Pest dabei zeigt sehr deutliche Bezüge zu Arnold Böcklins Pest. 1921/1922 drehte F. W. Murnau den Stummfilm Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, in dem ein Vampir symbolisch mit der Pest gleichgesetzt wird und ihre bildhaft-körperliche Personifizierung darstellt. Noch deutlicher ist diese Metaphorik in Werner Herzogs Tonfilm-Adaption Nosferatu – Phantom der Nacht mit Klaus Kinski in der Titelrolle herausgearbeitet. Veit Harlan schildert in seinem 1938 gedrehten Seuchendrama Verwehte Spuren einen angeblich authentischen Pestfall während der ersten Pariser Weltausstellung im Jahr 1867. Ingmar Bergman drehte 1957 Das siebente Siegel (Det sjunde inseglet) mit Max von Sydow, der Film spielt im 14. Jahrhundert.

Albert Camus schrieb den Roman Die Pest (fr. La Peste ) über einen neuzeitlichen Pestausbruch in der algerischen Stadt Oran (publiziert 1947). Darin trifft ein Arzt trotz der Aussichtslosigkeit und Absurdität des Kampfes gegen die Pest auf Menschlichkeit und Solidarität. Die Pest wird hierbei oft als Symbol für den Nationalsozialismus interpretiert.

Auch Marcel Pagnol schrieb eine Erzählung über die Pest. Sie hat die Verwüstung von Marseille 1720 zum Thema. Les Pestiférés erschien postum 1977 in Band IV der Souvenirs d’Enfance Le Temps des Amours. Jens Peter Jacobsen veröffentlichte 1881 die Novelle Pesten i Bergamo (Die Pest in Bergamo).

Der Pesterreger als biologische Waffe

Der Pesterreger wird von der Weltgesundheitsorganisation zu den zwölf gefährlichsten biologischen Kampfstoffen gezählt. Zu diesem sogenannten dreckigen Dutzend gehören neben dem Erreger der Pest auch die des Milzbrands und der Tularämie sowie Pocken-, Ebola- und Marburg-Viren.

Der erste historisch belegte Einsatz der Pest als biologische Waffe fand 1346 in der genuesischen Hafenstadt Kaffa statt, als der Tartarenführer Khan Djam Bek Pestleichen über die Mauern der Stadt werfen ließ und die Belagerten vor der Pest nach Italien flüchteten.

Während des zweiten Chinesisch-Japanischen Krieges stellte die japanische Armee im Einheit 731 genannten Gefangenenlager bei Harbin in der Mandschurei Waffen her, die mit Pest infizierte Flöhe enthielten und deren Einsatz in der Republik China in den Jahren 1940 bis 1942 lokale Pestausbrüche verursachte. Bei der Zerstörung der Produktionsstätten durch die japanische Armee 1945 bei Kriegsende kamen mit Pest infizierte Ratten frei und lösten in den chinesischen Provinzen Heilongjiang und Jilin eine Epidemie mit über 20.000 Todesopfern aus.

Zur Zeit des Kalten Krieges beschäftigten sich sowjetische Wissenschaftler (Im Institut Biopreparat unter Leitung von Dr. Ken Alibek) des Direktorium-15 mit dem Einsatz von Pesterregern als biologischer Waffe. Wie der ehemalige Forscher für biologische Waffen Alibek berichtete, gelang es der Sowjetunion Ende der 1980er Jahre, die Pest in eine sprühbare Form zu bringen und gegen Antibiotika resistent zu machen.

In Deutschland beschäftigt sich das Robert-Koch-Institut mit den Gefahren durch biologische Kampfführung. Dort wurde auch die Informationsstelle des Bundes für biologische Sicherheit (IBBS) eingerichtet. Wie groß die Gefahr eines Angriffs mit biologischen Kampfstoffen tatsächlich ist, ist umstritten. Die IBBS rät nicht zu einer Impfung gegen die Pest in Deutschland. Diese Empfehlung gilt sowohl für die Bevölkerung insgesamt als auch für Risikogruppen.

Literatur

  • A. M. Barnes, T. J. Quan, J. D. Poland: Plague in the United States. In: Morbidity and Mortality Weekly Report 1985. 9SS–14SS.
  • Ole Jørgen Benedictow: Svarte Dauen og senere Pestepidemier i Norge. Oslo 2002, ISBN 82-7477-108-7
  • Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod in Europa. Beck, München 2003, ISBN 3-406-45918-8
  • Klaus Bergdolt: Die Pest 1348 in Italien. Fünfzig zeitgenössische Quellen mit einem Nachwort von Gundolf Keil, Heidelberg 1989
  • Friedrich Hoffmann: Gründliche Untersuchung Von der Pest, Uhrsprung und Wesen : Nebst angehängten Bedencken, Wie man sich vor selbiger præserviren, und sie sicher curiren könne?. Rüdiger, Berlin 1710 (Digitalisat)
  • J.D. Marshall, R.J.T. Joy, N. V. Ai et al.: Plague in Vietnam 1965–1966.'# In: American Journal of Epidemiology 86 (1967) S. 603–616.
  • Claudia Eberhard Metzger, Renate Ries: Verkannt und heimtückisch – Die ungebrochene Macht der Seuchen. Birkhäuser, Basel 1996, ISBN 3-7643-5399-6
  • William McNeill: Plagues and Peoples. Penguin 1979.
  • Manfred Vasold: Die Pest. Theiss, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1779-3
  • Karl Georg Zinn: Kanonen und Pest. Westdeutscher Verlag, Opladen 1989, ISBN 3-531-12107-3

Einzelnachweise

  1. ↑ Andreas Plettenberg: Dermatologische Infektiologie. Stuttgart 2004. S. 397.
  2. ↑ Jean-Marc Duplantier u.a.: „Systematics of the black rat in Madagascar: consequences for the transmission and distribution of plague.“ In: Biological Journal of the Linnean Society, 2003, 78, 335–341.
  3. ↑ A. W. Bacot: „A study of the bionomics of the common tat fleas and other species associated with human habitations, with special reference to the influence of temperature and humidity at various periods of the life history of the insect“. In: Journal of Hygiene XIII, 1914 S. 447–653, 641 ff.
  4. ↑ Hariette Chick, C. J. Martin: „The Fleas Common on Rats in Different Parts of the World and the Readiness with witch they Bite Man“. In: Journal of Hygiene XI, 1, 1911 S. 122–136, 127 f.
  5. ↑ C. M. Wheeler und J. R. Douglas, „Sylvatic plague studies V, The determination of vector efficienty.“ In: Journal of Infectious Diseases 77, 1945, S. 1–12.
  6. ↑ Georges Blanc und Marcel Baltazard: „Recherches experimentales sur la peste.“ In: Comptes redus des séances de l'Academie des Sciences 213, 1941, 813–814.
  7. ↑ Georges Blanc und Marcel Baltazard: „Recherches sur le mode de transmission naturelle de la peste bubonique et septicémique.“ Archives de l'Institut pasteur de Maroc 111, 5, 1945 S. 173–348.
  8. ↑ Georges Blanc und Marcel Baltazard: „Recherches … S. 192.
  9. ↑ Georges Girard: „Les ectoparasites de l'homme dansd l'epidémiologie de la peste“. In: Bulletin de la Société de Pathologie Exotique XXXVI, 1943, S. 4–41.
  10. ↑ a b c Robert Pollitzer: Plague. WHO Genf 1954 S. 623–654; und: 1960 S. 387–400.
  11. ↑ Atilio Macchiavello: „A Focus of Sylvatic Plague of the Peruvian-Ecuadorian Frontier“. In: Science 104, 2710, 1946, S. 522.
  12. ↑ a b Robert Pollitzer und Karl F. Meyer: „The Ecology of Plague“. In: Jacques M. May (Hrg.): Studies in Disease Ecology, Studies in Medical Geography, Vol. 2, New York 1961, S. 433–590.
  13. ↑ Rebecca Eisen, Scott W. Bearden, Aryn P. Wilder et. al.: „Early-phase transmission of Yersinia pestis by unblocked fleas as a mechanism explaining rapidly spreading plague epizootics.“ In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNA) 2006. Vol. 103 S. 15380-15385.
  14. ↑ Ole Jørgen Benedictow: Plague in the Late Medieval Nordic Countries. Oslo 1992 S. 241.
  15. ↑ a b David Engelthaler und Kenneth L. Gage: „Quantities of Yersinia pestis in Fleas (Siphonaptera: Pulcidae, Ceraphyllidae, and Hysterichopsyllidae) Collected from Areas of Known or Suspected Plague Activity“. In: Journal of medical Entomolgy 37, 2 (2000) S. 422–426.
  16. ↑ Journal of Hygiene VII, 6, 1907 S. 724–762.
  17. ↑ John Black und Dorothy Black, „Plague in East Suffolk 1906–1918“, Journal of the Royal Society of Medicine 93 (2000), S. 540–543.
  18. ↑ T.-H. Thieh: „Primary Pneumonic Plague in Mukden, 1946, a Report of 39 Cases with 3 Recoveries.“ In: Journal of Infectious Diseases 82, 1948 S. 52–58.
  19. ↑ H. M. Jettmar: „Erfahrungen über die Pest in Transbaikalien“. In: Medical Microbiology and Immunology Bd. 97 (Januar 1923) S. 322–329.
  20. ↑ Dan C. Cavanaugh und James E. Williams: „Plague: Some Ecological Interrelationsships“. In: R. Traub und H. Starcke (Hrg.) Fleas, Proceedings of the International Conference on Fleas. Ashton Wold, Peterborough, UK, 21–25 June 1977. Rotterdam 1980 S. 245–256, 251.
  21. ↑ a b c d Wu Lien-Teh: A Treatise on Pneumonic Plague. Publications of the League of Nations III. 13, Genève 1926.
  22. ↑ [1] = Wilhelm Kirch: Encyclopedia of Public Health, Volume 1: A - H, Springer 2008, ISBN 1-4020-5614-1, S. 1 unter „Abortive Plague“
  23. ↑ Suzanne Chanteau et al.: Development and testing of a rapid diagnostic test for bubonic and pneumonic plague. The Lancet, 18. Januar 2003, Vol. 361, Issue 9353, S. 211–216
  24. ↑ William Reed u. a.: „Bubonic plague in the southwestern United States.“ In: Medicine 49, 6, 1970. S. 465–486, 470–480.
  25. ↑ H. Dubois: „La dépression (XIVe et XVe siècles)“. In: Histoire de la population Française. 1988. S. 313–366. für Frankreich
  26. ↑ Internationales Sanitätsreglement vom 1. Januar 1971, Stand am 15. Juni 2007
  27. ↑ Infektionsschutzgesetz, § 6
  28. ↑ Alexandre Yersin: „La peste bubonique à Hong-Kong“. In: Annales de l'institut Pasteur 8, 1894, S. 662–667.
  29. ↑ Marc Simond, Margaret L. Godley, Pierre D. E. Mouriquand: „Paul-Louis Simond and his discovery of plague transmission by rat fleas: a centenary.“ In: Journal of the Royal Society of Medicine Februar 1998 S. 101–104.
  30. ↑ Deutsche Medizinische Wochenschrift 23, (1897) S. 503.
  31. ↑ Journal of Hygiene X 3 (1910) S. 566–568.
  32. ↑ Journal of Hygiene VI, 4 (1906) S. 509–518.
  33. ↑ Journal of Hygiene X, 3, 1910 S. 598.
  34. ↑ Angela Grosse: Die Pest geht wieder um. In: Hamburger Abendblatt, 9. August 2006
  35. ↑ OMS | Peste en République démocratique du Congo – bulletin n°4
  36. ↑ Pestausbruch im Kongo
  37. ↑ Pest tötet in Madagaskar 60 Menschen, xxx, 31. März 2011
  38. ↑ Bereits 23 Pestopfer in Madagaskar, orf.at, 23. Februar 2011
  39. ↑ Pestausbruch in Uganda
  40. ↑ Heinrich Neubauer: Zoonosen in Deutschland. Dt. TÄbl. 56 (2008), S. 1342–1346
  41. ↑ Deutsches Ärzteblatt, 21.September 2010: USA: Klimawandel drängt Pest zurück

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Geschichte der Pest

Die großen Seuchen von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sind ein zentrales Thema der Medizingeschichte. Sie haben nicht selten die politische Landschaft durchgreifend verändert.

Grundsätzliches

Jahrzehntelang war strittig, ob es sich bei den „Pest“ genannten Seuchen, die bis in das 19. Jahrhundert Europa heimsuchten, wirklich um von Yersinia pestis verursachte Krankheiten handelte.[1] Kritiker betonten die stark abweichende Ausbreitungsgeschwindigkeit der Pest im heutigen Indien zur Ausbreitungsgeschwindigkeit im 14. Jahrhundert. Erst durch vergleichende europaweite Analysen einstiger Pestopfer mittels PCR sowie der Immunochromatographie zeigte sich in den letzten Jahren, dass die einstigen katastrophalen Pestepidemien, die Europa seit der Spätantike und vor allem seit 1347 trafen, in der Tat durch Yersinia pestis verursacht wurden, allerdings von zwei Varianten des Bakteriums, von denen die gefährlichere heute als ausgestorben gilt.[2]

Unterschiede in der Krankheitsbeschreibung

Letztendlich stammt das Wort Pest vom lateinischen pestis und bedeutet wie auch das griechische loimós, nichts anderes als „Seuche“. Es steht darüber hinaus für Unglück, Verderben, verderbliche Person oder Sache, Scheusal, Unhold, Qual, Leiden, Hungersnot. Die klassischen Texte, vom altorientalischen Gilgamesch-Epos (um 1800 v.Chr.), über die Ilias und die Aeneis bis zur Bibel, bezeichnen daher alle großen Seuchen als Pest. Manche antiken und mittelalterlichen Pestbeschreibungen könnten auch auf Pocken, Fleckfieber, Cholera, Typhus und Masern passen. Auch Galens Beschreibungen der Antoninischen Pest, der 180 n. Chr. Marc Aurel zum Opfer fiel und die auch „Pest des Galen“ genannt wird, entspricht weniger der Beulen- oder Lungenpest, als vielmehr den Schwarzen Pocken.[3]

Arabische Ärzte haben die Pest unter dem Namen „Ta un“ ebenfalls beschrieben. Avicenna nannte als wichtigstes Symptom die Beule, die in der Schamgegend, unter den Achseln oder hinter den Ohren erscheinen könne.

Das heutige Verständnis von Krankheit unterscheidet sich fundamental von dem des Mittelalters und der frühen Neuzeit, das wesentlich von der Säftelehre Galens bestimmt war, so dass fraglich ist, ob es überhaupt möglich ist, die frühen Krankheitsbeschreibungen richtig aus der Zeit zu verstehen.[4] Weil man einen Satz in einer alten Quelle versteht, heißt das nicht, dass man davon dieselbe Vorstellung hat wie der Autor. Dass die Pest als einheitliche Krankheit mit einheitlicher Ursache verstanden wird, steht dem Verständnis der Krankheitsbeschreibungen des 18. Jahrhunderts entgegen. Die frühen Diagnosen gehen nur von den äußeren Symptomen aus, wobei Variationen des Krankheitsbildes sich noch im Rahmen der einheitlichen Beschreibung halten können, so dass sie dem damaligen Arzt nicht als erwähnenswert erschienen sind.[5]

Eine bakteriologische Überprüfung von 2623 Patienten mit der Diagnose „Diphtherie“ erwies zu 1/4 bis 1/3 die Diagnose als falsch. Umso höher ist das Risiko einer retrospektiven Diagnose anhand von mittelalterlichen Krankheitsbeschreibungen.[6] Demographische Peststudien kamen zu dem Schluss, dass die mittelalterliche Pest nicht dieselbe Krankheit wie die moderne Pest sein könne.[7] Diese Schlussfolgerung beruht auf der Analogievorstellung, dass sich die Pest im Mittelalter genauso hätte verhalten sollen, wie die moderne Pest von 1890 und dass die mittelalterlichen Krankheitsbeschreibungen mit den heutigen Mustern verglichen werden können. Hinzu kommt die Voraussetzung, dass sich das mittelalterliche Krankheitsverständnis unproblematisch neben das heutige stellen lässt. Bei diesen Gleichsetzungen handelt es sich um Ferndiagnosen über Raum, Zeit und unterschiedliche erkenntnistheoretische Rahmenbedingungen hinweg. Wie eine Krankheit diagnostisch zu klassifizieren ist, hat sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geändert. Die Beschreibung „tödliche Blutkrankheit, unzweifelhaft ein adynamisches Fieber mit Intestinal- und anderen Blutungen“ für die frühneuzeitliche Seuche in einer historischen Zeitschrift von 1849 kann nicht ohne weiteres in das heutige Klassifikationssystem eingepasst werden.

Ein prägnantes Beispiel bilden die Nachrichten über eine Pest in Island und Norwegen 1378/1379: Die norrøne Bezeichnung ist „bolna sott“, auf isländisch „bólusótt“ und wurde als Pocken gedeutet, weil die Pocken seit 1240 epidemisch aufgetreten seien. Aber die epidemische Pockenseuche, die durch Variola major ausgelöst wird, ist erst am Anfang des 16. Jahrhunderts durch den ausgeweiteten Kontakt mit Afrika oder China eingeschleppt worden.[8] Die Variola-Varianten, die man für das Mittelalter in Europa annimmt, waren minor (alastrim) und Orthopoxvirus vaccinia (Kuhpocken) und waren bei weitem weniger virulent und kaum im Stande, Epidemien zu verursachen. Variola minor wird auch für das Mittelalter vor allem als Kinderkrankheit eingeschätzt. Außerdem scheinen die Ärzte der frühen Neuzeit große Schwierigkeiten gehabt zu haben, die Pocken von Windpocken und Masern zu unterscheiden. Die isländischen Annalen verwendeten für eine Seuche in Island im Jahre 1310 die Ausdrücke „Manndauðr mikill vm allt Skalaholtz byskups dæmi“, „Bólna sótt“, „kverka sótt“, „stinga sótt“, „Manndauðr micill“. Auf der anderen Seite kann auch Variola minor in einer isolierten und verstreut lebenden Bevölkerung in Island durchaus eine erhöhte Mortalität mit sich gebracht haben, weil keine Altersgruppe bei solch langen Zwischenräumen eine Immunität hatte ausbilden können. Daher ist es schwierig, den isländischen Annalen bei ihrer Bezeichnung zu trauen, aber eine gewisse Wahrscheinlichkeit für Pocken ist vorhanden. Am besten ist es, „Bólna sótt“ in der mittelalterlichen Terminologie als eine Krankheit aufzufassen, die Beulen oder andere deutliche Hautveränderungen erzeugt, so dass damit Pocken, Masern, Pest oder andere Krankheiten gemeint sein können.

Im Sommer 1652 trat in Kopenhagen eine Epidemie auf, die der in jener Zeit berühmte Arzt Thomas Bartholin als „Kaltes Fieber“ beschrieb, von dem er und seine Familie angesteckt worden waren. Er verabreiche ein Mittel “unicornu groenlandicum“, und die Familie genas in kurzer Zeit.[9] Krankheit und Heilmittel stellen für die modernen Medizinhistoriker eine besondere Herausforderung dar. Manche meinen, es sei Malaria gewesen. Aber die Seuche entwickelte sich nach Bartholin weiter zu Diarrhö und Dysenterie, was dem heutigen Malariabegriff fremd ist. Bei einer Klassifikation, die von sichtbaren Zeichen ausgeht, konnten aus heutiger Sicht verschiedene Krankheiten ohne weiteres ineinander übergehen. Die eingenommene Medizin war offenbar Narwalhorn. Dass das Pulver gewirkt haben muss, war für Bartholin mit dem Erfolg der Gesundung bewiesen.

Im 17. Jahrhundert wurden Krankheiten mit großer Gewissheit diagnostiziert, die nach heutiger Taxonomie und Nosologie nach den großen Fortschritten der Medizin sehr zweifelhaft geworden sind. In manchen Fällen ist es schwierig zu entscheiden, ob die Krankheit oder die Krankheitsbeschreibung sich verändert hat. Der sogenannte Englische Schweiß ist so eine Krankheit mit klarer zeitlicher Grenze. Er trat zwischen 1485 und 1551 auf und wurde als spezielle Krankheit mit eindeutigen Symptomen aufgefasst, die aber bis heute rätselhaft geblieben ist

Das Problem des Pesterregers

Über Yersinia pestis als Auslöser der mittelalterlichen Pest konnte bislang keine Einigkeit erzielt werden. Einige Forscher behaupteten, die DNA von Yersinia pestis in Zähnen aus dem 14. Jahrhundert in Montpellier gefunden zu haben,[10] andere haben in Zähnen aus derselben Zeit nichts dergleichen finden können.[11] Abgesehen davon, dass das Argumentum ex silentio methodisch angreifbar ist, überwiegen gegenwärtig die Meinungen, dass die Seuche Yersinia pestis zuzuschreiben sei, insbesondere aufgrund neuerer Untersuchungsergebnisse.[12] Insbesondere ist zu berücksichtigen, dass der Pesterreger nur dann in den Zähnen gefunden werden kann, wenn der Pesterreger in die Blutbahn gelangt ist und die Personen nach dieser Sepsis noch lange genug gelebt haben, dass der Erreger in den Wurzelkanal des Zahnes dringen konnte.[13] Bei Menschen, die nicht an der Pestsepsis gestorben sind, findet sich das Bakterium daher auch naturgemäß nicht in den Zähnen. Auf einen weiteren Gesichtspunkt weist O. G. Moseng hin: Das Pestbakterium sei ein sehr flexibler Krankheitserreger. In Zeit und Raum sei Pest nicht notwendigerweise gleich Pest. Die Pest im Spätmittelalter Europas sei nicht auf die gleiche Weise aufgetreten wie in Indien am Ende des 19. Jahrhunderts.[14] Sein Fazit ist: Es kann dieselbe Pest gewesen sein, wie die der Neuzeit. Möglich ist aber auch, dass es nicht dieselbe Erkrankung war, sondern nur eine ähnliche, die durch eine Variante desselben Erregers ausgelöst wurde. Allerdings unter der Bedingung, dass die Voraussetzungen für die Pest damals nicht die gleichen waren wie die in Indien im 19. Jahrhundert.[15] Inzwischen ist aber eine einfachere Methode entwickelt worden, die Infektion von Yersinia pestis nachzuweisen: Man sucht nicht mehr nach der DNA des Bakteriums, sondern nach den Antikörpern, die die Infektion bei dem befallenen Menschen hervorgerufen hat. Diese Methode ist daher nicht mehr auf die Zähne angewiesen, sondern kann auf den ganzen Körper angewendet werden.[16] Aber es wirft gleichwohl die Frage auf, ob Yersinia pestis aus dieser frühen Zeit mit den heutigen Stämmen überhaupt vergleichbar und in jedem Fall wiedererkennbar ist. R. Devignant teilte die Pestbakterien in 3 Hauptvarianten nach den starken biochemischen Unterschieden ein: Variante 1) (später „Orientalis“ genannt) sollte ihren Ausgangspunkt in Indien, Burma und im südlichen China gehabt haben, für die Pandemie von 1890 verantwortlich und in wenigen Jahren über die ganze Erde verbreitet worden sein. Variante 2) (Antiqua genannt), die er für die älteste hielt, sollte in Zentralasien entstanden sein, sich über Zentralafrika verbreitet und die justinianische Pest im 6. Jahrhundert verursacht haben. Die 3. Variante („Medievalis“) stammte ebenfalls aus Zentralasien, verbreitete sich in Richtung Krim und die Umgebung des Kaspischen Meeres und löste dann den Schwarzen Tod in Europa und die folgenden Epidemien aus.[17] Diese Grundsicht war lange Zeit Standard für die Ausbreitungswege. Aber nun stellte sich heraus, dass beide Hauptvarianten Medievalis und Antiqua in Kenia auftraten und Orientalis und Medievalis zusammen in der Türkei gefunden wurden.[18] Es ist bei der hohen Variabilität des Genoms in Betracht zu ziehen, dass dieses sich seit den Pestwellen des Altertums verändert hat

Im Mittelalter und in der Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert stellte sich die Frage nach einem besonderen Pesterreger nicht, da Miasma und Planetenkonstellationen ein nicht hinterfragtes Erklärungsmuster waren. Allerdings entdeckte bereits 1656 Athanasius Kircher, dass im Blut der Pestkranken sich kleine Lebewesen bewegten.

  • „Das Pestmiasma ist nichts anderes, als eine Schar kleiner Würmelien, welche in der Luft herumfliegen, und wenn sie durch den Atem in den Leib eingezogen werden, dasselbe Geblüt verderben und die Drüsen zersetzen. Wenn sie nun wiederum aus einem so angesteckten Leib herausfliegen und von einem Gesunden aufgenommen werden, wird mit ihnen die Pest fortgepflanzt.“
  • – Scrutinium physico-medicum contagios ae luis quae dicitur pestis. Romae 1658.

Wenn das auch nicht die Pestbakterien sein konnten, die mit den damaligen Instrumenten nicht erkennbar waren, sondern eher Leukozyten, so kam er der Ursache doch schon sehr nahe. Ihm schlossen sich bald weitere Ärzte an, unter anderen Borelli, die bei Pest, Pocken und weiteren Krankheiten die gleiche Beobachtung gemacht hatten. Linné (1760) meinte, dass die Würmchen, die häufig mit Milben verglichen wurden, bestimmte Zeiten hätten, wo sie äßen, schliefen und sich vermehrten: Dadurch erklärte er die „periodischen Paroxysmen“ mancher Krankheiten.[19] Auf die Praxis hatten diese Entdeckungen allerdings keinen Einfluss.

Das Problem der Rattenvorkommen

Im Allgemeinen ging man davon aus, dass die Wanderratte erst spät nach Norden gekommen sei. Sie wurde in England nicht vor 1727, in Paris nicht vor 1753 beobachtet.[20] Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass das 18. Jahrhundert die Zeit war, in der die Taxonomie entwickelt wurde und das Interesse an der Klassifikation entstand. Der Name Rattus rattus für die Hausratte wurde zum Beispiel 1758 vom Vater der Taxonomie Carl von Linné vergeben. Dass diese Tiere in dieser Zeit als eigene Art wahrgenommen wurden, heißt nicht, dass sie nicht schon vorher dagewesen sind. Es wurde sogar vermutet, dass die Einwanderung der Wanderratte das Ende der Pestepidemie in Europa eingeleitet habe,[21] indem sie den Kulturfolger Hausratte, die Hauptquelle der Pestepidemien, verdrängt habe. Allerdings lebt die Hausratte (oder Schwarze Ratte) eher im Haus und ist auch die klassische Schiffsratte, während die Wanderratte (Braune Ratte) eher im Keller und in Kloaken haust und von menschlichen Nahrungsmitteln weniger abhängig ist als die Hausratte. Daher ist diese These problematisch.[22] Der Historiker Vasold, der sich sehr intensiv mit der Pest beschäftigt hat, weist jedoch darauf hin, dass der Ausbruch in Moskau im Jahre 1771 zu einem Zeitpunkt erfolgte, als dort nur Wanderratten vorkamen. Oft wurde vorgebracht, dass es in Europa im Mittelalter nicht genügend Ratten gegeben habe, die eine solche Epidemie hätten auslösen können. Deshalb vermutete man, dass es sich bei der Seuche nicht um Pest, sondern um Milzbrand gehandelt habe. Auf Grund der klimatischen Bedingungen könnten die Verhältnisse in Indien nicht auf Europa im Mittelalter übertragen werden. Auch der Unterschied in der Ausbreitungsgeschwindigkeit sei zwischen den beiden zu groß.[23] Aber bereits 1941 veröffentlichten die Pestforscher Blanc und Baltazard vom Pasteur-Institut ein alternatives Verbreitungsmodell von Yersinia pestis über den Menschenfloh Pulex irritans.[24] Wegen der Kriegszeiten gelangte die Arbeit nicht in den englischen Sprachraum. Vielmehr wurde dort die Arbeit von Fabian Hirst The Conquest of Plague von 1953 maßgeblich. Sie beruhte auf Forschungen in Colombo auf Sri Lanka. Arbeiten aus der Zeit nach 1934 sind unterrepräsentiert.[25] Gleichwohl wurde dieses Werk die Hauptquelle der Vertreter alternativer Krankheitsmodelle der Pest, wie Shrewsbury, Twigg, Scott, Duncan und Cohn.[26] Heute wird der notwendige Zusammenhang zwischen Ratte und Pest kaum noch vertreten.

David E. Davis schloss aus dem Fehlen der Ratte in Text und Bild, dass im Mittelalter die Ratte nicht verbreitet gewesen sei. Obgleich er 15 Funde von Knochen von Ratten in Großbritannien für das 11.-15. Jahrhundert nachwies, hielt er daran fest, dass diese nicht die Seuche hätten verbreiten können.[27] Eine ausreichende Rattenpopulation habe sich erst nach 1450 entwickelt. Er akzeptierte die Ratte als Ursache daher erst für die Pestausbrüche von 1666 in Mailand und London. Für die Zeit davor postulierte er die Direktübertragung von Mensch zu Mensch. In Wirklichkeit finden sich vereinzelt doch Nachrichten über Ratten. Schon Avicenna beobachtete das der Pest vorangehende Rattensterben, ohne allerdings einen Zusammenhang zu erkennen. Im Qanun al-Tibb schrieb er: „Man sieht (vor Pestzeiten) Ratten und andere unterschiedliche Tiere auf die Oberflächen kommen und sich wie betrunken gebärden.“[28] Nachrichten anderer arabischer Ärzte sind nicht bekannt. Im Anschluss an Avicenna berichtet auch der christliche Arzt Joannes filius Mesuè (Pseudo Mesuè) († um 1015), dass Mäuse und Reptilien an die Oberfläche kämen und stürben.[29] Ein anonymer italienischer Chronist erwähnt das Vorkommen eines großen Rattenschwarms in Verbindung mit einer Pestepidemie in Arsizio zwischen Como und Mailand im Jahr 1630: Sie seien zu Hunderten in jedem Haus gewesen, und es seien so viele gewesen, dass es nicht gelang, sich vor ihnen zu schützen.[30] Die Überlieferung ist auf diesen Gesichtspunkt hin nicht ausreichend ausgewertet. Erst nach dem Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert häuft sich die Pestliteratur. Soweit es sich um das Verhalten von Tieren handelt, wurde offensichtlich Avicenna rezipiert. Bemerkenswert ist dabei, dass das Verhalten der im Boden lebenden Tiere, Mäuse, Ratten, Maulwürfe und Schlangen nicht auf die Pest, sondern auf Fäulnisprozesse im Boden zurückgeführt wurde.[31] Offensichtlich entstammt keiner dieser vielen Berichte eigener Anschauung, sondern gelehrtem Literaturstudium. Keiner der späteren Autoren, von denen hier nur einige genannt sind, hat die Beobachtung Avicennas übernommen, dass die Nager wie betrunken umherlaufen. Hier spielten auch die alten Lehren der Physiologie von der „Generatio spontanea“ hinein, dass die niederen Tiere, zu denen man auch die Mäuse rechnete, sich im faulenden Boden entwickelten. Man meinte sogar, dass man im faulenden Nilschlamm bisweilen halbfertige Mäuse finden könne.[32] Die Zunahme der Fäulnis vertreibe dann die Tiere aus ihren Höhlen. Da das Miasma auch in der Luft gedacht wurde, berichtete man, dass auch Vögel von der Pest ergriffen worden seien und schleunigst flüchteten. Die Wissenschaft bestand eben noch nicht in eigener Beobachtung, sondern im fleißigen Kompilieren von Autoritäten.

Für die Ausbreitung einer Pestepidemie muss die Rattenpopulation nicht besonders hoch sein, und der Ausbruch einer Epidemie muss nicht jedes Mal aufs Neue von außen in die Population hineingetragen werden. Es gab ständig wiederkehrende Pestausbrüche in regelmäßigen Rhythmen von kurzer Dauer.[33] Eine hohe Todesrate über ein, zwei Jahre wurde von längeren pestfreien Perioden abgelöst. Dafür wurde der Begriff der „Metapopulation“, die mehrere lokale Populationen umfasst, die miteinander in Kontakt stehen, geschaffen. Rattengruppen können so für eine dichtbesiedelte Stadt als eine Metapopulation zusammengefasst werden. Rechenmodelle zeigten, dass die Pest unter Ratten viele Jahre aufrechterhalten werden konnte, bis sie recht schnell ein Niveau erreichte, in der die Reproduktionsrate der Ratten nicht mehr hoch genug war und das Infektionspotential für Menschen sich akut erhöhte, weil die infizierten Flöhe nunmehr gezwungen waren, Menschen anzugehen. Daraus ergibt sich, dass die Beulenpest innerhalb kleiner Rattenpopulationen überdauern kann. Eine Metapopulation von 50.000 Ratten kann jahrelang ein Pestreservoir bilden, auch wenn Einzelpopulationen zwischendurch aussterben. 3000 Ratten pro halbem Quadratkilometer sind ausreichend.[34] Als Pestreservoire kommen insbesondere Hafenstädte in Betracht, von wo aus mit Schiffsfracht die Ratten über weite Strecken verbreitet werden.

Neueres archäologisches Material gab neue Einsichten: Bei 143 Fundstellen aus der Zeit zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert zeigte sich, dass es viele große Rattenpopulationen gab: Bei der Hälfte der Fundstellen handelt es sich um 9 Ratten pro Fundstelle. 1/5 der Fundstellen beherbergte 10 oder mehr Ratten, und 12 der ergiebigsten Rattenfunde stammen aus dem 13. Jahrhundert und später.[35] Auf Grund dieser Ergebnisse ist die Annahme zulässig, dass die Pest im Mittelalter und in der frühen Neuzeit tatsächlich von den Ratten ausging. Seit dem Hochmittelalter scheint die Ausbreitung umfassend gewesen zu sein. Da sich Ratten nur notgedrungen mehr als wenige 100 m bewegen, müssen sie sich über den Warentransport verbreitet haben.

Neuere Untersuchungen haben aber ergeben, dass in Nordeuropa (Großbritannien und Skandinavien) die Rattenpopulationen abgesehen von den größeren Handelsstädten an den Küsten, für eine flächendeckende Ausbreitung der Pest nicht groß genug gewesen sind.[36] Der dänische Bischof, Historiker und Ornithologe Erik Pontoppidan (1698–1764) stellte fest, dass die Ratten weiter im Norden als bis Helgeland nicht leben könnten, wo sie allerdings mit Schiffen vom Süden her eingeschleppt seien und vor dem nächsten Frühjahr stürben.[37]

Das Problem der Flohart

Bei Ausgrabungen wurde in der Zeit von der Jüngeren Steinzeit bis zum 16. Jahrhundert vor allem Pulex irritans gefunden. Dazu kamen Hunde- und Katzenflöhe sowie einzelne Exemplare von Nosopsyllus fasciatus in Funden aus der Römerzeit. Xenopsylla cheopis, der für die Pest Ende des 19. Jahrhunderts in Indien verantwortlich war, wurde nirgends und in keiner Periode gefunden. Die Gründe dafür, dass der Rattenfloh als Überträger in Europa nicht in Betracht kommt, sind im Artikel Rattenfloh erörtert. Die Autoren schließen Xenopsylla cheopis als Überträger der Pest in Europa aus. Stattdessen wird Pulex irritans als reichlich vorkommende Art erwogen.[38]

Alternative Krankheitsmodelle

Es wurden auch andere Krankheiten als Verursacher der vormodernen Seuchen vorgeschlagen. Eine davon war der Milzbrand.[23] Andere brachten die „haemorrhagische Pest“ = „Hämorrhagisches Fieber“ auf, verursacht von einer Form des Filovirus, das von Mensch zu Mensch übertragen wird, mit einer großen Ähnlichkeit zu Ebola oder Marburgfieber. Das war genau genommen eine fiktive Epidemie. Sie meinten nicht, dass es sich um Ebola gehandelt habe, aber dass die Kennzeichen gleich waren.[39] Es wurde die These aufgestellt, dass dieses „haemorrhagische Fieber“ beim Schwarzen Tod in Europa aufgetreten und 1670 wieder verschwunden sei. Man entnahm das den Unterschieden zwischen der mittelalterlichen Pest und der modernen Pest in Indien, die es ausschlössen, dass beide die gleiche Ursache hätten. Man meinte, das Bewegungsmuster der Ratten in Indien lasse eine solche Ausbreitungsgeschwindigkeit, wie sie für die Pest von 1347 in Europa in wenigen Jahren festzustellen sei, nicht zu, schon gar nicht eine Ausbreitung bis Island. Sie lehnten die Möglichkeit des Transportes der Ratten mit dem Warenstrom und der Fracht für das Mittelalter ab und akzeptierten diese nur für die Zeit der Dampfschifffahrt. Mit Island und Grönland wollten sie belegen, dass die Seuche in Klimazonen vorgedrungen sei, die mit der Pest unvereinbar seien. Allerdings begann die Pest 1347, kam nach Island erst 1400 und nach Grönland überhaupt nicht. Als eine weitere Krankheit wird alternativ der Milzbrand in Betracht gezogen.[40] Die Virus-Theorie wurde auch durch die signifikant häufiger auftretende Mutation CCR5Δ32 (CCR5-Delta32) des Gens CCR5 bei den Nachkommen von Überlebenden der großen Seuchen gestützt. Diese Mutation verhindert das Eindringen von Viren in Zellen. Die Vertreter dieser Auffassung gehen davon aus, dass die Häufung von CCR5Δ32 im Erbgut auf einen hohen Selektionsdruck vor etwa 700 Jahren zurückzuführen sei, der die Personen mit der Genmutation CCR5Δ32 besonders begünstigte.[41]

Ein Argument gegen eine Seuche auf der Basis einer Direktübertragung von Mensch zu Mensch innerhalb einer Stadt ist das Ausbreitungsmuster derselben. In Amsterdam konnte in der Epidemie von 1617 eine ziemlich scharfe Abgrenzung der Gruppensterblichkeit entlang des Straßennetzes nachgewiesen werden.[42] Das Ausbreitungsmuster hatte keine Ähnlichkeit mit der Influenza-Epidemie 1918, die definitiv über Tröpfcheninfektion weitergegeben wurde und sich anders als die Pest gleichmäßig über die Stadt ausbreitete. Andere Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die Seuche nicht ausreichte, den unterstellten Selektionsdruck zu erzeugen, der die heutige Häufigkeit von CCR5Δ32 erklären soll.[43] Es ist bislang auch keine sichere Erklärung dafür gegeben worden, warum die Selektion nur in Europa stattgefunden hat, während in Asien, dem Stammland der Pest, die Genmutation CCR5-Δ32 nicht festzustellen ist. Göttinger Forscher vermuten, dass die Mutation erstmals im Kaukasus aufgetreten sei und nach Europa gebracht wurde. Sie stellten überdies fest, dass sie nicht vor 700 Jahren, sondern sogar schon 900 v. Chr. in Europa weit verbreitet war. Sie meinen daher, dass der Selektionsdruck von einer anderen, noch unbekannten Krankheit verursacht worden sei.[44]

Geschichtsverlauf

Antike bis Frühmittelalter

Die meisten Forscher nehmen heute an, dass es sich bei den im Altertum im Mittelmeerraum auftretenden Seuchen vor 541 nicht um die Pest handelte, auch wenn einige Gelehrte es für möglich halten, dass die Krankheit vereinzelt und lokal bereits früher auftrat.

Im Alten Ägypten

Vom Ausbruch großer Seuchen wird bereits in der Bibel berichtet: Die „Pest“ gehört zu den Plagen, die Ägypten heimsuchen, und sie löst auch das Massensterben der Philister aus, die sich der jüdischen Bundeslade bemächtigt hatten.

In Griechenland

In der griechischen Mythologie wurde die Pest durch göttliche Pestpfeile verursacht. So sandte Apoll vor Troja die Pest ins Lager der Griechen. Dass der Pfeil mit der Pest in Verbindung gebracht wurde, führte dazu, dass der Hl. Sebastian zum Pestheiligen erklärt wurde.

Eine in den Jahren 430–426 v. Chr. in Athen wütende Epidemie zieht seit vielen Jahren das Interesse von Historikern und Medizinern auf sich. Unter anderem wird sie als Attische Seuche und – in einer missverständlichen Übertragung des lateinischen pestis (Seuche) – auch als „Die Pest des Thukydides“ bezeichnet. Viele Wissenschaftler unterstellten lange Zeit, dass es sich entweder um die Pest selbst oder um die Pocken handelte. Dass diese Seuche durch Pesterreger ausgelöst wurde, wird heute jedoch stark bezweifelt, da Thukykides die typischen Charakteristika wie Pestbeulen und schwärzliche Flecken auf der Haut nicht beschrieb. Nachdem die geschilderten Symptome in ihrer Gesamtheit auf keine heute bekannte Krankheit passen, werden von Historikern und Medizinern seit langer Zeit auch andere Erreger – inzwischen insgesamt 29 – als mögliche Auslöser diskutiert.

Bei neuen Grabungen 1994/95 unter der Leitung des Archäologen Effie Baziotopoulou-Valavani und den nachfolgenden Untersuchung durch Manolis Papagrigorakis und Mitarbeiter wurde 2005 mittels DNA-Untersuchungen der Erreger Salmonella enterica serovar Typhi identifiziert.

Welche Ursache die Seuche auch immer hatte – in Athen führte die Epidemie zu einem dramatischen Bevölkerungsrückgang und zum Zusammenbruch des sozialen Gefüges mit fatalen wirtschaftlichen Konsequenzen und einem militärischen und politischen Niedergang – durchaus vergleichbar mit den Auswirkungen späterer, eindeutig belegter Pestepidemien.

Im Römischen Reich

Das römische Reich wurde mehrfach von großen Epidemien getroffen. Als erste große Epidemie gilt die sogenannte Antoninische Pest zur Zeit des Kaisers Mark Aurel (161–180), die von den aus den Partherkriegen 166 zurückkehrenden Soldaten verbreitet wurde. Ob es sich bei dieser Epidemie um die Pest handelte, ist allerdings unklar und gilt als unwahrscheinlich. Seuchenzüge mit tiefgreifenden Auswirkungen auf das Römische Reich traten insbesondere in der Zeit zwischen 250 (Cyprianische Pest) und 650 n. Chr. auf.

Die sogenannte Justinianische Pest zur Zeit des römischen Kaisers Justinian (527–565), die 542 in Konstantinopel ausbrach, trug möglicherweise zum Misserfolg der Restauratio imperii bei und gilt als die größte antike Pestepidemie Europas bzw. erste Pestpandemie. Nach Ansicht der meisten Forscher war die eigentliche Pest an dieser Pandemie zumindest prominent beteiligt: Das war demnach das erste Auftreten der Krankheit in Europa. Sie brach zunächst 541 in Ägypten aus, von wo aus sie sich rasant im ganzen Mittelmeergebiet und sogar bis nach Irland ausbreitete.[45] Ob die Seuche tatsächlich aus Indien eingeschleppt wurde, wie man früher meist annahm, oder eher nilabwärts aus Schwarzafrika nach Ägypten gelangt war, ist heute umstritten.

Anhand der detaillierten Schilderungen des spätantiken griechischen Historikers Prokopios sowie aufgrund von DNA-Untersuchungen bei Gräbern des 6. Jahrhunderts, die Hinweise auf den Pesterreger lieferten, geht die Forschung heute, wie gesagt, zumeist davon aus, dass es sich bei dieser Seuche tatsächlich um die Beulenpest handelte, die aber möglicherweise zusammen mit anderen Krankheiten auftrat. Nach Prokopios starb ein Viertel der Einwohner von Konstantinopel in den Jahren 541 und 542.[46] 544 ließ Justinian, der selbst erkrankt gewesen war, aber überlebt hatte, das Ende der Pestepidemie verkünden. Diese brach jedoch 557 erneut aus, kehrte im Jahre 570 nochmals wieder und trat bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts in etwa zwölfjährigem Rhythmus immer wieder in Erscheinung. In der Folge der Pest und ihrer weitreichenden Auswirkungen auf die Bevölkerungszahlen entstand im Mittelmeerraum und Nahen Osten nach Ansicht einiger Gelehrter ein geopolitisches Machtvakuum. Auch Persien war laut dem Bericht des Prokopios von der Pest stark betroffen. Mehrere Forscher betonen aber, dass die tatsächlichen demographischen Auswirkungen der Seuche aufgrund der problematischen Quellenlage kaum abzuschätzen seien – dass die Krankheit Ostrom und Persien entscheidend schwächte, kann bislang zumindest nicht belegt werden.

636 unterlagen die Römer den Arabern in der Schlacht am Jarmuk; Anfang 638 siegten muslimische Heere über die Perser in der Schlacht von Kadesia und besetzten anschließend Mesopotamien.[47] Ob die Pest an dieser Entwicklung einen Anteil hatte, wie immer wieder vermutet wird, ist allerdings schwer zu belegen und eher unwahrscheinlich (nach Ansicht vieler Historiker war von größerer Bedeutung für die Siege der Araber der Umstand, dass sich Ostrom und Persien seit 540 in jahrzehntelangen Kriegen gegeneinander aufgerieben hatten). Die Seuche fand ihre Opfer jedenfalls auch in islamischen Heeren. Einem Pestausbruch in Syrien fielen beispielsweise über 25.000 muslimische Soldaten zu Opfer.[48] Die Zahl der Opfer war im Oströmischen Reich und in Persien jedoch vermutlich höher gewesen als auf der arabischen Halbinsel mit ihrer ganz anderen Siedlungsstruktur.

746 brach in Konstantinopel die Beulenpest aus und forderte zahlreiche Leben. Um 770 verschwand die Pest für fast 600 Jahre aus dem Mittelmeerraum und Europa. Wie es dazu kam, wird in der Forschung seit langem diskutiert. Bereits ab 630 stand Bab al-Mandab, die rund 27 Kilometer breite Meeresstraße und einzige natürliche Verbindung des Roten Meeres mit dem Indischer Ozean, unter muslimischer Herrschaft. Für mehr als 1000 Jahre war es westlichen Schiffen kaum mehr möglich, diese alte Handelsstrecke zu nutzen. Damit wurden direkte Kontakte mit Innerasien schwieriger und seltener. Über die nächsten Generationen konnte sich der Islam zugleich weiter in Richtung Osten ausdehnen, unterbrach aber nicht die alten Handelsrouten der Seidenstraße. Ob diese Veränderungen im 7. Jahrhundert tatsächlich das Verschwinden der Pest im späten 8. Jahrhundert erklären können, muss aber offen bleiben.

Nach einer Hypothese von Autoren wie William Bernstein leiteten erst die mongolischen Eroberungen gegen Ende des 13. Jahrhunderts eine Ära erneut intensivierter direkter Handelskontakte zwischen Europa und Asien ein, durch die die Pestbakterien, die vor allem in wild lebenden Nagetierpopulationen Asiens vorkommen, erneut nach Europa eingeschleppt werden konnten.[49]

Pestepidemien des Mittelalters und in der frühen Neuzeit

Mittelalter

Das späte Mittelalter ist ab der Mitte des 14. Jahrhunderts durch eine verheerende Pandemie, die als „Schwarzer Tod“ bezeichnet wird, gekennzeichnet. Sie wird überwiegend für eine Variante der Pest gehalten und gilt demnach als der erste Ausbruch der Krankheit seit dem 8. Jahrhundert. Sie breitete sich bis nach Island und Norwegen aus und wurde dort als „Svarte Dauen“ und „Den store Mannfall“ bezeichnet.

Man fasste diese „Pest“ als Strafe Gottes auf. Das führte vielerorts dazu, dass man sich in sein Schicksal ergab und gar nicht erst versuchte, der heranrückenden Pest zu entkommen. Stattdessen wurden Bußpraktiken empfohlen, um Gott wieder zu versöhnen. Das führte zu einem Aufschwung der Geißlerumzüge. Außerdem wandte man sich an die Pestheiligen St. Rochus und St. Sebastian.

Es gibt eine Anordnung des Bischofs von Bergen und des Domkapitels zur Bekämpfung einer nicht genauer beschriebenen Pestepidemie von 1445, deren Beginn unklar ist. Es handelt sich um Messen, Almosen, Prozessionen, Fasten und Altargang über 5 Tage.[50] Solche Maßnahmen waren zur Pestbekämpfung europaweit üblich. Besonders die Messen und Prozessionen trugen zur Verbreitung der Pest bei. Erst 1498 untersagte man in Venedig beim Auftreten der Pest alle Gottesdienste, Prozessionen, Märkte und Versammlungen.[51]

15. bis 19. Jahrhundert

Nach der schweren Pestepidemie, die 1347 begann, dem „Schwarzen Tod“, endemisierte die Seuche: In lokalen Epidemien suchte sie in den nächsten drei Jahrhunderten in nahezu regelmäßigen Abständen verschiedene Gebiete Europas heim. Der gefährlichste Pestherd blieb in dieser Zeit Konstantinopel mit seinen vielen verschachtelten Fachwerkbauten und katastrophalen hygienischen Zuständen. Konstantinopel wurde als das „Königreich der Ratten“ bezeichnet.[52]

Girolamo Fracastoro bezweifelte als erster die Miasma-Lehre und hielt Keime für die Überträger der Seuchen. Er trennte auch erstmalig die Pest von anderen Seuchen, wie Pocken und Typhus. Aber es dauerte noch lange, bis sich seine Sicht durchsetzen sollte.

Ambroise Paré fiel zum ersten Mal der zeitliche Zusammenhang zwischen massenweisem Auftreten der sonst lichtscheuen Ratten infolge einer Rattenepidemie mit dem darauf folgenden Ausbruch der Pest auf.[53] Auch seine Vermutungen fanden kein Gehör.

Die vermutlich erste medizinische Dissertation über die Pest verfasste der aus Nidda (Hessen) stammende Arzt Johannes Pistorius der Jüngere: De vera curandae pestis ratione (Über die rechte Art, die Pest zu behandeln), Frankfurt 1568. Christoph Schorer aus Memmingen veröffentlichte 1666 eines der ersten deutschsprachigen Handbücher zur Pestverhütung.

Wirksame Therapien gab es nicht. Die Patienten wurden mit Essig besprüht. Die Pestgeschwüre ließ man durch Salben „reifen“ und schnitt sie dann auf, um Eiter und Blut abfließen zu lassen. Man ließ die Luft durch Feuer auf Straßenkreuzungen „reinigen“. Mancherorts sorgten Ärzte dafür, dass nach dem Tod alle Kleider und das Haus einer verstorbenen Familie verbrannt wurden. Bald kam auch die Quarantäne zum Einsatz, meist um die 40 Tage. Am 27. Juli 1377 beschloss der Stadtrat von Ragusa, dem heutigen Dubrovnik, alle Personen und Waren, die aus einer Gegend kommen, in der die Pest herrscht, einen Monat lang auf einer kleinen Insel vor der Stadt zu internieren. Im 17. Jahrhundert wurde die Quarantäne allgemein üblich.

Demographische Analysen haben gezeigt, dass eine Sterblichkeitsrate, die die natürliche Sterblichkeit um mehr als das Vierfache übersteigt, nicht kompensiert werden kann und zur demographischen Krise führt.[54] Paul Slack veranschlagt für eine typische Pestepidemie eine Todesrate vom 4- bis zum 12-fachen der normalen Sterblichkeitsrate.[55]

Die Pest als Dauerphänomen

Als Beispiel dafür, wie sich die Epidemien zu einer Art Dauerproblem entwickelten, seien im Folgenden die Epidemien im nördlichen Teil Europas aufgeführt.

Manche Seuchen sind direkt in Quellen erwähnt, andere wiederum werden durch eine signifikant ansteigende Zahl von Testamenten erschlossen.

  • 1356 wurden Frankfurt a.M. und Hessen von einer Pest heimgesucht und 1357 Böhmen und Polen.[56]
  • Um 1357 soll eine Pest in allen wendischen und deutschen Seestädten gewütet haben und in Preußen in kurzer Zeit 13.000 Menschen daran gestorben sein.[57]
  • Die große Pest in Dänemark 1361 soll offenbar von dem Heer König Waldemars aus Schonen eingeschleppt worden sein.[58] Die Pest heerte 1358 in Hamburg und Lübeck und breitete sich 1360–1362 umfassend in den Niederlanden aus: Holland, Gent, Deventer, Namur, Flandern, Lüttich und Huy.[59].
  • Die isländischen Annalen berichten von Epidemien in Norwegen für die Jahre 1360, 1370/1371, 1379, 1390 und 1392. Das durch die Pest verursachte Bevölkerungsminimum in Norwegen wird mit rund 200.000 angesetzt. Die Bevölkerungszahl aus der Zeit vor der großen Pest wurde erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts wieder erreicht.[60]
  • In Roskilde ist für 1360 eine Seuche nachgewiesen. Sie heißt dort „pestis gravis“, und ihr fiel offenbar der Erzbischof Jacob Nielsen Kyrning von Lund am 23. Jan. 1361 auf Bornholm zum Opfer.
  • Das Minimum des Bevölkerungsniveaus in England, den Niederlanden, Frankreich und Katalonien kann für die Zeit zwischen 1450 und 1500 angesetzt werden. In England lag der pestverursachte Bevölkerungsrückgang bis 1500–1520 um 60 %. Dort wurde die Bevölkerungszahl des Mittelalters erst wieder 1750 erreicht.[61]
  • Im schwedischen Annal „Chronologia ab anno 1266 ad 1430" ist für das Jahr 1360 notiert: „Iterum pestilencia fuit magna que vocabatur barnadödh.“[62]
  • Für die Niederlande wurden 15 Epidemien zwischen 1360 und 1494 gezählt.
  • In England wütete die „Second Pestilence“ von 1361 bis 1362, von der die zeitgenössischen Quellen berichten, dass sie die erste große Pest seit dem Black Death gewesen sei.[63] Lokaluntersuchungen in England aus den „Inquisitiones post mortem“ zeigen, dass die Sterblichkeit 1361 örtlich wesentlich höher lag als 1349.
  • 1367–1369 war Schleswig-Holstein heimgesucht, wo Hamburg, Lübeck, Ratzeburg und Stralsund betroffen waren.[64]
  • Eine weitere Epidemie traf 1367–1370 Dänemark, Flandern, Holland, Deventer, Namur, Utrecht, Brabant, Tournai und die Picardie, aber auch England, Wales und Irland.
  • Um 1371 gab es auch eine Pestwelle in Norwegen.[65]
  • In den „Flateyar annálar“ ist eine Pest in Norwegen für 1379 erwähnt. Für das nächste Jahr berichten diese Annalen, dass 6 Schiffe nach Island gekommen seien, die die Beulenpest nach Island eingeschleppt hätten. Diese habe sich über das ganze Land ausgebreitet, unter anderem seien mehr als 12 Priester daran gestorben. Lögmanns-annáll berichtet das gleiche Ereignis, datiert es aber auf 1378.
  • Für die Zeit zwischen 1378 und 1383 wird „The Fourth Pestilence“ in England und Schottland erwähnt. Es gibt auch Spuren für eine Epidemie in Hamburg, Wismar und Stralsund in der Zeit 1375–1376 und in den Niederlanden 1382–1384.
  • Island wurde nur zweimal von den spätmittelalterlichen Pandemien betroffen: 1402–1404 und 1494–1495.[66] Die Pest von 1402 soll 50-60 % der Bevölkerung Islands vernichtet haben.
  • Eine dänische Chronik berichtet über Pest in 1406 nach einer großen Regenflut in Dänemark, Schweden und Norwegen. Jeder zehnte starb an der Krankheit.[67]
  • Das Vadstena-Diarium des dortigen Birgittiner-Klosters ist ein „liber memorialis“ mit vielen Informationen über das Spätmittelalter, besonders über die Jahre 1344–1545.[68] Es wurde wahrscheinlich kontinuierlich ab 1392 geführt. Dort ist eine ganze Reihe von Pestepidemien in Schweden und Nordeuropa angeführt. Folgende Pestjahre sind erwähnt: 1350,1413, 1421, 1422, 1439, 1450, 1455, 1465, 1484, 1495, 1508.
  • Schleswig-Holstein wurde 1406, 1420–1421, 1439–1440, 1448, 1450–1451, 1464, 1483–1485 betroffen, zusätzlich 1423, 1433 und 1438 mit unsicherem Quellenbeleg.[69]
  • Eine besonders schwere Pestwelle fand in Nordeuropa nach allen gut belegten Quellen um 1448/1449 in Schweden, Dänemark, Niederlanden, Deutschland, Baltikum und England statt

Der genaueste Bericht über die Pest im 15. Jahrhundert stammt von Christian van Geren, ursprünglich von Lübeck, mit geistlicher Ausbildung und seit 1449/1450 Sekretär des hanseatischen Kontors in Bergen. Er hat eine verhältnismäßig umfassende Chronik hinterlassen. Für die 50er und 60er Jahre des 15. Jahrhunderts schrieb er über die Pest:

  • „Anno 51 [1451] was grote pstilencie to Lubeke; anno 52 to Bergen, da storven 200 Dudessche in 1/2 jare; ok annao 59 to Bergen. Unde to Lubeke was pestilencie anno 64 …“
  • – Friedrich Bruns: Die Lübecker Bergenfahrer und ihre Chronistik. Hansische Geschichtsquellen, Neue Folge, 2, Berlin (1900.) S. 353.

Die Pest von 1464 ist auch im Baltikum und in Teilen Norddeutschlands, in den Niederlanden, in Stockholm und anderen Stellen Schwedens und in England belegt.

  • 1456–1459 Pest in den Niederlanden.
  • Es gibt sichere Quellen über Pestwellen in Canterbury im 15. Jahrhundert: 1413, 1419, 1420, 1431, 1447, 1457, 1465, 1467, 1470, 1471 und 1487.[70]
  • Für die Zeit um 1500 gibt es einen Hinweis in einem schwedischen Diplom, dass eine geplante Zusammenkunft der Reichsratsabteilung Nordafjells für 1500 wegen Pest abgesagt wurde.
  • Viele Quellen belegen eine Pestwelle im Nord- und Ostseegebiet zwischen 1502 und 1508.[71]
  • Die Pest erreichte Finnland 1505 und Schweden wieder 1508. Åbo wurde 1504 und 1508 betroffen.[72]
  • In Småland gab es 1510 die Pest und in ganz Schweden 1517.[73]
  • Pskow erreichte die Pest 1506.
  • Nowgorod wurde 1508 getroffen.[74]
  • In der Stadt St. Gallen trat die Pest zwischen 1500 und 1640 mindestens vierzehn Mal auf. Nach 1580 kam es außerdem in Zyklen von vier bis fünf Jahren zu Pockenausbrüchen, an denen vor allem jüngere Kinder starben.
  • 1518–1525 herrschte eine Pestwelle in Europa. Der erste Professor an der neu gegründeten Universität Kopenhagen Petrus de Scotia starb am 24. Juli 1520 an der Pest.
  • Das britische Quellenmaterial weist für 1518–1521 eine Pest aus. 1518 war sie in Oxford und Nottingham. Nach Southampton kam ein Schiff von Venedig mit der Pest an Bord. 1521 waren größere Epidemien in York und London (great pestilence and death). Auf Schottland und Irland griff die Pest ebenfalls über.[75]
  • 1518–1519 gab es eine Pestepidemie in den Niederlanden. Das Quellenmaterial bezieht sich auf Gouda, Schiedam, Leiden, Gorinchem und Haarlem. Eine besonders hohe Sterblichkeit ist in Gouda für 1521 und für Amsterdam für 1522 bezeugt.[76]
  • Am 25. Juli 1521 begann eine große Pest in Hamburg und dauerte bis 6. Dezember 1521.[77]
  • In Schleswig-Holstein kam es offenbar 1524–1525 zu einer Epidemie.[78]
  • Hamburg war offenbar 1526 betroffen.
  • 1524–1526 waren die Niederlande betroffen, 1526 am stärksten.
  • In Schleswig ist sie 1524 belegt[79]
  • 1525–1529 wird die Pest in Lübeck erwähnt. Allerdings verwenden die Protokolle des Domkapitels von Lübeck 1529 erstmals den Ausdruck „pestis sudorosa“, was dann zum gängigen Ausdruck für den „Englischen Schweiß“ wird.[80]
  • 1528 war in Hoorn die Pest ausgebrochen, 1530 in Dordrecht und Woerden.[81]
  • 1529–1530 gab es eine umfassende Pest in Norwegen.[82] und in Halland.[83]
  • 1545 und 1546 gab es eine umfassende Epidemie in England. Betroffen waren Berkshire, Worcester, Leicestershire, Lichfield, Exeter und East Sussex. Die Todesrate lag 26,6 % über normal. Bei dieser geringen Erhöhung der Todesrate ist zu berücksichtigen, dass in den genannten Grafschaften nicht mehr als 15 % der Gemeinden betroffen waren, was den Gesamtdurchschnitt der Grafschaft vermindert.[84]
  • 1547 gab es auch eine Epidemie in Hamburg und Lübeck.
  • 1547–1550 gab es in Deutschland weiter südlich Epidemien, 1550 in Danzig.[85]
  • Der nur drei Wochen dauernden Pestepidemie von 1555 im hessischen Nidda fielen 300 Menschen zum Opfer. Das war ein Drittel der Bevölkerung dieser Stadt.
  • Ähnliches gilt für die kleine Stadt Uelzen, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts ungefähr 1200 Einwohner hatte. Uelzen gehört zu den Städten, die bereits im 16. Jahrhundert genaue Register über ihre Einwohner führten. So weiß man, dass im Jahr 1566 in Uelzen genau ein Viertel der Einwohner starb, nämlich 295, von denen 279 der Pest erlagen. 1597 – Uelzens Einwohnerschaft war mittlerweile auf ungefähr 1600 Einwohner angestiegen – starben 554 
  • Gedenkmedaille aus Silber auf die Beendigung der letzten Erfurter Pestepidemie von 1683; Vorderseite: Erzengel mit Schwert, zu seiner Rechten eine mit einem Totenschädel gekrönte Tafel mit der Inschrift: SVM. D. IN A. 1683 ZV ERFF. ERSTORB. PERSON. 9437; Rückseite: Ansicht der Stadt Erfurt von Norden
  • Einwohner, davon 510 an der Pest.
  • 1625 trat die Pest in Deutschland auf.[86]
  • Der Dresdner Raum in Sachsen wurde in Folge des Dreißigjährigen Kriegs mehrfach von der Pest betroffen (1626, 1632/33, 1637 und 1640). Anschließend kam es 1680 zu einer noch verheerenderen Pestepidemie.[87]
  • Zu weiteren schweren Epidemien kam es 1665/66 in England mit etwa 100.000 Toten (siehe Große Pest von London)
  • 1635 rafft die Pest vierhundert Einwohner des westfälischen Ortes Leiberg hinweg.
  • In Wien grassierte die Pest 1678/79, also zu der Zeit, als dort der sogenannte liebe Augustin lebte.
  • Der letzten Pest in Erfurt fiel 1683 mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft zum Opfer (9437 Tote). Eine aus diesem Anlass gefertigte Medaille erinnert an dieses furchtbare Ereignis.
  • Von 1709 bis 1711 wütete die Pest in Polen, Litauen und Ostpreußen; starben dort gewöhnlich pro Jahr 15.000 Menschen (von einer Einwohnerschaft von etwa 600.000), kamen in diesen drei Jahren insgesamt 230.000 Menschen ums Leben.

Die letzten Pestepidemien trafen Europa im 18. Jahrhundert:

 Aus Sorge vor einem Ausbruch auch in Berlin ließ König Friedrich I. dort ein Pesthaus errichten, aus dem die Charité hervorging. Im Mai 1720 trat die Pest wieder in Marseille und in der Provence auf und verschwand erst wieder 1722. Nachdem sie 1771 auch in Moskau aufgetreten war, blieben weitere Pestepidemien in Europa aus.

Die letzte Pandemie begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Zentralasien und kostete während der nächsten 50 Jahre weltweit rund 12 Millionen Menschenleben. Während dieser Pestepidemie konnte der Erreger 1894 von dem französischen Arzt Alexandre Yersin identifiziert und der Übertragungsweg erklärt werden.

Die beiden größten Lungenpestepidemien traten Anfang des 20. Jahrhunderts in der chinesischen Grenzregion Mandschurei auf.[88] Das Auftreten war vor allem an ein kaltes Klima geknüpft.[89] Die Epidemie in der Mandschurei 1910–1911 fand im Winter (September-April) statt und war an die Hauptverkehrswege geknüpft. Die Pest wurde über 2.700 km innerhalb von 7 Monaten transportiert. Es starben etwa 60.000 Menschen.

Kulturelle Aspekte

Gesellschaft

Kaum eine andere Katastrophe prägte die kollektive Vorstellung von Machtlosigkeit, Untergang und Unglück so sehr wie die Heimsuchung durch die Pest.

Die frühesten Seuchenberichte stammen von antiken Autoren wie Homer, Thukydides, Lukrez, Prokopios von Caesarea und Ovid. In Buch VII, 501–613 seiner Metamorphosen berichtet er sehr detailliert über die Pest von Aegina. Besonders Thukydides berichtet bereits von der demoralisierenden Wirkung und den sozialen Auflösungserscheinungen, die die Seuche begleiteten.[90] Das gleiche beklagte der Dichter Freidank anlässlich des Massensterbens in Akkon.[91]

Die Seuchen hatten auch Einfluss auf politische Veränderungen. Die Bemühungen des oströmischen Kaisers Justinian, verlorene Gebiete in Italien zurückzuerobern, scheiterten an der Epidemie. Das Ostgotenreich wurde so geschwächt, dass die Langobarden 571 die Poebene erobern konnten. 628 wütete die Pest im byzantinischen Syrien und im sassanidischen Mesopotamien dermaßen, dass es den Arabern ohne besondere Schwierigkeiten gelang, das persische Kaiserreich im Osten und den Osten des byzantinischen Reiches zu erobern. 637 fiel dem Kalifen Omar das von der Pest verheerte Damaskus kampflos zu. Auch die Kreuzzüge wurden durch die Pest stark behindert, und es starben häufig mehr Kreuzzügler an den Seuchen als in den Kampfhandlungen.

In China führte eine verheerende Pest im 14. Jahrhundert zur Vernachlässigung der Infrastruktur, insbesondere der Dämme, was verheerende Überschwemmungen der Ackerbaugebiete und Hungersnot zur Folge hatte. Die Mongolenherrschaft wurde derart geschwächt, dass sie von der einheimischen Ming-Dynastie abgelöst wurde.[92] Die Belagerung Caffas 1347 durch die Tartaren musste auf Grund der Pest abgebrochen werden.

Die Ostkolonisation des Deutschen Ordens im 14. Jahrhundert geriet ins Stocken. Die Meinung, das Massensterben hätten die Juden durch Vergiftung von Brunnen verursacht, führte zu Judenpogromen (Pestpogromen). Die Auffassung, dass es sich um eine Strafe Gottes handele, ließ die Geißlerumzüge entstehen.

Pestepidemien in Norwegen und die Dezimierung der Bevölkerung durch die Pestseuchen waren mitursächlich für den vorübergehenden Verlust der Eigenstaatlichkeit.

Die Auffassung, dass schlechte Luft, das Miasma, die Pest verursache, führte zu vielen Maßnahmen in den Städten, die zwar zunächst lediglich den Gestank bekämpften, aber auch indirekt die hygienischen Zustände verbesserten. Häufige Brände befreiten die Städte zeitweise von der Rattenplage. Es wurde die Quarantäne eingeführt. Hinzu kam der Pestbrief, ein Gesundheitspass, der an der Grenze vorzuzeigen war und die Pestfreiheit des Herkunftsortes des Reisenden bescheinigte.

Kunst

Vor allem jedoch die Pestepidemie des 14. Jahrhunderts hat sich stark auf Kunst und Literatur ausgewirkt. Die Menschen erwarben sogenannte Pestblätter, um sich mit Hilfe der darauf abgebildeten Heiligen vor der Pest zu schützen. Boccaccio schrieb vor dem Hintergrund der Pest, die 1348 in Florenz wütete, seine Novellensammlung Il Decamerone: Sieben Damen und drei junge Männer fliehen vor der Pest aus Florenz auf einen Landsitz. In einem bemerkenswerten Kontrast zu der Düsterkeit und Dramatik der Pestschilderungen stehen dabei die erotisch-heiteren Geschichten, die sich die zehn Florentiner zur Unterhaltung erzählen. Sie finden einen Ausweg aus der Katastrophe in einem leichteren Leben. Die außergewöhnliche Situation der Pest gibt ihnen die Möglichkeit, in ihren Erzählungen die mittelalterlichen Normen und Werte zu hinterfragen.

Sehr oft wurde der „Schwarze Tod“ auf einem galoppierenden Pferd dargestellt. In Lübeck entstand 1350 unter dem Eindruck der verheerenden Pestepidemie das Gemälde Totentanz in der neu erbauten Marienkirche. Im selben Jahr schuf Francesco Traini die Wandmalereien des Campo Santo von Pisa. Der Tod ist hier kein Knochenmann, sondern eine schwarz gekleidete, alte Frau, die mit wehenden Haaren und einer breitschneidigen Sichel in der Hand auf eine Gruppe sorgloser, junger Menschen herabfährt. Ein Meisterwerk der Sepulkralkunst, das auf das veränderte Bild des Todes in der spätmittelalterlichen Kunst hinweist, ist das gegen Ende des 14. Jahrhunderts entstandene Grabmal des Kardinals La Grange. Der Kardinal ist als fast nackter, verwesender Leichnam dargestellt, und die Inschrift mahnt alle noch Lebenden, wie nichtig das Leben sei: „Was blähst du dich auf in deinem Stolz. Staub bist du und Staub musst du werden, ein verfaulter Kadaver, die Speise der Würmer.“

Die Schwere Pest in Paris 1348 gilt als Anstoß für die Darstellungen des Totentanzes.

In Wien entstand 1679 der – als solcher heute oft gar nicht mehr erkannte – Gassenhauer O du lieber Augustin, alles ist hin. (vgl. Marx Augustin), der der Pest einen Galgenhumor entgegensetzt.

1722 erschien in London Daniel Defoes Journal of the Plague Year (zu deutsch: Die Pest zu London). Die Erzählung wurde zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, als ein Pestausbruch in Südfrankreich eine erneute Heimsuchung durch diese Krankheit befürchten ließ, und fand eine breite Leserschaft. Lange Zeit galt sie als Augenzeugenbericht des Pestausbruchs im Jahre 1665. Defoe war jedoch zum Zeitpunkt des Ausbruches noch ein Kind von vier oder fünf Jahren; die Erzählung aber schildert den Pestausbruch aus der Sicht eines erwachsenen Mannes, der in sachlichem Ton die Ereignisse beschreibt und mitleidsvoll und einfühlsam die Reaktionen seiner Mitbürger verfolgt. Gemeinsam mit Robinson Crusoe und Moll Flanders begründete diese Erzählung den Ruf von Daniel Defoe als Schöpfer der Kunstform des realistischen Romans.

In den I Promessi Sposi schildert Alessandro Manzoni das Wüten der Pestepidemie im Mailand des Jahres 1630. Seiner Darstellung liegen Berichte mehrerer Zeitzeugen zugrunde, namentlich die Historiae Patriae des Historiografen Giuseppe Ripamonti (1573–1643) und die Pestchronik des Arztes Alessandro Tadino (Ragguaglio dell’origine et giornali successi della gran peste contagiosa, venefica et malefica, seguita nella città di Milano …), die 1648 erschienen war. Goethe – vermutlich der erste deutsche Leser von Manzonis Roman (dieser hatte ihm die Promessi Sposi gleich nach dem Druck des dritten Bandes 1827 zugesandt) – bemerkte zwar, der Autor stehe in den Pestkapiteln „als nackter Historiker“ da und bemängelte das „umständliche Detail“ bei Dingen „widerwärtiger Art“. Dessen ungeachtet gilt die erbarmungslos präzise Schilderung der Seuche in den Promessi Sposi heute als ein Glanzpunkt der italienischen Prosa. Mit Ereignissen in Mailand während des Pestjahrs 1630 beschäftigt sich auch Manzonis 1829 entstandene Storia della Colonna Infame.

Edgar Allan Poe schuf 1835 die burleske Erzählung König Pest, in der die Titelfigur allegorisch den Schrecken aller Schrecken verkörpert, von zwei bezechten Seeleuten aber besiegt wird. Poes Erzählung Die Maske des Roten Todes von 1842 wurde durch seine Erinnerung an die Choleraepidemie in Baltimore angeregt, die er 1831 miterlebt hatte, zeigt aber Parallelen zu anderen Pesterzählungen. Obwohl eine Seuche (der Rote Tod, Red Death) Massen von Menschen dahinrafft, gibt Prinz Prospero, der auf sein Schloss geflüchtet ist, einen pompösen Maskenball. Die Flucht vor der Epidemie in Vergnügungen erinnert an die Rahmenerzählung von Boccaccios Decamerone, doch nimmt Poes Geschichte eine andere Wendung: Der Rote Tod kommt „wie ein Dieb in der Nacht“, dringt trotz der verschweißten Tore in das Schloss ein und tötet den selbstherrlichen Prospero und die gesamte Festgesellschaft.

In der Rahmennovelle Die schwarze Spinne verarbeitete Jeremias Gotthelf 1843 alte Sagen über einen Handel mit dem Teufel zu einer gleichnishaften Erzählung über die Pest.

Bekannte Opfer der Pest

den als „Pest“ bezeichneten Seuchen erlagen viele Millionen Menschen. Zu den Opfern dieser Krankheit zählen u. a. (in chronologischer Reihenfolge):

  • Marc Aurel, römischer Kaiser, † 180 in Vindobona (Wien)?
  • Claudius Gothicus, römischer Kaiser, † 270 [„Pest“?]
  • Pelagius II., Papst, † 590
  • Gottfried von Bouillon † 1100 (unterschiedliche Überlieferungen über die Todesursache).
  • Friedrich V., Herzog von Schwaben. † 1191 Akkon (oder Malaria)
  • Johannes Duns Scotus, Philosoph, † 1308 in Köln
  • Johanna von Burgund † 1348, Königin von Frankreich
  • Joan of England † 1348, Tochter Edwards III. von England
  • Jutta von Luxemburg † 1349, Kronprinzessin von Frankreich
  • König Alfons XI. von Kastilien, † 1350 war der einzige regierende Monarch, der während der großen Pestepidemie in der Mitte des 14. Jahrhunderts an der Pest starb
  • Ulman Stromer, erster deutscher Papierfabrikant, † 1407 in Nürnberg
  • Margarethe I., Königin von Dänemark, Norwegen und Schweden, † 1412 in Flensburg
  • Jan Žižka, Heerführer der Hussiten, † 1424
  • Eduard I., König von Portugal, † 1438
  • Ludwig I., Graf von Württemberg, † 1450
  • Heinrich XVI. (Bayern) † 1450
  • Johann Hunyadi, ungarischer Nationalheld, † 1456
  • Alfons V., König von Portugal, † 1481
  • Giorgione, italienischer Maler, † 1510 in Venedig
  • Matthäus Schiner, Kardinal, † 1522 in Rom
  • Andreas Bodenstein, Reformator, † 1541 in Basel
  • Hans Holbein der Jüngere, Maler, † 1543 in London
  • Stefan Lochner, Maler, † 1551 in Köln
  • Sebastian Münster, Geograph und Kosmograph, † 1552 in Basel
  • Theodor Bibliander, reformierter Theologe, † 1564 in Zürich
  • Christoph Froschauer, Buchdrucker, † 1564 in Zürich
  • Bernardino Ochino, reformatorischer Theologe, † 1564 in Slavkov u Brna
  • Albrecht I. von Brandenburg-Ansbach, erster preußischer Herzog, † 1568 in Tapiau
  • Tizian, italienischer Maler, † 1576 in Venedig möglicherweise im Alter von 99 Jahren
  • Anna von Dänemark und Norwegen, Kurfürstin von Sachsen (Mutter Anna), † 1585
  • Jean Bodin, französischer Staatsphilosoph und Hexentheoretiker, † 1596
  • Peter Binsfeld, Weihbischof von Trier und Hexentheoretiker, † 1598
  • Bernhard Textor, Theologe, † 1602 in Dillenburg
  • Johann Buxtorf der Ältere, Theologe, † 1629 in Basel
  • Friedrich von Spee, Jesuit und Hexentheoretiker, † 1635 in Trier
  • Wilhelm Schickhardt, Professor für biblische Sprachen, Astronomie und Mathematik, Konstrukteur der ersten mechanischen Rechenmaschine, † 1635 in Tübingen
  • Martin Opitz, Barockdichter, † 1639 in Danzig
  • Johann Heinrich Schmelzer, Komponist, † 1680 in Prag
  • Juana Inés de la Cruz, mexikanische Nonne und Dichterin, † 1695 in Mexiko-Stadt, nachdem sie sich als Krankenschwester infiziert hatte

Einzelnachweise

  1. ↑ S. Scott, C. J. Duncan: Biology of plagues: Evidence from historical Populations.Cambridge 2001. S. 50, 357 f.; S. K. Cohn: The Black Death Transformed. London 2002. S. 188, 219; G. Twiggs: The Black Death: a Biological Reappraisal. London 1984.
  2. ↑ Haensch, S., Bianucci, R., Signoli, M., Rajerison, M., Schultz, M., et al. (2010): Distinct Clones of Yersinia pestis caused the Black Death. PLoS Pathog 6(10): e1001134. doi:10.1371/journal.ppat.1001134 und Bakterium Yersinia pestis eindeutig als Ursache der großen Pestepidemie des Mittelalters identifiziert
  3. ↑ Winkle S. 435.
  4. ↑ Im Buch „Epidemien“ des Corpus Hippokraticum heißt es zum Beispiel: „Die Fieber, welche zu Drüsenbeulen hinzutreten, sind bösartig; aber die Beulen, welche zum Fieber hinzutreten, sind noch schlimmer, wenn sie sogleich mit dem Beginn des hitzigen Fiebers einsinken.“ (Epidemien II.) In Epidemien VII ist die Rede von Beulen, die bei Tuchwalkern in der Leistengegend auftreten. (zitiert nach Winkle S. 1194 Fn. 20)
  5. ↑ Deichmann S. 189.
  6. ↑ Charles-Edward Amory Winslow,:The Conquest of Epidemic Disease. (Madison, Wisconsin 1980, erste Auflage 1943) S. 341.
  7. ↑ Susan Scott und Christopher Duncan: Biology of Plagues: Evidence from Historical Populations (Cambridge 2001) und der Historiker Samuel Cohn: The Black Death Transformed. Disease and Culture in Early Renaissance Europe. (Oxford 2002)
  8. ↑ http://www.xxx S. 145.
  9. ↑ F. V. Mansa: Pesten in Helsingør og Kiøbenhavn 1710 og 1711. København 1854. S. 384-385.
  10. ↑ D. Raoult, G. Aboundharam u. a.: Molecular identification by „suicide PCR“ for Yersinia pestis as the agent of Medieval Black Death. Proceedings of the National Academy of Sciences of United States of America 97 (2000), 12800-12803.
  11. ↑ M. T. P. Gilbert, J. Cuccui u. a.: Absence of Yersinia pestis-specific DNA in human teeth from five European excavations of putative plague victims. Microbiology 150 (2004), S. 341-354.
  12. ↑ I. Wiechmann , G. Grupe: Detection of Yersinia pestis DNA in two early medieval skeletal finds from Aschheim (Upper Bavaria, 6th century AD) In: American Journal of Physical Anthropology 126 (2005) S. 48-55. Raffaella Bianucci, Lila Rahalison, Ezio Ferroglio, Emma Rabino Massa, Michel Signoli: „A rapid diagnostic test for plague detects Yersinia pestis F1 antigen in ancient human remains“. In: Biologica 330 (2007). S. 747-754 und „A rapid diagnostic test detects plague in ancient human remains: An example of the interaction between archeological and biological approaches (Southeastern France 16th-18.th centuries).“ In: American journal of physical anthropology. 2008 Bd. 136. S. 361-367.
  13. ↑ Lars Walløe: „Var middelalderens pester og moderne pest samm sykdom?“ In: Historisk Tidskrift (Trondheim) 2010 Bd. 89. S. 14-28, 23.
  14. ↑ Moseng (2006) S. 594 ff.
  15. ↑ Moseng (2006) S. 599 ff.
  16. ↑ Raffaella Bianucci, Lila Rahalison, Ezio Ferroglio, Emma Rabino Massa, Michel Signoli: „A rapid diagnostic test for plague detects Yersinia pestis F1 antigen in ancient human remains“. In: Biologica 330 (2007). S. 747-754 und „A rapid diagnostic test detects plague in ancient human remains: An example of the interaction between archeological and biological approaches (Southeastern France 16th-18.th centuries).“ In: American journal of physical anthropology. 2008 Bd. 136. S. 361-367.
  17. ↑ R. Devignat: „Variétés de l'espèce Pasteurella pestis.“ In: Bulletin of the World Health Organization 4 (1951) S. 241-263.
  18. ↑ Annie Guiyoule, Francine Grimont u. a.: „Plague Pandemics Investigated by Ribotyping of Yersinia pestis Strains.“ In: Journal of Clinical Microbiology 1994, S. 634-641, 636.
  19. ↑ W. Kolle (Hrg.): Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. Jena 1912. S. 8.
  20. ↑ Jean Noël Biraben: Les hommes et la peste en France et dans le pays européens et méditeranées I-II. Paris 1975–1976, I. S. 17.
  21. ↑ Leonhard Fabian Hirst: The Conquest of Plague. Oxford 1953, S. 343-347
  22. ↑ Moseng S. 73.
  23. ↑ a b Graham Twigg: The Black Death. a Biological Reappraisal. London 1984. S. 200-222.
  24. ↑ G. Blanc und M. Baltazard: „Recherches expérimentales sur la peste. L’ínfection de la puce de l’homme, Pulex irritans.“ In: Comptes Rendus de l’Académie des sciences (C. R. Acad. Sci.) 1941 Bd. 213 S. 813-816.
  25. ↑ Pestforscher Karl Mayer schrieb 1954 in der Buchbesprechung: „… some sections devoted to th present state of knowledge on plague ecology and control are all too short. It must be noted as well that some of the opinions vigorously propoundet by the author are not shared by other modern plague workers.“ (The Amarican Journal of Tropical Medicine and Hygiene. 1954 Bd. 3 S. 580-581.)
  26. ↑ Lars Walløe: „Var middelalderens pester og moderne pest samm sykdom?“ In: Historisk Tidskrift (Trondheim) 2010 Bd. 89. S. 14-28, 21.
  27. ↑ David E. Davis, „The Scarcity of Rats: An Ecological History,“ in: Journal of Interdisciplinary Histora XVI, 3, 1986, 455-470.
  28. ↑ Liber Canonis, Basel 1556 Liber IV. Fen. I tract. 4 S. 807: „Et de eis quae significant illud (das Nahen der Pest), et ut videas mures et animalia quae habitant sub terra fugere ad superficiem terrae et pati sedar (arabisches Wort), id est, commoveri hinc inde sicut animalia ebria.“ Zitiert in Abel, S. 97.
  29. ↑ Joannes filius Mesue: Opera. Venedig 1484. Zitiert bei Abel S. 98.
  30. ↑ Carlo M. Cipolla: Christofano and tha Plague. Berkeley/Los Angeles 1973 S. 17-18.
  31. ↑ Abel zitiert S. 109 Texte aus dem 16. Jahrhundert: „Wenn Ratten, Maulwürfe und andere Tiere, deren Gewohnheit es ist, unter der Erde zu leben, ihre Höhlen und Wohnungen zu verlassen, so ist das ein Zeichen, dass darin Fäulnisprozesse vor sich gehen“, und Stromer von Auerbach: Regiment, wie sich wider die Pestilenz zu bewahren. Leipzig 1517: Vor der Pest „erwachsen überflüssiger großer Zahl giftige Tiere, Mäuse, Ratten, Schlangen, Fliegen, Raupen usw., wie wohl dieselben ihren Aufenthalt in Höhlen unter der Erde haben, doch so die Erde fault und Ursache ist der Pestilenz, entfliehen sie aus ihren Schlupflöchern und kommen uns oft und viel zu Gesicht.“
  32. ↑ Conrad Gesner: Historia animalium. Tiguri 1551. Buch I. S. 831.
  33. ↑ Matthew J. Keeling und Chris A. Gilligan: „Metapopulation dynamics of bubonic plague“. In: Nature 407 S. 903-906; und dieselben: „Bubonic plague: a metapopulation modell of a zoonosis“. In: Proceedings of the Royal Society of London, Biological Sciences 267 (2000) S. 2219–2230.
  34. ↑ Matthew J. Keeling und Chris A. Gilligan: „Metapopulation …“
  35. ↑ Michel McCormick; „Rats, Communications, and Plague: Toward an Ecological History.“ In: Journal of Interdiscipinary History XXXIV, 1, 2003 S. 1-25, S. 14.
  36. ↑ David E. Davis: „The Scarcity of rats and the Black death. An Ecological History.“ In: Journal of Interdisciplinary History. 1986 Bd. 16. S. 455-470.
  37. ↑ Erik Pontoppidan: Norges naturlige historie. 1752. Bd. 2 Kap. I § 19. (Englische Übersetzung: The Natural History of Norway).
  38. ↑ P. H. Yvinec, P. Ponel und J.-Cl. Beaucournu: „Premiers apports arcéoentomologiques (Siphonaptera).“ In: Bulletin de la Societé entomologique de France 105, 4, 2000, S. 419-425.
  39. ↑ Susan Scott und Christopher Duncan: Biology of Plagues: Evidence from Historical Populations. Cambridge 2001. S. 384-389.
  40. ↑ Twiggs: The Black Death ...
  41. ↑ S. R. Duncan, S Scott, C. J. Duncan: „Hypothesis: Reappraisal of the historical selective pressures for the CCR5-{Delta}32 mutation.“ In: Journal of Medical Genetics. 2005 S. 205-208.
  42. ↑ Jean Gerard Dijkstra: Een epidemiologische Beschouwing van de Nederlandsche Pest-Epidemieën der XVIIde Eeuw. Amsterdam 1921. S. 66-74.
  43. ↑ Alison P. Galvani, Montgomery Slatkin: „Evaluating plague and smallpox as historical selective pressures for the CCR5Δ32 HIV-resistance allele.“ In: Proceedings of the National Academy of the United States of America. 2003 Bd. 100 S. 15276-15279. Hier die Abstracts
  44. ↑ „Erbliche Resistenz gegen AIDS.“ In: Uni|in|form der Georg-August-Universität Göttingen. Dezember 2004 Heft 4 S. 4.
  45. ↑ Perry RD, Fetherston JD. Yersinia pestis—Etiologic Agent of Plague. Clin Microbiol Rev. 1997
  46. ↑ William Bernstein: A Splendid Exchange – How Trade shaped the World, Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4, S. 136
  47. ↑ William Bernstein: A Splendid Exchange – How Trade shaped the World, Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4, S. 137
  48. ↑ William Bernstein: A Splendid Exchange – How Trade shaped the World, Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4, S. 138.
  49. ↑ William Bernstein: A Splendid Exchange – How Trade shaped the World. Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4, S. 138f.
  50. ↑ Diplomatarium Norvegicum XXI, 431.
  51. ↑ Winkle S. 456.
  52. ↑ Ogier Ghiselin de Busbeeg, kaiserlicher Gesandter an der Hohen Pforte von 1556 bis 1562, in einem Brief (Winkle S. 466)
  53. ↑ Joseph-Francois Malgaigne: Œvre de Paré. Paris 1841. Band III. Buch 24 Kap. II S. 364.
  54. ↑ Lorenzo Del Panta: Le epidemie nella storia demografia italiana (secoli XIV-XIX). Turin 1980.
  55. ↑ Paul Slack: „Mortality crises and epidemic disease in England 1485–1610.“ In: Charlaes Webster (Hrg.): Health, medicine and mortality in the sixteenth century. (Cambridge 1979) S. 40.
  56. ↑ Erich Keyser: „Die Pest in Deutschland und ihre Erforschung.“ In: Actes du colloque international de Demographie Historique, Liège 1963.
  57. ↑ Peter Friedrich Suhm: Fra Aar 1340 til 1375. Historie af Danmark XIII. Kopenhagen 1826. S. 389.
  58. ↑ Peter Friedrich Suhm: Fra Aar 1340 til 1375.
  59. ↑ Ibs, S. 97-99.
  60. ↑ Moseng (2006) S. 255.
  61. ↑ E. A. Wrigley und Roger Schofield: The Population History of England 1541–1871. A Reconstruction. London 1981 S. 207-215.
  62. ↑ Nr. XII der „Scriptores rerum svecicarum medii aevi ex schedis praecipue nordinianis collectos disposios ac emendatos“. Uppsala 1818–1876.
  63. ↑ Zvi Razi: Life, Marriage and Death in a Medieval Parish: Economy, Society and Demography in Halesowen, 1270–1400. Cambridge University Press 1980. S. 124-131.
  64. ↑ Ibs S. 199-204.
  65. ↑ Darüber gibt es nicht nur Hinweise in den Bruchstücken der Skálholts-annáll, in der Gottskálks-annáll, der Lögmanns-annáll und der Flatey-annáll, sondern auch zahlreiche Belege in norwegischen Urkunden. Die Annálar beschränken sich auf einen Satz und geben keinen genaueren Aufschluss über den betroffenen Raum, sondern sagen „in Norwegen“ oder „in ganz Norwegen“. Die Zeitangaben variieren zwischen 1371 (Skálholt und Gottskálk), 1372 (Lögmann) und 1373 (Flatey). Andere Quellen weisen auf 1370 und dass die Seuche ihren Ausgangspunkt in Oslo und Nidaros hatte. Außerdem zeigen die Quellen, dass die Krise im Herbst einsetzte. Sie Seuche kann man der dritten nordeuropäische Pestepidemie zuordnen (Diplomatarium Norwegicum VI, 278, fälschlich auf 1371 datiert, aber es ist nachgewiesen, dass der Text 1370 geschrieben wurde).
  66. ↑ Gunnar Karlsson und Helgi Skúli Kjartansson: „Plágurnar miklu á Íslandi“. In: Saga XXXII (1994)
  67. ↑ Samlinger til den Danske Historie I, 1 S. 164.
  68. ↑ Anders Lindblom (Hrg): Vadstena klosters minnebok Diarivm vazstenense. Stockholm 1918.
  69. ↑ Ibs S. 206-207.
  70. ↑ John Hatscher, „Mortality in the Fifteenth Century: Some New Evidence.“ In: Economic History Review 2nd ser. XXXIX, 1, (1986) S. 17.
  71. ↑ Ibs S. 124.
  72. ↑ Moseng S. 319.
  73. ↑ C. F. Allen: De tre nordiske Rigers Historie under Hans Christiern den Anden, Frederik den Første, Gustav Vasa, Grevefejden 1497–1536. I-V. København 1864–1872.
  74. ↑ John Alexander: Bubonic Plague in Early Modern Russia. Baltimimore/London 1980. S. 16 und derselbe: „Reconsiderations on Plague in Early Modern Russia.“ In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge 34, 2 (1986). S. 244-254.
  75. ↑ Shrewsbury S. 162-166.
  76. ↑ Noordegraaf und Valck (1988) S. 225.
  77. ↑ Ibs S. 125.
  78. ↑ Es gibt einen Brief aus Hamburg an Kristian II im April oder Mai 1525, wo diese Pest erwähnt wird.Diplomatarium Norwegicum XII Nr. 338 S. 350.
  79. ↑ Ibs S. 125.
  80. ↑ Ibs S. 126.
  81. ↑ Nordegraaf und Valck 1988 S. 226.
  82. ↑ Benedictow (1987) S. 131-133.
  83. ↑ Moseng S. 327.
  84. ↑ Slack 1985 S. 57, 58, 358.
  85. ↑ Ibs S. 127-129.
  86. ↑ H. Wendt, J. Leuschner: Geschichte des Welfenfürstentums Grubenhagen, des Amtes und der Stadt Osterode, Georg Olms Verlag, 1988, S. 5.
  87. ↑ Frank Andert (Redaktion); Große Kreisstadt Radebeul. Stadtarchiv Radebeul (Hrsg.): Stadtlexikon Radebeul. Historisches Handbuch für die Lößnitz. 2. Auflage. Stadtarchiv, Radebeul 2006, ISBN 3-938460-05-9, S. 149 f.
  88. ↑ H. M. Jettmar: „Erfahrungen über die Pest in Transbaikalien“. In: Medical Microbiology and Immunology Bd. 97 (Januar 1923) S. 322-329
  89. ↑ Dan C. Cavanaugh und James E. Williams: „Plague: Some Ecological Interrelationsships“. In: R. Traub und H. Starcke (Hrg.) Fleas, Proceedings of the International Conference on Fleas. Ashton Wold, Peterborough, UK, 21-25 June 1977. Rotterdam 1980 S. 245-256, 251.
  90. ↑ Thukydides, Peloponnesischer Krieg II 51 ff.
  91. ↑ Akers ist des tôdes grunt, da ist niht wan tôt od ungesunt; und stürben hundert tûsent dâ,man klágete ein ésel mê anderswâ. (Bescheidenheit: Die Akkon-Sprüche)
  92. ↑ Winkle S. 443.

Literatur

  • Rudolf Abel: „Was wussten unsere Vorfahren von der Empfänglichkeit der Ratten und Mäuse für die Beulenbest des Menschen?“ In: Zeitschirft für Hygiene und Infectionskrankheiten. Bd. 36. 1901. S. 89-119.
  • Ole Jørgen Benedictow: Svarte Dauen og senere Pestepidemier i Norge. Oslo 2002, ISBN 82-7477-108-7
  • Willy L. Braekman und G. Dogaer [Hrsgg.]: „Spätmittelniederländische Pestvorschriften“. In: Medizin im mittelalterlichen Abendland, hrsg. von Gerhard Baader und Gundolf Keil, Darmstadt 1982 (= Wege der Forschung, 363), S. 443-475.
  • Norman F. Cantor: In the Wake of the Plague. The Black Death and the World It Made. London 1997, ISBN 0-7434-3035-2
  • Karl Deichgräber: Die Epidemien und das Corpus Hippocraticum: Voruntersuchungen zu einer Geschichte der Koischen Ärzteschule. De Gruyter 1971. ISBN 3-11-003635-5
  • H. Dubois: La d'pression (XIVe et XVe siècles) In: Histoire de la population Française. 1988. S. 313–366.
  • Jürgen Hartwig Ibs: Die Pest in Schleswig-Holstein von 1350 bis 1547/1548. Eine sozialgeschichtliceh Studie über eine wiederkehrende Katastrophe. Kieler Werkstücke, Reihe A, Bd. 12, Frankfurt a.M. 1994.
  • Kay Peter Jankrift: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-15481-9
  • Arno Karlen: Die fliegenden Leichen von Kaffa. Eine Kulturgeschichte der Plagen und Seuchen. Volk und Welt, Berlin 1996, ISBN 3-353-01054-8
  • J.D. Marshall, R.J.T. Joy, N. V. Ai et al.: Plague in Vietnam 1965–1966. In: American Journal of Epidemiology 86 (1967) S. 603–616.
  • Mischa Meier (Hrsg.): Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94359-5 (Gesamtdarstellung der Pestgeschichte von der Antike bis in die Moderne.)
  • Ole Georg Moseng: Den flyktige pesten. Vilkårene for epidemier i Norge i seinmiddelalder og tidlige nytid. Dissertation Oslo 2006.
  • Leo Noordegraaf und Gerrit Valck: De Gave Gods. De pest in Holland vanaf de late middeleeuwen. Bergen 1988.
  • Norbert Ohler: Sterben und Tod im Mittelalter. Patmos, Düsseldorf 2003, ISBN 3-491-69070-6
  • Manolis J. Papagrigorakis, Christos Yapijakis, Philippos N. Synodinos, Effie Baziotopoulou-Valavani: DNA examination of ancient dental pulp incriminates typhoid fever as a probable cause of the Plague of Athens. In: International Journal of Infectious Diseases. Elsevier, Orlando 9.2004 ISSN 1201-9712
  • Jacques Ruffié, Jean-Charles Sournia: Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit. Klett-Cotta, Stuttgart 1987, ISBN 3-423-30066-3
  • Paul Slack: The Impact of Plague in Tudor and Stuart England. Oxford 1985.
  • Sue Scott, Christopher Duncan: Return of the Black Death. The World’s Greatest Serial Killer. Wiley, Chichester 2004, ISBN 0-470-09000-6
  • John F. D. Shrewsbury: A History of Bubonic Plague in the British Islands. Cambridge 1970.
  • Manfred Vasold: Pest, Not und schwere Plagen. Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute. Beck, München 1991, ISBN 3-406-35401-7
  • Stefan Winkle: Kulturgeschichte der Seuchen. Artemis&Winkler Düsseldorf 2005, ISBN 3-538-07159-4

 

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Pestbrief

Pestbrief ist der Gesundheitspass, der aufgrund der Pestpandemie des 14. Jahrhundert im Jahre 1374 in Venedig eingeführt wurde. Er diente als Grundlage für die Entscheidung, ob ein Reisender und dessen Waren in die 30-tägige Absonderung, die Trentana, musste oder ungehindert in die Stadt einreisen konnte. Diese 30-Tagefrist wurde im Jahre 1377 von der dalmatinischen Stadtrepublik Ragusa und 1383 von Marseille auf 40 Tage erhöht, woraus der Begriff Quarantäne entstand ("quaranta giorni" = 40 Tage).

Den Pestbrief stellte nicht die Hafenbehörde des Herkunftshafens aus, sondern ein dort im bezahlten Auftrag Venedigs residierender Agent. Der Pass wurde noch außerhalb des Hafens mit eisernen Zangen von Schiff zu Schiff gereicht und durch Räuchern über Schwefel entseucht. Er konnte "rein" sein, d. h. seinen Besitzer als Reisenden aus einem nicht pestverseuchten Gebiet ausweisen, oder "unrein", wenn der Inhaber aus einem seuchengefährdeten oder verseuchten Herkunftshafen kam. (siehe auch Artikel Gesundheitsbrief)

Der Pestbrief gilt als Vorläufer des späteren Reisepasses.

Literatur

  • Stefan Winkle: Kulturgeschichte der Seuchen. Komet, Düsseldorf/Zürich 1997, ISBN 3-933366-54-2.

 

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Schwarzer Tod

Als Schwarzer Tod wird die große europäische Pandemie von 1347 bis 1353 bezeichnet, die geschätzte 25 Millionen Todesopfer – ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung – forderte. Eine Variante der Pesterregers Yersinia pestis war dafür verantwortlich.[1][2] Diese bereits zuvor von dem überwiegendem Teil der Wissenschaftsgemeinde vertretene Theorie wurde aufgrund von historischen und medizinischen Erkenntnisse aber auch angezweifelt. Dass dennoch häufig das Wort Pest synonym für den Schwarzen Tod benutzt wird, leitet sich vom lateinischen Wort pestis für Seuche ab, nicht vom Krankheitserreger.

Die Pandemie brach nach heutigem Wissensstand zuerst in Asien aus und gelangte über die Handelsrouten nach Europa. In Messina nahm der durch Seeleute eingeschleppte Seuchenzug seinen Anfang. Manche Landstriche wurden weitgehend entvölkert, während andere Regionen von der Seuche verschont oder nur gering betroffen waren. In Florenz überlebte nur einer von jeweils fünf Bürgern die Krankheit. Für das Gebiet des heutigen Deutschlands wird dagegen geschätzt, dass jeder zehnte Einwohner in Folge des Schwarzen Todes sein Leben verlor. Hamburg, Köln und Bremen zählten dabei zu den Städten, in denen ein sehr hoher Bevölkerungsanteil starb. Sehr viel geringer war dagegen die Anzahl der Todesopfer in Ostdeutschland.

Die sozialen Auswirkungen des Schwarzen Todes reichten sehr weit: Juden gerieten sehr schnell in den Verdacht, durch Giftmischerei und Brunnenvergiftung die Epidemie ausgelöst zu haben. Dies führte in vielen Teilen Europas zu Judenpogromen und einem lokalen Aussterben der jüdischen Gemeinden. Selbst da, wo geistliche oder weltliche Herrscher dies zu verhindern versuchten, war ihr Autoritätsverlust durch die sozialen Verwerfungen in der Folge der Epidemie so hoch, dass es ihnen in der Regel nicht gelang.

Auslöser

Teils fehlende Standpunktzuweisung, fehlende Gewichtung, unzureichende/fehlende Einzelbelege, fehlende führende Meinungen, fehlende Forschungsgeschichte (die Diskussion ist nicht neu)

Seit der Entdeckung des Bakteriums Yersinia pestis gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist herrschende Meinung, dass es als Erreger für die als Schwarzer Tod bekannte Pandemie verantwortlich sei. Dafür sprechen die Eigenschaften von Yersinia pestis, zu denen ein extrem hohes Ansteckungspotential gehört, die mit der Infektion verbundenen Symptome sowie der Nachweis von Yersinia-DNA im Zahnmark von Menschen des 8. und des 14. Jahrhunderts.

2010 berichtete eine internationale Forschergruppe, dass sie aus mittelalterlichen Gräbern in Europa und Asien mehrere verschiedene genetische Varianten von Yersinia pestis isolieren konnte. Die Forscher zogen den Schluss, dass verschiedene Genvarianten des Bakteriums für den Schwarzen Tod verantwortlich waren. Die Ausbreitung sei von China über das Rote Meer nach Europa erfolgt.[3]

Andere Wissenschaftler verweisen dagegen darauf, dass die von Yersinia pestis hervorgerufene Krankheit auch unbehandelt bei weitem nicht die Letalität erreiche, die die Quellen der mittelalterlichen Pest zuschreiben. Als Argument gegen Yersinia pestis als Auslöser des Schwarzen Todes wird zudem angeführt, dass weder die damalige rasante Ausbreitungsgeschwindigkeit noch die historisch beschriebenen Krankheitszeichen mit den bei einer Beulenpest zu erwartenden übereinstimmen. Überlieferungen berichten, dass Reisende die Krankheit von Dorf zu Dorf und Stadt zu Stadt brachten, was eher für eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch als für eine Verbreitung durch Rattenflöhe spräche.[4] So springt der europäische Rattenfloh (Nosopsyllus fasciatus) nur sehr ungern auf Menschen und der Menschenblut schätzende indische Rattenfloh (Xenopsylla cheopis) hat sich nachweislich erst lange nach Ankunft des Schwarzen Todes in Europa ausgebreitet. Auch fehlen aus dieser Zeit Beschreibungen einer zu erwartenden Epizootie bei Hausratten, wie sie jedoch im 19. Jahrhundert bei Beulenpestausbrüchen in Asien immer berichtet wurden. Eine Gruppe von Forschern an der Universität Marseille um Didier Raoult, Chef der Abteilung Klinische Mikrobiologie, vertritt die Ansicht, die Kleiderlaus (Pediculus humanis corporis), die Pestbakterien fast zwei Wochen in ihrem Blut behält und den Erreger so lange mit ihrem Kot ausscheidet, sei ein entscheidender Faktor der Übertragung gewesen. Bereits 1665 bewies der holländische Arzt Ysbrand van Diemerbrok, dass die Seuche durch infizierte Kleidung übertragen werden könne. Nicht allein Ratten und die von ihnen zum Menschen notgedrungen wechselnden Flöhe, sondern auch Personen, die mit pestverseuchten Kleiderläusen in ihrer Kleidung reisten, hätten auf diesem Übertragungsweg andere Menschen in bislang nicht von der Pest heimgesuchten Regionen anstecken können. Allerdings sind bei diesem Übertragungsweg der Beulenpest in der Neuzeit lediglich lokal eng begrenzte Ausbrüche, beispielsweise in Peru, aufgetreten.[5] Mit dieser Theorie lässt sich daher die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Seuche im Mittelalter auch nicht viel besser erklären. Die auf nur 20 Meter pro Woche geschätzte Ausbreitungsgeschwindigkeit bei einer Übertragung von Ratte zu Ratte ist demnach nicht mehr als begrenzender Faktor anzusehen, sondern die damalige Reisegeschwindigkeit von Menschen. Hierdurch erklärt sich auch die Überwindung einer Entfernung von 3700 km von Neapel bis Tromsö innerhalb von drei Jahren während der letzten großen Epidemie des Mittelalters. Auch eine aus mittelalterlichen Chroniken ableitbare Inkubationszeit von drei bis vier Wochen ist keinesfalls für die Beulenpest typisch.[5]

Neben Yersinia pestis werden auch Pocken, Fleckfieber, Cholera und Typhus als Auslöser der Pandemie diskutiert. Daneben werden andere Krankheiten wie etwa Milzbrand als Auslöser des Massensterbens diskutiert; vieles, wie z. B. die Ausbreitungsgeschwindigkeit und der Infektionsweg sprechen allerdings für ein Hämorrhagisches Fieber als Auslöser, eine Gruppe von Viruserkrankungen, deren bekannteste Form das Ebola-Virus ist. Ein Argument gegen Yersinia pestis liefert eine Mutation des Gens CCR5 im Menschen, bei der 32 Basenpaare nicht vorhanden sind. Diese Mutation mit dem Namen CCR5Δ32 (CCR5-Delta32) wird in etwa zehn Prozent der europäischen Bevölkerung gefunden, nicht aber in Asien oder Ostafrika.[6] Mathematische Modelle zur Verbreitung dieser Mutation lassen auf einen großen Selektionsdruck vor etwa 700 Jahren schließen, dem Zeitpunkt des Schwarzen Todes in Europa. Neuere Untersuchungen deuten jedoch auf ein wesentlich höheres Alter für die ursprüngliche Mutation und den Selektionseffekt. Eine Aussage über den Selektionsfaktor wird damit nahezu unmöglich. Diese Mutation könnte ein genetischer Überlebensvorteil gegenüber dem Erreger gewesen sein, allerdings bietet sie keinen Schutz gegen Yersinia pestis. Als wahrscheinlichster damaliger Selektionsfaktor gelten heute die Pocken.[7]

Begriff „Schwarzer Tod“

Die Bezeichnung „Schwarzer Tod“ wurde im Mittelalter für diese Pandemie nicht verwendet – zeitgenössische Chronisten sprachen vom „großen Sterben“ oder der „großen Pestilenz“. Dänische und schwedische Chronisten des 16. Jahrhunderts verwendeten die Bezeichnung „schwarz“ erstmals als Bezeichnung für den Ausbruch der Pandemie 1347, um das Furchtbare und Schreckliche dieser Seuche zu betonen. Schwarz wurde hier nicht im Sinne einer Farbe verwendet, sondern als Ausdruck eines besonders schrecklichen oder niederdrückenden, düsteren Erlebnisses.

Der deutsche Arzt Justus Friedrich Karl Hecker griff 1832 diese Bezeichnung wieder auf. Unter dem Eindruck der gerade grassierenden Choleraepidemie fand seine Publikation Der schwarze Tod im vierzehnten Jahrhundert über die Pandemie 1347–1353 große Beachtung. Sie wurde 1833 ins Englische übersetzt und in den Folgejahren mehrfach neu gedruckt. Die Begriffe „Black Death“ bzw. „Schwarzer Tod“ bürgerten sich damit vor allem im englisch- und deutschsprachigen Raum als Bezeichnung für die Pandemie des 14. Jahrhunderts ein.

Europa vor dem Ausbruch der Seuche

Zahlreiche Faktoren führten dazu, dass sich die Bevölkerung im anfangs dünn besiedelten Europa von 900 bis 1300 vervierfachte. Dies ging mit der Urbarmachung von Land und dem Entstehen zahlreicher neuer Städte wie dem Wachstum der alten Städte einher. Die am weitesten entwickelten Gebiete Europas lagen im südlichen England, im nördlichen Frankreich in den Tälern der Seine und der Loire, umfassten das Gebiet um Paris sowie das deutsche Rheintal, die nördlichen Hansestädte, sowie Flandern und die Niederlande und das nördliche Italien von der Poebene bis nach Rom. Dieses Kerngebiet war deutlich stärker bevölkert als das übrige Europa, und in diesen Gebieten befanden sich auch die größten Städte. Die europäische Gesellschaft vor 1300 besaß gut ausgestattete Universitäten, errichtete beeindruckende gotische Kathedralen und erlebte eine künstlerische und literarische Blütezeit. Zwischen 1214 und 1296 behinderte vor allem in Westeuropa kein größerer Krieg die Weiterentwicklung der Gesellschaft.

Während Theologie und Philosophie an den Universitäten große Rollen spielten, wurde den Naturwissenschaften wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Die wenigen chemischen Kenntnisse, die man besaß, fanden nur in der Alchemie Verwendung; was man über Astronomie wusste, wurde für Astrologie und Wahrsagung genutzt. Insbesondere das medizinische Wissen war sehr wenig entwickelt. Man verstand weder die Ursache von Krankheiten, noch hatte man irgendeine Vorstellung geeigneter Gegenmaßnahmen. Wie Norman Cantor feststellte, hatte die mittelalterliche Gesellschaft überwiegend nichtmedizinische Antworten zu den verheerenden Auswirkungen einer Pandemie – Gebet und Sühne, Quarantäne der Kranken, Flucht der Gesunden und die Suche nach Sündenböcken.

Krisenhafte Entwicklungen setzten schon vor dem Ausbruch des Schwarzen Todes ein. Ab 1290 kam es in weiten Teilen Europas zu lang anhaltenden Hungersnöten. Untersuchungen über die Entwicklung des Weizenpreises im englischen Norfolk lassen darauf schließen, dass es zwischen 1290 und 1348 neunzehn Jahre gab, in denen der Weizen knapp war. Für das französische Languedoc ergeben ähnliche Untersuchungen zwanzig Jahre mit Knappheiten an Nahrungsmitteln im Zeitraum von 1302 bis 1348. 1314 bis 1317 waren in ganz Nordeuropa Hungerjahre. In den Jahren 1346 und 1347 herrschte Hunger in Süd- und Nordeuropa. Bereits 1339 und 1340 traten in italienischen Städten Seuchen auf, was zu einem deutlichen Anstieg der Sterblichkeit führte. Die Quellen lassen darauf schließen, dass es sich bei diesen Seuchen überwiegend um Darminfektionen handelte.

Ausbruch der Pandemie in Asien und Ausbreitung in Europa

Die offenbar erste und einzige große europäische Pestepidemie vor Ausbruch des Schwarzen Todes war die Justinianische Pest zur Zeit Kaisers Justinians (527–565), die als die größte antike Pestepidemie Europas gilt. Sie brach 541 zunächst im Orient aus und breitete sich sehr schnell im ganzen Mittelmeergebiet aus.[8] Anhand der detaillierten Schilderungen des spätantiken Historikers Prokopios geht die Forschung zumeist davon aus, dass es sich bei dieser Seuche tatsächlich um die Beulenpest handelte, die möglicherweise zusammen mit anderen Krankheiten auftrat. Sie trat bis etwa 770 in etwa zwölfjährigem Rhythmus in Erscheinung und hatte nach Ansicht mancher Historiker weitreichende Folgen, da durch den Rückgang der Bevölkerungszahlen im Nahen Osten und Mittelmeerraum ein geopolitisches Machtvakuum entstanden sei, das erheblich zur Islamischen Expansion beigetragen habe. Diese Zusammenhänge sind allerdings sehr umstritten, zumal sich die tatsächlichen Folgen der Justinianischen Pest kaum abschätzen lassen.

Ab 632 stand Bab al-Mandab, die rund 27 Kilometer breite Meeresstraße und einzige natürliche Verbindung des Roten Meeres mit dem Indischen Ozean, unter muslimischer Kontrolle, was direkte Kontakte zwischen der christlichen Mittelmeerwelt und Asien erschwerte.[9] Allerdings bleibt die Frage ungeklärt, wieso die Pest ausgerechnet um 770 – also 230 Jahre nach ihrem ersten Ausbruch und 140 Jahre nach dem Beginn der Islamischen Expansion – auf einmal für fast sechs Jahrhunderte aus Europa verschwunden zu sein scheint.

Besser als ihr Verschwinden lässt sich vermutlich ihr erneutes Erscheinen erklären: Nach einer Hypothese des Autors William Bernstein leiteten die mongolischen Eroberungen gegen Ende des 13. Jahrhunderts eine Ära erneut intensivierter direkter Handelskontakte zwischen Europa und Asien ein, durch die die Pestbakterien, die vor allem in wild lebenden Nagetierpopulationen Asiens vorkommen, erneut nach Europa eingeschleppt werden konnten.[10]

1338 oder 1339 erreichte die Pest die christliche Gemeinschaft der Assyrischen Kirche am Yssykköl-See im heutigen Kirgisistan. 1345 erkrankten die ersten Menschen in Sarai an der unteren Wolga und auf der Krim, im Jahre 1346 erkrankten erste Einwohner von Astrachan. Im selben Jahr erreichte die Krankheit die Grenzen des damaligen Europas: Die Goldene Horde belagerte die von den Genuesern gehaltene Hafenstadt Kaffa (das heutige Feodossija) auf der Halbinsel Krim – mit ihrem Gefolge kam auch die Krankheit vor die Stadtmauern. Berichtet wird, dass die Belagerer Seuchentote auf ihre Katapulte banden und sie in die Stadt schleuderten. Die Einwohner von Kaffa sollen diese Leichname sofort ins Meer geworfen haben. Aus heutiger Sicht ist es möglich, dass die Krankheit so auf die Einwohner von Kaffa kam; zu einer Übertragung des Krankheitserregers wäre es aber auch durch Ratten gekommen.

Mit dem Vordringen der Pandemie nach Kaffa geriet die Krankheit in das weitverzweigte Handelsnetz der Genueser, das sich über die gesamte Mittelmeerküste erstreckte. Von Schiffen verbreitet, gelangte die Krankheit 1347 nach Konstantinopel, Kairo und Messina auf Sizilien. Von dort aus breitete sie sich in den folgenden vier Jahren zuerst über den See-, dann auch über den Landweg über ganz Europa aus. Sie nahm dabei im wesentlichen zwei Ausbreitungswege:

  • Mit Schiffen, deren Besatzung infiziert war, gelangte der Krankheitserreger von Genua nach Marseille, von wo aus die Pandemie der Rhône in Richtung Norden folgte. Nach kurzer Zeit erreichte sie das Languedoc und Montpellier, im August 1348 auch Carcassonne und Bordeaux, Aix und Avignon, wo sie sich sieben Monate hielt. Avignon war zu dieser Zeit Papstresidenz und eine der wichtigsten Städte Europas. Schon im März 1348 hatte sie Toulouse erreicht und im Mai Paris[11].
  • Die zweite Ausbreitungswelle ging von Venedig aus. Von dort gelangte die Seuche über den Brenner nach Österreich. Über Tirol kam der schwarze Tod nach Kärnten, anschließend in die Steiermark und erreichte dann erst Wien. Wien war die einzige Stadt, in der jeder Sterbende das letzte Sakrament erhielt, was dafür spricht, dass es in Wien besser als in anderen Städten gelang, die soziale Ordnung angesichts der ausgebrochenen Epidemie aufrechtzuerhalten.

Im Gebiet des heutigen Deutschland, in Norwegen, Schweden und Irland trat die Seuche erstmals im Jahre 1349 auf.

Um die Ansteckungsgefahr zu vermindern, wurden nach 1347 einlaufende Schiffe, auf denen man die Krankheit vermutete, für 40 Tage isoliert (Quarantäne, aus franz. „une quarantaine de jours“ = Anzahl von 40 Tagen). Die Erfindung dieser Maßnahme wird Venedig zugeschrieben. Die verhängte Quarantäne mag zwar die Schiffsbesatzung vom Landgang abgehalten haben, sie verhinderte aber nicht, dass infizierte Ratten an den Schiffstauen entlang an Land gelangten und so zur Weiterverbreitung der Krankheit beitrugen.

Demografische und politische Auswirkungen des Schwarzen Todes

Giovanni Boccaccio ist vermutlich der wichtigste Zeitzeuge der Pandemie von 1347 bis 1353. Er hat das Erlebte literarisch in seiner Novellensammlung Decamerone verarbeitet. Über die verheerende Auswirkung des Ausbruchs in Florenz schrieb er:

  • „So konnte, wer – zumal am Morgen – durch die Stadt gegangen wäre, unzählige Leichen liegen sehen. Dann ließen sie Bahren kommen oder legten, wenn es an diesen fehlte, ihre Toten auf ein bloßes Brett. Auch geschah es, dass auf einer Bahre zwei oder drei davongetragen wurden, und nicht einmal, sondern viele Male hätte man zählen können, wo dieselbe Bahre die Leichen des Mannes und der Frau oder zweier und dreier Brüder und des Vaters und seines Kindes trug.“
  • – Giovanni Boccaccio, Decamerone

Man schätzt, dass etwa 20 bis 25 Millionen Menschen, rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas, durch den „Schwarzen Tod“ umkamen. Für Deutschland wird die Zahl der Seuchentoten auf rund 10 Prozent der Bevölkerung geschätzt[12]. Für die Anzahl der Opfer in Asien und Afrika fehlen seriöse Quellen. Jegliche Zahlen sind mit Vorsicht zu behandeln, da zeitgenössische Quellen die Anzahl der Toten eher zu hoch ansetzten, um den Schrecken und die Unbarmherzigkeit dieser Pandemie zum Ausdruck zu bringen. So schätzten beispielsweise die zeitgenössischen Chronisten unter dem Eindruck der ständig vorbeirollenden Leichenwagen die Anzahl der in Avignon Gestorbenen auf bis zu 120.000 Menschen, obwohl Avignon zu dieser Zeit nicht mehr als 50.000 Einwohner hatte.

Greifbarer als an diesen Zahlen wird die Verheerung des Schwarzen Todes an Einzelschicksalen: Der Chronist von Siena, Agnolo di Tura, klagte, dass sich keiner mehr fände, der die Toten begrübe, und er eigenhändig seine fünf Kinder habe beerdigen müssen. John Clyn, letzter überlebender Mönch eines irischen Klosters in Kilkenny, schrieb kurz vor seinem eigenen Seuchentod die Hoffnung nieder, dass wenigstens ein Mensch diese Seuche überleben werde, der die von ihm begonnene Seuchenchronik fortsetzen könne. Den italienischen Chronisten Giovanni Villani ereilt der Seuchentod so plötzlich, dass seine Chronik mit einem unvollendeten Satz abbricht. In Venedig starben von 24 Ärzten 20, in Hamburg zählten von 21 Ratsherren 16 zu den Toten. In London erlagen alle Zunftmeister der Schneider und Hutmacher der Seuche. Und kurz nach dem Seuchentod des Erzbischofs von Canterbury starb auch sein designierter Nachfolger, ebenso wie kurz darauf der nächste Amtsanwärter. In Frankreich kam ein Drittel der königlichen Notare und ein Drittel der in Avignon versammelten päpstlichen Kardinäle ums Leben.

Der „Schwarze Tod“ wütete nicht gleichmäßig in Europa, sondern ließ einige wenige Gebiete fast unberührt. Große Teile Polens und Belgiens sowie Prag blieben von ihm verschont, während er in anderen so stark zuschlug, dass ganze Landstriche weitgehend entvölkert wurden. Während Mailand der Heimsuchung durch die Pandemie entging, starben in Florenz, der für Handel, Wissenschaft und Kunst bedeutendsten Stadt Europas zu dieser Zeit, vier Fünftel der Bürger. Wie M. Vasold in seinem Artikel über die Auswirkung der Seuche auf die deutsche Bevölkerung nachweist, blieb beispielsweise Süddeutschland weitgehend unberührt von der Krankheit. Hamburg und Bremen dagegen wurden ebenso massiv von der Pandemie getroffen wie beispielsweise Köln. Insgesamt war die Auswirkung auf die Bevölkerung in Deutschland erheblich geringer als in Italien und Frankreich.

Die Pandemie hatte zur Folge, dass es mehrere Jahrhunderte dauern sollte, bis Europa wieder die alte Bevölkerungsdichte erreichte. David Herlihy weist darauf hin, dass die Zahl der in Europa Lebenden erst in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhundert nicht mehr weiter abnahm, für fünfzig Jahre auf sehr niedrigem Niveau stagnierte und erst 1460 allmählich wieder anstieg.

Reaktion der Ärzte

Die Ärzte dieser Zeit standen der für sie rätselhaften Krankheit ratlos gegenüber. Ein fundiertes Wissen hatten sie eher in der Astrologie, die den Hauptteil ihres Medizinstudiums beanspruchte. Medizinisch mussten sie auf das Wissen des antiken Hippokrates und seines Nachfolgers Galen zurückgreifen, nach dessen Lehren diese Infektion eine Fehlmischung der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle war – das Prinzip der Ansteckung war dagegen der Galenschen Medizin unbekannt. Eine Ansteckung von Tier zu Mensch war gänzlich unvorstellbar. Stattdessen vermutete man, dass faul riechende Winde („Miasmen“) die Krankheit aus Asien nach Europa trügen oder dass sie durch Dämpfe aus dem Erdinneren verursacht würde (die Miasmentheorie).

Obskure Ratschläge machten die Runde. So sollten beispielsweise die Fenster nur nach Norden geöffnet werden, Schlaf zur Tageszeit sowie schwere Arbeit sollte den Ausbruch einer Seuchenerkrankung fördern und sollte vermieden werden. Als gefährlich galten feuchtschwüles Klima und Südwind, die Luft über stehenden Gewässern aller Art. Die Seuche würde durch die Schönheit junger Mädchen angezogen, hieß es. Tatsächlich jedoch starben mehr Männer als Frauen, mehr Junge als Alte.

Die medizinische Fakultät von Paris, von Philipp VI. im Oktober 1348 mit einer Untersuchung über die Ursache der Krankheit beauftragt, kam zu dem Schluss, dass die Seuche durch eine am 20. März 1345 eingetretene ungünstige Dreierkonstellation aus Saturn, Jupiter und Mars ausgelöst worden sei. Der umbrische Arzt Gentile da Foligno sieht darin den Ursprung des Pesthauchs, contagion.[13] Der Erklärungsansatz wurde europaweit als der wissenschaftlichste angesehen und in viele europäische Landessprachen übersetzt. Das häufigste von den Ärzten angewandte Mittel gegen die Gefahren der Seuche war das Verbrennen aromatischer Substanzen. Papst Klemens VI. verbrachte die Zeit des Ausbruchs in Avignon zwischen zwei großen Feuern, die in seinen Gemächern brannten und die ihn möglicherweise vor einer Ansteckung bewahrten, da sie unter Umständen die Ratten als Träger der Flöhe fernhielten.

Langfristig bewirkte der Schwarze Tod, dass man sich allmählich von der Galenschen Medizin löste. Papst Klemens selbst sprach sich für eine Sezierung der Seuchenopfer aus, um die Ursache der Krankheit zu entdecken. Die direkte Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper durch anatomische Studien wurde mit größerer Intensität als vor der Pandemie fortgesetzt und damit der erste Schritt in Richtung moderner Medizin und empirischer Wissenschaft getan. Bis zu einer systematischeren Auseinandersetzung mit dem Prinzip der Kontagion („Berührung“) durch den Arzt Girolamo Fracastoro (1483–1533), worauf die mit der Miasmentheorie lange konkurrierende Kontagionstheorie aufbaute, sollte es noch fast 200 Jahre dauern.[14]

Pandemie und die mittelalterliche Gesellschaft

Unmittelbare Reaktion auf die Herausforderung durch den Schwarzen Tod

Der Zeitzeuge Boccaccio hat in seinem Werk Decamerone eindrucksvoll geschildert, wie nach dem Ausbruch der Pandemie viele Einwohner von Florenz ihren sozialen Verpflichtungen nicht mehr nachkamen:

    „Wir wollen darüber schweigen, dass ein Bürger den anderen mied, dass fast kein Nachbar für den anderen sorgte und sich selbst Verwandte gar nicht oder nur selten und dann nur von weitem sahen. Die fürchterliche Heimsuchung hatte eine solche Verwirrung in den Herzen der Männer und Frauen gestiftet, dass ein Bruder den anderen, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Ehemann verließ; ja, was noch merkwürdiger und schier unglaublich scheint: Vater und Mutter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen – als ob sie nicht die ihren wären (…) Viele starben, die, wenn man sich um sie gekümmert hätte, wohl wieder genesen wären. Aber wegen des Fehlens an ordentlicher, für den Kranken nötiger Pflege und wegen der Macht der Pest war die Zahl derer, die Tag und Nacht starben, so groß, dass es Schaudern erregte, davon zu hören, geschweige denn es mitzuerleben.“

Viele der Menschen, welche den Schwarzen Tod als Gottesstrafe ansahen, fanden zu dieser Zeit den Trost in der Religion. Religiöse Bewegungen entstanden spontan im Gefolge oder in Erwartung der Seuche – viele davon forderten das Monopol der Kirche auf geistliche Lenkung heraus. Bittgottesdienste und Prozessionen kennzeichneten den Alltag. Flagellanten zogen in „Geißlerzügen“ durch die Städte. Der „Pestheilige“ St. Rochus wurde intensiv verehrt, Pilgerfahrten nahmen zu. An vielen Orten zeugen Kirchen und andere Monumente wie so genannte Pestsäulen von der Angst der Menschen und ihrem Wunsch nach Erlösung von der Seuche.

Verschiedene Menschen versuchten jede Minute ihres Lebens noch auszukosten und mit Tanz und Musik versuchte man, dem Schwarzen Tod zu entgehen. Der italienische Chronist Matteo Villani schrieb:

    „Die Menschen, in der Erkenntnis, dass sie wenige und durch Erbschaften und Weitergabe irdischer Dinge reich geworden waren, und der Vergangenheit vergessend, als wäre sie nie gewesen, trieben es zügelloser und erbärmlicher als jemals zuvor. Sie ergaben sich dem Müßiggang, und ihre Zerrüttung führte sie in die Sünde der Völlerei, in Gelage, in Wirtshäuser, zu köstlichen Speisen und zum Glücksspiel. Bedenkenlos warfen sie sich der Lust in die Arme.“

Eine funktionierende Wirtschaft konnte unter dem Eindruck einer Pandemie nicht mehr aufrechterhalten werden. Arbeitskräfte starben, flohen und nahmen ihre Aufgaben nicht mehr wahr. Vielen schien es sinnlos, die Felder zu bestellen, wenn der Tod sie doch bald ereilen würde.

Judenpogrome zur Zeit des Schwarzen Todes

Die kirchliche und weltliche Macht verlor angesichts der Hilflosigkeit, mit der sie der Pandemie begegnete, rapide an Autorität. Der Dichter Boccaccio vermerkte in seinem Decamerone:

    „In solchem Jammer und in solcher Betrübnis der Stadt war auch das ehrwürdige Ansehen der göttlichen und menschlichen Gesetze fast gesunken und zerstört; denn ihre Diener und Vollstrecker waren gleich den übrigen Einwohnern alle krank oder tot oder hatten so wenig Gehilfen behalten, dass sie keine Amtshandlungen mehr vornehmen konnten. Darum konnte sich jeder erlauben, was er immer wollte.“

Unter dem Autoritätsverlust der weltlichen und kirchlichen Macht litten diejenigen Menschen am meisten, die zu den kulturellen Randgruppen der mittelalterlichen Gesellschaften zählten. So kam es im Zuge der Pandemie zu schweren Judenpogromen, die von den geistlichen und weltlichen Herrschern nicht mehr unterbunden werden konnten und die zur Folge hatten, dass nach 1353 nur noch wenige Juden in Deutschland und den Niederlanden lebten.

Die Pogrome brachen aus, da das aufgebrachte Volk in den Juden die Schuldigen für die Katastrophe auszumachen glaubte. Das Gerücht, Juden träufelten Gift in Brunnen und Quellen, war Anfang 1348 aufgekommen: In Savoyen hatten jüdische Angeklagte sich unter der Folter solcher Vergehen für schuldig bekannt. Ihr Geständnis fand in ganz Europa rasch Verbreitung und war die Basis für eine Welle von Übergriffen in der Schweiz und in Deutschland – vor allem im Elsass und entlang des Rheins. Am 9. Januar 1349 wurde in Basel ein Teil der jüdischen Einwohnerschaft ermordet – die Basler Stadträte hatten zuvor zwar die schlimmsten Hetzer aus der Stadt verbannt, mussten unter dem Drängen der Stadtbevölkerung diesen Bann jedoch wieder aufheben und stattdessen die Juden vertreiben. Ein Teil der Vertriebenen wurde festgesetzt und in einem eigens für sie gebauten Haus auf einer Rheininsel verbrannt. In Straßburg versuchte die Stadtregierung gleichfalls, die ansässigen Juden zu schützen, wurde jedoch mit den Stimmen der Zünfte ihres Amtes enthoben. Die neue Straßburger Stadtregierung duldete das anschließende Massaker, dem im Februar 1349 – also zu einem Zeitpunkt zu dem der Schwarze Tod die Stadt noch nicht erreicht hatte – 900 von 1.884 in Straßburg lebende Juden zum Opfer fielen. Im März 1349 verbrannten sich vierhundert Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Worms in ihren Häusern, um der Zwangstaufe zu entgehen; im Juli 1349 beging auch die jüdische Gemeinde von Frankfurt auf diese Weise Selbstmord. In Mainz griffen Juden zur Selbstverteidigung und töteten 200 sie angreifende Stadtbürger. Selbst die in Mainz lebende jüdische Gemeinde – damals die größte in Europa – beging letztlich Selbstmord durch Anzünden der eigenen Häuser. Die Pogrome setzten sich bis Ende des Jahres 1349 fort. Die letzten fanden in Antwerpen und Brüssel statt. Für Städte wie Freiburg im Breisgau, Köln, Augsburg, Nürnberg, Königsberg und Regensburg wird angenommen, dass noch vor dem lokalen Ausbruch der Seuche Flagellanten Teile der Bevölkerung aufhetzten, die jüdische Bevölkerung als Brunnenvergifter zu ermorden. Die neuere Forschung geht jedoch davon aus, dass das Abwälzen der Schuld auf die Geißler zumeist lediglich als „bequemer Rechtfertigungsversuch“ (Haverkamp) der Geschichtsschreibung des 14. Jahrhunderts für die Morde zu werten ist. Neben der Suche nach einem Sündenbock und einer seit dem 12. Jahrhundert angestiegenen Intoleranz der Kirche gegenüber Andersgläubigen war auch Habgier ein wesentliches Motiv für den Mord an jüdischen Mitbürgern. Die Bedeutung der Juden als Geldverleiher war zwar nicht mehr so groß wie noch im 12. und 13. Jahrhundert, doch offenbar sah ein großer Teil der Bevölkerung im Mord an den Juden auch die Möglichkeit, sich ihrer Gläubiger zu entledigen. So war der Augsburger Bürgermeister Heinrich Portner bei jüdischen Geldleihern hoch verschuldet und ließ den Mord an den Juden bereitwillig geschehen.

Es fehlte nicht an Personen, die auf das Unrecht dieser Morde aufmerksam machten. Bereits 1348 bezeichnete der in Avignon lebende Papst Klemens VI. die Anschuldigung, die Juden würden durch das Vergiften von Brunnen die Seuche verbreiten, als „unvorstellbar“, da sie in Gegenden der Erde wüte, wo keine Juden lebten, und dort, wo sie lebten, sie selbst Opfer der Seuche würden. Er forderte die Geistlichkeit auf, die Juden unter ihren Schutz zu stellen. Klemens VI. – der selbst hebräische Manuskripte sammelte – untersagte außerdem, Juden ohne Gerichtsverfahren zu töten oder sie auszuplündern. Die päpstlichen Bullen wirkten nur in Avignon und trugen ansonsten verhältnismäßig wenig zum Schutz der Juden bei. Dies gilt auch für Königin Johanna I. von Neapel, die im Mai 1348 die Steuerlast der in ihrem provenzalischen Herrschaftsgebiet lebenden Juden um die Hälfte reduzierte, um den Plünderungen Rechnung zu tragen. Im Juni desselben Jahres wurden ihre Beamten aus den provenzalischen Städten vertrieben, was die Schutzlosigkeit der Juden aufgrund des fortschreitenden Autoritätsverlusts der Herrschenden illustriert. Ebenso wie Papst Klemens waren Peter IV. von Aragon, Albrecht II. von Österreich und Kasimir III. von Polen entschiedene Beschützer ihrer jüdischen Einwohner. Wenn sie auch Gewalttaten nicht gänzlich unterbinden konnten, blieben solche Massaker wie in Brüssel und Basel aus. Kasimir III. bot darüber hinaus den Juden an, sich in seinem Herrschaftsgebiet anzusiedeln. Es setzte eine Emigration vor allem von deutschen Juden nach Polen ein, die bis ins 16. Jahrhundert anhielt. In der Ansiedlung jüdischer Bürger sah Kasimir III. die Möglichkeit, die Zahl der durch die Mongolenraubzüge dezimierten Bevölkerung zu erhöhen und damit sein Land wirtschaftlich weiterzuentwickeln.

Langfristige Auswirkungen des Schwarzen Todes

Langfristig bewirkte und beschleunigte die Seuche einen tiefgreifenden Wandel in der mittelalterlichen Gesellschaft Europas.

Wie David Herlihy zeigt, konnten die Generationen nach 1348 nicht einfach die sozialen und kulturellen Muster des 13. Jahrhunderts beibehalten. Der massive Bevölkerungseinbruch bewirkte eine Umstrukturierung der Gesellschaft, die sich langfristig positiv bemerkbar gemacht habe. So bezeichnete Herlihy die Pandemie als „die Stunde der neuen Männer“: Die Entvölkerung ermöglichte einem größeren Prozentsatz der Bevölkerung den Zugang zu Bauernhöfen und lohnenden Arbeitsplätzen. Unrentabel gewordene Grenzböden wurden aufgegeben, was in manchen Regionen dazu führte, dass Dörfer verlassen oder nicht mehr wiederbesiedelt wurden (sogenannte Wüstungen), die im Hochmittelalter im Zuge des Landesausbaus abgeholzten Wälder breiteten sich wieder aus. Die Zünfte ließen nun auch Mitglieder zu, denen man zuvor die Aufnahme verweigert hatte. Während der Markt für landwirtschaftliche Pachten zusammenbrach, stiegen die Löhne in den Städten deutlich an. Damit konnte sich eine größere Anzahl von Menschen einen höheren Lebensstandard leisten als jemals zuvor; allerdings kam es teilweise auch zur Nahrungsmittelknappheit, weil viele Felder nicht mehr bewirtschaftet wurden, so z.B. in England, wo die Löhne für Landarbeiter stark anstiegen. Obwohl die Adeligen im 1349 Parlament das Statute of Labourers durchsetzten, das die Löhne für Feldarbeit begrenzte, wurden die Landarbeiter zusätzlich mit Naturalien bezahlt.[15] Die Lohnkonflikte führten schließlich zum großen Bauernaufstand von 1381, der (Peasants' Revolt), in dessen Folge England als erstes Land Europas die Leibeigenschaft abschaffte. Freie Bauern wurden in der Folge durch Pächter ersetzt, die weniger arbeitintensive Schafzucht verdrängte den Ackerbau.

Der deutliche Anstieg der Arbeitskosten sorgte dafür, dass manuelle Arbeit zunehmend mechanisiert wurde. Damit wurde das Spätmittelalter zu einer Zeit eindrucksvoller technischer Errungenschaften. David Herlihy nennt als Beispiel den Buchdruck: Solange die Löhne von Schreibern niedrig waren, war das handschriftliche Kopieren von Büchern eine zufriedenstellende Reproduktionsmethode. Mit dem Anstieg der Löhne setzten umfangreiche technische Experimente ein, die letztlich zur Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johann Gutenberg führten.

Die Kirche – von zahlreichen Seuchenopfern als Erbe eingesetzt – ging reicher, aber unpopulärer aus der Zeit des „Schwarzen Todes“ hervor. Weder hatte sie eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage gefunden, warum Gott der Menschheit eine solche Prüfung auferlegt hatte, noch hatte sie geistlichen Beistand geleistet, als das Bedürfnis der Menschen danach am größten war. Die Bewegung der Flagellanten hatte die Autorität der Kirche auf die Probe gestellt. Auch nach dem Abklingen dieser Bewegung suchten viele Gott bei mystischen Sekten und in Reformbewegungen, was letztlich die katholische Glaubenseinheit auseinander brechen ließ.

Insbesondere der österreichische Kulturhistoriker Egon Friedell vertrat in seinem Werk „Kulturgeschichte der Neuzeit“ die Auffassung, dass die Seuche der Jahre 1348/49 die Krise des mittelalterlichen Welt- und Menschenbildes verursacht und bis dahin bestehende Glaubensgewissheiten erschüttert habe. Er sieht eine direkte, kausale Verbindung zwischen der Katastrophe des „Schwarzen Todes“ und der Renaissance.

Der deutsche Historiker Gunnar Heinsohn stellt die ersten Hexenverfolgungen des 15. Jahrhunderts in Zusammenhang mit einer Kampagne der Obrigkeit, Methoden der Geburtenkontrolle und Empfängnisverhütung, die bis zum 14. Jahrhundert bei Hebammen und „weisen Frauen“ sehr verbreitet waren, vollkommen zum Verschwinden zu bringen, um einen weiteren Rückgang der Bevölkerungszahl in Europa zu verhindern und die Geburtenziffern zu erhöhen. Diese These ist aber sehr umstritten und wird in der Fachwelt weitgehend abgelehnt.

Rückkehr der Seuche in den folgenden Jahren

Die erste große Pandemiewelle, die als „Schwarzer Tod“ in die Geschichtsbücher einging, endete 1353. Sie flackerte in den Folgejahren immer wieder in einzelnen Regionen Europas auf, da sich die Seuche endemisierte: In lokalen und regionalen Epidemien suchte sie die nächsten drei Jahrhunderte in nahezu regelmäßigen Abständen europäisches Gebiet heim. Die zweitschlimmste Epidemie des ausgehenden Mittelalters bzw. der jungen Neuzeit suchte Europa im Jahr 1400 heim. Wenn auch die Zahl der Toten bei der großen zweiten Pandemiewelle nicht so hoch war, starben dabei vor allem Kinder und Jugendliche.

Schwarzer Tod in Kunst und Literatur

Die meisten Kunstwerke, die die Auswirkungen des Schwarzen Todes thematisieren, entstanden erst nach den Pandemiejahren 1347 bis 1353. Sie sind deshalb im Artikel Geschichte der Pest behandelt. Eine Ausnahme stellt Il Decamerone des Giovanni Boccaccio dar, das nach heutigem Wissensstand zwischen 1350 und 1353 geschrieben wurde. Ort der Rahmenhandlung ist ein Landhaus in den Hügeln von Florenz, zwei Meilen vom damaligen Stadtkern von Florenz entfernt. In dieses Landhaus sind sieben Mädchen und drei junge Männer vor dem Schwarzen Tod geflüchtet, der im Frühjahr und Sommer des Jahres 1348 Florenz heimsuchte. Die Einleitung des Buches ist eine der detailliertesten mittelalterlichen Quellen über die Auswirkung des Schwarzen Todes in einer Stadt.

Der Schwarze Tod wurde auch in der Kunst des ausgehenden Mittelalters zu einem wichtigen Thema. Künstler wie der Lübecker Maler und Bildschnitzer Bernt Notke stellten das Geschehen in Form des Totentanzes eindrucksvoll dar, das auch in der Musik verarbeitet wurde. Der Schwarze Tod fand auch bei dem Bauernkriegspanorama von Werner Tübke Verwendung. Er wurde dort symbolisiert durch einen großen offenen Sarg mit den Todkranken in der Szene „Die Pestkranken“.

Literatur

Zitierte Werke

  • Boccaccio: Il decamerone. Eine deutsche Übersetzung der Einleitung, aus der die obigen Zitate stammen, findet sich bei zeno.org
  • Matteo Villani: Cronica di Matteo Villani. Bd I, Kapitel 4.

Literatur

  • Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod in Europa. Becksche Reihe. C.H.Beck, München 2000. ISBN 3-406-45918-8
  • Neithard Bulst: Der schwarze Tod. Demographische, wirtschafts- und kulturgeschichtliche Aspekte der Pestkatastrophe von 1347–1352. Bilanz der neueren Forschung, in: Saeculum. Bd 30. Böhlau, Köln 1979, S. 45–67. ISSN 0080-5319
  • Norman F. Cantor: In the Wake of the Plague – The Black Death and the World it made. London 1997, ISBN 0-7434-3035-2
  • Claudia Eberhard Metzger, Renate Ries; Verkannt und heimtückisch – Die ungebrochene Macht der Seuchen. Basel 1996, ISBN 3-7643-5399-6
  • Bernhard Dietrich Haage: Das gereimte Pestregimen des Codex Sangallensis 1164 und seine Sippe. Metamorphosen eines Pestgedichts (= Untersuchungen zur mittelalterlichen Pestliteratur, V), Würzburg 1977 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 8)
  • Franz-Reiner Erkens: Buße in Zeiten des Schwarzen Todes. Die Züge der Geissler. in: Zeitschrift für historische Forschung. Duncker & Humblot, Berlin 26.1999, S.483–513. ISSN 0340-0174
  • Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der Europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. München 1996 (Erstausgabe 1927–1931), ISBN 3-406-40988-1
  • Robert Gottfried: The Black Death: Natural and human disaster in medieval Europa, London 1983
  • Alfred Haverkamp: Die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes im Gesellschaftsgefüge deutscher Städte, in: Alfred Haverkamp (Hrsg.): Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Stuttgart 1981, ISBN 3-7772-8112-3
  • David Herlihy: Der Schwarze Tod und die Verwandlung Europas. Berlin 1997, ISBN 3-8031-3596-6
  • Rober Hoeniger: Der Schwarze Tod in Deutschland. Ein Beitrag zur Geschichte des vierzehnten Jahrhunderts. Eugen Grosser, Berlin 1882, Sändig, Walluf bei Wiesbaden 1973. ISBN 3-500-26350-X
  • Kay Peter Jankrift: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003. ISBN 3-534-15481-9
  • William H. McNeill: Seuchen machen Geschichte. Geißeln der Völker. frimer, München 1976. ISBN 3-7906-0079-2
  • William Naphy, Andrew Spicer: Der schwarze Tod. Magnus Verlag, Essen 2003. ISBN 3-88400-016-0
  • Norbert Ohler: Sterben und Tod im Mittelalter. Patmos, Düsseldorf 2003. ISBN 3-491-69070-6
  • Jacques Ruffié, Jean-Charles Sournia: Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit. Klett-Kotta, Stuttgart 1987, 1991, DTV, München 1993. ISBN 3-423-30066-3
  • Barbara Tuchman: Der ferne Spiegel – das dramatische 14. Jahrhundert. Claasen, Düsseldorf 1980, ISBN 3-546-49187-4
  • Manfred Vasold: Die Ausbreitung des Schwarzen Todes in Deutschland nach 1348, in: Historische Zeitschrift, Oldenbourg, München 277.2003, S. 281–308. ISSN 0018-2613
  • Manfred Vasold: Pest, Not und schwere Plagen. Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute. C.H.Beck, München 1991, ISBN 3-406-35401-7
  • Sue Scott, Christopher Duncan: Return of the Black Death: The World's Greatest Serial Killer. John Wiley & Sons, Canada 2004, ISBN 0-470-09000-6

Anmerkungen

  1. ↑ Mitteilung der Universität Tübingen
  2. ↑ V. J. Schuenemann, K. Bos, S. DeWitte, S. Schmedes, J. Jamieson, A. Mittnik, S. Forrest, B. K. Coombes, J. W. Wood, D. J. D. Earn, W. White, J. Krause, H. N. Poinar: PNAS Plus: Targeted enrichment of ancient pathogens yielding the pPCP1 plasmid of Yersinia pestis from victims of the Black Death. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. , S. , doi:10.1073/pnas.1105107108.
  3. ↑ Stephanie Haensch, Raffaella Bianucci, Michel Signoli, Minoarisoa Rajerison, Michael Schultz et al. : Distinct Clones of Yersinia pestis Caused the Black Death, PLoS Pathog 6(10): e1001134. 2010, Volltext verfügbar im Format html, PMID 20949072
  4. ↑ Die raschesten Handelsverbindungen waren jedoch damals Schiffsverbindungen auf Binnengewässern und im Küstenverkehr, bei universalem Vorkommen von Schiffsratten.
  5. ↑ a b Phoenix: http://www.xxx
  6. ↑ Stephen O'Brien et al.: The Case for Selection at CCR5-Δ32 PLoS Biology, Volume 3(11), Nov. 2005, e378, doi:10.1371/journal.pbio.0030378
  7. ↑ Galvani AP, Slatkin M: Evaluating plague and smallpox as historical selective pressures for the CCR5-Delta 32 HIV-resistance allele. In: Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A.. 100, Nr. 25, Dezember 2003, S. 15276–9. doi:10.1073/pnas.2435085100. PMID 14645720. Volltext bei PMC: 299980.
  8. ↑ Perry RD, Fetherston JD. Yersinia pestis—Etiologic Agent of Plague. Clin Microbiol Rev. 1997
  9. ↑ William Bernstein: A Splendid Exchange – How Trade shaped the World, Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4, S. 137
  10. ↑ William Bernstein: A Splendid Exchange – How Trade shaped the World. Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4, S. 138f.
  11. ↑ Rudolf Sies: Das 'Pariser Pestgutachten' von 1348 in altfranzösischer Fassung (= Untersuchungen zur mittelalterlichen Pestliteratur, IV), Würzburg 1997 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 7)
  12. ↑ Manfred Vasold: Die Ausbreitung des Schwarzen Todes in Deutschland nach 1348. In: Historische Zeitschrift Band 277, 2003, S. 304
  13. ↑ Europa im Spätmittelalter, Oldenbourg:München, S. 21.
  14. ↑ Die Choleraepidemie in Europa 1830/32 widerlegte dann beide Theorien, was die Medizin bis zu den Erkenntnissen Robert Kochs und Rudolf Virchows noch einmal ratlos machen sollte.
  15. http://www.xxx

    xxx – Entsprechend unserer Statuten werden uns unbekannte Webadressen nicht veröffentlicht .Für eine weiterführende Recherche gehen Sie bitte auf die entsprechende Wikipediaseite. Mehr Informationen lesen Sie auf unserer Impressumseite. Anmerkung der u~m~d~h~T: Wir machen darauf aufmerksam, daß politische Passagen im Zuge unserer Statuten stark gekürzt, bzw. nicht übernommen wurden.

 

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Justinianische Pest

Bei der so genannten Justinianischen Pest handelt es sich um eine zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian I. (527–565) ausgebrochene Pandemie (wahrscheinlich die Beulenpest), die 541 in Ägypten ihren Anfang nahm, 542 Konstantinopel erreichte und sich bald darauf im gesamten Mittelmeerraum verbreitete.

Die Pest hat vielleicht zum Misserfolg der Restauratio imperii Justinians beigetragen und gilt als die größte antike Pestepidemie in Europa. Zuerst soll sie in Pelusium im Nildelta aufgetreten sein, wohin sie wohl aus Schwarzafrika oder aus Indien eingeschleppt worden war. Auf den Schifffahrtswegen gelangte diese Seuche bis nach Illyrien, Tunesien, Spanien, Italien und Gallien (Arles) und breitete sich bis zum Rhein aus. Diese Seuche wird vor allem aufgrund der Darstellung der Krankheitssymptome im Werk der zeitgenössischen spätantiken Historiker Prokopios von Caesarea (Prokop, Kriege 2, 22 ff.), der die Seuche in enger Anlehnung an die Darstellung der Pest im Werk des Thukydides beschrieb, und Euagrios Scholastikos, der selbst erkrankt war, weitgehend unumstritten dem Pesterreger (Yersinia pestis) zugeordnet. Die Beulenpest war an der Epidemie wohl zumindest beteiligt (Prokopios erwähnt die charakteristischen Geschwulste), wenngleich sie vielleicht von anderen Seuchen begleitet wurde. Angesichts der Tatsache, dass selbst in Hinblick auf die spätmittelalterlichen Seuchenzüge seit 1347 kein vollständiger Konsens darüber besteht, ob es sich beim „Schwarzen Tod“ tatsächlich um die von Yersinia pestis hervorgerufene Krankheit handelte, überrascht es aber nicht, dass auch in Hinblick auf die Identifizierung der spätantiken Pandemie seit 541 gewisse Zweifel bleiben. Neuere Untersuchungen stützen aber die These, dass es sich um Yersinia pestis handelte: Die DNA des Bakteriums wurde in einem Massengrab bei Sens gefunden, das stratigraphisch auf das 5. oder 6. Jahrhundert datiert worden ist.[1] Auch in Aschheim wurde bei zwei weiblichen Skeletten aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts die DNA von Yersinia pestis entdeckt.[2]

Eine andere These geht von der Übertragung der Pest durch Fliegenschwärme aus, die in Intervallen das Reich heimsuchten. Ihr Auftreten wurde durch klimatische Änderungen ermöglicht, die von einem Meteoriteneinschlag oder wahrscheinlicher dem Ausbruch des Vulkans Rabaul verursacht worden waren.[3]

544 ließ Justinian, der wie der Perserkönig Chosrau I. selbst erkrankt gewesen war, aber überlebt hatte, zwar das Ende der Pestepidemie verkünden, doch brach sie 557 erneut aus, kehrte im Jahre 570 nochmals wieder und trat bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts in etwa zwölfjährigem Rhythmus immer wieder in Erscheinung, bevor sie nach etwa 770 wieder für über fünf Jahrhunderte verschwand. Betroffen waren von diesen Ausbrüchen die Länder des westlichen Mittelmeerraums, das rheinische Germanien und etwa zwei Drittel von Gallien und Hispanien sowie Kleinasien, Syrien, Mesopotamien und Persien. Nicht alle Länder waren gleich stark betroffen; häufig grassierte die Pest zwei oder drei Jahre in einem bestimmten Gebiet und schwächte sich dann wieder ab.

Voraussetzung für die rasche Ausbreitung der Krankheit und die hohe Sterberate war neben dem Umstand, dass der Erreger wohl erstmals im Mittelmeerraum auftrat, auch eine allgemeine vorangehende Schwächung der Bevölkerung durch Missernten und Kriege. In der Folge der Seuchenzüge seit 541 reduzierte sich die Bevölkerung des oströmischen Reiches wohl um ein Viertel (auch dies ist in der Forschung aber nicht unumstritten), mit weitreichenden Auswirkungen. Die mit der Pest einhergehende Nahrungsmittelknappheit, das Absinken der Steuereinnahmen und die (allerdings von manchen Historikern bezweifelte) zunehmende Unfähigkeit, genügend Soldaten aufzustellen, um die langen Grenzen des römischen Reiches zu verteidigen, trugen vielleicht dazu bei, dass im Jahre 700 n. Chr. die östlichen und südlichen Küsten des Mittelmeers unter arabischer Vorherrschaft standen und das ehemalige römische Reich nun auf Konstantinopel, Kleinasien und einen Teil des Balkans begrenzt war. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass auch die wichtigsten Gegner der Römer – Sassaniden und Araber – von der Seuche betroffen gewesen waren, so dass die Pest nicht die alleinige Ursache dafür gewesen sein kann, dass sich das Kräfteverhältnis zu Ungunsten der Römer verschob. Zudem lässt sich schwer abschätzen, wie gravierend die langfristigen Auswirkungen der Seuche tatsächlich waren - der historische und archäologische Befund ist uneindeutig.

Einzelnachweise

  1. ↑ Michel Drancourt, Véronique Roux, Vu Dang u. a.: Genotyping, orientalis-like Yersinia pestis, and plague pandemics. In: Emerging Infectious Diseases 10 (2004), S. 1585–1592.
  2. ↑ I. Wiechmann, G. Grupe: Detection of Yersinia pestis DNA in two early medieval skeletal finds from Aschheim (Upper Bavaria, 6th. century A.D.); in: American journal of physical anthropology 126/1 (2005), S. 48–55.
  3. ↑ Ioannis Antoiou, Anastasios K. Sinakos: The Sixth-Century plague, its repeated appearance until 746 ad and the explosion of the Rabaul Volcano. In: Byzantinische Zeitschrift Bd. 98 Heft 1, 2005, S. 1–4

Literatur

  • Pauline Allen: The Justinianic Plague. In: Byzantion. Band 49, 1979, S. 5–20.
  • Peregrine Horden: Mediterranean Plague in the Age of Justinian. In: Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Justinian. Cambridge 2005, ISBN 0-521-52071-1, S. 134 ff.
  • Lester Little (Hrsg.): Plague and the End of Antiquity. The Pandemic of 541–750. Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-84639-4.
  • Mischa Meier: „Hinzu kam auch noch die Pest …“ Die sogenannte Justinianische Pest und ihre Folgen. In: Mischa Meier (Hrsg.): Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94359-5, S. 86 ff.
  • Mischa Meier: Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr. Göttingen 20042, ISBN 3-525-25246-3.
  • William Rosen: Justinian’s Flea. Plague, Empire, and the birth of Europe. Cambridge 2007, ISBN 978-1-84413-744-2 (Populärwissenschaftlich und gut lesbar, aber nicht unproblematisch, da teils sehr generalisierend und zu stark vereinfachend).
  • Dionysios Ch. Stathakopoulos: Famine and pestilence in the Late Roman and early Byzantine empire. A systematic survey of subsistence crises and epidemics. Aldershot 2004, ISBN 0-7546-3021-8.

 

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Pestepidemien in Norwegen

Die Pestepidemien in Norwegen haben die politische Landkarte Skandinaviens tiefgreifend beeinflusst. Ähnlich wie der Ausbruch der Pest in anderen Teilen Europas um die Mitte des 14. Jahrhunderts hatte diese Pandemie weitreichende Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft des Landes. Die erste Pestepidemie von 1348 wird in Norwegen svarte dauen (Schwarzer Tod) genannt. Die Epidemien führten letztendlich zum Verlust der Eigenstaatlichkeit Norwegens für lange Zeit und damit zum Verlust seiner Sprache Norrønt. Außerdem ist die Geschichte der Pest in Norwegen gut erforscht. Zusammen mit den neueren Forschungsergebnissen im Zusammenhang mit der Pest während des Vietnamkrieges ergibt sich ein gutes Bild über die Bedingungen und die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Ausbreitung der Pest in den verschiedenen Jahrhunderten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Die große Pest von 1348/1349

Wie die Pest nach Europa kam, ist im Artikel Schwarzer Tod beschrieben. Im Mai 1348 war sie auf dem Seeweg nach Weymouth an der englischen Kanalküste gelangt (Lit.: Higden). Dort breitete sich die Pest rasch über die Ostküste aus und war alsbald in London.

In der folgenden Darstellung wird im Wesentlichen das Buch “Svartedauen” des Pestforschers Ole Jørgern Benedictow zu Grunde gelegt. Er hat anhand der Quellen eine Art Itinerarium der Pestausbreitung entwickelt. Gegen seine Ergebnisse wird allerdings eingewandt, dass sie auf Voraussetzungen beruhen, die nicht immer tragfähig seien. Es werde zum Beispiel vorausgesetzt, dass es sich um die gleiche Pest handele, die im 20. Jahrhundert erforscht wurde. Diese Hypothese werde dann durch Auswahl, Deutung und Zusammenstellung der Quellen, die die Richtigkeit der Hypothese bereits unterstellen, bewiesen.[1]. Dass seine vorgefasste Meinung sogar Befunde negiere, ergebe sich auch aus seiner These, dass nur Ratten für die Übertragung in Frage kämen und, weil die Pest feststehe, es tatsächlich mehr Ratten in Norwegen gegeben haben müsse, als man bislang tatsächlich gefunden hat.[2] Gleichwohl wird ihm im folgenden im Großen und Ganzen gefolgt, weil die von ihm geschilderten geschichtlichen Abläufe davon kaum betroffen sind, und Gegenpositionen werden von Fall zu Fall angeführt.

Nach Benedictow gelangte die Pest 1349 nach Hamar. Dies schließt er aus dem Tod des Bischofs Hallvard in Hamar 1349. Es ist aber weder gewiss, dass Hallvard wirklich 1349 starb, noch ist gewiss, dass er an einer Seuche starb. In der Bischofschronik von Hamar wird das Jahr 1350 genannt, wurde aber von den Herausgebern in 1349 “berichtigt”. Durch Rückrechnung anhand der bekannten Ausbreitungsgeschwindigkeit der Pest kommt Benedictow zum Schluss, dass die Pest bereits im Herbst 1348 nach Oslo kam. Denn, was noch nie vorher geschehen war und auch später nicht geschah: Der Rat der Stadt stiftete im Februar 1349 dem Pestheiligen St. Sebastian einen Altar durch Zahlung einer beachtlichen Summe an die Chorherren der Osloer Bischofskirche.[3] Allerdings wird diese Herleitung als auf zu dünner Basis vorgenommen angesehen[1] und der Ausbruch der Pest in Oslo früher als in Bergen bestritten.[4] Alle Annalen behaupten übereinstimmend, dass die Pest 1349 von England nach Bergen kam.

Nach Benedictow breitete sich die Pest noch im Herbst 1348 von Oslo nach Kongehelle (in der Nähe von Göteborg) und im Mai 1349 im übrigen Südosten aus, wie ein Edikt von König Magnus Anfang September 1349 belege.[5], in welchem die Ausbreitung der Seuche in “ganz Norwegen” als Begründung dafür genommen wird, die Bevölkerung zur Vorbeugung zu Fasten und Gebet aufzufordern. Da Magnus II. auch König von Norwegen war und seine norwegische Administration in Oslo saß, wird es andererseits für unwahrscheinlich gehalten, dass er sich zu diesem Schritt erst im Herbst 1349 veranlasst sah, wenn die Pest bereits 1348 in Oslo angekommen war.[6] Für das schwedische Hinterland weiter im Osten ist die Pest erst 1350 urkundlich fassbar. Dies kann auf einen geringeren Warenaustausch, insbesondere geringen Transport von Korn von Norwegen aus zurückgeführt werden. Die Pest zog von Hamar durch Gudbrandsdalen nach Nidaros und brach dort im Herbst 1349 aus. Im isländischen Lögmanns-annáll wird für 1349 berichtet, dass eine Kogge von England nach Bergen gesegelt sei und die Pest dort eingeschleppt habe [7]. Die Beschreibung der Krankheit lässt auch keinen Zweifel daran, dass es sich um Beulen- und Lungenpest handelte. Aller Wahrscheinlichkeit nach war eine Ladung Korn aus Lynn das Transportmittel. Am 8. Mai 1349 hatte Edward III. nämlich ein Privileg für zwei Kaufleute in Lynn ausgestellt, 1 000 Quarter (=12 700 kg) Korn nach Norwegen zu verschiffen.[8] Die Folge der Pest in Bergen war, dass die Geistlichkeit dahingerafft wurde, so dass eine Seelsorge an den Sterbenden nicht mehr gewährleistet war. Die Geistlichkeit war besonders betroffen, da sie mit den Kranken durch die Spendung der Sterbesakramente in unmittelbare Berührung kam. Auf ein Gesuch des Erzbischofs gab Papst Clemens VI. die Erlaubnis, abweichend vom kanonischen Recht auch 10 unehelich geborene Männer und 10 Männer im Alter von 20 bis 25 Jahren (also jünger als sonst erlaubt) zu weihen.[9] Nach der isländischen Lögmanns-annál [10] starb 1349 Bischof Hallvard von Hamar an der Pest, und unmittelbar nachdem sein Nachfolger in Nidaros geweiht war, starb im gleichen Jahr auch der dortige Erzbischof Arne Vade Einarsson († 17. Oktober 1349) an der Pest.

Die Todesdaten der Bischöfe sind aber nicht sicher aus den Quellen zu ermitteln, da die Zeitangaben nicht immer zuverlässig sind. Das gleiche gilt für die Bischofschronik von Hamar. Die Chronik wurde zwischen 1542 und 1553 verfasst und liegt in einer Abschrift aus dem 17. Jahrhundert vor. Nach der Lögmanns-annál blieb in Nidaros ein Chorherr namens Lodin übrig. Er wählte (wahrscheinlich mit einigen neuen Chorherren) den neuen Erzbischof Olav (1350–1370). Wie weit sich die Pest nach Norden ausbreitete, ist nicht zu ermitteln. Die Quellen schweigen. Bekannt ist nur, dass kurze Zeit später über eine sehr geschrumpfte Bevölkerungszahl berichtet wird. Dies kann aber auch daran liegen, dass weiter im Süden viele Höfe herrenlos geworden waren und viele Menschen aus dem Norden nach Süden zogen. Der letzte, von dem bekannt ist, dass er in der ersten Pestwelle starb, war der Bischof von Stavanger Guttorm Pålsson am 7. Januar 1350.

Für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts wird geschätzt, dass sich im Gebiet des heutigen Norwegens ungefähr 64 000 Höfe befanden, zusammen mit den an Schweden verlorenen Gebieten Bohuslän und Südwestschweden dürften es etwa 73 000 Höfe gewesen sein. Seriöse Schätzungen gehen von einem Durchschnitt von 4,5 Personen pro Hof aus. Das bedeutete eine ungefähre Bevölkerungszahl von 330 000 Menschen vor der Pest. Davon lebten ungefähr 70 % in Südostnorwegen nördlich von Bohuslän. Vergleichende Studien über die Opferzahl im übrigen Europa erweisen eine Todesrate von 60 %. Sie starben nicht alle an der Pest, sondern verhungerten auch aufgrund des Zusammenbruchs jeglicher Versorgung. Das ergibt ungefähr 210 000 Tote. Nimmt man die für England erhobene Zahl von 62,5 %, so kommt man auf 220 000 Tote.[11] Von den Erkrankten überlebten die Pest nur 20 %.

Soziale Folgen

Die weitgehende Entvölkerung wirft zunächst die Frage auf, wieso sich die Pest in Norwegen mit seiner ländlichen Besiedlung so rasch ausbreiten konnte. Dies hängt mit den engen Beziehungen der Höfe untereinander zusammen. Die gesamte bäuerliche Gesellschaft war von einem Netz von Besuchen und Gegenbesuchen und allerlei Zusammenkünften durchzogen und wurde dadurch zusammengehalten. Dadurch, dass die Seuche nicht von Mensch zu Mensch, sondern durch Flöhe übertragen wird, waren auch die Toten noch Ansteckungsquellen. Und die christliche Pflicht des Totenbegräbnisses mit seinen Ritualen führte zu einer Zusammenkunft vieler Menschen im Hause der Verstorbenen, wo jeder dann die infizierten Flöhe auf seinen Hof mitnahm. So bezeugte der Pfarrer von Rollag in Buskerud, dass er dabei war, als Ànund Helgeson am achten Weihnachtstag starb. Bei dessen Tod waren anwesend Ragnhild Simonsdotter, Alvild Sveinskessson und viele andere gute Menschen.[12] Das gleiche geschah bei der Verteilung des Erbes unter die Erben, insbesondere des Hausrats, der Bettwäsche und der noch brauchbaren Kleidung. Hinzu kam der intensive landesweite Handel mit Korn und Mehl, ein ideales Transportmittel für die Flöhe. Der Handel war deshalb so intensiv, da nur so Salz zur Konservierung und Eisengerät an die Bauernhöfe gelangen konnte. Hinzu kommt noch die religiöse Interpretation der Pest als Strafe Gottes. Sie führte zu Pilgerfahrten und großem Menschenandrang vor den Altären der Pestheiligen, eine vorzügliche Basis für eine rasche Ausbreitung.

Der Einbruch der Bevölkerungszahl führte zunächst dazu, dass viele Landarbeiter sich auf öd gewordenen Höfen selbständig machten, so dass auf den größeren Höfen akuter Arbeitskräftemangel eintrat. Die arbeitsintensive Kornproduktion konnte nicht mehr in großem Stile fortgesetzt werden. Es standen nur noch 20–25 % der Arbeitskräfte im Vergleich zur Zeit vor der Pest zur Verfügung. Dadurch stiegen die Löhne der Arbeiter sprunghaft an. Das führte dazu, dass man auf die weniger arbeitsintensive Viehhaltung übergehen musste. Eine noch tiefgreifendere Folge war, dass auch die Großbauern nur noch so viel Land bestellen konnten, wie die eigene Familie bewirtschaften konnte. Das war genauso viel, wie der Kleinbauer in der Nachbarschaft bewirtschaftete. Der Zehnt und sonstige Abgaben gingen auf 20–25 % zurück. Das führte zu einer weitgehenden gesellschaftlichen Egalisierung. Niemals vorher und auch später nicht gab es eine größere Gleichheit in der norwegischen Bevölkerung als nach der ersten Pestwelle. Die Kleinbauern produzierten genauso viel wie die bisherigen Großbauern.[13]

Weitere Epidemien

Quellenlage

Obgleich den Überlebenden nun plötzlich bessere Wirtschaftsmöglichkeiten geboten wurden und die Heiraten daher stark zunahmen, stieg die Bevölkerungszahl in der Folgezeit nicht, sondern sank eher leicht bis ins 15. Jahrhundert hinein.[14]. Die wichtigste Erklärung dafür sind weitere Pestwellen. Die Quellen sind allerdings mager und bieten viele quellenkritische Probleme. Das größte davon ist, dass die Quellen nunmehr keine spezifischen Auskünfte über die Art der Krankheiten geben. Der häufigste Ausdruck in den isländischen Annalen dafür ist „großes Massensterben in Norwegen“ (bolnasott mikill j Noregi).[15] Dass die Annalen bolnasott, also „Beulenseuche“ benutzen, bedeutet nicht unbedingt, dass es sich um die Beulenpest handelt. Dieser spezifische Ausdruck trifft nur auf die Epidemie 1379 zu. 1348 wurde für die Pest das Wort Drepsótt (Todesseuche) verwendet.[16] Der Wortgebrauch ist also nicht zuverlässig. Die Worte wurden für alle epidemischen Krankheiten verwendet, insbesondere solche, die Blasen auf der Haut hervorrufen. Dafür sprechen Nachrichten über eine Pest in einer Stadt, zum Beispiel Bergen: Wenn keine deutliche Korrelation zu Pestepidemien bei den Handelspartnern festgestellt werden kann, dann handelt es sich wahrscheinlich um andere Epidemien, zum Beispiel Typhus oder Cholera. Denn die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Latrinen und Brunnen waren dicht beieinander. Eine Möglichkeit, die Pest von anderen Epidemien zu trennen, ist die Korrelation mit den Pestwellen im übrigen Europa. Allerdings zeigt sich, dass es in Kontinentaleuropa Pestepidemien gab, deren Auftreten in Norwegen nicht erwähnt wird. Das kann auf die schlechte Überlieferungslage zurückzuführen sein, die ihre Ursache im Wegsterben der für die Annalen und deren Archivierung verantwortlichen Personen hatte. Das kann auch daran liegen, dass die Nachrichten von einer Epidemie von Isländern aus Bergen oder Nidaros nach Island kamen. Diese wussten in der Regel nichts von den Seuchen im Ostland. Viele Pestseuchen blieben offenbar auch lokal begrenzt. Jedenfalls gibt es oft keine Informationen über eine landesweite Ausbreitung. Die isländischen Annalen hörten ab ungefähr 1400 auf, Epidemien in Norwegen zu verzeichnen, am längsten berichten noch die Annalen der Insel Flatey in Breiðafjörður.[17] und führen 1392 die letzte Pest auf. Aber die vermehrte Errichtung von Altären für die Pestheiligen in diesen Jahren ist ein Indiz dafür, dass auch in diesen Jahren in Norwegen die Pest aufgetreten ist.

Auf diese Weise kann eine Liste erstellt werden, in welchen Jahren zwischen 1348 und 1500 Norwegen von der Pest betroffen war. Ein ? hinter der Zahl bedeutet „nicht belegt, nur erschlossen“, ein Land dahinter in Klammern mit Jahreszahl bedeutet, dass die Pest von dort kam und wann sie dort gewütet hat.

In folgenden Jahren des 15. bis 17. Jahrhunderts war Norwegen von der Pest betroffen: 1348/1349 (England 1348/1349); 1360; 1370/1371; 1379 (England 1379–1383); 1391–1392 (England (1389–1393); 1400?; 1405?; 1420?; 1435?; 1438–1439? 1452 (Niederlande 1450–1454); 1459, 1463?; 1465–1472?; 1485?; 1500 (England 1499–1501). In der Folgezeit bis 1654 waren noch 14–15 Pestepidemien zu verzeichnen, so dass zwischen 26 und 31 Pestepidemien in Norwegen in der Zeit zwischen 1348 und 1654 gewütet haben. 1485 grassierte in England die als Englischer Schweiß bezeichnete Krankheit. Sie dürfte aber kaum nach Norwegen gedrungen sein, da die Besatzung eines Schiffes bei einem tödlichen Krankheitsverlauf binnen weniger Stunden die Überfahrt nicht überlebt hätte.

Dies macht erklärlich, dass die Bevölkerungszahl nicht steigen konnte. Weiterhin zeigt dies, dass die Pest im 15. Jahrhundert nicht von den Hansestädten, sondern von England und in einem Fall von den Niederlanden eingeschleppt wurde. Dies änderte sich später. Das zeigt auch, dass die Handelsbeziehungen zu England intensiver waren als zu den Hansestädten.

Die weiteren Pestwellen

Das bedeutendste Einfallstor der Pest in Norwegen war Oslo. Gleichwohl scheinen die Ostseehansestädte nicht die Hauptquelle gewesen zu sein. Das kann damit zusammenhängen, dass zum einen die Schiffe nach Oslo im Frühjahr bereits ausgelaufen waren, als die Pest die Ostseeküsten erreichte, zum anderen die Schiffe im Gegensatz zu den englischen Schiffen kein Korn mit sich führten - das ideale Transportmittel für den Pestfloh über weite Strecken. Daher sind die Kornlieferungen aus England als oberste Quelle für die Pestepidemien in Oslo und im geringeren Grad auch in Bergen anzusehen. Erst weit dahinter rangieren die Niederlande.

1358 trat in Norddeutschland eine Pestepidemie auf, die 1359 die Niederlande und 1360 England erreichte. Die in Norwegen für 1360 bekannte epidemische Seuche dürfte daher auch eine Pest gewesen sein. Diese Epidemie wurde offenbar von einer weiteren Epidemie überlagert, die die Bezeichnung „barnadauði“ (= Kindersterben) erhielt. Tödliche Seuchen, die speziell Kinder befielen, werden öfter in norwegischen Quellen genannt. Die Bezeichnung „Kindersterben“ legt nahe, dass es sich dabei um Pocken gehandelt hat. Eine andere plausible Erklärung ist, dass durch die vorangegangene Dezimierung der Bevölkerung die Zahl der Kinder überwog, denn diese wurden weiterhin geboren, nahmen daher im Verhältnis zu den Erwachsenen, die durch natürlichen Tod weiter abnahmen, zu und waren daher zahlenmäßig häufiger Opfer der Pest. Hinzu kommen noch die sekundären Folgen, indem erkrankte Erwachsene nicht mehr zur Versorgung der Kinder in der Lage waren, so dass diese auch ohne Ansteckung starben. Die Gesamtsterblichkeit war aber nicht mehr so hoch, weil zum einen die Bevölkerungszahl sich noch nicht von der vorigen Epidemie erholt hatte, zum anderen die Überlebenden der vorigen Pest, soweit sie erkrankt waren, noch eine gewisse Immunität besaßen. Man schätzt, dass der Seuche ungefähr 26 000 Personen zum Opfer fielen.

Die nächsten Seuchenwellen kamen in kürzeren Abständen und wurden von der Epidemie in Oslo 1370/1371 eingeleitet. Ein Bericht vom 15. August 1370 an Håkon VI. schildert die Pest in Oslo. Ihr war der Erzbischof Olav, der sich gerade dort aufhielt, zum Opfer gefallen. Diese Pest kam offenbar aus den Niederlanden, wo sie wütete, während sie in Norddeutschland und England 1369 bereits beendet war. Die Quellen berichten auch von einem Schiff aus Flandern, das um diese Zeit Oslo mit flämischen Stoffen angelaufen hatte.[18] Für 1371 wird dann für Westnorwegen in den isländischen Annalen ein Massensterben verzeichnet.

Nach den isländischen Annalen kam die nächste Epidemie 1391 bis 1392. Sie habe in Nord-Norwegen gewütet. Das spricht für einen Ausgangspunkt in Bergen. Die Flateyarannalen erwähnen ein Massensterben im Oslofjord (Viken) für das Jahr 1392, die ebenfalls von England eingeschleppt sein muss.

Weitere Folgen

Zwischen dem Landregister des Erzbischofs Aslak Bolt von 1435 und dem des Erzbischofs Olav Engelbrektsson von 1530 ist ein Pachtrückgang für die 90 Höfe, für die Daten für beide Jahre vorliegen, auf 11 % festzustellen. Das kann man auf die gesamte Gegend von Trøndelag übertragen.[19] Weiter im Landesinneren fiel der Pachtzins wesentlich weniger. Das bedeutet aber auch dort, dass der Bevölkerungszuwachs zwischen den Pestzeiten von der jeweilig nächsten Pestwelle mehr als aufgezehrt wurde. Ein fortgesetzter schwacher Bevölkerungsrückgang ist nicht zu übersehen. Mit der Umstellung von Getreideanbau auf Viehhaltung ging der Handel mit den Küstengebieten „Korn gegen Trockenfisch“ so weit zurück, dass der Küstenbevölkerung die Lebensgrundlage entzogen wurde. Das führte zu einer Wanderbewegung der Küstenbewohner in die guten aber verödeten Höfe nahe bei den zentralen Städten, was zur Verödung vieler Küstenorte führte. Vielerorsts blieben nur Geisterorte zurück. In den großen regionalen Zentren herrschte allmählich eine große soziale Gleichheit, weil es kaum abhängige Arbeitskräfte gab. Wegen der starken Konkurrenz zwischen den Großgrundbesitzern um die wenigen Arbeitskräfte sank der Pachtzins dramatisch bis ungefähr auf 20–25 %. Damit konnten die Bauern von ihrer Ernte mehr behalten als vorher und besser leben. Der Lebensstandard der Bauern hob sich kräftig. Aber es gab auch weitere Folgen: Die starke Bevölkerungskonzentration nahe bei den Städten führte zu einem geringeren Warentransport durch das Land mit Salz und Eisen und umgekehrt mit Flöhen durchseuchtem Korn und Mehl. Da die nichtbäuerliche Produktion und Lohnarbeit zum Beispiel in der Pelzverarbeitung oder im Bauhandwerk zurückging, musste möglichst viel selbst hergestellt werden. Die Höfe strebten daher nach weitgehender Autarkie. Das schwächte die Ausbreitungsenergie der Pest.

Während man für die Zeit vor Svarte dauen von einer Anzahl der Höfe von 64 000 im Gebiet des heutigen Norwegens (73 000 mit den im heutigen Schweden liegenden Gebieten) ausgeht, waren es um 1530 um die 24.000 beziehungsweise um die 27 000 Höfe. Da 90 % der Bevölkerung auf den Höfen lebte, lässt dieser Rückgang um ungefähr 63 % einen Schluss auf den Bevölkerungsrückgang im Gesamtzeitraum von 1348 bis 1530 zu, wobei der absolute Tiefpunkt um 1470 zu vermuten ist, etwa 30 % von der Zahl vor Svarte dauen. Die Bevölkerung wird für 1470 auf 120 000 geschätzt.[20]

Die innenpolitische Katastrophe kommt in einem Schreiben der Königin Margarete vom 18. Oktober 1370 an ihren Mann König Håkon VI. von Norwegen zum Ausdruck. Dort bittet sie um Geld zur Beschaffung von Nahrungsmitteln, sonst müssten sie auf ihrem Schloss in Akershus verhungern.[21] Da wütete die Pest in Oslo und im Umkreis. Die Pest hatte ihren Höhepunkt gerade vor der Erntezeit. Sie bat darin um Geld, nicht um sich aus dem Umland zu versorgen, sondern um Lebensmittel aus dem Ausland zu beschaffen. Die Pest zerstörte die Einkommensgrundlagen der Staatsmacht, also des Königs, des Adels und der Kirche. Die Heeressteuer (Leidangs-Steuer) für die Ausrüstung der Truppen und vor allem der Schiffe war kraft Gesetzes an den Landpachtzins gekoppelt. Fiel dieser auf 20–25 %, fielen auch die Steuereinnahmen entsprechend, was unmittelabere Auswirkungen auf die Verteidigungsbereitschaft des Landes hatte.

Die direkte Thronfolge war durch den Tod der männlichen Nachfolger unmöglich, ausländische Adelsfamilien heirateten ein, und so wurde die Union mit dem Nachbarland zu einer politischen und ökonomischen Notwendigkeit. Ende des 14. Jahrhunderts wurden einige neue Steuern auferlegt, so dass sich die Staatseinnahmen „nur“ halbierten. Mit der Dezimierung des Adels kam der Niedergang der Administration. Als eigentlichen Urgrund des Niedergangs sieht man heute, dass die landwirtschaftlich nutzbare Fläche Norwegens im Unterschied zu Dänemark und Schweden so gering war, dass Norwegen nur in ungestörter Produktion in der Lage war, einen eigenen Staat mit eigener Regierung zu unterhalten. Die Pest entzog dem Staat seine Existenzgrundlage.

Die Epidemien im 16. und 17. Jahrhundert

Die folgenden Epidemien grassierten in den Jahren 1500, 1506, 1521, 1525, 1529, 1547, 1565–1567, 1582–1584, 1599–1604, 1619, 1625, 1629, 1636–1639 und 1654. Die Pestwellen liefen ziemlich synchron zu den Pestwellen in England, Norddeutschland und den Niederlanden. Dabei fallen die drei Epidemien zwischen 1520 und 1530 auf, das einzige Jahrzehnt mit drei Pestwellen. Es ist auch das einzige Jahrzehnt, in dem auch in England drei Pestepidemien wüteten. Sie sind auf die wachsende wirtschaftliche Entwicklung auf dem Kontinent mit wachsendem Schiffsverkehr zurückzuführen. Dieser Gleichlauf gibt auch die Möglichkeit, die Pestepidemien von anderen Epidemien zu unterscheiden, wie Typhus, Pocken, Fleckfieber und ähnliche, die nicht von außen eingeschleppt wurden, sondern auf die hygienischen Verhältnisse in Norwegen zurückzuführen sind. Für Dänemark gibt es noch keine zuverlässige Erforschung der Pest für diesen Zeitraum. Während im 16. Jahrhundert die Pest hauptsächlich aus England eingeschleppt wurde, kam sie am Anfang des 17. Jahrhunderts gleichoft aus den Niederlanden, und später waren die Niederlande die Hauptquelle. Die Niederlande wurden zu dieser Zeit Haupthandelspartner Norwegens durch den Holzimport von dort. Nur die Pest von 1629 muss von einer norddeutschen Hansestadt eingeschleppt worden sein.

Solange Ausländern der Handel nördlich von Bergen verboten war, war Bergen der Hauptumschlagsplatz. Der Erzbischof in Nidaros schickte Trockenfisch nach Bergen, und auf der Rückfahrt nahmen die Schiffe allenfalls etwas Weizen und Roggen für den Haushalt des Erzbischofs mit, denn Trøndelag produzierte genügend Korn, ja sogar einen leichten Überschuss. Dieser wurde ins Hinterland verkauft und war praktisch pestfrei. Daher blieben die nördlichen innernorwegischen Gebiete von der Pest weitestgehend verschont. Die Pest kam also weniger durch den Handel als vielmehr durch die Pilger nach Nidaros.

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das Handelsverbot mit Nordnorwegen durch königliche Privilegien langsam aufgeweicht, so dass europäische Schiffe bis nach Nidaros fuhren. Das führte 1590 bis 1609 auch zu Pestausbrüchen in Nordnorwegen. Mittelnorwegen blieb dagegen von der Pest weitestgehend verschont, da dort keine Handelsstädte lagen, die von englischen oder den niederländischen Schiffen angelaufen wurden.

Der durchschnittliche Abstand zwischen den Epidemien lag knapp unter 10 Jahren. Eine 1905 errichtete Pestforschungskommission für Indien hat gezeigt, dass nach einer Epidemie im Wesentlichen nur noch Ratten leben, die gegen die Pest immun geworden sind, weil sie die Pest überlebt haben, aber nach etwa 7–10 Jahren diese Abwehr schwindet.[22] Die Abstände konnten bei hoher Verkehrsintensität und regem Warenaustausch daher auch auf 7 Jahre sinken. Noch kürzere Abstände sind nur für England in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bekannt. Das gilt aber nur für große Epidemien. Lokale Ausbrüche können durchaus asynchron verlaufen. In Norwegen waren große Epidemien auf den Südosten beschränkt. Für die Epidemien in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind auch die großen Wanderbewegungen der Heere des 30-jährigen Krieges verantwortlich.

Man kann also zwei Tiefstände der Bevölkerungszahl feststellen: einen Tiefstand um 1450 kann man dem ausgehenden Mittelalter zurechnen, einen weiteren 1530 der frühen Neuzeit.

Die Pest von 1529 bis 1530

Bislang war die Pest eine Strafe Gottes für die Sünden gewesen, so dass es auch keinen Sinn hatte, vor ihr zu fliehen. Im 16. Jahrhundert setzte ein großer Umdenkungsprozess ein. Man suchte nach natürlichen Ursachen.

Der Bericht aus einer kleinen und lokalen Pestepidemie um 1525 wirft ein bezeichnendes Licht auf die Änderung. In einer Gemeinde gab es Streit zwischen Pfarrer und Gemeinde. Als er von einer Bistumsversammlung in Hamar heimkam, brach dort kurze Zeit später die Pest aus. Die Gemeinde behauptete, er habe seine mit Pest verseuchten Kleider auf die Straße geworfen, damit die Bevölkerung die Pest bekommen sollte, und niemand betrat mehr die Kirche, so dass er sich versetzen lassen musste. Hier wird erstmalig der Gedanke fassbar, dass nicht Gott die Pest schickt, sondern diese zwischen und von Personen übertragen wird und zwar durch die Kleidung. Auch die Konsequenz, den Pfarrer und die Kirche zu meiden, war neu. Die klassische Vorstellung vom krankmachenden Miasma wurde nur dahingehend variiert, dass das Miasma an Gegenständen und Kleidern klebte und von dort ausgedünstet wurde. Die frühe Neuzeit brachte die eigene Beobachtung der Zusammenhänge auf. Der Adelige Eske Bille, dessen Briefarchiv erhalten ist, sandte dem Erzbischof Olav Engelbrektsson 1531 ein Fläschchen Kräuterbranntwein als Medizin.[23] Religiöse Gegenmaßnahmen werden nicht mehr erwähnt. Der dänische Humanist und Arzt Henrik Smidt schrieb 1535 En Bog om Pestilentzis Aarsage, foruaring og Legedom der emod (Ein Buch über die Ursache der Pest, den Schutz davor und ihre Heilung) (Lit.: Smidt). Er hatte in Rostock studiert (1514), wie auch Olav Engelbrektsson (1507). Die antike Medizin wurde wiederentdeckt, und religiöse Erklärungen und Maßnahmen gingen zurück. Aber es gibt auch noch Briefe, die eine rein religiöse Behandlung des Themas beinhalten. Alte und neue Sicht lebten noch nebeneinander.

Die schlimmste Welle war 1529. Sie erstreckte sich bis 1530. Sie wurde im dänischen Halland (auf schwedischer Seite an der Kattegatküste) vom Englischen Schweiß überlagert, dessen Krankheitsverlauf in wenigen Stunden zum Tode führt. In einem Brief vom 16. September 1529 wird besonders hervorgehoben, dass die Menschen sehr schnell starben, binnen eines halben Tages, höchstens eines Tages.[24] Die Pest hätte aber erst nach 3 - 5 Tagen zum Tode geführt. Doch diese Krankheit verschwand schnell, da durch den raschen Tod der Infizierten die Krankheitsverbreitung stark gebremst wird. Auch fielen dem Englischen Schweiß nicht so viele Personen zum Opfer, wie der Pest, die in Südnorwegen wütete.

Die Pest von 1547 bis 1548

Christian III. von Dänemark wollte sich 1547 nach norwegischem Brauch in Norwegen krönen lassen und befahl in einem Brief nach Akershus, dort die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, insbesondere die Lebensmittel für ihn und sein Gefolge zu beschaffen. Der Burghauptmann Peder Hansen schrieb am 23. Oktober nach Kopenhagen zurück, dass dies wegen der Pest unmöglich sei. Seine Metzger, seine Schreiber und seine Steuereintreiber seien alle der Pest zum Opfer gefallen.[25]

1549 gab es eine Seuche in Südwest-Telemark, die der dortige Burgvogt an den König berichtete: Die Eisenschmelze konnte nicht vonstatten gehen, weil es wegen des Todes der Bauern nicht genug Holzkohle gab. Er klagte aber nicht über Arbeitermangel in der Erzgrube. Das spricht gegen eine Pest. Damals arbeiteten dort viele deutsche Bergarbeiter wie auch der Bergvogt selbst, Heinrich Pflug. Daher ist es wahrscheinlich, dass diese eine Krankheit eingeschleppt haben, gegen die sie selbst bereits immun waren. 1480 grassierte der Flecktyphus in Europa.[26] Daher spricht viel für Flecktyphus. Das wäre dann der erste Flecktyphusausbruch in Norwegen gewesen.

Die Seuchen von 1550 bis 1600

Die dänisch-norwegische Regierung tat in dieser Zeit wenig gegen die Ausbreitung von Epidemien in Norwegen. Die Flecktyphus-Epidemie könnte dann auch der Ausgangspunkt für eine weitere Epidemie in den Jahren 1550–1552 gewesen sein, die in Bergen und Vestlandet ausbrach. Beidesmal waren vorwiegend Erwachsene betroffen. Kinder überlebten. Der Humanist Absalon Pedersøn führte ab 1552 ein Tagebuch.[27] Dort unterschied er terminologisch klar diese Seuche von der Pest. Dort nannte er die Krankheit „Flekksott“. Als er später die Pest in Dänemark und Bergen erlebte, verwendete er konsequent den Ausdruck „Pestilens“ für die Krankheit.

Nach Absalon Pederssøn brach 1565 in Bergen eine Pest aus, die dadurch ausgelöst wurde, dass ein bremisches Schiff aus Danzig kommend mit der Pest an Bord Bergen anlief. Die Besatzung starb. Einer der Besatzungsmitglieder verkaufte aber noch vorher eine Hose an einen jungen Mann, worauf dieser und alle seine Hausmitbewohner befallen wurden und starben. „Zu diesem Hof kam ein Student mit Namen Ingelbrikt Pederssøn und wurde sofort angesteckt. Aber man hofft, dass er überlebt, weil die Beulen an seinen Achseln aufgesprungen sind und der Barbier ihn pflegt. Er erkrankte am 6. September." Er überlebte tatsächlich, denn er wurde ein Jahr später zum Kapellan ernannt. In Danzig wütete damals die Pest. Außerdem war Danzig ein wichtiger Exporthafen für Korn aus den norddeutschen Landen geworden. 1565 brach die Pest auch in Oslo aus, wahrscheinlich aus Kopenhagen eingeschleppt, wo die Pest bereits 1564 ausgebrochen war. 1566 kam die Pest von Bergen per Schiff nach Trondheim. Die dortige Bevölkerung zu dieser Zeit wird auf ungefähr 1 500 Personen geschätzt. Davon dürften 40 % gestorben sein. Absalon Pederssøn berichtet von 600 Toten. Aber es gibt Dokumente, die darauf schließen lassen, dass die Pest 1567 auch auf dem Lande wütete.[28]

Die nächste Pest brach 1583 in Ost-Norwegen aus. Sie muss im Herbst 1582 mit den letzten Schiffen von England nach Oslo gebracht worden sein, von wo sie sich im frühen Frühjahr 1583 in der üblichen Geschwindigkeit zu Lande nach Gudbrandsdalen und Hedmarken ausbreitete. Denn in den Niederlanden und den Hansestädten brach sie auch erst im Sommer 1583 aus, während in England die Pest bereits seit 1581 wütete. Bemerkenswert dabei ist, dass der Pfarrer, von dem diese Nachricht erhalten ist, mit keinem Wort die Pest als „Strafe Gottes“ bezeichnet, während der König noch 1583 alle Bischöfe Norwegens zu Gebetstagen gegen die Strafe Gottes aufrief. Aber die Oberschicht wusste es auch besser: Als im Sommer 1583 die Pest in Kopenhagen und Helsingør ausbrach, wurde die Fährverbindung nach Haderslev in Jylland zum Schutz des Königs, der sich mit seinem Gefolge gerade in Jylland aufhielt, unterbrochen.

Aber erst für die Zeit, als 1592 die Pest in Kopenhagen ausbrach, sind administrative Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pest überliefert, die Einsichten in die Zusammenhänge erkennen lassen: Nach einem Erlass Christians IV. durfte niemand außer den Totengräbern die Häuser der Toten betreten, und es wurde der Handel mit gebrauchten Kleidern verboten.[29] Dies ist der erste offizielle Text, der die Pest auf weltliche Ursachen zurückführt. Die religiöse Sicht der Gottesstrafe blieb aber daneben bestehen. Denn im November 1593 befahl der gleiche König, an drei Tagen im Februar überall im Reich Gebetstage abzuhalten.[30] Im 16. Jahrhundert begannen sich in Norwegen langsam soziale Verhaltensänderungen durchzusetzen, die einer Ausbreitung der Pest entgegenwirkten. So breitete sich die Pest im Bezirk Toten (heute Vestre Toten und Østre Toten) nicht in den damaligen Bezirk Nordre Toten und die Pest in Hedmark nicht nach Østerdalen aus.

Am Ende des 16. Jahrhunderts trat eine Änderung im Erscheinungsbild der Epidemien ein. Sie brachen an vielen Orten gleichzeitig aus, aber blieben doch im Laufe der Zeit auf immer kleineren Raum beschränkt. Dies ist auf den immer größeren Holzbedarf in den Niederlanden zurückzuführen. Im 16. Jahrhundert wurden ungefähr 500 000 m³ Holz in die Niederlande exportiert. Bezahlt wurde mit Korn und modischen Stoffen aus Europas führenden Webereien in Amsterdam, Deventer, Hoorn usw., das ideale Transportmedium für Flöhe. Für diese Zeit rechnet man mit 2000 Schiffs-Anlandungen. An der Südküste entstanden an den Flussmündungen, wohin man Holzstämme flößen und wassergetriebene Sägewerke errichten konnte, eine ganze Kette von Verladestationen, die zum Teil auch richtige Siedlungen wurden, zum Beispiel Mandal und Flekkefjord in Vest-Agder, Arendal und Risør in Aust-Agder und Porsgrunn und sein heutiger Ortsteil Brevik, Larvik, Sandefjord, Holmestrand, Moss und Drammen, das aus den beiden Verladestellen Bragernes und Strømsø an der Mündung des Drammenselv entstanden ist.

1599 brach in Bergen eine Pestepidemie aus. Der Pfarrer von Rødøy notierte für 1599, dass sie zu St. Bartholomäi (= 24. August) einsetzte und sich über Stavanger, Trondheim und ganz Nordland ausbreitete. Nach dem eingangs beschriebenen Verbreitungsmuster muss die Pest Mitte Juli nach Bergen gelangt sein. Sie kann daher nur aus den Niederlanden gekommen sein. Denn dort gab es von 1599 bis 1604 eine Pestepidemie, während in Norddeutschland die Epidemie erst 1601 und in England erst 1602 einsetzte. Der damalige Schulmeister in Bergen notierte, dass im Sprengel der Domkirche und der Kreuzkirche im Jahre 1600 ungefähr 3 000 Menschen gestorben seien, im Bereich des Hansekontors (also unter den Deutschen) 164 Personen.[31]

Die Seuchen im 17. Jahrhundert

1603 brach die Pest in Tønsberg und in Østland aus. Dies geht aus den Notizen des damaligen Bürgermeisters von Tønsberg hervor.[32] Der erste Todesfall geschah am 16. August 1603. Sein ältester Sohn starb am 26. Dezember und seine älteste Tochter „zur gleichen Zeit“. Es geht aus dem Kontext allerdings nicht klar hervor, ob dies überhaupt der erste Todesfall war, oder nur der erste in seinem Haushalt. Das bedeutet, dass die Pest etwa am 24. Juli in Tønsberg eingeschleppt worden ist. In den Aufzeichnungen des Bischofs von Oslo Jens Nielssøn finden sich Nachträge aus der Zeit nach seinem Tod im Jahre 1600, die von dem späteren Besitzer der Aufzeichnungen, dem Pfarrer Jens Nilsøn in Strøm hinzugefügt wurden. Unter dem Jahr 1603 findet sich die Nachricht, dass der Pfarrer in Strøm in Sørdalen Palle Christoffersen Stub am 22. August 1603 an der Pest gestorben ist. Dabei erwähnte er auch die „Pestflecken“, die dem Tode vorausgingen.[33] Diese dichte Folge schließt es aus, dass die Pest über Tønsberg nach Norwegen gekommen ist; denn da hätte der Todesfall in Strøm wesentlich später stattfinden müssen. Vielmehr liegt es nahe, dass das Zentrum wieder in Oslo lag und von dort parallel nach Tønsberg und Strøm verbreitet worden ist. Eine wichtige Quelle zu dieser Pest sind die Steuerlisten zur Erhebung einer Gebäudesteuer aus den Gebieten um Oslo und aus dem ganzen östlichen Romerike zum Ausbau der Akershus-Festung von 1604. Dort sind eine ganze Reihe Ödhöfe aufgelistet, von denen keine Steuer erhoben werden konnte, weil die Bewohner großenteils gestorben waren. Die Höfe wurden in 3 Kategorien eingeteilt: Vollbetriebe, Kleinbetriebe („Halb-Höfe“) und Ödhöfe. In die letzte Kategorie wurden nur die Höfe aufgenommen, von denen man eine Steuer erwarten durfte, also nicht Wüstungen seit dem Mittelalter. Das bedeutete aber nicht, dass sie menschenleer waren, sondern nur, dass sie in einer Weise betrieben wurden, dass sie keine Steuer aufbringen konnten, also "öde“ im steuertechnischen Sinne waren. Die unmittelbar an Oslo angrenzenden Gebiete sind leider nicht erfasst, weil diese statt der Steuer Hand- und Spanndienste beim Festungsbau zu leisten hatten, so dass man aus Oslo und der Nachbarschaft keine Quellen hat. Aus der Liste geht hervor, dass die Katenbauern am schlimmsten betroffen waren. Bei ihnen verödeten 25 % der Höfe, während die Großbetriebe nur zu knapp 4 % betroffen waren. Dies erstaunt zunächst, da bei den Großbauern mit viel Personal und vielen auswärtigen Verbindungen eine größere Angriffsfläche für die Seuche zu erwarten wäre, als bei den isolierter lebenden Katenbauern. Die Erklärung liegt in der Eigenart der Pestausbreitung über das Korn: Die Großbauern deckten ihren Kornbedarf im Wesentlichen selbst. Die Katenbauern waren auf den Zukauf angewiesen, wofür sie nebenher Lohnarbeiten ausführten, die damals im Wesentlichen aus Holzfällen, Holzrücken und Flößerei bestanden. Die Bezahlung erfolgte nicht nur, aber auch durch Importgetreide aus England und den Niederlanden, das mit Pestflöhen durchsetzt war. Es gab noch einen weiteren Grund: In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es eine tiefgreifende Änderung der Wohnverhältnisse. Bis dahin war das Wohnhaus ein langgestrecktes Blockhaus mit offener Feuerstätte und einem Rauchabzugsloch im Dach. Der Boden bestand aus gestampfter Erde und war mit Stroh bedeckt.[34] Nunmehr wurde auf den reichen Bauernhöfen ein Schornstein über die offene Feuerstelle gesetzt, ein Holzboden gelegt, und Fenster statt der Dachluken eingebaut.[35] Der Holzboden konnte saubergehalten werden. Diese hygienischeren Verhältnisse waren für die Ratten und Flöhe schädlich. Daher zogen sich die Ratten aus den Aufenthaltsräumen zurück. Im 17. Jahrhundert war diese Neuerung im Vordringen, allerdings ist der Umfang ungewiss. Aber diese Änderung vollzog sich zunächst in den reichen Bauernhöfen und wurde erst später auch bei den ärmeren Bauern umgesetzt. Hinzu kommt wahrscheinlich auch das unterschiedliche Bildungsniveau. Bei den Großbauern hatten sich die Erkenntnisse über die Ansteckung bereits verbreitet, so dass man von den Erkrankten Abstand hielt, während man bei den Unterschichten die alten Sitten des Krankenbesuchs noch beibehielt.

Alles in Allem wütete die Pest diesmal nicht so schwer, als dass der Bevölkerungsschwund nicht in einigen Jahren hätte ausgeglichen werden können. Der allgemeine Bevölkerungszuwachs wurde in diesem Zeitraum kaum gebremst.

In den Jahren 1602 und 1603 wurde zumindest in den Lehen Nedenes (heute ein Teil von Aust-Agder), Lista (heute ein Teil der Kommune Farsund) und Mandal, beide in Vest-Agder, von den Lehnsherren ein Verbot erlassen, während der Pestzeit von seinem Wohnsitz fortzureisen. Das allerdings war keine durchgreifende Pestbekämpfungsmaßnahme. Es gibt für diese auch keine Anzeichen in den folgenden Jahren. Diese kommen erst in Verbindung mit den großen Pestkatastrophen in Dänemark 1618/1619.

1618 brach in Bergen die nächste und für das übrige Vestlandet auch die letzte Pestepidemie aus. Sie wurde wahrscheinlich aus den Niederlanden eingeschleppt. Quellen für diese Epidemie sind der Pfarrer Maurits Madssøn Rasch (Lit.: Rasch) auf der Insel Rødøy (Helgeland, Nordland-Fylke) und Mikel Hofnagel in Bergen. Letzterer beschränkte sich auf Bergen, während Madssøn auch über das übrige Nord-Norwegen berichtete. Hufnagel gibt Zahlen an, die auf einen guten Zugang zu geistlichen Registern schließen lassen. Nach ihm starben im Kirchspiel der Domkirche zu Bergen 2 650 Personen, 1 096 im Kirchspiel der Kreuzkirche, bei den Deutschen in Bryggen 278 Personen, insgesamt 3 997 Personen, also fast 1 000 mehr als in der vorangegangenen Epidemie, was allerdings auch auf die inzwischen wieder gewachsene Bevölkerungszahl zurückzuführen ist. Die Pest breitete sich über das Westland aus, also in die heutigen Fylke Hordaland und Sogn og Fjordane, da dort die Lehnsgüter der Festung Bergen für deren Unterhaltung lagen. Der Burghauptmann Knut Urne musste König Christian IV. berichten, dass er die fällige Steuer nicht zum 11. November werde zahlen können, da die Pest auf den Lehnsgütern gewütet habe.

Bergen spielte für die Kornversorgung Nordnorwegens eine zentrale Rolle. So kam die Pest auch nach Trondheim und einigen Distrikten in Nordland, aber nicht nach Trøndelag. Hier macht sich das Ausbleiben der Pilgerströme nach der Reformation bemerkbar.

Die ersten Maßnahmen

Die große Pestkatastrophe in Dänemark und Bergen der Jahre 1618 und 1619 führte endlich zu energischen Maßnahmen der Obrigkeit gegen die Ausbreitung der Pest. Es wurde die Quarantäne für Schiffe aus Pestgebieten eingeführt. Der Burghauptmann von Kronenborg wurde angewiesen, Personen von Schiffen aus Bergen nicht an Land zu lassen, weil dort die Pest herrsche. Einige Häuser in Helsingør waren pestbefallen, weil man einigen Personen erlaubt hatte, an Land zu gehen, und es wurde angeordnet, dass alle infizierten Häuser isoliert würden.[36] Ab den 20er Jahren des 17. Jh. wurde dies bei der Pestbekämpfung die vorherrschende Methode. Auch die 1620 wahrscheinlich aus Dänemark nach Schweden eingeschleppte verheerende Pestepidemie, die bis 1624 anhielt gab der Bekämpfung durch radikale Mittel neuen Auftrieb. Christian IV. kümmerte sich persönlich um dieses Problem, wie die Zahl der Rapporte, der Lageberichte und seine administrativen Maßnahmen gegen die Pest zeigen. Er setzte sogar Militär ein, um die Rückkehr der Pest aus Schweden nach Dänemark zu verhindern. Die gesamte Grenze gegen Schweden wurde geschlossen, sogar für den diplomatischen Verkehr mit Russland und Deutschland, weil die Diplomaten durch pestverseuchtes Gebiet gereist waren.

1623 beantwortete der Burghauptmann von Båhus Jens Sparre einen Erlass König Christians IV., in dem er aufgefordert wurde, auf die Pestentwicklung jenseits der norwegisch-schwedischen Grenze zu achten und gegebenenfalls die Grenze zu schließen, mit der Nachricht, dass die Pest Göteborg erreicht habe und ein Schneider auf der Insel Hisingen vor Göteborg, die damals (bis zum Roskilde-Frieden von 1658) noch zur Hälfte zu Norwegen gehörte, an der Pest gestorben sei. Die Pest war bis auf 1 Meile an Båhus herangerückt. Das übrige Südost-Norwegen war noch nicht unmittelbar bedroht. Die Pest war ins Värmland eingedrungen, das dem heutigen Østfold und Süd-Hedmark benachbart ist, und auch in die Bischofsstadt Skara im Norden von Västergötland. Am 18. November berichtete er, dass die Pest nicht auf norwegisches Gebiet übergesprungen sei, sondern weiterhin nur auf schwedischem Gebiet wüte. Der folgende Winter beendete die Seuche, so dass der König mit Erlass vom 11. Januar 1624 die Öffnung der Grenzen gestattete.

Diese Korrespondenz zeigt eine neue Entwicklung in der norwegischen und dänischen Geschichte, nämlich einen zentralisierten gesellschaftspolitisch organisierten Kampf gegen die Pest. Die Zentralverwaltung setzte zu diesem Zweck die Lokalverwaltung und das Militär ein. Sie fand ihren vorläufigen Höhepunkt in einer königlichen Verordnung vom 15. Januar 1625 über die Seuchenbekämpfung.[37] Sie war bahnbrechend für den Einsatz der gesamten Staatsgewalt zur Seuchenbekämpfung und führte schließlich zur Beendigung der Pestausbrüche in Norwegen. Allerdings war sie auf dänische Verhältnisse zugeschnitten. Denn sie befahl schon zu Beginn den Bürgermeistern der Stadt, zusammen mit den Ratsherren, dem Pfarrer und den "Ärzten“ (Badern), Personen auszuwählen, die sich im Falle einer Erkrankung an einer Seuche um die Kranken zu kümmern hatten. Nun gab es in Norwegen kaum Städte, dafür aber viele kleine Verladestellen ohne irgendeine kommunale Organisation, geschweige denn einem Bürgermeister, mit regem Schiffsverkehr. Das war ein bedeutendes Einfallstor für die Pest, und in der Jahrhundertwende gab es viele Pestfälle dort. Aber schon die Konzentration auf die Städte zeigte Wirkung, denn diese hatten ein bei weitem größeres und internationales Handelsvolumen. Entscheidend war aber § 2: Sobald bekannt sei, dass in einer ausländischen Stadt eine Seuche ausgebrochen sei, sei jeglicher Handel und Verkehr mit dieser unter schwersten Strafen und Konfiskation verboten. Auch Personen von inländischen Orten, in denen eine Seuche ausgebrochen sei, dürften in seuchenfreie Gebiete nicht hineingelassen werden. Bei Verstoß sollten diese Personen 4–5 Wochen in speziellen Pesthäusern untergebracht werden, also eine Quarantäne. Es wurden Bestimmungen über die Errichtung von solchen Pesthäusern getroffen. Wo Verhältnisse besondere Pesthäuser nicht zuließen, konnten auch Wirtshäuser verwendet werden. In Norwegen wird nur ein einziges mal ein Pesthaus erwähnt, nämlich 1654 in Bragernes bei Drammen. Personen aus Häusern, in denen die Pest ausgebrochen war, war es verboten, sich unter die Leute zu mischen oder andere Menschen ins Haus zu lassen. Sie mussten Türen und Fenster geschlossen halten. Das war gegen das Miasma gerichtet. Ausnahmen gab es nur für den Pfarrer, den Bader und den „Pestmeister“. Es folgten Bestimmungen über die isolierte Beerdigung. Zuletzt wurden die Bestimmungen gegen die offenbar um sich greifende Unsitte getroffen, verstorbenes Dienstpersonal nachts irgendwo auf der Straße abzuladen, wo niemand die Toten kannte, um so der Quarantäne zu entgehen und noch aus der Stadt flüchten zu können. Die Stadtverwaltung hatte für die Ernährung der so Isolierten zu sorgen. Die Quellen aus 1630 und 1654 belegen, dass diese Bestimmungen in Oslo eingehalten wurden.

Auf dem Lande, wo die Rattenkolonien weit voneinander getrennter Bauernhöfe keine Verbindung miteinander hatten, zeigte die Befolgung dieser Bestimmungen eine große Wirkung, nicht aber in der Stadt. Denn wenn eine Rattenkolonie durch die Pest zu stark geschwächt war, dann konnte sie ihr Revier nicht mehr gegen andere Kolonien verteidigen. Das bedeutete, es drangen Ratten aus den Nachbarkolonien ein und infizierten sich und damit auch ihre eigene Kolonie. So breitete sich die Pest langsam aber unaufhaltsam durch die geschlossene Bebauung hin aus. Dies ist deutlich an der letzten großen Pestepidemie 1654 in Oslo abzulesen.

Es kristallisierte sich bald die Erkenntnis heraus, dass es nur eine wirksame Abwehr gegen die Pest gab: Es musste unter allen Umständen verhindert werden, dass sie überhaupt ins Land kam. Dies konnte nur durch eine zentral koordinierte Schließung der Grenzen geschehen. Die einzige Macht, die dazu in der Lage war, war der Staat selbst. Nur die Staatsleitung hatte die Mittel, ein internationales Berichtswesen über die Pest im Ausland zu organisieren, nur sie konnte zentral den Handel mit pestbefallenen Hafenstädten des Auslands unterbinden, notfalls unter Einsatz des Militärs. Dies führte zu einem wesentlichen Ausbau und zu einer Intensivierung des Staatsapparates. Die innenpolitischen Steuerungsmöglichkeiten wuchsen bedeutend und wurden zu einem wesentlichen Element des frühmodernen Staates. In diesem Prozess war die Seuchenverordnung von 1625 ein Meilenstein. Die Verordnung wurde bei der verheerenden Pest in Bergen 1629 und auch 1643 erneuert.

Erneute Pestangriffe

1624 verstärkte sich der Druck der Pest auf die norwegischen Grenzen: 1620–1624 heerte die Pest in Schweden, insbesondere in Göteborg. Gleichzeitig gab es große Pestepidemien in England und den Niederlanden sowie in vielen Hansestädten wie Bremen, Rostock und Danzig. 1625 heerte die Pest in Kopenhagen. Sie verschwand im Winter 1625/1626. Auf einer Thingversammlung auf Finnøy 1627 wurden als Pestgebiete, mit denen kein Verkehr erlaubt war, verkündet: Die Hansestädte und die Städte in Holstein, außerdem Skien und ganz Telemark. Südnorwegische Städte wurden nicht aufgeführt, was den Schluss zulässt, dass dort keine Pest mehr aufgetreten war. Skien war besonders gefährdet, da es eine Schlüsselposition im Holzhandel innehatte. 1626 hatten zum Beispiel mindestens 110 ausländische Schiffe Skien angelaufen, 62 von den Niederlanden, 13 von Dänemark, 30 von Schleswig-Holstein, 4 von England und 1 Schiff aus einer Hansestadt.[38] 72 Personen starben an der Pest, davon 58 bis Mai 1626. Auch hier waren die Unterschichten überproportional betroffen, was auf die schlechteren Wohnverhältnisse zurückzuführen ist, nämlich gestampfter Boden mit Strohschüttung oder in der Scheune oder im Stall eines Großbauern; diese waren der übliche Schlafplatz für Knechte zu dieser Zeit. Nur der Hausherr und seine Frau hatten ihre Schlafplätze im Haus. Oddur Gottskálksson übersetzte das Neue Testament in Skálholt im Stall. Er war wegen des Viehs der wärmste Ort. Die allgemeine Verbreitung des Dielenbodens auch bei Handwerkern und Kleinbauern dauerte bis 1750, vereinzelt auch länger. Die lokale Begrenzung auf Teile Telemarks ist auf die strikte Befolgung der königlichen Verordnung über die Isolierung befallener Gebiete zurückzuführen.

1629 heerte die Pest in Bergen. Die Friedhöfe waren voll, und es musste ein neuer Friedhof ausgewiesen werden, der St.-Jakobs-Friedhof. In den 7 Monaten von Juni bis Dezember 1629 starben insgesamt 3 183 Menschen (Lit.: Hofnagel). Zum dritten Mal in drei Jahrzehnten wurde ein Großteil von Bergens Bevölkerung von der Pest dahingerafft. Das war die vorletzte Epidemie in Bergen. Die Seuche blieb auf Bergen beschränkt. Die behördlichen Maßnahmen begannen zu greifen. Die Pest kam aus den Hansestädten, wo sie in den Wirren des 30-jährigen Krieges aufgekommen war und von 1628 bis 1630 wütete. Wenn man den eingangs geschilderten Pestverlauf vom Juni 1629 zurückrechnet, wurde sie im April 1629 eingeschleppt. Die ersten Frühjahrsschiffe verließen die Heimathäfen zu Beginn des April. Im kalten Winter darauf brach die Seuche abrupt ab und flammte im folgenden Frühjahr erneut auf, eine für die Beulenpest charakteristische Abfolge.

Am 12. Juli 1629 brach die Pest auch in Trondheim aus - die letzte Pestepidemie dort. Sie währte bis zum Neujahrstag 1630. 978 Personen starben. Die Bevölkerungszahl Trondheims lag zu der Zeit in der Größenordnung von 2 500 Einwohnern.[39] Das bedeutet, dass ungefähr 40 % der Bevölkerung an der Pest gestorben sind. Auch hier beschränkte sich die Pest auf die Stadt und kam nicht ins Umland.

1630 brach in Oslo (seit 1624 Christiania) die Pest aus. Diese muss nicht, wie die Pest von 1629, aus den Hansestädten gekommen sein. Denn 1630 grassierte die Pest auch in England. Die erhaltenen Zolllisten zeigen, dass im Jahr davor zwischen 75 und 100 ausländische Schiffe Oslo angelaufen hatten, um Holz zu laden. Die Mehrzahl kam aus den Niederlanden und Umgebung, 10 aus Hansestädten und 10 aus England und Schottland. Die Weiterentwicklung der Schiffstypen erlaubte es, früher im Jahr die Fahrt aufzunehmen und bis später im Herbst noch zu segeln. Sie brach im Mai 1630 aus und erreichte in den Monaten Juli und August ihren Höhepunkt. Die Pest kann also schon im Spätherbst 1629 nach Oslo gelangt sein. Aber vieles spricht dafür, dass sie im April 1630 die Rattenkolonien befallen hat.

Damals war es gute alte Sitte gewesen, dass die Schüler und Lehrer der Domschule bei einer Beerdigung den Sarg mit Psalmen begleiteten. Dieser Brauch konnte angesichts der vielen Beerdigungen am gleichen Tag nicht aufrechterhalten werden. Außerdem verstieß er gegen die königlich Pestverordnung und wurde unterbunden. Der Bischof und der Bürgermeister erließen eine neue Beerdigungsvorschrift: Alle Personen, die an einem Tage starben sollten am nächsten Tag zusammen begraben werden. Wenn die Kirchenglocken läuteten, sollten alle Särge fertig auf der Straße stehen. Die Schüler sollten an dem letzten Sarg der Straße mit den meisten Toten stehen. Beim nächsten Geläut sollten die Särge aus den Nebenstraßen auf diese Straße gebracht werden. Dann sollte die Leichenprozession mit allen Särgen zum Friedhof ziehen. Daraus ergibt sich, dass zu dieser Zeit viele Menschen am gleichen Tag starben. In einer Bildunterschrift in einer Kirche wird der abgebildete Pfarrer als der letzte Tote von 1300 Pesttoten bezeichnet. Von den früheren Einwohnern lebten nicht alle in der Stadt Christiania, weil 1624 ein Großbrand viele Einwohner vertrieben hatte, die nicht zurückgekehrt waren, sondern sich in den heutigen Stadtteilen „Gamle Oslo“, Vaterland und Grønland niedergelassen hatten. Christiania selbst dürfte 3000 Einwohner besessen haben. Knapp die Hälfte fiel also der Pest zum Opfer. Aber die Stadt erholte sich rasch durch Familien, die aus dem Umland nach Oslo zogen, wo durch den Holzhandel gutes Geld zu verdienen war.

Der Holzhandel war das Einfallstor der Pest geworden: 1602 in Arendal, 1620 in Mandal, 1625 in Flekkefjord und Langesund. Aber auch andere Neuerungen sind zu berücksichtigen, zum Beispiel die neuen Bergwerksgesellschaften. Auf königlichen Beschluss hin wurde 1624 in Kongsberg eine Zeche gegründet. Aus den dortigen Quellen geht hervor, dass viele Bergwerksgesellen erkrankten. Versorgt wurde Kongsberg von Bragernes am Drammenselv, heute Stadtteil von Drammen, einem bedeutenden Holzumschlagsplatz mit Flößerei aus dem Inland und vielen Sägemühlen. Dort scheint die Pest in Kongsberg ihren Ausgangspunkt gehabt zu haben. Das gilt auch für die nächste Pestwelle in Kongsberg 1639. Damit ist die Herkunft aber noch nicht ausreichend geklärt, da sie sich 1639 in Nordeuropa und in den Jahren davor totgelaufen hatte. Es gab nur wenige Pestfälle. Nur in Danzig und einigen ostpreußischen Städten gab es Epidemien. Es bleibt nur die Erklärung, dass ein Schiff mit Waren aus der Nordsee nach Danzig gefahren ist, dort seine Waren ausgeladen und stattdessen Getreide geladen hat und damit zum Holzeinkauf nach Bragernes gesegelt ist. Ähnlich war es ja 1565 geschehen, als ein Schiff aus Bremen zunächst Danzig angelaufen und von dort die Pest nach Bergen gebracht hatte. Die Zechendirektoren von Kongsberg kauften das Korn in Bragernes zur Versorgung der Grubenarbeiter. Auch die Hafenstadt Tønsberg war von der Pest betroffen.

Man sieht in der geschichtlichen Entwicklung zwei gegenläufige Tendenzen: Der rege Holzhandel mit vielen Ladestellen an der Küste führte einerseits zu einem hohen Druck der Pestepidemien auf Norwegen mit immer mehr Pestausbrüchen in den Einfallstoren, andererseits führte das gewandelte Seuchenverständnis und der damit einhergehenden sofortigen und radikalen Isolation der Pestherde dazu, dass diese Ausbrüche auf immer engeren Raum beschränkt wurden.

Das Ende der Pestepidemien in Norwegen

1637 kam es zum letzten Pestausbruch in Bergen. Hofnagel berichtet von 2500 Toten an der Pest und den Pocken, wahrscheinlich Wasserpocken.[40] Diese rafften vor allem Kinder dahin, die durch die Unterversorgung pestkranker Eltern bereits geschwächt waren. Die Forschung hat gezeigt, dass in einem Ort, in dem die Pest ausgebrochen ist, beim Tod der Mutter und Überleben des Vaters 9 von 10 Kindern starben, im umgekehrten Falle, wenn die Mutter überlebte, aber der Vater starb, starben 9 von 13 Kindern, wenn beide Eltern überlebten, 11 von 47 Kindern.[41] Dass mehr Kinder starben, wenn die Mutter der Pest erlegen war, als wenn der Vater gestorben war, ist auf die Säuglinge zurückzuführen, die ohne Mutterbrust verhungerten. Erwachsene waren meist bereits immun. Umgekehrt starben Kinder, die sich die Pocken zugezogen hatten, leichter an der Pest. Eine Unterscheidung wurde zu dieser Zeit nicht gemacht, da es nur einen Ansteckungsweg gab, das Miasma. Aber man geht davon aus, dass im Wesentlichen die Pest und nicht die Pocken die eigentliche Todesursache gewesen ist.

Überhaupt ist mit vielen Krankheiten in der Stadt zu rechnen, die die Widerstandskraft gegen die Pest entscheidend schwächten. Brunnen, Ställe, Misthaufen und Abwassersickergruben lagen dicht beieinander und die Straßen waren voll mit Abfall und Müll. Die Kühe wurden täglich durch die Stadt auf die Allmenden getrieben, und so mischten sich zum Abfall noch die Kuhfladen.

Wenn man die 5 Pestepidemien in Bergen seit 1565 vergleicht und den Erfahrungswert zugrundelegt, dass ungefähr 40 % der Bevölkerung einer Pestepidemie zum Opfer gefallen ist, ergeben sich folgende Bevölkerungszahlen jeweils zu Beginn der Epidemie:

  • Pestopfer in Bergen 1565–1637 und
  •        Bevölkerungszahl bei einer
  •              Todesrate von 40 %
  • Jahr       Pestopfer Einwohnerzahl
  • 1565–67  2 050        5 125
  • 1599       3 200        8 250
  • 1618       3 997      10 000
  • 1629       3 171        8 000
  • 1637       2 500        6 250
  • Alle       14 918

Diese Schätzungen sind deshalb zulässig, weil sich die maßgeblichen Randbedingungen (Wohnverhältnisse, Nahrungsmittelbeschaffung und Arbeitsverhältnisse) in dieser Zeit in der Stadt nicht verändert haben. Nur über die Witterung, die ebenfalls auf die Stärke der Epidemie Einfluss hatte, wissen wir nichts. Aber der Einfluss liegt innerhalb der Ungenauigkeits-Bandbreite einer solchen Schätzung. Auch die behördlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung können einen gewissen Einfluss gehabt haben, der aber in der Stadt eher gering war, da eine Rattenbekämpfung ja nicht stattfand. In den 70 Jahren von 1565 bis 1637 sind also ungefähr 15 000 Menschen an der Pest gestorben, davon allein in den letzten 39 Jahren von 1599 bis 1637 13 000 Menschen. Dem steht eine starke Bevölkerungsentwicklung zwischen 1565 und 1618 trotz zweier Epidemien gegenüber. Diese korreliert gut mit den Kenntnissen über den Zuzug von Bevölkerungsteilen aus dem Umland und dem wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt im gleichen Zeitraum. Zwischen 1618 riss die Pest zwar große Lücken in die Bevölkerungszahl Bergens, sie wurden aber immer wieder durch den Zuzug aus dem Umland ausgeglichen, wo die Bevölkerung ebenfalls zunahm.

1645 wurde für alle Personen über 15 Jahren in Bergen eine Kopfsteuer erhoben. Das waren 3668 Personen. Die Steuerlisten lassen also die Anzahl der Personen unter 15 Jahren offen. Volkszählungen in Oslo 1769 und 1801, einem Zeitraum mit sehr geringem Zuzug in die Stadt und einem dramatischen Rückgang der Einwohnerzahl, zeigen, dass die Stadtbevölkerung nicht in der Lage war, aus eigener Fruchtbarkeit ihre Einwohnerzahl zu halten,[42] weil die unhygienischen Zustände eine viel zu hohe Kindersterblichkeit zur Folge hatten (Lit.: Fossen). Gleichwohl rechnet man mit einem Durchschnitt von 1,75 Kindern pro Ehepaar, weil die vielen Todesfälle unter Erwachsenen neue Ehen hervorbrachten, in denen die Partner halbwaise Kinder aus früheren Ehen mitbrachten oder vollwaise Kinder von verstorbenen Verwandten aufgenommen hatten. Das Bevölkerungswachstum war also damals immer auf den Zuzug von außen angewiesen. Dies berücksichtigt kommen sorgfältige Berechnungen und Vergleiche mit anderen Städten mit besserer Datengundlage zu einer Gesamtbevölkerung von ungefähr 6500 Personen.[43]

Die letzte Pestepidemie in Norwegen brach 1654 im Südland aus. Betroffen war Oslo, das nun Christiania hieß, und dessen Umgebung im Oslofjord. Sie hatte ihren Ursprung in den Niederlanden, wo sie 1652 bis 1656 wütete. 1654 war auch eine Epidemie in Kopenhagen, die sich über viele Städte in Sjælland ausbreitete. Aber die Epidemie kam so früh nach Christiania, dass sie im Herbst davor aus den Niederlanden eingeschleppt worden sein muss.

Die ersten Kirchenbücher in Christiania wurden 1648 geführt und waren Rechenschaftsbücher über kirchliche Handlungen mit ihren Einnahmen. Dies beeinträchtigt ihren Quellenwert; denn die Begräbnisse von Reichen wurden einzeln aufgeführt mit Namen und dem gezahlten Betrag, die Begräbnisse Armer wurden nur summarisch aufgrund von Angaben der Leichenbestatter erwähnt. Während in den Jahren vor der Pest im Durchschnitt 127 Personen jährlich begraben wurden, betrug die Zahl der Beerdigungen im Jahre 1654 1523. Die Seuche brach am 30. Juli 1654 aus, als zwei Mädchen im gleichen Haushalt an der Pest gestorben begraben wurden. Sie waren also drei Tage vorher gestorben. Auch der ziemlich gleichzeitige Tod aller Mitglieder eines Haushalts, der in Oslo zu beobachten war,[44] ist typisch für die Beulenpest, bei der die Rattenkolonie für die Flöhe ziemlich gleichzeitig nicht mehr ausreichende Nahrungsgrundlage bietet und die Flöhe daher gleichzeitig die Menschen anfallen. Von den 92 Soldaten der Festung starben 39 gleichzeitig am 1. November 1654. Erst als die Sterberate anschwoll, wurde die Beerdigung auf den dem Tode folgenden Tag befohlen, damit das Miasma sich nicht ausbreiten konnte. Zu der eingangs geschilderten Ausbreitungsgeschwindigkeit passt, dass am 9. August bereits vier Beerdigungen stattfanden, das 11-fache der üblichen durchschnittlichen Zahl von einer Beerdigung in drei Tagen. Die Spitze wurde am 24. September mit 25 Beerdigungen erreicht. Die Epidemie endete in der Mitte des November. Zwischen dem 12. und 18. November ist keine Beerdigung im Kirchenbuch verzeichnet. Also auch die letzte Pestepidemie zeigt das typische Muster des saisonalen Auftretens der Beulenpest, die bei kaltem und feuchten Wetter verschwand. Auch die besondere Betroffenheit der Festungsbesatzung, insbesondere im Herbst, passt gut ins Bild der Beulenpest: Der Lebensmitteltransport in die Festung, die Einlagerung von Mehl und Korn und die Ablieferung des Zehnten an Getreide im Herbst führte zu einer Blüte der Rattenkolonien und des Flohbefalls. Insgesamt starben 1 465 Personen während der Pest. Berücksichtigt man die Todesfälle, die nach dem allgemeinen Durchschnitt ohnehin zu erwarten gewesen wären, verbleiben immerhin 1440 von der Pest verursachte Sterbefälle. Darin sind nicht die Toten unter der Besatzung der Akershus-Festung enthalten, da die Festung nicht zu Oslo sondern zu Aker gehörte. Die Einwohnerzahl Christianias unmittelbar vor der Pest wird mit 3–4 000 Menschen angesetzt. Die Schätzung beruht auf einer angenommenen Sterberate von 3,5 % (aus einer Volkszählung von 1769) in der Gesamtbevölkerung und durchschnittlich 127 Beerdigungen in Christiania pro Jahr. Allerdings ist der Ansatz zweifelhaft, da die auf Gesamt-Norwegen bezogene durchschnittliche Sterberate von 3,5 % in den großen Städten aus nachfolgenden Gründen sicherlich überschritten wurde.

Die hygienischen Verhältnisse waren ebenso katastrophal wie oben für Bergen geschildert. Es gab in ganz Christiania einen angestellten Mann, der Nachts Abfälle zu räumen hatte. Es gab kein sauberes Trinkwasser in der Stadt. Die normale Sterberate lag hier höher als die Geburtenzahl: 127 Beerdigungen pro Jahr standen durchschnittlich nur 118,5 Taufen gegenüber. Die Einwohnerzahl konnte sich also nur über Zuwanderung halten. Das galt auch noch lange Zeit danach. Zwischen 1769 und 1801 (zwei Jahre mit Volkszählung) starben jährlich 50 Menschen mehr als getauft wurden.[42] Benedictow[45] geht daher plausibel von 4 % aus und hält auch 4,5 % für möglich, was zu einer Einwohnerzahl von 3 175 bzw. 2 800 Personen führt, von denen 40–50 % 1654 an der Pest starben. Aber die Unsicherheiten sind gleichwohl groß, denn es ist mit einer von der Pest von 1630 deformierten Alterspyramide zu rechnen. Nach der Pest von 1630 waren viele junge Menschen in die Stadt gezogen, die dort nun sowohl freigewordene Wohnungen als auch Arbeit fanden. Es war zu einem regelrechten Babyboom gekommen, so dass die Pest von 1654 auf eine Bevölkerung mit überdurchschnittlich vielen jungen Erwachsenen traf. Deren Eltern waren aber großenteils bereits gestorben. Daher war es vorübergehend zu einem Geburtenüberschuss gekommen, und die Sterberate war wesentlich niedriger als normal. Die Kirchenbücher weisen die Zeit von 1648 bis 1650 eine Geburtenrate von durchschnittlich 130 Geburten im Jahr aus. Für die folgende 3-Jahresperiode waren es nur noch 106 Taufen pro Jahr. Das erklärt auch die genannte relativ hohe Taufrate von 118,5 im Durchschnitt für den Gesamtzeitraum. Damit kommt man zu 20 Sterbefällen mehr als Taufen im Jahresdurchschnitt.

Von Christiania kam die Pest im Herbst 1654 nach Ullensaker in Akershus-Fylke 25 km nördlich von Christiania. Es gibt dazu keine unmittelbaren Quellen, sondern nur ein Protokoll von einer Thingversammlung in Ullensaker von 1669, worin von einer „Pest vor 15 Jahren“ die Rede ist. Sie kam auch nach Trøgstad im Fylke Østfold, wo sie ab Mitte September ein Drittel der Einwohner dahinraffte. Wie die Seuche in dieses weit im Inland isolierte Bauerndorf gelangte, ist nicht zu ermitteln.

Auch die Verladestellen am Meer in Asker wurden von der Pest heimgesucht. Dorthin kamen viele ausländische Schiffe, um Holz einzukaufen. Es handelte sich um die Verladestellen Arnestad, Bjerkås und Gisle, heute Teile von Asker südwestlich von Oslo. Auch hier ist das Phänomen zu beobachten, dass das Gebiet zwischen Christiania und diesen Verladestellen, nämlich Bærum, pestfrei geblieben ist. Daraus lässt sich entnehmen, dass die Isolierung der Seuchenherde erfolgreich war. Die Verladestellen sind offenbar unabhängig voneinander durch den Schiffsverkehr infiziert worden. Auch Bragernes (heute Stadtgebiet von Drammen) wurde heimgesucht, ironischerweise offenbar von einem königlichen Schiff, das verbotenerweise von dem pestbefallenen Hafen Kopenhagens die Verladestelle angelaufen hatte, um Holz zu laden. Von dort ist der letzte Eintrag ins Beerdigungsbuch überliefert. Unter dem 27. Dezember heißt es: „Morgen Strøms jüngstes und letztes Kind, das an der Pest starb, beerdigt.". Dieses Kind ist das letzte bekannte Pestopfer in Norwegen.

1622 wurde der Handel mit den Niederlanden verboten, weil dort die Pest herrschte. Im Oktober 1664 wurden in Kopenhagen 3 Männer aus Christiania verurteilt, weil sie entgegen den strengen Quarantänebestimmungen ein niederländisches Schiff betreten hatten. 1665 wurde aus denselben Gründen das gleiche Verbot gegen England ausgesprochen. 1709 folgte ein Verbot gegen Danzig und andere pestbefallene Städte an der Ostsee. Als 1711 Christiania von der Pest bedroht wurde, mussten alle Schiffe die 40-tägige Quarantäne einhalten. Weil die Pest in Schweden wütete, wurde jeglicher Handel mit Schweden verboten und ein Grenzstreifen von 5 km von Menschen freigehalten. Militär wurde an die Grenze verlegt, das auf jeden schießen sollte, der die Grenze überschreiten wollte.[46] Norwegen wurde von der Pest verschont. In Dänemark wurden Helsingør und Kopenhagen infiziert. Die Regierung schloss mit großen Truppenstärken einen Ring um die beiden Städte, dass niemand flüchten konnte. Die Bevölkerung wurde regelrecht belagert, und ein großer Teil der Bevölkerung starb. Diese Maßnahmen wurden in vielen Ländern durchgesetzt, so dass die Pest nach und nach aus Europa verschwand. Die letzte Epidemie in England war 1665–1666. Ende der 60er Jahre verschwand sie aus den Niederlanden. In Frankreich endete die Pest 1669, allerdings kam ein pestverseuchtes Schiff aus der Türkei, brach die Quarantäne-Bestimmung und löschte seine Ladung in einem kleinen Ort nahe von Marseille. Die Pest raste erneut in Südfrankreich und die Hälfte der Einwohner Marseilles wurde ihr Opfer, obgleich mit allen militärischen Mitteln die Flucht aus den pestverseuchten Gebieten bekämpft wurde.

Zusammenfassung

Über 300 Jahre war Norwegen bis dahin von der Pest heimgesucht worden. Die Bevölkerungszahl schrumpfte auf ein Drittel und lag am Ende niedriger als am Ende der Wikingerzeit. Das Minimum ist auf die Zeit zwischen 1450 und 1470 anzusetzen. Das löste gewaltige gesellschaftliche Umwälzungen aus. Eine große Landflucht und Konzentration der Bevölkerung in den wenigen größeren Städten war die Folge. Die Häufigkeit der Epidemien nahm mit dem wachsenden Schiffsverkehr im Zuge des Holzexportes nach den Niederlanden und nach England in der frühen Neuzeit zu. Eine Wende wurde mit dem Wandel des Seuchenverständnisses von der Gottesstrafe zur natürlichen Ursachenerklärung eingeleitet, die zu den Isolierungsmaßnahmen Christians IV. führte. Die Bevölkerungszunahme bis ins Hochmittelalter hatte zu immer weiterer Bewirtschaftung des Landes geführt, was nicht nur zu deren flächenmäßigen Ausbreitung, sondern auch zur Aufteilung bestehender Höfe geführt hatte. Dies schlägt sich nieder in vielen Zusätzen zu den Ortsnamen, wie "Östliches“, „Westliches“, „Oberes“, „Unteres“ usw. Die neuen Siedler hatten natürlich die schlechteren Teile erhalten, so dass sie am Existenzminimum geblieben waren und ein bäuerliches Proletariat entstanden war. Diese hochmittelalterliche Zeit von 1250 bis 1319 ist von der nationalromantischen Geschichtsschreibung als die Große Zeit Norwegens verherrlicht worden, war aber in Wahrheit eine Zeit allgemeinen Elends gewesen. Aber der Bevölkerungszuwachs hatte auch zu mehr Staatseinnahmen und damit zu einer größeren militärischen Schlagkraft und effektiverer Landesverteidigung geführt.

Als durch die Pest die Bevölkerung rapide sank, sanken auch die Staatseinnahmen, die an die Bewirtschaftung der Höfe gekoppelt waren. Die Bewirtschaftung konzentrierte sich auf weniger, aber dafür ertragreichere Höfe und die Konkurrenz um die überlebenden Landarbeiter trieb die Löhne in die Höhe. Einerseits war die Pest eine dauernde Bedrohung, und die Menschen lebten in dauernder Todesangst. Auf der anderen Seite ging es den Überlebenden nach der Epidemie wesentlich besser, da sich die Konkurrenz um die Ressourcen vermindert hatte. Dies galt jedenfalls für die Kleinbauern. Die Pest schuf auf diese Weise eine große soziale Gleichheit. Denn auch die Großbauern, die früher für sich arbeiten ließen, konnten wegen Arbeitskräftemangels nunmehr nicht mehr produzieren, als die Familie selbst bewirtschaften konnte.

Die Pestepidemien waren letztlich der Hintergrund für den Verlust der Eigenstaatlichkeit 1536.[47] Der Bevölkerungsrückgang ging bis unter das Mindestmaß, das für die Aufrechterhaltung eines selbständigen norwegischen Staates erforderlich war. Das Steueraufkommen war zu niedrig, um einen eigenen Staatsapparat finanzieren zu können, und für das Heer gab es zu wenig Männer im wehrfähigen Alter. Erst im 17. Jahrhundert und später wuchs die Bevölkerung so, dass Norwegen wieder zu einem selbständigen Staatsgebilde werden konnte, 1814 in Personalunion mit Schweden, 1905 als unabhängiger und selbständiger Staat. Es gibt für den norwegischen Staat offenbar eine Art „kritische Masse“ der Bevölkerung, die für ein selbständiges Staatswesen erforderlich ist. Sie entstand zunächst zwischen 850 und 1050. Diese wurde im Laufe der Pestepidemien unterschritten, was zum Ende der Staatlichkeit führte, und wuchs erst langsam wieder so weit an, dass im 19. Jahrhundert die Eigenstaatlichkeit entstehen konnte.

Der Verlust der Eigenständigkeit unter Christian III. führte auch zum Verlust der Sprache, da ausschließlich dänisch-sprechende Beamte und Geistliche in Norwegen eingesetzt wurden. Oddur Gottskálksson fertigte eine Bibelübersetzung (Lit.: Oddur Gottskálksson; Einleitung von Jón Aðalsteinn Jónsson) ins Norrøn. Der Aufwand zur damaligen Zeit und sein familiärer Hintergrund lässt den Schluss zu, dass das Werk für den norwegischen Markt gedacht war. Der König gestattete aber nur den Verkauf in Island. Alle Gesetze und Entscheidungen ergingen nunmehr auf Dänisch. Dänisch wurde Amtssprache in Norwegen - aber nicht in Island. Deshalb hat Island seine Sprache weitgehend erhalten können, Norwegen aber nicht. Ein Isländer kann Snorris Heimskringla ohne Schwierigkeiten im Originaltext lesen, ein Norweger nicht.

Fußnoten

Alle Informationen und Schlussfolgerungen sind der aufgeführten Literatur (in der Regel Benedictow) entnommen. Eigene Ansichten und Schlussfolgerungen sind nirgends eingeflossen.

  1. ↑ a b Lunden S. 610 f.
  2. ↑ Walløe S. 21.
  3. ↑ Benedictow S. 52 f.
  4. ↑ Lunden S. 624.
  5. ↑ Diplomatarium Suecanum Nr. 5702
  6. ↑ Lunden S. 626.
  7. ↑ Storm 1888 S. 275
  8. ↑ Regesta Norvegica Nr. 1158
  9. ↑ Diplomatarium Norvegicum VII, Nr. 230
  10. ↑ Storm 1888 S. 276.
  11. ↑ Benedictow S. 89
  12. ↑ Diplomatarium Norvegicum Nr. 355
  13. ↑ Benedictow
  14. ↑ Benedictow S. 101
  15. ↑ Storm 1888 S.281 für 1377 und S. 412 für 1379
  16. ↑ Storm 1888 S. 213
  17. ↑ Flatøbogens Annaler, Storm 1888 S. 379–426
  18. ↑ Diplomatarium Norwegicum I Nr. 409
  19. ↑ Sandnes 1971 S. 215 ff.
  20. ↑ Benedictow S. 178
  21. ↑ Diplomatarium Norvegicum I Nr. 409
  22. ↑ Journal of Hygiene 1906–1914
  23. ↑ Die erste urkundliche Erwähnung von Branntwein in Norwegen
  24. ↑ Diplomatarium Norvegicum Bd. 9 Nr. 644
  25. ↑ Diplomatarium Norwegicum Bd. 13 Nr. 686
  26. ↑ Ackerknecht S. 30
  27. ↑ Pedersøn S. 3
  28. ↑ Benedictow S. 213
  29. ↑ Moseng (1996) S. 465.
  30. ↑ NRR Bd. 3 Nr. 320 v. 17. November 1593
  31. ↑ Hofnagel S. 179
  32. ↑ Storm 1880 S. 150 ff.
  33. ↑ Erichsen; Huitfeldt-Kaas S. 279
  34. ↑ In der Heimskringla, Ólafs saga helga, wird geschildert, wie die Königinmutter Ásta ihr Haus für den Besuch Olavs vorbereitet: „Sie beauftragte vier Frauen mit der Ausstattung der Gaststube. Sie sollten diese schleunigst mit Teppichen und die Bänke mit Polstern versehen. Zwei Männer trugen Stroh auf den Fußboden ...“
  35. ↑ Holmsen S. 293 f.
  36. ↑ Brevbøger Bd. 14, S. 469
  37. ↑ Corpus Constitutionem ... 1897, S. 75 f.
  38. ↑ Seierstadt S. 560
  39. ↑ Daae S. 286; Fladby S. 270
  40. ↑ Hofnagel S. 201 nennt sie „Kinderpocken“
  41. ↑ Schofield S. 118 f. für die englische Stadt Colyton in den Jahren 1645–1646
  42. ↑ a b Sprauten S. 361
  43. ↑ Benedictow S. 302 f.
  44. ↑ Collett S. 324
  45. ↑ Benedictow S. 311 f.
  46. ↑ Collett S. 322
  47. ↑ Benedictow S. 125; ganz herrschende Meinung unter skandinavischen Historikern

Literatur

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  • W.J. Simpson: A Treatise on Plague. Cambridge 1905.
  • Henrik Smidt: En Bog om Pestilentzis Aarsage forvaring oc Lægedom der imod / tilsammen dragen aff Lærdemænds Bøger / Aff Henrik Smidt udi Malmø / oc først udgaaet ved Prenten. Anno M. D. XXXV.
  • K. Sprauten: Byen ved festningen. Fra 1536 til 1814. Oslo bys historie. Bd. 2 Oslo 1992.
  • Gustav Storm: Annalistiske Optegnelser fra norske Lovbøger i 16de Aarhundrede. Personalhistorisk Tidsskrift I, 1880, S. 147–154.
  • Gustav Storm: Islandske Annaler inntil 1578. Christiania 1888.

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Yersinia pestis

Yersinia pestis ist ein gramnegatives, unbegeißeltes, sporenloses, fakultativ anaerobes Stäbchenbakterium. Es zählt zu den Enterobakterien und ist der Erreger der Lungen- und Beulenpest. Mit einigen weiteren Bakterien bildet es die Gattung Yersinia.

Yersinia pestis wurde von Alexandre Émile Jean Yersin 1894 entdeckt und ursprünglich nach Louis Pasteur Pasteurella pestis getauft, später jedoch Yersin zu Ehren umbenannt.

Virulenz

Die Virulenz von Yersinia pestis entsteht durch Ektotoxin, Endotoxin- und Bakterienkapselbildung.

1980 stellten Dan Cavanaugh und James Williams fest, dass die Virulenz des Bakteriums temperaturabhängig ist. Die Körpertemperatur des Flohs liege bei 24° C, die des Menschen bei 37° C und die der Ratte 1,5° C höher. Der Temperaturunterschied zwischen Floh und Ratte könne die Virulenz des Bakteriums bei der Übertragung um fast das 50-fache steigern. Diese Steigerung liege in der Fähigkeit des Bakteriums, bei höheren Temperaturen Schutzmechanismen gegen die Phagocytose, einem Bestandteil der menschlichen Immunabwehr, zu entwickeln. Bei Temperaturen, wie sie im Körper des Flohs vorherrschen, würde dieser Schutz nicht aufgebaut und das Bakterium würde von Leukozyten und Monozyten vernichtet. Aber 3 Stunden nach Eingang in einen Körper von 37° C sei der Schutzmechanismus gegen Leukozyten und kurz danach gegen die Monozyten ausgebildet.[1]

Von den hunderten von bekannten Bakterienstämmen sind nur wenige virulent. Die 40-50 Stämme von Yersinia pestis haben bei Mäusen eine große Bandbreite der Dosis, bei der die Hälfte der Versuchstiere stirbt (LD50), von unter 3 bis 100 Millionen[2].

Bricht der Krankheitserreger in die Blutbahn ein, was in 50-90 % der unbehandelten Fälle geschieht, so entsteht die Pestsepsis, also eine Streuung in die Blutbahn. Auf diesem Wege können praktisch alle Organe befallen werden. Unter anderem kommt es zur Lungenpest. Die Gefahr bei der Vermehrung innerhalb des Menschen ergibt sich aus der Ausbildung diverser Pathogenitätsfaktoren bei einer Umgebungstemperatur von 37 °C, also Körpertemperatur. So bildet Yersinia pestis bei dieser Temperatur eine antiphagozytär wirkende Kapsel aus, die als F1 (Fraktion 1) bezeichnet wird, und zwei weitere antiphagozytäre Antigene, das Virulenzantigen V und W. Im Bezug auf die Virulenz des Erregers bedeutet dies, dass im Falle der Lungenpest die Übertragung von Mensch zu Mensch möglich ist, wenn es zu Kontakt mit hochinfektiösem Sputum eines an Lungenpest Erkrankten kommt. In diesem Fall kann sich innerhalb von Stunden eine primäre Lungenpest ausbilden.

Varianten

R. Devignat teilte 1951 die Pestbakterien in 3 Hauptvarianten nach den starken biochemischen Unterschieden ein: Variante 1 (später „Orientalis“ genannt) soll ihren Ausgangspunkt in Indien, Burma und im südlichen China gehabt haben. Sie soll für die Pandemie von 1890 verantwortlich und in wenigen Jahren über die ganze Erde verbreitet worden sein. Variante 2 („Antiqua“ genannt), die er für die älteste hielt, soll in Zentral-Asien entstanden sein und sich über Zentralafrika verbreitet haben und die justinianische Pest im 6. Jh. verursacht haben. Die 3. Variante („Medievalis“) stamme ebenfalls aus Zentralasien, soll sich in Richtung Krim und die Umgebung des Kaspischen Meeres verbreitet und dann den Schwarzen Tod in Europa und die folgenden Epidemien ausgelöst haben.[3] Diese Grundsicht war lange Zeit Standard für die Ausbreitungswege. Aber nun stellte sich heraus, dass beide Hauptvarianten „Medievalis“ und „Antiqua“ in Kenia auftraten und „Orientalis“ und „Medievalis“ zusammen in der Türkei gefunden wurden.[4]

Drei nach dem Genom unterschiedlichen Hauptstämmen historische Ausbreitungswege zuzuordnen ist spekulativ. Mark Achtmann u.a. kamen in ihren Studien zu dem Ergebnis, dass Yersinia pestis ein mutierter Klon von seinem nahen Verwandten Yersinia pseudotuberculosis ist, einer relativ harmlosen Bakterie, die Magenbeschwerden verursachen kann und nur äußerst selten zum Tode führt. Die beiden Arten haben über 90% des Genmaterials gemeinsam und würden nach taxonomischen Regeln als Varianten der gleichen Art bezeichnet, wenn sie nicht aus klinischen Gründen scharf unterschieden werden müssten. Die Autoren meinten, dass diese Variante höchstens 20.000 Jahre alt sein könne, das unsicherere Mindestalter aber wahrscheinlich bei 1.000 Jahren liege.[5]

In der Untersuchung von 2004 fand man außerdem eine bis dahin unbekannte Sequenz einer noch nicht beschriebenen Varietät von Yersinia pestis.[6] Die Tatsache, dass die Sequenz in keiner Datenbank vorhanden war, vermindert die Wahrscheinlichkeit einer Verunreinigung der Probe. Später erwies sich die Zuordnung der Varianten zu bestimmten Epidemien als unrichtig, denn auch in mittelalterlichen Gräbern wurde die Variante Orientalis gefunden. 1997 wurde ein Pestbakterienstamm beschrieben, der multiresistent gegen Antibiotika war. Da er in älteren Proben nicht zu finden war, scheint er nach den Aussagen der Forscher erst 1995 entstanden zu sein.[7]

Mutationen

Bei Yersinia sind es wohl 2 Plasmiden, die für pestis charakteristisch sind und seine Gefährlichkeit ausmachen. So wurde schon vermutet, dass eine plötzliche und umfassende Veränderung der Virulenz ein Hintergrundfaktor dafür gewesen sein kann, dass eine Pestepidemie plötzlich ausbrach und wieder verschwand, quer über die Jahrhunderte hindurch.[8] Gerade bei Viren und Bakterien ist eine Instabilität des Genmaterials zu beobachten, die zu vielen Mutationen führt. Inzwischen ist es gelungen, das gesamte Genom von Yersinia pestis zu entschlüsseln und zu kartografieren.[9] Dabei stellten die Forscher fest, dass das Bakterium genetische Besonderheiten aufwies, die auf häufige „intragenomische Rekombinationen“ hinweisen, was bedeuten würde, dass das Pestbakterium in hohem Maße zulasse, Gene anderer pathogener Organismen aufzunehmen. Sie meinten, die Pestbakterien hätten Charakteristiken, die auf ständige Veränderungen hinwiesen [10]. Ein Jahr später entschlüsselte eine andere Forschergruppe einen anderen Bakterienstamm und bestätigte diese Einschätzung.[11] Annie Guiyoule und Bruno Rasoamanana untersuchten in Madagaskar die Gebiete mit besonders hoher Pestaktivität in den letzten Jahrzehnten. Sie isolierten 187 verschiedene Stämme aus der Zeit von 1926-1996.[12]

Lebensdauer

Bei moderaten Temperaturen überleben Yersinia pestis an den Mundwerkzeugen der Flöhe rund 3 Stunden.[13] Bereits 1944 ist festgestellt worden, dass Pestbakterien in Salzlösung und einer Temperatur um 25° C bis zu 2 Wochen, bei 2-4° C sogar bis zu zwei Jahren außerhalb eines Wirtstieres überleben und virulent sein können.[14] Experimente in der 1. Hälfte des 20 Jh. zeigten auch, dass Sonnenlicht die Bakterien rasch abtötete, die Lebensdauer jedoch stark von der Umgebung der Bakterien abhängt, insbesondere von deren Unterlage. In dünner Lauge auf Glas starben sie innerhalb 1 Stunde ab, bei einer dicken Bakterienschicht vervierfachte sich die Lebensdauer und auf Stoff aus Hanf lebten sie bis zu 14 Stunden.[15] Während Temperaturen bei 55° C tödlich sind, schaden ihnen niedrige Temperaturen nicht. In Mandschuria (Stadt in China) wurden sogar noch virulente Bakterien in gefrorenen Pestleichen gefunden. Auch konnten die Bakterien fast einen Monat in Kornstaub überleben, der von infektiösen Ausscheidungen verunreinigt war.[16] Pestbakterien können in Raumtemperatur und normaler Luftfeuchtigkeit also Menschen in einem Zeitraum von mehr als 5 Tagen infizieren.[17]

Übertragung

Flöhe, insbesondere aber der Rattenfloh Xenopsylla cheopis können den Pesterreger übertragen. Aber auch Nosopsyllus fasciatus und der Menschenfloh Pulex irritans werden diskutiert, da Xenopsylla cheopis auf tropische Temperaturen angewiesen ist und in Europa nicht überleben kann. Flöhe sind blutsaugende Parasiten, die ihren Wirt direkt mit Yersinia pestis infizieren können. Wechselt der Rattenfloh von einem infizierten Nager – beispielsweise der Wanderratte oder der Hausratte – nach dessen Tod auf einen anderen Wirt, etwa Haustiere oder Menschen, ist er in der Lage, diese mit dem Pestbakterium zu infizieren. Dabei kann die Pesterkrankung für den Menschen ebenso tödlich sein wie für die Ratten.

Krankheitserscheinungen

An der Bissstelle kommt es zu einer lokalen Infektion die durch die Ausbildung einer Pustel gekennzeichnet ist und zur sogenannten Bubonenpest (Beulenpest) führt.

Bei der septischen (blutvergiftenden) Form wird keine Pestbeule entwickelt. Der Patient stirbt schnell ohne besondere äußere Symptome, aber mit einer hohen Bakterienkonzentration im Blut. Wenn diese Pestbakterien die Lunge angreifen, so wird diese Form als „sekundäre Lungenpest“ bezeichnet, die die gefährlichste Form mit dem raschesten Verlauf bildet. Neben hohem Fieber ist der blutige Auswurf eines der wenigen äußeren Symptome.

Die blutvergiftende Wirkung wird ausgelöst, wenn die Bakterien ihren normalen Lebenszyklus vollenden und absterben. Dabei werden große Mengen toxischen Sekrets direkt in den Blutkreislauf abgegeben; Nieren und Leber können nekrotisch werden, wenn sie versuchen, das System von Toxinen zu reinigen. Am Ende erliegt das Opfer einem toxischen Schock.

Diagnose

Die zunächst vieldeutigen und oft nur schwachen Symptome erfordern in der Regel bakteriologische Untersuchungen, manchmal sogar über die DNA für eine eindeutige Zuordnung. Es sind Verwechselungen mit Blinddarmentzündung, Hirnhautentzündung und Streptokokkenifektionen in den USA dokumentiert.[18]

Der mikrobielle Nachweis wird aus Sputum, Blut oder Bubonenaspirat (Eiter) erhoben.

Therapie

Die Krankheit ist mit Antibiotika wie beispielsweise Tetrazykline, Streptomycin, Chinolone und Cotrimoxazol gut zu behandeln. Anzumerken bleibt, dass dies jedoch nur bei rechtzeitiger Diagnose der Fall ist. Die Letalität steigt exponentiell zum Fortschreiten der Erkrankung.

Literatur

Medizinische Mikrobiologie, Hof und Dörries, 3. Auflage, ISBN 978-3-13-125313-2

Einzelnachweise

  1. ↑ Dan C. Cavanaugh und James E. Williams: „Plague: Some Ecological Interrelationsships“. In: R. Traub und H. Starcke (Hrg.) Fleas, Proceedings of the International Conference on Fleas. Ashton Wold, Peterborough, UK, 21-25 June 1977. Rotterdam 1980 S. 245-256, 251.
  2. ↑ Robert Perry und Jaqueline Fetherson; „Yrsinia pestis - Etiologic Agent of Plague.“ In: Clinical Microbiology Review, 10, 1 (1997) S. 35-66, 41
  3. ↑ R. Devignat: „Variétés de l'espèce Pasteurella pestis.“ In: Bulletin of the World Health Organization 4 (1951) S. 241-263.
  4. ↑ Annie Guiyoule, Francine Grimont u.a.: „Plague Pandemics Investigated by Ribotyping of Yersinia pestis Strains.“ In: Journal of Clinical Microbiology 1994, S. 634-641.
  5. ↑ Mark Achtmann u.a.: „Yersinia pestis, the cause of plague, is recently emerged clone of Yersinia pseudotuberculosis.“ In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 96, 24 (1999) 14043-14048.
  6. ↑ Michel Drancourt u. a.: „Genotyping, Orientalis-like Yersinia pestis, and plague pandemics“. In: Emerging Infectious Deseases. 10, 9, (2004), S. 1585-1592.
  7. ↑ March Galimand, Annie Guiyoule u.a.: „Multidrug Resistance in Yersinia pestis Mediated by a Transferable Plasmid.“ In: The New England Journal of Medicine 327, 10 (1997) S. 677-680.
  8. ↑ Perry und Fetherston S. 38-40
  9. ↑ J. Parkhill, B. W. Wren und 33 weitere Forscher: „Genome sequence of Yersinia pestis, the causative agent of plague.“ In: Nature 413 (1001) S. 523-527.
  10. ↑ Parkhill und Wren S. 523, 527.
  11. ↑ W. Deng, V. Burland u.a.: „Genome frequence of Yersinia pestis KIM.“ In: Journal of Bacteriology 184, 16, (2002) S. 4601-4611.
  12. ↑ Annie Guiyoule, Bruno Rasoamanana u.a.: „Recent Emergence of New Variants of Yersinia pestis in Madagascar.“ In: Kournal of Clinical Microbiology 1997, S. 2826-2833.
  13. ↑ V. A. Bibikova: „Contemporary views on the interrelationsships between fleas and the pathogens of human and animal deseases.“ In: Annual Review of Entomology 22, 1977 S. 23-32.
  14. ↑ Georges Girard: „Hémoculture et bactérémie dans l'infection pesteuese.“ Bulletin of the Exotic Pathology Society 37, 228.
  15. ↑ Robert Pollitzer: Plague. WHO, Genf 1954, S. 104-105
  16. ↑ Robert Pollitzer und Karl F. Meyer; „The Ecology of Plague“. In: Jaques M. May (Hrg.): Studies in Disease Ecology, Studies in Medical Geography, Vol. 2, New York 1961, S. 433-590
  17. ↑ Laura J. Rose u.a.: „Survival of Yersinia pestis on Environmental Surfaces“. In: Applied and Environmental Microbiology 2003 S. 2166-2171.
  18. ↑ William Reed u. a.: "Bubonic plague in the southwestern United States." In: Medicine 49, 6, 1970. S. 465-486, 470-480.

 

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Pestkreuz

Das Pestkreuz ist eine spezielle Form der Flurkreuze oder der Grabkreuze, und wurde zum Gedenken der Opfer der großen mittelalterlichen und neuzeitlichen Pest-Epidemien errichtet. Sie finden sich sowohl auf Friedhöfen, in der Massengrababteilung, eigenen Pestfriedhöfen, wie auch auf weiter Flur. Eine Identifizierung von mittelalterlichen Steinkreuzen, wo vielleicht auch um ältere Kreuze herum Gottesäcker angelegt wurden, mit Pestkreuzen liegt wohl schlechterdings daran, dass sich die zeitgenössischen hölzernen Kreuze nicht erhalten haben – die Kreuze der ersten Epidemien in der Geschichte der Pest fallen noch unter den Steinkreuztypus. In Süddeutschland und Österreich trat häufig die Pestsäule an die Stelle des Kreuzes.

Ein Beispiel für ein gut erhaltenes steinernes Pestkreuz findet sich auf einem Pestfriedhof im Bürener Staatsforst nahe Bad Wünnenberg-Leiberg in (Nordrhein-Westfalen). Die fragmentarische Inschrift (fehlende oder fragliche Buchstaben in Klammern) lautet:

„ANNO 1635 DEN [ZS] [AV]GVST HAT VNS GOT DIE PESTILENS GESANT. WIE MANCEM IST BEKANT SINT VOM DORF LEBERG 400 MENSCHEN GESTORBEN, DENEN GOT DIE SELIKIT ERWO[...].“

 

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Yersinia pseudotuberculosis

Yersinia pseudotuberculosis ist ein pathogenes Gram-negatives Bakterium aus der Gattung Yersinia. Auch Menschen können sich infizieren, meist über kontaminierte Nahrungsmittel (insbesondere Fleisch) oder Wasser, die durch Y. pseudotuberculosis ausgelöste Erkrankung ist also eine Zoonose. Infektionen über den Kontakt mit Haustieren spielen dagegen keine größere Rolle.

Geschichte

Die durch den Erreger verursachte Krankheit wurde erstmals 1883 bei Meerschweinchen beschrieben. 1889 isolierte Pfeiffer den Erreger und nannte ihn Bacillus pseudotuberculosis. Molaret ordnete das Bakterium 1966 den Yersinien zu.

Eigenschaften

Y. pseudotuberculosis ist ein etwa 1,5–6 x 0,4–0,8 µm großes Bakterium mit wechselnder Gestalt. Es ist begeißelt und bei Zimmertemperatur beweglich. Es bildet keine Sporen und wächst unter Sauerstoffanwesenheit (aerob). Y. pseudotuberculosis besitzt viele Gemeinsamkeiten mit Y. pestis, dem Erreger der Pest, letzterer wurde eine Zeit lang auch als Unterart von Y. pseudotuberculosis angesehen. Biochemisch verhalten sich beide Erreger annähernd gleich, so dass eine Differenzierung über die Bunte Reihe nicht möglich ist.

Man unterscheidet 20 verschiedene O-Antigene und 5 verschiedene H-Antigene. Aus deren Kombination werden 11 Serogruppen von Y. pseudotuberculosis differenziert. In Deutschland sind ausschließlich die Serovare O:1, O:2 und O:3 verbreitet.

Das Bakterium ist relativ resistent gegenüber Umwelteinflüssen und kann sich bei Temperaturen über 18 Grad Celsius in Wasser vermehren. Im Boden bleibt Y. pseudotuberculosis über viele Monate infektiös. Zur Anzüchtung eignen sich alle konventionellen Nährböden, insbesondere Blutagar.

Der Erreger besitzt ein breites Wirtspektrum. Als Reservoir gelten Nagetiere, Hasenartige und Wildvögel. Sie scheiden den Erreger mit dem Kot aus.

Infektion beim Menschen

Erregerreservoir für den Menschen sind vor allem latent infizierte Hausschweine, von denen der Erreger über Schweinefleisch eine Lebensmittelinfektion auslöst.

Die Inkubationszeit beträgt 1–2 Wochen. Die Infektion führt zu Dünndarmerkrankungen mit Befall der Lymphknoten. Vor allem Kinder und Jugendlichen entwickeln, wie auch durch Yersinia enterocolitica hervorgerufen, eine mesenteriale Lymphadenitis (Morbus Maßhoff, Maßhoff-Lymphadenitis) mit einer akuten terminalen Ileitis (sog. Pseudoappendizitis). Das Krankheitsbild kann unter den Anzeichen einer Darmentzündung (Enteritis), als scheinbare Blinddarmentzündung oder mit den Symptomen eines Morbus Crohn auftreten.

Die Krankheitserreger werden 2–10 Wochen lang ausgeschieden. Als Folgeerkrankung kann eine Gelenkentzündung (Arthritis) im Rahmen einer Autoimmunerkrankung entstehen. Dabei wirken Yersinien-Antikörper gegen körpereigenes Gewebe.

Infektion bei Tieren (Rodentiose, Pseudotuberkulose, Nager-Tuberkulose)

Bei Nagetieren und Vögeln kann der Erreger ein der Tuberkulose ähnliches Krankheitsbild hervorrufen. Besonders empfänglich sind Meerschweinchen und Ratten („Rodentiose“, Nagetiere=Rodentia), Hasen und Puten. Aber auch bei anderen Tieren (Kaninchen, Chinchilla, Nutria, Nerz, Hausgeflügel, Kanarienvogel, Fuchs, Reh) kann Y. pseudotuberculosis ein der Tuberkulose ähnliches Krankheitsbild hervorrufen. Infektionen bei den klassischen Haussäugetieren sind sehr selten. Der Begriff „Pseudotuberkulose“ sollte vermieden werden, da er mit der Pseudotuberkulose der Schafe und Ziegen (Erreger: Corynebacterium pseudotuberculosis) doppelt belegt ist. Auch der Begriff „Nager-Tuberkulose“ ist irreführend, da die Erkrankung nicht durch Mykobakterien verursacht wird. Unter dem Begriff „Yersiniose“ werden die Erkrankungen durch Y. pseudotuberculosis und Y. enterocolitica zusammengefasst.

Die Infektion erfolgt oral, bei Raubtieren meist durch Aufnahme infizierter Nagetiere, bei den übrigen über mit Kot verschmutztes Futter. Der Erreger bildet im Darm herdförmige Läsionen und breitet sich über das Blutgefäßsystem im Körper aus, es entsteht eine Septikämie mit Schwellung der Milz. Hier kann bei empfänglichen Tieren bereits der Tod durch Kreislaufversagen eintreten. Solche akuten Krankheitsverläufe zeigen vor allem Puten, die mit schweren Allgemeinstörungen (Atemnot, Hautverfärbungen, Lahmheit) innerhalb weniger Tage versterben.

Wird die Septikämie überstanden, entwickeln sich tuberkuloseähnliche Herde in inneren Organen (Milz, Leber, Niere, Lunge, Lymphknoten), wobei die vergrößerten Lymphknoten unter Umständen durch die Bauchwand getastet werden können. Diese subakute Form ist bei Nagetieren, Hasenartigen und Vögeln der Regelfall, die Tiere sterben nach 2 bis 3 Wochen unter Abmagerung und Lähmungen.

Die Haussäugetiere (Hund, Katze, Schaf, Ziege, Rind, Schwein) und Ziervögel können an subakuten Durchfallerkrankungen mit Abmagerung und Gelbsucht erkranken. Die Erkrankung verläuft so unspezifisch, dass die Diagnose zumeist erst in der Pathologie gestellt wird. Auch als Erreger von Lungenentzündungen und bei Wiederkäuern von Euterentzündungen und Fehlgeburten wurde Y. pseudotuberculosis isoliert.

Bekämpfung

Zur Therapie eignen sich bei Tieren die meisten Breitbandantibiotika, beispielsweise eine Langzeitbehandlung mit Chloramphenicol. Die Therapie ist allerdings häufig nicht erfolgreich. Bei Meerschweinchen ist die Behandlung nahezu aussichtslos, hier sollten infizierte Tiere getötet werden.

Zur Prophylaxe wird eine konsequente Nagerbekämpfung empfohlen. Zootiere wie Affen oder Vögel können geimpft werden.

Literatur

  • H.-J. Selbitz: Yersinia. In A. Rolle und A. Mayr (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre. Enke, Stuttgart, 7. Aufl. 2001. ISBN 3-432-84686-X

 

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Menschenfloh

Der Menschenfloh (Pulex irritans) ist ein parasitierendes Insekt der Ordnung der Flöhe (Siphonaptera).

Merkmale

Der Menschenfloh ist ca. 1,6 bis 3,2 mm groß und flügellos. Seine stark ausgebildeten Hinterbeine ermöglichen ihm Sprünge bis zu 30 cm hoch und 50 cm weit. Als Außenhaut besitzt er eine sehr widerstandsfähige Schicht aus Chitin, die dunkelrotbraun gefärbt ist.

Wie aus dem Namen schon erkennbar, ist diese Flohart in erster Linie auf den Menschen spezialisiert, d. h. sie hat im Vergleich zu anderen Floharten eine hohe Wirtsspezifität. Allerdings befallen sie gelegentlich auch dem Menschen nahe Tiere, wie Hunde und Katzen.

Vorkommen

Der eigentliche Menschenfloh ist in Mitteleuropa selten geworden. Viel häufiger werden Menschen vom Hundefloh (Ctenocephalides canis) oder Katzenfloh (Ctenocephalides felis) befallen.

Ernährung

Als Nahrung saugen sie Blut, können jedoch auch bis zu einem Jahr ohne eine Mahlzeit auskommen. Für den Stich werden feuchtwarme Regionen am Körper bevorzugt. Ein einziger Floh kann meist zur Nacht in kurzer Zeit den ganzen Körper mit Stichen übersäen. Normalerweise nimmt der Floh pro Tag eine Blutmahlzeit zu sich. Dabei nimmt er wenn möglich oft das Zwanzigfache seines Eigengewichtes auf. Ein Teil des angedauten Blutes wird kurz danach wieder ausgeschieden.

Die Flohstiche sind gelegentlich in einer Reihe angeordnet; man spricht auch von Flohstraße. [1]

Entwicklung

Die Entwicklung des Menschenflohs verläuft über die Stadien Ei, Larve, Puppe und Imago. Ein solcher Zyklus dauert meist von einigen Wochen bis hin zu 8 Monaten.

Eiablage

Die erste Begattung erfolgt etwa 8 bis 24 Stunden nach einer Nahrungsaufnahme. Etwa einen Tag nach der Begattung beginnen die weiblichen Flöhe mit der Eiablage. Ein Weibchen legt pro Tag jeweils etwa 50 Eier, die wahllos auf dem Wirtsorganismus abgelegt werden. Sie sind weich, oval, hell, nur etwa 1/2 mm groß und besitzen keine klebrige Außenhülle, weshalb sie jederzeit vom Wirtskörper abfallen können.

Junglarven

Die Junglarven schlüpfen etwa 2-14 Tage nach der Eiablage und verstecken sich vorzugsweise in Teppichen, auf Fußböden vor allem an den Ecken und den Wandbereichen in der Nähe der Heizung, in Polstermöbeln, Kissen, Matten und Matratzen. Das von einem Floh angedaute und wieder ausgeschiedene Blut dient den 5 mm langen, weißen, fadendünnen Larven als Futter, da sie noch nicht saugen können.

Schadwirkung

Als typische Reaktion eines Flohstiches entstehen beim Menschen kleine Papeln. Diese haben eine rote Färbung, sind meist hart, leicht erhöht und üben einen mehr oder minder starken Juckreiz aus. Durch Aufkratzen dieser Papeln kann es zu Sekundärinfektionen kommen.

Menschenfloh als Krankheitsüberträger

Der Menschenfloh kann beim Blutsaugen gelegentlich auf mechanischem Wege die Erreger des Fleckfiebers und der Beulenpest übertragen. Die Übertragung erfolgt durch den Kontakt der Flohexkremente oder des kontaminierten Flohkörpers (Saugrüssel) mit der Stichwunde. Weiterhin können Menschenflöhe Zwischenwirte für verschiedene Bandwurmarten wie z. B. den Gurkenkernbandwurm (Dipylidium caninum) sein und diese auch übertragen.

Eine Gruppe von Forschern an der Universität Marseille um Didier Raoult vertritt die Ansicht, dass bei Wirtswechsel auch der Menschenfloh neben der Kopflaus (Pediculus humanus capitis) und der Kleiderlaus (Pediculus humanus humanus) als Überträger der Pest in Frage kommt, da alle diese genannten Parasiten Pestbakterien aufnehmen können.[2] [3]

Einzelnachweise

  1. ↑ http://www.xxx
  2. ↑ D. Raoult et al.: Experimental model to evaluate the human body louse as a vector of plague. The Journal of infectious diseases, Dez. 2006, Nr. 194, Vol. 11, S. 1589-96, PMID: 17083045
  3. ↑ D. Raoult et al.: Body lice, yersinia pestis orientalis, and black death. Emerging infectious diseases, Mai 2010, Nr. 16, Vol. 5, S. 892-3, PMID: 20409400

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Hanse

Hanse (althochdeutsch hansa ‚Gruppe‘, ‚Gefolge‘, ‚Schar‘) – auch Deutsche Hanse oder dudesche Hanse, lateinisch Hansa Teutonica – ist die Bezeichnung für die zwischen Mitte des 12. Jahrhunderts und Mitte des 17. Jahrhunderts bestehenden Vereinigungen niederdeutscher Kaufleute, deren Ziel die Sicherheit der Überfahrt und die Vertretung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen besonders im Ausland war.

Eine Entwicklung von der „Kaufmannshanse“ zu einer „Städtehanse“ lässt sich spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts mit erstmaligen nahezu gesamthansischen Tagfahrten (Hansetagen) festmachen, in denen sich die Hansestädte zusammenschlossen und die Interessen der niederdeutschen Kaufleute vertraten. Eine eindeutige Abgrenzung zwischen einer „Kaufmannshanse“ und einer „Städtehanse“ ist jedoch umstritten.[1]

Die Farben der Hanse (weiß und rot) finden sich auch heute noch in den Stadtwappen vieler Hansestädte. In den Zeiten ihrer größten Ausdehnung waren beinahe 300 See- und Binnenstädte des nördlichen Europas in der Städtehanse zusammengeschlossen. Eine wichtige Grundlage dieser Verbindungen war die Entwicklung des Transportwesens, insbesondere zur See, weshalb die Kogge zum Symbol für die Hanse wurde.

Die Hanse war nicht nur auf wirtschaftlichem, sondern auch auf politischem und kulturellem Gebiet ein gewichtiger Faktor.

„Hanse“ oder „Hänse“ nannten sich auch andere Kaufmannsverbünde bis nach Österreich, unabhängig von der „großen“ norddeutschen Hanse. Bei ihnen handelte es sich in der Regel nicht um politische Bünde zwischen Städten und Territorien, sondern um Bruderschaften, denen einzelne Händler beitraten. Oft waren solche Bünde auf einen bestimmten Jahrmarkt ausgerichtet und übernahmen während dessen Dauer wirtschaftliche Kontrollfunktionen, wie sie in größeren Städten von den Zünften ausgefüllt wurden.

Politische Geschichte

Die Hanse war über lange Zeit eine politische Macht ersten Ranges, der es gelang, ohne eigene Souveränität – ihre Mitglieder verblieben jeweils unter der Herrschaft unterschiedlicher weltlicher und kirchlicher Gewalten – siegreiche Kriege zu führen. Anfang und Ende der Hanse sind schwer zu bestimmen.

Entstehung der Kaufmannshanse (bis etwa 1250)

Die Deutsche Hanse hat sich im 12. Jahrhundert aus den Gemeinschaften der Ost- und Nordseehändler entwickelt. Allgemein wird die Gründung der Stadt Lübeck im Jahr 1143, als erste deutsche Ostseestadt, für die Entwicklung der Hanse als entscheidend angesehen. Der Ostseezugang ermöglichte einen Handel zwischen den rohstoffreichen Gebieten Nordrusslands (z. B. Getreide, Holz, Wachs, Felle, Pelze usw.) und den Ländern Westeuropas mit seinen Fertigprodukten (z. B. Tuche, Wein).

Verschiedene Vorschläge für das Gründungsjahr

Es gibt kein Gründungsdatum der Hanse. Sie ist entstanden und gewachsen. Nicht einmal die Zeitgenossen scheinen klare Vorstellungen darüber gehabt zu haben. Als sich der Rat der Hansestadt Bremen 1418 in einem Streit mit Hamburg an Köln wandte und um eine Abschrift der Gründungsurkunde der Hanse bat, antworteten die Kölner, sie hätten vergeblich nach der geforderten Schrift van der fundatacien der Duytzschen hensze gesucht, würden aber weitersuchen und den Bremern die gewünschte Abschrift schicken, sobald sie fündig geworden seien.

Bei der frühen Hanse handelte es sich um den freien Zusammenschluss von Kaufleuten, die den Schutz der Gruppe für die gefahrvolle Reise suchten und ihre Interessen gemeinsam an den Zielorten besser vertreten konnten. Dazu fanden sich die Kaufleute einer Stadt oder einer Region zusammen, die in einer Fahrgemeinschaft reisten. Die frühesten Belege für solche organisierten deutschen Handelsgruppen liegen für das Auftreten Kölner Kaufleute in London vor. Neben den Deutschen waren bereits flandrische Kaufleutegruppen in London vorhanden.

Diese Organisationsform bedeutet unter anderem, dass man zunächst nicht von „der“ Hanse oder von einer „Gründung“ der Hanse sprechen kann, da es lediglich einzelne Gruppen waren, die ihre jeweiligen Partikularinteressen verfolgten (und auch in späterer Zeit verfolgen sollten).

In der älteren Forschung wird als Gründungsjahr der Hanse gerne neben der Neugründung 1143 bzw. dem Wiederaufbau Lübecks im Jahre 1159 auch die erste überlieferte Erwähnung eines deutschen Kaufmannsbundes 1157 in einer Londoner Urkunde genannt. Philippe Dollinger argumentiert für 1159 mit der führenden Stellung der Lübecker Kaufleute während der ganzen Hansezeit. Für 1157 spricht die Tatsache, dass die Hanse anfangs eine Schutzgemeinschaft deutscher Kaufleute im Ausland war, und der Erwerb eines Grundstücks bei London zur Errichtung des Stalhofes durch Kölner Kaufleute den ersten uns heute bekannten Beleg für die Existenz der Gemeinschaft bildet.

1160 erhielt Lübeck das Soester Stadtrecht. Dieser Zeitpunkt wird heute von Historikern [2] als der Beginn der Kaufmannshanse (im Gegensatz zur späteren Städtehanse) angesehen. Wichtigstes Argument für diese Position stellt dabei das Artlenburger Privileg von 1161 dar, in dem die Lübecker Kaufleute den bisher im Ostseehandel dominierenden gotländischen Kaufleuten rechtlich gleichgestellt werden sollten.

Die Gründung Lübecks 1143 kann deshalb als einschneidendes Datum für die Entwicklung der Hanse gewertet werden, weil sie die erste deutsche Stadt an der Ostsee war und damit gleichsam zum „Einfallstor“ niederdeutscher Kaufleute für den Osthandel wurde. Hintergrund für die große Bedeutung des Ostseezugangs war, dass Westeuropa auf diese Weise mit Russland und über Dnepr und Wolga Handel bis in den Orient (Kaspisches Meer, Persien) führen konnte. Zur Zeit der Goldenen Horde wurde der Handel mit Mittelasien und China verstärkt. Umgekehrt orientierte sich der nordrussische Handel über die Ostsee nach Westen, was die Entwicklung einer Ost-West-Handelsverbindung zwischen den rohstoffreichen Gebieten Nordrusslands (Getreide, Wachs, Holz, Pelze, vor allem über Nowgorod) und den Fertigprodukten Westeuropas (u. a. Tuche aus Flandern und England) ermöglichte. Nebenbei wird die Christianisierung der Skandinavier, die noch im frühen 12. Jahrhundert den Ostseehandel dominierten, zur Einbindung der Ostsee in den europäischen Handel beigetragen haben. Mit dem Zugang deutscher Kaufleute zur Ostsee konnten diese eine Handelsroute etablieren, welche die wichtigen Handelszentren Nowgorod und Brügge nahezu vollständig unter ihrem Einfluss miteinander verband.

Gotländische Genossenschaft

Ab dem 12. Jahrhundert wurde der Ostseeraum im Rahmen der Ostsiedlung zunehmend für den deutschen Handel erschlossen.

In Lübeck entstand nach dem Vorbild kaufmännischer Schutzgemeinschaften die Gemeinschaft der deutschen Gotlandfahrer, auch Gotländische Genossenschaft genannt. Sie war ein Zusammenschluss einzelner Kaufleute niederdeutscher Herkunft, niederdeutscher Rechtsgewohnheiten und ähnlicher Handelsinteressen u. a. aus dem Nordwesten Deutschlands, von Lübeckern und aus neuen Stadtgründungen an der Ostsee.

Der Handel in der Ostsee wurde zunächst von Skandinaviern dominiert, wobei die Insel Gotland als Zentrum und „Drehscheibe“ fungierte. Mit der gegenseitigen Versicherung von Handelsprivilegien deutscher und gotländischer Kaufleute unter Lothar III. begannen deutsche Kaufleute den Handel mit Gotland (daher „Gotlandfahrer“). Bald folgten die deutschen Händler den gotländischen Kaufleuten auch in deren angestammte Handelsziele an der Ostseeküste und vor allem nach Russland nach, was zu blutigen Auseinandersetzungen in Visby, durch den stetigen deutschen Zuzug mittlerweile mit großer deutscher Gemeinde, zwischen deutschen und gotländischen Händlern führte. Dieser Streit wurde 1161 durch die Vermittlung Heinrichs des Löwen beigelegt und die gegenseitigen Handelsprivilegien im Artlenburger Privileg neu beschworen, was in der älteren Forschung als die „Geburt“ der Gotländischen Genossenschaft angesehen wurde. Hier von einer „Geburt“ zu sprechen verkennt jedoch die bereits existierenden Strukturen.

Visby blieb zunächst die Drehscheibe des Ostseehandels mit einer Hauptverbindung nach Lübeck, geriet aber, die Rolle als Schutzmacht der deutschen Russland-Kaufleute betreffend, mit Lübeck zunehmend in Konflikt. Visby gründete um 1200 in Nowgorod den Peterhof, nachdem die Bedingungen im skandinavischen Gotenhof, in dem die Gotländer zunächst die deutschen Händler aufnahmen, für die Deutschen nicht mehr ausreichten.

Der rasante Aufstieg, die Sicherung zahlreicher Privilegien und die Verbreitung der nahezu omnipräsenten Kaufleute der Gotländischen Genossenschaft in der Ostsee, aber auch in der Nordsee, in England und Flandern (dort übrigens in Konkurrenz zu den alten Handelsbeziehungen der rheinischen Hansekaufleute) führte in der historischen Forschung dazu, in dieser Gruppierung den Kern der frühen Hanse zu sehen (Dollinger sieht im Jahr 1161 sogar die eigentliche Geburtsstunde der Hanse überhaupt). Eine Identifizierung der Gotländischen Genossenschaft als „die“ frühe Hanse täte jedoch allen niederdeutschen Handelsbeziehungen unrecht, die nicht unter dem Siegel der Genossenschaft stattfanden.

Entstehung der Städtehanse, Blütezeit (etwa 1250 bis 1400)

Strukturelle Entwicklungen

Veränderungen in Europa führten für die Hanse zu Entwicklungen, die in der so genannten Städtehanse mündeten. Dazu gehören die Befriedung der Handelswege, das Ende der traditionellen Fahrgemeinschaften, die „kommerzielle Revolution“, die Entwicklung der Städte und das Ende der kaiserlichen Schutzmacht im Interregnum.

Der Stand des Kaufmannes hatte sich verhältnismäßig gut in der europäischen Gesellschaft etabliert und die Handelswege wurden zunehmend sicherer, vor allem im strukturell dicht vernetzten Westeuropa. So verloren die Sicherheit versprechenden Fahrgemeinschaften immer mehr an Bedeutung. Es wurde möglich, auf eigene Faust Handel zu betreiben und darüber hinaus Vertreter zu entsenden. Dies war ein wichtiger Faktor für eine kommerzielle Entwicklung, die bisweilen auch „kommerzielle Revolution“ genannt wird.[3] Zusammen mit der Entwicklung der Städte, in denen ein ständiger Markt möglich war, wurden die erfolgreicheren Kaufleute ansässig. Sie regelten von einer Stadt aus ihr Handelsgeschäft über die Entsendung eines Vertreters und waren somit in der Lage, mehrere Handelsgeschäfte gleichzeitig von einem zentralen Punkt aus zu organisieren. Eine Vervielfachung der Handelstätigkeiten wurde möglich. Die Zahlung über Schuldscheine, Wechsel (im Hanseraum nicht ganz so verbreitet wie z. B. in Oberitalien), oder andere Kreditformen befreite den Kaufmann aus einem reinen Tauschhandel und ermöglichte wiederum eine Ausweitung des Handels. Das Messesystem (also die regelmäßigen Großmärkte in einer Region, wie z. B. in der Champagne oder Schonen) verlor an Bedeutung durch die Entwicklung der Städte zu neuen Handelszentren. Städte hatten demgegenüber auch ganz praktische Vorteile: Die schweren, bauchigen Transportschiffe (v. a. Koggen), mit denen besonders viel Ladung mit nur wenigen Schiffen gehandelt werden konnte, benötigten tiefe Häfen, um anzulegen. Ein Anlanden an seichtem Ufer und an-Land-ziehen des Schiffes, wie bei den älteren, flachen Handelsbooten zuvor üblich, war nun nicht mehr möglich.

Es bleibt jedoch zu bedenken, dass bei diesen Entwicklungen eine Art West-Ost-Gefälle herrschte. Während sich im Westen Handelsvertreter und Kreditwesen rasch ausbreiteten, waren im Osten, besonders im Handel mit Nowgorod und entlang der Düna, noch Fahrgemeinschaften und Tauschhandel üblich. Hier waren die Fahrten noch unsicher und die Neuerungen setzten sich nur langsam durch.

Die Sesshaftwerdung der Kaufleute in den Städten führte schnell dazu, dass diese wirtschaftlich potenten Stadtbewohner in den Rat und in die höchsten Positionen der Stadt aufstiegen. Möglicherweise muss auch gar nicht von einem „Aufstieg“ innerhalb der Stadt die Rede sein, da es sich bei vielen Kaufleuten ursprünglich ohnehin um Personen der gesellschaftlichen Oberschicht[4] handelte. Das Ergebnis war, dass die Städte in erster Linie von Kaufleuten beherrscht wurden.

Kaufleute standen im Reich traditionell unter königlich-kaiserlichem Schutz, sie waren die mercatores imperii. Mit dem Ende der staufischen Herrschaft im Reich und den darauf folgenden unsicheren Zeiten des sog. Interregnums ging dieser kaiserliche Schutz faktisch verloren und die fürstlichen Territorialherrschaften konnten (oder wollten) diese Funktion nicht ersetzen. Die Kaufleute fanden eine neue, lokal organisierte Schutzmacht in den Städten.[5] Städte begannen, für die Sicherung der Handelswege zu sorgen und die Einhaltung der Handelsprivilegien ihrer Kaufleute in den Handelszielen zu überwachen. Zu diesem Zweck sprachen sie sich mit anderen Städten ab, schlossen Bündnisse und begannen, ihr Vorgehen in sogenannten Tagfahrten abzusprechen. Zu einer Tagfahrt konnte jede Stadt einladen, die eine bestimmte Angelegenheit zusammen mit anderen Städten regeln wollte. Zu diesem Zweck lud sie die betroffenen Städte zu sich ein, welche Ratssendeboten als Vertreter entsendeten, um eine Übereinkunft zu erzielen. Von einer ersten gesamthansischen Tagfahrt, also einem ersten „Hansetag“ kann man 1356 sprechen, als die Verhältnisse in Flandern eine Tagfahrt erforderten, die letztlich alle Hansestädte betraf.

Regionale Bündnisse zwischen Städten entstehen

Die Hanse entwickelte sich von der ursprünglichen Kaufmannshanse zur Städtehanse, bei der Städte einen gegenseitigen Bund bildeten. Als Gründungsjahr wird häufig 1241 angegeben, als Lübeck und Hamburg ihre schon seit elf Jahren bestehende enge Zusammenarbeit auf eine vertragliche Basis stellten, aus dem später der Wendische Städtebund hervorging. Fünf Jahre später begannen sich Bünde westfälischer und (nieder)sächsischer Städte zu bilden (Beispiel: Ladbergener Städtebund). Etwa 100 Jahre später bildeten sich die Bünde der preußischen und livländischen Städte (zur Zugehörigkeit einzelner Städte zu den Bünden siehe Hansestadt).

Mitglied der Hanse konnte eine Stadt auf dreierlei Weise sein oder werden. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts wuchsen die Städte durch die Teilnahme ihrer Kaufleute am hansischen Handel in die Gemeinschaft hinein. Seit der Mitte des 14. Jahrhundert stellten die Städte förmliche Aufnahme- oder Wiederaufnahmeanträge. Einen dritten Weg in die Hanse beschritten vielfach die kleineren Städte, indem sie sich ohne besondere Formalitäten von einer der größeren Städte aufnehmen ließen. Ein Sonderfall blieb das rheinische Neuss, das 1475 durch kaiserliches Privileg in den Rang einer Hansestadt erhoben wurde.

Die Hanseeigenschaft ging verloren durch Nichtbenutzung der Privilegien, durch freiwilligen Austritt aus der Gemeinschaft oder durch den förmlichen Ausschluss einer Stadt (Verhansung), der bei gravierenden Verstößen gegen die Prinzipien und Interessen der Gemeinschaft von der Städteversammlung vorgenommen werden konnte.

Vormachtstellung im Ostseeraum

Zwischen etwa 1350 und 1400 stand die Hanse als nordeuropäische Großmacht da, was u. a. mit der erfolgreichen Durchsetzung hansischer Interessen bei wirtschaftlichen Auseinandersetzungen in Flandern zusammenhing. Zu diesem Zweck trat 1356 der erste Hansetag zusammen (also die erste Tagfahrt, an der nahezu alle Hansestädte teilnahmen). Dies war keine offizielle Gründung der Hanse, aber das erste Mal, dass sich nahezu alle Städte im Interesse ihrer Vorteile und Handelsprivilegien zu einem gemeinsamen Vorgehen koordinierten und als Bund van der düdeschen hanse auftraten. Die deutsche Hanse war vor und auch nach diesem „Zusammenrücken“ eher frei organisiert, hatte keine Verfassung und keine Mitgliederlisten, keine dauerhafte eigenständige Finanzgebarung oder Beamte.

Die Beschlüsse der Hanse auf den Tagfahrten und ab 1356 auch auf Hansetagen wurden in den Hanserezessen protokolliert. Die Beschlussfindung fand nicht nach Mehrheiten statt, sondern unterlag dem Prinzip der Einigkeit. Es wurde diskutiert und verhandelt, bis „man sich einig“ war, wobei Enthaltungen als Zustimmung gewertet wurden. Die entsendeten Vertreter der Städte, die Tagfahrer, hatten jedoch nicht die Vollmacht, im Namen ihrer Stadt eine Entscheidung zu treffen, sondern kehrten mit dem Ergebnis des Hansetages in ihre Stadt zurück, wo es beim Rat der Stadt lag, ob der Beschluss angenommen wurde, oder nicht. Dies führte dazu, dass es kaum einen Beschluss eines Hansetages gab, der tatsächlich von allen Städten der Hanse mitgetragen wurde. Vielmehr hing die Zustimmung und die Beteiligung einer Stadt davon ab, ob die Angelegenheit ihren wirtschaftlichen Interessen entsprach, oder nicht. Ein Handelsembargo gegen England konnte z. B. durchaus den Interessen Lübecks entsprechen, jedoch von Köln wegen seiner alten Handelsbeziehungen zu London strikt abgelehnt werden. Gerade diese Freiheit der Städte, Beschlüsse von Hansetagen für sich anzunehmen oder abzulehnen, machte das Prinzip der Einigkeit auf den Hansetagen erforderlich. Um eine Zustimmung möglichst vieler Städte zu erreichen, wurde so lange verhandelt, bis die meisten von ihnen mit dem Ergebnis zufrieden sein konnten.

Den Kern der Hanse bildeten etwa 72 Städte, weitere 130 waren locker assoziiert. So dehnte sich der Einflussbereich der Hanse über ein Gebiet aus, das von Flandern bis Reval reichte und dabei den gesamten Ostseeraum bis zum Finnischen Meerbusen umfasste. Einziges nichtstädtisches Mitglied war der Deutsche Orden – ein von Ordenrittern geführter Flächenstaat.

Die so erreichte Vormachtstellung der Hanse in Nord- und Ostsee erregte vor allem den Widerstand Dänemarks: 1361 kam es im Ersten Hanse-Dänemark-Krieg zum Kampf gegen den dänischen König Waldemar IV. Atterdag, der die Rechte der Hanse einschränken wollte. Der Bund, der ursprünglich nur wirtschaftlichen Interessen diente, erhielt hohe politische Bedeutung durch die Kölner Konföderation, die gegen die Bedrohung durch den Dänenkönig geschlossen wurde und die Städte zum Kriegsbündnis mit Schweden und Norwegen gegen Dänemark zusammenschloss. Der siegreiche Ausgang dieses Zweiten Hanse-Dänemark-Krieges brachte der Hanse mit dem Frieden von Stralsund 1370 eine ungewöhnliche Machtstellung. Die Königswahl in Dänemark wurde abhängig gemacht von der Zustimmung der Hanse – die Option wurde allerdings von der Hanse nicht wahrgenommen.

Die Hanse bewährte sich auch im Kampf gegen den Seeräuberbund der Vitalienbrüder, der 1401 oder 1402 mit der Hinrichtung (durch Enthauptung) ihres Anführers Gödeke Michels in Hamburg endete.

Im 14. und 15. Jahrhundert geriet die Stadt Emden in stetige Konflikte mit der Hanse, da von Emden (und anderen Orten in Ostfriesland wie Marienhafe) aus die Seeräuber um Klaus Störtebeker unterstützt wurden. Folge dieses Konfliktes war die mehrfache Besetzung Emdens durch hansische (vor allem hamburgische) Kräfte. Die Hamburger zogen erst 1447 endgültig wieder aus Emden ab.

Der Versuch des dänischen Königs Erich VII., Skandinavien aus der Abhängigkeit zu lösen und die Einführung des Sundzolls, führte 1420 bis 1435 zu einem neuen Krieg, in dem Dänemark wieder unterlag und der 1435 mit dem (nach 1365 zweiten) Frieden von Vordingborg beendet wurde.

Krisen und Niedergang (etwa 1400 bis 1669)

Der Machtverlust der Hanse begann mit dem Erstarken der landesherrlichen Territorialgewalten im Ostseeraum, wodurch sich die Städte in stärkerem Maße den Interessen der regierenden Fürsten unterordnen mussten. Ein anderer Grund war die Entdeckung Amerikas, die den bisher dominierenden Ostsee-Westsee (heute Nordsee)-Handel nun in überseeische Gebiete ausdehnte. Dabei ging nicht etwa das Handelsvolumen der Hanse im eigentlichen Sinne zurück, es entstanden jedoch mächtige Konkurrenten, die die Bedeutung der Hanse für die einzelnen Städte – und Kaufleute – schwächten.

Schon 1441 musste die Hanse im Frieden von Kopenhagen – dem Ende des Hansisch-Niederländischen Kriegs (1438–1441) – die wirtschaftliche Gleichberechtigung der Niederländer anerkennen, nachdem Brügge als wichtigstem Kontor der Hanse mit Antwerpen ein mächtiger Konkurrent erwachsen war und sich die Niederlande zusätzlich mit den Dänen als den „Herren des Sunds“ verbündet hatten. Zudem entstand Uneinigkeit zwischen den Städten über den Umgang mit den Niederländern: Während die wendischen Städte durch das Erstarken des holländischen Handels stärker bedroht waren und zu einer unversöhnlichen Politik drängten, konnten der Deutsche Orden, Köln und die livländischen Städte ihren eigenen Interessen entsprechend mit einer konzilianteren Politik besser leben.

Der Frieden von Utrecht (1474) beendete den 1470 begonnenen Hansisch-Englischen Krieg der Städte des Wendischen und Preußischen Viertels gegen England und sicherte die Privilegien des Londoner Stalhofs und den hansischen Tuchhandel. Der endgültige Niedergang der Hanse begann 1494 mit der Schließung des Kontors in Nowgorod: Der Peterhof in Nowgorod wurde bei der Eroberung Nowgorods durch Iwan III. zerstört. Der Russlandhandel verlagerte sich zunehmend auf die Städte an der Küste des Baltikums.

Mit der Verlagerung des Außenhandels nach Übersee verlor die Hanse, die aufgrund ihrer Monopolstellung keine große Notwendigkeit gesehen hatte, sich Neuerungen gegenüber zu öffnen, im 15. und 16. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Die Zahl der Mitgliedsstädte ging immer mehr zurück. Gleichwohl wurde der Versuch einer Reorganisation unternommen und der Kölner Heinrich Sudermann 1556 zum Syndikus der Hanse bestellt, die sich damit erstmals einen eigenen Sprecher und Repräsentanten gab. Nachfolger Sudermanns wurde in der Zeit von 1605 bis 1618 der in Osnabrück gebürtige Stralsunder Syndikus Johann Domann.

Mit Beginn des 17. Jahrhunderts war der stolze und mächtige Städtebund der Hanse nur noch dem Namen nach ein Bündnis, das sich allerdings mit einigen Städten des engeren Kerns gegen diese Entwicklung wehrte, so dass es nicht nur zu gemeinsamen Verteidigungsbündnissen dieser Städte kam, sondern neben der Beschäftigung des Syndikus Domann auch zur Anstellung eines gemeinsamen Militärführers in der Person des Obersten Friedrich zu Solms-Rödelheim, der auch den gemeinsam beschäftigten Festungsbauer Johan van Valckenburgh aus den Niederlanden zu beaufsichtigen hatte. Der Dreißigjährige Krieg brachte die völlige Auflösung. Ein Vorschlag Spaniens, eine „Hanseatisch-Spanische Compagnie“, die den Handel nach den neuen spanischen Kolonien in Mittelamerika betreiben sollte, scheiterte an den politischen Gegensätzen zwischen den „katholischen“ und „protestantischen“ Machtblöcken.

Auf den Hansetagen 1629 und 1641 wurden Hamburg, Bremen und Lübeck beauftragt, das Beste zum Wohle der Hanse zu wahren. 1669 hielten die letzten in der Hanse verbliebenen Städte, Lübeck, Hamburg, Bremen, Danzig, Rostock, Braunschweig, Hildesheim, Osnabrück und Köln den letzten Hansetag in Lübeck ab, wobei die drei erstgenannten den Schutz der im Ausland befindlichen Kontore übernahmen.

1684 forderte Kaiser Leopold die Lübecker Hanse zur Geldhilfe für den Krieg gegen die Türken auf.

Das Kontor in Bergen wurde 1775, der Stalhof (Steelyard) in London 1858 verkauft. Das 1540 von Brügge nach Antwerpen verlegte Kontor im Osterling-Haus ging 1863 in die Hände der belgischen Regierung über.

Die drei Städte Bremen, Hamburg und Lübeck hielten auch später noch weiterhin eng zusammen und hatten schon aus Kostengründen gemeinsame diplomatische Vertretungen an Europas Höfen und gemeinsame Konsulate in wichtigen Häfen. Die Ministerresidenten Vincent Rumpff in Paris und James Colquhoun in London schlossen namens der norddeutschen Stadtrepubliken moderne Handels- und Schifffahrtsverträge, aufbauend auf Reziprozität und Meistbegünstigung ab, die vom Norddeutschen Bund 1867 übernommen und auch vom neuen Kaiserreich noch lange fortgeführt wurden.

Organisation

Der Hauptort Lübeck, im Spätmittelalter neben Köln und Magdeburg eine der größten Städte im Reich und neben Rom, Venedig, Pisa und Florenz eine der fünf Herrlichkeiten des Reiches, gemäß Edikt von Kaiser Karl IV. war Appellationsgericht für alle Hansestädte, die nach eigenem Lübischen Recht zu richten hatten.

Hansetag

Der allgemeine Hansetag war das höchste Leitungs- und Beschlussgremium der Hanse. Der erste Hansetag fand 1356, der letzte 1669 statt. (siehe auch Hansetage der Neuzeit)

Hansetage fanden je nach Bedarf statt, gewöhnlich auf Einladung Lübecks, das 1294 unangefochten als caput et principium omnium[6] galt und als hovestad der Hanse im 14. und 15. Jh. mehrfach bestätigt wurde. Besondere Rechte gegenüber den anderen Städten der Hanse konnte Lübeck aus dieser Funktion jedoch nicht herleiten.

Behandelt wurden auf dem Hansetag alle Fragen, welche das Verhältnis der Kaufleute und Städte untereinander oder die Beziehungen zu den Handelspartnern im Ausland betrafen. Der Idee nach sollten die Beschlüsse für alle Mitglieder verbindlich sein.

Aber der Hansetag besaß keine den Städten übergeordnete Zwangsgewalt. Die Verwirklichung der Beschlüsse hing vom guten Willen der Städte ab; allein in ihrem Ermessen lag es, Beschlüsse des Hansetages mitzutragen oder eigene Wege zu gehen. Sie fühlten sich deshalb auch nur gebunden, wenn sich die Beschlüsse mit den eigenen lokalen Interessen deckten, andernfalls verweigerten sie ihre Mitwirkung, z. B. die Weigerung Dortmunds, sich dem 1367 in Köln geschlossenen, für die Geschichte der Hanse so folgenreichen Kriegsbündnis der wendischen, preußischen und einiger niederländischen Städte gegen den dänischen König Waldemar IV. anzuschließen. In einem Schreiben an die in Lübeck versammelten Ratsendboten stellte die Stadt fest, sie habe die Kriege der Seestädte noch nie unterstützt und wolle das auch jetzt nicht tun. Umgekehrt ließen 1388 die übrigen Hansestädte, selbst die westfälischen, Dortmund allein, als dessen Souveränität in der Großen Fehde auf dem Spiel stand und es von den versammelten Heeren des Kölner Erzbischofs und des Grafen von der Mark bedroht war. Ähnliche Beispiele gibt es zuhauf.

Auf den einzelnen Hansetagen wurden alle die Mitglieder betreffenden wichtigen Angelegenheiten behandelt, wie z. B.

  • Ratifizierung von Verträgen
  • Neuaufnahme oder Ausschluss von Mitgliedern
  • Handelsprivilegien
  • diplomatische Aktivitäten der Hanse
  • Krieg und Frieden
  • Wirtschaftssanktionen
  • finanzielle oder militärische Maßnahmen
  • wirtschaftliche Vorschriften aller Art
  • Schlichtung von Konflikten zwischen Hansestädten
  • Beratung

Aufgrund der Vormachtstellung Lübecks fanden dort auch die meisten Hansetage statt, und zwar 54 von den 72 „Hansetagen“ zwischen 1356 und 1480. Zehn Hansetage fanden in Stralsund, drei in Hamburg, zwei in Bremen und jeweils einer in Köln, Lüneburg, Greifswald und Braunschweig (1427) statt. Weitere Hansetage siehe in Hansetage der Neuzeit.

Lübeck ergriff in aller Regel auch die Initiative, wenn es um die Einberufung eines Hansetags ging. Die Tagesordnungspunkte wurden jeweils Monate voraus bekannt gegeben, um den einzelnen Städten bzw. Städtegruppen ausreichend Zeit zur Beratung bieten zu können, wobei es letztlich keine festgelegte Ordnung durchsetzen konnte, welche Städte einzuladen seien, und Lübeck dementsprechend auch unterschiedliche Städte – wohl der jeweiligen Problemstellung folgend – zu den Tagen einlud.

Die Reise- und Aufenthaltskosten hatten die Städte im Großen und Ganzen selbst zu tragen; um die Ausgaben zu minimieren versuchten sie deshalb, Syndici zu bestimmen, die ihre Interessen vertreten sollten. Auf dem Hansetag des Jahres 1418 wurde allerdings festgelegt, dass alleine die Ratsherren einer Stadt zur Interessenvertretung berechtigt seien.

Im Juli 1669 fand der letzte Hansetag in Lübeck statt, nachdem die Wiederbelebung der Hanse durch den Dreißigjährigen Krieg bzw. die Unfähigkeit des Städtebundes, tragfähige Machtstrukturen zu entwickeln, gescheitert war. Es kamen nur noch neun Delegierte, und sie gingen wieder auseinander, ohne irgendwelche Beschlüsse zu fassen. Die Hanse wurde also niemals formell aufgelöst, sondern ist „sanft“ beendet worden.

Drittelstag

Drittelstage wurden zur Erörterung besonders von flandrischen Fragen abgehalten und ergänzten die Hansetage. Der Name leitet sich von den Drittel genannten Städtegruppen ab. 1347 wurde in den Statuten des Hansekontores in Brügge zum ersten Mal die Existenz der Drittel erwähnt. Das Kontor wurde zu je einem Drittel von den lübisch-sächsischen, westfälisch-preußischen und den gotländisch-livländischen Städten verwaltet. Es wird vermutet, dass diese Aufteilung der damaligen Machtverteilung innerhalb der Hanse entsprach.[7] Jedes Drittel wurde von einer Vorort genannten Stadt geführt. Zu Beginn waren dies: Lübeck, Dortmund und Visby. Die anderen (weniger bedeutenden) Kontore waren nicht nach diesen Dritteln organisiert.

Offensichtlich war es vorteilhaft, die führende Stadt innerhalb eines Drittels zu sein, denn schon bald gab es inner-hansische Auseinandersetzungen um die Aufteilung und Führung der Drittel. Köln löste Dortmund in der Führung des westfälisch-preußischen Drittels ab, Zwischen Visby und Riga wechselte die Führungsrolle im gotländisch-livländischen Drittel mehrfach. Die damalige Bedeutung Lübecks wird auch daran deutlich, dass die Führungsrolle der Stadt im mächtigsten lübisch-wendischen Drittel niemals angegriffen wurde.

Auf dem Hansetag 1554 wurden aus den Dritteln Quartiere gemacht. Lübeck führte fortan das wendische Quartier, Braunschweig und Magdeburg das sächsische, Danzig das preußisch-livländische und Köln das Kölner Quartier an.

Regionaltag

Neben den Hanse- und Drittelstagen wurden auch so genannte Regionaltage abgehalten, auf denen sich die Vertreter benachbarter Städte trafen und auch über außerhansische Angelegenheiten berieten. Diese Regionaltage wurden von den Räten der beteiligten Städte organisiert. Sie waren auch für die Umsetzung der Beschlüsse der Versammlungen in den jeweiligen Städten zuständig.

Wirtschaft

Schifffahrt

Vorteile durch Verbindung von Land- und Seeverkehr

Die Verbindung von Land- und Seeverkehr in einer Organisation war der entscheidende Schritt in die Zukunft, die der Hanse schließlich die monopolartige Vorherrschaft in Handel und Transport auf Nord- und Ostsee bringen sollte. Neue Verkehrswege auf dem Wasser wurden allerdings bis weit ins 14. Jh. von der Hanse nicht erschlossen, man übernahm vielmehr die von Friesen, Sachsen, Engländern und Skandinaviern erschlossenen Verkehrswege. Die Handelspartner und Schiffer wurden verdrängt, oft unter dem Anschein fairer Verträge unter gleichberechtigten Partnern. Beispielhaft dafür ist das Privileg Heinrichs des Löwen an die Gotländer von 1161. Als diese sich weigerten, die Kaufleute aus dem gerade wieder gegründeten Lübeck (1159) als Handelspartner zu akzeptieren, vermittelte Heinrich und gestand den Gotländern in seinem Gebiet die gleichen Rechte zu, wie sie die Gotländer den Deutschen auf ihrer Insel einräumen sollten. Nun konnten die Kaufleute aus Visby, die bis dahin den Zwischenhandel auf der Ostsee beherrschten, ihre Waren allenfalls bis Lübeck bringen, der direkte Weg weiter ins Binnenland blieb ihnen versperrt.

Einheitlicher Schiffsbetrieb und einheitliches Seerecht

Ein weiterer Vorteil der Hanseschifffahrt war eine gewisse Rechtssicherheit gegenüber Konkurrenten, ein entwickeltes Seerecht, das Fragen der Befrachtung, der Bemannung, der Verhältnisse an Bord, des Verhaltens im Seenotfall usw. regelte. Die Rechtssicherheit für Hanseschiffe, vor allem im Ausland, war grundlegend für das reibungslose Funktionieren der Verkehrsorganisation. Auch Fragen der technischen Schiffssicherheit und der Seefähigkeit der Schiffe wurden sehr ernst genommen, ebenso wie der Schutz der Handelsschiffe vor Piraterie. Die Schiffe fuhren deshalb meist im Verband in Fahrtgemeinschaften von zwei und drei Schiffen, und ab 1477 mussten größere Hanseschiffe je 20 Bewaffnete an Bord haben. Gegen Kaperungen schützten diese Maßnahmen jedoch nicht immer. In lokalen Legenden erlangten die folgenden Hanseschiffe Berühmtheit: Peter von Danzig (Danzig), Bunte Kuh (Hamburg), Adler von Lübeck, Jesus von Lübeck, Löwe von Lübeck.

Verkehrswege und Warenflüsse

In der Hansezeit stieg das Handelsvolumen über die alten Verkehrswege in ganz Europa, und neue Handelsrouten entstanden. Von größter Bedeutung für die Hanse waren der Nord-Süd-Weg über Rhein und Weser nach London sowie der West-Ost-Weg von London durch Nord- und Ostsee bis Nowgorod. Eine weitere wichtige Verbindung war der Weg von Magdeburg über Lüneburg, Bremen oder Lübeck nach Bergen.

Hamburg und Lübeck arbeiteten eng zusammen: Während Hamburg insbesondere den Nordseeraum und Westeuropa abdeckte, orientierte sich der Seeverkehr Lübecks nach Skandinavien und in den Ostseeraum vom Bergener Kontor Bryggen bis nach Nowgorod (Peterhof). Politisch ist der Einfluss Lübecks auch im Hansekontor in Brügge und im Londoner Stalhof von herausragender Bedeutung für die Entwicklung des hansischen Handels gewesen. Der Handelsverkehr zwischen den beiden Hansestädten wurde vorwiegend über Land, beispielsweise über die Alte Salzstraße, durchgeführt, aber auch per Binnenschiff durch den Stecknitz-Kanal, über den auch das Salz aus Lüneburg, eines der wichtigsten Exportgüter Lübecks in Richtung Norden und Osten, transportiert wurde. Das Salz wurde im Ostseeraum benötigt, um Fisch zu konservieren. Der Hering war im Mittelalter im Binnenland eine beliebte Fastenspeise.

Die rheinische Verkehrslinie

Entlang der alten rheinischen Verkehrslinie wurde seit der Römerzeit vor allem Wein aus der Kölner Gegend gehandelt und Wolle aus England. In beide Richtungen wurden Metallwaren gehandelt, aber auch Produkte aus Italien und Frankreich gelangten auf diesem Weg in den Nordwesten Europas. Mit der Entstehung der Hanse brachten die deutschen Kaufleute immer öfter ihre Waren auf eigenen Schiffen auf die britische Insel und nahmen immer weniger die Dienste der Friesen dafür in Anspruch. An dieser Verkehrslinie lagen die Städte des rheinischen und westfälischen Städtebundes unter Führung von Köln bzw. Dortmund.

Die hansische (Ost-West) Linie

Dieser Handelsweg ging von London und Brügge aus in den Ostseeraum, zunächst vor allem nach Skandinavien. Der Handel wurde belebt durch die Christianisierung Skandinaviens und des südlichen Ostseeraumes und wurde zunächst von den Gotländern dominiert. Diese handelten die Ostwaren Pelze und Wachs aus dem nordöstlichen Ostseeraum sowie Lebensmittel aus Nordwesteuropa (Butter, Getreide, Vieh und Fisch) auf dieser Route unter Umfahrung von Jütland. Auch friesische Händler waren aktiv und brachten die Ware häufig über Eider und Schlei aus dem Nord- in den Ostseeraum und umgekehrt. Nach der (Wieder-)gründung Lübecks intensivierten deutsche Händler den Warenaustausch über Elbe, Alster und Trave. In der Ostsee setzte mit dem Gotländer Frieden 1160 die Verdrängung der Gotländer durch Deutsche ein. Die steigende Nachfrage nach Waren durch die im Rahmen der Ostkolonisation neu gegründeten und schnell wachsenden deutschen Städte bzw. Staaten (Preußen und Livland) im Ostseeraum belebte den Handel auf diesem Weg zusätzlich. Neben der starken Ostkolonisation fand im kleineren Rahmen eine deutsche Kolonisation in Skandinavien statt: deutsche Handwerker und Kaufleute ließen sich z. B. in Visby und Bergen nieder und nahmen später über Jahrzehnte paritätisch an der Stadtverwaltung teil. Anders als im südlichen Ostseeraum wurde die einheimische Bevölkerung dabei aber nicht dominiert. Zusätzliche Bedeutung erhielt dieser Seeweg, weil es entlang der Ostseeküste keine befestigten (Römer-)straßen gab und das Gebiet abseits der Städte nur sehr dünn besiedelt war. Entlang dieser Linie lagen die wendischen, preußischen und livländischen Städte. Die Führung der gleichnamigen Städtebünde hatten Lübeck, Danzig und Riga inne.

Der Nord-Süd-Weg von Magdeburg nach Bergen

Dieser Weg war ebenfalls sehr alt und verband die Harzer Bergwerke und die Salinen Lüneburgs mit den Fischvorkommen in Südschweden und Norwegen. Die Städte an dieser Linie gehörten dem sächsischen Städtebund mit den Vororten Braunschweig und Magdeburg sowie dem wendischen Bund an.

Kontore

Kontore der Hanse waren in Nowgorod der Peterhof, in Bergen die Tyske Bryggen, in London der Stalhof und das Hansekontor in Brügge; an ihrer Spitze standen gewählte Oldermänner und Beisitzer. Ihre Aufgabe war es, den Schutz der kaufmännischen Interessen gegenüber den auswärtigen Mächten wahrzunehmen, zugleich aber auch, die Einhaltung der den Kaufleuten zugestandenen Freiheiten durch die Kaufleute selbst zu überwachen, zu deren Befolgung diese sich bei der Aufnahme in die Kontorgemeinschaft eidlich verpflichten mussten. Ferner gab es Statuten, die das Zusammenleben der Kaufleute und Fragen des örtlichen Handels regelten. Sie hatten eine eigene Kasse und führten ein eigenes Siegel, sie galten jedoch nicht als eigenständige Mitglieder der Hanse.

Die sogenannte Nowgoroder Schra ist die einzige vollständig erhaltene Sammlung von Vorschriften eines der vier Hansekontore.

Hansekaufleute

Der auf sich allein gestellte, das volle Risiko tragende, nur auf eigene Rechnung Handel treibende Kaufmann war in der Hanse des 14. und 15. Jh. der Ausnahmefall. Der typische Hansekaufmann des späten Mittelalters war Mitglied einer oder mehrerer Handelsgesellschaften. Seit dem 12. Jh. sind die einfache Selschop, eine kurzfristige Gelegenheitsgesellschaft, bei der ein Kaufmann auf die Handelsreise Kapital oder Ware eingibt, Risiko und Gewinn geteilt wurden, und die Sendeve, das Kommissionsgeschäft, bei dem der Gewinn des beauftragten Kaufmanns durch festen Lohn oder eine Provision ersetzt wurde und der Auftraggeber das alleinige Risiko trug. Bei dem am häufigsten vorkommenden Typ der freien Gesellschaft brachten zwei oder mehr Partner Kapital in gleicher oder unterschiedlicher Höhe ein; Gewinnausschüttung und Verlustzuweisung erfolgten je nach Anteil. Es gab neben den aktiven Gesellschaftern häufig auch mehrere stille Teilhaber. Gewöhnlich blieb die Dauer der Gesellschaft auf wenige Jahre befristet. Gerade die größeren Hansekaufleute mit Handelsbeziehungen zwischen Ost und West waren in mehreren solcher Gesellschaften vertreten, um das Risiko besser zu verteilen. Bei der Wahl der Gesellschaftspartner spielten verwandtschaftliche Beziehungen immer eine große Rolle.

Philippe Dollinger stellt einige dieser Kaufleute schlaglichthaft heraus: den Hamburger Kaufmann Winand Miles; Johann Wittenborg aus Lübeck ob der Tragik seiner Biographie; den Dortmunder Tidemann Lemberg ob seiner Skrupellosigkeit; den deutschstämmigen Stockholmer Johann Nagel ob seiner Assimilationskraft; die europaweit agierenden Brüder um Hildebrand Veckinchusen für die unterschiedlichen Erfolgsvarianten einer interfamiliären kaufmännischen Zusammenarbeit; den Lübecker Hinrich Castorp als Beispiel für den nahezu klassischen Hansekaufmann seiner Zeit und die Gebrüder Mulich als Beispiel des Einbruchs der Hansekaufleute im oberdeutschen Handel. In der zeitgenössischen Kunstszene stachen die Porträts der Hansekaufleute im Londoner Stalhof hervor, die Hans Holbein der Jüngere abbildete. Jacob van Utrecht porträtierte den erfolgreichen Kaufmann des beginnenden 16. Jahrhunderts in seiner Arbeitsumgebung und mit den notwendigen Utensilien. König Ludwig I. von Bayern nahm den Lübecker Bürgermeister Bruno von Warendorp stellvertretend für die Hansekaufleute und ihre Führungskraft in seine Walhalla auf.

Beispiel für den erfolgreichen Hansekaufmann des 17. Jahrhunderts ist sicher der Lübecker Thomas Fredenhagen, der trotz veränderter Handelsströme noch von Lübeck aus sehr erfolgreich weltweit im Wettbewerb mit Bremern und Hamburgern agierte.

Nachwirkungen

Treuhänder und Erben

Wo immer die Hanse als Bezugspunkt städtischer Traditionen beschworen wird, gelten die Hanseaten als weltoffen, urban, nüchtern und zuverlässig, aristokratisch-reserviert und steif. Lübeck, Hamburg und Bremen werden mit solchen Klischees gern verbunden. Die Städte nahmen den Begriff Hansestadt allerdings erst im 19. Jh. in ihren Staatstitel auf – über eineinhalb Jahrhunderte nachdem die Hanse bereits erloschen war.

Hansaplatz und Hansaport

Die Hanse wird den positiven Erscheinungen der Geschichte zugerechnet. Wo immer eine Stadt einst der Hanse angehört hat, scheint dies ihr Ansehen zu heben und es lässt sich damit werben. Plätze, Straßen und Bauten erinnern daran: Hansaplatz, Hansastraße, Hanseatenweg, Hansahof, Hanse-Viertel, Hansaport um nur Beispiele aus Hamburg und Lübeck anzuführen. Zahlreiche öffentliche und private Bauten und Firmen beschwören vermeintliche Hansetradition und führen Bezeichnungen wie Hanse, Hansa, hanseatisch oder hansisch zum Bestandteil ihres Namens. Das weist oft auf ihren Sitz oder ihre Zuständigkeit hin, etwa im Fall eines Hanseatischen Oberlandesgerichts, einer Hanseatischen Versicherungsanstalt von 1891, der Deutschen Lufthansa oder des Fußballvereins Hansa Rostock. Zumeist dient es jedoch als eine Art Gütesiegel, das markenrechtlich nur sehr eingeschränkt, zumeist nur als Bildmarke, schutzfähig ist.

Hansebund der Neuzeit

1980 wurde in Zwolle die „neue Hanse“ als Lebens- und Kulturgemeinschaft der Städte über die Grenzen hinweg gegründet. Ihr Ziel ist neben der Förderung des Handels auch die Förderung des Tourismus. Seitdem wird in jedem Jahr ein Hansetag der Neuzeit in einer ehemaligen Hansestadt abgehalten.

Linguistische Bedeutung

Die mittelniederdeutsche Sprache der Hanse, die die Lingua franca des Mittelalters in Nordeuropa war, beeinflusste die Entwicklung der skandinavischen Sprachen deutlich.

Geschichte einzelner Hansestädte

Die Geschichte der Hanse als losem Städtebund ist untrennbar mit den Einzelgeschichtsschreibungen der wesentlichen Mitgliedsstädte verbunden, die, da sie nicht immer einig waren und durchaus eigene Interessen verfolgten, die Hanse im Licht ihrer Geschichte durchaus unterschiedlich bewerten:

  • Geschichte Anklams
  • Geschichte Braunschweigs
  • Geschichte Bremens
  • Geschichte Danzigs
  • Geschichte Demmins
  • Geschichte Dortmunds
  • Geschichte Greifswalds
  • Geschichte Hamburgs
  • Geschichte Kölns
  • Geschichte Lübecks
  • Geschichte Lüneburgs
  • Geschichte Münsters
  • Geschichte Revals
  • Geschichte Rigas
  • Geschichte Rostocks
  • Geschichte Soests
  • Geschichte Stades
  • Geschichte Stralsunds
  • Geschichte Wismars

Literatur

  • Jörgen Bracker, Volker Henn, Rainer Postel (Hrsg.): Die Hanse — Lebenswirklichkeit und Mythos. Katalog der Ausstellung des Museums für Hamburgische Geschichte in Hamburg 24. August – 24. November 1989. 2 Bde., 4. Auflage, Schmidt-Römhild, Lübeck 2006 (Erstausgabe: Hamburg 1989), ISBN 978-3-7950-1275-5.
  • Philippe Dollinger: Die Hanse (Originaltitel: La Hanse übersetzt von Marga und Hans Krabusch), 5. Auflage, Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-37105-7 (Mit einem Beitrag: Philippe Dollinger, Antjekathrin Graßmann: Zur hansischen Geschichtsforschung 1960–1997).
  • Rolf Hammel-Kiesow: Hanse. 3. aktualisierte Auflage, Beck, München 2004, ISBN 3-406-44731-7.
  • Karl Pagel: Die Hanse. Neu bearbeitet von Friedrich Naab. Westermann, Braunschweig 1983, ISBN 3-14-508879-3.
  • Ernst Pitz: Bürgereinung und Städteeinung. Studien zur Verfassungsgeschichte der Hansestädte und der deutschen Hanse. In: Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte, Neue Folge Band 52, Böhlau, Köln/Wien/Weimar 2001, ISBN 978-3-412-11500-5.
  • Margrit Schulte Beerbühl: Das Netzwerk der Hanse, Europäische Geschichte Online, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2011, Zugriff am: 10.08.2011.
  • Stephan Selzer: Die Hanse. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010.
  • Dieter Zimmerling, Jürgen Erlebach (Illustrationen): Die Hanse. Handelsmacht im Zeichen der Kogge. Gondrom, Bindlach 1993, ISBN 3-8112-1006-8.

Einzelnachweise

  1. ↑ Ernst Pitz, a.a.O.
  2. ↑ Philippe Dollinger: Die Hanse. Kröner, Stuttgart 1998. ISBN 3-520-37105-7
  3. ↑ so R. de Roover, R.S. Lopez
  4. ↑ v. a. Ministeriale und Altfreie
  5. ↑ die sie, wohlgemerkt, selbst beherrschten!
  6. ↑ deutsch: Haupt und Ursprung aller
  7. ↑ Eine rein an regionalen Gesichtspunkten orientierte Aufteilung hätte sicher nicht die weit voneinander entfernten Städte aus Westfalen und Preußen gemeinsam organisiert.

 

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CCR5

CCR5 (CC-Motiv-Chemokin-Rezeptor 5, auch CD195, CMKBR5 oder CC-CKR5) ist die Bezeichnung für ein Rezeptorprotein aus der Familie der Chemokinrezeptoren und für eben dieses Rezeptorprotein exprimierende Gen.

Rezeptor

Der Rezeptor CCR5 ist in vielen Zellen des blutbildenden Systems verbreitet, wie beispielsweise Makrophagen, CD4+-Zellen, CD8+-Zellen und NKT-Zellen. CCR5 wird durch seine Liganden CCL3 (MIP-1α), CCL4 (MIP-1β), CCL5 (RANTES) und CCL8 (MCP-2) aktiviert[1] und ist in Entzündungsreaktionen involviert.

Pathologische Bedeutung

Pathologisch spielt der Rezeptor CCR5 als der hauptsächliche Co-Rezeptor eine essenzielle Rolle für das Andocken von HI-Viren, deren Aufnahme in die Zelle und somit dessen Infektion. Daher ist die Entwicklung von Arzneistoffen, welche die Anbindung von HIV an CCR5 hemmen, von großem Interesse und führte beispielsweise zum ersten zugelassenen Entry-Inhibitor Maraviroc. Darüber hinaus wird CCR5 eine Beteiligung an Autoimmunerkrankungen wie multipler Sklerose, rheumatoider Arthritis und Diabetes mellitus vom Typ I zugeschrieben.

Genmutation

Eine Mutation des CCR5 Gens mit der Bezeichnung CCR5Δ32 (CCR5-Delta32), bei der ein 32 Basenpaar-Segment deletiert ist, führt zu einem Frameshift mit einem vorzeitigen Stoppcodon. Das daraus resultierende verkürzte Protein (es fehlen die drei C-terminalen Transmembrandomänen) bleibt im Zytoplasma und wird nicht zur Zelloberfläche transportiert. Dies hat eine Resistenz der Träger gegenüber den meisten HIV-Stämmen zur Folge. Als Ursache des ungewöhnlich gehäuften Auftretens dieser Mutation (10% bei Europäern) galt zunächst Selektionsdruck durch Seuchen im Nordeuropa vor 700 Jahren. Neuere Untersuchungen deuten jedoch auf ein wesentlich höheres Alter für die ursprüngliche Mutation und den Selektionseffekt. Eine Aussage über den Selektionsfaktor wird damit nahezu unmöglich.[2][3][4][5] Darüber hinaus wird in einer im Januar 2006 im Magazin Journal of Experimental Medicine veröffentlichten Studie die Vermutung aufgestellt, dass die Anfälligkeit für das West-Nil-Virus durch die selbe Mutation massiv begünstigt wird. Die Vermutung wurde zwei Jahre später durch eine Metaanalyse der Daten des Westnil-Ausbruchs in den USA erhärtet.[6][7]

Einzelnachweise

  1. ↑ Murphy PM, Baggiolini M, Charo IF, et al.: International union of pharmacology. XXII. Nomenclature for chemokine receptors. In: Pharmacological Reviews. 52, Nr. 1, März 2000, S. 145–76. PMID 10699158.
  2. ↑ Galvani AP, Slatkin M: Evaluating plague and smallpox as historical selective pressures for the CCR5-Delta 32 HIV-resistance allele. In: Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A.. 100, Nr. 25, Dezember 2003, S. 15276–9. doi:10.1073/pnas.2435085100. PMID 14645720. Volltext bei PMC: 299980.
  3. ↑ Biloglav Z, Zgaga L, Smoljanović M, et al.: Historic, demographic, and genetic evidence for increased population frequencies of CCR5Delta32 mutation in Croatian Island isolates after lethal 15th century epidemics. In: Croat. Med. J.. 50, Nr. 1, Februar 2009, S. 34–42. PMID 19260142. Volltext bei PMC: 2657566.
  4. ↑ Zawicki P, Witas HW: HIV-1 protecting CCR5-Delta32 allele in medieval Poland. In: Infect. Genet. Evol.. 8, Nr. 2, März 2008, S. 146–51. doi:10.1016/j.meegid.2007.11.003. PMID 18162443.
  5. ↑ Faure E, Royer-Carenzi M: Is the European spatial distribution of the HIV-1-resistant CCR5-Delta32 allele formed by a breakdown of the pathocenosis due to the historical Roman expansion?. In: Infect. Genet. Evol.. 8, Nr. 6, Dezember 2008, S. 864–74. doi:10.1016/j.meegid.2008.08.007. PMID 18790087.
  6. ↑ W. G. Glass, D. H. McDermott u.a.: CCR5 deficiency increases risk of symptomatic West Nile virus infection. In: The Journal of experimental medicine Band 203, Nummer 1, Januar 2006, S. 35–40. doi:10.1084/jem.20051970. PMID 16418398. PMC 211808.
  7. ↑ J. K. Lim, C. Y. Louie u.a.: Genetic deficiency of chemokine receptor CCR5 is a strong risk factor for symptomatic West Nile virus infection: a meta-analysis of 4 cohorts in the US epidemic. In: The Journal of infectious diseases Band 197, Nummer 2, Januar 2008, S. 262–265. doi:10.1086/524691. PMID 18179388.

 

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ParacelsusParacelsus, Forscher und Mediziner

Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim, getauft als Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, (* vermutlich 10. November 1493 in Egg bei Einsiedeln [Schweiz]; † 24. September 1541 in Salzburg) war ein Arzt, Alchemist, Astrologe, Mystiker, Laientheologe und Philosoph.

Das Wissen und Wirken des Paracelsus gilt als überaus umfassend. Seine Heilungserfolge waren legendär, trugen ihm aber auch erbitterte Gegnerschaft durch etablierte Mediziner und Apotheker ein, zusätzlich verschärft durch die oft beißende Kritik seitens des Paracelsus an der vorherrschenden Lehrmeinung der Viersäftelehre nach Galen und der bloßen Bücherweisheit damaliger medizinischer Gelehrter. Paracelsus hinterließ zahlreiche deutschsprachige Aufzeichnungen und Bücher medizinischen, astrologischen, philosophischen und theologischen Inhalts, die größtenteils erst nach seinem Tod gedruckt wurden.

Geboren wurde Paracelsus als Sohn des aus Schwaben stammenden Arztes, Naturforschers und Alchemisten Wilhelm Bombast von Hohenheim bei der Teufelsbrücke an der Sihl in der Nähe des Ortes Einsiedeln in der Schweiz. Nach dem frühen Tod seiner Schweizer Mutter, Intendantin des Hospizes zu Einsiedeln, zog der Vater Wilhelm mit Paracelsus 1502 nach Villach in Kärnten, wo er eine stadt- und werksärztliche Praxis aufbaute und führte. Durch seinen Vater erhielt Paracelsus erste Einblicke in Medizin, Bergbau und Scheidekunst.[1] Im Alter von 16 Jahren nahm er das Studium der Medizin an der Universität zu Basel auf.

Es schlossen sich etwa zwölf Wanderjahre des jungen Theophrastus an. Nachgewiesen sind dabei Aufenthalte bei bekannten Alchemisten wie Sigmund Füger von Schwaz und Abt Bruno Graf von Spanheim. 1510 erlangte Paracelsus in Wien den Grad eines Bakkalaureus der Medizin. Nach einem vermuteten kurzzeitigen Aufenthalt in Ferrara zur Erlangung der Doktorwürde (wahrscheinlich im Jahr 1516) führte ihn die anschließende Arbeit als Wundarzt durch große Teile Europas. In diese Zeit fiel die Namensänderung des Theophrastus zu Paracelsus, vermutlich eine latinisierte Form von „Hohenheim“ (griech. παρά = „bei, an, von“, lat. celsus = hochragend), nach anderer Lesart auch Vorrang vor Celsus. Er ließ sich 1524/25 in Salzburg nieder, machte sich durch seine Unterstützung der Aufständischen im Bauernkrieg beim Salzburger Erzbischof Matthäus Lang von Wellenburg unbeliebt und verließ Salzburg daraufhin fluchtartig.

Erste bemerkenswerte streitbare Auftritte im akademischen Umfeld sind um 1525 an den Universitäten zu Freiburg im Breisgau und Straßburg nachgewiesen. Die in diese Zeit fallende nachfolgende Berufung zum Konsiliarius von Basel ermöglichte den regelmäßigen Umgang und Gedankenaustausch mit Humanisten wie Erasmus von Rotterdam, Wolfgang Lachner oder auch Johannes Oekolampadius. In den Jahren 1527 bis 1528 hielt Paracelsus als Arzt in Basel und mit Berechtigung, an der medizinischen Fakultät zu lehren, erstmals Vorlesungen – entgegen damaligen Gepflogenheiten in deutscher Sprache statt Latein. Er öffnete seine Vorlesungen auch für die Allgemeinheit, denn „Die Wahrheit müsse nur deutsch gelehrt werden“ und „Nun ist hie mein Fürnemmen zu erkleren, was ein Arzt seyn soll, und das auff Teutsch, damit das in die gemein gebracht werde“. Dieser Umstand und die während seiner Lehrzeit vorgebrachten heftigen Kritiken an der Ärzte- und Apothekerschaft resultierten in Schmähschriften gegen Paracelsus bis hin zu offen vorgebrachten Bedrohungen gegen Leib und Leben. Vor einem drohenden aussichtslosen Gerichtsverfahren floh er im Februar 1528 in das Elsass. Es schlossen sich abermals Wanderjahre an; erste Schüler traten in das Leben des Paracelsus. 1529 stellte Paracelsus die Bücher Paramirum und Paragranum sowie eine Reihe weiterer kleinerer Schriften medizinischen Inhalts fertig, die jedoch nicht veröffentlicht wurden. Die Krönung seiner Bemühungen ist das im Jahre 1537 vollendete Schriftwerk Astronomia Magna (auch bekannt als Philosophia Sagax). Vermutlich von Fürst Ernst, Pfalzgraf zu Rhein und Herzog in Bayern berufen, zog Paracelsus 1541 nach Salzburg, wo er am 24. September 1541 starb.

Über Paracelsus' frühen Tod wurde viel spekuliert: Man habe ihn vergiftet, man habe ihn einen Felsen hinabgestürzt, er sei in Folge seines Alkoholkonsums an Leberkrebs gestorben bzw. er sei im Rausch eine Treppe herunter gestürzt und so fort.[2] Moderne gerichtsmedizinische Untersuchungen haben indes in seinen Gebeinen eine bis zu hundertfach erhöhte Konzentration an unlöslichem Quecksilber festgestellt. Außerdem konnten Spuren einer eitrigen Entzündung im Bereich des Mittelohrs (Bezold-Abszess) nachgewiesen werden. Als wahrscheinlich wird deshalb angesehen, dass Paracelsus einer Quecksilbervergiftung erlag.[3] Paracelsus wurde auf dem Sebastiansfriedhof in Salzburg beigesetzt und 1752 in die Kirche St. Sebastian umgebettet.

Wappen

Paracelsus führte ein eigenes Wappen. Blasonierung: „In Silber ein Schildchen, darin in Gold ein silberner Schrägbalken mit drei roten Kugeln belegt, umgeben von acht symmetrischen roten Prankenkreuzen (3/2/2/1). Der Schild ist mit drei sich überlappenden roten „Sphären“, runde schalenartige Objekte mit Bord, flachem Rand und halbkugelförmiger Erhebung, zwei kleineren oben und einer großen darunter in Form eines auf der Spitze stehenden Dreiecks unterlegt, zwischen den Sphärenschnitten goldene Blattspitzen.“

Die medizinischen Lehren des Paracelsus

Grundlagen

Die Medizin nach Paracelsus hat auf Natur- und Gotteserkenntnis zu fußen. Zum Verständnis der Dinge und damit auch der Krankheiten und ihrer richtigen Behandlung seien einerseits empirische Befunde, andererseits – und weitaus wichtiger – die Betrachtung des Großen und Ganzen notwendig: „Denn der Mensch kann nur vom Makrokosmos aus universalistisch erfasst werden, nicht aus sich selbst heraus. Erst das Wissen um diese Übereinstimmung vollendet den Arzt“ (Opus Paramirum). Für Paracelsus ist der materielle Körper lediglich ein Teil des für den gewöhnlichen Betrachter zu großen Teilen nicht-sichtbaren vollständigen Körpers. Wer jedoch durch stetige Arbeit an sich selbst (innere Umwandlung) der göttlichen Erleuchtung, des göttlichen Feuers teilhaftig würde, der könne die Welt mit anderen Augen, d. h. „im Lichte der Natur“ (Opus Paramirum) sehen und nur der würde auch zum Arzt taugen, denn „Es ist verfehlt, in der Medizin sein Wissen vom Hörensagen und Lesen zu schöpfen … Die Naturkraft im Feuer sei auch unser Lehrmeister“ und „Das Feuer aber macht sichtbar, was sonst im Dunkel ist. Nach dieser Methode soll die Wissenschaft vorgetragen werden“ (Opus Paramirum). Zur erfolgreichen Ausübung der ärztlichen Kunst bedarf es nach Paracelsus neben der Gnade Gottes der Kenntnis und Beherrschung vierer Teildisziplinen. Dazu zählen die

  • Philosophie (Weisheitsliebe; nicht zu verwechseln mit der Philosophie der Moderne): „Einer, der ein Philosoph sein und sich vor Falschem bewahren will, der muss seiner Philosophie eine solche Grundlage geben, dass er Himmel und Erde in einem Mikrokosmos zusammenfasst“,
  • Astronomie (Wissenschaft von den inneren Gestirnen; nicht zu verwechseln mit der Astronomischen Wissenschaft der Moderne): „So nun der Mensch in seiner ganzen Zusammensetzung begriffen werden soll, durch einen jeden Arzt, so wisset jetzt, dass die Astronomie der zweite Grund ist und die obere Sphäre der Philosophie darstellt“,
  • Alchemie: „Denn die Natur ist so subtil und scharf in ihren Dingen, dass sie nicht ohne große Kunst angewendet werden mag. Denn sie bringt nichts an den Tag, das für sich selbst vollendet wäre, sondern der Mensch muss es vollenden. Diese Vollendung heißt Alchemia“.' „Darum so lerne Alchimiam, die sonst Spagyria heißt, die lehrt zu scheiden das Falsche vom Gerechten“ und
  • Proprietas (Redlichkeit): „Darum soll der Arzt des Volkes Glauben besitzen, so hat er ihn auch bei Gott“.

Über die Ursachen der Krankheiten

Die Lehren und Ausführungen des Paracelsus zu den Ursachen der Krankheiten sprechen von fünf Hauptarten von Krankheitseinflüssen (auch als Entia[4] bezeichnet):

  • Ens Astrorum oder Ens Astrale (die Gestirnseinflüsse),
  • Ens Veneni (durch den Körper aufgenommenes „Gift“),
  • Ens Naturale (Vorherbestimmung; Konstitution),
  • Ens Spirituale (Einfluss der „Geister“),
  • Ens Dei (unmittelbarer Einfluss Gottes).

Nach Paracelsus lässt sich jede Krankheit auf eine oder mehrere dieser Ursachen zurückführen. So kann die Wirkung eines Giftes (Ens Veneni) beispielsweise verstärkt werden, wenn es auf eine schwache Konstitution (Ens Naturale) trifft. Zum Erstellen einer korrekten Diagnose muss der Arzt daher die Gesamtheit aller fünf Entia berücksichtigen.

Über die Behandlung und Heilung der Krankheiten

Die genannten Ursachen bewirken nach Paracelsus ein Ungleichgewicht von drei fundamentalen, den Körper ausmachenden Grundsubstanzen: Schwefel (Sulphur), Quecksilber (Merkurius) und Salz (Sal).[5] Die Heilung erfolgt durch die Wiederherstellung dieses Gleichgewichts, beispielsweise durch die Verabreichung der jeweiligen Mittel mit den benötigten Eigenschaften.[6]

Neben der Inanspruchnahme und Verfeinerung überlieferter Heilmethoden bediente sich Paracelsus der Signaturenlehre zum Auffinden von Heilmittelträgern und alchemistischer Techniken zur Extraktion der darin enthaltenen Wirkstoffe. Dabei greift Paracelsus auf das grundlegende hermetische Prinzip der wechselseitigen Übereinstimmungen zwischen dem Mensch als Mikrokosmos und der Welt als Makrokosmos zurück. So würden bereits äußere Eigenschaften wie Form und Farbe von Pflanzen Rückschlüsse auf deren Wirkung zulassen. Beispielsweise sollen herzförmige Blüten gegen Herzkrankheiten, höckrige Wurzeln gegen die Geschwülste des Aussatzes und stachelige Disteln gegen Stechen in der Brust wirken.

Die Heilmittel sollen den Geschlechtern entsprechend zubereitet werden. Bis auf wenige Ausnahmen seien Männern und Frauen daher geschlechterspezifische Arzneien zu verabreichen.

Die Interpretation der Ausführungen des Paracelsus ist Gegenstand häufiger Diskussion der Vertreter von traditioneller und alternativer Medizin.

Nach Paracelsus ist jeder Stoff ein Gift für den Körper, durch die richtige Dosierung wirken Stoffe auch auf Krankheitserreger im Körper, es können so Krankheiten überwunden werden. Populär wurde in dem Zusammenhang seine Aussage: All Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.[7]. Diese Abhängigkeit von der Dosis gilt noch heute als ein oft gültiges Prinzip in der Toxikologie. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen Menge und giftiger Wirkung je nach Stoff sehr uneinheitlich (einige Stoffe haben bei deutlich geringer Dosis auch eine deutlich geringe Wirkung, während einige Gemische auch bei deutlich geringer Dosis noch ähnlich starke toxische Wirkungen aufweisen). Zudem können auch geringe (im Körper aber angelagerte) Dosen giftig wirken, wenn sie längere Zeit aufgenommen werden (etwa in Lebensmitteln).[8]

Bei der Behandlung kam es für ihn auf die Arkana an. Die Heilkunst, durch Zuwendung zum Kranken und das Leben von Menschen zu retten, war für ihn wichtiger als die Goldmacherei. Auf Basis der Lehren von Paracelsus wurden später Lehrstühle für medizinische Iatro-Chemie zur Ausbildung von Apothekern und Ärzten eingerichtet. Zunächst in Marburg. Johannes Hartmann wurde im Jahr 1609 erster Professor für Chymiatrie.[9]

Paracelsus heute

Im Jahre 1952 stiftete das Präsidium des Deutschen Ärztetages die Paracelsus-Medaille als höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft für verdiente Ärzte.

Zahlreiche Kliniken sind nach Paracelsus benannt. 2002 wurde die Private Medizinische Universität Salzburg in Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg umbenannt. Auf Initiative dieser Universität fand 1989 auch die erste Paracelus-Messe in Salzburg statt. Seit 1991 wird unter diesem Namen die größte deutsche Gesundheitsmesse in Wiesbaden organisiert

Werke

Die wichtigsten alten Ausgaben im Originaltext:

  • Die große Wundarzney. Ulm, 1536 (Hans Varnier); Augsburg (Haynrich Stayner (=Steyner)), 1536; Frankfurt/ M. (Georg Raben/ Weygand Hanen), 1536.
  • Wundt unnd Leibartznei. Frankfurt/ M., 1549 (Christian Egenolff); 1555 (Christian Egenolff); 1561 (Chr. Egenolff Erben).
  • Von der Wundartzney: Ph. Theophrasti von Hohenheim, beyder Artzney Doctoris, 4 Bücher. (Peter Perna), 1577.
  • Kleine Wundartzney. Basel (Peter Perna), 1579.
  • Opus Chirurgicum, Bodenstein, Basel, 1581.
  • Husersche Quartausgabe (medizinische und philosophische Schriften), Basel, 1589.
  • Chirurgische Bücher und Schriften (Huser), Basel, 1591 und 1605 (Zetzner).
  • Straßburger Ausgabe (medizinische und philosophische Schriften), 1603.
  • Kleine Wund-Artzney. Straßburg (Ledertz) 1608.
  • Opera omnia medico-chemico-chirurgica, Genevae, Vol 3, 1658.
  • Philosophia magna, tractus aliquot, Cöln, 1567.
  • Philosophiae et Medicinae utriusque compendium, Basel, 1568.
  • Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus Basel 1590

Literatur

  • Udo Benzenhöfer: Paracelsus. Rowohlt TB, Reinbek bei Hamburg, 3. Aufl. 2003; ISBN 3-499-50595-9.
  • Udo Benzenhöfer: Studien zum Frühwerk des Paracelsus im Bereich Medizin und Naturkunde. Klemm & Oelschläger, Münster 2005; ISBN 3-932577-91-4
  • Heinrich Schipperges: Paracelsus, in: Exempla historica. Epochen der Weltgeschichte in Biographien, Bd.23. Fischer Tb.: Frankfurt/M. 1983, S.139-162.
  • Dietrich von Engelhardt: Paracelsus im Urteil der Naturwissenschaften und Medizin des 18. und 19. Jahrhunderts. Karl F. Haug Fachbuchverlag, Heidelberg 2001; ISBN 3-8304-5096-6
  • Heinrich Haeser: Lehrbuch der Geschichte der Medicin und der epidemischen Krankheiten. Druck und Verlag von Friedrich Mauke, Jena 1853
  • Sergius Golowin: Paracelsus – Mediziner – Heiler – Philosoph. Schirner Verlag Darmstadt, 1. Aufl. 2007; ISBN 978-3-89767-571-1.
  • Gunhild Pörksen: Philosophie der Großen und der Kleinen Welt. Aus der <Astronomia Magna> Schwabe Verlag, Basel, 2008; ISBN 978-3-7965-2511-7
  • Otto Lindner: Theophrastus Paracelsus als Bekämpfer des Papsttums. Berlin 1845, 31 Seiten (Volltext).
  • Johannes Schaber: Paracelsus. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 6, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-044-1, Sp. 1502–1528.
  • Hugo Delff: Hohenheim, Philipp Theophrast von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 12, Duncker & Humblot, Leipzig 1880, S. 675–683.
  • Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Paracelsus. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, S. 61–64.

Belletristik

  • Erwin Guido Kolbenheyer: Paracelsus. 3 Bde., München 1927–28.
  • Rosemarie Schuder: Paracelsus und Der Garten der Lüste. Rütten & Loening, Berlin 1976
  • Gerhard Eis: Zum deutschen Wortschatz des Paracelsus, Zeitschrift für deutsche Wortforschung, Neue Folge, 4 (1963), S. 146–152.

Anmerkungen

  1. ↑ Die lateinische Grabinschrift lautet: CONDITVR HIC PHILIPPVS THEOPHRASTVS INSIGNIS MEDICINE DOCTOR, QVI DIRA ILLA VVLNERA·LEPRAM PODAGRAM HYDROPOSIM ALIAQUE INSANABILIA CORPORIS CONTAGIA MIRIFICA ARTE SUSTULIT·AC BONA SVA IN PAVPERES DISTRIBVENDA COLLOCANDAQUE HONERAVIT·ANNO MDXXXXI DIE XXIIII SEPTEMBRIS VITAM CVM MORTI MVTAVIT· PAX VIVIS REQVIES AETERNA SEPVLTIS· Zu deutsch: Beerdigt ist hier Philipp Theophrast mit den Würden des Doktors der Medizin, der jene unheilvollen Leiden Lepra, Gicht, Wassersucht und anderes Unheilbares, für den Körper Ansteckendes mit wunderbarer Kunst wegnahm. Und er hat sein Vermögen geehrt, indem er es unter den Armen verteilte und unterbrachte. Im Jahre 1541 am Tag 24 des Septembers hat er das Leben mit dem Tode getauscht. Friede den Lebenden, ewige Ruhe den Begrabenen.

Einzelnachweise

  1. ↑ Das Grosse Biographische Lexikon der Deutschen Seite 533; Paracelsus-Biographie von Prof. Dr. Dr. Heinrich Schipperges
  2. ↑ Franz Rueb: Mythos Paracelsus. Werk und Leben von Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim. München 1994, S. 279.
  3. ↑ Heinz Dopsch: Paracelsus – Arzt, Philosoph oder Goldmacher? In: Ulrich Müller u. Werner Wunderlich (Hrsg.): Künstler, Dichter, Gelehrte. Mittelalter-Mythen, Bd. 4, UVK, Konstanz 2005, S. 950; Werner Heinz: Die gelehrte Medizin zwischen Mittelalter und Humanismus. Wo steht Paracelsus?. In: Albrecht Classen (Hrsg.): Paracelsus im Kontext der Wissenschaften seiner Zeit. Kultur- und mentalitätsgeschichtliche Annäherungen. Berlin 2010, S. 151-174.
  4. ↑ Plural von Ens, das Seiende, also: die Seienden, Existierenden
  5. ↑ Alle materiellen Erscheinungen sind Ausdruck einer Kombination dieser drei deutlich voneinender verschiedenen Ursubstanzen: „Nun will ich wieder auf ein Beispiel mit dem Holze zurückgreifen. Dieses Holz ist ein Körper. Wenn Du es verbrennst, so ist das, was brennt, der Schwefel, der Rauch das Quecksilber, und was zur Asche wird, ist Salz.“ und „Man findet also da genau 3 Stoffe, die deutlich voneinander geschieden sind. Jeder Körper zerfällt in diese 3 Stoffe, und wenn sie sich auch nicht alle drei deutlich dem Auge darbieten, so gibt es doch künstliche Methoden, um das zu bewirken.“ (Opus Paramirum, Erstes Buch, Kap. 2)
  6. ↑ Kurt Goldammer: Zur philosophischen und religiösen Sinngebung von Heilung und Heilmittel bei Paracelsus, in: Perspektiven der Pharmaziegeschichte. Festschrift Rudolf Schmitz, hrsg. von Peter Dilg zusammen mit Guido Jüttner, Wolf-Dieter Müller-Jahncke und Paul Ulrich Unschuld, Graz 1983
  7. ↑ Septem Defensiones, Basel 1589.
  8. ↑ Nancy Trautmann: The Dose Makes the Poison--Or Does It?, Bioscience 2005, American Institute of Biological Sciences
  9. ↑ Paul Walden: Geschichte der Chemie, S. 30, Athenäum Verlag, Bonn 1950

 

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Schmierinfektion

Eine Schmierinfektion oder Kontaktinfektion ist ein Begriff aus der Hygiene und bezeichnet eine direkte Übertragung von Krankheitserregern durch Berührung eines Objektes oder Lebewesens. Dabei unterscheidet man die direkte Kontaktinfektion, etwa bei Berührung eines infizierten Menschen oder eines Tieres, und die indirekte Kontaktinfektion bei der Berührung von mit Krankheitserregern kontaminierten Gegenständen.

Indirekter Übertragungsweg

Die Erreger gelangen über mit ihnen kontaminierte Lebensmittel, Gegenstände oder das Trinkwasser von Mensch zu Mensch. Ursache ist meist mangelnde Hygiene. Durch unbewusste Berührung von Nase, Mund oder Augen gelangen infektiöse Keime über die Schleimhäute in den menschlichen Organismus.

Beispiele

  • Hepatitis-A-Virus
  • Staphylococcus aureus (MRSA)
  • EHEC

 

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Serotyp

(Weitergeleitet von Serogruppe)

Mit Serotyp oder Serovar (Kurzform von Serovarietas) bezeichnet man unterscheidbare Variationen innerhalb der Subspezies von Bakterien oder Viren. Die taxonomische Hierarchie bei Bakterien ist die folgende: Gattung > Art (Spezies) > Unterart (Subspezies, ssp.) > Serotyp. Die Taxonomie sieht vor, die Abkürzung ssp sowie den Serotyp nicht kursiv zu schreiben. Der Serotyp wird zusätzlich mit großem Anfangsbuchstaben versehen. Eine vollständige Bezeichnung lautet dann z. B. Salmonella enterica ssp. enterica serotyp Typhi, als Kurzform wird Salmonella Typhi oder S. Typhi verwendet.

Bakterien und Viren tragen auf ihrer Außenseite Strukturen (Antigen), die von Antikörpern erkannt werden. Die Antigene sind je nach Bakterienart und -stamm verschieden. Bei krankheitserregenden Bakterien (beispielsweise Shigella, Escherichia, Salmonella) benutzt man die Verschiedenartigkeit der Antigene, um sie in verschiedene Serotypen zu klassifizieren.

Der Serotyp kann durch serologische Tests (beispielsweise ELISA) bestimmt werden. Solche serologischen Tests beruhen auf den spezifischen Eigenschaften der Antikörper, die gegen bestimmte Oberflächenstrukturen (beispielsweise Polysaccharide) des Organismus gerichtet sind.

Kommt ein Organismus bezüglich der Struktur seiner Oberfläche in nur einer einzigen Form vor, dann verfügt er entsprechend über nur einen Serotyp (Antigentyp). Dies trifft beispielsweise für das Masern-Virus zu, weshalb hier die Herstellung eines guten Impfstoffs problemlos ist.

Insbesondere infektiöse Bakterien beziehungsweise Viren kommen jedoch in vielen Formen mit verschiedenen Antigentypen vor. So sind beispielsweise von Streptokokken (Streptococcus pneumoniae) 84 verschiedene Stämme bekannt, die sich in der Struktur ihrer Polysaccharidhülle unterscheiden. Die unterschiedlichen Stämme stellen jeweils einen eigenständigen Serotyp dar, der mittels eines serologischen Tests bestimmt werden kann.

Viele extrazelluläre (= sich außerhalb von Zellen befindende) Krankheitserreger benutzen die Veränderung ihrer Oberflächenstrukturen als Strategie, um der Immunreaktion des befallenen Individuums zu entgehen. Diese Strategie kann für den Krankheitserreger Erfolg haben, weil sich das befallene Individuum vor allem mit der Bildung von Antikörpern gegen die zugänglichen Oberflächenstrukturen zu verteidigen versucht.

Das Immunsystem behandelt jeden Serotyp eines Krankheitserregers (beispielsweise von S. pneumoniae) so, als würde es sich um völlig unterschiedliche Organismen handeln, das heißt, jeder Serotyp führt zu einer typspezifischen Immunität. Diese schützt zwar vor einer erneuten Infektion durch diesen Serotyp, man ist aber nicht gegen eine Infektion durch einen anderen Serotyp des gleichen Erregers gefeit. Nahezu identische Erreger können also, indem sie ihr "Erscheinungsbild" geringfügig modifizieren, dasselbe Individuum (Wirt) mehrfach infizieren und eine Krankheit verursachen – im Falle von S. pneumoniae beispielsweise eine Lungenentzündung (und weitere Krankheitsbilder).

Aus diesem Grund ist auch die Herstellung eines Impfstoffs gegen einen Krankheitserreger mit vielen Serotypen ungleich schwieriger als gegen einen Erreger mit nur einem Serotyp. Häufig deckt ein Impfstoff nur die in der zu impfenden Population verbreitetsten Serotypen ab. So existiert beispielsweise gegen S. pneumoniae ein Impfstoff (Prevenar®), der vor Erkrankungen durch sieben Serotypen von S. pneumoniae (4, 6B, 9V, 14, 18, 19F und 23F) schützt. Damit werden zwischen 71 und 86 % derjenigen Serotypen abgedeckt, von denen bekannt ist, dass sie invasive Pneumokokken-Erkrankungen bei europäischen Kindern unter zwei Jahren verursachen.

 

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Gram-Färbung

(Weitergeleitet von Gramnegativ)

Die Gram-Färbung ist eine vom dänischen Bakteriologen Hans Christian Gram (1853-1938) entwickelte Methode zur differenzierenden Färbung von Bakterien für die mikroskopische Untersuchung. Sie ermöglicht es, Bakterien in zwei große Gruppen, die sich im Aufbau ihrer Zellwände unterscheiden, einzuteilen. Es werden grampositive und gramnegative Bakterien unterschieden. Allerdings können nicht alle Bakterienarten durch diese Technik klassifiziert werden, so gibt es auch gramvariable und gramunbestimmte Arten.

Bedeutung

Die Gramfärbung ist ein wertvolles Diagnostik-Werkzeug in der naturwissenschaftlichen und der medizinischen Mikrobiologie: Mit ihrer Hilfe können auf einfache Weise Bakterien nach dem Aufbau ihrer Zellwand unterschieden werden, da die unterschiedliche Färbbarkeit der Bakterien auf deren chemischen und physikalischen Eigenschaften basiert. Der Unterschied des Aufbaus der Zellwand ist bei Bakterien ein wichtiges systematisches Unterscheidungsmerkmal, somit dient die Differenzierbarkeit mittels Gram-Färbung als taxonomisches Merkmal.

Wichtig ist die Gram-Färbung bei der Diagnostik von Infektionskrankheiten. Grampositive und gramnegative Bakterien können nur mit unterschiedlichen Antibiotika bekämpft werden. Nach Trocknung (je nach Materialart etwa 5-15 Minuten) und Fixierung (in der Regel Hitzefixierung) des Bakterienausstrichs wird in etwa fünf Minuten das „Gramverhalten“ bestimmt. Damit kann der Arzt sofort mit der antibiotischen Therapie beginnen, bevor das Ergebnis der mindestens 24 Stunden dauernden kulturellen Erregeranzucht mit nachfolgender Bestimmung vorliegt.

Färbemethode

Bei der Gramfärbung wird nach Anfärbung der Bakterien mit einem basischen Farbstoff (in der Regel Gentianaviolett) durch Nachbehandlung mit Lugolscher Lösung (enthält einen Jod-Kaliumjodid-Komplex) ein Farbstoff-Jod-Komplex in den Bakterien gebildet. Dieser Farbkomplex ist im Gegensatz zum primären Farbstoff wasserunlöslich. In Ethanol hingegen ist er löslich und wird deshalb aus gramnegativen Bakterien durch Behandlung mit Ethanol extrahiert. Wegen der dickeren Mureinschicht wird er dagegen aus grampositiven Bakterien unter den Bedingungen der Gramfärbung durch Ethanol nicht extrahiert.

Der Färbevorgang besteht aus drei Schritten:

  • Färben: Im ersten Schritt färbt man mit einer Lösung von Gentianaviolett mit Zusatz von 15 g/l Phenol, sogenanntem „Karbol-Gentianaviolett“. Hierbei werden alle Bakterien, grampositive wie gramnegative, gefärbt. Bei der nachfolgenden Behandlung mit Lugolscher Lösung werden größere Farbstoff-Komplexe gebildet, alle Bakterien erscheinen dunkelblau.
  • Entfärben („Differenzieren“): Im zweiten Schritt erfolgt eine Behandlung mit 96 % Ethanol. Dabei verhalten sich grampositive und gramnegative Bakterien verschieden: gramnegative Bakterien werden wieder entfärbt, während die blauen Farbstoffkomplexe aus grampositiven Bakterien mit dem Alkohol nicht ausgewaschen werden können.
  • Gegenfärben: Zur Darstellung der gramnegativen Bakterien können diese abschließend mit verdünnter Fuchsinlösung (eine Lösung von Fuchsin mit Phenol in etwa 1/10 der üblichen Konzentrationen von „Karbolfuchsin“) oder Safraninlösung gegengefärbt werden, worauf sie rot beziehungsweise rotorange erscheinen.

Die Behandlungen mit Lugolscher Lösung und mit Alkohol sind die entscheidenden Schritte bei der Gramfärbung.

Ursachen des unterschiedlichen Färbungsverhaltens

Der Unterschied in der Färbung nach Gram ist auf den Aufbau der Zellwand zurückzuführen:

  • Grampositive Bakterien besitzen eine der Membran aufgelagerte dicke, mehrschichtige Mureinhülle (Peptidoglycanen). Diese kann bis zu 50 % der Hüllentrockenmasse ausmachen. Zusätzlich enthält die Zellwand zwischen 20 % und 40 % Teichonsäuren. In den Zwischenräumen der Mureinhülle sammelt sich die Lugolsche Lösung an. Hier wirkt der Alkohol dehydratisierend und verringert den Abstand zwischen den Molekülen, so dass die Farbstoff-Komplexe nicht vom Alkohol ausgewaschen werden können. Somit bleibt die dunkelblaue Färbung erhalten.
  • Beispiele sind alle Arten des Stammes Actinobacteria, wie beispielsweise die der Gattungen Actinomyces und Streptomyces, und fast alle Arten des Stammes Firmicutes, wie beispielsweise die der Gattungen Streptococcus, Enterococcus, Staphylococcus, Listeria, Bacillus, Clostridium, Lactobacillus, und die Art Erysipelothrix rhusiopathiae.
  • Gramnegative Bakterien hingegen besitzen nur eine dünne, einschichtige Mureinhülle. Diese macht nur etwa 10 % der Trockenmasse der Bakterienhülle aus und enthält keine Teichonsäuren.[1] Zudem ist ihr zusätzlich eine zweite Lipid-Membran aufgelagert. Der Alkohol wirkt lipidlösend, so dass die aufgelagerte Lipidmembran aufgelöst und die dünne Mureinhülle freigelegt wird. Die Farbstoff-Komplexe werden vom Alkohol ausgewaschen – das Bakterium wird wieder entfärbt.
  • Beispiele: alle Arten der Abteilung Proteobacteria, so die Enterobakterien (Escherichia coli, Salmonella, Shigella, Klebsiella, Proteus, Enterobacter) sowie die Gattungen Pseudomonas, Legionella, Neisseria, Rickettsia und die Art Pasteurella multocida; Vertreter anderer Abteilungen, so Streptobacillus moniliformis (eine Art des Stammes Fusobacteria), Meningococcus, Chlamydophila, Chlamydia, die Spirochäten, alle Arten des Stammes Bacteroidetes und die Cyanobakterien. Zudem sind die Arten der Gattung Veillonella der Familie Acidaminococcaceae (Stamm Firmicutes) gramnegativ, obwohl alle anderen Arten des Stammes Firmicutes grampositiv sind.

Alternativen zur Gram-Färbung

Mit folgenden Kurztests können Bakterien anhand der selben Zellwandmerkmale unterschieden werden wie bei der Gram-Färbung:

KOH-Test

Eine kleine Menge Bakterienmasse (von einer Agar-Kultur) wird in einem Tropfen 3 %iger Kaliumhydroxid-Lösung suspendiert. Bei grampositiven ist diese Lauge zu schwach, um die Zellwand zu lysieren. Zieht man eine Nadel oder einen Zahnstocher durch das Gemisch, verhält es sich wie eine Flüssigkeit mit einer Viskosität wie Wasser (keine Fadenbildung zu erkennen). Die Zellwand von gramnegativen Bakterien dagegen ist wesentlich dünner und wird durch die Kalilauge lysiert. Die Zellen brechen auf und die DNA wird freigesetzt. Wird die Nadel durch diese Lösung gezogen, kann aufgrund der erhöhten Viskosität durch die freigesetzte DNA eine Fadenbildung beobachtet werden. Es sei betont, dass es sich hier um einen Schnelltest handelt, der nur bedingt zuverlässig ist. Für Anfänger ist es oft schwer, eine Fadenbildung zu erkennen. Eine Fehlerquelle hierbei kann des Weiteren auch die Verwendung einer falschen Laugenkonzentration darstellen. Ist diese zu stark, kommt es auch zur Lyse von gram-positiven Bakterien. Ist sie hingegen zu schwach, werden auch gram-negative Bakterien nicht lysiert.

Aminopeptidasetest

Der Aminopeptidasetest beruht darauf, dass das Enzym L-Alaninaminopeptidase, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur bei gramnegativen Bakterien nachgewiesen werden kann. Eine kleine Menge der zu untersuchenden Bakterien wird in einem Reagenzglas oder Eppendorfcup in etwas sterilem, destilliertem Wasser suspendiert. Zum Nachweis wird L-Alanin-4-nitroanilid verwendet, welches durch das Enzym unter Spaltung einer Amidbindung in L-Alanin und das gelb gefärbte 4-Nitroanilid gespalten wird. Somit zeigt eine Gelbfärbung der Suspension das Vorliegen eines Gram-negativen Bakteriums an. Für diese Reaktion sind industriell hergestellte Teststreifen erhältlich. Es ist ratsam hierbei immer eine Negativkontrolle mit anzusetzen um einen Vergleich zu haben. Außerdem ist der Test nur bei Bakterienkolonien ohne starke Eigenfärbung anwendbar.

Geschichte

Der dänische Mediziner Hans Christian Gram entwickelte die Färbemethode als Mitarbeiter bei Carl Friedländer in Berlin. Er suchte nach einer Färbemethode, mit der Bakterien in tierischen Geweben dargestellt werden können, also kontrastierend zu den Gewebezellen gefärbt wurden. Die gefundene Färbemethode, veröffentlicht 1884, hatte jedoch nur bei einigen Bakterien, den grampositiven, Erfolg. Émile Roux wendete die Methode zur färberischen Differenzierung von grampositiven und gramnegativen Bakterien an, insbesondere zur Bestimmung von Gonokokken (gramnegativ im Gegensatz zu vielen anderen Kokken) (Veröffentlichung 1886).

Belege

  1. ↑ Wissenschaft-Online-Lexika: Eintrag zu Murein im Lexikon der Biologie, abgerufen am 22. November 2008.

Literatur

  • C. Gram: Über die isolirte Färbung der Schizomyceten in Schnitt- und Trockenpräparaten. In: Fortschritte der Medicin. Vol. 2, 1884, S. 185-189.
  • Steve K. Alexander, Dennis Strete: Mikrobiologisches Grundpraktikum - ein Farbatlas, 2006, Pearson, München, ISBN 978-3-8273-7201-7.

 

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Enterobakterien

(Weitergeleitet von Enterobacteriaceae)

Die Enterobakterien oder Enterobacteriaceae (vorläufig die einzige Familie in der Ordnung Enterobacteriales) sind eine große Gruppe innerhalb der Domäne Bacteria. Nach dem phylogenetischen System gehören sie zum Phylum (Stamm) Proteobacteria und bilden dort eine eigene Familie.

Der Name Enterobakterien leitet sich vom griechischen Enteron (Darm) ab, weil viele von ihnen typische Darmbewohner sind. Aber auch viele freilebende, nicht darmbewohnende Bakterienarten gehören in diese Familie.

Aussehen/Stoffwechsel

Sie sind stäbchenförmig und gewöhnlich 1 bis 5 µm lang und besitzen einen Durchmesser von etwa 0,5 - 1,0 µm. Von ähnlichen Bakterien können sie durch das Fehlen von Oxidase unterschieden werden. Die meisten können sich mit Flagellen aktiv bewegen, es kommen jedoch auch Gattungen vor, die sich nicht aktiv bewegen können. Da die Zellwand aus wenigen Mureinschichten und einer zweiten, äußeren Membran aus Phospholipiden und Lipopolysacchariden besteht, sind die Enterobakterien gramnegativ.

Ihr Stoffwechsel ist fakultativ anaerob, daher können sie sowohl über Oxidation unter Anwesenheit von Sauerstoff Stoffe abbauen, als auch unter anaeroben Bedingungen (kein Sauerstoff) Gärung betreiben. Zwei wichtige anaerobe Stoffwechselwege, die zur Unterscheidung der einzelnen Gattungen genutzt werden, sind die 2,3-Butandiolgärung und die gemischte Säuregärung (mixed acids fermentation). Bei der gemischten Säuregärung treten als End- und Nebenprodukte vorwiegend Säuren, wie Essigsäure, Milchsäure und Bernsteinsäure (Succinat), aber kein Butandiol auf. Bei der 2,3-Butandiolgärung entstehen aus der Gärung von Glucose als End- und Nebenprodukte geringere Mengen von Säuren, aber vor allem in großen Mengen der Alkohol 2,3-Butandiol. Ein weiteres Merkmal der 2,3-Butandiolgärung ist das Zwischenprodukt Acetoin und die wesentlich höhere Gasproduktion (CO2). Man findet Butandiolgärung z. B. bei Enterobacter, Klebsiella, Erwinia und Serratia. Gemischte Säuregärung nutzen u. a. Gattungen wie Escherichia coli, Salmonella und Proteus.

Zur Bestimmung der einzelnen Gattungen wird eine Vielzahl von Diagnosetests genutzt. Zum Beispiel wird mit Hilfe des Voges-Proskauer-Tests das Zwischenprodukt Acetoin der 2,3-Butandiolgärung nachgewiesen.

Vorkommen

Viele Enterobakterien sind Teil der gesunden Darmflora von Menschen und Tieren; sie kommen jedoch auch überall in der Umwelt vor (Boden, Wasser). Einige sind Krankheitserreger bei Mensch und Tier. Sie kommen vielfach als nosokomiale Erreger vor („Krankenhauskeime“) und befallen Menschen mit schwachem Immunsystem.

Der wahrscheinlich wichtigste Vertreter der Enterobakterien ist Escherichia coli, einer der wichtigsten Modellorganismen der Genetik und Biochemie sowie der Mikrobiologie. Auffällig ist des weiteren die Gattung Proteus, bei der man das sogenannte Schwärm-Phänomen beobachtet. Wenn sich wachsende Kolonien dieser Bakterien auf einer Agar-Platte ausbreiten, sieht man einen Bakterienrasen mit konzentrischen Ringen.

Gattungen

Zu den Enterobakterien gehören[1].:

  • Arsenophonus Gherna et al. 1991
  • Brenneria Hauben et al. 1999
  • Buchnera Munson et al. 1991
  • Budvicia Bouvet et al. 1985
  • Buttiauxella Ferragut et al. 1982
  • Cedecea Grimont et al. 1981
  • Citrobacter Werkman and Gillen 1932
  • Dickeya Samson et al. 2005
  • Edwardsiella Ewing and McWhorter 1965
  • Enterobacter Hormaeche and Edwards 1960
  • Erwinia Winslow et al. 1920, z. B.: Erwinia amylovora
  • Escherichia Castellani and Chalmers 1919, z. B.:Escherichia coli
  • Ewingella Grimont et al. 1984
  • Hafnia Møller 1954
  • Klebsiella Trevisan 1885, z. B.:Klebsiella pneumoniae
  • Kluyvera Farmer et al. 1981
  • Leclercia Tamura et al. 1987
  • Leminorella Hickman-Brenner et al. 1985
  • Moellerella Hickman-Brenner et al. 1984
  • Morganella Fulton 1943
  • Obesumbacterium Shimwell 1963
  • Pantoea Gavini et al. 1989 emend. Mergaert et al. 1993
  • Pectobacterium Waldee 1945
  • Photorhabdus Boemare et al. 1993
  • Plesiomonas corrig. Habs and Schubert 1962, z. B.: Plesiomonas shigelloides
  • Pragia Aldová et al. 1988
  • Proteus Hauser 1885, z. B.: Proteus vulgaris, Proteus mirabilis
  • Providencia Ewing 1962
  • Rahnella Izard et al. 1981
  • Raoultella Drancourt et al. 2001
  • Saccharobacter Yaping et al. 1990
  • Salmonella Lignieres 1900
  • Samsonia Sutra et al. 2001
  • Serratia Serratia Bizio 1823, z. B.: Serratia marcescens
  • Shigella Castellani and Chalmers 1919
  • Sodalis Dale and Maudlin 1999
  • Tatumella Hollis et al. 1982
  • Thorsellia Kämpfer et al. 2006
  • Trabulsiella McWhorter et al. 1992
  • Wigglesworthia Aksoy 1995
  • Xenorhabdus Thomas and Poinar 1979
  • Yersinia, van Loghem 1944, z. B.: Yersinia pestis, Auslöser der Lungen- und Beulenpest
  • Yokenella Kosako et al. 1985

Einige Synonyme und Umstellungen

  • Alle Arten von Levinea Young et al. 1971 wurden zu der Gattung Citrobacter Werkman and Gillen 1932 gestellt
  • Verschiedene Erwinia-Arten wurden in die Gattungen Pantoea, Enterobacter, Pectobacterium und Brenneria aufgeteilt.
  • Liquidobacterium ist ein Synonym für Proteus

Literatur

  • Michael T. Madigan, John M. Martinko, Jack Parker: Brock - Mikrobiologie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 2001, ISBN 3-8274-0566-1

Einzelnachweise

  1. ↑ Systematik und Umstellungen nach Euzéby: List of Prokaryotic Names with Standing in Nomenclature (LPSN) (Stand August 2007)

 

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