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Titelregister zu:

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Sankt Petersburg

Sankt Petersburg (russ. Са́нкт-Петербу́рг, Sankt-Peterburg, in Russland oft als Пи́тер Piter abgekürzt), 1924 bis 1991 Leningrad (Ленинград) genannt, ist mit über viereinhalb Millionen Einwohnern nach Moskau die zweitgrößte Stadt Russlands und eine der größten Städte Europas.

Sankt Petersburg liegt im Nordwesten des Landes an der Mündung der Newa in die Newabucht am Ostende des Finnischen Meerbusens und ist die nördlichste Millionenstadt der Welt. Sie wurde 1703 von Peter dem Großen auf Sumpfgelände nahe dem Meer gegründet, um den Anspruch Russlands auf Zugang zur Ostsee durchzusetzen. Kurz nach der Gründung hieß sie Sankt-Pieterburch, trug dann über 200 Jahre den deutschen Namen, 1914 bis 1924 hieß sie Petrograd (Петроград) und wurde zu Sowjetzeiten nach Lenin benannt (die drei letzten Namen  anhören?/i).

Die Stadt war vom 18. bis ins 20. Jahrhundert die Hauptstadt des Russischen Kaiserreiches, ist ein europaweit wichtiges Kulturzentrum und beherbergt den wichtigsten russischen Ostsee-Hafen. Die Innenstadt ist Weltkulturerbe der UNESCO.

Name

Anders als oft angenommen wird, hat Peter der Große die Stadt nicht nach sich selbst benannt, sondern nach seinem Schutzheiligen, dem Apostel Simon Petrus. Nachdem die Festung kurzzeitig den niederländischen Namen Sankt-Pieterburch trug, wurde sie schon früh in das deutsche Sankt-Petersburg umbenannt. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde am 18. August 1914 der deutsche Name zu Petrograd – wörtlich „Peterstadt“ – russifiziert. Nach Lenins Tod 1924 wurde die Stadt am 26. Januar 1924 in Leningrad umbenannt. Dies geschah auf Antrag der damaligen Petrograder Parteiführung und nach deren Angaben auf Wunsch der Arbeiter, die Lenins Tod betrauerten.

Der erneute Namenswechsel der Stadt wurde vom Zentralkomitee damit begründet, dass in ihr die von Lenin geführte Oktoberrevolution stattgefunden hatte. Auf der Ebene der Symbolpolitik gab es aber tiefere Gründe: Sankt Petersburg stand für das zaristische Russland und war die Vorzeigestadt des Zarenreichs gewesen. Schon damals war Sankt Petersburg die zweitgrößte Stadt des Landes und das bedeutete großes Prestige für den neuen Namensgeber. Die Umbenennung in Leningrad symbolisierte den Wechsel des sozialen wie politischen Systems an einer hervorgehobenen Stelle. Als solcher wurde er auch wahrgenommen.

Im Volksmund wurde aber auch nach der Umbenennung oft die Abkürzung Piter (russisch Питер) als Kosename verwendet.

Die Dichterin Anna Achmatowa schrieb 1963 in ihrem Poem ohne Held, offenbar an ihren guten Freund und von ihr als „Zwilling“ bezeichneten Ossip Mandelstam gerichtet, der Opfer der stalinistischen Säuberungen wurde: „In Petersburg werden wir uns wieder sehen…“. Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky schrieb 1987 in Erinnerungen an Leningrad:

    „Leningrad, so sehr ich diesen Namen für die Stadt verabscheue. … Von der Nation wird diese Stadt entschieden als Leningrad erlebt; mit der zunehmenden Vulgarität dessen, was sie umfasst, wird sie mehr und mehr zu Leningrad. Außerdem klingt dem russischen Ohr „Leningrad“ als Wort bereits so neutral wie „Bau“ oder „Wurst“. Und doch sage ich lieber „Piter“, denn ich erinnere mich an diese Stadt in einer Zeit, wo sie noch nicht wie „Leningrad“ aussah.“

    – Joseph Brodsky: Erinnerungen an Leningrad, 1987

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion führte eine Volksabstimmung 1991 zu einer knappen Mehrheit zugunsten der Rückbenennung in Sankt Petersburg. Der Erlass vom 6. September 1991 vollzog diesen Wählerwillen. Gleichzeitig wurden auch viele Straßen, Brücken, Metro-Stationen und Parks wieder rückbenannt. Im Zusammenhang mit historischen Ereignissen wird nach wie vor der zum Ereignis „passende“ Name genutzt, z. B. „Heldenstadt Leningrad“ beim Gedenken an den Zweiten Weltkrieg.

Das umliegende Verwaltungsgebiet (föderative Einheit) Oblast Leningrad (russ. Leningradskaja Oblast) behielt nach einer Volksabstimmung den alten Namen.

Geografie

Die ursprünglich in einem Sumpfgebiet gebaute Stadt liegt an der Mündung der Newa in den Finnischen Meerbusen. Das Stadtgebiet umfasst etwa 606 km² (1.431 km² einschließlich der administrativ seit 1999 zu Sankt Petersburg gehörenden Vororte wie z. B. Peterhof und Puschkin), davon etwa 10 Prozent Wasser. Die Stadt besteht aus 42 Inseln. Ursprünglich waren es mehr, zahlreiche Kanäle zwischen ihnen sind jedoch mittlerweile zugeschüttet worden. Die Stadt selbst musste zwei bis vier Meter über dem Meeresspiegel gebaut werden. Die Newa-Mündung befindet sich nämlich ungefähr auf Meereshöhe, und die ersten Bauarbeiter stießen in wenigen Zentimetern Tiefe auf Grundwasser. Die Ufer wurden schon früh mit Granitgestein befestigt, das Sankt Petersburg nicht nur vor dem Wasser schützt, sondern auch viel zum spezifischen Stadtbild beiträgt. Alexander Puschkin beschrieb es als: „Die Stadt kleidet sich in Granit“.

Durch ihre Lage wenige Meter über dem Meeresspiegel ist die Stadt stets durch Hochwasser bedroht. Das auf einer nahen Insel gelegene Kronstadt ist ein Referenzpunkt für das Höhennormal. Die Bezugsfläche dieses Kronstädter Pegels liegt etwa 15 Zentimeter tiefer als der in Deutschland gültige Amsterdamer Pegel und ist in großen Teilen Osteuropas und war in den neuen Bundesländern bis 1993 Referenzpunkt für Höhenmessungen. Die Stadt ist oft ein Opfer von Überschwemmungen geworden. Die offizielle Statistik zählt seit der Stadtgründung 295 Überschwemmungen (Stand: 2003), davon allein 44 seit 1980. Die schlimmsten Fluten waren 1824 (je nach Statistik 200 bis 500 Tote) und 1924.

Sankt Petersburg liegt auf demselben Breitengrad wie die Städte Oslo und Stockholm sowie der Südteil Alaskas und die Südspitze Grönlands. Es hat ein typisches Meeresklima, das Wetter ist wechselhaft und kann innerhalb kurzer Zeit umschlagen. Die Sommer sind vergleichsweise mild mit Durchschnittstemperaturen von 19 bis 22 °C, im Winter sinken die Durchschnittstemperaturen allerdings auf –4 bis –8 °C. Aufgrund der Lage wird es zur Zeit der Sommersonnenwende auch nachts nicht vollständig dunkel (sog. „weiße Nächte“).

Die Newa ist mit 74 km zwar ein sehr kurzer, aber auch einer der wasserreichsten Flüsse Europas. Sie wird bis zu 600 Meter breit und hat eine starke Strömung. Von den 74 Kilometern seiner Strecke liegt der Fluss rund 28 Kilometer lang innerhalb des Stadtgebiets von Sankt Petersburg.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein genügte die Biologie der relativ flachen Bucht der Newa allein, um das Abwasser aus Sankt Petersburg zu reinigen. Selbst heute machen die Abwässer der fast 4,6 Millionen Einwohner zählenden Industriestadt erst 2 Prozent der Gesamtwassermenge der Newa aus. Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch brachen erste wassergebundene Epidemien wie Cholera und Typhus aus. Allein während der Typhus-Epidemie von 1908 starben etwa 9.000 Menschen. Durch eine Änderung der Einleitungsbedingungen konnte dem Problem ab 1910 vorerst abgeholfen werden. In den 1950er- und 1960er-Jahren sorgte der starke Anstieg der Bevölkerungszahlen erneut für eine Eskalation des Abwasserproblems. Hinzu kam die stärkere Verschmutzung der Newa an ihrem Flusslauf – sie entwässert den Ladogasee, an dessen Ufer zahlreiche Fabriken liegen und der selbst über seine Zubringer das Schmutzwasser zahlreicher russischer Städte aufnimmt. Eine Kläranlage wurde gebaut, allerdings erreichen bis heute 25 bis 30 Prozent der städtischen Abwässer ungeklärt den Fluss und die Bucht. In der Bucht leben vor allem Süßwasser-, aber auch einige Brackwasserbewohner. Das biologische System ist hoch veränderlich und leidet unter menschlichen Eingriffen. Zusammen mit Moskau gilt Petersburg als eine der am stärksten verschmutzten Städte Russlands. Laut Greenpeace leben etwa 200.000 Einwohner der Stadt in den „Health-Protection-Zonen“, in denen das Leben aus gesundheitlichen Gründen eigentlich verboten wäre.

Seit 1978 ließ die sowjetische Regierung den Petersburger Damm quer durch die Newabucht bauen, um die Stadt vor Überschwemmungen zu schützen. Im Gegensatz zu den meisten Überflutungen durch Flüsse rühren die Überschwemmungen an der Newa nicht daher, dass der Fluss von seinem Oberlauf mehr Wasser mitbringt, sondern daher, dass Westwind in den Finnischen Meerbusen drückt und den Abfluss des Wassers verhindert oder in extremen Fällen die Fließrichtung umkehrt. Die Konstruktion wurde Ende der 1980er-Jahre aus Gründen des Umweltschutzes abgebrochen: Der Damm störte die Zirkulation des Küstenwassers, große Teile des Wassers standen still, die Wasserqualität sank erheblich. Befürchtungen gehen dahin, dass die gesamte Bucht sich in einen Sumpf verwandeln könnte. Der Damm soll seit 1990 mit niederländischer Hilfe und Unterstützung der Europäischen Investitionsbank weiter gebaut werden. Da die Umweltschutzargumente gegen den Damm aber weiterhin vorhanden sind, ist das Thema in der Stadt sehr umstritten.

Verwaltungsgliederung

Sankt Petersburg gliedert sich in 18 „Rajon“ genannte Stadtbezirke, die ihrerseits in insgesamt 111 Verwaltungseinheiten der nächsten Ebene unterteilt sind (81 Munizipale Bezirke, 9 Städte, 21 Siedlungen).

  • Nr.     Rajon                         Russischer Name          Einwohner                  Einwohner             Einwohner             Unterstellte Städte
  •                                                                                 12. Januar 1989          9. Oktober 2002     1. Januar 2010
  •   
  •   1      Admiralteiski[A 1]         Адмиралтейский          230.186                        187.837                  170.315 
  • 17      Frunsenski                   Фрунзенский               433.420                        405.274                  390.980 
  •   4      Kalininski                     Калининский               511.794                         469.409                 456.984 
  •   5      Kirowski                      Кировский                   391.721                        338.820                 320.119 
  •   6      Kolpino[A 2]                Колпинский                 179.014                        175.396                  183.596                  Kolpino
  •   7      Krasnogwardeiski         Красногвардейский      377.765                        336.342                  323.633 
  •   8      Krasnoje Selo               Красносельский           315.561                        305.129                  307.801                  Krasnoje Selo
  •   9      Kronstadt[A 3]             Кронштадтский              45.053                          43.385                   42.755                  Kronstadt
  • 10      Kurortny[A 4]              Курортный                     71.151                          67.511                   68.020                  Selenogorsk, Sestrorezk
  • 11      Moskowski                  Московский                 352.924                        275.884                 290.290 
  • 12      Newski                        Невский                       446.602                        438.061                 439.761 
  • 14      Petrodworzowy[A 2]     Петродворцовый          123.219                        115.318                 116.919                  Lomonossow, Peterhof[A 5]
  • 13      Petrogradski                 Петроградский             174.300                        134.607                  124.790 
  • 15      Primorski                     Приморский                 208.387                        393.960                  415.809 
  • 16      Puschkin[A 2]               Пушкинский                129.436                       118.171                 124.798                  Pawlowsk, Puschkin
  •   2      Wassileostrowski          Василеостровский        229.936                       199.692                 195.115 
  •   3      Wyborgski                    Выборгский                460.855                        419.567                 410.043 
  • 18      Zentralny[A 6]              Центральный                342.182                        236.856                  218.548

Anmerkungen:

    • ↑ 1989 Rajons Leninski und Oktjabrski, die in den 1990er-Jahren vereinigt wurden
    • ↑ a b c war 1989 dem Stadtsowjet Leningrad unterstellt, gehörte aber nicht zur eigentlichen Stadt
    • ↑ war 1989 als Stadt Kronstadt (kein Rajon) dem Stadtsowjet Leningrad unterstellt, gehörte aber nicht zur eigentlichen Stadt
    • ↑ war 1989 als Rajon Sestrorezk dem Stadtsowjet Leningrad unterstellt, gehörte aber nicht zur eigentlichen Stadt
    • ↑ 1989 Petrodworez
    • ↑ 1989 Rajons Dserschinski, Kuibyschewski und Smolninski, die in den 1990er-Jahren vereinigt wurden

Geschichte

Vorgeschichte, Gründung und Aufbau der Stadt

Die Stadtgründung von Sankt Petersburg ist Gegenstand eines um Peter dem Großen gewobenen politischen Mythos. Danach soll der weitsichtige Zar bereits bei deren erstem Anblick eine unbewohnte und öde Sumpflandschaft an der Newa-Mündung zum Standort seiner zukünftigen Hauptstadt, eines „Fensters zum Norden“ für Russland, ausgewählt haben. Die wortmächtigste und am häufigsten zitierte Ausformulierung dieses Mythos von der eine „Hauptstadt aus dem Nichts“ erschaffenden Willenskraft Peters des Großen findet sich in dem Gedicht Der eherne Reiter (1834) von Alexander Puschkin.

Tatsächlich ignoriert diese populäre Erzählung von den Ursprüngen Sankt Petersburgs jedoch, dass der Bereich der unteren Newa schon lange zuvor Teil einer Kulturlandschaft war, des Ingermanlandes. Dort lebten seit dem 10. Jahrhundert Vertreter verschiedener finno-ugrischer Völker größtenteils von der Landwirtschaft. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts stritten Schweden und Nowgorod unentschieden um eine Kontrolle über das Gebiet. Eine schwedische Siedlung an diesem Ort wurde angeblich im Jahr 1301 zerstört. Danach einigte man sich darauf, die Region als Pufferzone zwischen den Einflusssphären zu betrachten, in der keine Festungen errichtet werden durften.

In den folgenden Jahrhunderten wurde das Gebiet zumindest als Landungsstelle für die Newa befahrende Schiffe, möglicherweise aber auch als Handelsplatz genutzt. Letzteres gilt sicher für die Zeit einer erneuten schwedischen Dominanz in der Region nach der Errichtung der Festung Nyenschanz im Jahr 1611 und der sie bald umgebenden Siedlung Nyen. Beide lagen auf dem Stadtgebiet des heutigen Sankt Petersburg am nördlichen (oder rechten) Ufer der Newa. Es gibt auch Hinweise auf größere städtebauliche Ambitionen der Schweden für Nyen im 17. Jahrhundert. Allerdings erlebten diese einen herben Rückschlag, als Siedlung und Festung 1656 während des Zweiten Nordischen Krieges von russischen Truppen zerstört wurden.

Dem baldigen Wiederaufbau folgte am 1. Mai 1703, während des Großen Nordischen Krieges, die endgültige Eroberung von Nyenschanz durch die newaabwärts vorrückenden Russen unter Scheremetew. Nyen war zu diesem Zeitpunkt bereits von den Schweden selbst präventiv geräumt und teilweise zerstört worden. Das Ende von Nyen und Nyenschanz markierte gleichzeitig den Beginn der Stadtgeschichte von Sankt Petersburg. Offiziell verbindet man diesen mit dem Datum 16. Maijul./ 27. Mai 1703greg.. An diesem Tag wurde auf einer Nyenschanz gegenüber gelegenen Insel im Newa-Delta der Grundstein für die nach dem Namenspatron des Zaren benannte Peter-und-Paul-Festung gelegt. In alten Urkunden und Karten findet sich neben der deutschen Bezeichnung Sankt Petersburg auch die holländische Sankt Piter Bourgh oder St. Petersburch.

Entgegen dem zuvor zitierten Mythos gibt es keine Quellen, die glaubhaft belegen würden, dass Peter der Große das Bollwerk von Beginn an als Keimzelle einer größeren Siedlung oder gar seiner zukünftigen Hauptstadt ansah. In erster Linie sollte die Peter-und-Paul-Festung zunächst wohl die Funktion von Nyenschanz übernehmen, also die Newa-Mündung strategisch absichern, nur jetzt für die Russen. Die äußeren Bedingungen für eine Stadtgründung waren, soweit stimmt die Überlieferung, auch denkbar ungeeignet. Das Delta wurde häufig von Überschwemmungen heimgesucht, ein Großteil der Gegend war nicht einmal für die Landwirtschaft geeignet. Nur einige Fischer hielten sich hier in den Sommermonaten auf. Auch später sollte es aufgrund der ungünstigen Lage immer wieder zu Überschwemmungen kommen, bei denen zahlreiche Bewohner ihr Leben ließen.

Dass Peter der Große trotz der widrigen Gegebenheiten diesen Ort schließlich für seine neue Hauptstadt auswählte, ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass hier vorzüglich ein Seehafen angelegt werden konnte und zudem der Anschluss an das binnenrussische Flusssystem gegeben war. Dies kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass das Stadtwappen neben dem Zepter einen See- und einen Binnenanker zeigt. Des weiteren war die Nähe zu Westeuropa ausschlaggebend, ging es Peter dem Großen doch darum, Russland zu modernisieren.

Erst ab dem Jahr 1706 ist, durch die Zwangsrekrutierung zahlreicher Leibeigener für die Bauarbeiten an der Newa-Mündung, ein wirklicher Plan für die Errichtung einer neuen Stadt erkennbar. Sobald dieses Ziel vor Augen stand, wurde es mit großem Nachdruck und mit Rücksichtslosigkeit von Zar Peter in wenigen Jahren umgesetzt. Während die Stadt in ihren Grundmauern erstand, verbot er die Errichtung von Steingebäuden in ganz Russland außerhalb Sankt Petersburgs – jeder verfügbare Steinmetz sollte an der Erbauung der neuen russischen Hauptstadt arbeiten. Die Flucht von Arbeitern aus der Stadt und vom oft tödlichen Bauprojekt wurde mit harten Strafen geahndet.

1706 wurden 30.000 Leibeigene im Zarentum Russland zwangsrekrutiert, 1707 waren es 40.000. Ungefähr die Hälfte von ihnen schaffte es, auf dem Weg nach Nordwesten zu fliehen. Schon während der Errichtung der Stadt kamen vermutlich Zehntausende von Zwangsarbeitern und Leibeigenen ums Leben. Sie starben an Sumpffieber, Skorbut, an der Ruhr oder einfach an Hunger und Entkräftung. Große Teile der Stadt sind auf Pfählen im Boden errichtet, aufgrund der großen Zahl von Toten beim Bau sprechen viele Leute davon, dass sie eigentlich auf Skeletten ruht. Zudem befand Russland sich noch bis 1721 im Krieg gegen Schweden, mehrere Gefechte fanden in der Nähe der gerade gegründeten Zarenresidenz statt. Erst nachdem die Schweden 1709 in der Schlacht bei Poltawa geschlagen wurden, konnte die Stadt weitgehend als gesichert angesehen werden.

die Stadt ziehen, in Häuser, deren Stil und Größe genau festgeschrieben waren – selbstverständlich auf eigene Kosten. 1714 standen in Sankt Petersburg etwa 50.000 bewohnte Häuser, die Stadt war die erste in Russland, die eine offizielle Polizei sowie eine effektiv funktionierende Feuerwehr hatte. Die Innenstadt wurde abends und nachts künstlich beleuchtet, die Bewohner dazu angehalten, Bäume zu pflanzen.

Sankt Petersburg wird Hauptstadt

Das Bauprogramm des Zaren konnte nur mit drastischen Maßnahmen durchgeführt werden. Baumaterialien waren an der Newamündung ein seltenes Gut. So wurde 1710 ein Erlass herausgegeben, nach dem jeder Einwohner der Stadt jährlich 100 Steine abliefern oder aber eine hohe Geldstrafe zahlen musste. Auch jedes Frachtschiff, das die Stadt anlief, musste einen bestimmten Prozentsatz der Ladung Steine anliefern. Ein Erlass von 1714 besagte, dass Steinbauten nur noch in Sankt Petersburg gebaut werden durften (dieser Erlass wurde erst 1741 wieder aufgehoben). Die drakonischen Erlasse des Zaren zeigten Erfolg: Schon 1710 erklärte Peter der Große Sankt Petersburg anstelle von Moskau zur Hauptstadt des Russischen Zarentums (ab 1721: des Russischen Kaiserreichs). Bis auf ein kleines Zwischenspiel in den Jahren 1728 bis 1732, als der Hof in Moskau weilte, blieb Petersburg seitdem und bis 1918 Hauptstadt Russlands. Beim Adel stieß die Maßnahme auf wenig Begeisterung, nur ungern gab man die bequemen Wohnsitze in Moskau auf.

Blütezeit

Peter, einer der Pioniere der Industriespionage, ließ Handwerker und Ingenieure aus ganz Europa, insbesondere aus den Niederlanden, kommen, die die neue Hauptstadt von Anfang an zu einem Zentrum europäischer Technik und Wissenschaft machen sollten. Zu dieser Zeit wurde auch die St. Petersburgische Zeitung gegründet, die älteste Zeitung der Stadt.

Nach dem Tod Peter des Großen 1725 legte sich der Enthusiasmus der russischen Herrscher für das Fenster zum Norden. 1727 wurde Moskau wieder Hauptstadt. Erst Kaiserin Anna kehrte wieder nach Sankt Petersburg zurück. Dieses wurde erneut Hauptstadt, Annas stadtplanerische Entscheidungen prägen Petersburg noch heute. Sie verlegte sowohl das Stadtzentrum von der heute so genannten Petrograder Seite auf die Admiralitätsseite der Newa, zum anderen legte sie die bis heute wichtigsten Hauptstraßen, den Newski-Prospekt, die Gorochowaja Uliza und den Wosnessenski-Prospekt an. Trotzdem residierte sie weiterhin lieber und öfter in Moskau.

Kaiserin Elisabeth (1741–62) und vor allem Katharina II. „die Große“ (1762–92) setzten wieder auf eine verstärkte Öffnung des Reichs nach Westen, indem sie Künstler und Architekten nach Sankt Petersburg holten. In der Zeit Elisabeths entstanden die meisten der Prunkbauten, die bis heute das Stadtbild bestimmen. Sie ließ unter anderem den Winterpalast und das Smolny-Kloster bauen. Den Katharinenpalast ließ sie zu Ehren ihrer Mutter umgestalten, der Stil Francesco Rastrellis begann die Stadt zu prägen.

Die neben Peter wahrscheinlich wichtigste Gestalt in der Geschichte der Stadt ist Katharina die Große, die 1762 den Thron bestieg. Sie sah sich – zumindest bis die Französische Revolution ausbrach – dem Geist der Aufklärung verpflichtet und setzte auf Bildung und Kunst. Katharina II. gründete in ihrer Zeit 25 akademische Einrichtungen sowie mit dem Smolny-Institut die erste staatliche russische Schule für Mädchen. Das Reiterstandbild Peters des Großen, ein Wahrzeichen der Stadt, stammt ebenfalls aus dieser Zeit.

Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte die Stadt eine Blütezeit, vorerst vor allem auf kulturellem, später auch auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Die erste russische Ballettschule entstand 1738 in der Stadt. 1757 eröffnete die Akademie der Künste, in der bis heute Maler, Bildhauer und Architekten ausgebildet werden. Theater und Museen, höhere Schulen und Bibliotheken entstanden. 1783 eröffnete das Mariinski-Theater, in dem später die großen Nationalopern Michail Glinkas aufgeführt werden sollten. 1819 entstand aus dem Pädagogischen Institut die Petersburger Universität.

Die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland durch Kaiser Alexander II. sorgte ab 1861 dafür, dass zahlreiche Menschen in die Stadt einwanderten. Die Bevölkerungszahl schnellte innerhalb weniger Jahre empor.

Schriftsteller und Intellektuelle schlossen sich in literarischen Kreisen zusammen und gaben Wörterbücher und Zeitschriften heraus. Zu den wichtigsten Zeitschriften zählen etwa der Polarstern von Rylejew und Bestuschew oder Puschkins Sowremennik (Der Zeitgenosse).

Aufstände, Attentate, Revolutionen

In der Soldaten- und Regierungsstadt Sankt Petersburg fanden bis 1918 alle wichtigen Revolten und Revolutionen der russischen Geschichte statt, der Dekabristenaufstand 1825 ebenso wie die Ereignisse, die langfristig zur Gründung der Sowjetunion führten. In Sankt Petersburg nahmen Ende des 19. Jahrhunderts Unruhen und kleinere Aufstände zu. Die Stadt war Schauplatz zahlreicher Attentate gegen Mitglieder des Zarenhofs und der russischen Verwaltung; unter anderem wurde hier 1881 Alexander II. ermordet.

Revolutionäre Parteien und Vereinigungen gründeten sich, die von der Polizei blutig verfolgt wurden. In Sankt Petersburg begann mit dem Petersburger Blutsonntag die Revolution von 1905 bis 1907. Als Folge wurde die zweite Duma der russischen Geschichte in der Stadt eröffnet, sie blieb politisch allerdings einflusslos. Auch die Februarrevolution 1917 fand vor allem in Sankt Petersburg statt. Das Startsignal für die Oktoberrevolution 1917 gab ein Schuss des Kreuzers Awrora im Petrograder Hafen. Der nahe gelegene Hafen von Kronstadt bildete das Zentrum eines anarchistisch und rätekommunistisch inspirierten Matrosenaufstands gegen die Diktatur der Bolschewiki, der von Leo Trotzki blutig niedergeschlagen wurde. Lenin erklärte Moskau (wieder) zur sowjetischen und russischen Hauptstadt. Die Bevölkerung der Stadt sank innerhalb weniger Jahre durch Bürgerkrieg und die dadurch verursachte Hungersnot ebenso wie sekundär durch den Statusverlust und den Umzug der gesamten Regierung und Verwaltung nach Moskau erheblich.

Leningrad

Nach dem Tode Lenins wurde die ehemalige Stadt der Zaren in Leningrad umbenannt. Das Machtzentrum der UdSSR verschob sich dennoch immer mehr nach Moskau. Hatten die Funktionäre der KPdSU in Leningrad anfangs noch gesamtstaatlichen Einfluss, änderte sich das mit dem Ausbau der persönlichen Macht Stalins. 1934 wurde im Rahmen der stalinistischen Säuberungen der populäre Leningrader Parteichef Sergei Kirow in seinem Büro ermordet, der ehemalige Vorsitzende des Petrograder Sowjets Grigori Sinowjew fiel einem Schauprozess zum Opfer, ein anderer ehemaliger Vorsitzender des Petrograder Sowjets, Leo Trotzki, wurde 1940 im mexikanischen Exil ermordet.

Auch in der Stadtplanung zeigte sich die Auseinandersetzung zwischen Moskau und Leningrad. Der Generalplan von 1935 sah vor, das Stadtzentrum nach Süden zu verlegen, an den neu geschaffenen Moskauer Platz am Moskauer Prospekt. Zentrum Leningrads sollte das an dessen Ostseite gelegene Haus der Sowjets werden, ähnlich dem für Moskau geplanten Palast der Sowjets. Der Moskauer Platz und seine Umgebung sind in der Form des typischen Zentrums der Sozialistischen Stadt angelegt, wie man es dutzendfach in der Sowjetunion finden konnte. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und materielle Schwierigkeiten bedeuteten schließlich das Aus für die Verlegung des Zentrums. Der Platz ist bis heute der größte der Stadt. Beobachter werten den Leningrader Generalplan allgemein als Angriff auf das alte Petersburg. Durch die Verlegung des Zentrums sollte das alte Sankt Petersburg abgewertet werden. Form und Benennung (Moskauer Platz, Moskauer Prospekt) der neuen Mitte sollten der Stadt ihre Besonderheit nehmen und sie zu einer unter vielen Sowjetstädten machen.

Leningrader Blockade

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Stadt 871 Tage lang von deutschen Truppen unter Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb (Oberbefehl bis 16. Januar 1942) belagert. In der Zeit der Belagerung vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944, in der die Wehrmacht auf Befehl Hitlers keine Eroberung Leningrads versuchte, sondern stattdessen die Stadt systematisch von jeglicher Versorgung abschnitt, starben über eine Million Zivilisten. Eine geheime Weisung des Oberkommandos der Wehrmacht vom 23. September 1941 lautete: „Der Führer ist entschlossen, die Stadt Petersburg vom Erdboden verschwinden zu lassen. Es besteht nach der Niederwerfung Sowjetrusslands keinerlei Interesse am Fortbestand dieser Großsiedlung.“ Ab Frühjahr 1942 wurde das historische Ingermanland, zu dem ein Großteil des Gebietes von Leningrad gehörte, dann als „deutsches Siedlungsgebiet“ in die Annexionspläne des Generalplans Ost mit einbezogen. Das implizierte den Genozid an den etwa drei Millionen Einwohnern Leningrads, die bei dieser „Neuordnung des Ostraums“ keinen Platz mehr gehabt hätten.

In der Zeit der deutschen Belagerung Leningrads konnten Nahrungsmittel zur Versorgung der Millionenstadt nur unter großen Gefahren per Flugzeug oder im Winter über den vereisten Ladogasee per Bahn und LKW nach Leningrad gebracht werden. Die Route über den See lag im Schussfeld der Wehrmacht, im Schnitt kam von drei gestarteten Lastkraftwagen einer in Leningrad an. Besonders dramatisch war die Situation im Jahr 1941. Durch Luftangriffe wurde ein Großteil der Nahrungsmittelvorräte vernichtet, zudem brach der Winter ungewöhnlich früh ein. Der Abwurf gefälschter Lebensmittelbezugsscheine aus Flugzeugen der Wehrmacht tat ein übriges. Die Rationen sanken im Oktober auf 400 Gramm Brot für Arbeiter, 200 Gramm für Kinder und Frauen. Am 20. November 1941 wurden sie auf 250 Gramm, respektive 125 Gramm reduziert. Zudem herrschten Temperaturen von bis zu –40 Grad Celsius in einer Stadt, in der Heizmaterial äußerst knapp war. Allein im Dezember 1941 starben circa 53.000 Menschen. Viele von ihnen fielen einfach vor Entkräftung auf der Straße um.

Während der Belagerung wurden etwa 150.000 Artilleriegeschosse auf die Stadt abgeschossen, etwa 100.000 Fliegerbomben fielen. Bei Versuchen der Roten Armee, die Belagerung zu sprengen, kamen dazu etwa 500.000 sowjetische Soldaten ums Leben. Versuche 1941 und 1942 scheiterten, erst mit der Einnahme von Schlüsselburg am 18. Januar 1943 gelang es, wieder eine Versorgungslinie in die Stadt zu etablieren. Die Offensive, die die Stadt befreien sollte, begann am 14. Januar 1944 und konnte am 27. Januar 1944 zum Abschluss gebracht werden. Nach neueren Angaben des russischen Historikers Walentin Kowaltschuk starben in den drei Jahren der Belagerung etwa zwei Millionen Russen, davon mindestens 750.000 Zivilisten. Damit starben etwa 3–4 mal so viele Sowjetbürger, wie in der damals etwa 450.000 Einwohner umfassenden Wolga-Metropole Stalingrad.

Der Versuch, die Blockade von Leningrad und deren Folgen völkerrechtlich und moralisch zu bewerten, hat in der Geschichtswissenschaft zu kontroversen Ergebnissen geführt. Ein Teil der Historiker sieht dabei den Hungertod von Hunderttausenden von Menschen als tragisches Ergebnis einer Strategie an, für die es in der Geschichte viele Präzedenzfälle gibt und die daher nicht per se gegen überkommenes Kriegs- und Völkerrecht verstoßen habe. Andere Forscher hingegen sprechen von einem deutschen „Genozid“ an der Bevölkerung Leningrads, basierend auf einer „rassistisch motivierten Hungerpolitik“, welche sich zum integralen Bestandteil eines beispiellosen deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion entwickelt habe. [3]

Nach dem Krieg

Die Behandlung Leningrads nach dem Großen Vaterländischen Krieg, wie der Krieg gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg in Russland genannt wird, war widersprüchlich. Einerseits war die Stadt zu dem sowjetischen Symbol von Widerstandswillen und Leiden im Krieg geworden – andererseits tobten Machtkämpfe zwischen Leningrader und Moskauer Funktionären noch bis in die 1950er-Jahre hinein. Der Wiederaufbau Leningrads wurde zur Prestigeangelegenheit der Sowjetunion. Innerhalb kürzester Zeit wurden eine Million Arbeiter in die Stadt gezogen, die sie wiederaufbauten – die Restaurierung der Kulturdenkmale besaß dabei eine besondere Wertigkeit. Bereits 1945 erhielt die Stadt zusätzlich die Auszeichnung als Heldenstadt. In der Stadt bestanden die beiden Kriegsgefangenenlager 254 und 339 für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs.[4] Schwer Erkrankte wurden im Kriegsgefangenenhospital 1261 versorgt.

Ebenfalls in den Nachkriegsjahren wurden zahlreiche neue Stadtteile gebaut – 1953 war das Jahr, in dem mehr neuer Wohnraum in der Stadt geschaffen wurde als je vorher oder nachher. Andererseits musste das 250-jährige Stadtjubiläum verschoben werden: 1953 war der Machtkampf noch im Gange und jede positive Erwähnung unerwünscht – zudem war gerade Stalin gestorben, eine Feierlichkeit, egal aus welchem Anlass, erschien nicht angebracht. Die Feier musste 1957 unter Nikita Chruschtschow nachgeholt werden – ohne die Erwähnung, dass es eigentlich der 254. Geburtstag war.

In den Folgejahren hielt die Stadt ihren Ruf als große Industriestadt und eines der wissenschaftlichen Zentren der Sowjetunion. Das politisch-kulturelle Zentrum Russlands und der Sowjetunion lag zu dieser Zeit aber klar in Moskau. Die Bevölkerung war durch die Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit ebenfalls zu einem Großteil ausgetauscht worden – die Verbundenheit mit Petersburg in der Stadt wurde zunehmend schwächer.

1988 wurden bei einem Brand in der Akademie der Wissenschaften ungefähr eine Million Bibliotheksbände ein Opfer der Flammen. [5] 1989 wurde die Innenstadt unter Denkmalschutz gestellt.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion

Nach einer Volksabstimmung, in der sich am 12. Juni 1991 54 Prozent der Bevölkerung für die Rückkehr zum historischen Namen aussprachen, nahm die Stadt am 6. September 1991 wieder ihren ursprünglichen Namen an. Die umgebende Verwaltungseinheit blieb aber ebenfalls nach einer Volksabstimmung weiterhin als Leningrader Gebiet (Oblast Leningrad) bestehen.

Bei dem Putschversuch gegen Präsident Boris Jelzin im Oktober 1993 sammelte der damalige Petersburger Oberbürgermeister Anatoli Sobtschak die Anhänger der Demokratie um sich, es kam zu einer großen Demonstration vor dem Winterpalast gegen die Putschisten.

1999 wurde die Fläche der Stadt Sankt Petersburg durch die Satellitenstädte Kolpino, Puschkin, Lomonossow, Kronstadt, Peterhof sowie angrenzende Vororte großzügig erweitert. Diese Städte gelten jetzt als Stadtbezirke von Petersburg und gehören daher nicht mehr administrativ und territorial zur Oblast Leningrad.

Am 27. Mai 2003 wurde das 300-jährige Jubiläum der Stadt begangen. Im Zuge dessen wurden im Vorfeld Teile der Altstadt und verschiedene Paläste saniert, sowie das legendäre Bernsteinzimmer rekonstruiert. Der russische Staat gab für die Rekonstruktionen ein bis zwei Milliarden Euro aus. Die deutsche Firma Ruhrgas, eng verbunden mit dem staatlichen russischen Energiekonzern Gazprom, hat sich erheblich durch eine Spende von 3,5 Millionen Dollar an den Kosten zur Rekonstruktion des Bernsteinzimmers beteiligt. [6] Am 31. Mai des Jahres weihten Russlands Präsident Wladimir Putin und Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder offiziell das rekonstruierte Bernsteinzimmer ein.

Die Stadt stand das erste Mal seit langer Zeit wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Da sich ein Großteil der Renovierungen allerdings auf die Fassaden und die besonderen Prunkstücke konzentrierte, vermuteten Kritiker, dass es sich hierbei um – geschichtlich ohnehin eng mit Petersburg verbundene – Potjomkinsche Dörfer handele. Später sind jedoch die kritischen Vermutungen, alle Arbeiten würden nur für die Festtagsgäste zum 300-jährigen Jubiläum durchgeführt und danach eingestellt, verstummt, da die Renovierungen der Stadt auch nach den Feierlichkeiten weitergingen und bis heute andauern, was teilweise durch Heranziehung privater Investitionen ermöglicht wird.

Politik

Sankt Petersburg ist Verwaltungssitz der Oblast Leningrad und des Föderationskreises Nordwestrussland. Innerhalb Russlands ist die Stadt jedoch – genauso wie auch Moskau – ein eigenständiges Verwaltungssubjekt. Die Spitze der Exekutive bildet der für vier Jahre direkt gewählte Gouverneur der Stadt. Die Legislative, die gesetzgebende Versammlung, besteht aus 50 hauptamtlichen Mitgliedern, die ebenfalls für vier Jahre gewählt werden. Der Vorsitzende der Kammer ist protokollarisch mit dem Gouverneur gleichgestellt.

1996 war es Wladimir Jakowlew, der Anatoli Sobtschak ablöste. Er präsentierte sich mehrfach als ideologisch ungebundener Pragmatiker. Sobtschak war hingegen ein strikter Reformer der nach-kommunistischen Ära, der aufgrund seines radikal marktwirtschaftlichen Kurses viele Animositäten in der Stadt erzeugte. Er verweigerte mehrmals die Entlassung Wladimir Putins aufgrund von Korruptionsvorwürfen, als dieser noch in der Stadtregierung arbeitete. Putin organisierte den erfolglosen 1996er-Wahlkampf von Sobtschak.

Jakowlew trat im Oktober 2003 nicht mehr zur Neuwahl an. Derzeitige Amtsträgerin ist seit diesen Wahlen Walentina Matwijenko, die Wladimir Jakowlew nachfolgte. Matwijenko war die Favoritin Putins und der russischen Regierung. Während der hart umkämpften Wahl wurden mehrfach Vorwürfe laut, die Staatsmacht würde direkt und indirekt in die Wahl eingreifen. Zum einen sei Matwijenko die einzige, die regelmäßig in den Medien und besonders im Fernsehen vorgestellt werde, zum anderen würden die anderen Kandidaten und ihre Helfer massiv durch die Polizei belästigt und behindert.

International und in Deutschland bekannt wurde die Stadt politisch unter anderem durch den Petersburger Dialog – die regelmäßigen deutsch-russischen Gespräche in der Stadt – und das Petersburger Komitee der Soldatenmütter, das regelmäßig gegen den Krieg in Tschetschenien und gegen die Gewalt in der Armee protestiert. Im Juli 2006 fand in Sankt Petersburg außerdem der jährliche G8-Gipfel statt, da Russland 2006 turnusgemäß Vorsitz in der Gruppe der Acht übernommen hatte.

Wappen

Beschreibung: In Rot zwei silberne gestürzte und gekreuzte Anker, der rechte ein Stockanker (mit zwei flachen Flunken) und der linke ein Draggen (mit vier spitzen Flunken), von einem goldenem Zepter senkrecht überlegt. Auf dem Schild die goldene Zarenkrone, hinter ihr zwei gekreuzte russische Reichszepter mit dem russischen Doppeladler als Knauf. Das blaue Band des Ordens des heiligen Andreas des Erstberufenen umgibt den Schild.

Ein Wappen hat die Stadt seit etwa 1729, als es ihr von Peter I. verliehen wurde. Anfangs schwebte der russische Doppeladler über den heute wieder im Wappen vorhandenen Wappenfiguren – den zwei Ankern und dem Zepter in der bekannten gekreuzten Form. An die Stelle des Wappens trat während der Zeit der UdSSR ein nach links fahrendes vollgetakeltes dreimastiges Segelschiff (Fregatte) mit der weiß-blauen Andreasflagge an den Masten und am Heck. Es nahm Bezug auf die Fluss- und Seehäfen der Stadt.

Bevölkerung

Laut dem Ergebnis der letzten Volkszählung vom 9. Oktober 2002 hatte Sankt Petersburg 4.661.219 Einwohner. Das sind etwa drei Prozent der gesamten Einwohnerzahl Russlands. Der durchschnittliche Bruttomonatslohn betrug 2009 nach offiziellen Angaben 23.000 Rubel.

Sankt Petersburg war seit seiner Gründung eine Stadt großer sozialer Gegensätze. Seit der Perestroika und dem Untergang der Sowjetunion brechen diese wieder verschärft auf. Menschen, die betteln oder auf der Straße ihr letztes Hab und Gut verkaufen, sind zwar seit dem Stadtjubiläum 2003 aus der Innenstadt vertrieben, gehören etwas außerhalb aber zum alltäglichen Straßenbild. Etwa 15 % der Bevölkerung leben in so genannten Kommunalkas, Gemeinschaftswohnungen, in denen sich viele Familien eine Wohnung, eine Küche und ein WC teilen müssen, meist besitzt jede Familie nur ein einziges Zimmer.

In Sankt Petersburg gilt eine Zuzugssperre – Wohnrecht in der Stadt erhält nur, wer Wohnung und Arbeit nachweisen kann oder mit einem Einwohner verheiratet ist. Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass in der Stadt im Jahr 2000 etwa 16.000 Straßenkinder lebten.

Die ehemals multikulturell geprägte Stadt ist heute überwiegend, laut offizieller Statistik zu 89,1 Prozent, von ethnischen Russen bewohnt. Dazu kommen 2,1 Prozent Juden, 1,9 Prozent Ukrainer, 1,9 Prozent Weißrussen sowie kleinere Gruppen von Tataren, Kaukasiern, Usbeken, Wepsen und Finnen.

Trotz der zu Sowjetzeiten staatlich verordneten Religionsfeindschaft sind 2004 nach Schätzungen nur noch 10 Prozent der Bevölkerung Atheisten. Der Großteil ist russisch-orthodox, wobei es in der Stadt aber heftige Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und Reformern gibt. Die Kirchengebäude gehören überwiegend dem russischen Staat. Peter der Große untersagte den Bau von Zwiebeltürmen. Dies ist der Grund, dass sich in der ganzen Stadt nur ein einziger solcher Turm aus der Vorkriegszeit findet – er befindet sich an der Stelle, wo Zar Alexander II. ermordet und die Auferstehungskirche für ihn errichtet wurde. Die zahlreichen Kirchenneubauten in den Randgebieten werden hingegen meist im traditionellen russischen Stil errichtet. 1914 wurde von der tatarischen Gemeinde am Nordufer der Newa die weithin sichtbare Petersburger Moschee errichtet. In der Nähe des Mariinski-Theaters befindet sich die im orientalischen Stil erbaute und 2003 komplett renovierte Synagoge. Sie ist das drittgrößte jüdische Gotteshaus in Europa.

Bevölkerungsentwicklung

Die folgende Übersicht zeigt die Einwohnerzahlen nach dem jeweiligen Gebietsstand. Bis 1944 handelt es sich meist um Schätzungen, von 1959 bis 2002 um Volkszählungsergebnisse und für 2010 um eine Berechnung.[1] In der Tabelle wird die Anzahl der Einwohner in der Stadt selbst ohne die Einwohner im Vorortgürtel aufgeführt, außerdem für die Volkszählungen 1959 bis 1989 für die Stadt mit Vororten (mit den im Umland liegenden Städten und Siedlungen städtischen Typs, die dem Leningrader Stadtsowjet unterstellt waren).

Alle diese Städte und Siedlungen im Umland wurden 1998 eingemeindet, sodass die Angabe der Einwohner mit Vororten ab 2002 entfällt. Die Einwohnerzahl von 2002 ist daher mit der Zahl von 1989 mit Vororten zu vergleichen. Abzüglich der Einwohnerzahl der 1998 eingemeindeten Ortschaften hatte Sankt Petersburg im Jahr 2002 in den Grenzen von 1989 4.137.563 Einwohner. Die Einwohnerzahl der eigentlichen Stadt war also zwischen 1989 und 2002 um 322.861 zurückgegangen, die der ehemaligen Vororte um 39.426.

  • Jahr         Einwohner
  •                 (Stadt)
  • 1725              75.000
  • 1750            150.000
  • 1800            300.000
  • 1846            336.000
  • 1852            485.000
  • 1858            520.100
  • 1864            539.100
  • 1867            667.000
  • 1873            842.900
  • 1881            876.600
  • 1886            928.600
  • 1891         1.035.400
  • 1897         1.264.900
  • 1901         1.439.400

 

  • Jahr                      Einwohner         Einwohner
  •                               (Stadt)          (mit Vororten)
  •    
  • 1908                     1.678.000 
  • 1910                     1.962.000 
  • 1915                     2.318.600 
  • 1920                        722.000 
  • 1926                     1.616.100 
  • 1936                     2.739.800 
  • 1939                     3.191.300 
  • 1944                     2.559.000 
  • 15. Januar 1959     2.899.955       3.321.196
  • 15. Januar 1970     3.512.974       3.949.501
  • 17. Januar 1979     4.072.528       4.588.183
  • 12. Januar 1989     4.460.424       5.023.506
  • 9. Oktober 2002     4.661.219 
  • 1. Januar 2010       4.600.276 

Kultur

Sankt Petersburg ist eine Stadt, in der Literatur, Musik und Theater Weltgeltung besitzen.

Theater

In der Stadt befinden sich rund 40 verschiedene Theater. Das Mariinski-Theater ist eines der bekanntesten Opernhäuser der Welt. Es ist die Heimat des Kirow-Balletts.

Das Alexandra- oder Alexandrinski-Theater wurde auf Erlass von Zarin Elisabeth I. 1756 gegründet. Eine aus Schülern des Kadettenkorps zusammengestellte Truppe bildete das erste ständige Theater Russlands. Erst 1832 erhielt das Ensemble sein heutiges prächtiges Gebäude, das unter Leitung des Architekten Carlo Rossi entstand.

In der Stadt lebten und arbeiteten die Komponisten Michail Glinka, Modest Mussorgski, Nikolai Rimski-Korsakow, Pjotr Tschaikowski, Igor Strawinski und Dmitri Schostakowitsch. Besonders verbunden mit der Stadt ist unter anderem Schostakowitschs siebte oder Leningrader Symphonie; entstanden während der Belagerung durch die Deutschen, war sie ein Ausdruck des Durchhaltewillens und der russischen Kultur. Die Uraufführung fand in Moskau ebenfalls unter Lebensgefahr für Aufführende und Zuhörer statt, am 8. August 1942 wurden die Orchesterpartituren durch die deutsche Blockade hindurch in die Stadt geschafft, das Konzert im gesamten sowjetischen Rundfunk übertragen.

Ballett

Die Stadt ist einer der wichtigsten Orte für die Entwicklung des Balletts. Sergei Djagilew, Marius Petipa, Vaslav Nijinsky, Mathilda-Maria Kschessinskaja und Anna Pawlowa waren maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt. Hier befindet sich die wahrscheinlich berühmteste Ballettschule der Welt – die Waganowa-Ballettakademie, gegründet im Jahre 1738.

Literatur

Die Stadt besitzt mehrere bedeutende Bibliotheken. Die 1795 gebaute Saltykow-Schtschedrin-Bibliothek ist heute ein Teil der Russischen Nationalbibliothek. Diese ist mit einem Bestand von 30 Millionen Werken nach der Russischen Staatsbibliothek in Moskau die zweitgrößte Russlands. In ihrem Bestand befinden sich Bücher in 85 Sprachen. Die Sammlung enthält auch die erste datierte im ostslawischen Raum entstandene Handschrift, das kirchenslawische Ostromir-Evangelium aus dem Jahr 1057. Die 1714 gebaute Bibliothek der Akademie der Wissenschaften besitzt ebenfalls einen Bestand von 17 Millionen Bänden. Die Puschkin-Bibliothek ist mit 5000 Werken zwar deutlich kleiner, besitzt dafür aber einen wertvollen Bestand von Werken aus der privaten Bibliothek des Dichters.

Zahlreiche der bekanntesten russischen Künstler haben in Sankt Petersburg gelebt und gearbeitet, darunter Literaten wie Alexander Puschkin, Fjodor Dostojewski, Nikolai Gogol, Anna Achmatowa, Alexander Blok und Joseph Brodsky.

Der „Petersburger Text“

Petersburg, als Zarenstadt über Jahrhunderte kulturelles Zentrum Russlands, zog auch eine große Zahl von Schriftstellern an, welche die Stadt literarisch verewigten. Nachdem in den ersten Jahrzehnten nach dem Bau der Stadt den Zaren preisende Auftragslyrik das Bild bestimmte, begann 1833 mit Puschkins Gedicht Der eherne Reiter eine andere Art der Literatur dominant zu werden. Das Gedicht thematisiert den russischen Beamten Jewgeni, der am Reiterstandbild Peters des Großen, dem Wahrzeichen der Stadt, zur Zarenbeschimpfung ansetzt. Doch er erregt den Zorn der Statue.

  • Und auf des Hengstes blankem Rücken
  • Mit der emporgestreckten Hand
  • Ihn vorwärts treibend mit den Blicken
  • Braust funkensprühend der Gigant
  • Der arme Irre hastet weiter
  • Wohin auch immer er sich kehrt,
  • Der eherne, erzürnte Reiter
  • Folgt überall auf seinem Pferd.

Diese späteren Texte haben eine verblüffende Ähnlichkeit, was Motive, Sprache, Atmosphäre, aber auch oft den Sinn anbelangt – soviel Ähnlichkeit, dass die Literaturwissenschaft dafür den Begriff Petersburger Text geprägt hat. Die Allgegenwart der Macht des Zaren wie des russischen Staatsapparates, die Beamten- und Soldatenstadt, sind ebenso ein stetig wiederkehrendes Thema, wie der Wahnsinn, Hochwasser und Überschwemmung, Zerstörung, Untergang, Fieberwahn und (Alp-)Traumstadt. Viele Literaten attestieren der Stadt eine gewisse Unwirklichkeit, eine Aura dessen, dass sie nicht ganz real ist. Das beginnt schon mit dem Mythos, die Stadt sei in der Luft gebaut worden und erst danach auf die Erde gesunken, weil man auf diesem Gelände eigentlich gar nicht bauen könne. Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky attestiert: „Es gibt keinen Ort in Russland, wo die Imagination sich mit solcher Leichtigkeit von der Realität ablöst“. Nikolai Gogol sagte bereits 1835 über den Newski-Prospekt: „Hier ist alles Trug, alles Traum, alles nicht das, was es scheint“.

Allein der Plan, eine Großstadt am Ende der Welt inmitten von Sümpfen zu bauen, gibt Sankt Petersburg diesen Gründungsmythos mit, der die literarische Stimmung bis zur Oktoberrevolution bestimmt. Selbst Giacomo Casanova ließ sich von der Stimmung der Stadt beeinflussen. 1764 schrieb er: „Alles erschien mir, als hätte man es schon als Ruine gebaut. Man pflasterte die Straßen und wusste, dass man sie sechs Monate später erneut würde pflastern müssen.“

Besonders bekannte Nachfolger Puschkins waren in dieser Tradition Nikolai Gogol mit dessen Petersburger Erzählungen sowie der wahrscheinlich berühmteste Schriftsteller der Stadt, Fjodor Dostojewski, dessen Romane Weiße Nächte, Arme Leute, Der Doppelgänger, Der Idiot und Schuld und Sühne in der Stadt spielen. Dostojewskis Charakter Raskolnikow war der Stadt nahe: „Es wehte ihn daraus immer eine rätselhafte Kälte an, dieses prächtige Panorama war für ihn mit einem stummen, dumpfen Geist erfüllt.“

Mit dem symbolistischen Roman Petersburg (1913) schrieb Andrei Bely eines der Meisterwerke der russischen Literatur. Er steht am Beginn der Reihe der Großstadtromane der Moderne und wurde so oft mit James Joyces Ulysses und Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz verglichen.

Mit der Oktoberrevolution und der Verlagerung der Hauptstadt entstanden weiterhin literarische Werke hoher Bedeutung, die allerdings nicht mehr den typischen Petersburger Text widerspiegelten. Alexander Bloks Erzählung Die Zwölf von 1918 schilderte den Marsch von zwölf Rotarmisten durch die Stadt. Schließlich erscheint Jesus an der Spitze der Gruppe. Daniil Charms, einer der letzten Vertreter der frühen russischen Avantgarde, verfasste neben Die Komödie der Stadt Petersburg auch zahlreiche kurze Stücke. Eines davon, An der Kaimauer, greift wiederum die klassischen Motive des Petersburger Textes auf:

  • An der Kaimauer unseres Flusses hatte sich
  • eine sehr große Menschenmenge versammelt
  • In den Fluß gefallen war der Regimentskom-
  • mandeur Sepunow. Er verschluckte sich in
  • einem fort, sprang bis zum Bauch aus dem Wasser.
  •    […]
  • „Er geht unter“, sagte Kusma
  • „Klar geht er unter“, bestätigte ein Mann mit
  • einer Schirmmütze.
  • Und tatsächlich, der Regimentskommandeur
  • ging unter
  • Die Menge begann sich zu verlaufen.

Der gebürtige Petersburger Vladimir Nabokov kehrt in seinen Büchern immer wieder an den Ort seiner Kindheit zurück. Anna Achmatowa, Marina Zwetajewa, Ossip Mandelstam, Welimir Chlebnikow, Sergei Jessenin und Joseph Brodsky verewigten die Stadt durch ihre Lyrik. Ebenso wie als Stadt der Literatur erschien die Stadt immer als eine der verfolgten Literatur. Bereits Dostojewski und Puschkin wurden vom Zar verfolgt, nach der Oktoberrevolution wurden zahlreiche Literaten ermordet, bekamen Berufsverbot oder, sofern es ihnen möglich war, wanderten aus. Ossip Mandelstam bemerkte: „Kein anderes Land nimmt Poesie so wichtig wie Russland, nirgendwo sonst werden ihretwegen so viele Menschen umgebracht.“

Eremitage

Von den ungefähr 250 Museen der Stadt ist die Eremitage mit drei bis vier Millionen Besuchern im Jahr das bestbesuchte und wohl auch international wichtigste. Die Eremitage ist eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt. Sie beherbergt eine immens große Sammlung der europäischen bildenden Kunst bis 1917 sowie die weltweit größte Juwelensammlung.

Der Winterpalast, in dem ein Großteil der Sammlung untergebracht ist (insgesamt nimmt das Museum fünf Bauten in Anspruch, mit Gesamtausstellungsfläche von 57.475 m² und Lagerfläche von 45.000 m²), ist dabei eine eigene Sehenswürdigkeit. In ihrem Archiv beherbergt die Eremitage mehr als 2,7 Millionen Ausstellungsstücke. In den 350 Ausstellungsräumen sind davon 65.000 organisiert in sechs Sammlungen ausgestellt. Es sind Sammlungen über Prähistorische Kunst, Kunst und Kultur der Antike, Kunst und Kultur der Völker des Ostens, Westeuropäische Kunst und Russische Kunst zu sehen, sowie Juwelenschätze und numismatische Exponate. Da der größte Teil der russischen Kunst mittlerweile in das russische Museum ausgelagert wurde, ist die westeuropäische Kunst und Kultur der bedeutsamste Teil der Sammlung.

In ihr befinden sich unter anderem Werke von Leonardo da Vinci (zwei der weltweit bekannten zwölf Originale), Raffael, Tizian, Paolo Veronese, El Greco, Goya, Lucas Cranach dem Älteren, mehr als 40 Bilder von Rubens, 25 Werke von Rembrandt und diverse seiner Schüler, Vincent van Gogh, 37 Bilder von Henri Matisse, Pierre-Auguste Renoir, Paul Gauguin, 31 Bilder von Pablo Picasso, sowie Bilder von Édouard Manet und Wassily Kandinsky.

Das Museum entstand als Privatsammlung der Zaren, seit 1852 war es öffentlich zugänglich. Nach der Oktoberrevolution wurden zahlreiche Privatsammlungen enteigneter russischer Adliger in die Eremitage überführt. Die Belagerung der Stadt überstanden die Bestände weitgehend unbeschadet im Keller des Museums, die wertvollsten Stücke waren ausgelagert worden. 1948 wurden die Kunstbestände aufgestockt durch einen großen Teil der Sammlung des Museums für neue westliche Kultur in Moskau. Von den vielen Touristenzielen der Stadt ist die Eremitage wahrscheinlich das bedeutendste. Es besteht eine langfristige Zusammenarbeit mit dem Solomon R. Guggenheim Museum.

Architektur

Bauzustand und Denkmalschutz

Sankt Petersburg war lange Zeit der Sitz der russischen Zaren. In der Stadt entfalteten sie die ganze Pracht ihres immensen Reichtums, von der bis heute zahlreiche Zeugnisse zu sehen sind. Im Hinblick auf die 300-Jahr-Feier im Jahr 2003 wurden zahlreiche der Sehenswürdigkeiten aufwändig restauriert. Die Stadt besitzt neben den 250 Museen auch ungefähr 4000 geschützte Kultur-, Geschichts- oder Baudenkmäler. 15 % der Gebäude in Sankt Petersburg – insgesamt rund 2400 Gebäude – wurden von der UNESCO als Denkmäler der Architekturgeschichte eingestuft. Damit wird Petersburg in dieser Hinsicht nur noch von Venedig übertroffen. Die Stadt hat allerdings Probleme, die Kosten zur Erhaltung dieser Baudenkmäler aufzubringen. Neben der schieren Menge gibt es auch andere Probleme: Teilweise sind die Häuser nach der Sowjetzeit in einem desaströsen Bauzustand und müssten dementsprechend aufwändig restauriert werden. Zum anderen sorgen die Industrie und der starke innerstädtische Verkehr für eine starke Luftverschmutzung, die insbesondere den Fassaden zusetzt. Obwohl seit 2004 Anstrengungen unternommen werden, zumindest einige Baudenkmäler zu privatisieren, gehören immer noch etwa 80 % aller Petersburger Immobilien dem russischen Staat.

Vorherrschende Stilrichtungen

  • Die Stadt ist vergleichsweise jung und architektonisch stark von westeuropäischen Einflüssen geprägt. Besonders finden sich im Stadtbild Bauten eines zurückhaltend-repräsentativen Frühbarocks, eines voll ausgeprägten Barocks, des Klassizismus, des Historismus, des Jugendstils und einige Bauten der frühen Moderne, wie z. B. die (Kaiserlich) Deutsche Botschaft von Peter Behrens und Ludwig Mies van der Rohe.
  • Die Bauten zu Zar Peters Zeiten (beispielsweise die Peter-Pauls-Festung, die Zwölf Kollegien, das Menschikow-Palais, das Kinkin-Palais von Andreas Schlüter, das Sommer-Palais Peters des Großen (mit Terrakottareliefs ebenfalls von Andreas Schlüter), die Kunstkammer und das Palais Peters II.) sind vom Europäischen Barock beeinflusst.
  • Später bildete sich der Russische Barock zu voller Blüte aus. Die Gebäude wurden dreifarbig, auch an den Fassaden reicher geschmückt, die Grundrisse wurden noch komplizierter. Baumeister dieser Zeit sind vor allem Bartolomeo Francesco Rastrelli, aber auch Sawwa Tschewakinski. Typische Gebäude dieser Zeit sind der Winterpalast, der Katharinenpalast, der Konstantinpalast, der endgültige Ausbau des Schlosses Peterhof, das Stroganow-Palais, das Woronzow-Palais, das Scheremetew-Palais, das Schuwalow-Palais, das Metropoliten-Palais, das Smolny-Kloster, die Nikolaus-Marine-Kathedrale und die Wladimir-Kathedrale.
  • Die klassizistischen Bauten sind wieder dezenter und weniger verspielt. Die Formen gehen von einfachen geometrischen Grundformen aus. Als Paradebeispiel gilt die Rossi-Straße: Sie ist 220 Meter lang, 22 Meter breit, die sie säumenden Gebäude sind 22 Meter hoch, ihre Fenster je 2,20 Meter groß. In dieser Zeit entstanden ganze Ensembles wie der Schlossplatz oder das gesamte Viertel um das Alexandratheater. Bedeutendster Architekt dieser Zeit war der Italiener Carlo Rossi. Eine eher russische Variante des Stils wird vor allem von Wassili Stassow geprägt.
  • Im Jugendstil ist die Architektur sehr verspielt wie z.B. das Dom Knigi (Haus des Buches), das Jelissejew-Feinkostgeschäft, das Postgebäude, der Witebsker Bahnhof, das Grand Hotel Europe, das Astoria Hotel sowie die Gebäude des Kamennoostrowski-Prospekts und des Österreichischen Platzes und die Wohngebäude um die gesamte Stadt.
  • In der Petersburger Moderne – einer späteren Variante des Klassizismus – wurden weitere Prunkbauten von dem Architekten Frederik Lidwal errichtet, z.B. die Don-Asow-Bank.
  • Nach der Oktoberrevolution wurden viele konstruktivistische Projekte verwirklicht, wie beispielsweise die Verwaltungsgebäude des Kirow-Rajon, das von Noi Trotzki projektiert wurde.
  • Im Gegensatz zu Moskau finden sich in Sankt Petersburg wenige Zeugnisse der Ära des Stalinschen Monumentalstils, auch Sozialistischer Realismus oder Sozialistischer Klassizismus genannt, der ab 1932 im totalitären System Stalins alle Bereiche der Kunst erfasste. Ein Beispiel ist das Haus der Sowjets am Moskauer Platz, entworfen von Noi Trotzki.
  • Später, speziell beim Wiederaufbau nach 1945, wurden die alten Gebäude restauriert und die Neubauten in der besten Tradition der Sowjet-Architektur errichtet. Sehr markante Beispiele hierfür sind viele Stationen der Metro sowie der Moskowski-Prospekt.

Stadtrundgang

Markantestes Gebäude der Skyline und höchstes Gebäude der Stadt ist der Fernsehturm Sankt Petersburg. Er befindet sich allerdings außerhalb der Innenstadt. Diese liegt vor allem auf der so genannten Admiralitätsseite der Newa. Der Newski-Prospekt, die Hauptstraße der Stadt, erstreckt sich von der Admiralität beziehungsweise der Eremitage nebst „Dworzowaja Ploschtschad“ – dem Parade- und Schlossplatz – bis zum Alexander-Newski-Kloster, der sogenannten Lawra. Letzteres ist nach dem russischen Volkshelden Alexander Newski, der Prospekt allerdings nach der Newa benannt. Zu den am Newski-Prospekt gelegenen Sehenswürdigkeiten zählen die Kasaner Kathedrale und das Kaufhaus Gostiny Dwor. Der Prospekt stößt auf den Ploschtschad Wosstanija, den „Platz des Aufstandes“. Der Newski-Prospekt wird von folgenden Kanälen geschnitten:

  1. Der Kanal Moika in Höhe der Kasaner Kathedrale. Auf der linken Seite, also gegenüber der Kathedrale, sieht man am Ufer der Moika in geringer Entfernung die Christi-Auferstehungskirche, die der Basilius-Kathedrale am Roten Platz in Moskau äußerlich sehr ähnelt. Am Ufer der Moika befindet sich ebenfalls das Haus, in dem der russische Nationaldichter Puschkin lebte und nach einer schweren Verwundung in einem Duell mit dem Franzosen Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès auch verstarb. Er wird von der Pozelujew-Brücke überquert.
  2. Der Gribojedow-Kanal. Links (östlich) davon erstreckt sich das Marsfeld, der Sommergarten mit dem Sommerpalast und der Wladimir-Palast.
  3. Der Kanal Fontanka, den die Anitschkow-Brücke überspannt. Hier befindet sich auch der gleichnamige Palast, in dem der bekannte Schachtrainer Zak unter anderem mit dem späteren Weltmeister Spasski arbeitete.

Unweit des Newski-Prospekts liegen weitere Sehenswürdigkeiten. Dies sind das Russische Museum, das sich neben der Auferstehungskirche befindet, die Isaakskathedrale, die sich unmittelbar an die Admiralität und die Eremitage anreiht, die Peter-und-Pauls-Festung – eine befestigte Insel, auch Haseninsel genannt, auf der dem Prospekt gegenüberliegenden Seite der Newa, mit zugehöriger Kathedrale, in der Zaren und Großfürsten beerdigt wurden. In einer Kapelle der Kathedrale wurde auch der letzte Zar Nikolaus II. mit seiner Familie und seiner Dienerschaft beigesetzt. In der Festung wurden schließlich auch zahlreiche Prominente der russischen Geschichte (im frühen 19. Jahrhundert zum Beispiel die Dekabristen, später die Anarchisten Michail Bakunin und Peter Kropotkin) festgehalten. Der Kreuzer Awrora kann auf derselben Newa-Seite nordwestlich der Festung besichtigt werden.

Der eherne Reiter, das Smolny-Kloster, die Rossistraße, der Sommergarten und die Christi-Auferstehungskirche befinden sich alle auf der südlichen Newa-Seite. Als besonders reizvoll gilt ein Spaziergang durch die Stadt während der Weißen Nächte im Frühsommer.

In der südlichen beziehungsweise süd-westlichen Umgebung Sankt Petersburgs sind das Schloss Peterhof, Pawlowsk und die Stadt Puschkin beliebte Ausflugsziele. Im Letzteren kann man im Katharinenpalast das legendäre Bernsteinzimmer besichtigen. Der Peterhof ist eine direkt am Meer gelegene weite Schlossanlage mit Palast, Schlosskirche, Orangerie, kleinen Lustschlössern wie „Mont Plaisir“, „Marly“ und einer besonders schönen Fontänen-Anlage in Hanglage, der sogenannten Kaskade, mit markanten vergoldeten wasserspeienden Bronzeskulpturen.

Der Peterhof, das Schloss Pawlowsk sowie der Katharinenpalast wurden im Verlauf des Zweiten Weltkrieges von den deutschen Besatzern zu großen Teilen verwüstet, und nach dem Krieg in mühevoller Kleinarbeit wieder aufgebaut und restauriert. Vom Witebsker Bahnhof aus lassen sich Pawlowsk und Puschkin leicht mit dem Vorortzug, der sogenannten Elektritschka, erreichen. An dieser Bahnstrecke befindet sich der Halt „21 km“, der an der südlichen Belagerungslinie der Stadt im Zweiten Weltkrieg gebaut wurde. Neben den Gleisen erinnern gegen Süden gerichtete damalige Kanonen an die deutsche Belagerung.

Petersburg im Film

Das Ende der kulturellen Blütezeit Sankt Petersburgs fiel zeitlich mit dem Aufkommen der Filmindustrie zusammen. Bei bemerkenswerten Filmen bis 1990 handelt es sich zu einem Großteil um Verfilmungen klassischer russischer Literatur. Es gibt dutzende Verfilmungen von Anna Karenina (die ersten sind eine russische und eine französische, beide von 1911, die erste westliche, die vor Ort gedreht wurde, ist von 1997) oder einige Versionen von Dostojewskis Der Idiot (die erste ist eine russische, von 1910).

Einige Filme beziehen sich auf die Stadtgeschichte. Neben einer großen Anzahl sowjetischer Propagandafilme gibt es bisher aber erst wenige Werke: In seiner Art eigenständig ist der Film Noi Vivi (Italien, 1942), eine Verfilmung des in der Stadt spielenden Buches von Ayn Rand Wir leben, der vor dem Hintergrund der sowjetischen Oktoberrevolution eine Kritik des faschistischen Italien versucht. Die Geschichte um die Tochter des letzten Zaren Anastasia wurde mehrfach verfilmt. Besonders bekannt sind die Versionen von 1956 mit Ingrid Bergman und das Zeichentrick-Musical (USA, 1997) von Don Bluth, ehemaliger Chefzeichner von Walt Disney. Besonders das Zeichentrick-Musical bezieht sich zwar sowohl auf die Stadtgeschichte als auch deren optische Opulenz, verfremdet beides aber so stark, dass es kaum wiederzuerkennen ist. Der italienische Spezialist für Filme über die russische Geschichte Giuseppe Tornatore plant einen Film über die Belagerung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Für die meiste internationale Resonanz sorgte bisher von allen Petersburger Filmen Russian Ark, der, in der Eremitage gedreht, 300 Jahre russische Geschichte in einem einzigen Schnitt Revue passieren lässt. Der Film Der Untergang wurde in der Stadt gedreht, da die historische Innenstadt in Teilen große Ähnlichkeiten zum Berlin des Jahres 1945 aufweist.

In Petersburg (damals noch Leningrad) spielt auch der Kultfilm Intergirl von Pjotr Todorowski, der letzte große Kinoerfolg der UdSSR vor deren Untergang.

Der James Bond-Film GoldenEye (1995) zeigt die Stadt in einem schon fast postapokalyptisch zu nennenden Zustand. Ein anderer britischer Action-Film, Midnight in St. Petersburg (1996) hingegen hat opulente Aufnahmen der Petersburger Sehenswürdigkeiten. Der Film Onegin (1999 unter anderem mit Liv Tyler) nimmt die Existenz des Puschkin-Gedichtes als Ausgangspunkt. In Das Rußland-Haus, einem Spionage-Thriller mit Sean Connery, Michelle Pfeiffer und Klaus Maria Brandauer, wird ein romantisches Bild der Stadt gezeigt.

Masjanja (russisch Масяня) ist eine beliebte russische nicht-kommerzielle Internet-Trickfilm-Serie, deren Handlung in Sankt Petersburg spielt.

Musik

Im Rahmen der klassischen Musik sind neben der Oper (siehe oben) vor allem die Sankt Petersburger Philharmoniker zu nennen. Im gleichnamigen Gebäude in der Stadt befindet sich das Stammhaus dieses Orchesters mit Weltniveau.

Mit der nachlassenden Staatskontrolle in der Perestroikazeit entwickelte sich im Leningrad der 1980er-Jahre eine sehr lebendige Rockmusikszene. [7] Ein Teil der Bands entstand unter dem Dach des Leningrader Rockclub, andere waren aus verschiedenen Landesteilen hierher gezogen. Im Gegensatz zur Hauptstadt Moskau, wo die Bürgerfreiheiten strenger überwacht wurden, konnte sich die Kunst in Leningrad vergleichsweise frei entfalten. Die damals entstandenen Bands und Interpreten haben ihren Einfluss bis heute nicht verloren. Zu diesem Teil der russischen Musikszene, der in Russland als „Piterski Rock“ („Petersburger Rock“) bekannt ist, zählen Bands wie „Aquarium“ mit Boris Grebenschtschikow, „Kino“ mit Wiktor Zoi, „Alissa“ mit Konstantin Kintschew, „AuktYon“ mit Leonid Fjodorow, „Pop-Mechanika“ mit Sergei Kurjochin, „Zoopark“ mit Michail „Mike“ Naumenko oder „DDT“ mit Juri Schewtschuk (aus Ufa).

Diese Musik lehnt sich an westliche Stilrichtungen an, behält aber die für „das russische Ohr“ typische Tonalität bei. In den Liedertexten findet man auch oft Parallelen zu den Autoren des Silbernen Zeitalters, einer kulturellen Blütezeit in Petersburg und Moskau am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Sport

Der bekannteste Sportverein der Stadt ist der Fußballklub Zenit Sankt Petersburg. Die Saison 2007 konnte Zenit, das seine Heimspiele im 21.000 Zuschauer fassenden Petrowski austrägt, erstmals als russischer Meister abschließen. Der Verein gehört seit einigen Jahren dem gleichzeitigen Hauptsponsor Gazprom, der seit der Übernahme viele Millionen in die Verstärkung des Kaders sowie den laufenden Bau der neuen Gazprom-Arena gesteckt hat. Im Spieljahr 2007/2008 gewann der Fußballklub den UEFA-Pokal in Manchester durch ein 2:0 gegen die Glasgow Rangers sowie in Monaco den UEFA Super Cup mit einem 2:1 gegen Manchester United. Zur Saison 2010 feierten sie den russischen Pokalsieg durch ein 1:0 gegen FK Sibir Novosibirsk im Rostower Stadion Olimp-2.

Der Fußballverein Dynamo Sankt Petersburg spielt nach der Saison 2010 wieder in der drittklassigen 2. Division, nachdem er für ein Jahr in die 1. Division aufgestiegen war.

Der Eishockeyverein SKA Sankt Petersburg spielt in der Kontinentalen Hockey-Liga, während der HK WMF Sankt Petersburg an der Wysschaja Hockey-Liga teilnimmt. Die größten Eishockeystadien sind das SKK Peterburgski, die Eissportarena Sankt Petersburg und der Jubileiny Sportkomplex.

Der Damen-Volleyballverein Leningradka Sankt Petersburg spielt in der höchsten Spielklasse Russlands, der Superleague.

Schach

Zu den Bewohnern von Sankt Petersburg zählten einige herausragende Schachspieler: Michail Botwinnik (langjähriger und mehrmaliger Weltmeister zwischen 1948 und 1963), Boris Spasski (Weltmeister von 1969 bis 1972 und bekannt durch das Match mit Bobby Fischer (USA) 1972 in Reykjavík, das wegen des Ost-West-Konfliktes weltweites Interesse erregte), sowie Viktor Kortschnoi (heute Schweiz), langjähriger Vize-Weltmeister und Emigrant aus der UdSSR. Kortschnoi erlangte internationale Bekanntheit wegen der Duelle mit Anatoli Karpow um die Weltmeisterschaft 1978 in Baguijo und 1981 in Meran, welchen große politische Brisanz innewohnte. Karpow lebte lange Jahre in Leningrad.

Bildung

Sankt Petersburg war historisch das Zentrum der russischen Wissenschaft und ist neben Moskau immer noch der wichtigste Bildungs- und Wissenschaftsstandort. In der Stadt sind über 120 Universitäten, Hochschulen und Fachhochschulen ansässig. Davon sind 43 staatlich-zivil, 22 militärisch und etwa 50 werden privat betrieben, sind aber staatlich lizenziert. Zu den bekannteren Universitäten gehören die Staatliche Universität Sankt Petersburg, die Staatliche Universität für Wirtschaft und Finanzen, die Staatliche Polytechnische Universität, die Russische Kunstakademie und das Sankt Petersburger Konservatorium. Zu den militärischen Institutionen gehören beispielsweise die Militärische ingenieurtechnische Universität und die Militärakademie für rückwärtige Dienste und Transportwesen.

In der Stadt sind etwa 600.000 Einwohner in Bildung und Wissenschaft beschäftigt, darunter sind ungefähr 340.000 Studierende.

In Petersburg lebten und wirkten mehrere Nobelpreisträger, darunter als letzter Schores Alfjorow, der Nobelpreisträger für Physik des Jahres 2000.

Religion

Die russisch-orthodoxe Kirche hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder deutlichen Zuwachs erhalten, aber auch andere Religionsgemeinschaften haben Zulauf. So ist Sankt Petersburg Sitz des Zentralen Kirchenamtes und der Kanzlei des Erzbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien (ELKRAS) in der St. Petri-Kirche sowie der Evangelisch-Lutherischen Kirche des Ingermanlandes in Russland. Die finnisch-lutherische und schwedisch-lutherische Kirche befinden sich in der Nähe, ebenso eine römisch-katholische und eine armenisch-apostolische Kirche.

Wirtschaft und Verkehr

Wirtschaft

Sankt Petersburg ist ein Verkehrsknotenpunkt und ein Zentrum russischer Forschung und Entwicklung. Dementsprechend beherbergt es ein großes Potenzial an Betrieben aus diesem Bereich. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der russischen Rubelkrise von 1998 konnte die Stadt große Teile ihres Potenzials retten.

In Sankt Petersburg finden sich Betriebe fast aller Zweige der verarbeitenden Industrie, ein besonderer Schwerpunkt liegt aber auf dem Schiff- und Maschinenbau. Unter anderem werden alle russischen atomgetriebenen Eisbrecher in der Stadt gefertigt. Weitere Schwerpunkte des industriellen Sektors in der Stadt sind Radioelektronik (vor allem in der Luft- und Raumfahrt), Neue Baustoffe (eine der vorrangigen Wachstumsbranchen), Energiemaschinenbau (Branchenbetriebe gelten als weltweit wettbewerbsfähig), Medizinischer Gerätebau, Vorbeugungsmedizin und Gesundheitswesen sowie Ökologisches Engineering. Außerdem besitzt die Stadt Möbelindustrie, Nahrungsmittelindustrie (u.a. Baltika Brauerei) und erdölverarbeitende Industrie. In jüngster Zeit beginnt die Informationstechnologie eine größere Rolle einzunehmen.

Zahlreiche russische Großkonzerne, vor allem solche mit hohem Staatsanteil, verlagern gegenwärtig ihre Hauptquartiere aus Moskau an die Newa. Die Steuern der Gazprom-Öltochter Gazprom Neft, der Außenhandelsbank WTB, der Reederei Sovtorgflot, die Pipeline-Firma Transnefteprodukt oder der Fluggesellschaft Transaero sollen in Zukunft das Stadtbudget auffüllen.

Der Erfolg dieser Wirtschaftsansiedlung ist aber nur bedingt auf die guten Petersburger Investitionsbedingungen zurückzuführen, sondern administrativ gesteuert. Ausländische Unternehmen entscheiden sich dagegen aus nüchternen Kalkulationen für ihre Standorte.

Besonders emsig ist gegenwärtig die Automobilindustrie auf der Suche: Russlands Automarkt boomt, die Zulassungszahlen von Import-Autos erreichen inzwischen die des früheren Quasi-Monopolisten Lada. Zudem sind wegen des geplanten WTO-Beitritts Sonderkonditionen bei Importzöllen entfallen, die das russische Wirtschaftsministerium für die Errichtung von Kfz-Produktionsstätten im Land ausgeschrieben hat. Aus diesem Grund wird von einer Entwicklung Petersburgs hin zum „russischen Detroit“ gesprochen – die Stadt siedelte bislang die Hälfte aller ausländischen Autowerk-Projekte an. Besonders begünstigt wird diese Entwicklung durch einen relativ guten logistischen Anschluss (vor allem über den größten russischen Hafen), qualifizierte Arbeitskräfte, erschlossene Gewerbeflächen, lokale Steuervergünstigungen und die Nähe zum Hauptabsatzmarkt.

Neben der boomenden Autoindustrie haben in der Stadt an ausländischen Unternehmen unter anderem Wrigley, Gillette, Rothmans, Unilever, Japan Tobacco und Coca-Cola nennenswerte Investitionen getätigt. Fast eine Milliarde Euro (Stand 2005) Umsatz machte die Baltika-Brauerei. Mehrheitsaktionär ist die Baltic Beverages Holding (BBH), diese wiederum gehört je zur Hälfte der dänischen Carlsberg-Brauerei und der schottischen Brauerei Scottish & Newcastle. Baltika ist inzwischen die größte Brauerei in Russland und Osteuropa und nach Heineken die zweitgrößte in Europa. Das Joint-Venture wurde 1990 in Sankt Petersburg gegründet und hat sich schnell zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Stadt entwickelt.

Wichtigster Außenhandelspartner der Stadt ist Deutschland.

An Rohstoffen finden sich Kies, Sandstein, Ton und Torf. Hingegen spielt die Landwirtschaft keine Rolle in der lokalen Wirtschaft.

80 km von Sankt Petersburg entfernt steht in Sosnowy Bor ein großes Atomkraftwerk, das oft auch als Kernkraftwerk Leningrad bezeichnet wird. 50 % des Strombedarfs der Region werden hieraus gespeist.

In der Sowjetunion war Sankt Petersburg der Hauptflottenstützpunkt, noch heute befindet sich der Großteil der ehemaligen Schlachtschiffe und U-Boote im Petersburger Militärhäfen. Das erste Dieselmotorschiff der Welt, die Vandal, lief von Rybinsk kommend ab 1903 planmäßig Sankt Petersburg an. Vor der Perestroika bildete der rüstungsindustrielle Komplex 80 Prozent der Leningrader Wirtschaft.

Weitere Unternehmen, die die Sowjetzeit überdauert haben und weltweit bekannt sind, haben ihre Zentrale nach wie vor in Sankt Petersburg. Beispielsweise gibt es dort den renommierten Verlag Prospekt Nauki, bekannt für seine wissenschaftlichen Werke, wie auch das sowjetische Optik-Kombinat LOMO PLC dessen anfangs unbedeutende Kamera Lomo LC-A (Lomo-Compakt-Automatic), mit ihrer eher zweifelhaften Bildqualität Ausgangspunkt für eine charakteristische künstlerische Photogestaltung, die sogenannten Lomographie, wurde. Ebenfalls in Sankt Petersburg befindet sich das sowjetische Traditionsunternehmen für Uhren, die Uhrenfabrik Petrodworez, mit ihren berühmten Raketa-Uhren.

Tourismus wird ein zunehmend wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Stadt. Laut der UNESCO gehört die Stadt zu den zehn für Touristen attraktivsten Reisezielen weltweit.

Verkehr

Sankt Petersburg ist ein großer Verkehrsknotenpunkt. Hierbei stellt die Stadt eine wichtige Verknüpfung zwischen Seeschifffahrt, Binnenschifffahrt und Eisenbahn her. Der Hafen Sankt Petersburgs ist der bedeutendste Hafen Russlands (Güterumschlag 2007: 59,6 Mill. t) und wichtig für den ganzen osteuropäischen und nordasiatischen Raum. Besonders schnell steigt der Containerverkehr. Linienverbindungen bestehen u.a. nach Stockholm, Helsinki, Kiel, Lübeck und anderen Hafenstädten an der Ostsee sowie zu allen wichtigen Containerhäfen in der Nordsee. Nachbarhäfen von Sankt Petersburg befinden sich an der Ostsee in Ust-Luga, Primorsk (Öl) und in Wyssozk. Das weitere Wachstum des Hafens an den gegenwärtigen Standorten im Stadtgebiet wird durch fehlende Flächen und die schwierige Anbindung an den Hinterlandverkehr über das permanent verstopfte städtische Straßen- und Schienennetz behindert. Entwicklungsprojekte gibt es im Bereich Lomonossow und Bronka. Das stärkste Wachstum soll aber in Ust-Luga, ca. 120 km westlich erfolgen.

Über die Newa und verschiedene Kanäle bestehen schiffbare Verbindungen zum Ladogasee, zur Wolga und zum Weißen Meer. Dabei fahren die Schiffe nachts durch das Stadtgebiet, wofür Klappbrücken hochgeklappt werden. Seit einigen Jahren hat sich die Passagier-Schifffahrt von Fluss-Kreuzfahrten als guter Wirtschaftsfaktor herausgestellt, wozu der Flusshafen im Süden der Stadt an der Newa gut ausgebaut wurde.

Die erste russische Eisenbahn führte von Sankt Petersburg nach Zarskoje Selo und verband die Hauptstadt mit dem „Zarendorf“. Vor dem ersten Weltkrieg fuhr der Nord-Express direkt von Sankt Petersburg bis nach Paris. Heute bestehen direkte Eisenbahnverbindungen nach Murmansk ("Murmanbahn"), Helsinki (vom Ladoga-Bahnhof aus), Kirow, Moskau (Moskauer Bahnhof an der Bahnstrecke Sankt Petersburg–Moskau), Kaliningrad, Minsk und Berlin (Witebsker Bahnhof).

Sankt Petersburg ist durch zwölf Autobahnen erschlossen. Am 7. September 2006 wurde der erste Bauabschnitt der neu gebauten Ringautobahn „KAD“ um Sankt Petersburg für den Verkehr freigegeben. Die 66 Kilometer lange Route umgeht die Hafenstadt im Osten. Doch nach wie vor gibt es Engpässe. Begonnen worden war das mit Kosten von bislang etwa zwei Milliarden Euro größte aktuelle Straßenbauprojekt Russlands im Frühjahr 2001.

Für den sich bisher durch die Stadt quälenden Transitverkehr auf der Route von Finnland nach Moskau bedeutet die Autobahn mit ihrer momentanen Kapazität von 50.000 Fahrzeugen pro Tag eine enorme Erleichterung: Die Fahrtzeit zum Passieren der Fünf-Millionen-Stadt dürfte auf etwa ein Drittel schrumpfen. Zum Wahrzeichen der neuen Autobahn wurde eine Ende 2004 eröffnete 2,8 Kilometer lange Hängebrücke, die hoch genug ist, um als einzige Newa-Brücke in Sankt Petersburg zum Passieren des Schiffsverkehrs nachts nicht hochgeklappt werden zu müssen.

Das Hochklappen aller anderen Newa-Brücken, insbesondere in den Weißen Nächten ist zwar touristisch hoch attraktiv, legt jedoch den Straßenverkehr jede Nacht für drei bis fünf Stunden praktisch völlig lahm.

Bislang wies der Ring jedoch noch eine vier Kilometer lange Lücke im Stadtteil Rschewka auf, deren Schließung sich als besonders kompliziert erwies: Hier musste sowohl der Newa-Nebenfluss Ochta als auch ein großes Bahngelände samt einem Bahnhof überbrückt werden. Außerdem stießen die Bautrupps auf eine bei der Planung übersehene unterirdische Ölleitung, die erst verlegt werden musste.

Engpässe gibt es auf der Strecke aber nach wie vor: Der geplante achtspurige Ausbaustand wurde bislang nur auf 25 Kilometern verwirklicht, ansonsten ist die Autobahn vierspurig. Auch ist in Rschewka eine Brücke noch nicht vollendet, deren Baustelle jetzt lokal umfahren wird. Gespart wurde auch an der Anbindung des Autobahnringes an das restliche Verkehrsnetz. Mit nur elf Abfahrten wurden zwei weniger als ursprünglich geplant realisiert.

2010 soll die Ringautobahn auch im Westen Sankt Petersburg umgehen. Die dann insgesamt 115 Kilometer lange Trasse wird dazu über den seit 1979 im Bau befindlichen Hochwasserschutzdamm im Finnischen Meerbusen geführt.

Neben der abgekürzt „KAD“ genannten Ringautobahn wird in Sankt Petersburg noch die nur sehr aufwändig zu realisierende Nordsüd-Stadtautobahn „SSD“ projektiert. Sie wird unter anderem den Petersburger Hafen an den Autobahnring anbinden. Anders als die KAD soll diese Route mautpflichtig werden. [8]

Etwa zwölf Kilometer südlich der Innenstadt liegt der Flughafen Pulkowo mit seinen Terminals Pulkowo I (Inlandsflüge) und Pulkowo II (Auslandsflüge). Von hier aus fliegt die Fluggesellschaft Rossija, in der die ehemalige Pulkovo Airlines aufgegangen ist. Auch zahlreiche ausländische Airlines bedienen den Flughafen, darunter die deutschen Fluggesellschaften Air Berlin, Germanwings und Lufthansa. Sie bieten Direktflüge zwischen Petersburg und Berlin, Frankfurt am Main, Köln/Bonn, Düsseldorf, München, Münster und Wien an. Die Fluggesellschaft Rossija bietet darüber hinaus Flüge nach Hamburg, Hannover und Zürich.

Aufgrund der Lage im Sumpf und der Notwendigkeit, den Vortrieb der Tunnel im darunter liegenden Granit vorzunehmen, ist die – 1955 eröffnete – Metro die tiefste U-Bahn der Welt. Die bis zu 100 Meter tief gebaute Petersburger Metro hat fünf Linien. Außerdem gibt es zahlreiche Bus- und Trolleybuslinien sowie mit der Straßenbahn Sankt Petersburg das ehemals größte Straßenbahnnetz der Welt. Der größte Anteil des bodengebundenen Reisendenstroms wird aber von den Linientaxis („Marschrutkas“) bewältigt. Sankt Petersburg besitzt zusätzlich ein weit in die Oblast Leningrad und bis nach Oblast Pskow, Oblast Nowgorod und die Republik Karelien reichendes Regionalbahnnetz („Elektritschka“).

Partnerstädte

Sankt Petersburg und Hamburg führen seit 1957 die erste deutsch-sowjetische und erste deutsch-russische Städtepartnerschaft. Diese wurde später zu zwei Dreieckspartnerschaften mit Dresden (seit 1961) und Prag (seit 1991) ergänzt.

Sankt Petersburg unterhält weitere Städtepartnerschaften mit folgenden Städten:

  • Turku, Finnland, seit 1957 (erste Partnerstadt von Sankt Petersburg)
  • Zagreb, Kroatien, seit 1968
  • Los Angeles, USA, seit Dezember 1989
  • Paris, Frankreich, seit 1997
  • Warschau, Polen, seit 1997
  • Graz, Österreich, seit 2001
  • Belgrad, Serbien
  • Gdańsk, Polen
  • Mailand, Italien
  • Istanbul, Türkei
  • Mumbai, Indien
  • Nizza, Frankreich
  • Saint Petersburg, Florida, USA
  • Rischon leTzion, Israel
  • Isfahan, Iran
  • Aarhus, Dänemark
  • Montevideo, Uruguay
  • Košice, Slowakei
  • Porto Alegre, Brasilien
  • Debrecen, Ungarn

Weiterhin besteht ein Kooperationsabkommen mit Bordeaux, Frankreich.

Persönlichkeiten

Sankt Petersburg war Geburts- und Wohnort zahlreicher russischer und internationaler Adliger, Politiker, Künstler und Wissenschaftler. Zu den bekanntesten von ihnen gehören Fjodor Dostojewski, Alexander Puschkin, alle russischen Zaren seit 1718, Dmitri Medwedew, Wladimir Putin, Leonhard Euler, Alfred Nobel, Armand Marseille oder Iwan Pawlow.

Literatur

  • Sankt Petersburg: Schauplätze einer Stadtgeschichte, hrg. von Karl Schlögel, Frithjof Benjamin Schenk und Markus Ackeret, Frankfurt am Main / New York: Campus Verlag, 2007, ISBN 3593383217
  • Jörg Ganzenmüller: Das belagerte Leningrad 1941–1944. Eine Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern, Paderborn u.a.: Schöningh, 2005. ISBN 3-506-72889-X
  • Karl Schlögel: Petersburg: Das Laboratorium der Moderne 1909-1921, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2009, ISBN 3596167205
  • Solomon Volkov: St. Petersburg. A Cultural History, New York: Free Press, 1995, ISBN 0-684-83296-8

Einzelnachweise

  1. ↑ a b Föderaler Dienst für staatliche Statistik Russlands
  2. ↑ Geoklima 2.1
  3. ↑ Jörg Ganzenmüller, Das belagerte Leningrad (siehe Literaturliste), S.13-82, Zitate S. 17 und 20. Auch Adam Tooze zeigt in Ökonomie der Zerstörung auf, dass der Hungertod der Bewohner sowjetischer Städte von der deutschen Kriegführung gezielt einkalkuliert war, schon weil die für ihre Versorgung notwendigen Nahrungsmittel für die Wehrmacht und die Zivilbevölkerung in Deutschland und besetzten westeuropäischen Ländern verplant waren.
  4. ↑ Maschke, Erich (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges. Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962-1977.
  5. ↑ xxx; abgerufen am 16. März 2008
  6. ↑ Offizielle Website der E.ON Ruhrgas AG; abgerufen am 16. März 2008
  7. ↑ http://www.xxx
  8. ↑ http://www.xxx
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Estland

Estland (estn. Eesti) ist ein Staat in Nordeuropa und das nördlichste Land des Baltikums. Es grenzt im Süden an Lettland, im Osten an Russland sowie im Norden und Westen an die Ostsee. Über den Finnischen Meerbusen hinweg bestehen enge Beziehungen zu Finnland und historisch gibt es viele kulturelle Verbindungen nach Deutschland.

Der seit 1991 unabhängige Staat ist Mitglied der Vereinten Nationen, seit 2004 der EU. Estland ist zudem Mitglied des Europarats, der NATO sowie der OSZE und seit 2010 der OECD.

Geografie

Das Land ist flächenmäßig etwas kleiner als Niedersachsen und etwas größer als die Schweiz. Im Süden des Landes befindet sich die höchste Erhebung, der Suur Munamägi (318 Meter). Der größte See ist der Peipsi järv (Peipussee). Die größten Inseln sind Saaremaa und Hiiumaa.

Siehe auch: Liste estnischer Inseln und Liste der Städte in Estland

Klima

Das Klima Estlands ist im Allgemeinen kühl-gemäßigt mit kalten, frostigen Wintern und mäßig warmen Sommern auf nordeuropäischem Niveau. Die Jahresdurchschnittstemperatur in Tallinn liegt bei 4,5 °C, es fallen 650 Millimeter Niederschlag mit einem Maximum im Spätsommer. Im Juli werden durchschnittlich 16,5 °C und im Januar −6,0 °C erreicht. Trotz des kalten Winters bleiben die Küsten jedoch oft eisfrei.

Flora und Fauna

Auffällig ist der reiche Baumbewuchs, rund 44 Prozent der Landesfläche sind bewaldet. Neben Hirschen, Rehen und Füchsen kommen auch Elche (2000–3000), Biber, Marder, die sehr seltenen Schneehasen (etwa 200) und vereinzelt Rentiere vor. Auch die großen Raubtierarten Braunbär (etwa 800), Luchs (etwa 2000) und Wolf (etwa 600) sind in Estland heimisch. Immer wieder hört man vereinzelt von Hunden und Schafherden, die angeblich von Wölfen angefallen werden. Wolf, Bär und Luchs sind in Estland jagdbar, wobei der Beitritt zur EU hier in Estland oft kritisierte Einschränkungen gebracht hat, zumal es sich bei der Luchsjagd um reinen „Sport“ handelte.

Der häufigste Laubbaum in den estnischen Wäldern ist die Birke. Sie ist ein vielbesungenes Motiv in Liedern und Volksdichtung und ein nationales Symbol des Landes.

Geschichte

Das heutige Estland besteht aus der ehemaligen, von 1710 bis 1918 zum Russischen Reich gehörigen, Ostseeprovinz Gouvernement Estland und dem nördlichen Teil Livlands, zu dem auch die Insel Saaremaa (Ösel) gehörte. Die mit dem Deutschen Orden ins Land gekommenen Vasallen hatten sich 1252 erstmals zu einer autonomen Landesverwaltung zusammengeschlossen, die durch das bis 1346 dänische Nordestland bestätigt wurde. Nach dem Ende der Herrschaft des Ordens im Jahr 1561 nahmen die hanseatischen Städte und die Ritterschaften auf dem Land die öffentlich-rechtlichen Selbstverwaltungsaufgaben wahr. Diese Landesprivilegien, eine Art Autonomiestatut, wurden von der schwedischen Oberschaft bestätigt und blieben auch nach der russischen Eroberung Estlands im Großen Nordischen Krieg (1710) unberührt.

Die Oberschicht der Stadtbürger und Gutsbesitzer war deutschsprachig, bis 1885 war Deutsch Unterrichts- und Behördensprache. Aufgrund einer Russifizierungskampagne der russisch-zaristischen Regierung löste Russisch Deutsch in dieser Funktion ab.

Eine zentrale Rolle spielte bei der Entwicklung zur eigenen kulturellen und politischen Identität die Universität Tartu (Dorpat), auf der seit den 1870er-Jahren die studierenden Esten sich bewusst nicht mehr über die Mitgliedschaft in den Korporationen assimilieren wollten, sondern vor allem im Verein Studierender Esten (Eesti Üliõpilaste Selts) eine eigene Identität förderten. Während des Zerfalls des Russischen Reiches im Verlauf der Oktoberrevolution erlangte Estland am 24. Februar 1918 seine Unabhängigkeit.

In den Jahren 1939 bis 1940 wurden die Deutschbalten von den Nationalsozialisten aus Estland und Lettland „heim ins Reich“ geholt. Grund war die im Geheimabkommen zum Hitler-Stalin-Pakt geschlossene Vereinbarung, das Baltikum dem sowjetischen Einzugsbereich zu überlassen.

Unter massivem Druck und Gewaltandrohung durch die Sowjetunion wurde Estland zusammen mit Lettland und Litauen 1940 von dieser annektiert. Nach offizieller sowjetischer Lesart traten die baltischen Staaten der UdSSR bei. Die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik wurde mit Unterstützung von sowjetischen Emissären proklamiert, nachdem Estland zuvor bereits russische Truppen auf seinem Territorium dulden musste. Von 1941 bis 1944 war das Land von deutschen Truppen besetzt und wurde verwaltungstechnisch dem Generalkommissariat Ostland zugeordnet. In dieser Zeit wurde die Genozid-Politik des Dritten Reiches auch in Estland unter Mitwirkung Einheimischer verfolgt.

Aufgrund der Erfahrungen mit den Sowjets schlossen sich viele Esten den deutschen Truppen an, allerdings kämpften ebenso Esten auf der sowjetischen Seite. Nach der erneuten Besetzung durch die Rote Armee im Herbst 1944 wurde das Land unter Wiederherstellung der Estnischen Sowjetrepublik von 1940/41 in die Sowjetunion eingegliedert. Es folgten Deportationen vermeintlich oder tatsächlich dem sowjetischen System ablehnend gegenüberstehender Einwohner Estlands und Repressalien gegen sogenannte Volksfeinde.[4]

Während des Zweiten Weltkrieges verließ auch die schwedischsprachige Bevölkerung, die vor allem auf den Inseln Hiiumaa (Dagö), Vormsi (Worms) und Ruhnu (Runö) gelebt hatte, das Land. Bis dahin hatten sie sich ihr Estlandschwedisch, das mit dem Finnlandschwedischen zu den ostschwedischen Dialekten zählt, bewahrt.

In der Zeit von 1945 bis 1990 wurde durch gezielte Ansiedlung nichtestnischer Einwohner, insbesondere von Russen, die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Nationalitäten wesentlich zu Ungunsten der einheimischen estnischen Bevölkerung verändert.

Im August 1991 stellte Estland nach einem mehrjährigen Prozess der Loslösung von der Sowjetunion, insbesondere seit 1988, seine Souveränität wieder her. Diese Entwicklung verlief überwiegend friedlich, was durch den Begriff der „Singenden Revolution“ zum Ausdruck kam. Estland wurde am 29. März 2004 NATO-Mitglied. Die estnische Bevölkerung befürwortete am 14. September 2003 in einem Referendum den Beitritt zur Europäischen Union. Am 1. Mai 2004 wurde daraufhin Estland in die EU aufgenommen und ist neben Slowenien der „Musterschüler“ unter den zehn neuen EU-Mitgliedern, was politische Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung, solide Finanzpolitik und Übernahme europäischer Standards angeht.

Am 9. Dezember 2010 erfolgte der Beitritt zur OECD.[5]

Am 1. Januar 2011 führte Estland als erster der baltischen Staaten den Euro ein.

Politik

Staatsaufbau

Estland ist eine parlamentarische Republik. Die gesetzgebende Gewalt gehört dem Riigikogu (Staatsversammlung/Parlament), der laut dem estnischen Grundgesetz 101 Abgeordnete hat. Der Riigikogu wird von allen estnischen Staatsbürgern, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, gewählt; das passive Wahlrecht haben estnische Staatsbürger mit der Vollendung des 21. Lebensjahres.

Die Regierung der Republik besteht aus den Ministern und dem Premierminister. Das Staatsoberhaupt ist der Präsident der Republik Estland, der ein abstammungsgemäßer Staatsbürger Estlands und mindestens 40 Jahre alt sein muss. Die Wahl des Präsidenten der Republik ist sehr kompliziert. Im ersten, zweiten und dritten Wahlgang wählt der Riigikogu den Präsidenten. Der Kandidat gilt als gewählt, wenn mindestens zwei Drittel (68 Abgeordnete) für ihn gestimmt haben. Gelingt es dem Riigikogu nicht, den Präsidenten der Republik zu wählen, wird innerhalb eines Monats ein Wahlgremium einberufen, das aus allen 101 Parlamentsabgeordneten und den Vertretern aller Gemeinden und Städten Estlands (derzeit 246) besteht. Dieses Gremium hat die Aufgabe, den Präsidenten im vierten und fünften Wahlgang zu wählen. Der Kandidat gilt als gewählt, wenn mehr als die Hälfte der Wahlgremiumsmitglieder für ihn stimmen (mindestens 174). Falls auch dort niemand gewählt wird, geht die Entscheidung zurück an den Riigikogu, der die Notwahl des Präsidenten der Republik durchführt. Gewählt ist, wer mehr als die Hälfte der Stimmen der Mitglieder auf sich vereinigt (51).

Außenpolitik

EU-Mitgliedschaft

Am 14. September 2003 stimmten die Esten über den Beitritt zur Europäischen Union ab. Die Wahlbeteiligung lag bei 64 %. Mit einer Mehrheit von 66,9 % Ja-Stimmen zu 33,1 % Nein-Stimmen votierten die Bürger für die Mitgliedschaft in der EU; das ist die niedrigste Zustimmungsrate aller zentral- und osteuropäischen EU-Neumitglieder.

Beziehungen zu Russland

Am 18. Mai 2005 wurde in Moskau der seit 1999 verhandelte Grenzvertrag mit Russland unterzeichnet. Die Verzögerung hing mit der Weigerung des russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammen, die estnische Sicht der Annexion 1940 und des Vertrags von Dorpat 1920 zu akzeptieren. Am 27. Juni 2005 zog Russland die geleistete Unterschrift allerdings zurück, da es mit dem Entwurf der Präambel der estnischen Seite nicht einverstanden war, den diese dem Vertrag voranstellen wollte und in dem auf die „Jahrzehnte der Besatzung“ sowie die vergangenen „Aggressionen der Sowjetunion gegen Estland“ hingewiesen wird. Die Grenzfrage ist damit weiterhin ungeklärt.

Im Zuge der Einführung der estnischen Euromünzen kam es auf Grund der Darstellung der Grenzen Estlands auf der Rückseite der Münzen zu diplomatischen Verstimmungen mit Russland.

Militär

Estland verfügt über eigene Streitkräfte mit insgesamt etwa 12.000 Mann. Sie sind gegliedert in Armee, Marine und Luftwaffe. Es besteht eine gesetzliche Wehrpflicht. Estland ist Mitglied der NATO.

Bevölkerung

Neben der estnischen Mehrheit (68,6 %) gibt es eine starke russische Minderheit (25,7 %) sowie kleinere Gruppen von Ukrainern (2,1 %), Weißrussen (1,2 %) und Finnen (0,8 %). Knapp 45 % der Einwohner Tallinns sind Nichtesten.

Trotz zahlreicher staatlicher Programme ist es noch nicht gelungen, die in der Zeit der Sowjetunion zugewanderten oder gezielt angesiedelten Einwohner nichtestnischer Nationalität vollständig zu integrieren. Es gibt sogar Russen, die ihre Familiennamen geändert haben, in der Hoffnung, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Im Durchschnitt verfügen die Esten im Vergleich zu der russischsprachigen Minderheit über ein höheres Einkommen. Esten sind vor allem in Leitungspositionen anzutreffen, Russen eher im Dienstleistungs- und Produktionsbereich.

Mittlerweile lassen sich zahlreiche Ausländer einbürgern. Das Einbürgerungsverfahren ist jedoch mit einem Sprachtest verbunden, den viele vor allem ältere Russen als unzumutbar und schwierig empfinden. Teilweise lehnen sie es aus Nationalstolz auch ab, Estnisch zu lernen. Jüngere Russen beherrschen vielfach Estnisch und tun sich mit den Aufnahmekriterien leichter. In letzter Zeit bringen Russen vermehrt ihre Kinder in die estnischen Kindergärten und Schulen, um ihnen eine bessere Integration zu ermöglichen.

Auf der anderen Seite sprechen die Esten wiederum immer weniger Russisch, was die Kommunikation mit den Geschäftspartnern aus Russland erschwert und den Russisch sprechenden Einwohnern bessere Berufsaussichten eröffnet.

Von insgesamt etwa 100.000 Auslandsesten leben knapp 40.000 in Russland, 35.000 in Kanada und 15.000 in Schweden. Andere größere Gruppen gibt es noch in Finnland, Südafrika und in Australien. In Deutschland lebten 2010 etwa 4040 Esten.

Religion

Ein Großteil der Esten ist heute konfessionslos.

Religion spielt nur noch für eine Minderheit der Bevölkerung eine Rolle. Traditionelle Religion der Esten ist der christliche Glaube in der Form des Luthertums, wie er in Skandinavien weit verbreitet ist. Dennoch ist die Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) eine quasi offizielle Kirche (üblich ist beispielsweise die Abhaltung von Gottesdiensten zu Parlamentseröffnungen) und ihr Erzbischof die Zentralfigur der estnischen öffentlichen Religion. Die EELK dominiert auch die relativ umfassende Theologenausbildung in Estland (in Tartu an der Universität und in Tallinn an der Kirchlichen Hochschule). Heute bekennen sich noch etwa 30 % der Bevölkerung als Mitglieder in christlichen Kirchen beziehungsweise Glaubensgemeinschaften. Davon sind:

  • 13,6 % evangelisch-lutherisch
  • 12,8 % orthodox
  • 0,5 % Baptisten
  • 0,5 % römisch-katholisch

Die zehn bedeutenden christlichen Kirchen und Gemeinschaften haben sich im Rat Christlicher Kirchen Estlands zusammengeschlossen.

Eine Besonderheit bilden die etwa 5000 Altorthodoxen, die seit dem 18. Jahrhundert vor der Verfolgung im russischen Kernland in die Randgebiete des Russischen Reiches flohen. Am estnischen Ufer des Peipussees gibt es zahlreiche von Altorthodoxen bewohnte Dörfer. Kleinere Gemeinden gibt es auch in Tallinn und Tartu.[13]

Zudem sind 4210 Personen der Bevölkerung Mitglied der christlichen Gemeinschaft der Zeugen Jehovas.[14]

Daneben gibt es kleinere Gemeinden sonstiger protestantischer, jüdischer und islamischer Gemeinschaften.

Bildungswesen

Nach der Unabhängigkeit wurde Russisch als erste Fremdsprache durch Englisch ersetzt. Zum Teil beginnt der Englischunterricht bereits im Kindergarten. Nicht synchronisierte Fernsehsendungen fördern das Erlernen des Englischen erheblich.

In Estland gibt es zwölf anerkannte Universitäten, davon sieben staatliche und fünf private Universitäten sowie 26 weitere Hochschulen.

Gesundheitswesen

Bisher wurde bei etwa 7900 Menschen HIV diagnostiziert. Laut WHO hat Estland mit geschätzt 10.000 Infizierten die höchste HIV-Infektionsrate in der WHO-Region Europa: 0,58 % der Bevölkerung[15] (1,3 % der Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren). Am meisten betroffen sind Strafgefangene sowie Angehörige der russischsprachigen Minderheit in Kohtla-Järve, Narva und Tallinn. Die Proportionalität der Zahl 10.000 ist jedoch zweifelhaft, da in Estland prozentual viel mehr HIV-Tests durchgeführt werden als in den anderen europäischen Ländern. Auch werden ausnahmslos alle schwangeren Frauen per Gesetz auf HIV getestet.

Verwaltungsgliederung

Das Gebiet der Republik Estland gliedert sich in 15 Landkreise, 33 Städte, 11 Minderstädte sowie zahlreiche Siedlungen und Dörfer. Die estnische Verwaltungsgliederung unterliegt folgender hierarchischen Einteilung:

  • Republik Estland (Eesti Vabariik)
    • Landkreis (maakond)
      • Stadt (linn)
        • Minderstadt (alev) – teilweise auch als Städte kategorisiert
          • Siedlung (alevik)
            • Dorf (küla)

Landkreise

Estland gliedert sich in 15 Landkreise (estnisch pl. maakonnad, sing. maakond):

  • Kreis        Verwaltungssitz Code 1
  • Harju         Tallinn                EE-37
  • Hiiu           Kärdla                 EE-39
  • Ida-Viru     Jõhvi                  EE-44
  • Jõgeva       Jõgeva                EE-49
  • Järva         Paide                  EE-51
  • Lääne        Haapsalu             EE-57
  • Lääne-Viru Rakvere              EE-59
  • Põlva         Põlva                  EE-65
  • Pärnu        Pärnu                  EE-67
  • Rapla         Rapla                  EE-70
  • Saare         Kuressaare          EE-74
  • Tartu         Tartu                  EE-78
  • Valga         Valga                  EE-82
  • Viljandi      Viljandi                EE-84
  • Võru         Võru                   EE-86
  • 1 Code nach ISO 3166-2

Für die Vergleichbarkeit von Daten innerhalb der EU wurde Estland auf der Ebene NUTS 3 in fünf Regionen (Statistikeinheiten) unterteilt, zu deren Bildung die obigen Landkreise wie folgt zusammen gestellt wurden:

  • Region            Landkreise                                             Code
  • Nordestland      Harju                                                       EE001
  • Westestland      Hiiu, Lääne, Pärnu, Saare                           EE004
  • Zentralestland    Järve, Lääne-Viru, Rapla                           EE006
  • Nordostestland  Ida-Viru                                                  EE007
  • Südestland        Jõgeva, Põlva, Tartu, Valga, Viljandi, Võru  EE008

Städte

  • Stadt              Kreis            Einwohner
  •                                           31. März 2000     1. Januar 2005
  • Tallinn             Harju            400.378               396.010
  • Tartu               Tartu            101.169               101.483
  • Narva              Ida-Viru          68.680                 67.144
  • Kohtla-Järve     Ida-Viru          47.679                46.032
  • Pärnu              Pärnu              45.500                44.396
  • Viljandi            Viljandi            20.756                20.354
  • Sillamäe           Ida-Viru          17.199                16.678
  • Rakvere           Lääne-Viru      17.097                16.786
  • Maardu            Harju              16.738                16.601
  • Kuressaare       Saare              14.925                14.897
  • Võru               Võru               14.879                14.609
  • Valga              Valga              14.323                 13.980
  • Jõhvi               Ida-Viru         12.112                 11.533
  • Haapsalu          Lääne             12.054                 11.809
  • Paide               Järva               9.642                   9.744
  • Keila               Harju                9.388                   9.401
  • Kiviõli              Ida-Viru           7.405                   6.992

Infrastruktur

In Estland kam es in nur wenigen Jahren zu einer wahren elektronischen Revolution: 93 % der Bevölkerung haben ein Mobiltelefon (2004) und per Gesetz garantiert Estland den Zugang zum Internet. Im ganzen Land gibt es Wi-Fi-Zugangspunkte zum Internet, mit denen die bewohnten Flächen abgedeckt werden.[16] Wer keinen eigenen Rechner hat, darf gratis an einem von 700 öffentlichen Terminals in Postämtern, Bibliotheken oder Dorfläden ins Netz. Eine solche Regelung ist in Europa einmalig. In Estland sind außerdem alle Schulen online.

Im Verkehrswesen spielen die Straße und die Schifffahrt auf der Ostsee die wichtigste Rolle, im Güterverkehr auch die Eisenbahn.

Straßen

Wichtigste Straße ist die Via Baltica (Europastraße 67), die den Westen Estlands von Tallinn im Norden über Pärnu bis zur lettischen Grenze bei Ikla im Süden durchquert.

Asphaltiert sind derzeit (2008) überwiegend nur Straßen von überbezirklicher Bedeutung. Viele kleine Ortschaften werden aus nur einer Richtung von einer asphaltierten Stichstraße erschlossen. Die übrigen Straßen sind unbefestigt. Im Land erhältliche Karten im Maßstab 1:200.000 weisen sehr genau aus, welche Straßen asphaltiert sind und welche nicht; von Jahr zu Jahr sind Fortschritte zu verzeichnen.

Es gibt so gut wie keine separaten Radwege; wenn eine überörtliche Straße, wie die Via Baltica, abschnittsweise als Schnellstraße mit zweimal zwei Fahrspuren ausgebaut ist, wird sie nichtsdestoweniger von Radfahrern mitbenutzt. Wegen der Konzentration des Verkehrs auf die asphaltierten Straßen ist der Verkehr dort in manchen Gegenden nicht weniger dicht als auf Straßen ähnlichen Ausbauzustands im engbesiedelten Mitteleuropa.

Eisenbahn

Die estnische Eisenbahn wird von der Eesti Raudtee (Güterverkehr sowie elektrifizierte Passagierstrecken, siehe Elektriraudtee) sowie der Edelaraudtee (Passagierverkehr, längere Strecken, Dieselzüge) betrieben. Der internationale Personeneisenbahnverkehr beschränkt sich auf Verbindungen nach Moskau und St. Petersburg, wobei diese wegen wiederkehrender Betriebsprobleme, die vor allem auf die anhaltenden Spannungen mit Russland zurückgehen, nicht sonderlich rentabel sind (immer wieder fallen Züge aus; weiterhin benötigen sowohl Esten als auch estnische Russen zur Einreise nach Russland ein Visum, das im Voraus bezogen werden muss, vergleichsweise teuer ist und durchaus nicht immer rechtzeitig ausgestellt wird). Im innerestnischen Personenverkehr spielte die Eisenbahn nach ihrer insofern gescheiterten Privatisierung und der anschließenden Stilllegung zahlreicher Strecken fast keine Rolle mehr, jedoch steigen die Passagierzahlen wieder an. Das verbliebene Netz besteht aus einem binären Baum mit Wurzel in Tallinn. Der überörtliche öffentliche Verkehr wird noch immer großenteils durch Überlandbusse abgewickelt, jedoch macht die Eisenbahn dank niedrigerer Preise vor allem auf den Strecken Tallinn–Tapa–Narva, Tallinn–Tapa–Tartu und Tallinn–Pärnu Boden gut. Mittlerweile ist auch in den Zügen drahtloses Internet verfügbar, wenn auch nur in der 1. Klasse.

Schifffahrt

Hochseehäfen befinden sich in Tallinn, Muuga, Pärnu, Paldiski und Sillamäe.

Am 28. September 1994 sank die estnische Fähre Estonia vor der Küste Finnlands auf der Überfahrt nach Stockholm. Bei dem Unglück starben 852 Menschen.

Luftverkehr

Der einzige wichtige Flughafen ist der Flughafen Tallinn; er ist Heimatflughafen der estnischen Fluggesellschaften Estonian Air und Avies. Estonian Air bedient mit fünf Boeing 737-500 europäische Destinationen, unter anderem Stockholm, Oslo, London, Moskau, Brüssel und Kopenhagen. In Deutschland werden Frankfurt am Main, München und Hamburg angeflogen. Aero Airlines bedient mit Turboprop-Flugzeugen des Typs ATR 72-200 die Strecke Tallinn–Helsinki in Kooperation mit der finnischen Fluggesellschaft Finnair. Avies verbindet mit kleinen Turboprop-Flugzeugen der Typen British Aerospace Jetstream 31 und Let L-410 von Tallinn die vorgelagerten Inseln Saaremaa und Hiiumaa. Ausländische Fluggesellschaften, die Tallinn anfliegen, sind Air Baltic (von Riga und Vilnius), Lufthansa (von Frankfurt am Main und München), Easyjet (von London-Stansted), SAS (von Stockholm), LOT (von Warschau), Czech Airlines (von Prag) und KLM (von Amsterdam).

Wirtschaft

Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit organisierte Estland sein Gemeinwesen nach skandinavischem Vorbild völlig um: wenig Hierarchien, viel Transparenz der staatlichen Organe, moderne Kommunikationstechnik. Jedoch zeigt das Wirtschaftsmodell des Landes im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarn, die eher auf Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft setzen, neoliberalere Züge.[17]

Bruttoinlandsprodukt

Nach der Überwindung der Russlandkrise (ab 2000) weist die Wirtschaft aller drei baltischen Staaten ein hohes Wachstum auf, allerdings ausgehend von einem niedrigen Ausgangszustand nach der Krise. In Estland lag der Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) (real) seither bei jährlich mindestens 5 %. 2006 war Estland mit einem Zuwachs der Wirtschaftsleistung von 10,8 % der Spitzenreiter der Europäischen Union.

Die Finanzkrise machte sich in Estland bereits zum Jahresbeginn 2008 bemerkbar, ab dem zweiten Quartal (Vierteljahr) lagen die BIP-Werte inflationsbereinigt unter denen des Vorjahres. Für das Gesamtjahr stand ein Rückgang um 2 % zu erwarten. Hauptgrund war vor allem die stark zurück gegangene Inlandsnachfrage (Bausektor, Einzelhandel).[18]

Das BIP belief sich für 2008 auf gut 250 Milliarden Estnische Kronen (EEK), gut 16 Milliarden Euro.[19] Pro Kopf der Bevölkerung sind das 12.000 Euro (zum Vergleich: Deutschland 27.200 Euro). Vergleicht man das BIP nach Kaufkraftstandards (also nach der Kaufkraft eines Euros) mit dem Durchschnitt der EU (EU-27:100) erreichte Estland 2008 bereits einen Wert von knapp 65 (Deutschland: 112). Verglichen mit dem Jahr 2000 steigerte sich dieser Wert inflationsbereinigt um fast die Hälfte (+45 %; damals: 44,6).[20]

Das regelmäßig hohe Wachstum der baltischen Länder hat ihnen die Bezeichnung Baltische Tiger eingebracht.

Geographische Verteilung

Der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Aktivitäten konzentriert sich auf die Region rund um die Hauptstadt Tallinn (Harjumaa), die knapp 40 % der Bevölkerung Estlands beherbergt. Gut 60 % des Bruttoinlandsprodukts werden hier erwirtschaftet (2006), in der Branche ‚Handel‘ sogar über 70 %. Zentrum der Landwirtschaft sind die Regionen Zentral- und Südostestland, die bei einem Anteil von 35 % an der estnischen Gesamtbevölkerung 63 % der landwirtschaftlichen Produktion erzeugen (inklusive Forstwirtschaft). In Nordostestland (Ida-Virumaa) dominiert dagegen aufgrund der Verarbeitung der lokalen Ölschiefer-Vorkommen die Energiewirtschaft (30 % des nationalen Produkts dieser Branche bei einem Bevölkerungsanteil von 13 %).[21]

Währungssystem

Am 27. Juni 2004 traten Estland und weitere zwei der zehn neuen EU-Länder dem Wechselkursmechanismus II im Rahmen des EWS II bei, der erste Schritt, um den Euro einzuführen. Estland, Litauen und Slowenien legten die Leitkurse ihrer Währungen zum Euro fest und verpflichteten sich ab sofort, die Schwankungen unter ± 15 % zu halten. Bis zum Beitritt des Landes zum Euro am 1. Januar 2011 lag der Leitkurs für die estnische Krone bei 15,6466 pro Euro, was eine maximale Schwankungsbreite von (gerundet) 13,30 bis 17,99 Kronen bedeutete. Der Kurs ergab sich durch die seit 1993 festgelegte Kopplung der Krone zur Deutschen Mark im Verhältnis 1 DEM = 8 EEK. Estland verpflichtete sich (wie auch Litauen) zu einer nachhaltigen Haushaltspolitik.

Das Design der estnischen Euromünzen wurde 2004 in einer öffentlichen Wahl bestimmt. Die Einführung des Euro musste jedoch mehrfach verschoben werden und fand am 1. Januar 2011 statt. Am 12. Mai 2010 bescheinigte die Europäische Kommission und die Europäische Zentralbank Estland die Erfüllung aller EU-Konvergenzkriterien. Im Juni 2010 stimmten die EU-Finanzminister sowie die Staats- und Regierungschefs der EU der Aufnahme Estlands in die Eurozone zu.[22][23] Einen Monat später legten die Finanzminister den offiziellen Wechselkurs von 15,6466 estnischen Kronen für einen Euro fest.[24]

Staatsfinanzen

Staatshaushalt

Der Staatshaushalt umfasste 2009 Ausgaben von umgerechnet 8,042 Mrd. US-Dollar, dem standen Einnahmen von umgerechnet 7,293 Mrd. US-Dollar gegenüber. Daraus ergibt sich ein Haushaltsdefizit in Höhe von 4,1 % des BIP.[25]

Die Staatsverschuldung betrug 2009 1,35 Mrd. US-Dollar oder 7,5 % des BIP.[25]

2006 betrug der Anteil der Staatsausgaben (in % des BIP) folgender Bereiche:

  • Gesundheit:[26] 5,2 %
  • Bildung:[25] 5,1 % (2004)
  • Militär:[25] 2,0 % (2005)

Entgegen der landläufigen Ansicht, ein Haushaltsdefizit sei in der Verfassung des Landes verboten, ist der Umgang der Regierung mit dem Staatshaushalt zwar nicht gesetzlich festgeschrieben, folgt aber stets klaren Richtlinien. Ein ausgeglichenes Budget ist Prinzip, den Gemeinden des Landes ist es nicht erlaubt, ihr budgetiertes Defizit um 60 % der erwarteten Jahreseinkünfte überschreiten zu lassen (75 % bis 2004), und die Begleichung von Staatsschulden darf 20 % der für das jeweilige Abschlussjahr erwarteten Einnahmen nicht übersteigen. Zwischen 1993 und 2007 wurde in fast jedem Jahr ein Haushaltsüberschuss verzeichnet.[27] Diese Vorgaben sind in der Konsequenz auch bei der Aufnahme neuer Kredite zu beachten, was die Staatsverschuldung zu einer der niedrigsten in der EU macht. Die Kopplung der Krone an den Euro trägt ebenfalls zum Ausgleich bei: Banknoten und Münzen im Umlauf ebenso wie die Guthaben der Geschäftsbanken bei der Estnischen Bank müssen stets voll durch Gold und Fremdwährungsguthaben gedeckt sein. Faktisch wird damit ein ausgeglichenes Budget erzwungen.

Steuersystem

Estland hat eine Einheitssteuer, deren Satz seit dem 1. Januar 2008 bei 21 % liegt.

Nach der Unabhängigkeit 1991 galt in Estland für Personen eine progressive Besteuerung mit 16, 24 und 33 Prozent. Das Steuersystem wurde 1994 reformiert. Als erstes europäisches Land führte Estland eine niedrige Einheitssteuer ein, deren Satz damals bei 26 % lag. Im Januar 2005 wurde dieser Satz auf 24 % reduziert und eine weitere Senkung in jährlichen 1-%-Punkt-Schritten beschlossen. Ab 2011 soll das Einkommen mit 18 % besteuert werden.

Preise und Löhne

Bis 2003 gab es eine deutliche Verlangsamung der Teuerung, seit dem EU-Beitritt 2004 steigt die Teuerungsrate aber wieder an (1,3 %). Die vergleichsweise hohen Preissteigerungen der Vorjahre (im Schnitt bei 5 %) hatten – bei stabiler Währung – in Estland zu deutlich höheren Lebenshaltungskosten als in den Nachbarstaaten Lettland und Litauen geführt. Entsprechend sind die vergleichsweise hohen Durchschnittslöhne von 812,70 Euro (2. Quartal 2009) (zum Vergleich: Lettland 667,33 Euro (Mai 2009)) nicht automatisch mit einem höherem Lebensstandard gleichzusetzen.

Produktion

Vorherrschende Industriezweige sind (2002) die Holz-, Papier- und Möbelindustrie (25 %) und die Nahrungsmittelindustrie (28 %). Große Zuwächse gab es in der Elektroindustrie / Maschinen- und Fahrzeugteilebau (18 %), wo Estland mit Norma einen der weltweit größten Hersteller für Sicherheitsgurte beherbergt.

Bedeutende Unternehmen des produzierenden Gewerbes in Estland:

  • Holz- und Möbelindustrie: Horizon in Kehra
  • Fahrzeugteile: Norma in Tallinn (Sicherheitsgurte)
  • Elektronik: Elcoteq in Tallinn
  • Baustoffe: Nordic Tsement in Kunda
  • Bauindustrie: Merko Ehitus in Tallinn
  • Textilindustrie: Kreenholm (Küchentextilien) in Narva, Baltex 2000 (Stoffe und Garne) in Tallinn
  • Nahrungsmittel: Rakvere Lihakombinaat in Rakvere (Fleisch), A.LeCoq in Tartu (Bier & Getränke), Saku in Saku/Harjumaa (Bier & Getränke), Kalev in Rae bei Tallinn (Süßigkeiten)
  • Energie: Eesti Põlevkivi in Jõhvi (Ölschieferabbau)

Investitionen

Estland hat mit Stand 31. Dezember 2004 knapp 7 Mrd. Euro ausländisches Kapital an Direktinvestitionen angezogen, das sind 5.170 Euro pro Kopf und fast 80 % des jährlichen BIP (zum Vergleich Litauen: knapp 1350 Euro pro Kopf). Bedeutendstes Herkunftsland von Direktinvestitionen (FDI) in Estland ist mit weitem Abstand Schweden. Die Investitionen in Höhe von annähernd 3,2 Mrd. Euro wurden vor allem im Bereich Bankwesen und Telekommunikation getätigt. Es folgen Finnland (1,7 Mrd. Euro) und mit bereits großem Abstand die USA (300 Millionen Euro). Aus Deutschland stammen bisher lediglich 157 Millionen Euro, unwesentlich mehr als aus Österreich (104 Mio. Euro).

Bedeutende ausländische Investoren:

  • Finanzwesen: Swedbank (S): 60 % an Hansapank, SEB (S): 100 % an Eesti Ühispank, Sampo Bank (FIN), If (S/Versicherung), Ergo (D/Versicherung), Nordea Finance (FIN/Leasing)
  • Telekommunikation: TeliaSonera über Baltic Tele (S-FIN): 50 % an Eesti Telekom (Festnetz), Tele 2 (S)
  • Energie: Shell bzw. Statoil (UK bzw. N/Tankstellen), E.on Ruhrgas, Fortum und Gazprom (D/FIN/RU) an Eesti Gaas, Daikia (F) an Tallinna Küte (Wärme)
  • Textil: Tolaram (SGP) 100% an Baltex 2000, Bora's Wäfveri (S) an Krenholm
  • Baustoffe: Atlas Nordic Cement (FIN) an Kunda Nordic Tsement
  • Holzverarbeitung: Tolaram (SGP): 100 % an Horizon, Atlantic Veneer Group (USA) an Balti Spoon (Holzplatten, Möbel)
  • Nahrungsmittel: HK Ruokatalo (FIN) an Rakvere Lihakombinaat (Fleisch), Olvi an A. LeCoq (Bier & Getränke), Brauerei/Scottish-Newcastle über Baltic Breweries Holding (UK-DK) an Saku (Bier & Getränke), Procordia Food (S) an Felix Pöltsamaa (Konserven)

Außenhandel

Haupthandelspartner Estlands sind die Nachbarländer Schweden, Finnland, Lettland und Litauen. Aber auch Deutschland ist ein wichtiger Partner: 8 % der Exporte gehen nach Deutschland und sogar 13 % der Importe kommen aus Deutschland (jeweils Rang 3).

Hauptexportprodukte sind Maschinen und Maschinenteile (27 % der Ausfuhrgüter) gefolgt von Holz und Holzprodukten / Möbeln (13 %). Erst dann folgen Textilien (9 %), Metalle und Metallprodukte (8 %) und Nahrungsmittel (7 %). Trotz der im Vergleich zu den baltischen Nachbarländern etwas höherwertigen Ausfuhrprodukte ist die Handelsbilanz anhaltend deutlich negativ (mit sogar steigender Tendenz): Exporten im Wert von 4,7 Milliarden Euro stehen Importe im Wert von 6,7 Milliarden Euro (2004) gegenüber. Dadurch bleibt auch die Zahlungsbilanz (inkl. Finanztransfers/Direktinvestitionen, Dienstleistungen) negativ, das Defizit erreicht 2004 13 % des BIP-Wertes.

Kultur

Estland war durch seine politische Entwicklung und Besiedlungsgeschichte immer ein interkulturelles Land. Die Oberherrschaft hatte zunächst Dänemark, 1252–1561 der Deutsche Orden, danach Schweden und im 18. bis 19. Jahrhundert Russland. Die estnische Kultur und Architektur wurde über einen Zeitraum von etwa 800 Jahren stark durch die ortsansässige deutschbaltische Oberschicht geprägt. Die großen Städte, insbesondere Tallinn (unter dem alten Namen Reval) waren stark von der Kultur der Hanse geprägt. Vom Mittelalter bis weit ins 19. Jahrhundert bildeten die deutschen Kaufleute das tonangebende Element in Tallinn. Ab 1850 setzte eine verstärkte Russifizierung unter den Zaren ein. Ein Gegengewicht dazu bildeten baltische Studentenverbindungen und ab den 1870er-Jahren vor allem die Universität Tartu (Dorpat).

Einen kulturellen Umbruch erfuhr Estlands Kultur durch den Verlust deutscher und schwedischer Bevölkerungsanteile in Folge des Zweiten Weltkriegs und den Zuzug von Russen und anderer Volksgruppen während der sowjetischen Zeit.

Heute orientiert sich die estnische Kultur wegen der Verwandtschaft des Estnischen zum Finnischen stark am nördlichen Nachbarn Finnland. Sie ist weitgehend westlich ausgerichtet und unterhält zahlreiche Kooperationen mit Deutschen Gesellschaften, Evangelischen Kirchen (Nordelbische Kirche) und Universitäten (Göttingen, Greifswald, Kiel, Konstanz, München und Münster).

Die estnische Literatur spiegelt diese vielfältigen Einflüsse wider – in Estland wurde neben Deutsch und Estnisch auch in Lettisch, Ostschwedisch und Finnisch, Russisch, Latein, Griechisch und Französisch geschrieben. Das literarische Forschungsprojekt EEVA der Universität Tartu und des Estnischen Literaturmuseums ist bestrebt, diesen multilingualen Kulturraum des Baltikums ab dem 13.Jahrhundert digital zu dokumentieren.

Das estnische Nationalepos ist der Kalevipoeg.

Medienlandschaft

Neben den drei estnischsprachigen Fernsehsendern ETV Eesti Televisioon (öffentlich-rechtlich), Kanal 2 (vom norwegischen Unternehmen Shibsted) und TV3 Eesti (von der schwedischen Modern Times Group) empfängt man in Estland zahlreiche anderssprachige Sender über Terrestrik, Satellit und Kabel (mit vier Kabelnetzbetreibern). So ist es üblich, dass man noch finnische, schwedische, russische, englische und deutsche Sender empfängt. Das Staatsfernsehen Russlands startete einen Ableger für Estland namens Perwyj Baltijskij Kanal Estonia (Der Erste Baltische Kanal Estland).

Estnisches Fernsehen über Satellit gibt es im Pay-TV-Paket des skandinavischen Anbieters „Viasat“ auf der Satellitenposition 5° Ost (Sirius 4), die auch in Mitteleuropa empfangbar ist. Wer das Viasat-Paket abonniert, erhält neben TV3 und TV3+ russische, finnische, schwedische, norwegische, dänische und englischsprachige Sender. Auf dem gleichen Satelliten sind die baltischen MTV-Ableger MTV Eesti, MTV Latvia und MTV Lietuva im Abonnement erhältlich.

Spartenprogramme sind aufgrund des kleinen Marktes in Estland nicht vertreten. Wie auch in Skandinavien ist es im Baltikum wegen der hohen Übersetzungskosten weitgehend üblich, dass die Sender ausländische Fernsehproduktionen im Original mit estnischen Untertitel-Einblendungen senden, also ohne Synchronübersetzung wie in Deutschland.

Es gibt fünf öffentlich-rechtliche Radioprogramme. Vikerraadio ist das informationsorientierte Hauptprogramm. Raadio 2 bedient das jüngere Publikum. Raadio 4 sendet auf russisch. Klassikaraadio bringt Klassik, Folklore, Jazz und Weltmusik. Raadio Tallinn sendet von 9:00 bis 19:00 Uhr ohne Unterbrechung Musik und übernimmt in der übrigen Zeit Programme der BBC, der DW und von RFI.

97 Prozent der estnischen Bevölkerung besitzen ein Fernsehgerät.

Mit einer Gesamtauflage von 523 Tageszeitungen pro 1000 Einwohnern hat Estland eine der höchsten Zeitungsleseraten der Welt.[28]

64 % der Bevölkerung verfügt über einen Internetanschluss; 2007 waren 20,8 % aller Haushalte mit Breitband-Internetzugang versorgt.[29]

Musik

Weltweit bekannt ist Arvo Pärt, ein zeitgenössischer Komponist moderner Klassik. Rudolf Tobias, Ausgang des 19. Jahrhunderts der erste estnische Komponist, ist Kennern der Chormusik durch seine Motetten auch außerhalb Estlands ein Begriff. Eduard Tubin machte im 20. Jahrhundert durch seine romantischen bis atonalen Symphonien auf Estland aufmerksam, was im Jahr 2005 durch ein großes Festival gewürdigt wurde. Neeme Järvi ist Dirigent von Weltruf, ebenso sein Sohn Paavo Järvi (derzeit Cincinnati Symphony Orchestra und hr-Sinfonieorchester Frankfurt). Im Popularbereich kommt dem Pianisten Olav Ehala eine große Bedeutung zu, der zahlreiche Filmmusiken schrieb und bei Theaterproduktionen mitwirkt. Ester Mägi schreibt ähnlich wie Veljo Tormis viele Kompositionen und Volkslieder für Chor um, die während der Besatzungszeit der Sowjetunion in Vergessenheit zu geraten drohten und seit der Unabhängigkeit sehr populär geworden sind. Zu erwähnen ist das alle fünf Jahre aufgeführte Sängerfest, wo Zehntausende, vereint zu einem Chor, nationales Liedgut singen.

Estland ist momentan auch sehr erfolgreich mit Acts wie Eda-Ines Etti, J.M.K.E., Tanel Padar, Malcolm Lincoln, Vaiko Eplik, Kerli und Vanilla Ninja in der europäischen Pop-Kultur integriert.

Estland hat auch beachtliche Erfolge beim Eurovision Song Contest erreicht, den Dave Benton gemeinsam mit Tanel Padar für das Land 2001 gewann. Der Eurovision Song Contest 2002 fand daraufhin in Tallinn statt.

Architektur

Die estnischen Städte werden immer noch von den Holzhäusern geprägt, auch wenn die sowjetischen Plattenbauten dazwischen ragen. Heutzutage wird viel mit Schiefer gebaut. Das höchste Bauwerk Estlands ist der Fernsehturm in Tallinn (314 Meter), der in den Jahren 1975–1980 anlässlich der Olympischen Spiele in Moskau erbaut wurde.

In den Tagen des Staatsstreiches in Moskau (August 1991) sollte er von russischen Truppen besetzt werden, was durch die estnische Polizei und Demonstranten verhindert wurde. Der Turm gehört trotzdem nicht zu den besonderen nationalen Symbolen des neuen Estland. Ein möglicher Grund ist seine Lage – der Fernsehturm liegt weitab von der Innenstadt am stadtnahen Wald.

Das vierthöchste Bauwerk Estlands mit einer Höhe von 254 Metern ist der Mast des Senders Kothla.

Literatur

  • Seraina Gilly: Der Nationalstaat im Wandel. Estland im 20. Jahrhundert, (= Arbeiten aus dem Historischen Seminar der Universität Zürich, Bd. 97) Bern/Berlin unter anderem 2002, 676 S., 26 Abb., 4 Karten, ISBN 3-906769-19-4

Fußnoten

  1. ↑ International Monetary Fund, World Economic Outlook Database, April 2008
  2. ↑ Human Development Index
  3. ↑ Tagesschau: Estland bekommt den Euro
  4. ↑ nordwest radio Deportationen in Estland
  5. ↑ xxx.org: Estonia's accession to the OECD (Zugriff am 9. Dezember 2010)
  6. ↑ seit 1995 in gemeinsamer Liste mit Koalitionspartei als Bündnis Maarahva Ühendus aus Eesti Pensionäride ja Perede Erakond (gegründet 1991), Eesti Maarahva Erakond (gegründet 1994) und Eesti Maaliit (gegründet 1991), 1999 Gründung als Partei
  7. ↑ 2000 oder 2002 aufgelöst
  8. ↑ von 1992 bis 1999 Die Moderaten (bis 1996 eine Wahlallianz von Eesti Sotsiaaldemokraatlik Partei (Estnische Sozialdemokratische Partei) und Eesti Maa-Keskerakond (Estnische Land-Zentrumspartei), danach fusioniert), nach Fusion mit Eesti Rahvaerakond (Volkspartei) 1999–2004 Volkspartei – Die Moderaten, 2004 Umbenennung in Sotsiaaldemokraatlik Erakond (ebenfalls mit "Estnische Sozialdemokratische Partei" übersetzt)
  9. ↑ 1992–1994 ihr Vorläufer Liberaldemokratische Partei
  10. ↑ a b Seit 2006 fusioniert zu Isamaa ja Res Publica Liit
  11. ↑ a b c d 1992 bis 1995 separate Parteien Eesti Rahvusliku Sõltumatuse Partei (Partei der nationalen Unabhängigkeit Estlands) und Rahvuslik Koonderakond "Isamaa" (Nationale Koalitionspartei "Vaterland"), 1995 fusioniert
  12. ↑ gemeinsame Liste von Volksunion und Koalitionspartei
  13. ↑ http://www.xxx
  14. ↑ Stand 2008; Quelle: Jahrbuch 2009 der Zeugen Jehovas.
  15. ↑ http://www.xxx
  16. ↑ http://www.xxx
  17. ↑ BertelsmannStiftung Ländergutachten 2003, Estland, gesichtet 13. Mai 2010
  18. ↑ Statistikamt Estland, Bericht für das 3. Quartal 2008
  19. ↑ Estnisches Statistikamt; Datenbankanfrage, 29. Januar 2009 (Hochrechnung für 2008)
  20. ↑ Statistisches Bundesamt Deutschland – Europäischer Datenservice
  21. ↑ Statistikamt Estland, regionales Wirtschaftsprodukt nach Branchen, Datenbankanfrage, 29. Januar 2009
  22. ↑ Spiegel Online: Estland kann den Euro einführen, 12. Mai 2010.
  23. ↑ Estland bekommt den Euro n-tv.de, 17. Juni 2010
  24. ↑ Umtauschkurs für die estnische Krone festgelegt derstandard.at, 13. Juli 2010
  25. ↑ a b c d The World Factbook
  26. ↑ Der Fischer Weltalmanach 2010: Zahlen Daten Fakten, Fischer, Frankfurt, 8. September 2009, ISBN 978-3-596-72910-4
  27. ↑ Sound public finances in Estonia. Why an how?
  28. ↑ http://www.xxx
  29. ↑ http://www.xxx

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Geschichte Estlands

Das jetzige estnische Gebiet wurde erstmals vor spätestens 11.000 Jahren besiedelt, nachdem der weichende Gletscher dies ermöglichte.

In antiken Schriften bezieht sich die Bezeichnung Aisti oder Aesti mehr auf die südlich wohnenden Balten als auf die Esten. Noch der angelsächsische Reisende Wulfstan im 9. Jahrhundert benutzte das Wort in der antiken Bedeutung.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Anfang des 13. Jahrhunderts wurde Estland von Dänemark aus missioniert. Dänemark und der Schwertbrüderorden bzw. Deutsche Orden stritten um die Herrschaft über Estland. 1356 wurden die Esten vom Deutschen Orden unterworfen. Seitdem lebten in Estland viele Deutsche, die sich bald als eigene ethnische Gruppe verstanden und als Deutsch-Balten bezeichneten. Zudem lebte seit dem 13. Jahrhundert in Estland auch eine schwedische Minderheit, die Estlandschweden.

Das Mittelalter war von der Zugehörigkeit der estnischen Städte zur Hanse und deren Kontakten nach Skandinavien geprägt. Nach dem Auseinanderbrechen des Ordensstaates unter den Angriffen Iwans IV. „des Schrecklichen“ (Livländischer Krieg) unterstellte sich Estland 1561 der schwedischen Herrschaft. Der Süden Estlands um Dorpat bildete zusammen mit der Nordosthälfte des heutigen Lettland das Herzogtum – vorher Ordensland – Livland (estnisch „Liivimaa“, lettisch „Vidzeme“, polnisch „Inflanty“). Es wurde 1561 polnisches Lehen, kam aber im Vertrag von Altmark 1629 ebenfalls zu Schweden. Livland wurde (als durch die Schweden erobertes Land) anders behandelt als das eigentliche Estland, das sich ja freiwillig unterworfen hatte. Vor allem war die ständische Vertretung stark eingeschränkt. Die einheimischen Bauern genossen unter der schwedischen Herrschaft weitaus größere Freiheiten als unter der nachfolgenden russischen.

Im Russischen Reich

1710 (endgültig 1721 mit dem Frieden von Nystad) wurde Estland unter Peter I. russisch. Das Gebiet des heutigen Estlands gehörte danach zu den Ostseegouvernements des Russischen Reiches (der Nordteil als Gouvernement Estland, der Südteil gehörte zum Gouvernement Livland und wurde aus Riga verwaltet). 1816 (Nordestland) bzw. 1819 (Südestland) wurde die Aufhebung der Leibeigenschaft beschlossen. Die Zaren nach Alexander III. (1881–1894) verfolgten eine rigorose Russifizierungspolitik und schränkten die Souveränität der ansässigen, großenteils baltendeutschen Oberschicht immer weiter ein. Gleichzeitig destabilisierte das erwachende nationale und wirtschaftliche Interesse sowie Arbeiter- und Bauernbewegungen der Esten und Letten die Gesellschaftsordnung.

Eine zentrale Rolle spielte bei dieser Entwicklung zur eigenen kulturellen und politischen Identität die Universität Tartu (Dorpat), auf der sich seit den 1870er Jahren die studierenden Esten bewusst nicht mehr über die Mitgliedschaft in den Corporationen assimilieren wollten, sondern vorwiegend im „Verein Studierender Esten“ und weiteren Corporationen eine eigene Identität förderten.

Unabhängigkeit

Nach der russischen Februarrevolution von 1917 bildete sich ein Estnischer Nationalrat. Der proklamierte am 24. Februar 1918, einen Tag vor dem Einmarsch der Armee des deutschen Kaiserreichs, die Republik Estland. Vorerst war dies ein Beschluss auf dem Papier. Die eigentliche Unabhängigkeit wurde im Freiheitskrieg (1918–1920) erkämpft. Am 2. Februar 1920 erkannte dann die Sowjetunion die Unabhängigkeit Estlands im Frieden von Dorpat „auf alle Zeiten“ an.

Das damals wie Lettland über eine tolerante Minderheitsgesetzgebung verfügende Land erlebte eine wirtschaftliche wie kulturelle Blüte. Die relativ liberale Atmosphäre änderte sich mit der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 1933 und 1934. In der Reaktion auf den unerwarteten Aufschwung der rechtsextremen Bewegung der Veteranen des Freiheitskrieges vor den Präsidentenwahlen 1934 riefen das Staatsoberhaupt Konstantin Päts und der Oberbefehlshaber Johan Laidoner den Ausnahmezustand aus und lösten das Parlament auf. Ihr autoritäres Regime lockerte sich erst 1938, da wieder ein gewähltes Parlament zusammengerufen wurde, doch bevor die innenpolitische Lage zum demokratischen Standard zurückkehren konnte, wurde die Entwicklung durch außenpolitisches Geschehen unterbrochen.

Die unabhängige Republik Estland schaffte es, mit allen bedeutenden Staaten offizielle Beziehungen anzuknüpfen und ihr Vorhandensein im Bewusstsein der Europäer zu festigen. Die Selbständigkeit wurde jedoch infolge des zwischen der Sowjetunion und Deutschland im August 1939 geschlossenen Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt ab Juni 1940 Zug um Zug beendet.

Sowjetische und deutsche Okkupation

Estland geriet ins Visier der zwei Aggressoren, Sowjetunion und NS-Deutschland, die im August 1939 über baltische Staaten und Einflussbereiche in deren Territorien verhandelten (Hitler-Stalin-Pakt). Kurz zuvor hatte das Deutsche Reich einen Nichtangriffspakt mit Estland und Lettland unterzeichnet. Im Oktober 1939 wurden die Deutschbalten (Adel, Gutsbesitzer, Kaufleute, viele Akademiker) zwangsweise in den „Warthegau“ umgesiedelt. In den Jahren 1940 bis 1944 verließen 70.000 bis 75.000 Esten ihr Land in westlicher Richtung auf der Flucht vor allem vor den sowjetischen aber auch der deutschen Okkupation.[1]

Am 16. Juni 1940 stellte die sowjetische Regierung Estland ein Ultimatum und besetzte es anschließend. Am 16. August des Jahres wurde unter sowjetischer Besatzung die Estnische SSR proklamiert und durch deren formalen Beitritt Estland definitiv von der Sowjetunion annektiert. Diese erste Phase der sowjetischen Herrschaft von Juni 1940 bis Juni 1941 war gekennzeichnet durch Terror und Massendeportationen gegen die estnische Bevölkerung. Ihren Höhepunkt erreichte die stalinistische Vernichtungspolitik in der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1941, als in allen drei baltischen Ländern etwa ein Prozent der Bevölkerung verhaftet und deportiert wurde (insgesamt über 47.000, in Estland ca. 10.000 Menschen). Etwa 60 % von ihnen starben in sowjetischen Lagern (Gulag).

Nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde Estland im August 1941 von deutschen Truppen besetzt. Seit dem 5. Dezember 1941 stand das Land als Generalbezirk Estland im Rahmen des Reichskommissariats Ostland unter deutscher Zivilverwaltung und litt unter der nationalsozialistisch orientierten Politik. Wehrfähige Esten wurden zur deutschen Wehrmacht eingezogen, wovor etwa 5000 junge Männer nach Finnland flohen. In der ersten Oktoberhälfte 1944 zogen sich die deutschen Truppen wieder aus Estland zurück, um einer Einkreisung zuvorzukommen.

Estnische SSR

Im Herbst 1944 übernahm wieder die Rote Armee das Land. Ein großer Teil der schwedischsprachigen Minderheit (vor allem auf den Inseln) ging ins Exil und wurde von Schweden aufgenommen.

Die Estnische SSR wurde wieder eingerichtet und damit Estland wieder der Sowjetunion eingegliedert, ein Schritt, der vom Westen nicht anerkannt, aber hingenommen wurde. Erneut wurden tausende von Esten nach Sibirien deportiert. Wegen einer massiven Einwanderung überwiegend russischsprachiger Zuwanderer (Russifizierungspolitik) wurden die Esten in den östlichen Regionen zeitweise zu einer Minderheit im eigenen Land.

Während der sowjetischen Besetzung wurde die estnische Ostgrenze zugunsten Russlands verschoben. Estland verlor so die Gebiete um Iwangorod (estn. Jaanilinn) und Petschory (Petseri).

Die Abschottung des Landes gegen westliche Einflüsse gelang der Staatsmacht in der Estnischen SSR aber weniger als in fast allen anderen Sowjetrepubliken, denn jenseits des nur 80 km breiten Finnischen Meerbusens liegt Finnland. Durch die Ähnlichkeit der Sprachen sind finnische Radio- und Fernsehsendungen für Esten problemlos zu verstehen und wurden gerade in der Zeit der sowjetischen Herrschaft von vielen regelmäßig empfangen.

Bevor eine explizit politische Abgrenzung zu Russland möglich war, äußerte sich das estnische Selbstbewusstsein in einer lebhaften Volksliedbewegung, deren große Chorveranstaltungen berühmt waren (siehe singende Revolution, Sängerfest (Baltikum)).

Unabhängigkeitserklärung

Am 8. Mai 1990 erklärte der Oberste Rat der Estnischen Sowjetischen Sozialistischen Republik unter dem Vorsitzenden Arnold Rüütel einseitig seine erneute Souveränität unter der Bezeichnung Republik Estland, die es 1991 zusammen mit Litauen und Lettland durchsetzen konnte. Am 20. August 1991 erklärt die verfassungsgebende Versammlung das Land als eigenständig und erhielt faktisch die volle Unabhängigkeit während des Augustputsches in Moskau. Um den friedlichen Übergang in die Unabhängigkeit nicht zu gefährden und den Anteil der russischsprachigen Bevölkerung nicht noch weiter zu erhöhen, verzichtete man auf die Rückgabe der von Russland zur Zeit der Okkupation abgetrennten Gebiete. Am 6. September 1991 erfolgte auch die Anerkennung der unabhängigen Republik Estland durch die Sowjetunion.

Anfangs galt Estland politisch und wirtschaftlich als instabil. Im Laufe der 1990er Jahre erlebte die Wirtschaft einen Aufschwung („Baltischer Tiger“).

Am 29. März 2004 wurde Estland Mitglied der NATO. Zum 1. Mai 2004 trat Estland der Europäischen Union bei. Außenpolitisch orientiert sich Estland an den skandinavischen Ländern.

Literatur

  • Seraina Gilly: Der Nationalstaat im Wandel. Estland im 20. Jahrhundert, (= Arbeiten aus dem Historischen Seminar der Universität Zürich, Bd. 97) Bern/Berlin [u. a.] 2002. ISBN 3-906769-19-4.
  • Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas – Baltische Länder. Berlin 1994.
  • Suzanne Champonnois ; François de Labriolle: L'Estonie: des Estes aux Estoniens. Éditions Karthala, collection «Méridiens», Paris, 1997, ISBN 2-86537-724-5.
  • Suzanne Champonnois, François de Labriolle : Estoniens, Lettons, Lituaniens: histoire et destins. Éditions Armeline, Crozon, 2004, ISBN 2-910878-26-0.
  • Suzanne Champonnois, François de Labriolle: Dictionnaire historique de l'Estonie. Éditions Armeline, Brest, 2005 ISBN 2-910878-38-4.

 

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Livland

Livland, veraltet Liefland[1], auch Eifland, lateinisch Livonia, livisch Līvõmō, lettisch Livonija, russisch Ливония/Liwonija, estnisch Liivimaa, ist die Bezeichnung für eine historische Landschaft im Baltikum. Der Name leitet sich ab vom finno-ugrischen Volksstamm der Liven.

Es gibt einen engeren und einen weiteren Sinn dieses Namens: Livland im weiteren Sinne umfasst vollständig die Gebiete der heutigen Staaten Estland und Lettland im damaligen Meistertum Livland im Deutschordensstaat; Livland im engeren Sinne bezeichnet nur die Landschaft nördlich von Riga bis zum Peipussee, was territorial der lettischen Region Vidzeme zusammen mit der Südhälfte Estlands entspricht. Heutzutage wird oft auch nur Vidzeme mit Livland gleichgesetzt, was einer nochmaligen Bedeutungsverengung entspricht.

Geschichte

Vorgeschichte

Erste Ansiedlungen auf dem Gebiet der heutigen baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland gehen vermutlich auf die Zeit des ersten vorchristlichen Jahrhunderts zurück. Neben den baltischen Stämmen der Kuren, Semgallen, Selonen, Lettgallen und weiterer fanden sich an deren Stammesgebiete grenzend auch die finno-ugrischen Liven. Ihr Siedlungsgebiet umfasste um 1200 n. Chr. die Dünamündung um das heutige Riga und erstreckte sich entlang der Ostseeküste in nördlicher und westlicher Richtung. Das besiedelte Gebiet reichte bis in den Süden des heutigen Estlands. Die Zahl der Angehörigen livischer Stämme wird für diese Zeit auf 20.000 geschätzt.[2]

Mittelalter und Frühe Neuzeit

Deutsche Herrschaft

Im Spätmittelalter wurde mit Livland (damals auch Eifland) das gesamte Territorium des Schwertbrüderordens bezeichnet, also das heutige Lettland und Estland (zunächst ohne den dänischen Teil im Norden Estlands). Das Gebiet wurde im 13. Jahrhundert vom Schwertbrüderorden unter Führung des aus Bremen stammenden Bischofs von Riga Albert I. von Buxhöveden unterworfen (und insofern als territoriales Gebilde erst geschaffen); der Schwertbrüderorden ging 1237 als Livländischer Orden im Deutschen Orden auf. Anders als in Preußen konnte sich der Deutsche Orden in Livland - auch nach der Schlacht bei Tannenberg (1410) - als der führende Landesherr Livlands durchsetzen. Diese Leistung verdankte der Orden den Landmeistern Johann Freytag von Loringhoven (1483-1494) und Wolter von Plettenberg (1494-1535). Unter Plettenberg, der als Deutschmeister selbst katholisch blieb, setzte sich in Livland ab 1524 die Reformation durch, ohne dass es zu Gewalt zwischen Katholiken und Protestanten kam. Nach dem Untergang Altlivlands 1561 zeigte sich, dass der Protestantismus zum entscheidenden Bindeglied zwischen Deutschen, Esten und Letten Altlivlands geworden war. Protestantische Pastoren trugen Außerordentliches dazu bei, dass es zu einer zunehmenden Annäherung zwischen ihren Völkern kam, auch kulturell. In den verschiedenen staatlichen Konstruktionen - und selbst in der Zeit der lettischen und estnischen Emanzipation - konnte dieser Zusammenhalt bisher niemals nachhaltig zerstört werden.

Polnische, dänische und schwedische Herrschaft

Auf dem Augsburger Reichstag von 1530 wurde Livland – ohne praktische Konsequenzen – zum Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches erklärt. 1558 begann mit dem Einmarsch russischer Truppen der Livländische Krieg; einige Landesteile blieben bis 1582 besetzt. Um sich gegen die russische Bedrohung abzusichern, unterstellten sich Kurland und Livland, vertreten durch ihre Ritterschaften, 1561 polnischer Oberhoheit: Aus Kurland wurde – unter polnischer Lehnshoheit – das weltliche Herzogtum Kurland und Semgallen unter dem letzten Landmeister des Deutschen Ordens in Livland, Gotthard Kettler, während das eigentliche Livland direkt zu Litauen kam und im späteren Staat Polen-Litauen eine Art Kondominium der beiden Staatsteile bildete. Estland und die Insel Ösel (Saaremaa) unterstellten sich aus demselben Grunde und ebenfalls vertreten durch ihre Ritterschaften dänischer bzw. schwedischer Oberhoheit. Durch diese Aufteilung auf unterschiedliche Herrschaftsgebiete verengte sich die Bedeutung des Namens Livland auf die Gebiete nördlich der Düna und südwestlich des Peipussees.

1629 kam der größte Teil Livlands durch Eroberungen Gustav II. Adolfs zu Schweden; nur die Gegend um Dünaburg (Daugavpils) blieb – ebenso wie Kurland – polnisch und wurde „Polnisch Livland“ genannt.

Russische Ostseeprovinz 1721–1919

Im Jahre 1721 fiel die Gegend durch Eroberungen Peters des Großen an Russland und bildete mit dem damaligen Estland (dem heutigen Nordteil der Republik Estland) und Kurland (seit 1795) eines der drei Ostseegouvernements, die vom deutsch-baltischen Adel jeweils autonom verwaltet wurden. Das von 1721 bis 1919 bestehende kaiserlich russische Gouvernement Livland mit der Hauptstadt Riga (die vorher unter wechselnden Oberherrschaften eine gewisse Autonomie genossen hatte) und der Universitätsstadt Dorpat (Tartu) umfasste in etwa das heutige Südestland (mit Dorpat) und das nordöstliche Lettland bis zur Düna. Der lettische Teil dieses waldreichen Gebiets ist (unter dem einheimischen Namen Vidzeme) eine der vier historischen Landschaften dieses Landes. Sie nimmt die Gegend um Valmiera (Wolmar), Sigulda (Segewold) und Cēsis (Wenden) sowie um den Fluss Gauja (Livländische Aa) ein.

Der bei Polen verbliebene Teil Livlands kam erst 1772 im Zuge der Ersten Polnischen Teilung zum Russischen Reich und wurde Teil des Gouvernements Witebsk. Dieses Gebiet kam 1919 an Lettland, wo es mit dem Landschaftsnamen Lettgallen (lett. Latgale) bezeichnet wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg

Da Livland keine ethnisch einheitliche Bevölkerung hatte, sondern vielmehr von Esten und Letten bewohnt wurde, wurde es 1918 in Estland und Lettland aufgeteilt. Die zu Estland gekommene Region hat dort keinen eigenen Namen, während die zu Lettland gekommene Region Vidzeme genannt wird - daraus ergibt sich die weitere Bedeutungsverengung in neuerer Zeit, wo sehr oft Livland und Vidzeme gleichgesetzt werden.

Großgrundbesitz und Stadtbürgertum (und damit auch fast die gesamte Intelligenz) waren durchwegs deutschsprachig. Die deutsche Volksgruppe wurde jedoch im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes in die Gegend von Posen (Warthegau) vertrieben, von wo sie 1945 abermals weiter westwärts vertrieben wurde.

Mittelalterliche Städte in Livland

Um 1561 existierten folgende Städte (Jahr des Stadtrechts):

Freie Stadt Riga

  • Riga, lettisch: Rīga, (1201) - erste und größte Stadt Livlands, Freie Hansestadt und Sitz des Erzbischofs und Landmeisters.

Ordensgebiet

  • Wenden Cēsis (1224) - Sitz des Landmeisters.
  • Reval Tallinn (1248) - eine der drei größten Städte Livlands.
  • Pernau Pärnu (1265)
  • Fellin Viljandi (1283)
  • Weißenstein Paide (1291)
  • Wesenberg Rakvere (1302)
  • Wolmar Valmiera (1323)
  • Narva Narva (1345)
  • Goldingen Kuldīga (1347)
  • Mitau Jelgava (1376)
  • Windau Ventspils (1378)

Erzbistum von Riga

  • Kockenhausen Koknese (1277)
  • Roop Straupe (1325)
  • Lemsal Limbaži (1368)

Fürstbistum von Dorpat

  • Dorpat Tartu (1230) - Hauptsitz der Furstbischof von Dorpat, eine der drei größten Städte Livlands.

Fürstbistum von Oesel-Wiek

  • Hapsal Haapsalu (1279)

Fürstbistum von Kurland

  • Hasenpoth Aizpute (1378)
  • Pilten Piltene (1557)

Moderne Städte

Im heute lettischen Teil

  • Rīga (Riga)
  • Aizkraukle (Ascheraden)
  • Ainaži (Haynasch)
  • Aloja (Allendorf)
  • Ape (Hoppenhof)
  • Alūksne (Marienburg)
  • Cēsis (Wenden)
  • Cesvaine (Seßwegen)
  • Gulbene (Schwanenburg)
  • Koknese (Kockenhusen)
  • Ķegums (Keggum)
  • Lielvārde (Lenneward)
  • Līgatne (Ligat)
  • Limbaži (Lemsal)
  • Lubāna (Luban)
  • Madona (Madohn)
  • Mazsalaca (Salisburg)
  • Ogre (Oger)
  • Pļaviņas (Stockmannshof)
  • Rūjiena (Rujen)
  • Salacgrīva (Salismünde)
  • Salaspils (Kirchholm)
  • Saulkrasti (Neubad)
  • Seda (Sedde)
  • Sigulda (Segewold)
  • Smiltene (Smilten)
  • Staicele (Staizel)
  • Straupe (Roop)
  • Strenči (Stackeln)
  • Valka (Walk) (estnisch: Valga)
  • Valmiera (Wolmar)
  • Vangaži (Wangasch)
  • Duntes muiža (Hof Dunten)- Münchhausenmuseum

Im heute estnischen Teil

  • Tartu (Dorpat)
  • Pärnu (Pernau)
  • Põlva, zwischen Võru und Tartu gelegen Valga (Walk) (lettisch: Valka)
  • Viljandi (Fellin)
  • Võru (Werro)

Literatur

  • Friedrich Konrad Gadebusch: Abhandlung von Livländischen Geschichtsschreibern. Hartknoch, Riga 1773, 282 Seiten, online.
  • Johann Bernhard von Fischer: Versuch einer Naturgeschichte von Livland, Friedrich Nicolovius, 2. Auflage, Königsberg 1791 (Anhang enthält u.a. unaufgeklapptes Faltbild der Stadt Narva), online.
  • Johann Karl Bähr: Die Gräber der Liven. Rudolf Kuntze, Dresden 1850, online.
  • Kurd von Schlözer: Livland und die Anfänge deutschen Lebens im baltischen Norden. Wilhelm Hertz, Berlin 1850, online.

Einzelnachweise

  1. ↑ Charles Knight: "Penny Cyclopaedia of the Society for the Diffusion of Useful Knowledge", London, 1839 Google books
  2. ↑ Ralph Tuchtenhagen: Geschichte der baltischen Länder. Beck, München 2005.

 

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Livlaendischer Orden

Als Livländischer Orden wird der strukturell eigenständige Teil des Deutschen Ordens im Baltikum bezeichnet. Der Ritterorden bestand von 1237 bis 1561.

Geschichte

Der 1202 in Riga gegründete Schwertbrüderorden (Ornat: weißer Mantel mit rotem Kreuz) erlitt 1236 in der Schlacht von Schaulen eine vernichtende Niederlage gegen schamaitische Litauer sowie Semgaller.[1] Daraufhin handelte Hermann von Salza persönlich mit der Kurie die Union von Viterbo aus, als deren Ergebnis Deutscher Orden und Schwertbrüderorden vereinigt wurden.[2] So erwarb man mit den livländischen Kommenden ein zweites Kernland, das sogenannte Meistertum Livland, wo nach dem Muster Preußens das bereits bestehende System von Burgen (sogenannte feste Häuser) ausgebaut wurde.[3]

1237 traf der Landmeister im Pruzzenlande, Hermann Balk, als Bevollmächtigter des Hochmeisters Hermann von Salza beim durch die heidnischen Litauer schwer bedrängten Bischof in Riga ein. Die päpstlich beglaubigten Rechte des Deutschen Ordens wurden hier sofort anerkannt. Fortan übte ein Landmeister die Hoheitsrechte des Ordens in Livland aus.

Trotzdem blieben die preußischen und livländischen Ordenszweige sowohl administrativ als territorial getrennt. In Livland existierte, im Gegensatz zu Preußen, eine Teilung der Einflusssphären zwischen der Ordensgewalt und verschiedenen autonomen Bistümern. Bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts gehörten einige nördliche Teile Livlands zum Königreich Dänemark.

Hinzu kam die unterschiedliche Herkunft der Kader beider Ordenszweige: Während in Preußen vorwiegend mittel- und westdeutsche Ordensherren regierten, rekrutierte sich das Korps des livländischen Ordenszweiges überwiegend aus norddeutschen und dänischen Rittern. Darin spiegelte sich die Bindung dieses Landes an die Traditionen der gewaltsamen Missionierung der Liven und Esten Anfang des 13. Jahrhunderts wider: Die Verbreitung des Christentums im nördlichen Baltikum erfolgte über vorhanseatische Seeverbindungen von Stützpunkten wie Lübeck und dem dänischen Seeland aus.

Koordinierte Aktivitäten beider Ordenszweige im andauernden Krieg gegen das Großfürstentum Litauen blieben angesichts dieser Konstellation die Ausnahme. Herausragendes Beispiel ist die Abwesenheit des gesamten livländischen Ordenszweiges während der entscheidenden Kampagne von 1410, die zur Katastrophe in der Schlacht bei Tannenberg führte. Der livländische Landmeister Conrad von Vytinghove berief sich auf einen mit dem litauischen Großfürsten Vytautas vereinbarten Waffenstillstand. In den kriegerischen Auseinandersetzungen des preußischen Ordensstaates mit Polen und dem preußischen Bund blieb der livländische Ordenszweig weitgehend neutral und wurde daher nicht in die Verhandlungen mit dem Königreich Polen nach Beendigung der Kampfhandlungen eingebunden. Preußen wurde 1525 zum weltlichen Herzogtum, während der livländische Ordensstaat erst 1561 zum Herzogtum Kurland und Semgallen sowie dem Herzogtum Livland säkularisiert wurde.

Anmerkungen

  1. ↑ Beschreibung der Lage in Livland
  2. ↑ Hermann von Salza Verhandlungen in Viterbo
  3. ↑ Theodor Hirsch, Max Toeppen, Ernst Strehlke: Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergang der Ordensherrschaft. Band 1, S. 395.

Literatur

  • Friedrich Benninghoven: Der Orden der Schwertbrüder: Fratres milicie Christi de Livonia; Böhlau, Köln [u.a.], 1965
  • Alain Demurger: Die Ritter des Herrn. Geschichte der geistlichen Ritterorden; Beck, München 2003, ISBN 3-406-50282-2
  • Wolfgang Sonthofen: Der Deutsche Orden; Weltbild, Augsburg 1995, ISBN 3-89350-713-2
  • Dieter Zimmerling: Der Deutsche Ritterorden; Econ, München 1998, ISBN 3-430-19959-X

 

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Öland – Oland

Öland ist eine schwedische Ostseeinsel in der Provinz Kalmar län. Sie ist seit 1973 mit dem Festland durch die sechs Kilometer lange Ölandbrücke verbunden. Mit 137 km Länge und maximal 16 km Breite ist die Insel zugleich die kleinste historische Provinz Schwedens. Sie gliedert sich in die Gemeinde Borgholm im Norden und die Gemeinde Mörbylånga im Süden.

Geographie

Die Insel Öland ist eine Hochebene mit einer höchsten Erhebung von 57 m über Meereshöhe (Galgbacken). Die Hochfläche fällt nach Westen ab, während sie zur Ostküste hin Terrassen bildet. Oberflächengesteine sind Sandstein, Schiefer und Kalkstein. Da die Erdschicht aufgrund von Erosion nur dünn ist, bestehen große Teile der Insel – vor allem im Süden – aus einer Karst- und Heidelandschaft (Stora Alvaret) mit entsprechender Fauna. Im Norden zeigen die Raukar von Byrum an, dass die Insel aus dem Meer aufstieg.

Die Pflanzenwelt auf Öland wird durch den Karstuntergrund (vergl. Burren) und das Klima bestimmt. Kleinwüchsige Bäume und Sträucher bestimmen das Bild in einer ariden Zone. Typisch für Öland sind die Windmühlen. Von ehemals 2000 Windmühlen sind noch 400 erhalten. Heute ist Öland eine vielbesuchte Ferieninsel. Der Süden der Insel wurde als Agrarlandschaft Südölands zum Weltkulturerbe erklärt.

Zwischen dem Festland und der Insel liegt mitten im Kalmarsund die als Nationalpark geschützte Granitinsel Blå Jungfrun (dt. Blaue Jungfrau). Auf der Insel befinden sich diverse größere und kleinere Feuchtgebiete. Entlang der der Ostsee zugewandten Küste zieht sich der Ancyluswall, an dessen Westflanke sich mehrere Sümpfe angestaut haben.

Größere Orte auf Öland sind Borgholm, Färjestaden, Köpingsvik und Mörbylånga, welche alle auf der westlichen Seite Ölands am Kalmarsund liegen. Entlang der Westküste führt die Landstraße 136, die die Nord- und die Südspitze der Insel miteinander verbindet.

Vorgeschichte und Geschichte

Öland, die Insel der Steinmonumente, wurde ab 7000 v. Chr.[2] von Wildbeutern bewohnt (zuvor lag es lange unter dem Meeresspiegel). In der Jungsteinzeit etwa um 4000 v. Chr. wurde es von Ackerbauern besiedelt. Öland hat aus dieser Zeit ein isoliertes Vorkommen von vier Ganggräbern, die alle in der Kirchengemeinde Resmo liegen.[3] Über 13.000 archäologische Fundstätten und unzählige Lesefunde zeugen von Ölands Geschichte bis ins Mittelalter. In der Bronzezeit zwischen 1.500 und 500 v. Chr. gewann der Handel an Bedeutung. Felle und Häute wurden gegen Metallgegenstände getauscht. Während der Bronzezeit wurden große Hügelgräber angelegt, darunter der Blå rör, der größte der etwa 100 Tumuli auf der Insel. Auch Menhire, zum Teil auf Grabfeldern (Gettlinge, Mysinge, Seby oder die Tingstad flisor und die Odins Flisor), sind anzutreffen. Schiffssetzungen sind hingegen selten. Die Warnen (Variner) waren ein germanischer Volksstamm, der ursprünglich auf Öland lebte, die Insel aber in der Völkerwanderungszeit verließ. Aus dieser Zeit (400–550 n. Chr.) stammen die großen Burganlagen wie die Gråborg, Ismantorp und Eketorp. Insgesamt wurden die Reste von 16 Burgen auf Öland gefunden. Unter den Runensteinen ragen der Karlevistein, der Bjärbystein und die Steine von Lerkaka heraus. Eine erste größere Siedlung entstand um 750 n. Chr. bei Köpingsvik im Norden der Insel.

Um 800 n. Chr. gehörte Öland zum Machtgebiet der Sveakönige, hatte aber einen eigenen Rechtsstatus. Im Mittelalter gewann Öland durch seine Lage am Kalmarsund, der eine wichtige Seestraße war, an Bedeutung. Die Entstehung des Marktes Köping als Handelsplatz und der Bau eines Kastells bei Borgholm, das später zu einer großen Burg ausgebaut wurde, zeugen davon.

Öland wurde zwischen 1300 und 1700 in die schwedisch-dänischen Kriege hineingezogen: In den 1360er Jahren, den 1450er Jahren, am Beginn des 16. Jahrhunderts, während des Kalmarkrieges 1611–1613 und nach der Niederlage der schwedischen Flotte an der Südspitze Ölands 1676 im Schonischen Krieg wurde die Insel von dänischen Truppen heimgesucht. 1612 dauerte die Besetzung durch dänische Truppen zehn Monate an. 700 Höfe sollen in dieser Zeit zerstört worden sein. Rynings kors ist ein Steinkreuz, das dieser Zeit zugeordnet wird.

Von 1569 bis zum Jahr 1801 war die gesamte Insel königliches Jagdgebiet. Für die ansässige bäuerliche Bevölkerung bedeutete dies starke Einschnitte. Das Schlagen von Holz oder die Jagd waren verboten. Zum Schutz des königlichen Wildes war das Halten von Hunden zeitweise verboten. Auch Waffen durften nicht geführt werden. Das königliche Wild verursachte jedoch große Schäden auf den Feldern der Bauern. 1850 fand in der Region um Böda im Norden der Insel – das Gebiet blieb auch nach 1801 noch im staatlichen Besitz – der Bödaaufstand statt, der mit Hilfe herbeigeholten Militärs niedergeschlagen wurde.

Die Insel, die seit 1617 zur Provinz Kalmar gehört hatte, wurde 1817 kurzzeitig eine eigene Provinz, aber schon 1824 wurde sie wieder an Kalmar angeschlossen.

Öland war lange eine ausgeprägte Agrarlandschaft. Zwischen 1810 und 1870 stieg die Bevölkerungsanzahl um 60 % auf etwa 38.000 Menschen. Die zum Teil sehr kargen öländischen Böden mussten immer mehr Menschen ernähren. Es wurde versucht, bisher nicht genutzte Böden (wie Malmar) nutzbar zu machen. Viele öländische Moore, so zum Beispiel Skedemosse, wurden trocken gelegt, um neue landwirtschaftliche Nutzflächen zu erhalten. Diese Maßnahmen hatten zum Teil sehr negative Auswirkungen auf den Wasserhaushalt der Insel. Auch wurden wie in Österskog Wälder gerodet oder wie in Dröstorp ungünstige Alvarböden bearbeitet. Die trotzdem zunehmende Not der Menschen führte zu einer Arbeitsmigration vor allem nach Deutschland und Dänemark. Nach einer Agrarkrise kam es ab 1880 zu einer erneuten Auswanderungswelle, bei der etwa die Hälfte der Bevölkerung Öland verließ. Das bevorzugte Ziel der Auswanderer war diesmal Amerika. Auch heute weist die Insel sinkende Einwohnerzahlen auf.

Wirtschaft

Die Einwohnerzahl Ölands ist deutlich zurückgegangen und liegt heute nur etwa bei der Hälfte des Spitzenwerts des 19. Jahrhunderts. Während die Bevölkerungszahl in den entlegeneren Gebieten im Norden und Süden der Insel weiter schrumpft, ist im Gebiet um die Ölandbrücke eine Stagnation und zum Teil Zunahme zu beobachten.

Auch heute ist die Landwirtschaft der wichtigste Erwerbszweig. Etwa 25 % der Inselfläche werden landwirtschaftlich genutzt, wobei sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in den vierzig Jahren seit 1960 von 2.000 auf 1.500 reduziert hat. Auch die Fischereiwirtschaft wird von mehreren kleinen Fischereihäfen aus betrieben.

Die Industrie spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die in der Vergangenheit wichtige Kalksteinindustrie auf Öland hat an Bedeutung verloren und ist heute vor allem auf das Gebiet um Sandvik im Norden der Insel konzentriert. Im Süden der Insel ist Degerhamn das industrielle Zentrum. Bereits seit dem 18. Jahrhundert bestand hier ein Alaunwerk. Heute ist eine Zementfabrik ansässig. Weitere Betriebe dienen der Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte. So gibt es Konserven- und Zuckerfabriken.

Deutlich an Bedeutung gewonnen hat der Tourismus, wobei sich die Saison auf eine kurze Sommersaison von weniger als drei Monaten beschränkt, in der Hunderttausende Touristen, vor allem Schweden, die Insel besuchen. Schon Mitte August schließen viele touristische Angebote. Im Winter findet kaum Tourismus statt.

Auf Öland erscheint seit 1867 die Tageszeitung Ölandsbladet. Neben mehreren überregional arbeitenden Banken ist auf Öland auch die Ölands Bank tätig.

Bauwerke

Windmühlen

Charakteristisch für Öland ist die ungewöhnlich große Zahl von Windmühlen. Im 19. Jahrhundert hatte sich der Besitz einer Mühle zum bäuerlichen Statussymbol entwickelt. Die entstandenen Mühlen, überwiegend vom Typ der Bockwindmühle, dienten ausschließlich dem Eigenbedarf des jeweiligen Hofes. Die Zahl der Windmühlen stieg bis auf 2.000 an. Auf eine Windmühle kamen statistisch nur etwa 10 bis 20 Einwohner. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verloren die Mühlen an Bedeutung und verfielen. Ein großer Teil wurde abgerissen. Etwa 400 sind jedoch erhalten und werden heute bewahrt. Die größte der weitverbreiteten Bockwindmühle ist der sogenannte Mühlenkönig, die Björnhovda kvarnar östlich von Färjestaden. Weitere bekannte Mühlen sind die Mühlen von Lerkaka, von Störlinge, Sandviks Kvarn, die Mühle von Strandtorp und die Scheuermühle Jordhamn.

Schlösser und Burgen

In der Nähe der größten öländischen Stadt, Borgholm, hat die schwedische Königsfamilie ihren Sommerwohnsitz Schloss Solliden. Kronprinzessin Victoria feiert dort jedes Jahr im Juli ihren Geburtstag. Unweit hiervon liegt die Ruine des Schlosses von Borgholm.

Bemerkenswert sind auch die Überreste der prähistorischen Burganlagen Bårby, Gråborg und Ismantorp. Die Burg Eketorp im Süden der Insel wurde rekonstruiert und ist eines der bekanntesten Bauwerke Ölands.

Kirchen

Auf Öland gibt es heute 35 Kirchengebäude, die teilweise in ihren Ursprüngen auf die Zeit der Romanik zurückgehen und zunächst als Wehrkirchen dienten. Besonders bemerkenswert sind die Kirchen von Gärdslösa, Resmo, Långlöt, Högby, Egby und Föra. Nicht mehr als Kirche in Nutzung ist die Källa ödekyrka. Auch in Borgholm und Köpingsvik befinden sich interessante Kirchenbauwerke. Eine bauliche Besonderheit der Kirchen auf Öland war die Bauform der Sattelkirchen, mit einem Turm an jedem Ende des Kirchenschiffes. Im 19. Jahrhundert wurden diese Kirchen jedoch alle umgebaut. Reste des zweiten Turmes sind noch bei der Kirche von Resmo zu finden.

Museen

Auf Öland bestehen diverse kleinere Museen, die jedoch überwiegend nur in der Sommersaison geöffnet sind. Neben der Burg Eketorp dürfte das Öland-Museum in Himmelsberga das bekannteste sein. Im Freilichtmuseum von Himmelsberga wird die traditionelle bäuerliche Kultur der Insel präsentiert. In Himmelsberga ist eines der für Öland typischen Reihendörfer erhalten geblieben. Weitere Museen sind zum Beispiel das Stadtmuseum Borgholm, das Museum von Skedemosse, in welchem die Geschichte der Goldfunde von Skedemosse präsentiert wird, und die Linbasta von Lerkaka, in welcher die Tradition der öländischen Leinenherstellung dargestellt wird.

Im Nordosten der Insel fährt die Museumsbahn Böda Skogsjärnväg.

Leuchttürme

Als Wahrzeichen Ölands gelten die an Nord- und Südspitze errichteten Leuchttürme Långe Erik und Långe Jan, die im Sommer öffentlich zugänglich sind. Weitere öländische Leuchttürme sind der Leuchtturm Kapelludden und Högby fyr an der Ostküste, sowie die Leuchtfeuer Skeppsstäv und Ispeudde an der Westküste.

Freizeiteinrichtungen

Größte und überregional bekannte Freizeitanlage ist der 1974 gegründete Tier- und Vergnügungspark Ölands Djur & Nöjespark nördlich Färjestaden in der Nähe der Ölandbrücke. Im Park sind ein klassischer Vergnügungspark, ein Spassbad und ein Zoo vereint.

Natur

Auf Öland gibt es unterschiedlichste Naturräume. Die steppenartige Agrarlandschaft auf Süd-Öland Stora Alvaret im Süden der Insel gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Dieses Alvar ist Lebensraum für eine vielfältige, den schwierigen Lebensbedingungen angepasste Flora und Fauna. Bestimmte Pflanzen wie das Öland-Sonnenröschen kommen nur hier vor. Die im Alvar gelegenen Alvarseen und Vätar sind Anziehungspunkt für eine artenreiche Vogelwelt. Weitere Vogelschutzgebiete bestehen an bestimmten Küstenabschnitten Ölands, so an der Südspitze im Naturreservat Ottenby, wo sich auch eine Forschungsstation für Ornithologie befindet, und an der Westküste in Beijershamn.

Nördlich des Alvargebiets erstreckt sich mit dem Mittlandsskogen ein ausgedehntes Waldgebiet. Auch die Nordspitze der Insel ist bewaldet. Mit dem Ökopark Böda besteht hier ein besonderes Schutzgebiet. Aufgrund des für Schweden ungewöhnlichen Bodens (fossile Bergarten) finden sich in der Pflanzenwelt Ölands viele außergewöhnliche Blumen, besonders 34 Orchideenarten, insbesondere der Gattung Knabenkraut.

Besonderheiten bestehen mit den Rauken von Byrum und Neptuns-Feldern an den Küsten der Insel.

Feuchtgebiete

Öland verfügt über eine Vielzahl von Feuchtgebieten. Bei einer Bestandsaufnahme im Jahr 1993 wurden 410 Feuchtgebiete mit einer Fläche von jeweils zumindest zwei Hektar gezählt.[4] Ursprünglich war die Zahl der Feuchtgebiete noch deutlich größer. Seit dem 17. Jahrhundert erfolgten jedoch vielfältige Bemühungen, die Moore trocken zu legen, um so neue landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen. Etwa die Hälfte der öländischen Feuchtgebiete ging so verloren, mit zum Teil erheblichen Folgen für die Ökologie und den Wasserhaushalt der Insel. Der erhoffte Nutzen für die Landwirtschaft blieb jedoch häufig aus oder währte nur kurz. So wurde der Inhalt des freigelegten Torfs durch Kontakt mit Sauerstoff schnell abgebaut. Zusätzlich trat Winderosion auf. Durch die Begradigung der Wasserläufe floss das Wasser schneller ab, der Grundwasserspiegel sank. Viele Brunnen versiegten. Die verschwundenenen Moore fehlten als natürliche Wasserspeicher. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann man mit Arbeiten zur Renaturierung von Feuchtgebieten.[5]

In den öländischen Feuchtgebieten treten Pflanzen wie Mehlprimel, Sumpfherzblatt, Strauchfingerkraut, Binsenschneide, Sumpfstendelwurz, Fleischrotes Knabenkraut, Einknolle, Glanzstendel, Moor-Blaugras, Pfeifengras, Steife Segge, Rostrotes Kopfried und Fliegenragwurz auf.[6] In der Fauna sind vor allem Vögel wie Schafstelze, Kampfläufer, Alpenstrandläufer, Wiesenweihe, Bekassine, Uferschnepfe, Rotschenkel, Rohrweihe, Knäkente, Ohrentaucher und Trauerseeschwalbe zu beobachten. Skabiosen-Scheckenfalter, Kammmolch und Springfrosch sind auch in den Mooren beheimatet.[7]

Landschaftssymbole

Als Landschaftssymbole gelten das Öland-Sonnenröschen, die Nachtigall und die Flunder. Ein weiteres Symbol Ölands ist die ausgestorbene Nutztierrasse des Ölandpferdes, dessen Nachzüchtung versucht wird.

Literatur

  • Anders Johansson: Öland – Hain und Heide, Kalmar 1999, ISBN 91-973285-6-1

Einzelnachweise

  1. ↑ Folkmängd i landskapen
  2. ↑ http://arkeologiikalmar.blogspot.com/2009/02/olands-forsta-manniska-upptackt.html
  3. ↑ Märta Strömberg: Die Megalithgräber von Hagestad. S. 198
  4. ↑ Staffan Rodebrand: Moore auf Öland, ISBN 91-974576-9-8, S. 3
  5. ↑ Staffan Rodebrand: Moore auf Öland, S. 7 f., 15 f.
  6. ↑ Staffan Rodebrand: Moore auf Öland, S. 19 ff.
  7. ↑ Staffan Rodebrand: Moore auf Öland, S. 23 ff.

 

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Schäre

Eine Schäre (schwedisch Skär) ist eine kleine Insel, die in den Eiszeiten entstand, als das von Skandinavien und Nordamerika ausgehende Inlandeis die darunterliegenden Gesteinsmassen überströmte und abschliff. So bildete sich ihre flache, abgerundete Form. Sie können wenige Quadratmeter bis einige Quadratkilometer groß sein. Schären kommen vor allem in Skandinavien und Kanada vor, häufig in Gruppen als sogenannter Schärengarten. Der deutsche Begriff Schärengarten, etwa für die Küste vor Stockholm, beruht auf einer Übersetzung des Wortes schwed. skärgård bzw. dän. skærgård. Gård bedeutet im Schwedischen auch „Garten“: trädgård – der Blumen- und Pflanzgarten, eigentlich: Baumgarten. Der Ausdruck Schärenhof beruht hingegen auf einer falschen Übersetzung aus dem Schwedischen, wo gård neben „Garten“ (trädgård) auch „Bauernhof“ bedeutet.

Wissenschaftlich betrachtet (siehe Geomorphologie) gehören die Schären zusammen mit den größeren, jedoch üppiger bewachsenen Holmen zu den Rundhöckern. Ebenso wie die Schärenküsten (auch Fjärdenküsten) entstanden auch die Fjorde während der Eiszeiten. Mit dem Abtauen der Eismassen tauchten die vom Gewicht des Eises befreiten Gesteinsmassen in Form von vielen kleinen Inseln erst in den letzten 10.000 Jahren aus dem Meer auf. Auch heute hebt sich das Land noch, so dass die Inseln weiter wachsen.

Ausgedehnte europäische Schärenlandschaften gibt es an den Küsten Norwegens, Schwedens und Finnlands (Schärenmeer vor Turku) sowie in größeren Seen dieser Länder (z. B. Mälaren, Vättern). Hier sind die größeren Inseln oft bewohnt. Außerhalb Europas finden sich Schärenlandschaften vor allem an der Atlantikküste Kanadas und an der Hudsonbay (Nordkanada). Schären erheben sich selten mehr als 50 Meter über das Meer und sind je nach Lage, Klima und Windverhältnissen mit Gras, Büschen oder niedrigen Bäumen bewachsen. Auf der Festlandseite der Schärenlandschaften befinden sich oft geschützte Häfen und Fahrwasser, jedoch ist die Navigation dort infolge vieler Untiefen oft anspruchsvoll.

 

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Festung Älvsborg

Die Festung Älvsborg (schwedisch auch: Älvsborgs fästning oder Älvsborgs slott) war eine bedeutende Burg an der Mündung des Flusses Göta älv ins Kattegat. Sie lag am Südufer des Flusses an der früheren Grenze der Stadt Göteborg. Die heutigen sichtbaren Ruinen stammen aus der Renaissance. Von der ursprünglich mittelalterlichen Burg gibt es keine Überreste mehr.

Die erste Burganlage wurde 1366 in einer Urkunde erwähnt. Die Festung und die zugehörigen Landgebiete waren zu dieser Zeit vom norwegischen König Haakon VI. verpachtet worden. 1370 löste er die Burg wieder ein, doch schon sieben Jahre später wurde sie von Margarethe I. erneut verpfändet. 1436 übergab der damalige Befehlshaber, der deutsche Mattias van Kaalen, die Burg nach geringer Gegenwehr an die Kämpfer des Engelbrekt-Aufstandes. Diese wurden vom späteren König Karl VIII. geleitet und brandschatzten das Bauwerk nicht, im Gegensatz zu ihrer üblichen Vorgehensweise bei anderen Burgen.

Norwegische Verbände legten 1439 einen Belagerungsring um die Festung. Nach etwa zehn Wochen mussten sie die Belagerung aufgeben, da der Befehlshaber der Burg, Ture Stensson, Unterstützung von Außen bekam. Der dänische König Christian I. versuchte 1452 und 1455 erfolglos die Burg zu erobern. Sie gelangte jedoch durch Mithilfe des norwegischen Ritters, Olav Nilsson, und durch weitere nicht geklärte Umstände im letztgenannten Jahr in dänische Hände. In weiteren Kämpfen der Kalmarer Union wechselte die Burg mehrfach den Besitzer, wobei sie öfter niedergebrannt wurde. Auch beim Abzug der Dänen von 1523 hinterließen sie eine Brandruine.

Gustav I. Wasa ließ die Burg sorgsam wiedererrichten, doch schon einige Jahre später fiel die Festung erneut in dänische Hände. In den folgenden Jahren war die Burg ein ständiges Streitobjekt der beiden skandinavischen Reiche und die jeweiligen Besitzer ließen die Festung nach den neuesten verteidigungstechnischen Erkenntnissen ausbauen. Mit der Zeit verlor Älvsborg an Bedeutung, da in der Nähe neue Verteidigungsanlagen entstanden waren, die strategisch günstiger lagen. Der Erste, der 1650 einen Abriss der Anlage vorschlug, war der schwedische Generalbevollmächtigte für Verteidigungsanlagen, Johan Wärnschiöldh. Da die Burg aber als „in gutem Zustand“ angesehen wurde, diente sie noch einige Zeit, bis der schwedische König 1660 endgültig die Sprengung der Burg anordnete, welche 1673 abgeschlossen war. Ein großer Teil der Einrichtung wurde vorher in eine nahe gelegene Anlage gebracht, die den Namen Nya Elfsborg (neue Älvsborg) erhielt.

Die Ruine der Festung Älvsborg wird heute von einer Überdachung geschützt. Es gibt Diskussionen über eine Renovierung dieses historischen Platzes.

 

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Karlskrona

Karlskrona ist eine Hafenstadt in der südschwedischen Provinz Blekinge län und der historischen Provinz Blekinge. Die Stadt an der Ostsee ist Hauptort der gleichnamigen Gemeinde und ist bekannt als Schwedens einzige Barockstadt.

Geschichte

Karlskrona entstand ursprünglich auf mehr als 30 Inseln und Inselchen, was sich auch heute noch auf das Stadtbild auswirkt.

1679 wurde Karlskrona als Flottenstützpunkt von Karl XI. gegründet. Bereits ein Jahr später wurde Karlskrona zur Stadt erhoben. 1790 brannte ein Großteil der Stadt ab.

Verkehr

Es bestehen Fährverbindungen vom benachbarten Karlshamn nach Liepāja in Lettland und Gdynia in Polen.

Welterbestätten

Der Marinehafen von Karlskrona mit seinen ehemaligen Werften und Verteidigungsanlagen und ausgewählte Gebäude der Stadt wurden von der UNESCO zum Welterbe erklärt.

Einzelbauwerke

Die zur Zeit der Gründung der Stadt im 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts erbauten Häuser stehen noch heute. Die Friedrichskirche (Fredrikskyrkan) geht auf den Architekten Nicodemus Tessin den Jüngeren zurück. Die Grundsteinlegung der Kirche erfolgte 1720, die Einweihung 1744. Da der Architekt sich von europäischen Architekturstilen seiner Zeit beeinflussen ließ, weichen der Stil in gelber Farbe und die Verzierungen der Kirche vom üblichen Stil schwedischer Kirchen ab.

Die ebenfalls von Nicodemus Tessin dem Jüngeren erbaute Dreifaltigkeitskirche (Trefaldighetskyrkan), das Rathaus und das Wasserreservoir Vattenborgen im Stile einer Burg stehen ebenfalls am zentralen Platz (Stortorget).

Die 1697 erbaute Admiralitätskirche ist die größte Holzkirche Schwedens.

Welterbestätten, die nicht auf der Hauptinsel liegen

Über eine Brücke gelangt man auf die östlich gelegene Insel Stumholmen. Auf der Insel lagen mehrere Handwerksmanufakturen zur Versorgung der Marinebasis. Weiterhin gibt es auf Stumholmen ein nicht mehr betriebenes Gefängnis, das Marinemuseum und die Bastion Kungshall, von der zu feierlichen Anlässen Salut geschossen wird.

Nordwestlich der Hauptinsel liegt der Herrenhof Skärva mit schlossartigem Hauptgebäude sowie mehreren Nebengelassen, die der Besitzer und Schiffbauer Fredrik Henrik af Chapman anlegen ließ.

Söhne und Töchter der Stadt

  • Magnus F. Andersson, Komponist und Posaunist
  • Mikael Antonsson, Fußballspieler
  • Horace Engdahl, Literaturwissenschaftler, Kritiker, Essayist und Übersetzer
  • Jonathan Ericsson, Eishockeyspieler
  • Tobias Grahn, Fußballspieler
  • Tobias Karlsson, Handballspieler
  • Sven Lidman, Schriftsteller
  • Katarina Mazetti, Radiojournalistin, Kolumnistin und Schriftstellerin
  • Clara Nordström, deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin schwedischer Herkunft
  • Roland Sandberg, ehemaliger Fußballspieler

Wirtschaft und Infrastruktur

Die Marinebasis in Karlskrona ist einer der größten Arbeitgeber. Durch die Marine hat Karlskrona von Gründung an auch Werften zum Kriegsschiffbau, die heute zum Unternehmen Kockums gehören. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Softwareentwicklung und der Elektronikbau.

  • Ansässige Unternehmen (Auswahl)
  • Ericsson - Mobiltelefonentwicklung, Research & Development Center
  • Flextronics - Elektronik- und Leiterplattenherstellung
  • Kockums - Kriegsschiffbau (u.A. Visby-Klasse)
  • Telenor - Kommunikationsdienste
  • ABB - Kabelherstellung

Sport

Der örtliche Verein Flottans IF Karlskrona war schwedischer Meister im Handball im Jahr 1932.

Einzelnachweise

  1. ↑ Tätorternas landareal, folkmängd och invånare

 

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Dalarö

Dalarö ist ein Tätort auf der gleichnamigen Insel in der Gemeinde Haninge in Stockholms län, Schweden, mit 1190 Einwohnern (2005).

Seit dem Mittelalter diente Dalarö als Zugang zur Landeshauptstadt. Dalarö liegt etwa 20 Kilometer südöstlich Stockholm in der Metropolregion Stor-(Groß-)Stockholm an der Ostsee und dient den Hauptstädtern als Erholungsort. Die Insel ist im Westen durch einen 10–30 Meter breiten in West-Ost-Richtung verlaufenden natürlichen Kanal vom Festland getrennt und mit ihm durch eine Brücke auf dem „Dalarövägen“ verbunden.

Von der Dalarö-Brücke aus gibt es regelmäßigen Fährverkehr nach Utö und Ornö, der größten Insel im südlichen Stockholmer Schärengarten.

Einzelnachweise

  1. ↑ Tätorternas landareal, folkmängd och invånare

 

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Kloster Eldena

Das Kloster Eldena ist ein ehemaliges Zisterzienserkloster im Greifswalder Ortsteil Eldena. Das Kloster ist nur als Ruine erhalten.

Geschichte

Vorgeschichte

Im 12. Jahrhundert befand sich die südlich von Rügen gelegene Ostseeküste im Einflussbereich des auf Rügen ansässigen Fürstentums der Ranen, das seinerseits unter der Oberhoheit der Dänen stand. Unter dieser Konstellation gelang es dem auf der dänischen Insel Seeland beheimateten Zisterzienser-Kloster Esrom, 1172 im westlich von Demmin gelegenen Dargun ein Tochterkloster zu gründen. Da dieses aber bereits 1198 infolge kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Dänemark und Brandenburg wieder zerstört wurde, bot der Ranenfürst Jaromar I., dessen Frau dem dänischen Königshaus entstammte, den dänischen Zisterziensermönchen an, sich an der Mündung des Hildaflusses (dem später Ryck genannten Fluss) anzusiedeln (der Ryck floss vor seiner Nordverlegung direkt nördlich des Klosters in die Dänische Wiek).

Gründung und Name

Da sich in der Nähe eine einträgliche Salzpfannenstelle befand, wurde das Angebot angenommen und 1199 das Kloster Hilda gegründet, das 1204 vom Papst Innozenz III. offiziell bestätigt wurde. Das Kloster wurde von den Rügenfürsten mit umfangreichen Ländereien auf Rügen (Mönchgut) sowie im Grenzgebiet zwischen den rügenschen Ländern Gristow und Wostrose (Wusterhusen), dem zwischen Rügen und Mecklenburg umstrittenen Land Lositz (Loitz) und der pommerschen Grafschaft Gützkow ausgestattet. Die Besitzungen des Klosters waren aber nicht unumstritten, da die Herrschaftsverhältnisse in dem Gebiet oftmals nicht eindeutig waren. So wurde etwa die Grundbesitzschenkung Jaromar I. von 1207, mit der dieser dem Kloster die Hälfte des Waldes zwischen Eldena und Gützkow schenkte, 1208 von Pommernherzog Kasimir II., 1216 von König Waldemar II. von Dänemark, 1218 von Pommernherzog Bogislaw II. und 1221 vom Rügenfürsten Barnuta bestätigt.[1]

Die Bezeichnung Hilda für den heute Ryck genannten Fluss ist zwar urkundlich erstmals aus dem Jahr 1241 bezeugt („Hildam fluvium“) und damit 42 Jahre später als der urkundliche Nachweis für den entsprechenden Namen des Klosters. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass das Kloster nach dem Fluss benannt wurde und nicht umgekehrt.[2] Die Bezeichnung Eldena für das Kloster ist dann erstmals 1347 nachgewiesen.[3] Hiernach ist auch die seit 1939 als Stadtteil zu Greifswald gehörenden Ortschaft Eldena benannt, in der die Klosterruinen liegen. Neben der Gründungsbezeichnung Hilda und dem endgültigen Namen Eldena sind weitere Bezeichnungen bezeugt. So wird der Name des Klosters in einer Urkunde von 1204 als „Hilda oder Ilda“ angegeben; überliefert ist ferner Hylda (1220), später zwischenzeitlich auch Eldenow (1621).[4]

Entstehung und Verselbständigung Greifswalds im 13. Jahrhundert

Vom Kloster Eldena ging auch die Ansiedlung der späteren Stadt Greifswald aus. Greifswald war in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Siedlung von vermutlich Salinearbeitern an der Kreuzung zweier alter Handelswege gegenüber der Saline entstanden; der ursprüngliche Name dieser Siedlung ist nicht überliefert. 1241 bekam das Kloster sowohl vom Rügenfürsten Wizlaw I., als auch vom Pommernherzog Wartislaw III. durch je eine Urkunde das Marktrecht verliehen.[5] 1249 konnte Herzog Wartislaw III. das Kloster dazu bringen, ihm die Marktsiedlung Greifswald zu Lehen zu geben.[6] In einer Urkunde von 1249 wurde dem Kloster aber zumindest das Weiterbestehen des Patronats über die damaligen Greifswalder Kirchen (Nikolaikirche und Marienkirche) bestätigt.[7] Schon im darauffolgenden Jahr verlieh Wartislaw III. der Marktsiedlung das Lübische Stadtrecht,[6] womit Greifswald fortan auch gegenüber den pommerschen Herzögen sehr viel unabhängiger war.[8]

Entwicklung bis zum 16. Jahrhundert

Die Errichtung der Klostergebäude zog sich über vier Jahrhunderte hin. Um 1200 hatte man mit den Ostteilen der Klosterkirche begonnen, mit dem Bau des Klausurgebäudes war man von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis in das 14. Jahrhundert hinein beschäftigt, ehe zum Anfang des 15. Jahrhunderts mit der Fertigstellung der Westfassade der Klosterkirche und des Langhauses der Klosterbau im Wesentlichen abgeschlossen war.

Das Kloster hatte großen Anteil an der Christianisierung Vorpommerns.

Reformation und Säkularisation

1534 entschlossen sich die Herzöge Barnim XI. und Philipp I. von Pommern auf dem Landtage zu Treptow an der Rega, die Reformation in Pommern endgültig anzuerkennen, eine Kirchenordnung durch Johannes Bugenhagen einzuführen und die pommerschen Klöster zum Teil in protestantische Stätten umzuwandeln und zum Teil ganz aufzuheben, also zu sakularisieren.[9] Im Jahr 1535 wurde dann auch das Kloster Eldena sakularisiert und das klösterliche Gebiet in ein herzögliches Amt (Fürstliches Amt Eldena) umgewandelt.[10] Herzog Philipp I. übernahm das Kloster samt seinen Ländereien und wandelte es in einen Gutshof um. Der letzte Abt Enwald Schinkel und der letzte Prior Michael Knabe konnten noch bis zu ihrem Lebensende im Kloster wohnen bleiben und erhielten eine Pension.[11]

Verfall im Dreißigjährigen Krieg und in der Schwedenzeit

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) wurde das ehemalige Kloster stark beschädigt. 1634 ging es inklusive des größten Teils der ehemaligen Klostergüter in einem Umfang von 14.400 ha durch Schenkung des letzten Pommernherzogs, Bogislaw XIV., in das Eigentum der Universität Greifswald über.[12] Während der schwedischen Besetzung Vorpommerns (1648 bis 1815) verfielen die Gebäude; noch im 17. Jahrhundert wurde das Kloster immer wieder als Steinbruch für den Bau und die Ausbesserung der Befestigungsanlagen in und um den heutigen historischen Stadtkern Greifswalds benutzt. Im Jahr 1728 beteiligte sich dann auch die Universität am Abbruch der Klostergebäude, um mit dem so gewonnenen Baumaterial Amtsgebäude errichten zu können.[13] So fand Anfang des 19. Jahrhunderts der romantische Maler Caspar David Friedrich das Kloster nur noch als Ruine vor, die er zum Motiv für mehrere seiner Werke machte.

Restauration und wissenschaftliche Grabungen

Durch die Bilder Caspar David Friedrichs wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt, begannen 1828 unter der Leitung des Universitätspräparators Schilling erste Ausgrabungsarbeiten,[13] und nach Plänen des preußischen Gartengestalters Peter Joseph Lenné wurde auf dem Klostergelände ein Park angelegt. 1926/27 wurden von Hans Kloer weitere wissenschaftliche Grabungen durchgeführt, um den ursprünglichen Zustand der Klostergebäude zu rekonstruieren.

In den 1960er Jahren wurden erneut Sanierungsmaßnahmen durchgeführt, 1968 die Freilichtbühne eingebaut[13] und danach das Klostergelände für kulturelle Veranstaltungen genutzt. 1995 und 1996/97 veranlassten das Landesamt für Denkmalpflege und die Stadt Greifswald abermals Ausgrabungen[14] sowie Sicherungs- und Sanierungsarbeiten, die schließlich zur Errichtung einer Kulturstätte der Euroregion Pomerania führten.

Erhaltene Bauten

Als Ruinen sind u. a. Teile des Kirchenschiffes und der Konventsgebäude erhalten, in denen sich seit 1968 eine Freilichtbühne befindet.

Zu den einstigen Bauten des Klosters zählt auch der am Boddenweg gelegene Bierkeller Eldena. Ursprünglich von den Mönchen betrieben, gehörte die Brauerei nach der Säkularisierung zunächst zum herzöglichen Amtshof Eldena.[15] 1837 fiel die mittlerweile durch Schenkung (s.o.) in das Eigentum der Universität Greifswald übergegangene und verpachtete Gutsbrauerei einem großen Ortsbrand zum Opfer, wurde aber noch im selben Jahr wieder aufgebaut.[16] Im Juni 1877 pachtete Konrad Becker die Universitätsgüter Eldena und Koitenhagen und damit auch die Brauerei, die er sogleich erheblich vergrößerte.[17] 1932 musste die Brauerei jedoch ihren Betrieb einstellen, da sie dem Konkurrenzkampf mit der Hinrichsschen Brauerei in Greifswald nicht mehr gewachsen war.[18]

Der Bierkeller wird heute von prioritären Fledermausarten als Winterquartier genutzt und untersteht daher naturschutzrechtlichem Schutz.

Des Weiteren gehören eine aus dem 14. Jahrhundert stammende Klosterscheune und die aus der gleichen Zeit stammende ehemalige Klostermauer zur Klosteranlage. Die Überreste der beiden Bauwerke befinden sich an der heutigen Wolgaster Straße. Sowohl Klosterscheune als auch Klostermauer bestehen aus Backstein und werden von kräftigen Strebepfeilern gestützt. Die schmalen Fensterluken stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus nach mittelalterlicher Zeit.[19]

Die Äbte und Prioren des Klosters Eldena

  • Äbte
  • Name Jahre
  • Livinus (Levin)                    1193–1207
  • Sueno (Swen) I.                  1207–1215
  • Johannes I.                         1234–1241
  • Andreas                              1241
  • Sueno (Swen) II.                 1249–1254
  • Christian                             1256
  • Elbur                                  1263–1264
  • Reginarus (Reginar)             1265
  • Rudolf                                1270–1274
  • Johannes II.                        1275–1290
  • Hermann I.                         1293
  • Nikolaus I. Witte                 1294–1295
  • Heinrich I.                          1297–1303
  • Jakob Stumpel                     1304–1306
  • Heinrich II.                         1306–1309
  • Robert                                1319
  • Johannes III. von Hagen um 1325
  • Arnold von Lübeck              1329
  • Gerhard I.                           1335
  • Heinrich III.                        1337
  • Gerhard II.                         1341
  • Martin                                1347–1367
  • Johannes IV. Rotermunt       1369
  • Johannes V.                        1369–1388
  • Johannes VI.                       1392–1415
  • Nikolaus II.                         1415–1434
  • Hartwich                            1436–1447
  • Everhard (Eberhard)            1448–1452
  • Sabellus Crugher (Krüger)    1455–1456 (abgesetzt)
  • Theoderich                         1458
  • Hermann II.                        1459–1470
  • Johannes VII.                     1470–1473
  • Nikolaus III.                       1473–1486
  • Gregor Groper                    1486–1490 (abgesetzt)
  • Lambert von Werle              1490–1499
  • Matthias                             1499–1510
  • Enwald Schinkel                  1510–1535
  • Quelle: Lutz Mohr,  1979.[20]
  • Prioren
  • Name Jahre
  • Sueno                                 1207–1215
  • Rudolph                              1266–1274
  • Hyldolphus                          1280
  • Gherardus                           1280
  • Heinrich                              1294–1297
  • Hermann                             1300–1309
  • Fredericus                           1319
  • Johannes                             1329
  • Heinrich                              1336–1337
  • Martin                                1341–1347
  • Dytbernus                           1347
  • Jacobus                              1357
  • Johannes                             1365–1369
  • Petrus                                 1382–1383
  • Wilhelmus                           1394
  • Johannes                             1443
  • Marquardus                         1452–1460
  • Ghert Krat                           1477
  • Michael Sasse                      1490–1494
  • Christian Schulteke               1516–1520
  • Michael Knabe                     1524–1547
  • Quelle: Lutz Mohr, 1979.[20]

Einzelnachweise

  1. ↑ Gerhard Hess: Die kulturgeographische Entwicklung der akademischen Dörfer Koitenhagen, Groß-Schönwalde, Klein-Schönwalde und Weitenhagen-Potthagen auf historisch-geographischer Grundlage, zugleich Dissertation, Univ. Greifswald, 1957, S. 21 f.
  2. ↑ Teodolius Witkowski: Die Ortsnamen des Kreises Greifswald, Weimar 1978, S. 53 f.
  3. ↑ Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Greifswald 1979, S. 13; Teodolius Witkowski: Die Ortsnamen des Kreises Greifswald, Weimar 1978, S. 52.
  4. ↑ Teodolius Witkowski: Die Ortsnamen des Kreises Greifswald, Weimar 1978, S. 52.
  5. ↑ Günter Mangelsdorf: Zur Ur- und Frühgeschichte des Greifswalder Gebietes, zu den Anfängen des Klosters Eldena und der Stadt Greifswald im 12./13. Jahrhundert, in: Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000, S. 26; Horst Wernicke: Greifswald - so wie es war, Droste 1995, S. 5.
  6. ↑ a b Norbert Buske: Hinweise auf die Kirchengeschichte Greifswalds von der Gründung der Stadt bis in die Zeit der beiden Weltkriege, in: Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000, S. 164.
  7. ↑ Norbert Buske: Hinweise auf die Kirchengeschichte Greifswalds von der Gründung der Stadt bis in die Zeit der beiden Weltkriege, in: Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000, S. 163; Günter Mangelsdorf: Zur Ur- und Frühgeschichte des Greifswalder Gebietes, zu den Anfängen des Klosters Eldena und der Stadt Greifswald im 12./13. Jahrhundert, in: Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000, S. 27.
  8. ↑ Detlef Kattinger: Die Stadtentwicklung vom Ende des 13. Jahrhunderts bis 1500, in: Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000, S. 51.
  9. ↑ Gerhard Hess: Die kulturgeographische Entwicklung der akademischen Dörfer Koitenhagen, Groß-Schönwalde, Klein-Schönwalde und Weitenhagen-Potthagen auf historisch-geographischer Grundlage, zugleich Dissertation, Univ. Greifswald, 1957, S. 37 f.
  10. ↑ Norbert Buske: Hinweise auf die Kirchengeschichte Greifswalds von der Gründung der Stadt bis in die Zeit der beiden Weltkriege, in: Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000, S. 176; Horst Wernicke: Greifswald - so wie es war, Droste 1995, S. 10; Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Greifswald 1979, S. 25 f.; Gerhard Hess: Die kulturgeographische Entwicklung der akademischen Dörfer Koitenhagen, Groß-Schönwalde, Klein-Schönwalde und Weitenhagen-Potthagen auf historisch-geographischer Grundlage, zugleich Dissertation, Univ. Greifswald, 1957, S. 38
  11. ↑ Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Greifswald 1979, S. 26; Theodor Pyl: Schinkel, Enwald. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 31, Duncker & Humblot, Leipzig 1890, S. 300.
  12. ↑ Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Greifswald 1979, S. 26; Barbara Rimpel: Stadtgestalt und Stadtbild Greifswalds vom Mittelalter bis 1780, in: Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000, S. 466 f.
  13. ↑ a b c Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Greifswald 1979, S. 27.
  14. ↑ Günter Mangelsdorf: Zur Ur- und Frühgeschichte des Greifswalder Gebietes, zu den Anfängen des Klosters Eldena und der Stadt Greifswald im 12./13. Jahrhundert, in: Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000, S. 24.
  15. ↑ Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Greifswald 1979, S. 28.
  16. ↑ Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Greifswald 1979, S. 28 f.
  17. ↑ August Becker: Pächter des Gutes in Eldena
  18. ↑ Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Greifswald 1979, S. 29. Zur Hinrichsschen Brauerei siehe Bernfried Lichtnau: Architektur in Greifswald von 1900 bis in die Gegenwart, in: Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000, S. 493 f.
  19. ↑ Gerd Baier; Horst Ende & Renate Krüger: Die Denkmale des Kreises Greifswald, Leipzig 1973, S. 145.
  20. ↑ a b Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart, 2. Aufl., Greifswald 1979, S. 84.

Literatur

Ältere Darstellungen

  • Julius Heinrich Biesner: Geschichte von Pommern und Rügen nebst angehängter Specialgeschichte des Klosters Eldena. Koch, Greifswald 1839, 552 Seiten, online.
  • Theodor Pyl: Geschichte des Cistertienserklosters Eldena im Zusammenhange mit der Stadt und Universität Greifswald. 1. und 2. Teil und Nachtrag in 2 Bd. Greifswald, Bindewald: 1880-1883.

Neuere Darstellungen

  • Horst Wernicke (Hrsg.): Greifswald. Geschichte der Stadt, Schwerin 2000. ISBN 3-931185-56-7
  • Darin:

    • Günter Mangelsdorf: Zur Ur- und Frühgeschichte des Greifswalder Gebietes, zu den Anfängen des Klosters Eldena und der Stadt Greifswald im 12./13. Jahrhundert, S. 24–26.
    • Norbert Buske: Hinweise auf die Kirchengeschichte Greifswalds von der Gründung der Stadt bis in die Zeit der beiden Weltkriege, S. 161–163.
  • Günter Mangelsdorf: Kloster Eldena bei Greifswald und der Beginn des deutsch-slawischen Landesausbaues in Vorpommern. In: Christian Lübke (Hrsg): Struktur und Wandel im Früh- und Hochmittelalter. Eine Bestandsaufnahme aktueller Forschungen zur Germania Slavica (=Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Bd. 5), Stuttgart 1998, S. 301-311.
  • Nicole Kiesewetter; Tobias Kunz & Felix Schönrock: Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Kloster Eldena. In: Oliver H. Schmidt; Heike Frenzel & Dieter Pötschke (Hrsg.): Spiritualität und Herrschaft (= Studien zur Geschichte, Kunst und Kultur der Zisterzienser, Bd. 5), Berlin, S. 206-222.
  • Lutz Mohr: Ein Streifzug und Wegweiser durch die Greifswalder Ortsteile Eldena und Friedrichshagen in Vergangenheit und Gegenwart. 2. Auflage, Greifswald 1979, S. 10–34.
  • Gerd Baier; Horst Ende & Renate Krüger: Die Denkmale des Kreises Greifswald, Leipzig 1973, S. 135-146.

 

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Bukowo (Polanów)

Bukowo (deutsch: bis Ende 1937 Wendisch Buckow, amtlich abgekürzt auch ‚Buckow, Wend.‘, seit 1938 Buckow (Pom.)) ist ein Dorf in Hinterpommern (heute: polnische Woiwodschaft Westpommern). Es liegt im Kreis Koszalin (Köslin) und gehört zur Landgemeinde Polanów (Pollnow). Im Polnischen wird der Ort auch als ‚Bukowo (Slawieńskie)‘ bezeichnet.

Geographische Lage

Bukowo ist das ehemalige pommersche Bauern- und Gutsdorf Buckow (Pom.) mit den Wohnplätzen Hanshagen (Domachowo) sowie Klein Ristow (Rzyszczewko) und den beiden - nicht mehr existenten - Orten Karlsruh und Neu Amerika (Puławy). Der Ort liegt 20 Kilometer südlich der Stadt Schlawe (Sławno) an einer Nebenstraße von Klein Soltiko (Sulechówko) über Latzig (Laski) nach Jatzingen (Jacinki). Bis nach Pollnow (Polanów) im Südosten sind es acht Kilometer. Seit die bis 1945 existierende Kleinbahn[1] Schlawe–Pollnow–Sydow (Żydowo) nicht mehr in Betrieb ist, hat Bukowo keinen Bahnanschluss mehr.

Das Dorf liegt in einer flachhügeligen Landschaft von Höhen bis zu 146 Metern über dem Meeresspiegel. Nachbargemeinden sind Alt Zowen (Sowno), Latzig (Laski), Bosens (Bożenice), Schwarzin (Świerczyna) und Natzlaff (Nacław). In der Region wird vorwiegend Landwirtschaft und Viehhaltung betrieben.

Ortsname

Eine ursprüngliche (wendische) Bezeichnung des Ortsnamens lautet Bucowe. Der Name Buckow bzw. Bukowo kommt in Brandenburg und Pommern bzw. in Polen sehr häufig vor. „Buk“ heißt im Slawischen „Buche“, sodass der Ortsname ins deutsche übersetzt „Buchenort“ lauten könnte. Im Landkreis Schlawe i. Pom. gab es zwei Orte, in deren Namen das Wort „Buckow“ enthalten war: „Wendisch Buckow“ und „See Buckow“ (heute: Bukowo Morskie). Letzterer Ort, etwa 30 Kilometer Luftlinie nordwestlich gelegen, nannte sich von altersher mit dem Zusatz. Im Zuge der nationalsozialistischen Germanisierung von Ortsnamen wurde Wendisch Buckow zum 27. Dezember 1937 in „Buckow (Pom.)“ umbenannt. Den heutigen Namen „Bukowo“ erhielt das Dorf nach 1945 mit der Übernahme durch die polnische Verwaltung.

Geschichte

Bereits in der Stein- und Bronzezeit ist die Gegend um Buckow besiedelt. Seit Anfang des 16. Jahrhunderts sind die Besitzer bekannt. Bis 1556 war das Dorf im Besitz des Prämonstratenserklosters in Stolp, danach ging es als Lehen an die dortige Ratsfamilie Schwawe, die 1590 von Felix von Podewils abgelöst wurde. Von 1600 bis 1684 war Buckow im Besitz des pommerschen Herzoghauses. Um 1717 wird die Familie von Bandemer und um 1821 wieder die Familie von Podewils erwähnt.

In Buckow lebten 1818 insgesamt 126 Einwohner. Die Einwohnerzahl betrug 1910 zusammen mit dem rechtlich noch selbständigen Gutsbezirk 274, und im Jahre 1939 wurden 540 Menschen gezählt. Sie lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft, gab es im Ort doch nur wenig Handwerksbetriebe, eine Imkerei, zwei Schneidereien, zwei Schuhmachereien, ein Maurergewerbe und eine Schmiede. Eine Wasserleitung gab es seit 1908 und elektrisches Licht ab 1912.

In den ersten Märztagen des Jahres 1945 besetzten sowjetische Truppen das Dorf. Ein Fluchtversuch der Bewohner musste aufgegeben werden. Eine große Zahl der Menschen wurde zu Fuß in tagelangen Märschen bis nach Konitz (polnisch: Chojnice) getrieben, wo sie zum Teil nach Mittelrussland, zum größeren Teil aber hinter den Ural verbracht wurden. Nur wenige Frauen durften zurückkehren. Am 2. März 1945 sprengte man die Haltestelle der Kleinbahn am Nordende des Dorfes, deren Anlage ab April 1945 von der Bevölkerung für die Sowjetunion demontiert werden musste.

Als Folge des Zweiten Weltkriegs kam Buckow 1945 unter polnische Verwaltung. Ab 1946 begann die Vertreibung der deutschen Einheimischen. Als letzter deutscher Gemeindebürgermeister war bis 1945 Friedrich Koglin im Amt.

Verwaltungspolitische Zuordnung bis 1945

Zum 1. Januar 1818 wurde Buckow dem neu gebildeten Kreis Schlawe im pommerschen Regierungsbezirk Cöslin (später Köslin) zugeordnet. Mit der Einführung von Amtsbezirken zum 1. Januar 1874 wurde der Amtsbezirk Wendisch-Buckow zusammen mit der Gemeinde Jatzingen (heute Jacinki) und den Gutsbezirken Hanshagen (Domachowo), Klein Ristow (Rzyszczewko), Schwarzin (Świerczyna) und Wendisch Buckow gebildet.

Standesamt

Das Standesamt in Buckow war bis 1945 für die Gemeinden Buckow und Schwarzin (Świerczyna) zuständig. Die meisten standesamtlichen Unterlagen befinden sich heute im Staatsarchiv in Koszalin (Köslin), einige auch im Standesamt Polanów (Pollnow).

Religion

Das Dorf Buckow, dessen Bewohner fast ausnahmslos evangelischer Konfession waren, gehörte bis 1945 zur Kirchengemeinde Kummerow (heute polnisch: Komorowo). Diese war ihrerseits Filialgemeinde im Kirchspiel Krangen (Krąg), in das auch die Dörfer Bosens (Bożenice), Bussin (Buszyno), Drenzig (Drzeńzko), Latzig (Laski) und Zirchow (Sierakowo Sławieńskie) eingepfarrt waren. Das im Jahre 1939 insgesamt 2770 Gemeindeglieder zählende Kirchspiel war in den Kirchenkreis Schlawe der Kirchenprovinz Pommern der Kirche der Altpreußischen Union integriert. Letzter deutscher Geistlicher war Pfarrer Wilhelm Vedder.

Die ehemaligen Kirchenbuchunterlagen des gesamten Kirchspiels wurden durch Kriegseinwirkung vernichtet.

Heute sind die Einwohner von Bukowo überwiegend katholischer Konfession. Bukowo ist eine eigene Parochie mit Filialkirchen in Komorowo (Kummerow) und Sowno (Alt Zowen) im Dekanat Polanów im Bistum Köslin-Kolberg der Katholischen Kirche in Polen. Die evangelischen Familie betreut das Pfarramt in Koszalin (Köslin) in der Diözese Pommern-Großpolen der polnischen Evangelisch-Augsburgischen Kirche.

Schule

Die alte Schule lag an der Straße nach Bosens (Bożenice). In einem nicht mehr bekannten Jahr wurde ein Neubau errichtet, der später einen Anbau erhielt. Auch die Kinder von Hanshagen (Domachowo) und Klein Ristow (Rzyszczewko) wurden hier unterrichtet. Die letzten deutschen Lehrkräfte waren Otto Mademann und Erna Dux.

Literatur

  • Ruth Hoevel: Das Kirchspiel Krangen Kr. Schlawe in Pommern. Münster 1981.
  • Ruth Hoevel: Buckow (Pom.). In: Manfred Vollack (Hrsg.): Der Kreis Schlawe - Ein pommersches Heimatbuch. Band 2, Die Städte und Landgemeinden. Husum 1989, ISBN 3-88042-337-7, S. 856–859.
  • Gerhard Lange: Der Kirchenbau im Lande Schlawe. In: Manfred Vollack (Hrsg.): Der Kreis Schlawe - Ein pommersches Heimatbuch. Band 1, Der Kreis als Ganzes. Husum 1986, ISBN 3-88042-239-7, S. 300–304.

Fußnoten

  1. ↑ Horst Meissner: Die Schlawer Kleinbahn.In: Manfred Vollack (Hrsg.): Der Kreis Schlawe. Band 1, Der Kreis als Ganzes. Husum 1986, ISBN 3-88042-239-7, S. 274–277.

 

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Amager

Amager [ˈɑmɑːˀ] ist eine 96 km² große Insel im Öresund. Über sie erstrecken sich ein Teil der Stadt Kopenhagen (Christianshavn, Vestamager, "Sundbyerne" - Sundbyøster und Sundbyvester) sowie die beiden Kommunen Tårnby mit dem Flughafen Kastrup und Dragør. Der trennende Kanal zur eigentlichen Stadt Kopenhagen ist der Inderhavn, über den die bekannten Brücken Knippelsbro und Langebro führen. Auf Amager leben 174.179 Menschen (1. Januar 2011)[1].

Die Insel wurde im Zweiten Weltkrieg durch größere Eindämmungsarbeiten im Westen der Insel wesentlich vergrößert. Das so gewonnene Land (Amagerfælled) wurde zunächst militärisch genutzt, heute ist es vor allem ein Naturschutz- und Naherholungsgebiet der Kopenhagener.

Seit etwa 2000 entstand mit Ørestad ein neuer Stadtteil. Hier wurde 2009 das nach Plänen des französischen Architekten Jean Nouvel gebaute neue Konzerthaus Kopenhagen (DR Koncerthuset) eröffnet. Seit 2000 führt auch die Öresundverbindung von Amager nach Malmö in Schweden. Somit besitzt die Insel eine zentrale Bedeutung für den internationalen Verkehr.

Größere Teile einer ursprünglich industriell-gewerblich dominierten Nutzung sind inzwischen Wohnsiedlungen gewichen. Ab 2007 wurde Amager durch die Fertigstellung der Metrolinien nach Vestamager und zum Flughafen sowie die der Insel am Øresund vorgelagerten künstlichen Aufschüttungen des Amager Strandparks als Naherholungsgebiet und als Wohngebiet aufgewertet. Ab 2010 soll südlich des Amager Strandparks ein modernes neues Aquarium (Den Blå Planet) entstehen.

Wortherkunft

Der erste Teil des Namens stammt wahrscheinlich von ame, einer Bezeichnung für eine Meerenge zwischen Festland und Insel.

Der zweite Namensbestandteil kommt aus dem Altdänischen haki (hage), vergl. Haken. So heißt die Südspitze Aflandshage („Amagerlands-Haken“).

Amager oder amar ist in der dänischen Umgangssprache eine Interjektion, die eine Art Schwur ausdrückt: „Kannst du schwören, dass du das nicht warst?“ - „Amager!“ (Wirklich! Ernsthaft!) - verbunden mit der Geste einer ausgestreckten Hand, die den Kehlkopf streift. Das ist darauf zurückzuführen, dass früher auf Amager eine Hinrichtungsstätte war, wo die zum Tode Verurteilten geköpft wurden.

Einzelnachweise

  • ↑ a b Statistikbanken -> Befolkning og valg -> BEF4: Folketal pr. 1. januar fordelt på øer (dänisch)

 

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